Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 155� Dottnerstlig. den 10. August. 1899 (Nncfidnick verboten.) Es lebe die Vunfl! 831 Roman von C. V i e b i g. „Lokalkolorit hin, Lokalkolorit Herl Meine gnädige Frau"— Wadler zuckte die Achseln—„glauben Sie einem alten Theaterpraktikerl Lokalkolorit, was heißt Lokal- kolorit?!" „Ich kann unmöglich--- nein, ich werde nicht—" „Habe ich's Ihnen nicht jleich jesagt?" fiel Goedeke triam- phierend ein.„Warum die Aktion aufs Laad verlesen? Den ersten Akt im Hinterhaus, den zweiten Akt im Norderhaus. das niacht sich jut; fällt der olle Dialekt jauz weg. Aber Sie wollten ja partout nichts ändern!" „Sie werden sich doch entschließen müssen, meine gnädige Frau." sagte Wadlcr.„Wenn ich auch nicht so weit gehe, wie Herr Goedcke— dieser Dialekt ist unmöglich!" „Aber die Bauern da reden doch so I" Sic wurde ungeduldig. ..Ich war als Charakterdarsteller in Niga. in Wien, in Karlsruhe, in Frankfurt am Main, in Petersburg, in Hamburg, in New Z)ork engagiert, ich habe die größten Triumphe gefeiert-- ich habe überall nur wienerisch gc- sprachen I" „Ja, Wadlerchcn, Sie können was Goedekc klopfte ihm vertraulich ans die Schulter.„Was, wir beide? Wir sind nämlich Landslcnte," wandte er sich an Elisabeth,„wir sind beide niit Spreewasscr jetnuft— ach so, Sie sind ja jarnicht—! Na. schadt nischt, wir sind beide helle!" Er lachte wohlgefällig. Wadlcr schien gar nicht zu hören und schwelgte in Er- inncrungen.„Ja, das waren Zeiten!" Er lächelte eitel. „Da könnte ich Ihnen Geschichten erzählen, Geschichten!" Sein Mund spitzte sich.„Wenn Sie mich recht schön bitten, gnädige Frau, gebe ich Ihnen einen wirklich packenden Stoff, aber"— er klopfte sich ans den Mund,—„ein andermal, ein andermal! Nun zum Geschäft!" Sein Gesicht wurde wieder ernst.„Noch eins, gnädige Frau! Sage» Sie mir nur: warum, um alles in der Welt, dieser Schluß?!" „Sagte ich's nicht, sagte ich's nicht? I" Goedekc zappelte mit Händen und Füßen.„Jauz meine Meinung! So abrupt! Optimistischer, optimistischer I Ein freundlicher Blick in die Zukunft! Verlobung, Hochzeit oder Äindtanfe muß sein, ei» Iliicks-Proguostikon I" „In der That!" Wadlcr wandte sich dringend an Elisabeth.„Durch diesen Schluß gefährden Sie den ganzen Eindruck Ihres Stückes. Meine langjährige Praxis lehrt mich, daß Stücke mit einem solchen Schluß, bei dem mau nicht recht weiß, was nun eigentlich wird, durchfallen." „Aber das kann sich doch jeder denken l Sind denn lauter Idioten im Theater? I" Elisabeth sagte es schärfer, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte; es fuhr ihr so heraus. „Sie sind naiv!" Wadler lachte.„Denken, denken—! Das ist doch ein bißchen viel verlangt; denken soll das Publikum auch noch, wenn es sich amüsiert?!" Sie sah ihn groß an.„Amüsieren—?! Sic sollen sich ja gar nicht amüsieren!" Er lachte herzlich.„Gnädige Frau. Sic sind noch sehr jung in der Praxis. Zu einem guten Bühncnschriftsteller ge- hört vor alle» Dingen eine gewisse Cvnlanz, ein— ein— wir wollen sagen: ein allgemein menschliches Entgegenkommen, eine Nücksichtnahme ans die Wünsche des Publikums I" „lind»venu er die nicht hat?" „So wird er ewig durchfallen!" „So," sagte sie finster. Und dann:„Ich ändere meinen Schluß nicht. Ich kann ihn nicht ändern!" „Aber hören Sic mal l" brauste Goedekc auf. Wadler machte eine beschwichtigende Handbewegnng. „Sie wollen doch, daß wir Ihr Stück aufführen, gnädige Frau?" Sie nickte stumm. „Ja",— er zog die Achseln hoch—„wenn Sic den Schluß nicht ändern wollen, ist es für n»S unmöglich. ES ist so wie so schon ein gewagtes Unternehmen; aber dann haben wir einen Krach aus dem ff." „Sagen Sic mir eins", bat sie hastig,„finden Sie denn den Schluß nicht gut?" „Aber ja doch, freilich, ja l" Sie sah ihn erstaunt an. Er lächelte schlau.„Liebe, gnädige Frau, wenn wir vom litterarischen Standpunkt ans redeten— aber so! So be- greifen Sie doch"— er ereiferte sich ordentlich—„wir sind doch nun mal beim Theater, Müssen den Theaterverhältnisseil Rechnung tragen, volles Haus zu machen suchen, Kasse— Kassel Wir müssen leben!" „Leben!" sagte sie wie verloren—„und wir?" „Sie müssen auch leben, natürlich! Aber lebt denn ein Autor, wenn er nicht ausgeführt wird V Was nützt eS Ihnen. wenn Sie»ach Ihrem Tode anfgesührt werden. Bis dahin ist der Geschmack deS Publikums vielleicht ein anderer ge- worden— aber was haben Sie dann davon?! He?l" Er sah ihr forschend ins Gesicht. „Ich kann nicht!" Sie senkte den Kopf. „Auf der Dialekt- und Schlnßändernng müssen wir be- stehe». Nun?" Er war crslannt. Elisabeth hatte sich erhoben und schritt der Thür zu. „Ich empfehle mich," sagte sie tonloS.