otiüöds Nr. 149. Mittwoch, den 2. August. 1899 (Nachdruck verboten.) Ss lrbe die Vnnfi! 3!g Noman von C. V i c b i st. Frau Kistemacher saß schon auf dein Sofa; ihre Jüngste, ein inunteres Mädchen, stöberte im Zimmer herum.„Na, aber im Sommer,"— Frau Julie sprach tröstend—„dann kommen wir öfter, dann betrachten wir das als Landpartie, nicht Ivahr, Gretchen? Du kommst doch gern zu Tante Elisabeth?— Sic wollte heute durchaus init dem kleinen Wilhelm spielen. Laß, Kürd, laß, das darfst Tu nicht an- fassen!" Elisabeth war auf die Estrade gesprungen nird hatte dem Mädchen ihr Mannskript ans der.Hand gerissen! es blätterte gerade neugierig dariil. Man schickte Gretcheu ins 5Vmder- zimmer. „Was ich sagen wollte,"— Frau Kistcmacher zog die Handschuhe mis und knöpfte den Mantel auf—„hast Du nicht Lust, Dir etwas Schweinefleisch einzupökeln und auch selbst Wurst zu machen? Wir könnten uns zusammen ein kleines Schwein koinincn lassen, ich habe die Adresse von 'nein billigen Schlächter da in Deiner Gegend. Du willst nicht? Es macht ja etwas Arbeit, aber es schmeckt doch ganz anders und ist auch billiger." Elisabeth schüttelte den Kopf.„Ich habe keine Zeit Sie suhlte, wie es ihr in jeder Fingerspitze zuckte, cS riß sie mit Gewalt— dahin— dahin! Einen schnsnchligcn Blick warf sie nach dem Schreibtisch. „Ah so. Du schreibst wohl wieder?" Julie Kistcmacher schickte einen neugierigen Blick hinüber.„Was denn?" Elisabeth zögerte mit der Antlvort. Sie mochte nicht lügen, und Näheres mochte sie auch nicht sagen.„Ja, ich— ich schreibe", erwiderte sie gepreßt. „Also ein Geheimnis?! Früher warst Du nicht so zurück- haltend, da erfuhren wir gleich alles. Weißt Du noch, wie Du mit Deinen Arbeiten immer heruntergelaufen kamst? Du trautest Dich uicht, waS aus der Hand zu geben, che mein Mann sein Urteil gefällt hatte. Lieber Gott, wie manchen Abend hat er noch spät darüber gesessen! Ja, ja, daS war eine schöne Zeit!" Frau Julie schwelgte in Erinnerungen; sie legte sich ins Sofa zurück, ihr frisches, vollwangiges Gesicht bekam einen elegischen Ausdruck.„Das war wirklich ideal, dieser geistige Austausch!" Sie seufzte.„Ja, ja. es kommt manchmal im Leben ganz anders, als man denkt!" Aufmunternd sah sie Elisabeth an.„Mein Mann sagt. Du solltest doch wieder mal was Größeres versuchen,'neu Roman oder so was. Wenn Du verlegen um Stoffe bist, na, ich sage Dir, dann mußt Du Dich an meinen Mann wenden, der erlebt ivaS! Seit Du verheiratet bist, ist es so still von Dir!" „Ich habe ja verschiedenes Größeres geschrieben!" Elisabeth wurde rot, sie glaubte ans Frau Kislemachcrs Worten eine versteckte Geringschätzung herauszuhören.»Du hast wohl mein letztes Buch vergessen I" „Ach so, das! Ja, ich will Dir sagen"— Frau Kiste- wacher besah ihre Nägel, und dann setzte sie sich in Positur— „da wir gerade davon sprechen, ich bin immer für Ausrichtig- keit— das wäre doch nicht mehr als recht gewesen, daß Tri uns das Buch geschenkt hättest.„Laß doch", sagte mein Mann,„ich werde es Dir kaufen." Aber nein, von meiner Freundin kann ich doch wohl die kleine Aufmerksamkeit er- warten!-- Wir haben es nicht gelesen." Vortvurfsvoll sah sie Elisabeth an; diese sagte nichts. Frau Kistcmacher fuhr fort in cinenr Ton, der sich allmählich nrchr und mehr zuspitzte:„Das ist ja sehr schön, daß Du so ganz in Deinem Manne aufgehst, aber Du darfst doch Deine früheren Freunde nicht gänzlich vernachlässigen! Wenn ich bedenke, was wir für trairliche Stunden miteinander verlebt haben!" Elisabeth reichte ihr die Hand.„Verzeih," sagte sie müde, „Du hast recht, ich habe mich zu sehr eingesponnen. Ich habe keine Zeit." Es klang kleiularrt. Frau Julie Kistemacher schnellte vom Sofa auf.„Ein Kind, die kleine Wirtschaft, und jetzt sogar zwei Mädchen. So gut habe ich cS anfangs nicht gehabt, und ich habe die Kinder doch noch immer selbst genährt— was ist das für 'ne Plackerei! Du hast doch uicht so viel zu thuu? l" „Ich habe nicht so viel zu thuu," wiederholte Elisabeth; ein herzzerreißendes Lächeln glitt über ihr Gesicht.„Ich hätte auch nicht so viel zu thun, wenn ich nicht—" ihr Blick suchte wieder den Schreibtisch; dann senkte sie den Kopf. „Na, Du brauchst doch nicht unls tägliche Brot zu schreiben, was sitzt Du denn den ganzen Tag am Schreib- tisch? Sehr unrecht! Kopf oben I" Frau Julie faßte sie unters Kinn.„Was warst Du für'n frisches Mädel I" Elisabeth nickte nur. „Du sitzt viel zu viel zu Hanse, Du mußt Dich zerstreuen, öfter was mitmachen. Im Kaufmännischen Verein find so reizende Bälle; wir wollen auch mal zusammen in ein nettes Lustspiel gehen, so recht was zum Lachen, oder in den Eirkus, da ist es hübsch, und auch nicht so teuer. Du gefällst mir gar nicht!" Sie legte den Arm um Elisabeths Schultern und sah sie besorgt an.