Hlnterhaltungsblalt des Worwüris Nr. 161. Freitag, den 18. August. 1899 dni-k veriole». Es lcbs die Vlinst! 4oZ Roman von C. B> e b i g. Ein feines Not stieg ihr ins Gesicht.„Ja", sagte sie träumerisch,„ich weiß, Du hältst etwas von mir!" „Wir alle!" Es packte Heidcr wie Ungeduld'„Wenn Sic sich gleich von ein paar Imupigen Rccensionen so verstimmen, von einer so niederdrücken lassen— hören Sie mal, hier schreibt ein anderer"— er durchflog rasch ein neues Zeitnngs- blatt—„Novität— gewagter Stoff— originelle Behandlung— Aufführung— Hitze— Urteilsfähigkeit des Publikums— halt, hier 1" Er unterbrach sein Gebrumm und acceutnierte deutlich: „Ein Talent, das eigene Bahnen geht, hat stets zu kämpfen. Ich erinnere nur an Hebbel, Grillparzer—" Heider unterbrach sich:„Nun. das können Sie sich schon gefallen lassen, die citiert zu sehen!" „— au Sudermaun, Hauptmann! Jahre mufften sie 1v arten, bis auch pekuniäre Erfolge ciuigcrmaffen Früchte am Lorbeer ansetzte«!" Heider lachte.„Der ist praktisch! Nun, wie viel hat Ihnen denn Schwertfeger ausgezahlt?" „Maier schreibt: Fünfzehn Mark dreiffig— bare fünfzehn Mark!" Elisabeth sagte es ohne jede Ironie.„Ich hätte Schwertfeger die fünfzehn Mark gern gelassen, was soll ich damit V" „Wir legen sie unserem Jungen in die Sparbüchse," sagte Ebel und lächelte freundlich.„Er mag es später wissen, wie sauer seine Mutter die Zur ihn cUvorbcn hat; sie werden ihrn Glück bringen l" „Oder auch nicht t" Elisabeth sprach hastig.„Wirf sie lieber weg, schenke sie niemandem! Es klebt Herzblut daran." Sie sah geradeaus, über ihr auSörncksvolles Gesicht gingen»och einmal alle Schauer des Erlebten. Sie schüttelte sich leicht.„Nein, gieb sie ihm nicht!" „Tie letzte Zeitruig!" sagte, Haider, noch ein Blatt eut- faltend.„Auch gut, aller guten Dinge sind drei. Nur der Held genügt ihm nicht; mich möchte er vor allen Dingen freundlichere Bilder baden.„Litte, recht freundlich!" wieder Photogrnph sagt.„Warum vertieft sich die geschätzte Autorin tu die Rachiseiten im s eres Lebens? Ihr ernstes Talent—" „Sehen Sie." unterbrach Hcider die Vorlesung,„immer Talent!" „— ihre nicht gewöhnliche Gestaltungskraft, ihr Mnt, das zu sagen, was not thnt, treibt sie leicht dazu, die schwarzen, allzu schweren Töne zu forcieren. Noch fehlt die Sonne. Wen« doch sieghafte Töne in unsere Poesie kämen! ?!nr der allzu groffe Ernst schreckt ab; Frau Zieinharz sollte lichtere Farben wähle», freundlichere Stoffe und den männ- lichen Charakter eines eingehenderen Studiums würdigen. Tann wird es ihr auch nicht an Erfolg fehlen!" „Immer den Vorwurf der ungenügenden männlichen Charakterisiening, hm," sagte Heider.«Das kann wohl mög- lich sein, daß Sie da—" „Tic stritiker haben recht," unterbrach sie ihn rasch. „Aber was wollen sie? Zeigt mir doch den Manu, der die Frau so zeichnet, wie sie wirklich ist. Er wird nie ganz wahr sein. Und ich den Mann zeichnen? i Nun, ich bin eben eine Frau!" „Aber dann: heiterere Stoffe!" Heidcr nickte ihr er- nintigend zu. „Das sagen S i e mir?!" Sie sah ihn groß an. „Wiffcn Sie denn nicht? Ich suche die Stoffe nicht, die Stoffe suchen mich." Schwerfällig stand sie auf und ging ins Nebenzümner zu dem Kinde. „Wir werden verreisen", sagte Ebel.„Ich habe Urlaub erhalten, von Ende dieser Woche ab für fünf Wochen. Sie muff herauskommen, es thnt ihr not." Der andere stinnnte lebhaft zu.