„Wir verstehen uns nicht. Ich will gehen." „Aber meine gnädige Frau!" „Was, was! Ich rckonimandicre Sic, und Sie—" Goedeke hielt sie mit Gewalt zurück. „Seien Sie doch nicht eigensinnig, gnädige Frau!" Wadlcr nahm ihre Hand.„Sehen Sie, wenn ich mich nicht für daS Stuck interessierte, wenn ich mir nicht was davon verspräche, würde ich Sie ruhig gehen lassen, aber so—. Sie haben Principien, schön; Sie wollen aufgeführt sein, schön. Wir haben aber auch Principien, wir müssen sie haben. Wir ivollcn Sie ausführen, schön; aber da müssen Sie von Ihren Principien ein klein wenig nachlassen, ein winziges Opfer bringen gegenüber dem ungeheuren Risiko, das wir eingehen I" Er erschöpfte sich in einem Redeschwall, in Bei- spielen, Beweisführungen, Beteuerungen und schloß:„Glauben Sic mir, wenn Sie leine Konzessionen machen, sind Sie tot. Sic werden nie ausgeführt, nie I" „Sehen Sie, Konzessionen, Konzcssionen?" Goedekc schnappte nach dem Wort, wie ein gieriger Hecht nach der Angel.„Wo ist meine Tabelle?" Er suchte im Zimmer herum.„Konzessionen— da steht's schwarz auf weiß, schwarz auf weiß!" „Lebendig tot I" murmelte Elisabeth vor sich hin.„Nein ich kann, ich kann den Schluß nicht ändern!" Sie hob die Hände wie zu einer stummen Bitte und krnmpfte sie dann ineinander. Sic schwankte.„Ich-- kann-- nicht I" stieß sie hervor. „Sic werden müssen I" Wadlers Stimme klang ganz kühl.„Andernfalls können wir uns zur Anssührung nicht verpflichten." Sie schauderte—— nicht aufgeführt?! Ein Zittern überlief ihre ganze Gestalt. Nicht aufgeführt! Sie wurde totenblaß, öffnete den Mund und schloß ihn wieder, ihre Lippen zuckten wie im Krampf; sie versuchte zu sprechen, die Stimme versagte ihr noch einmal; jetzt klang eS heiser:„Den Dialekt— den"— sie würgte jedes Wort mit Gewalt heraus—„den Schluß-- wie-- Sic-- wünschen!" Die Proben hatten ihren Ansang genommen; in dieser Saison noch sollte das Stück der Neinharz zur Aufführung kommen.„Fällt eS durch, thuts um die heiße Zeit nicht viel Schaden", hatte Wadlcr zu Goedeke gesagt,„macht's waS, kann es Schwertseger vielleicht noch'rauSreißen. Also'rin in's Vergnügen I" Goedeke war von einer wahrhaft aufopfernden Liebe»?- Würdigkeit. Er hatte bemerkt, daß Wadler etwas von dem Stück hielt, nun begleitete er die hochgeschätzte Autorin bei ihren Besuchen. Erst war Egbert Schocnflicß zu berücksichtigen. Dieser versprach sich etwas von der Rolle: er würde in der Gestalt des modernen Salonmenschen eine famose Leistung geben, und aussehen würde er— l Müder Augenanfschlag, nachlässig vcr- � sührerische Bewegungen— himmlisch l Egbert Schoeuflicß foftc schon das bewundernde Flüstern sämtlicher Damen in den Ohren. Dann kam die Maschka an die Reihe. Ans Wadlers klnratcn hatte ihr die Autorin ein schöngebundenes Exemplar des Stüdes geschickt mit einer eigenhändigen Widmung. Fräulein Silvia Maschka empfing Elisabeth in ihrem der- führerischsten Neglige, war von einer ausgezeichneten Liebcns- Würdigkeit und umarmte die Autorin stürmisch.„Wenn das Stück nicht gut wäre, würde i ch sonst die Rolle über- nehmen?!" Sie fegte niit ihrer langen rosa Schleppe über den Teppich.„Ich?! Da können mich die beriihmtesten Autoren bitten, wenn mir eine Rolle nicht gefällt, spiele ich sie eben nicht. Aber Sie, liebste Frau, Sie"— wieder eine stürmische Ilmarmurig—„Sie haben mich gcriihrt, ergriffen. Die Maschka hat geweint. Oh"— sie lupfte mit dem parfümierten Taschentuch auf die bepirdertcn Augenlider— „mit welch packender Verve läßt sich die Heldin darstellen! Da ist alles echt, Empfindung, Sprechweise— blonde Zöpfe, so lang— ich werde mir eine neue Perrücke machen lassen und ein süßes weißes Kleid, ganz echt, wie die Unschuld auf dem Lande es zu tragen pflegt. Der Erfolg ist sicher!" Die Maschka wurde groß in diesem Augenblick, hochaufgerichtct stand sie da, ihr Organ hob sich zu mächtiger Fülle:„Ich spiele Ihnen die Rolle!" Die übrigen kamen weniger in Betracht. Da war noch der sterbende Bauer— der alte Rabe würde den ganz gut geben; er hatte von Natur schon einen krächzenden Husten, den konnte er hier trefflich anbringen. Und dann die ver- führte Magd? Der kleinen achtzehnjährigen Bremer, dem mageren Ding mit den unschuldigen Augen war die Rolle wie ans den Leib geschrieben; der glaubte man's, die war zu dem Kind gekommen, sie wußte selber nicht, wie. „Aliens bestens insceniert I" Gocdeke hatte geschmunzelt. Auf Elisabeths Gesicht war kein Lächeln erschienen, sie blieb ernst, fast traurig; mit einer nervösen Angst klammerte sie sich an ihren Manu.