„Du bist mager geworden, Du hast Schatten unter den Alchen!" „Ich hatte gerade gearbeitet!" Frau Kistemacher hörte gar nicht.„Ei, Dil bist doch noch verhältnismäßig'ne junge Frau! Ein bißchen lebens- lustig sein, hörst Du? Du bist das. Deinem Mann schuldig. Die Männer sind nun mal so, sie wollen vergnügte Gesichter um sich sehen. Eine Frau hat sich's immer selber zuzu- schreiben, wenn ein Mann sich von ihr abwendet." „Meinst Du?" Wie ein plötzliches Erschrecken zuckte es durch Elisabeths matten Blick. „Na, bei Deinem brauchst Du keine Angst zu haben, das ist ein Mnsterchemann, aber es siel mir auf— neulich begegnete er mir—, ich kann es Dir nicht verhehlen, er sah schlecht aus. Ich fragte nach Dir, da sagte er:„Meiner Frau geht'S gut."— Aber er sagte das so traurig. Ihr habt Euch doch uicht gezankt?" „Oh nein!" Elisabeth lachte, aber es war ein hartes. klangloses Lachen, und da»», wie sich besinnend, srogte sie hastig:„Und Du ftudest, er sieht schlecht aus?" „Sehr schlecht!" Fra» Julies rundes Gesicht zog sich in die Länge.„Miserabel I Wie hat der Manu tu den paar Jahren gealtert I Weuil ich nur wüßte, was Ihr Leutchen »lacht?!" Sie hob mit einem halb erustcn, halb scherzhaften Lachen drohend den Finger. Nud dauu klopfte sie der jungen Frau auf die Schulter.„Kriegt nur erst zwei, drei Kinderchen, dann werdet Ihr wieder frischer!" „Um Gotteswillen!" Elisabeth sprang aus und lief wie von Angst gejagt im Zimmer hin und her.„Das wäre ein Unglück I" „Na, wieso?" Die andere sah verständnislos drein. „Ich köuute nicht arbeiten!" murmelte Elisabeth tvitloL. „Nein, nein!" Abwehrend streckte sie die Hände aus. „Aber pfui!" Frau 5listemacher erhob sich entrüstet vom Sofa.„So was zu sagen! Ich würde mich doch der Sünde schämen! Also darum?! Der arme Mann! Das hätte ich nicht von Dir gedacht! Möchtest Du cS nie bereuen l" Sie knöpfte ihren Mantel zu und zog die Handschuhe an.„Meinst Dil. Deinem Manu wären ein paar gesunde Kinder uicht lieber, als Deine ganze Schreiberei? Gretchen\" Sie öffnete die Thür und rief nach ihrer Jüngsten; als sie keine Antlvort erhielt, lies sie ins Kinderzimmer. Elisabeth blieb allein zurück: sie stand mitten iii der Stube und starrte ans den Teppich. Ihre Blicke bohrten sich ordent- lich in das Muster ein; sie rührte sich nicht. Ihr Mann schlecht ansscheild?! Ja, er sah schlecht aus. Hatte sie's nicht selbst schon bemerkt? Er hatte Falten auf der Stirn, Falten uiil den Mund, und das schöne Braun seiner Augen war ohne goldigen Glanz; er saß oft in Gedanken verloren, und dann seufzte er. Er that ihr leid; aber warum hatte er sie denn geheiratet? l Eine Frau wie sie war kein Spielzeug, sie mußte schreiben, schaffen und konnte keine Rücksicht nehmen. Wie Groll wollte es in ihr aufsteigen, und doch, sie konnte ihm nicht zürnen-- ach, sie hatte es selbst so gewollt! Jetzt zuckte sie zusammen, Frau Kistemachcrs Organ war wieder zu hören; sie kam aus der Kinderstube zurück und schäkerte noch im Gang mit dem Jungen.„Adieu, Wil Heimchen! Du armes Jungchen! Adieu!" Warum sprach sie so? Armes Jungchen I Diese Zärtlichkeit hatte etwas Bedauerndes. Elisabeth riß die Thür auf,— da stand Frau Kistemacher und winkte heftig mit beiden Armen; Mile hielt den zappelnden Knaben.„Adieu Wilhclmchcn, adieau, mein armes Iungchen „So ein süßes Kind l" sagte Frau Julie immer noch in dem gleichen bedauernden Ton.„Bleibe bei mir, Gretchen I" Sie nahm ihre Jüngste fest an die Hand.„Wir gehen jetzt." Elisabeth wollte dem Mädchen einen Apfel holen.„Nein, nein, laß nur," wehrte die Mutter,„wir wollen nicht bei der Arbeit stören! Komm, Gretchen, komm!" Ehe sich die Entreetür schloß, sah Frau Kistcmacher noch einmal in das Gesicht der jungen Frau, es war so blaß, so leidensvoll. Ihre Zuneigung gewann die Oberhand.„Adieu, Elisabeth, na, laß Dich bald bei uns sehen," sprach sie gut- mütig.„Komm' doch mal abends mit Deinem Mann ganz gemütlich. Na sag, wann wollt ihr kommen?" „Sowie ich mit meiner Arbeit fertig bin. Adien." Elisabeth wollte die Thür schließen, eine zitternde Unruhe zog sie zurück zum Schreibtisch; sie konnte es kaum mehr aus- halten. Frau Kistcniachcr blieb noch stehen, jetzt war sie ernstlich böse.„Immer und immer arbeiten!" grollte sie.