Nnlerhaltungsblatt des Horwärts Nr. 157. Sonntag, den 13� August. 1899 (Nachdruck verboten.) 41] Es lebe die Vunfit Roman von C. V i e b i g. Die Souffleuse verstellte dem Direktor den Weg, gerade. als er sich beruhigt drücken wollte. Die blasse, hagere Frau — sie war in ihrer Jugend eine reizende Naive gewesen— befand sich in großer Aufregung. Sie hatte eben gehört, das Theater müsse geschlossen werden; nun hatte sie kein Engagement, die Sorge um das tägliche Brot war ihr zu Kopf gestiegen. In Todesangst klammerte sie sich an den Direktor, sie weinte, sie flehte, sie drohte und verlangte mit lauter Stimme Sicherstellung und Entschädigung. „Aber natürlich, liebe Frau— still I— Es ist ja übrigens gar nicht davon die Rede, wir spielen— aber liebe Frau Speihahn, ich habe wirklich keine Zeit!" Direktor Schwert- feger suchte vergebens sich zu befreien.„Durchaus keine Zeit!" „Meine Gage— noch vom vorigen Monat!" Die Spei- Hahn ließ nicht locker. Mit Gewalt mußte Wadler ihr den Nock des Direktors aus den Händen winden. „Marsch, fort in den Kasten!" schrie er sie an.„Wenn Sie nicht parieren, Speihahn, können Sie morgen gehen, marsch!" Und das arme Weib schlich anS alter Gewohnheit davon wie ein getreuer Hund und verkroch sich in dem engen Soffleur- kästen. Einige hatten die Spcihahn gehört, ein banges Geflüster ging von Mund zu Mund. Eine allgemeine Nervosität be- niächtigte sich der Darsteller. Die kleine Bremer stand kurz vor ihrem Auftreten an eine Kulisse gelehnt und weinte jämmerlich; der rote Schminkeüberzug auf ihren schmalen Bäckchen zeigte lange Streifen von den hcrunterrinnenden Thränen. Selbst zu der Maschka in die verschloffene Garderobe war dos Gerücht gedrungen; sie konnte mit ihrer Toilette gar nicht fertig iverden. Schoenfließ nahni sich vor, dem Direktor mal ordentlich die Meinung zu sagen— hatte er sich darum die Tournee nach Amerika verschlagen? Er ging umher wie ein gereizter Löwe. Das Pnbliknin im Zuschauerraum wurde ungeduldig. Man fächelte sich, man lvedelte mit Taschentüchern, mit den Thcater-zetteln— unerhört— in dieser Bruthitze! Warum fing man denn noch nicht an? Wie ein dirmpfes Grollen stieg es herauf voin Parkett, herunter von den Logen; man sah sich gereizt um, schon gelangwcilt, man gähnte, man machte faule Witze. Jetzt endlich das dritte Klingelzeichen. Endlich rauschte der Borhang auf. Bornübergeneigt, mit weitaufgerifsenen Augen starrte Ebel ans die Bühne— Gott sei dank, das erste Wort! Es leuchtete wie ein erlösender Blitzstrahl in die schwüle, bange Atmosphäre des Wartens. Eine unerhörte Angst hatte ihm das Herz zu- sammeugeschnürt. er fühlte die drohende Ungeduld des Publikums, ohne sie recht zu sehen— er zitterte um die ge- liebte Frau. Sic saß ruhig da, scheinbar teilnahmslos, als ginge sie das da auf der Bühne gar nichts an. Aber jetzt sah er s: ihre Brust hob sich unter zitternden Atemzügen, ihre Hände hatten sich kranipfhaft fest umeinander geschlungen, sie be- zwang sich nur äußerlich. Seine Aufmerksamkeit war geteilt zwischen ihr und der Bühne; bei jeder geringsten Bewegung. die sie machte, heftete sich sein Blick forschend ans sie— r. hatte sie etwas auszusetzen, gefiel es ihr nicht? Aber allmählich nahm ihn die Handlung auf der Bühne mehr und mehr ge- fangen; er achtete weiter. auf nichts anderes. Das war seine Elisabeth, die da oben sprach— verschwunden die Bretter, die Menschen, das ganze Theater——«in freier Horizont that sich weit auf, das war Geist von ihrem Geist, wie ein starker Hauch grüßte der ihn. Er hatte es beim Lesen gar nicht so empfunden— ha, das war kühn! Mit keckem Spott weg über die Kleinlichkeiten des Lebens— das brauchte sich die sogenannte Gesellschaft nicht eben hinter den Spiegel zu stecken, das war fast zg scharf l Aber nun, eine große, innige Empfindung kam zu Wort. Oh, wie das strömte, so voll, so reich, so durchglüht von heiligem Feuer. Spott, Bitter- keit, Schärfe waren verschwunden, eine große, herrliche Leiden- schaft strömte aus dem Dichterherzen; sie drang zum Herzen, sie mußte zum Herzen dringen! Aus Ebels Augen liefen heiße Thränen, so hatte er nicht mehr geweint seit seiner Kinderzeit; ein Schluchzen erschütterte ihn. er fühlte sich bis ins Innerste ergriffen, hingerissen und beseligt zugleich. Das war seine Frau, seine Elisabeth, seine Künstlerin! So hatte er sie geliebt, so hatte er sie geahnt — nun offenbarte sie sich! Er tastete nach ihrer Hand. Da — sie zuckte zusammen--- da--- Ans der Bühne Plötzliche Stille. Alle Mitwirkenden sahen unverwandt nach einer Stelle hin; die Maschka war eben mit ausgebreiteten Armen auf die Thür zugeeilt, durch die der Bräutigam eintreten