Hlnterhaltungsblatl des vorwärts Nr. 146. Freitag, den 28. Juli. 1899 (Nachdruck vrrdotm.) Es lebe die Nunfl! SO) Roman von C. V i e b i g. »Das verliert sich in der Ehe scfort," hatte Frau Kiste- macher zu dem Bräutigam gesagt,»ich war gerade so: das macht die Verliebtheit!" Kistemachers erwiesen sich sehr treu; sie fühlten sich Elisabeth nun noch eine Stufe näher gerückt— ein Geschäfts- mann, noch dazu aus kleinen Verhältnissen wie sie auch, das paßte.„Sie haben das Rechte gethanl" sagte Kistemacher. .Eine solide Basis, liebe Freundin, dann blüht das Geschäft I" Er bot Ebel das„Du" an. Frau Kistemacher besorgte für Elisabeth alles; die Aus- stcuer an Wäsche, die ganze Wohnungseinrichtung. Tagelang lief sie umher, gehetzt wie ein Jagdhund mit langhängender Zunge, stürzte alle Äugenblicke zu Elisabeth hinauf, zeigte ihr Proben, dieses, jenes, kam mit Katalogen, mit Porzellan, mit Emaillegeschirr: füllte die kleine, stille Stube mit ihrem Ge- schwätz, lachte, stöhnte, je nach Bedürfnis, und stellte die Koch- töpfe auf den Schreibtisch. Elisabeth konnte nicht arbeiten; abends lag sie schlaflos im Bett und machte sich Vorwürfe darüber. Eine Reihe von Entwürfen, eine Kette von Ideen, die sie vorher gehabt, standen um ihr Bett— ungeborene Kinder, die nach Leben schrieen. Sie versuchte zu schreiben, sie quälte sich; es gelang nicht. Aufgeregt warf sie die Feder hin, und dann beruhigte sie sich selber: bald war ja die Hochzeit, und da- nach würde sie wieder arbeiten— ja, arbeiten! Sie be- schleunigte die Hochzeit, und sehnte sie mit Ungeduld herbei. Frau Kistemacher blinzelte dem Bräutigam zu. Hatte sie .nicht Recht gehabt? Eine sehr verliebte Braut! Ebel war kein anspruchsvoller Bräutigam, tagsüber war er auf der Bank, nur abends wollte er gern bei seiner Braut sein. Er führte sie auch ins Theater, und da fiel es ihr auf, welch natürliches und gesundes Urteil er hatte; sie freute sich darüber, es war ihr eine Genugthuung, und doch— dort trafen sie andere, die verdarben ihr das Ver- gnügen. Elisabeth war bekannter gewesen, als sie selbst es geahnt; man glotzte sie an, sie, die aufkommende Berühmt- heit, am Arm des simplen Menschen, des Bankbuch- Halters! Sie merkte die Verwunderung an jedem Blick, an jedem Gruß. Eines Tages erhielt sie die erste schlechte Recension; Maier schickte sie ihr, ebenso, wie er ihr die guten gesandt hatte. Er schrieb freundlich an den Rand:„Man nmß auch solche Käuze hören. Lachen Sie!" Es war das erste scharf Tadelnde, was sie über sich las— da stand von„maßloser Ueberschätzung",„Geschöpf der Clique", und so weiter. Sie war außer sich. Frau Kistcmacher, die gerade in höchst wichtiger Mission, mit den ersten Mustern der Bettwäsche, kam, wurde beiseite geschoben.„Sehr schön, sehr schön, bitte nachher, nachHerl" sagte Elisabeth und lief zu Marie Ritter; die war nicht zu Hause. Dann ging sie zu Heider; seit dem Weihnachtsabend war sie nicht mehr hier hinaufgestiegen. Auf den Treppen wieder Kindcrgequarr, hinter allen Thören Poltern, Töpfe- klappern und Gesänge. Selbst die Ziehharmonika piepte wieder. Alles wie damals— nur der Weihnachtsgeruch fehlte, dieser süße Duft; und in ihrem Herzen fehlte auch etwas. Das pochte wohl ebenso rasch wie damals, vielleicht noch rascher, aber nicht in ahnungsvoller Erwartung, nicht in unbestimmter Sehnsucht. Kein bräutliches Gefühl war in ihr— sie dachte nur an ihre Recension. Stürmisch nahm sie Stufe um Stufe. Sie riß an der Klingel und siel Heider fast in die Arme; sie hielt ihm die Kritik vor die Augen. Er sah sie verwundert an.„Und darüber erregen Sie sich so? Pfeifen Sie darauf! Diese Kritik hat ein Ihnen persönlich Uebelwollender geschrieben, darauf will ich wetten I Hahaha I" Er konnte lachen?! „Uebrigens ist bei aller Bosheit ein Körnchen Wahr- heit darin. Die Clique ist mächtig, auch bei Ihnen ist sie's gewesen l" „Bei mir?" Sie mußte laut lachen, das war denn dcch zu abgeschmackt. Wie konnte er das sagen?! Sie wurde böse. „Lache doch!" hatte auch ihr Bräutigam gesagt, als er spät am Abend zu ihr kam; er hatte viel zu arbeiten gehabt, hungrig und müde saß er nun in der Sosa-Ecke. Mile brachte das Abendessen herein; gleich würde Frau Kistemacher kommen, die sich als Anstandsdame opferte. Elisabeth schob die Schüssel zurück.„Hier, lies erst!" Er las.„Lache doch!" sagte er und lachte selbst dabei. „Wenn sie Dich angreifen, mußt Du etivas wert sein. Un- bedeutende greift man nicht so an." Sie beruhigte sich und lehnte den Kops an seine Schulter. „Elisabeth, nieine Elisabeth," flüsterte er,„bald meine geliebte Frau!" Zärtlich streichelte er ihre Wangen. Sie versanken beide in Träumereien; das Essen aus dem Tisch dampfte nicht mehr, es war schon kalt geworden. Plötzlich richtete sie sich auf.