„Früher liefst Du zu Gott und der Welt, und jetzt sitzt Du zu Hause wie angeschmiedet I Nimm's mir nicht übel, liebe Elisabeth, da giebt's auch noch andere, die etwas leisten, auch Damen, wirklich bedeutende! Ich lese ein himmlisches Buch von der Widmann— was die alles studiert hat I Und wie schön sie über die Pflichten der Ehe spricht! Drei Kinder hat sie auch, ist mir erzählt worden; die hat doch gewiß ganz anders z« thun als Du, und doch sehe ich sie schon alle Morgen früh mit ihrer Freundin, der berühinten Starzynska, vorbeiradeln. Und im Frauenwohl, oder wo sonst was los ist, ist sie auch stets dabei. Hab Du Dich nur nicht so I Komni, Gretchen!" Wie eine Gewitterwolke, gejagt vom Sturm, stob sie davon. Nun konnte sich Elisabeth wieder an den Schreibtisch setzen. Da lockte das weiße Papier, die Feder steckte im Tintenfaß, es war ganz still, heimlich- traulich im Zimmer; die Primeltöpfe, die Wilhelm neulich dort ans Fenster gestellt, fingen an, süß zu duften. Frühe Winterdämmerung schaute durch die Scheiben, stahl sich in jeden Winkel und lullte nach und nach alles ein. Sie konnte nicht weiterschreiben; sie warf sich aufs Sofa mit einem Jammerlaut und drückte das Gesicht ins Polster. Sie ftihlte sich namenlos elend, ihre Nerven waren wie auf Draht gespießt, man hatte ihren Geist auf die Folter gespannt. Wäre die doch nicht gekommen! Nicht genug, daß sie sie herausgerissen hatte ans der schönsten Schaffensfreude, nein, jetzt war sie ganz verzweifelt. Sie wand sich in Qnalen; in ihrem Kopf war ein unentwirrbares Chaos von Sehnsucht, Schmerz, Zorn, Gier und Selbst- Vorwürfen— das zuckte, das zerrte, das drängte, das nagte, das bohrte, das stieß es war, um den Verstand zu ver- lieren I Was thun? Sie preßte beide Hände gegen die Schläfen und stöhnte. Dann lag sie auf dem Rücken, regungslos wie ein Scheit Holz, die Augen geschlossen, die Hände geballt, ganz hingenommen von ihren Gedanken. Es wurde ganz dunkel. War sie eingeschlummert? Eine dunipfe Bewußtlosigkeit umpfing sie; sie träumte von ihrem Stück— so ging der zweite Akt weiter, ja, so war er gut. sehr gut I So mußte der Schluß sein.— Ah, was war es für eine Erleichterung, das von der Seele zu haben! Es atmete sich besser, der furchtbare Druck des Werdens, der Tag und Nacht auf der Seele lag, war gewichen; so sanft schlug das Herz, so ruhig ging der Atem— aus, ein—— ein, aus—————— Mit jähem Schreck fuhr Elisabeth auf. Bertha stand dicht vor ihr. Sie trug die Küchenlanipe in der Hand; der gelbe Blender warf einen unangenehmen, den Augen wehe- thuenden Schein. „Ich sag's ja immer, die Lampe brennt scheußlich," sagte Bertha.„Das>vir hier keinen Jas haben, in herrschaftliche Wohnungen ist das doch immer. Ach, Madam"— das Mädchen war gutmütig—„haben Sie sich erschreckt?" „Nein, nein!" Elisabeth war schon auf den Füßen. „Was ist passiert?" „Jarnischt!" Bertha sah ihre Dame verwundert an. „Wenn Frau Ebel nu mal in die Küche kommen möchten— ich kann mir nich kümmern, ich habe noch mit die Wäsche zu thun, und der Herr wird jleich kommen."------ tFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten). T>ev zrhttke Stuhl. Eine Skizze aus dem Artistenleben. Von Heinrich Lee. „Thomson! Na, Ivieder allright?' sagte der Agent erstellt, als plötzlich Thomson Ivieder in sein Bureau trat. Thomson sah noch etlvas blaß aus. Er hatte acht Wochen im Krankenhansc gelegen, in Gips. Er hatte Malheur gehabt, Zr hatte sich„wehgethan", wie der Artist sagt, wenn ihm etwas zustößt, daß er davon ins Liegen kommt. Als„Brothers Tomson" hatten er und ein Kollege zusammen Partcrrearbcit gemacht— Thomson als„Obermann". Bei einem Doppclsalto ans die Schulter dieses seines Untermanns war er falsch gelandet, gestürzt und hatte sich dabei den Schenkel verletzt. Jetzt war er also wieder hergestellt. Wenigstens so gut wie hergestellt. Nur im Knvchelgelcnk, in der Sehne war noch eine Sebwäche zurückgeblieben. „Dann warten Sie doch noch!" sagte der Agent. Thomson lachte gezwungen. Warte» I Er hatte eine schwindsüchtige Frau und ein zweijähriges Kind. Im jtraukenhanse war sein letztes Geld darauf gegangen. Er mußte wieder anfangen— und zwar sofort! Uebrigcns sprach er nicht englisch, sondern deutsch. Thomson war nur sein Cirkusname. Parterrearbeiter, namentlich Springer, sind fast immer Deutsche. Es handelte sich also um ein sogleich anzutretendes Engagement. Nur noch ein paar Tage„Probieren", das heißt Ucben— und Thomson war vollkommen wieder Lt. Er wollte wie früher wieder„allein" gehen. Um sich wieder mit einem Kollegen zusammcnzuthun, dazu war, weil man sich erst mit einander einzuarbeiten hatte, keine Zeit. Er wollte also wieder als Springklown gehe». Natürlich nur in ein erstes Geschäft. „Das ist doch bloß die Eitelkeit bei Ihnen, Thomson." sagte der Agent—„lassen Sic mich doch mit den ersten Geschäften zu- frieden. Dort ist doch bloß noch die Pantomime was. Denken Sie denn, die machen sich was aus Ihnen? Da Hab' ich die FcrronS gehabt, es sind die besten Reiterinnen der Welt und haben den Namen. Vor zwanzig Jahren hätte Renz noch wer weiß was für sie gezahlt. Heute fragt niemand nach ihnen— wenigstens dort nicht, weil dnS Publikum nicht danach fragt. Und das sind