sollte— verlangend stand sie da. Er trat nicht ein. Eine Pause tötlicher Verlegenheit entstand. Ver- gebens krächzte der sterbende Bauer, man hörte es dem Husten an, der war hier extemporiert. Die kleine Bremer hoffte Lorbeeren der Geistesgegenwart zu ernten, sie sagte mit ihrer weinerlichen Kinderstimme;«Wo bleibt der Herr so lange?" Stummes Spiet. Unruhe im Publikum. Was war das? Wo blieb denn Schoenfließ?! Ebel sah seine Frau au; sie war totenbleich geworden. Was ging denn vor? Er glaubte eine Unruhe und ein Rennen hinter den Coulisscn zu vernehmen— unten im Parkett. gerade dicht neben ihrer Orchesterloge, saßen zwei junge Leute, sie stießen sich an und machten impertinente Gesichter. War ein Unglück geschehen? Es mußte doch etwas passiert sein! Da, endlich! Der Bräutigam erschien! Wie ein Auf- atmen ging es durchs Publikum; da konnte auch dem Un- betefligten der Angstschweiß ausbrechen. Der schöne Egbert war doch einigermaßen betroffen; das war ihm noch nie passiert, daß er die Klingel des Jnspicienten überhört hatte— er hatte sich eben so sehr mit dem Direktor gezankt. Als gewandter Künstler zog er sich aus der Affairc. Einige virtuose Stückchen halfen ihm über die Verlegenheit weg. Die Maschka war wütend, die brillanteste Scene hatte er ihr gestört. Bei der Umarmung kniff sie ihn heimlich; die unterdrückte Wut gab ihrem Spiel natürliche Leidenschaft.„Ausgezeichnet!" flüsterte man im Publikum. Sie hatte bei ihrem Abgang auf offener Scene einen Applaus. Und jetzt— der erste Akt war zu Ende— Ebel lauschte —— jetzt mußten Beifallsstürme losbrechen l Nun—? Keine Hand rührte sich. Sttlle. Eiseskälte. Kistemachers kamen in die Loge; sie waren ziemlich lau. „Schade," sagte Frau Kistemacher,„daß das passiert ist im ersten Akt, sonst lvar es recht hübsch." Und Herr Kistemacher bemerkte in tröstendem Ton:„So was kann ja immer mal vorkonimen, regen Sie sich nur nicht auf. liebe Frau Ebel, nn zwecken Akt klatschen wir desto mehr." Wenn sie nur gegangen wären! Elisabeth stand da ohne ein Wort zu erwidern und ließ Frau Julies Redeschwall über sich ergehen; diese kam vonr Hundertsten ins Tausendste. Sie war gerade bei Gretchens Censur zu Oktober angelangt, als Ebel sich höflich an sie wandte:„Ich muß Sie schon bitten, liebe Frau Kistemacher— es ist besser, meine Frau bleibt jetzt allein." „Oh, aber ich— Sie irren, gerade ein bißchen Unter» Haltung thut gut!" „Das weiß ich bester!" sagte er ungeheuer bestimmt. „Elisabeth muß allein sein." Wie unhöflich l Frau Kistemacher äußerte ihr Mißfallen ganz unverhohlen vor der Logenthür.„Weißt Du. Hans, ich glaube, er ist eifersüchtig auf Dich l Und gleich so empfindlich l" Kistemacher zuckte die Achseln.„Bei halbgebildeten Leuten wirst Du immer Eifersucht und Empfindlichkeit finden!", Nun begann der zweite Akt. �> Die Statisten standen wie die Stöcke; keiner von ihnen rührte sich. Sie erschwerten den Künstlern ihre Aufgabe. Die — 6: kleine Bremer war ohnehin verwirrt; Wadler hatte sie vor- hin gleich hinter der ersten Coulisse heruntergerissen, hatte ihre Schlagfertigkeit, auf die sie so stolz war,„vorlaute Schnabrig- kcit" genannt. Jetzt versagte ihr das Gedächtnis. Der Speihahn krankes, heiseres Organ war ohnehin nicht gut Vernehmbar, heute war es ganz dahin, überschrien und verheult. „Lauterl Bitte lauter!" Die Kleine ging nicht vom Souffleurkasten weg. „Lauter I Donnerwetter, lauter!" Schoenfließ stampfte mit dem Fuß auf. Er lernte seine Rolle nie ordentlich, sondern verließ sich stets auf den Souffleur. Die Stichworte fielen nicht richtig; eine unklare Stinlmung lastete über dem ganzen zweiten Akt.— Wieder kein Beifall. Kistemachers kamen nicht mehr in die Loge; nur Heider ietz sich sehen. Er schien unruhig, sein Blick ruhte voller Sorge auf der jungen Frau; er wollte Ebel vor die Logenthur ziehen, aber Elisabeth widerstrebte dem. „Sagen Sie nur alles hier, was Sie zu sagen haben. Ich kann alles hören."— Und nun ging das immer so weiter; langsam fühlte Ebel eine Hoffnung nach der anderen abfallen. Waren sie denn alle vom Bösen besessen? Die Darsteller tappten unsicher in ihren Rollen herum; die Maschka riß Coulissen, Schoenfließ spielte unlustig. Da war keine Einheit, kein Zusammenwirken mehr, unbarmherzig stieß jeder auf eigene Faust ein Stück des Gebäudes um. Und doch waren die Trümmer noch immer groß; Bruchstücke eines großen Talentes, so ragten sie aus dem Chaos— Ebel empfand einen unendlichen Schmerz— wer würde sie wieder aufbauen?! Sahen denn die Leute nicht, was hier zu Grunde gerichtet wurde? Wie Hilfe suchend glitt sein Blick unihcr, die Angst verlieh ihm eine unheimliche Schärfe— Gesichter, Gesichter-- eine unendliche Reihe von Gesichtern. Da waren gleichgültige, gelangweilte, da kritische und da— wie gebannt starrte Ebel auf die Loge in der Mitte des ersten Ranges— jetzt, jetzt lächelte der berühmte Mann, neigte sich nach rechts, nach links— die beiden Damen lächelten— Mannhardt lächelte--- Was war denn dakomisch? Oh. es mußte doch komisch sein! Sie lächelten alle. Und nun— wer hatte zuerst laut gelacht?! Von oben, von unten, von links. von rechts— woher kam dieses Lachen? Es schwirrte heran wie ein giftiger Pfeil, es fuhr durch die Reihen, neigte sich über die Logen- brüstungen, kletterte hinauf bis zum Kronleuchter.