„Aber wohin?" „In ihre Heimat; da hat sie ihre Kunst gefunden, da wird sie sie auch wiederfinden." Heidcr sah ihn forschend an; seine Augen waren von Freundschaft geschärft, leise regte sich auch noch eine andere Empfindung. Hatte der. Mann denn gar keine eigenen Wünsche, ging er kalt neben ihr her? Elisabeth war nicht glücklich— und der da? „Alter Junge, bist Du glücklich?" fragte er plötzlich und legte dem anderen die Hand auf die Schulter. „Ich hoffe es zu werden!" Ebel vermied den foftchenden Blick Heiders nicht, sondern erwiderte ihn ruhig und offen; dann sagte er ganz in demselben Ton:„Ich werde um Wohnung schreibe»; Elisabeth hat mir vom Förster erzählt, ich denke, da kommen wir unter. Das Gntshaus ist geschloffen, der jetzige Besitzer wohnt nicht darin, sonder» läfft alles verwalten. Im Dorfwirtshaus möchte ich nicht bleiben, da werde» die Betten schlecht sein, es ist auch nicht reinlich genug." Heider schüttelte de» Kopf. Jetzt an so etwas zudenken! Der war doch ein Philister!---- Elisabeth hatte wehmütig gelächelt, als ihr Mann ihr ankündigte:„Nun können wir in Deine Heimat reisen, ich habe Urlaub." Nor Wochen hätte diese Botschaft ein be- lebendes Fener in ihr angefacht, jetzt nickte sie nur:„Das ist lieb von Dir!" Sie sagte nicht:„Ich freue mich!" Mit einer gelvissen Lässigkeit betrieb sie die Vorbereitungen zur Reise. Sie wäre kaum fertig geworden, wenn Mite nicht mit Feuereifer gewaschen, geplättet und gepackt hätte. Die Alte war selig in dem Gedanken, noch einmal dahin zu kommen, wo sie. wie sie zutraulich zu dem Herrn sagte,„ihre besten Jahre verlebt hatte". Ebel hörte sie dem Kinde von der Mnhknh, von den schönen Blümchen, von der guten, guten Milch erzählen, von dem groffen Wald, wo Erdbeeren wachsen, so süff, wie es sonst gar keine mehr giebt. Ihre knarrige Stimme bekam dabei einen ganz melodischen Klang. Ebel muffte lächeln— Heimat, das war ein Zauberwort. das Alte jung macht und Betrübte froh— hatte es denn für Eiisabeth gar keinen Reiz mehr? Vor Wochen noch hatte sie sich gesehnt, jetzt schien sie keiner lebhasten Empsindung mehr fähig zu sein. Sic war sanfter�alS sonst, von einer liebenswürdigen Nachgiebigkeit, wie sie nur Schwachen eigen ist. War sie körperlich leidend? Ihre Augen waren ohne Glanz, und sie hatte einen Teint, wie ein blrichsüchtiges Mädchen. Mit einer gehaltenen, ihr sonst fremden Ruhe erledigte sie, was zn erledigen war; es berührte Ebel eigentümlich, wenn er sah, wie sie aufräumte, wegpackte, cinkampsertc, als hätte sie nie für anderes Juteresse gehabt. Als er am letzten Tag vor der Abreise nach Hause kam. fand er sie vor ihrem Schreibtisch. Sie saff am Boden, zcrriffene Papiere waren um sie hernuigcstrcnt, in dem einen Seitenschränkchcn lagen schon schön geordnete Bündel mit Bindfaden fest umschnürt. Jetzt räumte sie nicht weiter. Wie lange mochte sie schon so dageseffen haben, ein dünnes blaues Hcst, anscheinend ein Schulheft, in der Hand, den verträumten Blick unverwandt darauf gerichtet. „Was hast Du da?" fragte er. Sie schrak zusammen.„Mein erster Versuch."— sie hob das Heft in die Höhe, ein leiser Schmerz zuckle über ihr Ge- ficht—„ich schrieb hier auf— hier hinein—— früher--". Hastig warf sie S in den Kasten zu den Bündeln und schloff fest zu.„So." Langsam stand sie auf, steif von dein un» bequemen Sitzen.