doch noch Weiber und dabei brillante Erscheinungen. Ich würde Ihnen über- Haupt vorschlagen, in kein Geschäft mehr, sondern i»S Variete zu gehen. Wenigstens ist die Gage doch noch besser." Das ging selbstverständlich nicht. Thomson war eben vor- läufig allein. Zum Varietä hätte er»och mindestens einen Kollegen gebraucht. Der Agent blätlerte in einem Buch. „Wie wärs mit Schneider?" fragte er. „Der hat doch ei» Tcnt!" Allerdings, Schneider war nur ein herumziehender großer Zelt- cirkus. So etwas paßte Thomson eben nicht. Er bildete sich nun einmal ein, daß er für einen Tcnt zu gut sei. „Hätten Sie noch drei Tage Zeit?" fragte endlich der Ageiit— „wenn Sic wollen, geb' ich Ihnen einen Vorschuß!" Drei Tage konnte Thomson allenfalls noch warten. Für den Vorschuß dankte er indessen. „Ich wcrd' also telegraphieren. Bleibt Ihre Nummer so?" Der Agent meinte Thomsons alte und in Artistenlreisen wohl- bekannte Scnsaiionsnummcr. „Ja", erwiderte Thomson. „Haben Sie noch ein Litho?" Thonison zog aus seiner Westentasche eine znsainniengefaltete große buntfarbige Lithographie hervor, woraus er mit dieser seiner Nummer abgebildet war. Zehn Stühle standen hintereinander gereiht. und Thomson flog iin Rückwärtssalto über_ die ganze Reihe hinweg. Sehr häufig läßt sich der Artist ans seinen Lithos in Ucbcrtrcibnngcn ergehen, und die darauf illustrierte Nummer existiert nur in der Phantasie. Was Thomson jedoch ver- sprach, das hielt er. „Zehn Stück?" fragte der Agent. „Ja." Der Agent behielt das Litho da, und Thomson verabschiedete sich vorläufig. Thomson wohnte mit seiner Familie Chambre garnic. Als er nach Hanse kam, saß seine Frau, das Kind ans dem Schöße haltend, am Fenster. Sie hatte ihn schon kommen sehen. Thomson erzählte, daß er in drei Tagen Bescheid erhalten würde. Er nahm sein Kind ans den Arm und küßte es. Frau Thomson hustete. .Bekonnn' ich Vorschuß", sagte Thomson—„von Lißmann wollt' ich keinen nehmen, obwohl er mir welchen angeboten hat— dann geschieht, was der Arzt gesagt hat. Dann reist Dn nach Italien, gleich, noch bevor es kalt wird." „Wenn es dazu reicht", erwiderte Frau Thomson sanftmütig. „Ich geh' doch nur in ein erstes Geschäft und mache meine alte Nummer wieder auf", eutgegnetc Thomson bestimmt—„Lißmann hat mir dummes Zcng erzählen wollen. Wenn ich die alteNnmmcr wieder austnach', sie ist zetzi wieder so gut wie neu, bekonnn' ich auch die Gage danach. Dann wird es eben reichen und dann reist Du." »Aber Dein Fusz! Er ist zu derNuinmer doch noch zu schumchl" .Schwach I Er schmerzt blost noch etwas. Darauf kommt's nicht an. Sieh mal, wie sie sich freut I" Thomson nieinte sein Kind. Es war ein Mädchen. Er hielt es hoch in die Höh', und das kleine Ding jauchzte vor Lust. «Sie wird zu wild. Nachher schläft sie nicht/ sagte Frau Thomson, und ihre Auge» leuchteten in Muttergluck. (Schluß folgt.) Kleines Feuillekon. Ten Orang-Utang Peter, der ans der Schönbruuncr Menagerie entsprungen war, hat ninu glücklich wieder ciiigcfangcu. In welcher Weise dies geschah, erzählt die ,N. Fr. Pr." in ihrem Montag-Abendblatt: Man hatte gehofft, daß der ausgiebige Regen- guß, welcher gestern früh fiel, den Peter zur Raison dringen würde, aber er verkroch sich mir tiefer in sein Nest, deckte sich niit mehr Blättern zu und ließ es regne». Nun ivar aber die von ihm angerichtete Banmvertvüstung so arg, daß man ernstlich daran- gehen mußte, ihn einznfangcn. Alle acht gewandten„Baum- traxlcr" unter den Gartcngchilfeu wurden requiriert, und man begann nach gründlicher Absperrung des Publikums, das sich schon am frühesten Morgen eingefunden, cincii wohlüberlegten Plan auszuführen. Peter wurde vorerst von der höchsten Platane, in der er seinen Wohnsitz aufgeschlagen, auf eine dancbcnstehende, ebenfalls hohe Linde gejagt, und an der Platane wurden die Aesle abgesägt, um ihm den Rückzug abzuschneiden. Nun wurde er auf eine in der Nähe stehende Esche getrieben, und die Acste der Linde wurden verkürzt. Man hatte ihn nun auf einen» isolierte» Bainnc, in dessen höchster Krone er sich niederließ und in fünf Minuten ein schönes Nest erbaut hatte, das n»an aber zerstören mußte, denn er verschanzte sich darin. Zur Sicherheit besetzten Steiger die umliegenden Bäume und die drei beherztesten, welche sich selbst dazu erboten, bestiegen die Esche, zuerst mittels einer Leiter und dann mit Steigeisen. Sie versuchten,»Üt langen Stangen Peter aus der Baumkrone herauszutreiben. Er riß Zweige ab und bombardierte seine Angreifer. Als sie ihn sahen, Warfe» sie ein starkes Stricknetz nach ihm— er fing es auf, riß cS in Stücke und warf es den Leuten ins Gesicht. Nun versuchten sie es mit einem Lasso: das parierte er mchreremale mit der Hand. Dann versing sich der Strick in