Mnterhattungsbkatt des Horwärts Nr. 151. Freitag, den 4. August. 1899 (Nachdruck verboten.) 35) Es lebe die Vtmll: Roma» von C. V i e b i q. Auf dem Weg bis zur nächsten Pferdebahn-Hattestelle sprach man nur von dem Verstorbenen. Sörensen war gereizt und schalt auf Gott und die Welt.„Die Dichterei, ja, alle Kunst ist ein verfluchtes Metier. Es ist am besten, man hängt's an den Nagel und sieht sich bei Zeiten nach was anderem um, das seinen Mann nährt, und wobei man sich nicht die Seele aus dem Leib schindet!" Er fuhr sich über die Augen.„Da möchte man doch— lieber Steine kloppen! Anner Stacke!!" Marie Ritter mußte lächeln trotz aller Betrübnis.„Und doch war Erdmann glücklich!" sagte sie sanst.„Er hat in seinen Träumen gelebt und ist in einem schönen Traum hin- über gegangen. Er hatte Atemnot, Heider und ich unter- stützten ihn.—„Höher, Kodes", sagte er,„so-- ich fliege—— ah, lvie schön!" Wir hielten ihn noch in den Annen, als er längst tot war; wir ahnten es gar nicht, so friedlich war er entschlummert. Er lag da mit einem glück- lichen Lächeln." Marie Ritter reichte Ebel die Hand.„Sic haben ihni so viele Freundlichkeiten erwiesen in der letzten Zeit, Herr Ebel, ihn: Wein geschickt und Früchte— das waren ihm immer große Erquickungen." Elisabeth sah ihren Mann von der Seite an— das wußte sie ja gar nicht I Er war rot geworden. Oh wie gut er war l Sie hing sich fester in seinen Arm; ihr war sehr elend. Eine grenzenlose Traner trug sie im Herzen, sie wußte selbst nicht, um was. Jetzt kam Heider hinter ihnen drein gelaufen, sehr erregt. „Was sagt ihr?!" rief er ganz außer Atem.„Stellt mich da der Kerl! Ist ein Reporter für irgend eine Zeitung, steckt hier die Nase herein, bringt dann eine Notiz und bekonimt seine paar Mark dafür. Muß hier bei dem Sauwetter herumpanschen, damit die guten Spießbürger sich morgen früh beim Kaffee bei der Beschreibung von eines Dichters Beerdigung— ohne Geistlichen, ohne all den ge- wohnten Klimbim— gruseln! Er war neugierig, wie eine Wachtel. Fragte mich aus, ob da nicht irgendwelche nach- gelassene!» Schriften wären, und so weiter, und so weiter. Erfragte, da>var das Ende von weg!" „Du hast ihn doch herausgeschmiffcn?" grollte Sörensen. „Ich meine," verbesserte er sich,„stehen lassen? Solang einer lebt, küinmern sie sich den Dreck um ihn. ist er aber tot. ja dann, jawoll, dann möchten sie das Geheimste ans seinem Schreibtisch herausschurippern. Kodes, Du wirst Dich doch auf so was nicht einlassen?" „Doch!" nickte Heider. Sein blasses, verneintes Gesicht bekam einen getrösteten Ausdruck.„Wenn doch mehr Anfragen kämen I Erdmann würde sich darüber freuen. Er war ein Idealist, es würde ihn» gut thun, daß wenigstens nach seinem Tod nach ihm gefragt wird. Er hat der Mittvelt nie gezürnt, daß sie sich nicht um ihn künimerte, er war nur böse auf die, welche die Kunst mißbrauchten. Ich sehe nicht ein, warum ich nicht alles, was ich kann, thun soll, um ihm die Freude zu machen? I" Sörensen brumncke Unverständliches und dann sagte er: „Am Ende setzen sie ihm noch ein Denkmal auf irgend einer Brücke oder sonst wo. wo es nicht hinpaßt I" Er lachte kurz und trocken. Also tot. tot mußte man erst sein, um beachtet zu werden? l Elisabeths Herz knunpftc sich zusammen, wie im Traum hörte sie die Reden der andere»; sie dachte an ihr eigenes Geschick. Finster grollend sah der Himmel nieder, kein einziges Stückchen voi» klarer Farbe daran, alles wirr durcheinander, grau und schwarz; ringsum eine Einöde und Schmutz und Kälte. Eine trostlose Verlassenheit. An der Pferdebahn-Haltestelle trennte sie sich von ihrem Mann; es war schon»»der Mittag, und er mußte aus seine Bank eilen, er hatte sich nur mit Mühe frei gemacht. „Fahre rasch nach Hause," sagte er besorgt zu ihr.„Du siehst angegriffen aus; ziehe trockene Schuhe an. ich bitte Dich!" Seine Blicke suchten in ihr Inneres einzudringen. „Mach' nicht so verzweifelte Augen!" stieß er plötzlich hestig hervor. Machte sie denn verzweifelte Augen? War es schon so weit mit ihr. daß man ihr die Verzweiflung vom Gesicht ab- las? Sie zwang sich zu einem Lächeln, und hielt es die ganze Zeit über während der Fahrt in der Pferdebahn fest. Sie wußte nicht, wie traurig dies Lächeln aussah— Augen, die wie erloschen immer vor sich Hinblicken, eine vornüber geneigte Gestalt, herabgezogene Mundwinkel, die Gesichtsfarbe sehr bleich— und dann dieses Lächeln! Was sollte sie zu Hause? Ihr Stück war fertig, aber sie hatte keinen Mut. es jemandem einzureichen. Sie fühlte, wenn man ihr diese Arbeit tadelte, gar zurückwies— das würde sie nicht überleben, nein, das nicht! Es war ein Teil von ihr selbst, ein Stück ihres Herzens, Blut und Schmerzen— ihr Glaubensbekenntnis. Wenn man das zurückwiese, woran