„Nun habe ich abgeschlossen." Wenn sie sich doch nur ein wenig auf die Reise gefreut hätte! Es war das erste Mal seit vier Jahren, daff sie wieder in die Freiheit hinauskam, in die wirkliche Freiheit, wo die Bäume wachsen, wie sie wollen, nicht sorgsam umhegt, zum Zählen vereinzelt, wie die Bäume im Grunewald. „Denke, Du wirst wieder Korn wachsen sehen und Vogel singen hören." sagte er.„Du wirst Blumen pflücken können, Du liebst sie ja so. Wir wollen in der Wiese liegen und tüchtig im Wald spazieren gehen; wir besuchen alle Deine alten Bekannten im Dorf.— Freust Du Dich denn gar nicht?" „Oh ja." klailg cS müde. „Du wirst mir die Plätze zeigen, wo Du als Kind ge- spielt hast?" „Oh ja." „Du windest einen Kranz ans Heidekraut, wir legen ihn dem Onkel aufs Grab!" „Ja!" sagte sie lebhafter; und dann düster:«Ich gehe über ein Grab!" Sie sah so tramig aus; das Wort erstarb ihm im Munde. � den Wanderer in den hingehaltene» Hut. Der bedankte sich n»d ging rasch der Brücke zu. Unter den ihm nachgesandten Blicken fühlte er sich aber recht unbehaglich. Auch zitterten ihn» schon die Knie von dem Iai»gcn Marsch— er stolperte. Die Ausflügler lachten auf. Er raffte sich znsannnen und ging weiter. Da hörte er,»vie die Ausflügler immer vergnügter lachten. Er lugte ein wenig zurück. Eins der Mädchen war aufgesprungen und machte ihm seine» schlvankcnden Gang»ach. DaS Blut stieg ihm in den Kopf. Er hätte sie schlagen mögen, die sich über sein Unglück so luftig »nachten. Mit jähen» Entschluß kehrte er um nnd Ivarf die Münze»», die sie ihn» geschenkt, auf die Erde. Ii» Weitergehen horte er,»vie sie »vieder lachten. Es Ivar aber nicht mehr das protzige Gelächter der Schaden frendc.-- — Bo» Arthur Schopenhauer erzählt Giviinier in seinem „Leben Schopenhauers": Entstand in der Nacht Lärm, so fuhr er vom Bette ans nnd griff nach Degen nnd Pistolen, die er beständig geladen hatte. Auch loci»»» keine besondere Erregung eintrat, trug er eine fortivährcndc innere Sorglichkcit mit sich her»»», die ihn» Gefahren sehen nnd suchen ließ, Ivo keine lvnrc». Sic vergrößerte ihm die kleinste Widerivärtigkeit- ins unendliche und erschlveite ihn» den Verkehr mit den Menschen. Seine Wertsachen hielt er dergestalt versteckt, daß, trotz der lateinischen Ainvcisnng, die sein Testament dazu gab, einzelnes nur mit Mühe zu finden Ivar. Keine Aufzeichnung, die sein Vermögen und häusliche Oelo- noniic betraf, vertraute er der Landessprache an; er führte sein NcchnnngSbilch englisch und bediente sich bei Ivichtigc»» Geschäfts» notizen des Lateinischen und Griechischen. Un» sich vor Dieben zn schützen, wählte er tänschendc Aufschriften nnd verwahrte seine Wertpapiere als.Arc-ma medica, die Zinsabschnitte besonders in Briefen und Nolcnhcftci» nnd sein Gold unter den» Tintcnfasse im Schrcibpnlte. Nie vertraute er sich den» Schccrmcsscr eines Barbiers an; auch führte er stets ein ledernes Schiffchen bei sich, nin beim Wasscrtrinkei» in öffentlichen Lokalen nicht der Ansteckung preisgegeben zu sein. Die Spitzen und Köpfe seiner Tabakspfeifen nahm er nach jedesmalige»» Gebrauch unter Verschluß. Ans Furcht vor dein Schcintode ver- ordnete er, daß seine Leiche über die gclvöhnliche Zeit hinaus offen beigesetzt»verde»» sollte. In Vcrtragsvcrhällnissci» fürchtete er in der Regel, betrogen zu werden. Seit 185tZ»vohnte er wegen der größere» Sicherheit gegen Fcncrsgefahr stets im Erdgeschoß.