„Komm' mit, Du mußt mich zu den Proben begleiten!" Er konnte nicht, da er seinem Berufe nachgehen mußte. Elisabeth kam sich in der Welt des Theaters wie verloren vor; was sie empfunden hatte im tiefsten Innern mit einer fast schmerzhaften Wahrhaftigkeit, ging so leicht aus dem Mund dieser Leute. Sie war entsetzt. Bei der ersten Probe markierten sie nur, kein Mensch kannte seiue Rolle. Ganz verschüchtert saß sie im verdunkelten Parkett; draußen Waes beiß, hier innen wie in einem Keller. Sie fröstelte. Eine Todesangst überkam sie. eine zärtliche Sorge um ihr Stück; nervös stand sie auf, sie wollte etwas sagen und wußte doch nicht was. Nur s o nicht, s o durfte es nicht sein! „Meine gnädige Frau, ruhig, wird schon alles! Nur nicht dreinreden!" beruhigte Wadler.„Wenn nur erst jeder mal weiß, wo er zu stehen und wie er sich zu bewegen hat. Arif die Worte kommt's garnicht an!" Sie setzte sich wieder. Das ging in ihrem Kopf wie ein Mühlrad. Hier wurde geändert, dort zugefügt, da gestrichen. „Glauben Sie einem alten Theaterpraktiker I" rief Wadlcr alle Augenblicke voir der Bühne herunter und kam dann mit katzeu- artiger Geschmeidigkeit über die Brüstung der Orchestcrlogc ins Parkett geklettert.„Nur ruhig, meine gnädige Frau. Aber ivic Sie's da geschrieben haben, so können wir's wirklich nicht machen; das Publikum lacht, es lacht einfach, sage ich Ihnen. Das verstehen die Leute nicht, das sind sie nicht gewohnt, wir müssen so etwas— so etwas" — er wiegte mit den Händen sacht hin und her—„was Bekanntes einfließen lassen!--- Bremer, steck den Leib doch nicht so'raus, man glaubt's Dir schon so! 3iabe, realistischer l Wie oft soll ich's Ihnen denn sagen, realistischer! Spucken Sie nach rechts, nach links I Spucken l Noch mal! So"— er machte es vor—„tüchtig krächzen, das wirkt! Zum Henker noch mal, können Sie denn nicht hören? J" Er schrie. Wadlcr war berüchtigt grob, besonders gegen Anfänger und Invaliden des Theaters. Mit dem kleinen Mädchen und dem hustenden Esel da würde man doch nicht lange Umstände machen? Die behielt man ja aus Barmherzigkeit und zahlte ihnen die Gage nur tropfenweise. Und so waren noch eine ganze Menge Leute dabei. Anders verhielt es sich mit Egbert Schocnfließ und der Maschka; die waren die Rettungsanker des schwankenden Schiffes, die hatten beide ihr Publikum. Sie waren virtuose Künstler, eine unüberbrückbare Kluft trennte sie von dem Gros der übrigen Mitspielenden. „Herr Schoenflietz, würden Sie die Güte haben, eine kleine Wenigkeit mehr nach vor— so— wunderschön. wunderschön!— Bremer, wie oft soll ich's Dir denn sagen. pflanz Dich nicht so ungeschickt hin. Du verdeckst ja Herrn Schönflietz ganz. Zur Seite, Donnerwetter! zur Seite!" Das magere Persönchen den großen Mann verdecken?! Elisabeth empfand ein inniges Mitleiden, die Kleine weinte, sie sah so verhungert auS, so schmal und hatte so große, unschuldige Kinderaugen. Fräulein Maschka beklagte sich, man habe sie auf den Fuß getreten. Wadler stürmte auf die Bühne. Mit ausgebreiteten Armen, wie man eine Herde scheucht, jagte er die übrigen in den Hintergrund.„Ksch, ksch. zurück! Ganz zurück! Lassen Sie Platz für Fräulein Maschka! Lassen Sie die großartige Leistung sich doch entwickeln! Platz! Ksch, ksch, zurück!" Eortsetzuug folgt.) (Rockidruck verboten) Aach dreißig Stohren. Von I. Ricard. I. Die Nhr von St. Angustiu hatte in der nächtlichen Stille eben zwei dumpfe Schläge ertönen laste«. Herr Gantrcy. der bekannte Bankier, ging mit festen sicheren Schritten den Boulevard MqlcsherbeS hiunnter, Ivie ein Mann, der mit feinem Tagewerk zufrieden ist. Er Halle den Abend in luftiger Gesellschaft bei Liane de Vresteuil verbracht, Ivo man eine Einweihung gefeiert hatte. Man hatte gc- sungen, gelacht und gescherzt, und Herr Ganwey konstatierte mit iuuerer Befriedigung, daß seine SS Jahre vor den tollen Spatzen und den berauschenden Weinen noch sehr tapfer Stand gehalten. Er ging allein, zu Futz. mit frischem und klarem Kopfe, wobei er die Elasticität seines Ganges noch ebenso vollständig bewahrte, wie beim Beginn des Soupers l er rauchte mit köstlichem Qcnnstc eine vorzügliche Cigarrc, die er sich selbst in Havana halte anfertigen lasten, und fühlte sich volliommeu glücklich. Die frische und trockene Luft machte ihm belebende leise Lieb» kosimgeu iuS Gesicht. Er fühlte sich warm und schritt träumend seines Weges; ein behagliches, leichtes Träumen, in welchem die ver» schwundcnen, reichlich ausgekosteten Freuden vorüberzogen, die er nie bedauert hatte, denn man bedauert ja nur das. Wofür man ge- kämpft und gelitten bat. Rein, nie hatte Herr Gantrcy zu kämpfe« brauchen; er glaubte an keine anderen Leiden, als an die, die aus dem Geldmangel resultieren. Dann war er auch nicht ganz sicher, datz die