„Ich werde arbeiten," sagte sie hart, ich werde ihnen zeigen, wer ich bin!" Eine gereizte Entschlossenheit klang aus ihrem Ton. ihre Augen fuhren un- ruhig umher.„Bald sind wir verheiratet, und dann"— sie hatte ihn zerstreut angesehen, ihre Blicke schienen sich einzu- bohren—„dann kann ich arbeiten!" Nun hatten sie schon ein Kind. Der Knabe schlief fest, als die Eltern an sein Bcttchen traten. Wie hübsch war er! Sein blondes Köpfchen lag in die Kissen eingewühlt, und zwei geballte Fäustchen zeigten sich oben auf der Steppdecke. Ebel zog seine Frau näher heran.„Sieh mal. was er sich für rote Bäckchen geschlafen hat! So prächtig gesund sieht er au?- Er kniete hin und küßte die kleinen Fäuste. Um Eltfabeths Mund irrte ein flüchtiges Lächeln, sie stand in Gedanken, das Gesicht geradeaus gerichtet. Sie war nicht mehr in dieser kleinen Stube, in der Windeln am Ofen trock- neten und der ruhige Atem des schlafenden Kindes einzig zu hören war— sie war weit weg. Sie sah die wechselnden Bilder auf der Bühne und hörte den Beifall des Publikums. Sic sah sich selbst an der Rampe erscheinen, sich verneigen— sie sah nicht den Zuschauerraum, der sich endlos im Schein strahlenden Lichtes dehnte, in dem immer neue Köpfe auftauchten, immer neue Gestalten— Reihen, endlose Reihen— --- das war die ganze Welt! Alle Menschen drängten herzu, sie lauschten ihren Worten, und ihre Worte zündeten ein Feuer an, das da brannte wie Osterfeuer auf den Bergen. Die Herzen brannten, Tausende von Augen blickten zu ihr auf, Hände reckten sich ihr entgegen--- Sie schrack zusammen. Ebel hatte ihre Hand gefaßt.„Laß doch, Wilhelm!" „Pst I" Er wies auf das schlafende Kind, das zu träumen schien; es bewegte die kleinen Lippen und lächelte. Sie sah es an mit krauser Stirn. Da lag es so unschuldig, und es hatte ihr doch so viele Schmerzen gemacht, sie gehindert, gehemmt; ihre Schwungkraft gelähmt vor seiner Geburt— und n a ch seiner Geburt--? Bereitete es ihr von seinem ersten Schrei an nicht jeden Tag neue Sorgen? Der kleine Körper wollte gepflegt sein, der kleine Geist auch schon. Es war ihre Pflicht, sich dem zu unterziehen, sie war moralisch dazu gezwungen. Und doch war noch anderes da, was sie mächtiger zwang, gebieterischer, was sie zum Schreibtisch riß, ihr befahl, wie ein Herr seinem Leibeignen, ihr die Feder in die Hand preßte:„Schreib!" Gewiß liebte sie ihr Kind. Sie drückte es oft an sich in stürmischer Zärtlichkeit und küßte sein flaumiges Köpfchen, legte seine Händchen an ihre Wangen, an ihre Stirn, streichelte seine nackten Beinchen, seinen sammetweichen kleinen Nacken— wer konnte sagen, daß sie ihr Kind nicht liebte? l Es schnitt ihr durchs Herz, wenn sie es rufen hörte; es war an die Thür gekrochen,— lieber Gott, auf allen vieren!—„Mam! Main!" Und nun hatte es sich gestoßen— sich weh gethan! Es weinte. Und sie preßte die Hände an die Ohren, und starrte auf das Papier— oh, das Weinen drang doch bis zu ihr.—„Mam! Mam!" Nein, nichts hören! Immer fester die Ohren zugehalten, nicht gehört, nicht gesehen, nicht aufgesprungen, gar nicht gemuckt I--- Sie sah auf ihren Mann nieder.„Laß das Kind schlafen", faflte sie herb,„sonst haben wir keine Ruh. Mile ist schon zu Bett, ich kann nicht mehr von ihr verlangen, als sie thut; sie ist alt und schwach." „Wir werden noch ein Mädchen nehmen", sagte er und sah sie besorgt an.„Ich will mcht, daß Du Dich über- nimmst!" „Wirst Du das denn können?" Ein Zug qualvoller Un- ruhe irrte über ihr Gesicht.„Du hast schon so viele Ausgaben!" Sie sehte sich Plötzlich schwer auf den nächsten Stuhl und ließ die Hände in den Schoß fallen. Sofort erhob er sich von den Knieen und trat vor sie hin. ihren Kopf an sich ziehend.„Ach solche Sorgen!" Er bemühte sich, seinen Worten einen scherzhaften Anstrich zu geben.„Ich brauche doch nicht in ein paar Jahren gleich ein Krösus zu werden? Das kommt schon nach und nach von selbst. Ich werde schon noch ein Mädchen bezahlen können?" Und ernster fügte er hinzu:„Vor der Hand ver- brauchell wir eben noch, was wir verdienen." „Was Du verdienst!" Und dann murmelte sie:„Ich wollte Dir helfen, ich müßte Dir helfen!" Er schien das nicht zu hören und streichelte unablässig ihr blondes Haar.„Es ist eigentlich unverantwortlich von mir, daß ich Dir nicht längst ein zweites Mädchen gehalten habe— ich mache mir Vorwürfe!" „Du?!" Sie sagte es in einem ganz eigentümlichen Ton, hob rasch den Kops und sprang auf, eine qualvolle Unruhe schien sie zu peinigen, mit großen Schritten ging sie voi�ihm hin und her.„Was bin ich?!" Sie erhob leiden- schaftlich die Stimme, ohne Rücksicht auf das schlafende Sind. „Was leiste ich? Nichts! Gar nichts!" Die Hände an die Schläfen legend, starrte sie zu Boden.