sie so gearbeitet hatte, Tag und Nacht — wenn man das mit einem kritischen Lächeln beschallte, was ihr heilig war, es gar verhöhnte— nein, das konnte sie nicht ertragen! Lieber hielt sie es verborgen in dem geheimsten Winkel ihres Schreibtisches, sagte keinem etwas davon, zog es nur bei verschlossenen Thüren hervor und hielt dann Zwiesprache mit ihren» Werk, berauschte sich daran und wiegte sich in übertriebenen Hoffnungen. Nein, nein, es heimlich halten, es keinem verdammenden Urteil aussetzen l Dann würde sie selbst verdammt sein. Und doch, Ruhe hatte sie auch so nicht. Immer schwebte es ihr auf der Zunge, davon zu sprechen; sie hatte schon die Lippen geöffnet, da hielt eine Scheu sie im letzten Augenblick zurück. Es prickelte ihr in den Fingerspitzen, das Manuskript hervor» zuholen:„Seht, das habe ich geschrieben!" Ach, es war eine Qual! „Sie sehen so sehr blaß aus," sagte Heider. Er hatte sie begleitet; wie ehemals gingen sie mit einander über die Straße.„Sie sind doch nicht krank?" Sie schüttelte den Kops.„Nein, nicht körperlich krank, aber" und dann brach es plötzlich aus ihr heraus mit Sturmes- gewalt—„ich leide!" Sie glaubte sich in jene erste Zeit fröhlicher Kameradschaft wieder zurückversetzt, in der sie ihm gegeirüber mit ihrem Vertrauen nicht zurückgehalten; sie erzählte ihn» von ihrem Stück, von ihren Qualen, und sie schloß:„So habe ich denn kein Vertrauen mehr zu meiner Arbeit. Zu all dem, was ich gelitten habe— wer kann die tausend Qualen nennen! ist noch der Zweifel gekommen, und der ist schrecklicher als alles andere l" Sie riß sich den Schleier herunter, mit einem unterdrückten Schmerzenslaut hielt sie die Hand an die Stirn. „Manchmal glaube ich, ich werde verrückt!" „Lassen Sie mich Ihr Stück lesen!" sagte er dringend. „Und wenn Sie es tadeln? l" Sie sah ihn mit glühen- den Augen an. „Lassen Sie es mich nur lesen!"" „So kommen Sie gleich, gleich— Sie sollen es gleich lesen!" Sie faßte seine Hand und riß ihn mit sich über die Straße.„Wir dürfen keine Zeit verlieren, fetzen Sie sich in mein Zimmer, lesen Sie es da. Ich will warten, bis Sie es gelesen haben, eine Stunde, zwei Stunde»— ich habe schon so lange gewartet, rasch, rasch!" Er folgte ihr willig; hier war keine Zeit zu verliere«, das sah er. Das Wasser ging ihr bis an die Kehle.— Er saß an ihrem Schreibtisch und las, von der kleinen Lampe hell beleuchtet. Sie hockte in einem Winkel des Zimmers ganz im Dunkel, müßig die Hände im Schoß zu- sammengekrampft und beobachtete ihn, belauerte seine Mienen; bei jedem wohlgefälligen Nicken atmete sie tief auf. Es war ganz still im Zimmer; man hörte nur das Wenden der Blätter und leise zitternde Atemzüge. Draußen wurde es ganz dunkel; hier innen stand die Zeit still. Anfänglich war es Heider sehr schwer geworden, mit Aufnierksanlkeit zu lesen, seine Gedanken»vandelton einsame Wege zurück zum öden Kirchhof im sturmdurchbrausten Feld; bald— er hätte es nicht für möglich gehalten— waren all seine Gedanken, all seine Empfindungen hier bei diesen Worten. Er las und las, er war im Bann; eine große Leidenschaft schlug ihm aus diesen Blättern entgegen, ein helles Flamme�- fcuer loderte, eine wilde Anklage reckte die Faust. Da war Kraft da war Empfindung, da war ein verzweifeltes Ringen, und da war ein Sieg I Es wurde ihm kalt, und es wurde ihm heiß, seine Seele wurde mitgerissen; er vergaß alle Kritik. Er atmete rasch und erregt, und dann sprang er auf— jetzt war er zu Ende. ..Frau Ebel l Elisabeth I" Sie kam aus dem Winkel auf ihn zu, groß, schlank, die Füße mühsam voranschiebend.„Nun?" Alles, was an Spannung. Erwartung und angstvoller Hoffnung möglich ist, war in dieses Wort gepreßt.„Nun?!" Er faßte stürmisch ihre Hände.„Famos I!" All seine alte Frische war wieder da.„Ich freue mich, ich freue mich von Herzen I" Er schüttelte ihre Hände.„Das haben Sie gut gemacht, s o wollte ich Sie haben, voll, groß, ganz! Ich" — er bückte sich und. was er sonst nie gcthan hatte, er küßte ihre Hand—„alle Achtung! Bravo! Bravo!" Was war das für ein wundervoller Klang! Ein himm- lischer Klang, der Kranke gesund macht und Tote wandeln heißt. „Sie sagen das?!" Gierig sah sie ihn an. sie wollte sie noch einmal hören, diese seligmachcnden Worte.„Sie tadeln nnch nicht? I" Sie beugte sich vor und hin an seinen Lippen; auf einmal war sie wieder jung, schön und blühend. „Jetzt wage ich es nicht mehr. Sie zu tadeln!" Er lächelte.„Sic sind mir zu groß geworden, Frau Elisabeth! Freuen Sie sich, ich freue mich mit Ihnen!" Sie stand noch immer lauschend, mit vorgencigtem Kopf, als könne sie nicht genug hören; man sah es ihren Lippen an. daß sie schlürften, Genesung tranken. Ihre Augen leuchteten. „Oh, Sie!" Sie atmet, e als sollte ihr die Brust springen. „Sie geben mir das Leben wieder, ja, Leben, Glück, Ge- sundheit! Oh Sie!"