Armen nicht Dummköpfe Wären, und antzerdem war seine Zeit viel zn sehr in Anspruch genommen, als datz er lange an diese Sorte Menschen hätte denken können. Ja, das Leben war gut; allcs� hatte ihm gelächelt, alles War ihm nach Wunsch gegangen, sogar die Geschäfte hatten ihm nie Sorgen gemacht. Er glaubte an sein Glück, denn m seinen Händen gelang alles. Seine Fra» War eine Haushälterin, Wie er keine zweite kannte. eine vollendete Gattin und Mutter. Durch den slmnmen Kummer, mit dem sie seine allzuhmifigen Untreuen aufgenommen, hatte sie ihm zuerst ein wenig Sorge gemacht, doch das alles hatte sich sehr schnell arrangiert. War es Gleichgültigkeit oder Resignation? Das wußte er nicht, es war ihm auch egal. Seit Jahren zeigte sie ihm eine sauste Heiterkeit, die ihm vollauf genügte. Seine Kinder waren reizend, seine Tochter war glänzend verheiratet, sein Sohn ein praktischer, ernster Geschäftsmann ersten Ranges geworden. Seine Maitrcsten hatten ihn nie gelangweilt, er behielt sie kurze Zeit, gab ihnen viel Geld und konnte glauben, datz er sehr geliebt worden war. In diesem Augenblicke amüsierte er sich damit, datz er an die glänzenden Geschöpfe dachte, die in raschen Zügen. lächelnd und glücklich, Ivic er selbst glücklich War, an seinem geistigen Auge vor- überzogen. Eine gewisse Ironie stieg in ihm auf, wenn er an rinen der Gaste des Soupers bei Liane de Brcsscuil dachte; an einen jungen Poeten mit langen Haaren, der, nachdem er migeheuer viel getrunken, mit langsamen und nutomatischen Worten über das menschliche Elend zn nnprobistcrcn angefangen; er halte auf einige Sckiliidcil die Fröhlichkeit gelähmt und die Herzen der anwesenden Frauen ei» wenig gerühn. Die«»glücklichen Seelen sind doch Wirtlich kranke Seele»! Das Leben hat Blumendüstc; es ist ein heiteres Liedcheu, dem zu lauschen man verstehen inntz. Um so schlimmer für die, die sich hartnäckig in einen verpesteten Keller einschlietzen I Herr Gantrcy bemerkte, datz seine Cigarre ausgegangen war. Er Warf sie fort, nahm eine andere und suchte seine Streichhölzer. Jedenfalls hatte er sein Schächtelchcn bei Liane vergessen. Er empfand darüber cir-n leichten Aerger; denn str hatte eS nicht gcni, wenn äußere Umstände seine Wünsche durchkreuzten. Da ihm aber alles»ach Wunsch ging, so bemerkte er bald einen nächtlichen Wanderer, der mit schnellen Schritten ans ihn zukam, und dessen Cigarre im Dunkel der Nacht einen Lichtpuutt bildete. Herr Gantrey trat mif den ihm so gelegen kominenden Nacht- Wandler zu und sagte: „Mein Herr, würden Sie die Güte haben, mir etwas Feuer zu geben? I Der Andere blieb stehen, nahm seine Cigarre ans dem Munde und hielt ste ihm hin, und als er den Kopf erhob, rief der Bankier in fröhlichem Tone: .Wie, Du bist es, Adrien? Wo zum Teufel gehst Du denn zu dieser Stunde hin?" «Verzeihung, mein Herr, Sic irren sich jedenfalls", versetzte der junge Man», der instinktiv nnt der Hand nach dein Hute ge- fahren war. Her Gantreh blieb einen Augenblick, die Eignere zwischen den Fingern, unl'cwcglich. Mit starren Blicken betrachtete er i» dlwis verwirrter Ueberraschuug sein Gegenüber, faßte sich aber schnell und sagte lächelnd;• «Sie haben recht, mein Herr, ich täusche mich in der That, doch Ihre Aehillichkcit mit meinem Sohn ist so außergewöhnlich.. Er zündete ungeschickt seine Cigarre an, dankte dem llnbekannten hastig, grüßte und letzte seinen Weg nach dem Boulevard MaleshcrbcS fort, wo sich sein Hotel befand. n. Als Herr Gantreh am nächsten Tage mit seiner Frau und seinem Sohne frühstückte, war er nahe daran, seinen Irrtum zu er- zählen: doch gerade, als er es thuu wollte, hinderte ihn ctivaS, ohne daß er fich darüber klar wurde, ivas dieses Etwas war. Mehrcrc Tage lang quälte ihn die Eriiinening an diese Be- gegnnng. Diese Achnlichkeit tvar wirklich unnatürlich. Nur die Stimme der beiden jungen Leute war verschieden. Doch welche Er- iimenmg die Stimme des Unbekannten in ihm wachgerufen, darüber konnte er sich nicht klar werden. Nach und nach kam ihm diese Erinnernug vollständig miS dem Sinn, und er hörte auf, im Pnblilnm instinktiv nach dem llube- kannten zu suchen, der so seltsame Ideen in ihm lvachgcrnfcn hatte: nur manchmal sagte er sich, das; er ihn gern wiedersehe» möchte. Und er sah ihn wieder.' Es Ivar ztvci Jahre später in einem Kasino eines großen Seebades an einem Baccnrnttisch. Ans langer Weile spielte Herr Gantrey und— gewann natürlich. Er hielt die Bank, als er plötzlich ihm gegenüber den unbekannte» jungen Mann erblickte. Unwillkürlich zuckle er ein wenig zusammen. Unter dem scharfen Lichte der Kroulcuchtcr war die Ächülichkcit noch größer. Hätte sein Sohn ihm nicht