einem Ast, und man wollte ihn schon preisgeben, da kam der Affe hervor, nestelte ihn geschickt los und tvarf ihn den Leuten zu. Nun entschlossen sich die drei, ii» die Krone zu klettern, wobei sie aber natürlich in» Stachteil waren, denn eine Hand brauchten sie, um sich anzuhalten, während der Asfe das mit einen» Fuß besorgte. Als die drei Männer dem Affen nahekamen/ ciitwickclte sich sofort ein erbitterter Faustkampf. Man schlug auf das erbitterte Tier loS, und der Asfe hieb einem Steiger zwei regelrechte Ohrfeigen ins Gesicht, zu denen er ausholte und die so klatschten, daß man sie am Fuße dcS Baumes hörte. Als ein Manu es ivagtc, den isolierten Ast, auf dem der Asfe saß, abzuhauen, fing er sich au einem tiefer gelegenen Ast und biß den Angreifer durch den Stiefel ins Bein. Nun nahm einer eine Peitsche und schlug nach ihm— der Asfe, den ein Hieb traf, riß einen großen Zweig ab und deckte sich damit den glücken zu, und nun schien er die Schläge nicht nichr zu spüren. Als alle diese Versuche rcsultatlos angestellt waren, griff man zum letzten Mittel, zum Feuer. Werg wurde in Petroleum gc- tränkt und brennend an einer langen Stange in den Wipfel des Bainncs gehalten. Als er die Flammen und den Qualm sah. kam er sofort herunter anf die untere» Acste. Er Ivar nun sehr bös gc- worden, fauchte und suchte eine Gelegenheit, seinen Angreifern bei- zukommen. Ein Steiger hielt eine Fcucrtvchrfackel brennend in der Hand und trieb ihn mit einem Stock von Ast zn Ast. Peter ivollte ciiiem ihm ans nächster Nähe Angreifenden ins Gesicht fahren, da ließ sich dieser fallen und fing sich au cincnr tiefer liegenden Ast, ein Tiirnerslnckchcn, das alle, die es beobachteten, mit Schrecken und Bewunderung erfüllte. Als Peter ganz nahe bei der angelehnten Leiter ivar, bekam er plötzlich einen neuen Wut- ansall, machte Kehrt und fuhr anf den Mann mit der Fackel los, nach der er mit der rechten Hand haschte. Dabei fiel ihm ein Tropfen brennendes Pech auf die Schulter, das seine langen schwarzen Haare anzündete, die er aber mit großer Geschicklichkeit im Nu löschte. Bon allen Seiten bedrängt, sprang er nun auf die Leiter, in deren Mitte sein Wärter stand, den er umschlang, wahr- scheinlich im» ihn auzugrcifcii. Dieser warf die Leiter um, und fiel so niitsamt dem Affen in das unten ausgebreitete Netz, auf das sich nun das ganze auf dicscn Augenblick harrende Personal stürzte. Der Affe schlug um sich, traf diesen und jenen und biß einem Vogelwärter zwei Finger der Hand bis auf den Knochen durch. In» Netze verwickelt, wurde er in den Holzkäfig gesteckt, in dem er die Reise aus Singapore gemacht hat. Als er sich wieder im großen Käfig an» Ententeich befand, gebcrdete er sich wie wütend und suchte alle Winkel ab, ob er nicht entkonnne» könnte. Sein Futter hat er aber nicht verschmäht, sondern sich Feigen und Datteln. Reis und Kaffee sehr gut schmecken lassen. Merk- Ivürdigerwcise will er von seiner warmen Decke, die er früher sehr liebte, nichts mehr wissen. An der Gesundheit hat ihn» die Land- Partie nicht geschadet, wohl aber am guten Hunror, er hat einen sehr gereizten, trotzigen Ausdruck und ist ununterbrochen in der übelste» Laune.— Musik. — Und da soll einer noch sagen, daß wir nicht in einer Zeit der Internationale leben! Der Engländer Shakespeare ließ sein Trauerspiel„Hninlet* in Dänemark spielen! zwei F r a n- z o s e n machten daraus ein Textbuch, ein dritter Franzose, A n» b r o i s e Thomas, baute darauf seine große Oper „Hamlet"; der Deutsche W. Langhaus übersetzte uns diesen Text; das ans Alldcutschland zusammengeholte Opernpersonal des Direktors Max Heinrich führte das Stück am 31. Juli d. I. in der den Berlinern wohlbekannten märkischen Stadt Schlorndorf lvulgo Charlottcnbnrg) im Theater des Westens auf; alle singen deutsch, n»r einer singt italienisch, Signor Mario L. F u n» a g a l l i vom königlichen Argentina-Theatcr zn Rom" als Gast. Es gehört ein gutes Stück Abhärtung und Verhärtung des berufsmäßigen Theaterbesuchers dazu, um diese längst nicht mehr ungewöhnliche Sprachmischung zur höheren Ehre der Kunst und ihrer Forderung der Einheitlichkeit eines Eindrucks— ertragen zn können. Allein nicht genug an der Sprachverdoppclung: nun an.h die Zwciheit der Spkdlweise I Dort der italienische Opernheld, voll des großen, theatralischen Pathos, mit den oft tigerhasten, aber stets künstlerisch abgerundeten und sicher beherrschten Bewegungen, in den Partien, da Hamlet sich verstellt, von einer geradezu grotesken Tragik, in der großen Sccne der Ueberführnng des Königs von wildester Dramatik und sofort nachher durch Kunststückchen eines nenropathischcn Juckens der Finger und des Mundwinkels seine eigene Auffassung der Rolle verzerrend, im Gc- sang