— auf der Galerie klang es unverhohlen, im Parkett versteckter, in den Logen kicherte es nur. Aber dies Kichern, spitz und schrill, drang tödlich verwundend bis ins Innerste- Elisabeth zuckte zusammen, sie bäunite sich auf, wie ins Herz getroffen. Ebel wagte nicht, sie anzusehen, er legte nur schützend den Arm um sie. (Fortsetzung folgt.) SonnkÄgsplerndevr Das Geheimnis der Lebensfähigkeit der diplomatischen Politik ist— das Geheimnis. Jede Dummheit erhält dadurch die Weihe des Tiefsinns, daß man ihr die Aufschrift:„sekret" giebt. Gemeine Mauerwinkel verwandeln sich in allerheiligste Stalten, indem man sie einfach durch dichte Vorhänge von der anderen Welt abtrennt. Diese Portiere erscheint überall, Ivo das Nichts als Große, die Niedertracht als weise, vorausschauende That- kraft, die Thorheit als Genialität wirken sollen. Der Fetzen Stoffs, der die Stimmen absperrt und den Augen des Laienvolks draußen wehrt, ist das Zaubermittel, das der Krämer- öde staatsmännischcr Geschäftigkeit den Glanz und die Pracht einer erleuchteten Vorsehung verleiht. Danie Politik stolziert in der Oeffentlichkcit mit schimmernden Belladonna-Angen unter gefärbten Brauen und Wimpern, mit falschen Zähne», gestopften Hüften und pfundwcis gekauftem Haar. In lüstern bewundernder Andacht blickt man ihr nach, ivenn sie hinter der Portiere ver- schwindet: ober wenn sie sich im Verschwiegenen entkleidet, graut selbst ihren Zuhältern vor dieser zusammengerafften Schönheit. Ohne das Geheimnis wäre die Diplomatenpolitik ein Kinderspott und Klownspaß. Wird der Vorhang gelüftet, so er- scheinen die Großen der Erde kleiner als ihre Kamnierdiener, und ihre schicksalsvollen Konferenzen hören sich nicht anders an wie die Unterhandlungen ztvischen einem Weinreisenden und einem Kneip- Wirt.. Entheimiiist-» entgöttert I Zöge einer den bergenden Vor- !6— hang hinweg, so ginge es den Staatsmännern ebenso wie dem armen Berliner Marineprofessor, der als„von Halle" für die kost- spiclige Flottenpoesie die deutschen Jünglinge begeistern durfte, »m dann als ein gefärbter Lcoy entlarvt allen Kredit einzubüßen; das herrlichste Panzerschiff sank von Stunde an zu dem Wert einer alten Hose und der Ueberseemensch schien nur noch wie ein anfdring- licher Marinetrödler, wie ein Anreißer für Flottengeschäfte. Und dabei bat sich gar nichts eigentlich geändert, von Halle war genau der alte Levy. nur die Portiere war aufgezogen, das Geheimnis verraten. Die Nacktheit tötet. In Reimes, wo das Opfer eines Jnstizfrevels sein abgestorbenes Leben wieder zu erringen trachtet, wühlt man tagelang, in ängstlicher Absperrung gegen die Oeffcntlichkeit, in geheimen und allergeheimsten Aktenbündeln. Sie sollen im wesentlichen Schmutzereien nach Art der Kotze-Bricfe enthalten. Aber es sind auch die fürchterlichsten Staatsgeheimnisse darinnen, die Früchte jener internationalen Spitzelei, durch die sich Länder gegenseitig ihre intimen Massenniord- Pläne erlisten. Ein Wort von diesen Allen der Spionage veröffent- licht— und der Krieg ist da! So schreckt man die Unmündigen, schreckt sie ab, die Wahrheit zu fordern, die plunrpe, grobe Wahrheit, Dabei weiß aber jede Verwaltung ganz genau, was' die anderen in den militärischen Gehcimschränken bewahren. Jeder kennt die Schliche der übrigen, ein Heer v. Schnüfflern wird für diese unsaubere und unnütze Thätigkcit besoldet, und gleichwohl wird dem zitternden Philister eingeredet, wie von der Geheinihaltnug der ge- Heimen Dossiers das Heil der Völker abhinge. Die sittliche Ver- rottnng und geistige Niedrigkeit, die in dem S h st e m dieser spitzelnden Gcheimpolitik liegt, ist' viel jämmerlicher, viel gemeingefährlicher als alle die Verbrechen, Schurkereien und Albernheiten, die in dem Dreyftishandel ans der brodelnden Tiefe des Geheimnisses zum Ent- setzen der Naiven empor getrieben sind. Geheinie Dossiers lagern nicht nur in den militärischen Amts- stubcn. In allen Ressorts wird mit den sckrcten Akten ein mystischer Götzendienst getrieben. Das Volk draußen erfährt nur die Wirkungen, die