„Ich wäre so stolz, auch etwas zu geben; ich habe Dir nichts in die Ehe gebracht als die lumpige Aussteuer, mein kleines Erbteil ging dabei zur Hälfte drauf. Du arbeitest. Du Plagst Dich— oh, ich weiß es wohl!"— sie hob dcnZ Kopf und sah ihn an mit brennenden Augen—„Du revidierst Bücher, Du suchst allerlei Nebenverdienst. Denkst Du. ich sehe nicht, wie müde Du oft bist? Und ich"— eine heftige Gereiztheit gegen sich selbst brach sich Bahn, sie sprach ohne jede Logik—„ich faulenze k Ich quäle mich, aber ich schaffe nichts, ich kann nichts mehr, es war ein Zufall, der mir den ersten Erfolg in den Schoß warf! Ich habe kein Talent. Ich sitze am Schreibtisch, ich enipfinde und kann's doch nicht in Worte kleiden, ich sehe und kann's doch nicht beschreiben. Alles ekelt mich an, mein eigenes Schreiben: es genügt mir nicht, es ist erbärmlich? Ich verzweifle!" Sie brach mit einem Seufzer ab, der wie ein Stöhnen klang. Mit schlaff herunterhängenden Armen stand sie da und tief- gesenktem Kopf.„Ich versprach mir Erfolg>" murmelte sie, „mir. Dir! Ich habe gelogen!" Er hatte ihren leidenschaftlichen Erguß nicht unterbrochen. � sondern sie ruhig ausreden lassen. Seine Stirn war zusammengezogen, seine Augen sahen traurig darein, aber er unter- drückte den schmerzlichen Klang in seiner Stimme.„Elisabeth, Du bist so ungerecht gegen Dich I Du"— er zog sie in die Arme—„Du giebst so unendlich viel, viel mehr als Du selbst es weißt!" Er küßte sie zärtlich.„Meine liebe Frau!" Sie ließ sich seine Küsse gefallen, aber erwiderte sie nicht. Plötzlich riß sie sich los, faßte ihn nnt beiden Händen vorn am Rock unb sah ihn starr ins Gesicht. Ganz nahe funkelten ihre Augen den seinen.„Kann die etwas?" stieß sie hervor. „Sago mir! War der Erfolg gerecht? Kann sie mehr als ich? Du, lüge nicht I" Sie rüttelte ihn. „Eifersuchtig, Elisabeth?" Er blickte sie ernst an.„Das solltest Du nicht sein. Du hast es nicht nötig!" „Oh l" Von einem plötzlichen Impuls getrieben, warf sie sich ihm an die Brust— das Kind wachte auf mit einem hellen Schrei, die Eltern beachteten es nicht. Elisabeth schluchzte, dazwischen lachte sie. „Es ist lächerlich— hahaha— oh, ich' weiß es, es ist schlecht von mir! Ich werde schlecht! Wilhelm"— sie klammerte sich mit beiden Armen an ihren Mann—„das waren Höllenqualen! So dazusitzen, das zu hören, zu wissen: Du kannst das besser machen— und doch— doch— ja, ich bin eifersüchtig!" Sie zitterte am ganzen Leib.„Ich schäme mich, ich kann nicht dafür, ich beneide sie alle, alle haben Glück, ob verdient oder unverdient— nur ich nicht!" lFortsetzung folgt.) �-•(Nachdruck vervottn.) Ernkezett. Voir Hans O st w a l d. „Himmel—!" schimpft Herr v. Zartzig. Er hat seine Beine nicht hoch genug heben könne» und ist in den Wagen hineingefallen. Mit rotem Kopf rappelt er sich auf:„Nu aber zu, Jochen, daß Du die andern noch einholst." Der Knecht peitscht auf die Pferde los— mit jähem Ruck rennen sie durch die Dorfftraße vorwärts. Aus dem Dunkel unter den großen Kastanienbänmen klingt es noch einmal:„Na— gute Nacht auch!" Damr hören die beiden, die aus dem Fenster des Herrenhauses lehnen, nur das Pferdegetrappel, das flch nach und nach entfernt. Kein Laut mischt sich hinein. Trotzdem der Staub der Landstraße die Tritte der Pferdehufe dämpft, hören sie eS noch lange; regelmäßig stampfen die Tiere— vorwärts— nach Hause. ' Die beiden lehnen so lange im Fenster und starren in da? Dämmern der mondlosen Sommernacht, bis von hinten, von den Stallgebäuden das Brüllen unruhiger Rinder und das Gewieher schlafloser Pferde ertönt. „Na— das Vieh hat heute wieder gar keinen Schlaf I" sagte Herr von Wendt und tritt zurück in das Zimmer. Der Kronleuchter und die Lampen auf de» Tischen brennen noch. Die Kerze auf dem Rauchlisch, der an den großen Spieltisch geschoben ist, flackert trüb in dcni dichten Qualm, der in dem Zimmer liegt. Herr von Wendt tritt rasch auf den Rauchtisch zu und drückt mit seinen Finger» die Flamme aus. Auch den Kronleuchter und eine der beiden Lampen löscht er. Seine schlanke Gestalt, die nock die straffe Haltung des Kavallerie- Offiziers hat, bewegt{ich mit großer Sicherheit. Auch in seinem glatten Gesicht, däs von inrzgeschorenen, blonden Haaren gekrönt wird, zeigt sich jenes herrische Selbstbewußtsein. Seine Augen blicken offen, das Kinn ist hart, nur die etwas vorfallende Unterlippe giebt dem Ausdruck etwas Weiches. Seine Frau hat ihni stillschweigend von, Fenster aus zugesehen. In ihr hübsches, volles Gesicht, das ebenso>vie ihre Gestalt voll sinnlicher Wärme ist, tritt bei seiner Thätigkeit ein gelinder. spöttischer Zug.