von einer prächtigen Deutlichkeit der Aussprache und von einer posaunenhasten Stimmfülle, die gleichsam in den Tiefen dieses elastischen Körpers zn sitzen scheint. Hier die gemessenen Deutschen, mit viel kleineren, weniger rnnden und weniger sicher beherrschten aber nchigercu Bewegungen; selten einer schlecht, aber kaum einer nennenswert ob selbständiger Auf- fnssuug-; leuu! Kiiuststiickchei», tvenig Temperament, viel Können»md Wollen; der Gesang selten üppig, oft undeutlich, der Ton durch- schnittlich weiter nach vorn und überhaupt etwas kindlicher. Es war noch ein Gast da, die in diesem Ensemble schon bekannte Frau K. E n g c I- S e w i n g aus Hannover als Ophelia, rein stiininlich lebhafterer Beachtung würdig. als neben dem in jeder Beziehung „fett gedruckten" Gast Übrig blieb. Zu dicscn» bildete den wenigst krassen Gegensatz Martha Bergmann als Königin, die sich geduldig hcrnmrcißcn ließ nnd einen ziemlich guten dramatischen Sopran abgab. Robert Blaß als König hätte immerhin mit dem Jtalicucr eine Wette versuchen können, wer den ander» in den Boden singt; er war aber vermutlich zn taktvoll dazu. Das klebrige machte sich annehmbar, den nun einmal gar nicht über- irdischen„Geist" ausgenommen.— lieber die bekannte Komposition selber, mit welcher der vielvcrdicnte Thomas den Hamlet in die Opcrnbrcite gezogen hat, brauchen wir uns heute nicht mehr er- eifern: sie ist eben eine französische„Große Oper", doch so vornehm gehalten, daß sie noch immer Muster abgeben kann. Allmählich machen unsere Theater ihre Ankündigungen für den Winter. Die von Max Hospaner im Theater des Westens verspricht einen Reichtum, so herzbewegend, daß die Besorgnis vor dem um- gekehrten Verhältnis, in dem zn dieser Quantität die Qualität stehen könnte, zurückgedrängt wird. In erster Reihe die klassische„Spiel- opcr", das ist allein schon außerordentlich viel lvert.— sz, Epziehnng und Unterricht. glr. W i e die Kinder über Strafen denken. Die Strafen, die bei der Erziehung der Kinder in Anwendung zu bringen sind, stehen augenblicklich wieder im Vordergründe der Diskussion. Lehrer und Eltern, Gelehrte und Praktiker werden bcsragt und lassen ihre Meinung hören. Daran, sich an die Kinder selbst zn wenden, um von ihnen vielleicht direkt hcrauszubekominen, welches ihr Empfinden in dieser Angelegenheit ist, hat man bei uns nicht gedacht, das blieb den Engländern vorbehalten. In London erregt ein Vortrag Aussehen, den Professor Barnes vor einigen Tagen über«die Stellung der Kinder zur Strafe" hielt. Er erhält besonderes Interesse durch eine Art Umfrage, die Professor Barnes im Laufe der letzten zehn Jahre bei 3000 Kindern in Kali- sonne», Chikago nnd London veranstaltet hat, und deren Ergebnisse in dein Vortrag wiedergegeben werden. Seine Methode bestand darin, die Kinder in den Schulen über diesbezügliche, ihnen leicht verständliche Fragen Aufsätze schreiben zu lasten. So lautete das erste derartige Thema zum Beispiel:„Beschreibt eine Strafe, die Ihr zn unrecht empfangen habt." Die Kinder beklagen sich nun in ihren Antworten fast allgemein über Strafen» die sie für Nnordnililg oder Unruhe empfangen hatten. Nur ein Viertel der Vergehen war rein negativ, sie hatten nicht gctha»,»vaS sie sollten; drei Viertel waren Fälle falsch gerichteter Energie. Das beweist, wie schwer es ist, für die Kinder ein geeignetes Bethätigungsfcld ihrer Energie zu finden. Die Strafen bestanden in Schlägen, Einsperren und Schelfe. Es wurde sodann den Kindern folgende Frage zur Entscheidung vor- gelegt:„Zwei Diebe brachen in ei» Haus ein; der eine von ihnen entkarn mit der Beute, der andere wurde erwischt. Die gc- schliche Strafe für dieses Verbrechen ist 5 Jahre Gefängnis. Was würdet Ihr mit dem ertappten Dieb gethan haben, wen» Ihr die Richter gewesen wäret?" Das Resultat der Antworten war, daß mit sieben, acht oder neun Jahren noch das Kind sich durchaus nicht mit der gesetzlichen Festsetzung der Strafen einverstalldcn er- klärt?. Alle Arten von Strafen Iviirdcn verlangt, mir nicht die, die das Gesetz vorschrieb. Mit 10 nnd 11 Jahren verurteilten nur 3—4 Proz. der Kinder den Dieb zu ö Jahren Gefängnis; niit 12 und 13 etlva 50 Proz?' Bei Fünfzehn- oder Sechszchnjährigen konnte nian dagegen Bemerkungen lesen, ivie:.Da das Gesetz 5 Jahre Gefängnis als Strafe für das Verbrechen festsetzt, tvürde ich denselben Urteilsspruch fällen." Dieselbe Beobachtung kehrt bei den verschiedenartigsten Fragen wieder, auch bei solchen, die sich ans reine Schulangelegcuheitcn beziehen. Die jüngeren Kinder wollen allgemein die festgesetzte Srrafe nicht verhängen, während die älteren die Tendenz zeigen, mehr nach der Regel zu urteilen. Die Knaben scheinen dabei das Gesetz bereitwilliger an- zuerkennen