bewegenden Ursachen verbergen sich im Dunkel, und die freien politischen Vogeldenter müssen durch ihr Ahnungs- und Kombinationsvermögen die Wahrheit ersetzen, die den Bürger» die von ihnen bezahlte Beamtenschaft aus triftigen Gründen vor- enthält. Nicht nur in Frankreich regiert das geheime Dossier. Wer beispielsweise sich klar werden will, welche treibenden Momente die preußische Neichspolitik bestimmen, der nuiß die Schnüre von den geheimen Aktenbündcln lösen, die in den Ministerien aufgehäuft sind. Nichts ist so dunkel wie die Kreuz- und Quer- geschichte der Kanalvorlage. Warum sollte zuerst die Reise des Kaisers nach Dortmund unterbleiben? Warum schwelgten die Kanalfeinde in Siegcsbewußtscin? Warum wurde dann doch Plötz- lich die Einweihung des Dortmund-EniS-Kanals in Gegenwart des Kaisers vollzogen? Wann» wurde der Finanzminister und Viccpräfidcnt des preußischen Ministeriums am Anfang der Woche plötzlich nach Wilhelmshöhc zum Monarchen bc- schieden, um an ihrem Ende wegen dringender Geschäfte verhindert zu sein, der Dortmunder Kanalfeier beizuwohnen? Das aller- geheimste Dossier im Finanzministerium würde Auskunft geben können. Selbst wir sind leider nur in der Lage. ein paar Bruch- stücke ans diesem Arsenal der innersten Politik mitteilen zn können, die ein im Dreyfus- Prozeß geschulter Hintermann uns über- mittelt hat. Als Herr v. Miguel zu der Einsicht gelangt war, daß die Kanal- weihe doch in Gegenlvart des Kaisers stattfinden würde, putzte er melancholisch seinen schwarzen Adlerorden, und während er an die ersten Jahre seiner Ministerherrlichkcit träumend zurück- dachte, erschloß er sein geheimes Dossier und zerriß sorgsam ein Bündel Briefe in winzige Stücke. Da Herr v. Miguel nichts um- kommen läßt, verbrannte' er die Papicrfrngmcnte nicht, sondern ver- kaufte sie an einen Makulatnrhändler zum Einstampfen. Bei diesem ehrsamen Händler erwischte unser Hintermann eine Hand voll Schnitzel, klebte sie zusammen, und es ergab noch einige lesbare Sätze, die allerdings durch größere Lücken unterbrochen waren. Es scheint sich bei den Meinungsäußerungen, die wir nachstehend wieder- geben, um Briefe eines Grafen zu handeln, von dessen Namen allerdings nur ein halbes a und die untere Schleife eines z der Ver- nichtung entgangen ist: I.... Wir vertrauen Ihnen alle... Vauernaufwiegler ge- blieben, der Sie in Ihrer Jugend waren. W i r sind, wie schon Bisniarck sagte, die wahren Bauern... Kanalvorlage ist mindestens 8 M. Zoll wert... Haben wir dieses Kompensationsobjekt nicht mehr, wie sollen wir Pression ausüben, wenn Jndustricprotzcn, die Arbeiter billig fiittern möchten, gegen Brotwncherer an maßgebender Stelle Sturm' laufen.... An sich ist Kanal ungefährliche Spielerei.... Aber daß sie nicht jetzt befriedigt... Hauptsache also: Ver« schleppen, verschleppen, verschleppen... Kennen Sie schon famosen Witz, den neulich der kleine Baron... Siniplicissimus kann sich ver- stecken.... 1k.... Heißen Dank, Liebster. Es geht prächtig. Ans ganzer Linie Sturm.... Ablenken ist die einzig wirksame. Dann ist alles gewonnen.... Rotes Gespenst immer noch am branchbarsten.... „Reichsbote",„Kreuz-Zeitung", Oertels Predigtblatt, auch Stumms Lcibschmerzcn-Organ bewähren sich trefflich... Znchthansvorlage ist Hauptsache... Muß täglich zweimal eingeblänt werden... Centrum höchst, umsturzvcrdächtig..» Kanalvorlage aus den Händen der Schwarzen empfangen, heißt sich an die Revolution vcr- kaufen... Wenn das nicht zieht I... Lassen Sie die Marseillaise so weiter blasen, dann haben wir gewonnen... In größter Dank- barkeit und bewunderndem Vertrauen Ihr Graf... III.... Es ist erreicht... Einwcihnngsfcst-Nede abgesagt... Hurra, hurra, hurra, aber aus ehrlichein Herzen... Für elvig Ihr... IV... Was soll das heißen, mein Lieber... machen ver- dächtige Besuche... ernstliches Gerücht verbreitet, daß Sic zum Feinde übergehen... wäre nicht nur treulos, sondern auch thöricht; denn wir bleiben die Stärkeren... Autworten Sie sofort, ich für meine Person glaube nicht Ihren Verleumdern... V... also doch Ivahr! Telegramm, daß die Reise noch vor der Wiedcreröffiuing des Landtags stattfindet, hat auf unsere Leute wie ein Donnerschlag gewirkt. Die Feigen und Dummen sprechen von löblicher Unterwerfung. Daun sind die Handelsverträge ver- pfuscht... Wer steckt alicr dahinter?... vertrauen Ihnen nach wie vor, glauben, daß Sie Unmögliches möglich ninchen können... erwarten demonstrative Abwesenheit von Dortmund... VI... tausend Dank... Ihr Fernbleiben hat uns alle wieder aufgerichtet... keinen Grund, den Mut sinken zu lassen... wollen und können nicht glauben, daß Sie unter die Räder gekommen... Finanzminister