vor drei Stniiden eine geschäftliche Depesche ans Paris geschickt, so hätte Herr Gantrey den Fremden vielleicht angesprochen, llcbrigcus kam ihm der Eindruck der nächtlichen Begegnung mit ungewöhnlicher Heftigkeit wieder. Der Fremde>oar sein Unbekannter von damals. Seine Stimme— diese Stimme, die irgcndlvie mit der Vergangenheit des Herrn Gantrey zusammenhing— klang trocken, denn der junge Mann hatte, während er eine Reihe von Goldstücken auf das grüne Tuch warf, gesagt: «Fünfhundert Louisdor auf das zweite Tablcau!" Herr Ganlrcy zögerte einen Augenblick— etwas bei ihm ganz ungctvöhnlichcs— eine leise grundlose Angst erfaßte ihn, er fürchtete zu gewinnen. Dann aber wurde er sich über seine Eindrücke k ar. gab ruhig Karten und schlug mit der gleichgültigen Miene eines großen Spielers die Nenn auf.' fSchlnß folgt.) Kleines Isenillelon. xkc. Ei» aiitiscr Kncipcommcitk. lieber das Treiben von Kncipvercinen im Altertum sind nur tvcnig Nachrichten erhalten. Um so mehr verdient eine Inschrift Beachtung, die die Statute» einer dionysischen Knllgcnosscnschaft ans dem 3. Jahrhundert». Ehr. cnt- hält. Sie»mirdc bei de» Ausgrabungen de» deutschen archäologischen Instituts in Athen in einem römischen Ba» oberhalb des alten Dionysios-HciligtmncS auf einer Säulcntronimel eingemeißelt ge- fanden und enthielt außer den Statuten noch einen Bericht über die Sitzung, in der diese BcrcinSvrdniing nngenoimnen worden war. Auf Grund dieser Inschrift, die in ihrer Bedeutung für die Entivicklnng des antike» Vcrcinslcbcns bisher zu wenig berücksichtigt tvorden, entwirft Engelbert Drerup in den soeben er- schieiicncn„Renen Jahrbüchern für das klassische Altertum* ein nu- schanliches Bild von dein Zusaiiuncnlebcu der dionysische» Zechbrüder des Altertums iu ihrem«Batchciou*,— so lautete der ossizielle Raine des Vereins. Der Veteran des«Bakchcio»* tvar Aurelius Rikomachos, der L3 Jahre daS Pricsteramt im Verein verwaltet hatte und nun das Amt des Grgcnprirstcrö bcUcidetc, nachdem er zu Gunsten des Klaudios HerodcS freiwillig von der Priestenvürde zurückgetreten tvar. Die Korporation hatte schon lange bestanden, und co ist nicht umvahrschcinlich, daß sie auf die llassischc Zeit zurück« geht, denn schon damals bestand der Kult der«Jobnkchc»": so wurden die Mitglieder des„Bakchcion* genamit. Die Zechkumpane würde» so eine nltehrlvürdigc Tradition repräsentieren. Im 3. Jahrhundert». Chr. ivar aber das Verciusiiiteresse im Schtvindcil bcgristcn, und man beginnt deshalb mit einer Neuordnung der Statute». die zeitgemäß ans- gestaltet werde» sollen. Der Priester und Gegenpricstcr berufen eine geschäftliche Sitzimg ein. die neue Vercinsordmmg wird verlesen und durch Hnudaufhcbeu eiiislimmig angeiiouunen. Darauf erklärt der Gegcnpricstcr. daß die Statuten auf einer Säule eingemeißelt werden sollen, und daß der Vorstand für ihre strikte Jiinchalimig Sorge tragen werde... Mau sieht, der Hergang dieser Vereiiissitzuilg ist ganz modern. Nach den Statuten muß das Anfuahmegcsiich in de» Verein zimächst beim Vorstand ciiigcrcicht werden. Die Mitglieder entscheideii dann selbst'in geheimer Abstimmung, ob sie den sich Meldenden für würdig hallen, nntcr die ehrenhaften Genossen des „Bakchcion" aufgeuomiiien zu ivcrdcn. Die Ailfiiahinr ist mit ziem» lich hohen Kosten verknüpft. Das Eintrittsgeld ist 50 Denare, cirka 40 M., der Beitrag beträgt ebensoviel. Aber in vielen Fällen ließ innii eine Vergünstigung eintreten. Jedes Mitglied erhielt»ach Er- legung des Eintrittsgeldes vom Priester eine Mitgliedskarte aus- gestellt, und erst dann durfte es an de» Versammlungen des Vereins teilnehmen. Die regelmäßigen Zusammeukünfte fanden am neunte» Tage jeden Monats statt, außerdem an den Slistuiigsfesten und den Feiertage» des VcrciuSgottcS Dionysos. Zu jeder MouatSversanim- lung mußten die Mitglieder eiucn bestimmten Beitrag zum Wein zahlen. Davon befreit waren nur der Kassierer des Vereins und die Mitglieder, die bei einer mimischen Aufführung zur Unterhaltiing des Vereins mitwirkte». Von dem Essen, das»ach griechischer Sitte stets vor dem Gelage eingeiioulmeu Ivurdc, hören wir wcmg. Das Zechen war eben unverkennbar der Hauptzweck des Vereins. ES gab auch noch nebenbei allerhand besondere Trinkgelegenheiten. So wurden außerordentliche Freikneipcn n»d AecepIionSlueipm veranstaltet. Uebcrhnupt war jedes Mitglied bei jeder sich bietenden Gelegenheit moralisch verpflichtet, seine Verciiisgciiosscn nicht verdursten zu lassen. Jedes freudige Ereignis im Leben eines„Jobakchen" ninßte von den weniger glücklichen Bereinsbrüdern niit einem kräftigen Freitrnnk begossen werden. Selbst beim Tode eines Mit- glicds