— Litterarisches. »1. Alex»? L n g o w o i: I n der Werk statte des Lebens. Aoiuan. Einzig autorisierte Ilebcrsetznng ans den» Russischen von Heinrich I o h a n n s o n. Berlin. Vita, Deutsches VcrlagshanS.— In den» 700 Seiten starke» Band»vird der Nachtvcis geführt, daß auch eine Russin ans vornehmer Familie eine geschickte Schneiderin»verde» kann. Das wäre so das ganze Ilm und Aul der Handluna nnd gleichzeitig ein großer Teil der Gedanken, die diesen t.oinai» füllen. Und doch verlohnt das Bück» eine cllvas eingehendere sprechnng, nicht zinnindest»vcgen des Restes an Ideen, die durch die cnvähutc Handlung nicht schon niitcharaktcrisicrt sind. � Die russischen Rainanschriftstellcr sind vor allen» Leute, die etlvas sagen»vollen. Und Ivel»» sie nur auch»virklich etlvas zn sage»» haben, so kann man sich leichter darüber trösten, daß es nicht innner Dichter sind, die dichterische Klniftformen für ihre Zlvecke benutzen. Dazu kommt noch eins. Die belletristische Fonn ist so ziemlich die einzige, die der russischen Intelligenz ein Lantlverden ihrer Gedanken ermöglicht, und so repräsentieren russische Romane thntsächlich das geistige Leben ihres Landes in einen» Maße, das»»an kann» bei der Ronianlitteratnr eines anderen Volkes antreffen»vird. Da die russische Intelligenz in» großen Ganzen nur ans der Schicht der Wohlhabenden und Reiche»» sich bildet nnd ergänzt, so gelvinncn die Ideen, deren Wichtigkeit sie verkünden, eine ganz besondere Färbung. Da der arbeitende Geist im praktischen Sinne zur Unthätigkeit verdamint ist, so spinnt er sich ganz in seine eigene Welt ein, die bei der Berühiung »nit der Wirklichkeit entweder nur schmerzhafte Eindrücke empfängt oder das reelle Leben in das ideelle Shsten» ziväiigcn»vill. Und so verfallen diese Vaterlnndsretter, falls sie sich nicht resigniert in die Mliftik ihres Seelenlebens zurückziehen, ans die unscheinbärsten Dinge, um durch sie der Entivickelnng neue Bahnen zu»veiscn; Ivo ein Problem sie Verivirrt, da hellen sie sich mit philosophischen Ab- straltionen,»nd die ganze Znkiinft hängt für sie nur davon ab, welche Lehnneiiinng Oberhand gewinnt. Nirgends bringt man der Francnfrage so brennendes Interesse entgegen,»vie»n dem kulturell rückständigen Rußland, aber nirgends ist sie auch eine so ganz auf eine bestimmte Gcscllschaftsschicht beschränkte Angelegenheit, deren Be- Handlung einen eigenen Charakter auftveist. Die Ehefrage»vird zu einer philosophischen Diskussion über das Wesen der Liebe— in Lngowois Romair verhandeln die beiden Hanptpcrsonen, so oft sie znsannnen konimc», über dieses Thema. Anfangs in ganz geistreicher Weise; aber immer mehr verflachen sich die Gedanken, je mehr sich in den» philosophischen Schriftsteller auch der Dichter regt. Er möchte trotz allem zeigen,»vie die sinnliche Liebe ein durchaus notlvendiges Kor- relat zur ideellen Gcmeinschnst der Liebenden ist, noch allgemeiner, wie der natürliche Mensch gleichzeitig auch der gnte nnd schöne Mensch sein muß. Aber in diesem Wettstreit zlvischei» den» abstrakten Philosophen und den» aus dem vollen Leben schöpfenden Dichter koinmcn beide zn kurz. Namentlich der Dichter, solveit er die gewählte Knnstforn» beherrschen soll, ist übel daran, für den so- genannten psychologischen