„Gott, wie sparsam wir sein müssen!" sagt sie leise. „Aber Lüddi! Warum soll den» auch noch länger das alles brennen? Es wäre doch ganz zwecklos." Er prüft die aus dem Tisch, der Kredenz und dem Buffett stehenden Weinflaschen und stellt alle, die noch Reste enthalten, unten ins Büssett. Sie lächelt wieder so spöttisch, doch müder. Als er fertig ist, sagt er:„Wie unruhig heute das Vieh ist?.. Hörst Du. als ob nicht ein Stück schläft.... Es ist aber auch zu warm. Man hat ja selbst keine Lust zum Schlafen.... Und dabei ist man so matt und schlaff..." „Nicht wahr?" Sie setzt sich zu ihm auf den mit schlvarzein Leder bezogeneu Divau.„Ach, es müßte doch zu schön sein, jetzt in dieser Jahreszeit oben im Norden zu sein— in den Bergen mit dem Eis— und die Eisinseln— und die Mitternachtssonne—" • Ihre Schwärmerei steckt ihn an. Er streicht ihr über das Haar, sagt aber gleich darauf:„Ach, daran können wir ja noch gar nicht denken I Das können sich wohl Zartzigs leisten... die haben auch 'ne große Molkerei und— ja. dagegen bin ich doch nur ein Kossäth. Du weißt ja. daß unser Gut ganz riesig verschuldet war. als ich es vom Vater übernahm. Und»»einem Schivager muß ich auch noch sein Teil auszahlen. Bargeld hätten wir doch gar nicht—" „Ja, ich weiß schon: weil ich nichts mitgebracht habe—" unterbricht sie ihn verletzt. „Lüddi I" sagt er ernst und eindringlich.„Ich habe Dir nie einen Vorwurf daraus gemacht, daß Dein Vater so wirtschaftete. Wir hatte» uns doch vorgenommen, zusammen zu arbeiten und vorwärts zu streben."— Er' spricht zärtlich:„Sieh mal, wir wollen doch nun auch so weiter streben... Wenn wir erst was hinter uns haben, können wir ja genug genießen und nachholen. So hast Du selbst immer gesagt." „Ach, dabei Ivird man alt und grau!" meint sie nnlvillig. „Aber— Du— es geht Dir doch immer noch ganz gut!" Er versucht zu scherzen:„Du siehst noch gar nicht alt und grau aus... Und wir fahren doch auch jede» Winter ein paar Woche» nach Berlin und— hui— Du, meinst Du ivirklich, eS ginge Dir schlechter, wie unseren Taglöhnerfrauen?" Er pufft sie neckend auf den vollen Ann:„Bist schon ganz abgemagert vor Sorgen und Hunger." Sie schluchzt plötzlich laut auf:„Nuu hast Du mich auch noch zum besten!" Er will sie an sich ziehen. Sie aber stößt ihn von sich:„Ja. das habe ich davon, daß ich hier jahraus, jahrein Ivie eine Magd arbeite... Da werde ich noch ausgelacht... Zum Sterben lang» weilig ist's hier. Kaum, daß mal in der Woche einer zun. Besuch kommt, oder wir mal hinüberfahren zu Zartzigs oder Börue- witzens oder— ja, und was hört man überall? Wir reisen dahin und fahren zu dem Renneu, und zu dem Fest, und zu jener Ausstellung, und... ja,>vas nicht noch alles! Soll man den» immer zurückstehen?" „Aber— lvir müssen doch erst was hinter uns haben.. „Ach, das--- das Hab ich nun satt." „Wo soll ich den» das Geld herschaffen? Mehr als arbeiten kann ich doch nicht." Ihr erhitztes Gesicht, das wieder auflebt, zieht ihn an und macht seine feste, bestimmte Sprache unsicher. Er rückt ihr näher. Sie legte ihre» Arm um seinen Hals:„Ach, das meine ick> nicht... Aber— ich verstehe nicht, warum Du es nicht mit Deinen Arbeitern so machst, wie Zartzig und die andern? Bei Dir können sie schlafen, bis ihnen die Sonne in den Hals scheint." „Nein, Lüddi, Du mußt auch nicht übertreiben. Du wcis'.t genau, daß sie um vier heraus müssen... Und jetzt, in der Hitze, kann man auch nicht zu viel verlangen. Die Mittagsstunde müssen sie feiern. Du hast doch gehört, daß bei Zartzig schon über Mittag ein paar umgefallen sind." „Na,' das schadet doch Iveitcr nichts. Wenn die sich eine Stunde ausruhen, siud sie auch wieder frisch. Die Kerle halten doch was aus, Und Du hast selbst gesagt, das; Du, wenn Du alles acht Tage früher hereinbekommst, an fünfhundert Mark mehr herausschlägst, gerade in diesen: Jahr, wo alles so knapp geivorden ist." „Ja. ja—" „Na," sie zieht seinen Kopf auf ihre Schulter und lächelt mit glänzenden Augen:„O, dafür könnten wir doch schon mal nach Norwegen.. Seine Unterlippe'zittert, seine Augen roten sich. Abwehrend fragt er:„Und wer besichtigt die"Kartoffelerute— und die Nüben—" „Dafür ist doch Schmnann da." Sie küßt ihn rasch, damit er nicht mehr Einwände machen kann. Dann sagt sie:„Nun geh, wecke die Leute. Ich möchte schlafen gehen." Er steht widerstrebend auf und sieht nach der Uhr:,, Es ist noch eine halbe Stunde zu früh.—" Sie sieht ihn aufmunternd an. Er geht rasch hinaus und stellt die Uhr, die über der Hausthiir hängt, eine Stunde vor. Dann geht er über den Hof und stößt mit den Füßen gegen die Thür des niedrigen Arbeiterhauses:„Donnerwetter! Wie lange wollt Ihr denn schlafen? l Es ist schon'ne halbe Stunde über die Zeit! Zur Strafe arbeitet Ihr mittags durch.... Ich werd' Euch gleich!