wurde den Teilnehmern am Leichenbegängnis ein Ehrcutrnnk für den Verstorbenen gereicht. Vcrordinmgcn über Nuhestörinigc» nnd Schlägereien in den VercinSvcrsammlmigcil sind in aller Ans« siihrlichkeit vorhanden. Ungeregeltes Singe», Lärmen und Klatschen war verboten. Wer eine Rede halten wollte, mußte das Wort voi» Priester oder Gcgciipricstcr erbitte»: für Zuwiderhandelnde war eine Strafe von 30 Obolcn ausgesetzt. Wen» jemand sich ungebührlich betrug, zu streiten und zu schimpfeu anfing, oder gar eine Schlägerei ausbrach, trat ein«Kucipwart* i» Thätigkcit, der den Bacchusslab neben den Friedensstörer hiiistclltc, zum Zeichen, daß er von der Kneipe verwiesen sei. Folgte er nicht gutwillig, so setzten ihn die vom Priester bestellten«hippoi*, die ctiva als„Füchse" zu denken wären, au die Lnft. Diese Füchse standen unter dem Kommando des KneipwartS und bildeicu eiucn Kreis für sich. Es bestand aber die Tendenz, Streitigkeiten nntcr den Mitgliedern inner- halb des Vereins auszumachen, deshalb wurde auch derjenige bc- straft, der sich wegen einer beim Wein erlittenen Unbill an die ordentlichen Gerichte wandte. Den Schluß der Statuten bilden die Bestimmungen Über Wahl nnd Rechte des Vorstandes. Neben den pnestcrlichcil Acmtcrn existieren die niederen Vorstandschargc», das Amt des Knciplvarts oder Fnchsmnjors, des Jnventarvcrwalters oder Kassierers, der sich auf eigene Kosten einen Schriftführer nehmen kann. Der letzte Paragraph handelt über die Ehrung der verstorbenen Mitglieder. Für jeden Toten ist ein Kranz im Wert von 5 Denaren, ca. 4 Mark, bewilligt. Die Statuten beweisen, trotz mancherlei Lücken, daß die schon in; Altcrlum blühende «VereiuSmcierci* die VercinSicchnik in hohem Maße entwickelt hatte.— Theater. — r. Friedrich W i l h e l m st ä d t i s ch e S Theater. DcS Herrn Inspektor Bräsigs Himveis auf den Ueberschnß von Fixigkeit, der das Manko an Richtigkeit ersetzen müsse, macht sich kein Theater- dircktor mehr zu eigen, als Herr Samft, der behende Leiter des MusentcmpclS in der Chanffccstraße. Es gicbt in der That vom Tingeltangel bis zur Oper kein dramatisches Gebiet, auf dem Herr Saniit sicki nicht schon destruktiv brthätigt hätte, und so kann es eigentlich mir den Unkundigen verblüffen, tvcnu der vielseitige Herr jetzt Emile Zolas„G crmin al", jenes gcivaltige Epos des Klasscntampfcs, für sein Institut ausschlachtet. Der lange Theaterzettel zählt gewissenhaft vom Gnibcudircktor Hcmicbcau bis zum Schlingel Jcnnlin alle markanten Gestalten dcS Romans auf. Aber du lieber Himmel, was ist ans ihnen gemacht worden I AlleS, was Proletarier ist, badet in einem Meer von Weh- Icidigkcit: und wcuu der Grnbencinsturz kommt, mit dem die»»« freiwillige Komik des Bearbeiters urplötzlich die Handlung abschließt, so muß man glauben, daß die große Wassersnot von den vielen Bergninmisthräucn und nicht vom leidigen Sonvarme herrühre. Immerhin soll bemerkt ivcrdcn, daß in der Rührscligkcit dcS Stückes-in gutes Teil zeitgemäßer Tendenz steckt. Die Klagen über die verderbliche Wirlnng dcS Streiks und über die schlechten Absichten seiner Leiter nehmen cincii»erdächtig breiten Nam» ein. Besonders macht aber die schon gekeiinzcichiicte poetische Liccnz des Bearbeiters, die den Strcitsührcr Stephan bei der Grnbcnkatastrophc eiucn jämnrerkichen, aber wohlverdiente» Tod finden läßt, das„sociale Drama" zur Aufführung vei Fabrilfcstlichkcitcn und ähnlichen Unternehmer- veranstalttingen vorzüglich geeignet. Anerkennung verdient die Sorgsalt der Regie. Die Massenscenen, mit denen das Stück gespickt ist, waren von kundiger Hand wirkungsvoll aufgebaut.— Musik. Wenn wir neulich die«Regimentstochter* daS Hohelied der Naturwüchsigkcit iiciinca konnte», so gebührt der Name eines«Hoch- flcfnnpS der Gehirncrwcichimg' wohl der»jnpanischrn Burlesk- Operette" Sultivons, dem..Mikado". Die Bekanutschasr nnt ihm wurde am Dicustaci im T h e a t e r d c S W e st e» s crucucrt. Man muß diese»»d ähnliche englische Burlesken als solche uchmeu mid kann den Engländern, die sogar einen Shakespeare auf der Bühne verfingen und vcrtänzcln, den Kult des hv>iistcn, aber mit aller Komikcrgra�ie höchsten BlödsiimS ruhig ülicr- lasscn. Unter unseren Händen geht davon zu viel ver- loren. und uns Ivird das Nebeneinander von Äunst und von ivcltnnbcdentcndem Brettl all zu fühlbar. So war's ivcnigstcns bei dieser, übrigens stark verkürzten Anfsiihning. Jenny Broch wäre als Dnm-Vuin ebenso oder noch mehr am Platze gc- wescn, hätte sie nicht wieder wie neulich als Nnntendelcin ihr ewiges Lächeln zum besten gegeben. Bei den übrigen gab's manches lüchiige Singen zu hören.' Der Held des Abends war ein guter