— Sie trat Plötzlich ganz dicht an ihn heran, ihre Augen streiften ihn strahlend.— nun fühlte er einen Kuß auf seiner Wange.„Ich danke Ihnen — danke Ihnen!" Sie lachte und weinte.— Draußen hatte es geklingelt.„Da kommt Wilhelm!" Sie stürzte nach der Thür, ihre Bewegungen waren rasch, mädchenhaft leicht. Schon war sie hinaus, schon hing sie dem Gatten am Halse.„Wilhelm l WUhelm I" schluchzte sie. „Was ist denn geschehen? I" Man sah es Ebel an, er war nicht gewohnt, mit einer Freudenbotschaft empfangen zu werden.„Warum weinst Du, Elisabeth?" „Vor Freude, nur vor Freude!" Was sie lange nicht gethan hatte, sie küßte ihn und zog ihn in die Stube hinein. „Hier, frag ihn l Wilhelm, ich bin wie erlöst I Es ist gut — oh. die Qual— mein Stück—!" Sie sprach mit fliegendem Atem und ließ ihren Mann nicht los; blindlings tastete ihre Hand nach Heider.„Sagen Sie's ihm— er wird sich ja so freuen!— So sagen Sie's ihm doch l" Heider war zurückgewichen; ein seltsames Gefühl zog sein Herz zusammen.— er sah die Frau inimer noch in den Armen des Mannes.„Ich gratuliere!" sagte er gepreßt. „Hörst Du's? Hörst Du's nun? l" Elisabeth lachte, so voll, so sonor.„Nun bist Du überrascht, ich habe ein Stück geschrieben, es ist gut. es wird ausgeführt werden, nun kommt der Erfolg, nun ist die böse Zeit vorbei! Freue Dich!" Sie lachte wieder. Ebel fühlte ein wehmütiges Entzücken; so hatte sie lange nicht gelacht, das war das alte, siegesfrohe Lachen. Er preßte sie fester an sich, und dann nahm er ihren blonden Kopf zwischen beide Hände und beugte ihn etwas zurück. Er sah ihr in die Augen.„Warum hast Du mir denn nichts davon gesagt?"" Sie zivinkerte mit den Lidern und wurde purpurrot. „Ich � ich wollte—" sagte sie unsicher—„ich wollte erst eine Gewißheit haben. Ich"— ihre Miene wurde düster— „ich hätte ein Mißlingen nicht ertragen." Wie ein plötzliches Erinncrn zog's über ihr Gesicht.„Ich hätte nnch vor Dir geschämt," flüsterte sie. Sein Blick glitt fragend zu Heider. Dieser hatte sich mit dem Manuskript zu schaffen gemacht; als er Ebels Blick auf sich gerichtet fühlte, sagte er:„Das Stück Deiner Frau ist ausgezeichnet. Der Erfolg ist sicher!" Er legte die Hand fest auf die Blätter.„Das ni u ß wirken!" Ebels Gesicht war von einer strahlenden Freude wie der- klärt, er zog seine Frau wieder an sich.--- Sic ließen den Freund heute nicht fort, er mußte mit an ihrent Tische sitzen. Es verlangte Heider, allein zu sein, und doch mochte er sich nicht trennen, er konnte den Blick nicht von Elisabeth lassen.— Das war wieder das Mädchen. an das er heinilich viele Lieder gerichtet, die er niemandem gezeigt hatte und die er niemals veröffentlichen würde. Elisabeth trug noch das schwarze Kleid vom Begräbnis her; ihre durchglühten Wangen und ihre schimmernden Haare hoben sich reizvoll darüber. Wie sehr verschönt das Glückt Elisabeth sah das selbst im Spiegel.„Glück ist Erfolg!" dachte sie und nickte lächelnd ihrem Spiegelbild zu. „Hast Du keinen Wein mehr?" fragte sie ihren Mann. „Laß uns trinken, trinken; ich bin schon wie im Rausch!" Sie sprach aufgeregt:„Gieb nur Wein her, laß uns anstoßen. Es lebe der Erfolg!" Ebel sah zögernd auf Heider. Würde es ihn nicht ver- letzen? Aber Heider nickte zustimmend. So ging er und holte eine Flasche; es war alter Rhein- wein, firn und feurig.„Ich hatte sie noch für Erdmaun ge- kauft", sagte er leise, als er sie entkorkte.„Das erste Glas zu seinem Gedächtnis!" Hcider stand auf und hob sein Glas mit einer gewissen Feierlichkeit, golden perlte der Wein. „Ans den Erfolg der Lebenden und des Toten!" sprach er stark.„Hoch, dreimal hoch I" lFortsctzuug folgt.) Aenrs iiltvv Spinoza. Wenn jemals die Lehre eines Philosophen»nr anS seinem Leben mit zu begreifen und zu verstehen ist, so bietet Spinoza viel- leicht den typischtc» Fall hierfnr. Die tiefe Wirlnng seiner philo- sophischen Schriften beruht zum großen Teile auf dein Interesse, das wir an dein Menschen Spinoza nchiiien: hinter jeder Zeile taucht die Gestalt des Mannes ans, dessen schlichter Charaktergröße und Seelenreinhcit aller Schmutz der Verleumdung und des Hasses nichts anhaben konnte. Schon sein zweiter Biograph, der lutherische Prediger Johannes Colcnis, muß in der 1703, also noch nicht 3l) Jahre nach des Philosophen Tode erschienenen Biographie mit einer Menge Lügen und Berlcnmdungcn anfrännien, die fanatische Feinde zusammengctragci» hatten, lim so größeren Dank hat sich I. Frendcnthäl mit seinem unlängst erschienenen Buche") er- worden, das eine Fülle neuen Materials über Spinozas Lebens« gcschichte bringt. Die Familie des Philosophen tvar, Ivie sich anS den neu aufgefundenen Urkunden