sterben nicht in Ueberschußjahren... etwas aushecken müssen, was die Karre wieder ins Gcleis bringt... Denken Sie nach, wie... Ivar im Jahre lööö, als wieder einmal eine der so beliebten Juden- Verfolgungen durch mehrere Länder Deutschlands tobte. Ich weiß nicht, sollten die Kinder Israel wieder einmal Brunnen vergiftet oder das Fleisch von Christenkindern zu rituellen Zwecken verwendet oder Hostien beschmutzt haben; kurz, gleichzeitig niit seinem Grenz- Nachbar und Namensvetter, dem Kurfürsten Johann II. von der Pfalz aus dem Hause Simmern. sah sich der Kurfürst und Erz- bischof von Trier, Johann, früher Graf von Jsenburg-Grenzan. ver- anlaßt, die Inden aus seinem Gebiete zu vertreiben. Die Flücht- linge ans Trier wendeten sich zum größten Teile in das beimchbarte Elsaß und suchten dort neue Heimstätten. Damals führten die Juden, ihren alten Volksgebrnuchen �getreu, noch kerne Fm alicn- nanien, während bei ihren christlichen Mitbürgern der Gc- brauch erblicher Uebernnmcn schon seit zwei Jahrhunderten ganz allgemein geworden war. Gelangten nun also diese vcr- triebenen Trierer Inden irgendwo inr Elsaß zur Niederlassung und erschienen sie ans den betreffenden Gemeindc-Aemtcru, um sich' in die behördlichen Einwohnerlistcn eintragen zu lassen, so konnten sie nichts als ihre einfachen Rufnamen angeben. Die Rcgisterfiihrer aber setzten, um die Rubrik für den Falnilicnnamen auszufüllen, einen Hinweis ans den Abstamimuigsort der Leute ein, schrieben also: Droviranus, d. h. der Mann ans Trier(lat. Trevivi). Das Wort wurde freilich nicht ausgeschrieben, sondern, entsprechend dem damaligen Kanzleistil, setzte man nur die erste Silbe des Wortes und unmittelbar dahinter die Endung, etwas über die Zeile erhöht und mit zwei Querstrichlein unterzogen, also wie folgt: TrevHf. Aus einem sehr naheliegenden Mißverständnis ergab cS sich nun bald, daß allen diesen Leuten nolsus volsiis im Volksmnnde der Fainilicnname Trevns angehängt wurde. Nun trat noch die Volks- cthhmologie hinzu, die in Gemeinschaft mit der Analogiebildung den größten Sprachverderber und dabei zugleich Sprachweiterbilduer ausmacht. Unter Trevns konnte sich der gewöhiiliche Menschenverstand nichts vorstellen; vorstellen aber muß man sich doch etwas könucn bei einem Namen, also ward flugs aus dem Trevus ein Dreyfns gemacht, denn wenn man auch deutlich sah, daß diese Leute nicht auf drei Füßen herumliefen, so klang das DreyfuS doch viel anheimelnder als das völlig unverständliche TrevuS. So entstand dieser jetzt so viel genannte Name.— — Die Technik bei den Eingeborene« in Afrika. Vor einigen Tagen wurde in die Sammlungen des Armcc-MusemnS in Paris eine interessante Nummer einverleibt. Es ist dies ein vom französischen Marine- Infanterie- Hauptmann Pillivuht einem ans- ständischen Eingeborenen bei Sikasso in Wcstafrika abgenommenes Gras-Gcwehr, das von einem Schmiede des Ortes hergestellt worden ist. Ans die Frage des Hanptnranns, ob die Eingeborenen viele solcher Flinten besäßen, erwiderte der Neger, sie hätten vier, die nach dem Modell eines bei einem gefallenem fran- zösische» Soldaten gefundenen Gewehrs angefertigt wurden. Die Neger hatten geduldig Stück für Stück das Gewehr aus- einandcrgenommen und ohne besondere Werkzeuge und Maschinen die Waffe fabriziert, mit der vor noch zwanzig' Jahren die ganze französische Annce ausgerüstet ivar. Die Arbeit ist natürlich eine sehr grobe, aber es fehlt keine Schraube bis auf den Bügel, dessen Bedeutung den Schivarzen offenbar nicht einleuchtete. Vielleicht hatten sie auch wegeir der darauf gravierten Ziffern angenommen, es sei eine Art Anmlett mit einem den Bleichgesichtern günstigen Gebete, ivcShalb der mit der Ansführnng der Waffe betraute Künstler sich wohl hütete, es nachzumachen.— Musik. Es ist viel die Rede von einem Tiefstand oder Verfall der deutschen und von den noch lebendigen guten Ueberlieferungrn der italienischen Gesangsknnst. Die zahlreichen Gäste aus Italien, die jetzt den Reichtum unserer Opernbühnen vermehren, setzen das Können unserer heimischen Künstler nicht gerade ins schwächste Licht. So war es ganz besonders am letzten Freitag bei Vi o r>v i tz im Schiller-Theater. Dort traten gleich zwei italienische Gäste zugleich auf: A d e I e B o r g h i und Benedetto Lucig nani als C n r m e n und als Don Jose in B i z e t s leichtfüßiger Oper. S i e soll in Italien als erste Carmen gelten und sich bereits in außer- italienischen Gastspielen belvährt haben: er wird ebenfalls in üblicher Reklamciveise empfohlen, doch für Deutschland»och. als Neuling bezeichnet. Beide besitzen eine gute Stimmbildung, wenn auch ohne besonderen Glanz und mit einzelnen