Bekannter. Reinhold Wellbof-, von seinem Erfolg gebührte ein gnteS Stück seiner Beherrschung der verschiedensten Tonfarbe», gleichwie von dem Erfolg des„Mikado" überhaupt ivohl ei» be- trächtlichcr Teil auf seine farbenprächtigen Bilder entfällt. Unter den am Schlich Dankenden war auch die Ballettnicisterin Elena N a d i n a, der die choreographische Leitung anvertraut war. Mich aber die beim Einstudieren sich was geärgert haben I— sz. Gleichzeitig brachte die flechige Morwitztrnppe im Schiller- Theater das llebergaugSwerk Rossinis, den„Wilhelm T e l l", zu neuer Darstellung. Alle Beteiligten führten, von einigen irrigen Einsätzen abgesehen, ihre Sache sehr ivacker ans«nd ernteten mehrmals Beifall bei osfener Scene. Der Gast Simeon Lugarti, als Arnold von Melchthal, zeigte sich diesmal gesanglich in besserem Licht als neulich. Oscar v. Lanppert war als Tell in Spiel und Gesang ganz ans dem richtigen Posten; mir schade, daß daS nnschvne Heraufziehen mancher Ansätze störte. Als Gnnmy war I o s e f i n e Bettori frisch und natürlich; sie scheint für die Zu- kiinft noch viel zn versprechen. Marie v. Tergotv sang die Partie der Mathilde gut, wenn auch wieder mit etwas schriller und un'ih- sanier Höhe. Besonders gelungene„Nummern" waren die beiden Terzette im zweite» und vierten Akt. Dem Kapellmeister und dem Orchester gebührt jedenfalls Anerkennung dafür, tvie sie sich zu helfen Wichten.— o. 8. Geschichtliches. dg. Der 10.» n d 11. August haben in der Geschichte Berlins eine traurige Bedeutung. ES sind die Tage jener schrecklichen sssenerS- brunst, die 1380 ganz Berlin in Asche legte nnd in den Annalcn unserer Stadt als„der grosze Brand" figuriert. Ein? der dramatischten Kapitel der Berliner Stadtgeschichtc fand mit dem grohen Brande seinen Abschluß. ES Ware» die Tage der Baycrnhcrrschaft, die schlimmste Zeit der Mark. Parteihader und KricgSwirren zcr- rissen das Land. Ans der Burg zu Sarm'nnd hauste» die Volke von der Lietzenitz, ein gcwaltthätigcs Junker- gcschlecht, das cS besonders auf seine reiche Nachbarin Berlin abgesehen hatte. 1363 versuchte der Rat mit den raublnstigen Rittern Frieden zu schlieszen, es kam auch ein Wasfcuslillstand zu stände. 1380 entbrannte der Kampf von neuem. Die Berliner standen zwar ihren Mann und schlugen jeden Angriff tas'fer ab, womit sie aber nicht gerechnet hatten, das war die Niedertracht ihres„adligen" Fd"iJcS. Am 10. August war LanrentiuSmarkt. Mit den zum Fest einziehenden Land- lenten schlichen sich auch Verbündete deS Ritters in die Stadt. Wenige Minuten später krähte„der rote Hahn" an allen vier Ecke» Berlins, die ganze Stadt ging in Flammen ans. Die hölzernen Häuser, die engen Gassen boten dem Element keinen Widerstand. Bis zum 11. August abends brannte die Stadt, dann sank das Feuer in sich selbst zusammen. Berlin ivar ein Trümmerhaufen. Bon den Gebäuden standen anger sechs Hänfem sdarnnlcr auch das Klosterstraffe SO) mir noch die Gcrichtslanbe, das Heiligegeist- Hospital, die graue Klosterkirche nnd die Front der Nikolaikirche. Alles andere ivar nach dem Wort deS Chronisten„rnisorabiliter- verbrannt. Die vernichteten Menschenleben zählten nach Hunderten. Der reiche Ilrkundenschatz des Rathauses lag in Asche. Den Brandschutt jener Tage findet man noch heute im Baugrund des Centrums. Erich Volke genoß die Wonnen befriedigter Rache nicht lange. Ein Meuchelmörder erstach ihn auf der Jagd und schaffte den Körper nach Berlin. Sein Haupt wurde am Odcrbergcr Thore .ausgepfählt". In Berlin lebte sein Name noch lange in einem Fluche fort, den ein Feind dem anderen zurief:.Ich Ivill Dich bloßer machen als Erich Volke".— Meteorologisches. — Der Meteorolog der belgischen Südpolar- Expedition, Arctoivski, veröffentlicht in der Brüsseler astro- nomischen Fachschrift„Himmel und Erde" die während der lieber- Winterung der„Belgika" gemachten Beobachtungen. Einige Gc- lehrte, wie der Züricher Professor Heim, haben die Meinung aus- gesprochen, daß das südliche Gebier wenig kalt sein muß. Andere Gelehrte, wie James Croll, lassen dagegen außerordentlich niedrige Temperaturen zn. Die belgische Südpolar- Expedition ist die erste gewesen, die ein ganzes Jahr sich in dem südlichen Eise aufgehalten hat. Die meteorologischen Beobachtungen sind von Stund? zu Stunde Tag und Nacht geniacht worden. Man tan» also endlich an die Stelle ausgesprochener Vccmntungcn bestimmte Thatsachen setzen. Der Monat Juli ist der kälteste Monat; seine durch- schnittliche Temperatur ist— 23,5 Grad, und die während dieses Monats beobachtete niedrigste Temperatur ist—37,1 Grad. Die niedrigste Temperatur des ganzen Jahres wurde im September beobachtet— 43.1 Grad. Der mindest kalte Monat ist Februar mit einer DurchschnittStcmperatnr von 1,0 Grad und mit— S.K Grad als absolutes Minimum. Betrachtet man die Monate Juni, Juli nnd August als die Wintermonate und die Monate Dezember, Januar nnd Februar als die Sommennonate dieser Gegend, so kann man sagen, daß die DnrchschnittStemperatur des Winters — 10,8 Grad und die des Sommers— 1,5 Grad ist. Im Winter beobachtet man Maxiina von— 1 Grad bis 0 Grad, während der Monate der Tag- und Nachtgleiche sind die Maxima 0 Grad bis -t- 1 Grad, im Sonuncr erreichen sie 2 Grad.