crgiebt, durchaus nicht arm, zählte vielmehr zu den angesehensten in der Amsterdamer Juden- gemeinde. Auffallend ist die Verschiedenheit in der Schreib- ivcise des Namens;»na» liest durcheinander Espinoza, Espinosa, de Espinoza, de Spinöse, Spinoza. Spincosa und so fort. Ein Zweig der Familie hatte sich in Portugal taufen lassen und ivar geadelt worden. Großvater und Vater Spinozas waren Vorsteher der Gemeinde, und es ist ganz selbstverständlich, daß er in die Gemeindcschule, die de» Stolz aller Glanbeusangehörigen bildete, geschickt wurde. Seine Lehrer waren hier zunächst zwei fromme. gelehrte Rabbi, von denen der eine dann über den Schüler den Bannfluch aussprechen mußte. So sehr empfand man das als un- verdiente Schmach des alten Lehrers, daß aus seinein Schüler- Verzeichnis der Name des Gebannten gestrichen wurde. Noch au zwei Lehrern haftet ein besonderes Interesse. Der eine, der ge- feierte Rabbi Maua sie, wurde selbst, wenn auch nur vorüber- gehend, in den Bann gcthan, weil er in einen Konflikt mit dem Gemeindevorstand geriet. Man sieht, in jener Zeit ivar der Bannfluch ei» nicht unbeliebtes Mittel, einen unbegnenicn Gegner zum Schiveigcu zu bringen, und je ohnniächtiger die Jndengemeinde »ach außen hin ivar. desto schärfer suchte sie das Regiment im Kreise ihrer Glaubensgenossen zu handhaben. Der andere Lehrer, von dessen „verderblichem'' Wirken ans seine Schüler froinme Seelen, nicht genug zu erzählen wissen, ivar ein christlicher Arzt, namens Van den Enden. Von diesem„berüchtigten Lehrer und Arzt" sagt Colerns: „Er unterrichtete zu dieser Zeit in Amsterdam mit großem Ruhme die Kinder vieler der vornehmsten Kauflente, bis man endlich bemerkte, daß er seinen Schülern noch etwas mehr als Latein, nämlich Samen und Anfangsgründe der Gottlosigkeit einzuflößen suchte. Dieser mit so übler Nachrede bedachte Arzt wurde in Frankreich 1674 tvcgen revolutionärer Umtriebe zum Galgen verurteilt. Wie weit Spinoza unter dem Einfluß des frei- denkenden Lehrers stand, läßt sich nicht nachweisen. Jedenfalls wurde es mit auf seinen Lehrer geschoben, wenn er soivcit in seinem „schändlichen Treiben" ging, daß 1636 über den dreiunddreißig- jährigen Mann der Bannflneb ausgesprochen wurde. Man hatte den Arglosen mit Spione» umgeben, die jedes Wort hinterbrachten, das geeignet schien, Stimmung gegen ihn zu machen, und so kam der ") Die LcbciiSgcschichte Spinoza?, in Quellenschriften, Urkunden und nichtamtliche» Nachrichten.(Leipzig, Verlag von Veit u. Comp.. 1896) Bann zu stände, der ihn von jeder Gemeinschaft«usschloß. Wieder- holt hatte man Spinoza Geld angeboten, wenn er wenigstens noch äußerlich seine Znsammengchvrigieit zum Glauben bekunden wollte; mit Verachtung wies er das Anerbieten zurück. Mit Gleichmut ertrug er die Pein des langsamen Verfahrens, das zweimal dem„Reuigen" Gelegenheit bot, seine Sünden zu bekennen. Nach gefälltem Urteil litt es Spinoza nicht mehr in der Stadt; er nahm seinen Aufenthalt in der Nähe derselben, zuletzt im Haag. Man braucht den Fanatismus jüdischer Glaubenseiferer nicht zu linterschätzen, wenn man nach Einsicht des jetzt neu vorliegenden Materials zu dem Schlüsse gelangt, daß Spinoza am meisten nicht unter der Verfolgnngssucht der jüdischen Gemeinden, sondern unter der Unduldsamkeit fremder Konfessionen, allen voran der protestantischen, zu leiden hatte. In Voorbnrg, wo er Mitte der sechziger Jahre Wohnung genommen hatte, brach in der protestantischen Gemeinde ein Z" ü wegen Besetzung der Predigerstelle aus. Das genügte der ein.... Partei, Spinoza in den Streit zu ziehen und feinem Einfluß auf die Gegenpartei den ganzen Hader zuzu- schreiben, weil sein Hanswirt ihr znfnllig angehörte. In einer Eingabe an die. vorgesetzte Behörde heißt es: „Zu bemerken ist, daß der vorgenannte Daniel Thdeman in seinem Mictshanse einen Spinoza bei'sich wohnen hat, der, von jüdischen Eltern geboren, Ivie gesagt wird, ein Atheist ist oder ein Mensch, der aller Religion spottet, und ei» schädliches Werkzeug in dieser Republik, wie viele gelehrte Männer und Prediger... bezeugen können. Er hat das den Herren Bürgermeistern übergebene Gesuch.. geschrieben." Als ob Spinoza nichts besseres zn thun gewußt hätte! Gerade zn jener Zeit war er mit der Abfassung des„theologischen- politischen Traktats" beschäftigt, der ihm unausgesetzte Verfolgungen eintragen sollte. Schon vor Erscheinen des Buches galt der Verkehr niit ihm als belastend. Seinem Freunde. Dr. Adrianus Koerbagh, wurde wegen eines selbstvcrfaßten Büchleins,„Der Blnmenhof" der Prozeß gemacht. Durchaus wollte man von dem Angeklagten das Geständnis erziele», daß Spinoza ihm dabei geholfen habe; und da nian nicht beide fassen konnte, so hielt mau sich an dem einen schadlos und verurteilte