Mängeln;' s i e scheint sogar auf eine mächtige Stimnientfaltung zurückblicken zn können. Im Spiel war anfangs c r nnansstehlich, später beide von tüchtiger Darstellungskimst, beide legten das Gewicht ihres Spiels mehr auf das Innerliche und Leidende, wobei allerdings er durch Weinerlich- kcit, s i e durch Mangel an dem einer Carmen zuzuschreibenden Temparament störte. Natürlich wurde wieder der deutsche Text durch das Italienisch der Gäste unterbrochen. Unter den Heimischen, die gegenüber dem Ausland den Ruhm des Inlandes ivnhrten, seien zuerst zwei Nebenpartie-Spieler her- vorgehobcn: Theo Raven als der eine Schmuggler und Hedwig O h m als das eine Zigeunerinädchen; beide im Spiel und besonders im Gesang sehr lobensivert. Von den größeren Rollen wurde die des Stierfechters Escannllo durch Oskar von Lauppcrt trefflich gespielt mid gesungen, ein paar kleine Unarten abgerechnet; das Bauernmädchen Micaäla der Marie von T e r g o w war eine neben und.zum Teil über die Carmen zu stellende Leistung, nur Das sind die uns übermittelten Briefschnitzel. Am interessantesten aber erscheint uns ein fast vollständiges Telegramm mit bezahlter Rückantwort, das wir aus derselben Quelle erhalten haben, und das lautet wie folgt: „--- Knstanienwäldchcn. Offerieren sofort ersten Direktorposten. 300 rnille per Jahr und Tantieme. Deutsche Bank." Die Antwort des Adressaten ist uns leider nicht zugegangen. OC. Kleines Feuilleton. — w— Freundinnen. Der Lärm der belebten Straße klang wohl bis in die Stranchrcihcn des kleinen Platzes hinein; aber das störte die Kinder nicht, die sich um den Sandhaufen tummelte». Sie gruben in dem von Sonnenflecken durchbrochenen Schatten, warfen einander Bälle zu oder setzten sich auf das niedrige Eisen- geländcr neben ihre Mütter und spielten mit Puppen. Da kamen über die mtt flimmerndem Staub erfüllte Straße vier kleine Mädchen. Sic waren in jenem glücklichen Alter, wo sie noch nicht zur Schule gehen, aber schon nnt großen, fragende» Augen in die Welt blicken, wo sie ihre Leidenschaften mit leicht zn durchschauender Schauspielerei verhüllen. So, sich an den Händen haltend, eine besorgt um die ändere, daß die nicht unter einen Wagen gerate, kamen sie schon den ganzen Sommer jeden schönen Tag um diese Zeit herüber auf den Platz. Sie spielten gemeinschaftlich mit ihren Bällen und Grablöffeln. Da sie keine Puppen hatten, war die eine manchmal die„Mama" und die andern ihre„Kinder". Einste Streitigkeiten hatte es zwischen ihnen nie gegeben. War die eine verletzt worden, so kmnei.r die andern versöhnend in belehrender Weise dazlvischen. Ihre Freund- jchaft war bisher so klar gewesen wie ein schöner Sommertag. Sie wollten auch heute wieder zusammen Ball spielen. Als sie auf ihren gewohnten Platz unter dem Ahornbaum kamen, fanden sie dort einen eleganten, grünen Kinderwagen mit Nickelgriffcn. Es saß aber kein Kind auf diesem Wagen; eine gewaltige Puppe thronte dort oben in hellen Spitzenkleidcrn. Und neben dem Wagen stand ein Mädchen, das in»och weit herrlicheren Kleidern prangte. Die vier Mädchen thaten wohl, als sähen sie das nicht. Die Kleine, die Tochter des Schlächtermeisters von der Ecke, hatte nie mit ihnen spielen Ivollen. Aber jede überraschte die andere dabei, wie sie heimlich nach der Herrlichkeit blickte. Und in eifersüchtigem Zorn flog der Ball anstatt in die Hände der andern im Bogen über den Kopf hinweg in die Büsche. Die einsame Kleine stand neben ihrer Puppe und sah ihnen gc- langweilt zn. Plötzlich rief sie:„Wollt Ihr nicht mit nur und meiner Puppe spielen?" Und sie ließen den Ball liegen und stürzten alle nach dem Wagen... Und als es Abend Ivar und der Hinnnel über der Straßen- öffnung in Flammenrot brannte, gingen sie heim. Sie faßten sich aber nicht mehr an der Hand. Sie behüteten sich nicht mehr gegen- seitig. Mit zerkratzten Gesichtern und verwirrten Haaren schlich jede einzeln über den Damm und sah der Schlächtertochtcr nach, die von ihrem Kindernrädchen samt ihrem Puppenstaat über die Straße ge- tragen wurde.— — Ter Ursprung des Namens DrcyfnS. Der„Franks. Z." wird geschrieben: Gegenwärtig, wo der Raine Dreyfns wieder in Aller Munde ist, wird es manche Leser interessieren, zu erfahren, auf welche Weise dieser unter de» jüdischen Bewohnern Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz so viel verbreitete Name entstanden ist. Dieser Name beruht auf einem ganz kuriosen Mißverständnis. Es wieder die Stimmfehler der Höhe cuisfletiommen(namentlich miikten diese Töne leichter und leiser angesetzt werden, wodurch sie auch mehr wurden..auf den Kopf getroffen" werden). Orchester(unter Julius P r ü w c r) und Zufammenspiel(Regie: Adolf C a r l h o f) waren brav, abgesehen von einigen bis zur Lächerlichkeit takt- und würdelosen Aufmärschen. Wie bald wird die Zeit dahin sein, da ein so rühmenswerter privater Fleiß das Pnblikum fort und fort niit reichen Eindrücken erfreut und alles Angekündigte auch wirklich zur Zeit ausgeführt wird I Dann können wir uns wieder Unter den Linden von einer Absage zur andern hinziehen lassen— natürlich zum doppelten Preis von wegen des Weltruhmcs.