—(„Boss. Z.") Technisches. — Gas aus Müll. In Wie» hat, wie der„Tech». Rund- schau" berichtet wird, die städtische Gaskonimission das Versuchswerk für Müllvergasung im Bezirke Sinimerina besichtigt, in dem der bekannte Gasfachmann Victor Loos seine Methode der Müll- Vergasung demonstrierte. Derselbe zeigte, daß gegenüber der teueren Müllschinclzincthode, ivelche ein Viertel bis ein Drittel der ver- brannten Müllnienge Kohlenstaub erfordert, seine Müllvcrgasniig nur ciiicu Kohlcuaufwaud von ein Neunzehntel der ver- gasten Müllnienge notivendig macht. llcbcrdics ist daS neue Verfahren noch deshalb rationeller, weil sehr beträchtliche Menge» eines Gases gewoimen werde», mit dem daS Kohlen- Leuchtgas in jedem Verdältnis mischbar ist. Dieses Müllgas ist frei von Kohlenoxyd, wie nebenbei bemerkt sein mag. Der aus- gegaste Rückstand ist vollständig frei von organischen Bestandteilen nnd als Beton- und Aiischiittnngsinaterial zn verwenden. Wichtig ist ferner, daß dieser Rückstand, mit Kanalschlannn gemischt oder ans Rieselfeldern geschüttet, durch die Bindung der sonst eutiveichenden Fäulnisgase die Düngung mit Fäkalien erleichtert, weil er eine Menge fein zerteilter Kohle enthält, die bekanntlich eine bedeutende Absorptionsfähigkeit für Gas besitzt. Neben der Verbesserimg der sanitären Zustände liefert daher die Loossche Methode noch Produkte, Ivelche das Verfahren sogar zu einem materiell gewinnbriugcndcn gestalten würden.— Humoristisches. — Trumpf. Mann:„Denke Dir, diesen Abend wollte sich in meiner Kneipe jeniand mit meinem lleberziehcr entfernen; ich er- kannte ihn an den beiden Knöpfen, die vorn fehlen!" Frau(trinmphierciid):„Wem hast Du daS zu verdanken, daß die Knöpfe nicht angenäht waren?"— — Von der Schmier e. Theaterbesucher:„WaZ gab's denn neulich am Schlüsse der Vorstellung für einen Skandal?" Schauspieler:«Tie Leiche hat sich mit ihrem Mörder gezankt."— — Vater stolz.«Ist Ihr Sohn, der Komponist, schon bc- kannt?" «Den hat bereits jeder bessere Lcicrka st en auf der Walze."—(„Megg. hum. Bl.") Notizen. — Der Direktor des N a t u r k u n d e- M u s e n m S, Profeffor K. Möbius, hat einen Führer durch die zoologische S ch a u s a m m I ii n g herausgeg e b e n. DaS Drnckheft kostet 20 Pf. und umfaßt 72 Seiten.' Der Führer ist kein vollständiges Inhaltsverzeichnis, sondern weist mir auf das Wesentlichste hin. Er enthält auch die Bemerkung. daß bis jetzt über 400 000 Arten Tiere bekannt sind, und daß das Museum mehr als 200 000 Arte» in 1 300 000 Stück aufweist, die in 13 großen Säle» und 6 Treppen- räumen untergebracht sind.— —„Das tausendjährige Reich", ein süufaktigeZ Drama von Max Halbe, wird zum Anfang der Spielzeit im „Deutschen Theater" zum erste n m a l a n s g e s n h r t iv e r d e n. Es spielt im Jahre 1848 in einer kleinen Stadt an der Elbe.— —„Nene Waffen". Schauspiel in fünf Akten von F e d o r von Z o b e l t i tz, wird im Herbst zum erstenmal am Hamburger Stadttheater gegeben werden.— — I o s e f i n e P a g a y ist für daS Schauspielhaus ver- pflichtet ivorden.— — A g n e s S o r m a will, bevor sie nach Paris geht, mit ihrer Gesellschaft in Berlin eine P r o b e- A u f f ll h r u n g all der Stücke veranstalten, die sie auf ihr Gastspicl-Repertvir gesetzt hat.— — Agathe BarseScn, die ihren Vertrag mit dem Wiener Stadt-Theater gelöst hat, wird im Herbst dieses Jahres im Ratio n al-Theater im Bukarest ein zwölf- bis fünfzehn- maligeS G a st s p i e l geben. Für jeden Abend bekommt sie 1000 Fr.— — In W n r m b r u n u wurde dieser Tage eine altschlesische Bauernhochzeit mit altschlesischen Trachten, mit den Gebräuchen und Tänzen, wie sie vor hundert Jahren üblich waren, abgehalten.— — In England wurden im Jahre 1337 durch Eisen- b a h n n u f ä l l e 545 Angestellte getötet nnd 12 380 verletzt; im Jahre 1833 betrug die Zahl der Getöteten 566. der Verletzten 14 402. Da die Zahl der Angestellten etwa 465 000 beträgt, so kamen auf 1000 Angestellte 1,03 Todesfälle und 28 Verletzungen.— Veraiitivortlicher Redoctciir: Robert Schmidt in Berlin. Druck uno Benag von ivtax«aving m Benin.