ihn zn zehn Jahren Gefängnis, zehn- jähriger Verbannung und 6000 Gulden Geldstrafe. _ Man wird es jetzt nur allzu begreiflich finden, wenn Spinoza in seiner Schrift die äußerste Vorsicht walten ließ und die holländische Ausgabe unterdrücken wollte. Aber nichts half ihm. Kaum tvar der Traktat erschienen, so ging die Hetze loS. Den Neigen eröffnete der Amsterdamer Kirchenrat mit seiner Bcschtverde an die Regierung. ihm folgten so ziemlich alle religiösen Behörden von Nord- und Südholland. In allen Tonarten wird über das„schlechte und gotteslästerliche Buch" und seinen schändlichen Verfasser gc- klagt. Die Verfolgnngswut legte sich eigentlich niemals. Als nach dem Tode Spinozas einiges ans seinein Nachlasse veröffentlicht wurde, nahm man den Kampf gegen den Toten mit erneutem Eifer wieder auf; und damit auch die Vertreter der Wissen- schaft nicht fehlten, faßten die Kuratoren der Universität Leiden einen Beschluß, in dein sie die„Oxora posthuma", welche viele sehr schänd- liche, gottlgse und heterodoxe Ansichten und Folgeriingen enthalten, geeignet, die ganze christliche Religion und viele von den Artikeln de? Glanbens umzustürzen und für einfache Menschen den Weg zum völligen Atheisnius zu bahnen" verboten. Der Besitz dieses Buches wurde mit hoher Strafe belegt. Daß Spinoza, abgesehen von der steten Furcht, in der zu leben er vcnirteilt war, nicht allzuviel zu leiden hatte, lag an der Haltung der Regierung, in der er einfluß- rcilbe Freunde und Sckiülcr haite. Man ließ Akten- stücke mit ungünstigen Gutachten verloren gehen, oder begrub sie in einer Kommission; wurde endlich doch ein Beschluß ßegen Spinozas Bücher durchgesetzt, so betrieb nian die Ansführung so lässig, daß es unaufhörlich Beschwerden der Frommen regnete. Erst als Wilhcin III. zn immer größerer Macht kam, wnrdejnmi mit der Regierung zufriedener; nur der Tod beschützte 1677 Spinoza vor persönlichen Strafen. Die Unfreiheit seiner Zeit lastete ans ihn,; so gern er vielleicht de» Ruf als Professor der Philosophie nach Heidelberg angenonnnen hätte, so mußte er doch ablehnen, tvcil ihm die Freiheit des Lchrens nur so weit zugestanden wurde, als er nicht mit dem Glauben in Konflikt gerate; und wie leicht er solchen Konflikten ungcivollt ausgesetzt war, sah er deutlich genug in seiner Heimat. So lebte er für sich allein, als Glasschleifer seinen bescheidenen Unter- halt gewinnend, ganz seinen Studien, für die uns manchen Finger- zeig ei» jetzt aufgefundenes Bibliothcksvcrzcichnis für die Nachlaß- Verhandlung giebt. Seine Büchersammlung war klein, aber viel- scitig, so daß man nicht mehr sagen kann, Spinoza wäre ein großer Denker, aber kein großer Gelehrter gewesen. Auffallend ist nur der Mangel an historischen Schriften in der Bibliothek. Doch läßt sich daraus kein sicherer Schluß ziehen, da seine Freunde nach seinem Tode vieles ans der Bibliothek an sich»ahmen, um cS nicht in die Hände seiner Familie geraten zu lassen, mit der er nichts gemein hatte als den Namen.—— pbil. Klpines Feuillekon. o. Vor der Heimat. Was sie tvohl sagen würden, wenn sie . ihn so sähen? So verkommen. mit ansgefrnnzten Hosen und schmieriger, zerfetzter Jacke, mit Stiefeln, die er»ur noch über der Schulter tragen konnte, ohne Kragen und Halstuch, nur mit dem schmutzigen Hemde.„Na ja, also darum hqt er so lange nichts von sich hören lassen", würde seine Schwester sagen, und dann würde sie ihn nach der Waschküche schicken, damit er sich dort bade. Die Kleider müßte er verbrennen, heimlich würde sie ihn, neue kaufen, und nirgends dürste er erzählen, wie schlecht es ihm gegangen. Ja, bis es dunkel geworden, mußte er wohl warten, ehe er in den Ort hinabginge. Seine Schwester würde sich seiner sonst zn sehr schäme». Die Sonne brannte auf den baumlosen Sandtvcg, der sich den Hügel hinaufzog. Die Sohlen der nackten Füße schienen geröstet zu werden von dem heißen Sand— aber als er sich ausmalte, wie sie ihn empfangen würden, daß er als Bettler wiederkomme, über» rieselte es ihn, als führen ihm kalte Eisspitzen den Rücken hinab. Jetzt so plötzlich vor sie hintreten, Ivo er doch im Winter nicht zn schreiben gewagt hatte, daß er keine Arbeit finden könne? Und später erst recht nicht, als ihn niemand beschäftigen wollte, weil er zu heruntergekommen aussah. Mit dieser Frage ging er die letzten Schritte hinauf bis zum Scheitel des Hügels. Die Ebene lag vor ihm. In rundlichen Stufen senkten sich die Hügel ins flache Land. Aus vereinzelten Gruben blickte das helle Gelb des Sandes. Schroffere Hänge waren mit blauem Unkraut übersät, aus dem das lichte Weiß junger Birken leuchtete. Drüben, wo der letzte Absatz des Hügelrandes in» flache Land griff, mühten sich Pferde vor einem Pfluge auf schrägem Acker. Dort