Roiiiai» reicht weder Lngolvois begriffliche Schärfe, noch feine nllznwenig tief dringende psychologische Analyse ans. Die Handlung ist äußerst dürftig, die Schildernnge» ohne Glanz und Farbe, mitunter auch ohne Anschaulichkeit. Wie aus- führlich»vird eine große Nähschnle beschrieben, aber»vie Iveiiig darin gesagt I Von dem Leben des russischen Volkes, in dessen ver- schicdencn Schichten der Roma»» spielt, erfährt man nichts, von dem Leben der obersten Schichte, der die Hauptpersonen angehören, nur auf mittelbare Weise, ivenn man sich an die Entstchuiigsbedingiliigen des russischen RonianS im allgemcinci» hält. DaS Buch bleibt lesens- wert, nicht wegen seiner besonderen Vorzüge, aber lvcgcn seines gciicrellci» Charakters.— Theater. — r MeneS Theater.„Kilvito", Komödie in 4 Akten von Ferdinand Bonn.— Das»var einmal etlvas ganz Apartes. Herr Bo»»». der ans jeden Fall Originelle, fand gleich dem großen Alexander sein Vaterland zu klein und zog erobernd hinaus in den fernen Orient. Japan, das märchenhafte, mußte herhalten, um den» ehrgeizigen Sieger als Hailptsache eine neue,»och nie da- gcivcscne Glanzrolle nnd obendrein noch ein Stück zn verschaffen, ein Stück. das sich natürlich um die Glanzrolle dreht,»vie der Sterne Chor um die Soimc sich stellt. Alles die?, Glanzrolle und Stück,»var ganz allein der Urkraft seines schöpferischen Geistes entsprungen. Aber auch für sein Volk, für das blasierte und so stark zun»»»oqniercn geneigte, hatte Herr Bonn in seiner Komödie „Kilvito" etlvas mitgebracht, nämlich echt japanische Sittenlehren, die dem faulen Stan»»» mitteleuropäischer Asterknltur verjüngend aufgepfropft»verde»» sollten. Zn diesen» Zlvecke»var die honette Gesellschaft nnscres lieben Vaterlandes in„Kilvito" mit einer»venigstens im Gartcnlanben- Theater ersta»»»»- lichci» Rücksichtslosigkeit abkonterfeit worden. Feine Beamten- stunilic, total verlumpt, aber nach außen hin schneidig nnd streng auf Standeschrc bedacht. Dem hoffnungsvollen Sprößling der Familie fällt auf einem Wohllhätigkeitsballe ein uiischnldiges Kind in die Hände. Von diesen» Augenblick ab spielen die Not- Helfer der Bühne, die Mißverständnisse, eine ausschlaggebende Rolle. Valentin mit den» aufgclvirbelten Schnurrbart sieht infolge eines Mißverständnisses Maria für eine Millionärin an. Irgend ein Para- graph im Moralkodex der guten Gesellschaft zlvingt den Lunipen von Ehre aber, daß er eine Dame, die er kompromittiert hat, ent- Iveder durch ein Duell oder durch Heirat wieder knrsfähig mache. Valentin richtet es so ein, daß die von ihm Beleidigte ihn» die Hand zur Verlobung reichen muß. Ein neues Mißverständnis versetzt den glücklichen Bräntigan, in den Glauben, daß sein vermeintlicher Gold- fisch die Geliebte des Thronfolgers in» Ländchcn sei. Desgleichen»vird mißverständlich angenommen, daß Hoheit geruhen werde, auch nach der Hochzeit das zärtliche Verhältnis fortzusetzen. Der Bräutigam ist überglücklich und berauscht sich»nit seiner Familie in dem Ge- danken, daß ihn» bei solchen intimen Beziehungen zun» Fürstenhause alle Pforten zu den höchsten Ehrenämtern in» Staate offeiistehen. Die Ursache aller aufgezählten Mißverständnisse aber ist das radcbrecherische nnd daher niißverstandene Deutsch des japanischen Grafen Kilvito, der sich studieichnlber vsnStantS wegen in Deutschland aufhält. Ein