— Eine Stunde Mittag und dann morg'cns i» den Federn bleiben, bis die Sonne Euch in' den Bauch scheint Während seines Polterus sind drin die Leute wach geworden. Einige springen gleich ängstlich auf und fast alle murmeln voll Achtung:„Dnnnerliel! Uns Herr is awerst früh upp'm Posten 1" Er geht, als er sie aufstehen hört, zurück. Im Schlafzimmer ist eS still. Seine Frau hat sich schon niedergelegt. Er schließt die Fensterladen vor dem blassen Schimmer, deil die Morgcndäntmennig durch das nächtliche Dunkel zieht... Sie sitzen beim ersten Frühstück im Speisezimmer. Die grelle Mittagssonne, die ihren Schein ans die Kastnineubäinne prallen läßt, strahlt grünlichen Widerschein herein, der die vlasscn Gesichter noch nbernächtigtcr macht. Bon rückwärts, vom Hof, dringt plötzlich verworrenes Geschrei durch die geöffneten Thören. Herr v. Mendt Ivill auffpringen: doch da kommt schon der starkknochige Inspektor Schmnann näher und keucht:„Herr von Weudt— zwei sind— während des Mittags— umgefallen." Herr v. Mendt springt auf und sieht die hinter dem Inspektor herandrängenden Arbeiter drohend an:„Wer?" fragt er halb er- schreckt, halb scharf abweisend. „Der Batke und der kleine Radomski. Zwei gute Schnitter, die wir nicht entbehren könnten." „Und denn bmnmcln die andern hier so herum?" fragt Herr v Weudt mit grellen: Kon:inaudotou. „Ja, vielleicht— kann noch der Arzt helfen", stottert der In- spcktor verlegen.„Sic scheinen zwar tot zu sein—" „Na ja, dann fix einer nach der Stadt. Die andern aber—" Er wies mit der Hand nach den Feldern. „ES siud Katholiken!" sagte der Inspektor leise;„zwei möchten gern Totenwache halten— das ist wohl so Brauch?" „Nein, das ist nicht nötig. Das übernehme ich!" meldete sich die junge Frau. Herr von Wendt jagte die Arbeiter an ihre Arbeit. Als er zurückkam, hatte sich seine Frau schon schwarz gekleidet. „Mit der Nordlandsreise ist es nun nichts!" meinte sie. Er ging, mit den Händen an: Kopf, schiveigeud im Zimmer auf und ab. Als sie sein verstörtes Gesicht sah, lachte sie auf:„Du brauchst Dir dann:: keine Gedanken zu machen. Ich habe ja nun doch meine Abwechslung." _„Ach— eS ist nur— zwei Menschen tot—" antwortete er nnt heiserer Stimme und ging weiter hin und her. „Ja. ja"— ihr Gesicht wurde nachdenklich und mitleidig— »Ja, es ist auch wirklich schrecklich."— Kleines Feuilleton. — H in künstlicher Kehlkopf. Seitdem Professor Billroth im Jahre 1873 zum erstenmal die totale Kehlkopfexstirpation, die Heraus- »ahme des ganzen menschliche» Kehlkopfes, mit Erfolg ausgeführt hat, ist durch diese Operation bereits sehr viele:: an Kehlkopfkrebs Leidenden das Leben gerettet worden. Leider aber geht mit der Herausnahme des Kehlkopfes auch die menschliche Stimme verloren. und alle Versuche, durch Einsetzung eines künstliche» Kehlkopfes aus Kautschuk oder ähnlichem Material an die Stelle des herailsgenommenei: die Stimme wieder herzustellen, sind bisher so gut wie erfolglos geblieben. Ganz neue Aussichten auf diesen: Gebiete eröffnet nun ein vor kurzen: von dein Breslauer Chirurgen Professor Mikulicz ausgeführter Versuch. Bekanntlich bildet sich beim gesunden Menschen, indem die ausgeatmete Luft die Stimmbänder des Kehlkopfes in Schwingungen versetzt, die Stimme. Diese Stimme aber wird erst artikuliert,'wird erst zur Sprache dadurch, daß aus ihr durch die verschiedene Stellung des Gaumens, der Zähne, der Lippen usw. die verschiedenen Laute gebildet werden. Es entsteht also beim natürlichen Sprechen zuerst die unartikulierte Stimme, dann aus dieser ans dem Wege durch den Mund die arti- kulierte Sprache. Bei den: von Professor Mikulicz durchgeführte» Versuche ist die Neiheufolge uingekehrt. Es handelte sich bei diesen: Versuche um«neu siebcuundvicrzigjährigei: Mann, der an Kehlkopf- krebs litt und den: zunächst vor einigen Monaten der ganze 5tehlkopf herausgenommen wurde. Hierdurch verlor er die Stimme derart, daß er sich nur noch ganz nahe bei ihn: Stehenden, die genau seine Mul:dbewegunge:: verfolgten, durch ganz leises Flüstern mühsan: ver- ständlich machen konnte. Profcffor Mikulicz hat nun, lnn diesen: Manne die Stimme wiederzugeben, eine Art Metallpfeife konstruiert. welche der Patient vermöge eines leicht zu handhabenden Mechanismus, wenn er sprechen will, selbst unmittelbar vor dem Munde befestigen kann. Beim Einatmen der Lust tönt diese Pfeife nicht, da dies durch ein Ventil verhindert wird. Die Luft tritt vielmehr frei in den Mund und wird von da mit Hilfe eines Schlauches und einer in die Luft- röhre eingefügten Kanüle in die Lunge:: geleitet. Bein: Ausatmen nimmt die Lust denselben Weg; in: Munde bilde» sich jetzt infolge der verschiedenen Stellung der Lippen, Zähne usw. die einzelnen Laute. die aber Flüstertöne bleiben würden, wenn sie nicht beim Verlassen des Mundes durch die nun in Thätigkeit tretenden Stimmbänder der Pfeife ebenso laut und vernehmbar gemacht würden, wie die natür- liche Sprache. Der Patient, an welchem Professor Mikulicz diesen erfolgreichen Versuch unternonnnen hat, ist. wie erwähnt, ein sicben- undvierzigjähriger Mann, der sich über die Wiedergabe seiner Stimme sehr erfreut zeigt. Er ist im stände, den Apparat selbst ab- zunehmen und wieder anzulegen. Hat er ihn abgelegt, so vermag er nur ganz leise Flüstertöne hervorzubringen; trägt er ihn dagegen, so kann er vollständig deutlich sprechen. Die Stimme des breit- schulterigen Mannes klingt allerdings fast so hell wie die eines drei- zehn- bis vierzehnjährigen Mädchens; doch läßt sich hierin durch Abstinnucn der Pfeife ans eine andere Tonlage auch eine Aeuderung herbeiführen.