hinunter ging der Weg im Zickzack an Bauernhöfen, Ziegeleien und Schnapsbrennereic» vorbei nach dem Heimatsorte. Die städtischen Häuser, die Brauerei und die kleine Fabrik erhoben sich über die Baucrnhiitten. Und da glitzerte der mit wuchernden Weidenbüschen berandcte Fluß. Und die große Pappelchaussee, die nach dem nächsten Bahnhof führt— und Pastors Obstgarten, dieser für tüchtige Kletterer stets bereit stehende Naschkorb— und Mielcckc's Tischlerei, wo es immer die Stangen zu Stelzen gab, und wo er später lernte I... Das allerletzte Haus, dessen Ziegeldach kaum aus den Obst- bäumen herauslügen konnte, war das Hans seiner Schwester. Die hatte es vom Vater Übernommen und wirtschaftete jetzt mit ihrem Manne drin. Wie gut das thun müßte, wieder in der sauberen Giebelstube schlafen zü können, pünktlich am Tisch zn sitzen nnd jeden Sonnabend im Waschhaus zu baden I Und dann zu arbeiten I Früh auf. im Garten nachsehen und in der Werkstatt so ein recht kunstvolles, derbes Stück Arbeit liefern mit seiner ganzen Wucht und Feinheit. Er wollte schon den Weg hinabsteigen. Da fühlte er wiederden Schmelz im Rücken, zwischen den Schultern. Und er besah seine zerrissenen Hosen, die schmutzige, zerschlissene Jacke— das löcherige Hemd brannte ihm auf dem Körper. Voll heißer Scham stieg er den Hügel auf der anderen Seite hinab. Seine Beine zitterte», und es durchzuckte ihn mehrmals, >vie wenn es ihn zurückzöge, zurück ins Heimathaus. Aber nur nicht s o vor alle Verwandten und Bekannten hintreten, nicht so heruntergekommen-- — Panther nnd Pfau. In Indien erzählt man allgemein. daß zwischen Panther nnd Pfau gewisse gehciinnisvolle Beziehungen bestunden; der Panther habe die Macht, den Pfau zu bezaubern, so daß er still sitzen bleibe und ihn schließlich mystisch in sich auf- nehme. Man hat sich bemüht, diese mythische Einheit von Pfau»nd Panther aus der Ucbcreinstimmnng der Zeichnung zu erklären; der Körper beider ist mit Augen übersäet; beide können gewissermaßen als Argus und Sinnbilder des gestirnten Himmels gelten, der Panther auf der Erde und der Pfau in der Luft. Vielleicht aber stehen auch beide in einem gewissen Vertrauensverhältnis. ähnlich wie Krokodilswächter und Krokodil, Madenhacker und Nashorn, KönigsHnHn und Steinbock, so daß sie sich gegen- seitig lvarnen und andere Dienste leisten, aber nicht fürchten. Darauf scheint der Bericht eines englischen Beobachters M. Tytler hin- zudcntcn, der eines Tages auf der Pfancnjagd sich ganz nahe an einen Pfau heranschleichen konnte, der gar keine Notiz von ihm nahm und unvertvandt, wie bezaubert, nach einein vor ihm befind- lichen Dickicht blickte. Der Jäger faßte nun seinerseits dieses Ge- büsch ins Auge und war nicht wenig erstaunt, einen Panther daraus hervortreten zn sehen, der vorsichtig an den Bogel heranschlich. Die Sache schien um so erstaunlicher, als der Jäger wußte, daß es in dieser Gegend sonst keine Panther gab. Aber es tvar nicht Zeit, zu erstalnien; der Jäger nmßte versuchen, das Zwielicht auszunutzen, erhob sein Gewehr nnd richtete es auf den Panther, der sich zu seinem Schrecken auf den Hinterfüßen erhob und ihm mit bebender Stimme in der Landessprache zurief:„Mein Herr, nicht doch, schießen sie nicht l" Im ersten Augenblick glaubte der Jäger den Verstand verloren zu haben, und alle indischen Märchen von deu Werwölfen, die dort in Ticrgcstalt auftreten,»ingaukelten seine Sinne. Aber seine Aufregung war glücklicherweise iiur von kurzer Dauer, denn das Tier, welches er vor sich hatte, ließ plötzlich seine Haut fallen, und vor ihn stand ein eingeborener Jäger, der als Panther verkleidet, sich auf der Pfanenjagd befand, weil man, wie er sagte, sich unter einer Pantherhaut direkt an den Pfau heran- schleichen könne. Manchmal könne er ihm unter diesem Fell so nahe kommen, um ihm mit der Hand greifen zu können, jedenfalls ließe der Pfau den venncintlichen Panther so nahe kommen, daß dieser ihn mit seinen Pfeilen erlegen könne. Man erkennt, wie obige Bezaubernngsnlärcheu entstanden sind.— („Prometheus".) Musik. Im Schiller-Theater kam am Mittwoch die. keiner Charakterisierung mehr bedürfende Oper.Margarete"(Faust) doii G o u n o d zur Aufführung, mit Herrn Simeon Lu g arti als Gast in der Tenorpartie des Faust.