— bz, Kulturgeschichtliches. kg. Wie große Bedeutung das Tabakrauchen schon im IS. Jahrhundert bei den Indianern hatte, davon legen die Ausgrabungen im Mohawk-Thal Zeugnis ab. Eine ganze Anzahl von alten Jndicmerpfeilc» ist dabei zu Tage gefördert worden. Ueber die interessanten Funde berichtet Dr. Beauchamps in einem„Bulletin der Univerfität New Dork". Die ältesten Pfeifen waren die Thon- pfeifen der Irokesen, aber daneben waren schon früh bei festlichen Gelegenheiten auch irdene Friedenspfeifen in Gebrauch. Bei den Indianern an, Hudson River wurden 5Uipferpfeifen neben kupfernem Kochgerät gefimden. Auch in anderen amerikanischen Staaten wurden Kupfer- Utciifilien ans Licht gebracht. In Massachuetts wurden erst kürzlich Pfeifen aus hartem Thon, sowie Pfeifenköpfe und Rohre aus Kupfer gefunden. Die Hurons liebte, r eine Pfeife, die mit nienschlicheir Köpfen und Armen dekoriert war, oder auch Pfeifcnköpfe, die von Schlangcnleibent um- wunden wurden. Eulenpfeifen wurden von den Petrins und Oneidas gemacht. Die Pfeifenrohre waren mit elliptischen Ein- schnitten bedeckt. Mit denr Tabakrauchen waren viele Gebräuche bei den Indianern verbunden. Sie betrachteten den Tabak mit ehr- fürchngcr Scheu und brachten ihn den Geistern dar, die sie der» ehrten. An einer großen hölzernen Maske wurde ein kleiner Tabaksbeutel befestigt, um den Geist der Maske zu besänftigen. Der Tabak beruhigte Sturm und Gewitter und war inr Krieg, wie im Frieden gleich unentbehrlich. Beim Ausgraben de? Ginseng. Krastivurzei, wurde über die erste gefundene Pflanze etwas Tabak gestreut, und die Pflanze dann unberührt gelaffen. Der ein- heimische Tabak wurde bei allen hciligcu Fuuktioucn gebraucht. In den Tagen der Tionontatie, der.Tabak- Nation" von Kanada war diese Pflanze für jenes alte Volk eine Quelle des Wohlstands. Man berichtet aber, daß die Sorte, die bei den Delawares und Irokesen allgemein gebraucht wurde, so stark war, daß man sie niemals allein rauchen konnte, sondern nur mit den der- trockneten Blättern des Sumac oder anderen Pflanzen vermischt. Sie wird heute noch spärlich bei den Onandagas kultiviert und hier.ohcnkwchonwe", wirklicher Tabak, genannt. Der Indianer Ivar in der Herstellung der Pfeifen sehr geschickt. Er liebte es, die Ans- schmückung des Pfcifcnkopfes beim Rauchen zu betrachten. Bei den frühen Thonpfeifcn war deshalb auch das auf dem Pfeifeukopf dar- gestellte Gesicht ihm zugekehrt. Später wurden die Gesichtszüge umgekehrt. Die Figur auf dem Pfeifenkopf wurde gewöhnlich für sich allein hergestellt und dann an der Pfeife angebracht. Man findet häufig abgebrochene, schön gearbeitete Köpfe, die ehemals als Pfeifen- schmuck gedient hatten. Die Form de» Pfeifenrohres ist oft sehr einfach und geschickt, wie bei der.Trompeter-Pfeife", die sich durch anmutige Mndungeu auszeichnet. Die Oberfläche ist sehr sorgfältig behandelt. Die verschiedensten Farben sind verwandt. Die Pfeifen des Seneca-Stammes sehen ans, wie von schwarzem Marmor, während im Osten die helleren Farbe» vorwiegen. Spätere Pfeifen find mit Tier- und Bögelköpfen geschmückt, und auf dem Rohr sind Linien und Punkte in geschickter Anordmuig verteilt. Der offene, aufwärts gekehrte Rachen des Tieres bildet gewöhnlich den Pfeifenkopf. Wann die europäifchen Pfeifen zuerst bei den Ii, dianern eingeführt wurden, ist unsicher. Englische Pfeifen tauchen etwa im letzten viertel des 17. Jahrhunderts auf. Die älteren haben einen kleineren, tromn,elartig geformten Kopf mit den Initialen der Ver- fertigers der Pfeife darunter.