— Gesundheitspflege. — DiePflcge deS kindlichenGehörorganeS. Den Gehörorganen des Kindes sollten die Elten: eine besondere Fürsorge zuivenden, weil durch Vernachlässigung derselben leicht ernstere Stöningen entstehen können. So ist es notwendig, die Gehörgänge jeden Morgen vou der überschüssigen Menge des Fettes, des sogenannten Ohrenschmalzes, welches sich in den Gehörgäugen tagsüber augesammelt hat, zu befreien, sonst erhärtet das Ohrenschmalz leicht zu dicken Pfropfe», und es entstehen dann Ohrensausen und plötzlich eintretende Schwerhörigkeit, welche man sich oft nicht zu deuten weiß. Zur Rei- »iguug des OhreS darf aber kein Jnstruinent benutzt werden, weil das Hineinfahren mit starren Körpern gefährlich ist und man nicht weiß, wie weit man im Gchörgang vordringen darf, ohne da? Trommelfell zu verletzen. Auch Wasser soll nicht in die Gehörgänge hineingebracht werden, denn dasselbe erregt, namentlich wenn es mit Seife vermischt ist, leicht eine entzündliche Reizung der Auskleidung deS Gehörganges,. Die Reinigung der Gehörgänge darf nur mit einen: Tuch, welches man in Forn: einer Wicke zusammendreht, erfolgen. Aeltcren Kindern sollte man diese Prozedur selbst überlassen, weil das eigene Tastgefühl des Kindes die Ohren am besten vor SJer- lctzungen tieferer Partieen des Gehörganges schützt. Das Ohrenschmalz kann nun in zu großer oder zu geringer Menge abgesondert werden. In letzteren: Falle leiden die Kinder an einer großen Sprödigkeit der Haut des Gehörgauges und infolgedessen an einem lästigen Jucken in den Ohren. Um dasselbe zu stillen, greifen dam: solche Kinder zu allen möglichen Dingen, die ihnen in die Hände geraten, um sich i» die Ohren hineinzufahren und durch Kratzen oder Bohren die un- angenehme Empfindung zu mildern. Das ist aber ein gefährliches Manöver, und man soll es bei den Kindern nicht dulden. Mit Vor- liebe werden von den Kinden: Notizbleistifte, welche mit Köpfen ver- sehen sind, zun: Kratzen in den Ohren verwandt. Schon oft ist es vor- gekommen, daß sich der Kopf des Bleistiftes bei den Kratzbelvegungcn in: Gehörgange von dem Stifte losgelöst hat, als Fremdkörper im Gehörgange stecken geblieben und' hier schwere Entzündungen und Eiterungen veranlaßt' hat. Man mutz vielmehr suchen, den Zustand der Trockenheit, die Vcranlasserin der Juckungen zu behebe», und dies geschieht an: einfachste:: und sichersten dadurch, daß man den Gehörgang mit einen: Wattewickel oder einen: feinen Haarpinsel. welche' man in irgend eine indifferente Salbe eintaucht, auSpinsclt. Das soll zlvei- bis dreimal wöchentlich geschehen. Als Salbe benutzt man an: besten entweder Borvaselin oder Lanolin- Creme oder Goldcrenre. Sehr häufig kommt es vor, daß Kinder sich fremde Gegenstände ins Ohr stecken. Hier heißt es also zunächst kaltes Blut bewahren und nichts übereilen. Fremdkörper in: Ohre sind, da hierbei nur das äußere Ohr in Mitleidenschaft gezogen wird, in der Regel ungefährlich. Sie werden es aber," wenn mit allen möglichen Zangen, Schere::, Häkchen usw. daran herummanipuliert wird, dadurch Blutungen ent- stehen, der Fremdkörper immer weiter hereingetrieben und das Troinmelfell verletzt wird. Man hat es daher strenge zu meiden, den Fremdkörper mit irgend welchen Instrumenten entfernen zu wollen. Man versuche, ob nicht durch Schütteln des Kopfes der Fremdkörper von selbst herausfällt, allenfalls versuche man durch vorsichtiges Ausspritzen des Ohres den Gegenstand zu entfernen. Gelingt dies nicht, so suche man ärztliche Hilfe auf. Dies gilt zunächst, wenn es sich um massive Körper, wie Glasperlen, Schuhknöpfe, handelt. Sind dagegen quell- bare Gegenstände ins Ohr gelangt, wie Erbsen oder Getreidekörncr, so muß davor gewarnt werden, das Ohr naß ausznspritzew weil dadurch die Quellung vermehrt wird. Bekannt ist, daß durch körperliche Züchtignugen, durch die sogenannte Ohrfeige eine Ber- letzung der Gehörorgane und zivar eine Durchlöcherung des Trommel- fclles entstehen kann. Derartige Züchtigungen sollen also ganz unterlassen werden. Irrtümlicherweise wird übrigens angenommen, daß ein schwacher Schlag auf das Gehörorgan ungefährlich sei; es kann vielmehr auch bei einem ganz leichten Hieb gegen das Ohr, sobald der Gehörqang luftdicht verschloffen