— Es ist recht traurig, über einen Kunstjünger zunächst aburteilen zu müssen, der so manches Schöne geleistet, und bei dem noch viel.drinnen" steckt. Co konnte man gleich am Anfang durch den sympathischen schönen Ton und die zum Teil recht gilt gebildete Stimme erfreulich überrascht werden. Doch bald zeigten sich die Lücken. Einzelne Töne der Mittcllage klangen schwach und hohl. ein piano gab es überhangt nicht, die Höhe war zwar manchmal sehr schön, oft aber herausgeschrieen(woran wohl die steigende Depression des Künstlers nicht wenig schuld gewesen sein mag). Nun erst das Spiel I Lugarti scheint zu dem Typus derer zu gehören, die erst lernen müssen, zu sühlcn, was sie singen, und dann hinwieder von fich zu geben, was sie fühlen. Dem Künstler wäre zu raten, day er fich erst einmal an einen Meister der Schauspielkunst lvcnde und dort lerne,.aus sich herauszugehen", richtige Bewegungen und wenigstens ettvas Mcnenspiel zu treffen. Dann wird ihm wohl mich da? Stimmliche bester glücken, zumal sobald er musikalisch ganz sicher ist und nicht mehr so sehr vom Kapellmeister abhängt. Rnr Mut! Es steckt hier so manches verborgen, das zu schönen Hoffnungen berechtigt.— Ein dargebotenes Bouquet lehnte der Künstler anscheinend ab. Marie v. Tergow spielte und sang das Gretchen mit Hingabe. Hervorragend spielte Josef Fanta den Valentin; seine sympathische und gnt geschulte Stimnie nahm von vom herein für ihn ein. Oskar v. Lauppert führte die schivierige Rolle des Mephistophelcs(die für seine Stimme etwas zu tief liegt) recht gut «ms. Erivähnt sei noch Josefine Vettori, die den Sybel mit recht frischer Stimme und belebtem Ausdruck spielte.— c. s. Archäologisches. kg. Die Ausgrabung einer prähistorischen Stadt. Der soeben erschienene„Jahresbericht der britischen Schule in Athen" enthält einen Ueberblick über die Forschungsergebniste der Ausgrabungen auf der Insel M e 1 0 s. Diese Ausgrabungen sind von der größten Wichtigkeit, weil sie uns das Bild der prähistorischen, dormhke nischen Kultur, durch mehrere Jahrhunderte hindurch unmittelbar vor Augen führen. Die alte Hauptstadt der Insel, Phylakopi, ersteht vor unseren Augen wieder an» ihren Ruinen. Wir sehen, wie der vorgeschichtliche Mensch von den einfachsten archi- tektonischen Anfängen zum Befestigungsban übergeht, wie er die Vorzüge seines Landes auszunutzen versteht und allmählich in Phylakopi einen Soßen Exporthandel entwickelt. Die Ausgrabungen von Phylakopi tvurden on 1897 begonnen: aber erst die Ausgrabungen des letzten Jahres unter der Leitung von Hogarth haben eine nnerlv'artete Fülle von Material ergeben. Die Forschungen wurden wesentlich dadurch erleichtert, daß die Ruinen von Phylakopi nicht überbaut worden sind, sodaß alles «m dieser Stelle Gefundene von vornherein der vomrykeuischen Periode zugeschrieben werden konnte. Nach Hogarth verdankt die alte Hauptstadt der Insel ihre Gründung der industriellen Ausnutzung eines vulkanischen Minerals, des Obsidian(GlaSlatva). Von den frühesten Zeiten, durch die Bronzezeit bis zur Eisenzeit, muß Glas- Iowa von Melos nach allen umliegenden Küsten und Inseln exportiert worden sei». Eine merkwürdige prähistorische Industrie haben wir hier vor uns. für die Melos das Monopol im levantischen Handel ge- habt zu haben s«bcint. Waffen und Werkzeuge vonObfidian wurden augc- fertigt und von Phylakopi exportiert. Nach Hogarth verfügte die Stadt auch einst über einen flachen Schutzhase» von beträchtlicher Größe, der jetzt ausgetrocknet ist. Infolge des großartigen Exporthandels lassen sich auch die Spuren fremder Einflüsse und Produkte in Phylakopi verfolgen. Es scheint sogar, daß dieser Punkt am ge- eignetsten ist,»in, über Kreta und die cykladische Inselwelt in ihrer prähistorischen Epoche neue Auffchlüsse zu erhalten. Die Blütezeit der Insel ist erst überschritten, als Bronze und Eisen die Obsidian- Gegenstände aus dem häuslichen Gebrauch verdrängen. Phylakopi geht allmählich durch die Ueberflutung mit mykcnischem Import zu Grunde. Innerhalb der Blüte aber lassen sich drei Perioden in der Enttvickelung der Stadt nach ihrem architektonischen Charakter unterscheiden. In der frühesten Zeit ist sie eine Neine Niederlassung, in der schon— aber mehr vereinzelt— Werkzeuge aus Obsidian gefunden werden. In der zweiten Periode stellt sie sich schon als eine große Obstdianwcrkstatt dar, die große Fortschritte in der Manufaktur aufweist: aber noch immer zeigt sich keine Spilr von Befestigungen. Erst in der dritten Epoche ist eine von Mauem umgebene Stadt mit imposanten Be- festigungen entstanden. Von besonderem Interesse ist in dieser Zeit die vorgeschrittene Innendekoration. Eins der blotzgelegtcu Häuser hat Zimmer mit schönem, weißem Wandstuck bedeckt, der ganz modern »virkt. In einem der Rälnne find Wände und Decke in einem reinen Weiß gefärbt, in einem andern ist alles in einem reichen Karmesin- rot gehalten. Auf dem Karmesinboden sind Pflanzen- und Blumen- musler in Weiß und Gelb gemalt. Einige Fragmente von weißein Stuck find init lebensvollen Darstellungen des glänzend-farbigcn fliegenden Fisches dekoriert, der in der vörmykenischen Ornamentik eine große Rolle spielt. ES ist zweifellos, daß dieses eigentümliche Hans