Allerweltskerl, dieser Nim Herrn Bonn mit unhennlicher Naturtreue dar- gestellte Japaner. Einesteils thut er so dumm, daß er in eine Ler- lobungsfalle geht, die ihm von der Schlvestcr des strebenden Valentin dirneuhaft gestellt ivorden ist. Andererseits aber hält er alle Fäden i» der Hand, spottet nach Herzeuslust über die lotterhafte Moral der europäische» Gesellschaft lind veranlaßt im letzten Akt. daß die feine Familie erkannt und schimpfiert von daunen ziehen muß, während die unschuldige Maria, zu der Hoheit nur eine väterliche Neigung hegen, einem wahrhaft edlen Menschen, nämlich dem talentvollen, aber schuvde beiseite geschobenen Halbbruder des Strebers in die Arme sinkt. Sei cS nun Mangel an Begabung oder superkluge Berechnung. genug, der Dichter Bonn hat seine Komödie des honetten Lumpen- tums so eingerichtet, daß sie eigentlich keine Komödie, sondern im Grunde nur eine Posse von jener Sorte ist, in der ganz grobe Mittel die Wirkung hervorbringe» müssen. Ein Haupt- spaß ist zum Beispiel, daß auf der BerlobungSfeicr eine Thür ausgehängt und als Speisetisch benutzt wird. Der von Herrn Bonn gebrauchte Trick bewirkte, daß das Publikum auch die Wahrheiten, die im Stück verkündet werden, als Possen laufen läßt und sich keineswegs durch sie geärgert fühlt. Was haben die Schläge zit bedeuten, die Hauswurst austeilt? So lachte man nn- bändig, beglücktvünschte Herrn Bonn, daß er diesmal im Streben nach Originalität den Vogel abgeschossen, ließ sich im übrigen aber die Verdauung so gut angelegen sein, als ob die»Wahrsagerin" oder das„Weiße Rößl" aufgeführt ivorden wäre.— Volkskunde. c. Tie„Neidkrankhcit". Tritt man in die Eesiudesiube eines öftreichischeu Bauern, in der mau gerade bei der Mahlzeit ist, so wird mau bemerken, daß alle ausfällig die Eßgcrätc ans der Hand legen. Sie haben Angst, mau kvunte sonst einem aus der Tischrnnde den Bisten»in die Seele hinein verueidcu". Ms Beleg für diese weit verbreitete und scheinbar uralte VolkSausicht. die ethisch für die Ausfastung dcS Neides im Volke höchst beachtenswert ist, gicbt HanS Schutowitz in der»Zeitschrift für östrrichische Volkslrinde" folgende Stelle aus den haudschrifllichcn Auf- zeichnuugen wieder, die er in einem Kalender dcS Maut- hausener Marktsyudikus Jguaz Reiinanii auS dem Jahre 1832 fand. .. ES war in der Schnittzeit, am Jakobitng, und ich>var damals noch- junger Bräutigam, hätt sollen in Bäld die väterlich Wirtschaft versorgen, da werd ich sterbenskrank. Es ist so geschehen: DaS Eesind war just beim Eilfermahl und ich uutcr ihnen. Kommt dasig ein Krüppel vor die Schivell und bettelt. Ich geh zum Hofbrmui und hol mir ein frisch Trinkwastcr. Ilud mir wird mit einmal der Becher centuerschlvcr. ich werd totinüd und verlier das Bewußtsein. Hast sicher weitcrgesten, meint meine Mutter... wie der bettelt hat. llnd das llebel ivird immer ärger. Jcki werd' spindeldürr. Gebt dem Naz den Rosenkranz in die Händst sagen die Nachbars- lcut. Ich schlaf in einfort und der Mund steht nur offen zum Essen. Und grad das Essen»lacht mich hungrig und grad der Schlaf inuircr matter und mägerer. Der Mutter wird Himmels dang. Sie wüßt sich kein' Rat niehr, sagt sie. Der Steinbrecher, rat die Aulvinkel- Wirtin, sollt' bei so ivas helfen können, aber man dürft' halt»it bitten urid nit danken für seil»' Rat. Und so nimmt mich