ist, ein Riß des Trommel- felles eintreten. ES kommt hier besonders die verschiedene Dicke des Tromnielfelles in Betracht. Verwerflich ist demnach selbst ein nur leichtes Zuschlagen der Ohren mit beiden Händen. Von Krankheiten, welche nachteilig auf das Gehörorgan wirken, kommen in erster Linie Rasenkatarrhc in Betracht. Diese wirken schädigend auf die Leitung vom Rasenrachenraum gegen das Mttelohr und das Trommelfell ein, und die Kinder werden dabei oft schwerhörig. Stets soll das Kind durch die Rase atmen. Abgesehen davon, daß es nur dann reine und im Winter warme Luft einatmet, neigt es auch weniger zn Erkältungen und Schwerhörigkeit. Die Kinder, die durch den Mund atmen, erhalten oft Auschivellungrn im Nasenrachenraum, die auf das Gehör einwirken.—(.Köln. Volksztg.') Aus dem Tierleben. — Käfer in Termitenbauten. Wie in den Nestern der Ameisen eine große Anzahl von gastierenden Käfern lebt, so verhält«S fich ähnlich in den Termitenbauten. Namentlich sind es Laufkäfer, die fich in dieser Weise an die Termiten angeschlossen haben. Nach den Angaben, die der.Prometheus' den Veröffent- lichungen Wasmanns in den.Verhandlungen der zoologisch- botam'schen Gesellschaft in Wien' entnimmt, find bisher die EpecieS Glz'xtus sculptilis(Sierra Leone. Goldküste) sowie Ortho- gouius Schauini und acntangolus(Ceylon) als echte.Termitophilen' beobachtet worden. Die Larven dieser Käfer werden nämlich von den Termiten erzogen, wobei sie eine flaschcnförmige, den jungen Ternritenköuiginncii sehr ähnliche Gestalt annehmen. Ein anderer Käfer, der in Ceylon heimische llelluocke« Taprabanac, wohnt ebenfalls in Termitenbaute»; doch lebt er dort nicht als Gast, sondern er nährt sich vielmehr, wie seine spießförmige� Hornzunge beweist, von den Termiten. Dagegen ist nach den Beobachtungen von Havilaud ein großer südafrikanischer Laufkäfer, Ehvpaloinelus angusticollis, gesetzmäßig termitophil. Dieses Tier wurde in den Nestern deS Derrneslatericnis aufgefunden. Die Nester dieser Species entbehren eines besonderen ErdhügelS; zwei oder drei Löcher von etwa zwei Zoll Durchmesser führen vertikal in die Erde hinab. Die Be- wohner gehören zu den pilzbaucnden Arten. Die Königinkammer befindet sich nahe dem Centrnm des NesteS. An Stelle einer Königin- kammer fand sich im Innern des Baues eine Art Röhre, die sechs bis fiebcn Käfer der oben genannten SpecieS enthielt. Einige davon Jatten eben erst das Puppenstadium verlassen, denn ihre Flügel be- eckten den Hinterleib noch nicht vollständig. Aus dieser letzten Be- obachtung laßt sich der sichere Schluß ziehen, das Ehopalomelus in den Tenniteunestern erzogen wird. Sonst bliebe es ganz unerklärlich, wie die ganz frisch entwickelten Käfer in das Innere des Termitennestes gelangen konnten. Offenbar werden die Käferlarven von den Termiten an Stelle der eigene» Brut der Königin erzogen. Die Pflegekinder erweisen sich hierfür aber wenig dankbar, indem sie als echte Raubtiere von der Tcrmitenbrut sich nähren. Die erwachsenen Käfer werden wahrscheinlich feindlich von den Termiten behandelt. Allerdings dürften die nur 5 Millimeter langen Soldaten des Lennes latericius den etwa 3 Zentimeter langen, starken Laufläfern, vorausgesetzt, daß diese völlig erhärtet find, nicht viel auhabeu können. Zudem ist der Bhopalomelus auch noch durch«iuen starken Defensivgeruch geschützt.— Technisches. � Der Schliff eines Niesenspiegels. Wie bereits kurz berichtet, ist es in Paris gelungen, dem fiir das große Fern- rohr der nächstjährigen Weltausstellung bestimmten Planspiegel, der einen Durchmesser von 2 Meter besitzt,»ine bis auf 0.03 Millimeter genaue Oberfläche zu erteilen. Nähere Angaben über diese Arbeit entnimmt jetzt die.N. Z. Ztg." den Berichten der französischen Akademie. Dieser Glasspieqel bildet, wie bekannt ist, das Hauptstück des Riesenfernrohrs; er ist auf zwei zu einander senkrechte» ge- waltigen Melallaxen drehbar und reflex und leitet die von den Himmelsobjclten herkommenden Strahlen stets horizontal in die vor ihm stehende sechzig Meter lange Teleskop- röhre mrs Stahlblech, welche vorn das Augenglas für den Beschauer trägt. Von der tadellos ebenen Fläche deS Spiegels hängt natürlich die Güte des Bildes außerordentlich ab; allein zwölf Glasblöcke mußten gegossen werden, bis es endlich ge- laug, ein Stück von so großer Gleichmäßigkeit der Masse zu er- halten, daß aus ihm der seine Spiegel— eine cylindrische Scheibe von 30 Ccniimeter Dicke und zwei Meter im Durchmesser— geformt werden konnte. Die Politur dieses Spiegels dauerte Monate und Monate; immer zeigten fich ivieder kleine Umegekmäßigkeiten. Ob solche noch auf der Oberfläche vorhanden sind, prüft man dadurch, daß man mit einem Fernrohr die von dem Spiegel gegebenen Reflexe scharf begrenzter künstlicher Lichtpunkte