vor- mykenisch ist. Auch einzelne Entdeckungen von großem künstlerischen Interesse find gemacht worden. Vor allem ist eine seltsame„Fischer- Vase" zu eriuähnen. Sie hat eine pfeifenartige Gestalt und ist mit vier notdürftig bekleideten Figuren bedeckt, die Fische in der Hand tragen. Dazwischen ist ein Muster von Epheu-Blättern. Es ist viel- leicht die interessanteste primitive Vase, die uns aus dieser Zeit er- halten ist. Sie gehört zwar schon in die Periode der mykenischen Ansiedelung und wurde in einer Tiefe von nur 80 Centimeter auf- gefunden: aber der blasse gelbe Thon und die Arbeit kennzeichnet sie noch als ein einheimisches Werk der Insel Melos. Es geht daraus hervor, daß die einheimische Industrie den Einfluß fremder Produkte auch noch in der mykenischen Zeit überlebte.— Meteorologisches. — Der Scirocco,!der unlängst ganz Nordafrika heim- suchte, ist, wie der„Voss. Ztg." aus Tunis geschrieben wird, in den meteorologischen Annalen ohne Beispiel; er trieb am Sonntag, den 23. Juli,' die Temperatur und die Trockenheit der Lust auf eine noch niemals vorher beobachtete Höhe. Durch dichte Nebelbildung kündigte er sich in Algier am 18. und 19. an und begann in der Nacht vom 20. zum 21. Am Sonnabend stieg das Thermometer aus 41 Grad im Schatten und ans 64 Grad in der Sonne; in der Nacht zum Sonntag zeigte es zwischen 27 Grad und 32 Grad an, bei Sonnenaufgang erhitzte sich die Lnstmasse schnell»md erreichte 40 Grad um 9 Uhr, 44,5 Grad im» 11 Uhr»md das Maximum von 46.2 Grad um l1/* Uhr nachmittags im Schatten; zu dieser Zeit ist die Feuchtigkeit fast gleich Null und die Sonnenstrahlen ans dem selbstrcgistrierenden Apparat erreichen 63 Grad. Sieben Stunden lang bleibt die Tempe- ratur der Luft über 40 Grad im Schatten, stehendes Wasser zeigt 42 Grad, der Erdboden in einer Tiefe von 10 Centimetern 40 Grad. Die Trockenheit der Lust bringt die Früchte gewisser Pflanzen zum Platzen, die des Acanthns thun es mit hörbarem Knall,»md die Kerne werden mit großer Heftigkeit umhergeschlcndert, die den direkten Soimenstrahlen ausgesetzten Blätter werden geradezu verbrannt und zeigen schwärzliche Färbung, am schlimmsten zeigt sich diese Wirkung in den Weinpflanzungen, ivo die Traube», wenn nicht zerstört, in ihrer Reistmg beeinträchtigt werden.— Humoristisches. — Darum.»Warum weinte denn Martha so jämmerlich?" fragte Elschens Papa, als l.e Kleine vom Garten hereinkam. „Sie hatte ein großes, großes Loch gegraben im Garten, und ihre Mama loollte' ihr nicht erlauben, es mit ins Haus zu nehmen."— — Was man so sagt.»Ich habe gestern mein erstes kaltes Bad genommen: es tvar famos... Das Wasser ivar sehr>v a r ,n I"— — Guter Rat. Beurteile niemals einen Menschen nach dem seidenen Regenschirm, den er trägt. Er kann soeben einen bäum- wollenen an dessen Stelle zurückgelassen haben.—(„Jugend".) Notizen. — DaS Erscheinen einer katholischen Frauen zeit- s ch r i f t(Wochenschrift) steht zum Herbst bevor. Leiterin wird Frau Therese Keiter in Regensburg sein.— — Eine illustrierte ö st reichische Theaterzeit nng lvird der ö st r e i ch i s ch e B ü h n e n v e r e i n, der nahezu 1000 Mt- glieder hat, zum ersten September herausgeben. Die neue Zeitung soll die Benifsintercssen der Bühnenkünstler erörtern und auch das gesamte Theaterwesen und die Bühnenlitteratur umfassen.— — Die Jugcndschriftstellerin Jsabella Braun ist in» Alter von 63 Jahren in München gestorben.— — Die„ F l c d e r in a n S" wird noch Repertoirstück sämtlicher preußischer Hoflheater. In der nächsten Saison wird das Hof- t h e a t e r in Hannover die Operette aufführen.— — Eine Hochschule für Musik wird in Mannheim errichtet. Am 1. Oktober soll die Anstalt eröffnet werden.— — In Ro m soll eine Schule für Kirchenmusik errichtet werden.— — Vom 19. August bis zum 11. September lvird der Kunst- verein in Frankfurt a. M. eine Goethe-Ausstellung veranstalten. In der Ausstellung sollen die Illustrationen Goechcscher Werke in Originalarbeiten hervorragender Meister zweier Jahr- hunderte vereinigt locrden.— t. Eine wissenschaftliche Boot- Expedition wird zum Studium der Tierwelt in den Flüssen der Staaten Minnesota und M i s s i s i p p i unternommen werden. Es ist zu diesem Zwecke ein besonderes Hausboot gebaut worden, das Mitte Mai vom Stapel gegangen ist. Vier Zoologen werden sich in diesem Fahrzeuge mehrere Monate lang zoologischen Untersuchungen widmen, die sich besonders auf die Erforschung der in den Flüssen vorhandenen Fische richten lverden.— — Ein Wein stock zu TtschapS im Bintschgau trägt nicht weniger als sechshundert Trauben.— Die nächste Nummer des Unterhalwngsblattcs erscheint am' Sonntag, den 6. August.__ Verantwortlicher Redacieur: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.