unser Groß- nie cht auf sein' Schulter und tragt mich glockcnschivcr über die Aecker. Der meßt und meßt. Es>vär' die Ncidkrankat, meint er. Ei» Glied hätt' noch gefehlt, und er Hütt' mir nimmer helfe» können. Dann bekreuzt er sich und mich etlichmal und fangt selber a» zu fiebern, lveil er die Krankheit aufgenommen hätt'. Der Mutter aber giebt er den Rat, ich sollt' ein Häsen warnle Geisniilch so laug einrühren, bis der Löffel stecken bleibt. Aus dem Teig macht sie Pulver und ich nimm Tag für Tag beim Sonneuanfgang eins und bet ein Vaterunser für die, die in der Krankheit gestorben... Darauf werd ich am nennte» Fiebcrtag so schlecht, daß niich vcrsrgen lassen wollen. Wart zu, sagt der Steinbrecher zu meiner Mutter, bis zum letzten Pulver. Und wirklich, ein Aß kommt um das ander, unter der Achsel, an, Hintern... in der Fußsohln. Lauter gelbes Wasser geht daraus ab. Am zwölften Tag bin ich n, unter aus der Bettstatt gesprungen und war g'heilt von der Neidkraukat... Seither iß ich vor kein Freniden nimmer."— Physiologisches. n. Kräfteverbranch dein» Radeln. Einer der jüngeren Berliner Physiologen, Herr Dr. Leo Z u n tz. hat das Verhältnis der Kraft, die ein Radler verbraucht, zu derjenigen, die beim Marschieren aufgewandt wird, festgestellt. Der Kraftverbrauch wurde ermittelt durch das Quantum Sauerstosf, das bei den in Frage stehenden Arbeitsleistungen eingeatmet wird. Die Größe des Uiiterslichungsapparatcs gestattete nicht, eine größere Radfahrergeschivindigkeit Ar» berücksichtigen, als 2 Ist's Kilometer in der Stunde, also die eigentliche» Parforcefahrten, und der Kraftverbrauch dabei— jedenfalls ein außerordentlich hoher— wurden nicht in Betracht gezogen. Im übrigen ergab sich, daß bei ollen verschiedenen Geschwindigkeiten— ganz langsame, mittlere und beschleunigte Bewegung— für den Fußgänger"etwa der doppelte Kraftaufwand nötig ist, einen Kilometer Weg zurückzulegen, als für den Radfahrer. Dies Resultat ist um so auffälliger, als der Fuß- gänger ja nur seinen eigenen Körper zu bewegen'hat, der Radfahrer aber auch noch die Last seines Rades: es scheint hiernach, daß der Fußgänger eine relativ große Kraft für Leistungen des Körpers zu verwenden hat, die dem Gehen direkt nicht zu gute kommen, sondern dazu dienen, den Körper bei der abwechselnden Vorwärtsbewegung der Beine stets im Gleichgewicht zu erhalten; beim Radler fallen diese Bewegungen entweder fort oder sie dienen nicht allem zur Er- Haltung des Gleichgewichts, sondern auch, um die Maschine im Gang zu erhalten. Trotz dieser Kraftcrsparnis pro Kilometer braucht aber ein Radfahrer in filier Stunde ungefähr 22 Proz. mehr lebendige Kraft als ein Fußgänger, aber dies ist nicht auffällig, ivenn man bedenkt, daß der Radfahrer in der Stunde etwa einen viermal so laugen Weg zurücklegt, als der Fußgänger.— Technisches. — Asbestmörtel. Die großen Mengen kurzfasrigen Ab- stilles bei Gewinnung des Asbestes haben die Kanadischen Werke zu Dauville als Mörtel zum Verputzen von Eisen-, Stein- und Holz- wänden benutzt, eine Verwendung, die immer mehr an Bedeutung gewinnt und sich schnell von Amerika nach England und besonders nach Deutschland verbreitet. Der Mörtel wird aus dem sogeuaunteii Asbcsric durch Zusatz von Waster oder wenig ungelöschtem Kalk, Gips oder Cemeut her- gestellt und lvie gewöhnlicher Wandputz