als die Mädchen. Am interessantesten und ausfuhr- tichsten gestalten sich die Autworten in Betreff des folgenden Nor- falles: Ein vierjähriges Mädchen bekam zum Geburtstag einen Tuschkasten geschenkt. Als ihre Elteni nicht im Zimmer waren, bemalte sie sorgfältig die Stühle im Salon, und als sie dannt fertig Ivar, rief sie ihre Mutter:„Mainini, komm und sich,' Ivie schön ich die Stühle gemacht habe." Den Schülern wurde nnn die Frage gestellt, was sie au Stelle der Mutter mit dem Kinde gethan hätten. Für jede Altersstufe ergaben sich gradezu typische Antworten. Mit 8 Jahren lautete das Verdikt fast allgemein:„Wenn ich die Mutter gewesen wäre, hätte ich sie ge- schlagen." Mit 9 Jahren:„Ich würde ihr eine gute Tracht Prügel gegeben und ihr dann verziehe» haben." Mit 10 Jahren ist mau noch rigoroser:„Ich hätte dem Kinde das Malzeug fortgenommen, eS geschlagen und dann zu Bett geschickt und am folgenden Tage hätte ich es nicht ausgehen lassen." Mit 11 Jahren:„Zu ihrem nächsten Geburtstag hatte ich ihr nichts geschenkt und ihr überhaupt kein Spielzeug gegeben, bis sie besser damit um- gehen konnte. Wenn sie alt genug wäre, würde ich sie die Stühle bezahlen lassen, die sie verdorben hat." Mit 12 Jahren:„Ich hätte sie sehr gescholten und ihr den Tuschkasten fortgenommen, bis sie ihn gebrauchen kann." Hier macht sich schon die Erkenntnis bemerkbar, daß das Kind hätte an- geleitet werden müssen. Mit 13 Jahren ist man schon sehr weise: �,Wäre ich die Mutter des Kindes gewesen, hätte ich ihr den Mal- lasten gar nicht gekauft. Ich glaube übrigens, das;, wenn die Stühle gründlich abgescheuert werden, die Farbe ganz verschwindet. WaS das Kind anbetrifft, so hätte ich ihr einen KlapS gegeben, aber sie war nicht alt genug, um es besser zu wissen." Mit 14 Jahre» endlich:„Das Kind zu bestrafen wäre sehr hart und ungerecht. Man sollte dem Kind erklären, warum eS so etwas nicht thun darf."— Geologisches. — en. Der Niese nkrater Mauna Loa auf Hawaii ist seit dem 4. Juli ds. IS. wieder in Thätigkcit, und ein mächtiger Lavastrom ergießt sich nach Norden in der Richtung auf den Hasen Hilo. Die Besatzung des kürzlich in San Francisco angelangten Dampfers„Australia" berichtet, daß der Ausbruch diesmal so fiirchtcr- tich eingesetzt habe, daß die ganze Spitze des Aergkegels fortgeblasen worden' sei. Beim Verlassen des Hafens Hilo sei das Schiff durch eine schwere Krcuzscc gekommen, deren Entstehung ans unter- meerische Erdbeben zurückgeführt werde» müsse. Die Spitze des Manna Loa ist oder viclnichr war ein Lavakcgcl von 13 700 Fuß Höhe über dem Meeresspiegel. Der Krater besaß in seiner tiefsten Ter- raffe eine Breite von 8000 Fuß, und von hier aus erhoben sich senkrechte Manen, ans geschichteter Lava ans der einen Seite zu einer Höhe von 784 Fuß über der Lavafläche des Kraterbodens. Bei dieser Gelegenheit ist es angebracht. auf die frühere» Ausbrüche des Vulkans, der mit seinem Gcschivisterberg Kilauca den ungeheuersten Vnlkanhcrd der Erde bildet, mit einigen Worten znrückznkominen. Diese Vulkane zeichnen sich hauptsächlich durch zwei Eigenarten aus; einmal durch die Häufigkeit und da? periodische Eintreten der Ausbrüche und dam, durch die Leichtflüssigkeit und außerordentliche Masse der ausgcspiecnen Lava. Gewöhnlich merken die Bewohner des umgebenden Landes den Eintritt eines Ausbruches erst daran, daß sich der Himmel von einem gewaltigen Feuerschein rötet, welcher die im Krater empor- steigende Lavaglut widerspiegelt. Erdbeben und Auswürfe von vulkanischen Bomben Pflegen den Ausbruch im allgc- meinen nicht einzuleiten, so daß diese Naturereignisse für die umwohnenden Menschen im großen und ganzen gefahrlos verlaufe». Der Krater des Mauna Loa, der übrigens in seiner vollen Aus- dehnnng 13 Kilometer in der Länge und 10 Kilometer in der Breite mißt— die obigen Zahlen bezogen sich nur auf de» eigentlichen Kraterboden— ist eine der gewaltigsten Naturerscheinungen der Erde, zumal zur Zeit eines Ausbruches. Dann wird der Krater- boden überall lebendig, glühende Massen brechen hervor und steigen langsam an den Wänden des Kraters in die Höhe, einzelne Bomben und Schlacken schieße» durch die Lust, und hie und da spritzen feurige Garbe» und Fontaine» bis zu einer Höhe auf, gegen die die Türme des Kölner Doms zwcrghast erscheinen würden. Di« Lavamassen, die der Krater bei einer einzigen Eruption nach außen ergießt, übersteigen beinahe jede Vorstellung. Selbst ein mäßiger AuS- brach fördert ebensoviel glutflüsfiges Material aus der Riesen- esse an die Oberflüche, als der Vesuv seit den berüchtigte» Tagen von Pompeji und Herculanum ausgestoßen hat. Der berühmte jetzt ver- storbcnc amerikanische Geologe Janics Dana, der zu den hervor» ragcndstcn Begründern des wissenschaftlichen Vulkanismus zu rechne» ist, maß den in, Jahre 1852 aus dein Manna Loa ergossenen Lavastrom zu 32 Kilometer Länge und schätzte seine Masse auf lO'/s Milliarden Kubitfuß, aber schon zwei Jahre darauf trat ein neuer Lavastrom aus den, Krater, der de» vorigen»och um 10 Kilometer übertraf, und im Jahre 1859 entstand gar ei» Strom von 50 Kilometer Länge. Ilm eine Vorstellung von der ungeheuerliche» AnSdehnniig solcher Lavaströme zu erhalten, möge man sich daran erinnern, daß der größte Gletscherstrom der Schweiz, der große Alclfchgletscher, eine Länge von 23 Kilonicter besitzt.