— Llus dem Pflanzenleben. — Ein botanisches Märchen. Unter diesem Titel schreibt OttomarDächsel in der.Mutter Erde": Die Zeit der Blüte unseres gewöhnlichen Veilchens viala odorata (Märzveilchen genannt, vermutlich weil es in Ausnahmefällen auch einmal schon im März zu blühen anfängt) bringt gctvöhnlich in den Gartenplmidereien allerlei Zeitungen immer wieder den Hin- weis, daß das maffenhaft geübte Abpflücken der Blüten der Ver- breitung des Veilchens nicht» schade, denn die Frühjahrsbliiten des Beilchens seien an sich unfruchtbar und erst die späteren, in den Monaten Mai bis Juli erscheinenden, verkümmerten Blümchen lieferten Samen. So steht bekanntlich in allen Lehrbüchern der Botanik zu lesen, wenigstens ist mir eine Ausnahme nicht bekannt. Man führt auch gelegentlich diese angebliche Thatsache als eine einzigartige Naturmerkwürdigkeit an und zerbricht sich den Kopf darüber— statt diesen angeblichen Thatsachen einmal näher auf die Finger zu sehe», wobei man sich leicht von der Haltlosigkeit jener Behauptung über- zeugen könnte. Auf Grund mehr als 1l> jähriger Beob« Nerantvortlicher Redacteur: Rodert Schmidt in Berk achtlingen habe ich stets gefunden, daß der Bruchteil hin» sichtlich ihrer Fortpflaiizungsorgane verkümmerter Blüten beim Veilchen um nichts größer ist als bei anderen, auch von der Botanik als fruchtbar anerkannten Pflanzen. Man findet in der Regel die hakenförmig gestaltete Narbe normal aus- gebildet, dazu die orangefarbigen Staubblätter, welche auf ihrer Innenseite die Staubballen tragen, in schönster Ordnung, so daß man sich fragen muß, wieso solche normal ansgebildete Blüten nn- fruchtbar sein sollten. Gicbt man sich die Mühe, etwa 3— 4 Wochen nach der Blüte die Pflanze zu untersuchen, so findet man stets— vorausgesetzt, daß zur Blütezeit günstiges Wetter herrschte, so daß Insekten fliegen und die Blüten besuchen konnten, worauf das Veilchen, der der eigentümlichen Stellung seiner Staubkvrper, allerdings angewiesen ist und sofern die Blüten eben nicht ab» gepflückt wurden— schon recht weit entwickelte Samenkapseln, welche in der Regel im Juni aufspringen und ihren Samen ausstreuen. Freilich muß man nach ihnen suchen; da der lange dünne Stiel die ichtvere Kapsel nicht zu tragen vermag, kriimnit er sich, die Kapsel liegt verborgen am Erdboden, nieist sogar in den Erdboden gebettet, Stegen und Regentvürmer besorgen das Bcerdignngsgeschäst. An solchen mit. Samenkapseln versehenen Pflanzen kommt es dann häufig garuicht erst zur Enttvicklung jener bekannten zweiten Generation von verkümmerten Blüten, die schwellenden Samenkapseln bcan» spruchen den von den Wurzeln gelieferten Bildungssaft fiir sich. Trifft jedoch die Blütezeit in für die verschiedenen Insekten, besonders Biencnarten. welche das Veilchen bestiegen, mtflugbare Witterung, vernichten Menschen, oder die alles frcsienden Schnecken den Frühjahrsflor des Veilchens, dann bleibt ihm eben nichts übrig als— noch einmal zu blühen. Diese zweite Generation, eigentlich Nachzüglcrbliiten, sieht dann freilich den ersten wenig ähnlich; die steigende Luftwärme zwingt das Veilchen, sich zu beeilen und die Blüten nur mit dem Notwendigsten auszustatten, ohne dem äußeren Schmuck Rechmmg zu tragen. Jeder Gärtner oder Gartenliebhaber tvciß ja, daß das Veilchen hohe Temperatur nicht verträgt, es beantwortet dieselbe stets mit vermickcrten Blüten ohne die gewohnte Blumenkrone... Hnmoristisches. — Nüchtern..Du, Deine Suppe ist aber schon recht dünn — der Arzt hat mir doch eine sehr kräftige Bouillon empfohlen!" .Und ich habe sie doch, lieber Mann, mit so viel Liebe gekocht!* „Wozu daS? Hatifft Du lieber noch ein Ei mehr ge- nommen!"— — Pflichteifrig. Fremder(einen fchlafeuden Nacht- Ivächter aufrüttelnd):„Hcda, Wächter...1" Wächter(knurrend):„Was wolle» Sie... stören Sie mich nicht in meinem Dienst I"— — Eine Frage. Ben Akiba sagte emmal:.Alles ist schon dagewesen?" Hat er schon eine Waflerhose mit Bügelfalten gesehen?"—(»Flieg. Bl.") Notizen. — PaulHeyse soll sich bereits wieder auf dem Wege der Beflerung befinden und außer Gefahr fein.— —„ K i w i t o", eine vierakttge Komödie von Ferdinand Bonn, wird am Mittwoch, den IS. August, als Eröffuungsstück vom„Neuen Theater" aufgeführt werden. Der Verfasset wird die Hauptrolle darstellen.— —„Die Bettlerin vom Pont des ArtS", eine Oper von Karl Ohnesorg, ist vom Stadtthcater in Stettin zur Aufführung angenommen worden.— — Nach einem Studium von sechs Semestern erlangte die frühere Lehrerin Bertha Kipf müller aus N ü r n- berg an der Universität Heidelberg den Doktor- tit e'l cum laude. Ihre Dissertation behandeltc'.Jffland und seine Lustspieltcchnik".— — Im K ü n st l e r h a u s e sind von heute ab das Kolossal- gemälde„Die Ermordung deS Kaisers Geta" von Rochegrosse,„Pferdcmarkt in Sofia" von I. V c s i n und mehrere große Gobelins auS dem 17. und 18. Jahrhundert nach Rubens und Watteau, sowie eine Anzahl Z e i ch u u n g eu und Oelskizzen aus dem Nachlaß Wilhelm v. Kaulbachs ausgestellt.— -„DaS Milchmädchen' von Grenze. daS ans 600000 Fr. geschätzt wird, ist dem Louvre-Museum von der verstorbenen Frau Nathaniel de Rothschild hinter- lassen worden.— — 707 Arten lebenderPflanzen und 3600 Samenprisen hat der Botanische Garten in B e r l i n im Jahre 1398/99 e r w o r b e n.— — Der bisher als Iteitlveg beuubt»