bebandelt. Dieser zeichnet sich durch Glätte. Beständigkeit und große Fcuerschutzlvirkung aus. Letztere ist so bedeutend, daß in den Vereinigten Staaten von Nordamerika für staatliche Bauten die Vcrlvcndung von ASbestmörtel bereits vorgeschrieben ist und die Feuervcrstchcrnngs-Gescllschaften solchen Häusern geringere Prämiensqtze gewähren. Da Asbest ein schlechter Wärmeleiter ist. so find die Zimmer, deren Wände mit ASbestmörtel verputzt sind, im Winter besonders warm, im Sommer kühl. Schätzenswert ist die Beständigkeit der Farben auf Asbest- mörtcl. Eigentümlich ist seine schalldämpfende Eigenschaft. Hölzerne Zivischemväude in Häusern, beiderseits mit ASbestmörtel verputzt, sollen völlig schalldicht sein.— t»Proinclheus.") HmnoristtstheS. — Das' höfliche S ch w ä I> l e i n(zur Zeit in einem ober- bayrischen Luftkurort). Arzt sBaber):„Wenn Du mir nicht gleich die Zunge herzeigst, dann nehm ich Dich beim Ohrwasch't. Vcr- stehst mich?" Der kleine Schwabe:„So? So grob isch mer bei uu-Z dahoim nit mit de Leitl Mutter, gib mer mal de Hammer her. daß ich den Doktor auf de Grind'nauf haue kann."— — Frankfurter Zwiegespräch.„Glaube Sie, daß der Herr Kahn Cancan kau»?" »Na, der Herr Kahn kann kau Cancan."— — Der»»galante Papa.„Papa, hier in der Zeitung ist von einer„Quetschmaschine" die Rede, was ist das?" Der Papa(mit einem Blick ans die Maina):.'» Korsett!"— („Äugend".) Notizen. — Die Wintersaison im Theater de? W e st e n S Ivird am 15. September eröffnet. Als erste Vorstellung ist die komische Oper„Die Reise nach China" von Labiche und Delacour, Musik von Bnzin, in Aussicht geuomuiru. Das Gastspiel der P r e v o st i wird der Eröffnung unmittelbar folgen. Vom 1. bis 15. September soll ein Wiener Ensemble im Theater des Westens gastiere it.— — Die 81 e j a n e wird im Oktober mit einem eigenen Ensemble ein mehrtägiges Gastspiel im Theater des Westens geben.— — In dein angeblichen A t h e n a t e m p e l auf der H a lb« i n s e l S n n i o u wurde eine Inschrift aus dem 4. Jahrbundert vor Christi aufgefunden, aus der hervorgeht, daß der Tempel nicht der Athene, sondern dem Poseidon gewidmet war.— — Eine gut erhaltene a n t i k e S t r a ß e ist bei Aus- baggeriingSarbeiten auf dem Landgut Boscoreale bei Neapel entdeckt worden. Mehrere schön verzierte archi- tcktonische Stücke und elf Mcnschengerippe an einer Thür, sowie ein K ö r b ch e n ni i t S i l b e r in ü n z e n und einem goldenen Halsband wurden ebenfalls dort aufgefunden. Man glaubt, daß die Straße zu der Pntrizicr-Villa führt, die vor einigen Jahren auf der in der Nähe liegenden Besitzung DrpriSro entdeckt wurde.— t. Die Wetterwarte auf dem höchsten Gipfel Großbritanniens, dem Ben N e v i s, wird wahrscheinlich eingehen. Die wissenschaftlichen streife Schottlands können auf die Dauer ihre Unterhaltnirgskosten nickt allein tragen, und das Unterhaus hat eine» Zuschuß nicht bewilligt.— t. Im Jahre 1898 wurden rund 35 Millionen Tonnen Gußeisen erzeugt. Die Fabrikation von Stahl stieg im gleichen Jahre auf etwa 25 Millionen Tonnen. Bei einem Verlust von 10 Proz. beim UmwaudttingSprozeß wurden 78,5 Proz. der Eifeilproduktion in Stahl umgewandelt.—_ Die nächste Nummer des UnterhaltungsblatteS erscheint am Sonntag, den 20. August. «eramwortlicher Redaueur: Stöbert Schmidt tu Berlin. Druck uns Berta« von Max Babing:n Benin-