betrachtet. Die geringste Verzerrung des Bilde« zeigt stets die schadhafte Stelle dort, von wo der Lichtstrahl gespiegelt wird. Von der ungeheuren Empfindlichkeit des Spiegels, der beiläufig bemerkt 3600 Kilogramm wiegt, macht man sich einen Begriff, wenn man erfährt, daß es schon völlig genügt, nur die ivarme Hand in seine Nähe zu bringen, deren strahlende Wärme allein schon ausreicht, die Ober- fläche so zu alterieren, daß die Bilder verzerrt erscheinen. Hierin liegt auch ein Hauptübelstand fiir die gute Leistungs- fähigkeit des Spiegels, da er im Freien placiert, bei auf- fallend warmen Luftströmungen jedenfalls unruhige Reflexbilder der Himmelsobjekte liefern muß. Wenn der große Spiegel ganz vollkommen poliert ist, so versilbert man seine Öberfläche, eine eben- falls noch verhältnismäßig schwierige Arbeit, die viel Sorgfalt er- fordert. Der Preis des ganzen Fernrohrs beläuft sich auf die koloffale Summe von etwa IVe Millionen Franken. Mit Leichtig- keit soll dieses Rieseninstrmnent eine S000fache Vergrößerung noch ertragen, bei günstigen Luftzuständen sogar eine 10000fache. Letztere würde den Mond, der rund 380000 Kilometer von uns absteht, in eine scheinbare Entfernung von 38 Kilometer rücken.— Humoristisches. — Neue Auffassung. Lehrer(Sprüchwörter erklärend): Was verstehst Du unter dem Sprüchwort:„Eine Hand wäscht die andere"? Schüler: Daß beide Hände schmutzig find.— — Zwingender Beweis: Er: Halt! Auf diese Bank können wir uns nicht setzen— da steht„Frisch gestrichen". Sie: Oh, Gussiel Du liebst mich bei weitem nicht so innig, wie Du mir immer beteuerst; Du hättest den frischen Anstrich sonst nicht bemerkt.—(„Jugend.") Notizen. — Im Deutschen Theater sollen schon im Beginn der nächsten Spielzeit zur Aufführung gelangen: Max Drehers Schauspiel in vier Alten„Der Probekandidat", Wilhelm Meyer- Försters Lustspiel„Der Vielgeprüfte", von E r n st v. Wolzogen und Hans O I d c n eine Komödie in vier Akten „Ein Gastspiel", von Georg Hirsch feld ein einaktiges Drama„Der undankbare Soh n".— Max H a l b e's dramatisches Werk„Das tausendjährige Reich" geht der Vollendung entgegen. Ernst v. Wolzogen kehrt von München wieder zu dauerndem Aufenthalt nach Berlin zurück.— — Das L e s s i n g T h e a t e r hat im vergangenen Spieljahr einen Ueberschuß von 21 750 M. erzielt. Neben 13 N o v i- t ä r e n brachte es 23 Neuaufführnngcn velannter Werke. Als erste Novität der k o m m e n d e n S a i s ö n. die am 1. August beginnt, soll am 12. August„J r i S", ei» modernes Gcsellschaftsdrama von dem Dänen Sven Lange, aufgeführt werden.— — Hugo E r n st Schmidt, der Berliner Maler und Kunst- kritiker, ist im Alter von 37 Jahren gestorben.— — Der Schriftsteller Hans von Basedow hat in Dessau Selbstmord begangen. Außer dramatischen Werken hat er Kritiken und im Jahre 1893 Shakespeare- Studien veröffentlicht.— — Josef Kainz wird erst im Jahre 1901 wieder in Berlin spielen, und zwar einen Monat laug als Gast des L e s s i n g- Theaters.— — Rudolf V irch o w erläßt in der„Nat.-Ztg." als Vor- sitzender der„Berliner Gesellschaft für Anthropologie" einen Aufruf „an alle Freunde der vorderasiatischen Geschichte", zu einer Sammlung zu Gunsten der armenischen Expedition unter D r. B e l ck und Dr. Lehmann.„Gegenwärtig ist Herr Belck damit be- schäftigt, die alte Semiramis-Stadt(Van) genauer zu durchforschen, und die neueste Nachricht besagt, daß in ganz unerwarteter Weise ein alter Tumulus daselbst stch als ein steinzeitliches Werk erwiesen hat. Die gclvaltige Grüße desselben macht besondere Aufwendungen nötig. Es giebt außerdem im westliche» Teil des alten Chaldien, der an Kleinasien grenzt, wichtige Plätze, welche der Uebergangszeit von der altchaldischcn zur affhrischen Zeit angehören und, deren Explo- rierung von höchstem Interesse ist. Hier weilt augenblicklich Herr Lehmann. Zum erstenmal wird also eine zusammenhängende und zugleich sehr zuverlässige Reihe der wichtigsten Nachrichten über eines der kleinen Reiche geboten, ivelche dem Vordringen der Assyrer nach Norden hin lange siegreichen Widerstand leisteten." Es wären mindestens noch 5000— 6000 M. zur Beendigung der außerordentlich wichtigen Untersuchungen erforderlich.— — Das Denkmal Ferdinand L e s s e p s, des Erbauers des Suezkanals, ist im Guß fertiggestellt; es soll vorzüglich gelungen sein. Ehe die Statue nach ihrem Standort am Eingang des Snez- k a n a l s eingeschifft wird, müssen die sieben großen Stücke, ans denen sie besteht, noch montiert werden. Die Statue selbst hat eine Höhe von 6 Metern. Am 28. Oktober wird die Enthüllung des Denkmals stattfinden.— Die nächste Nummer des Untcrhaltungsblattes erscheint am Soimtag, den 30. Juli. Veranuvormqrc Sievacleur: August Jacovey in Berlin. Druck und Vertag vou ivtax Babing m Berlin.