— Nach ncneren Mcldnngcn bedecken die Eruptionen des Vulkans Manna Loa die ganze Insel Haivaii mit einer dichten Nanchwolke, die hunderte von Meilen ans See noch bemerkbar ist. Man ist geneigt, diesen VulkanauSbruch mit der rr- nentcn größeren Ausdehnung und Helligkeit der leuchtenden Nacht- wölken in Verbindung zu bringen. Beim Rnsbrnch des Krnkatoa (August 1883) konnten nngewöhnliche Lichlericheimmgen bis in sehr nördliche Breiten beobachtet werden.— Humoristisches. — Bayrische Landtags Wahlen. Bauer:„So schö' Hamm ma's gar nia, als wia vor die Wahlen. Da Pfarra hoaßt ins„treue katholische Christen", da BezirkSanitinann hoaßt ins „Schtützen des Thrones" nnd die„kernige Londbcvölkernng"; bal aba die Wahle» vorbei fan, hoaßcn's ins alle zwoa Wieda„g sck'ecrte Bauernrammcl"."—(„Simplic.") — Gewissenhafte Berechnung.„So, meine Herr- schastcn, das ist die sogenannte„Schöne Aussicht" I" „Ganz hül-sch... aber 5 M. Führcrlohn sind doch ein wenig zu viel für das bißchen Aussicht!" „Ja, hier ist ja nur die Hälfte zu seh'n. Geh'» S' mir mnal auf die and'rc Seit'» von der Hütt'n— da scheu S' auch noch um 2 M. 50."— — Die Tausend-Thaler-Bahn. Als man anfing, in Deutschland Eisenbahnen zn bauen, war der H e r z o g vonAnhalt- Bern bürg einer der wütendsten Hasser dieser„Eisenstraßen; er hielt sein Ländchen jeder Dnrchsiihning einer Bahnlinie streng ver- schlösse». Als er indes eines TageS bei einer Reise in einem benachbarten Staat zum erstenmal ciiic Eisenbahn und deren Betrieb sah, imponierte Screnissiiuo die Sache so gewaltig, daß er sich zn dem Ausspruch verstieg:„Jetzt muß ich eine Eisenbahn i» m c i u c in L a n d h n b e n n n d wenn sie mich tausend Thaler kosten sollte I"— Notizen. — Die philosophische Fakultät der Universität zu Güttingen hat folgende Preisanfgabe gestellt:„Eine Geschichte der Buche rp reise in Deutschland seit Erfindung der Biichdruckerkimst, besonders seit dem Anfang dcS 18. Jahrhunderls." Als erster Preis find 1700, als zweiter Preis 080 M. ausgesetzt.— — ThomaS a K c in p i s(gest. 1471), dem berühmten Mystiker, der die zu den verbreitrtste» Büchern gehörende„Nach- folge Christi" geschrieben hat, soll in seiner Vaterstadt Kempen ein Denkmal errichtet werden.— — Der Maler Hugo König ist im Alter von 43 Jahren in seiner Vaterstadt Dresden, in der er Heilung von einem Herz- leiden suchte, gestorben. Er war eines der thätigfte» Mitglieder der M ü ii ch e n e r Sezession: innerhalb dieser hatte er sich eng au den fciusiuuigcu Landschafter L u d>v i g Dill augcschlosicn. in der kleinen Gruppe der„Dachauer" hat er im Beginn dcS vorigen Jahres auch in Berlin ausgestellt. Sein Gebiet ivar die Landschaft und das Interieur, in dem sich kleine See neu meist aus dein Leben der Kinder abspielen, Bilder von weicher schöner Farbciiftimmung: daß er aber auch sein Ziel iveiter steckte und machtvolle Bilder zu gestalten wußte, ist den Lesern der„Neuen Welt" von dem letzten Neujahrsbilde her bekannt, in dem er die kleinen Töchter des Türmers auf der Plattform des Müncheiier Pctersturmes darstellte, während tief iiiiten die in der düster» grauen Schneedecke versinkende» Dächer der Stadt liegen.— — In WöriShofen wird am 6. Angnst ein Kneipp- Denkmal enthüllt werden.— c. Ein in England lebender Holländer, der sich ausschließlich mit der Züchtung von Nachtvögeln, besonders der Eulen beschäftigt, hat eine Sa nini l n n g von mehr als dreihundert Eulen von allen bckaiiuten Arten. Da die Sammlmig jetzt vollständig ist, hat er eine Raubvogel-Sammlnug niitcrnoimncn.— t. D i e R o s e n e r n t e in Bulgarien ist jetzt beendet, ebenso die Destillation des Rosenöls. Die in diesem Jahre ge- wouuene Menge bleibt tun 200 Kilogramm hinter der des Vorjahres zurück. Die Menge von 200 Kilogramm erscheint gering, da aber jedes Gramm Rosenöl eiucil Wert von etwa 2 M. besitzt, so bcläust sich der Ausfall auf gegen 400000 M. Der Preis für Roscneffcnz ist in diesem Jahre reißend gestiegen, und in allen großen Städte» Europas ist die Nachfrage in Zuiiahme begriffen.— Berannoortlicher Redacreur: August Jacobe» in Berlin. Druck uns Verlag van iliax Babing in Berat.,