MnttrhaltungM Nr. 163. Dienstnq, (Nachdruck verdoten. Es lobe die Ltunfl l 47] Roman von C. V i e b i g. Das war die erste Nacht, und andere Nächte folgten, in denen sie sanft schliefen, ermüdet von der Luft, die ihnen durch alle Poren drang bis in die Seele. Die Erregung ließ nach, eine sanfte Abspannung folgte. Das Kind gedieh prächtig, seine Bäckchen waren rot und seine kleinen Beine braun gebrannt; pfeilgeschwind rannte es jauchzend durch den Wald, Mile konnte, lachend und scheltend zugleich, nicht rasch genug nachkommen. Und der alte Jung ließ den strammen Bengel auf der Kuh reiten, und bei der Lindnern im großen Obstgarten las er Birnen auf, sein ganzes Schürzchcn voll. Die Witwe war rein närrisch mit ihm; jeden Morgen stand sie schon, die Hand über die Augen gelegt, und sah die Dorfstraße hinunter nach ihm aus. Zuweilen blieb er den ganzen Tag bei ihr, das war dann ein Fest für beide. Gegen abend ging Elisabeth und holte ihn, dann fand sie die Jugendgespielin auf der grüngestrichenen Bank vor der Thür, den Knaben auf den: Schoß; und ivenn sie dann wieder ging, ihr Kind an der Hand, stand die Ein- sanie noch lange und blickte ihnen nach. Das war ein Bild, das Elisabeth nicht vergaß; es prägte sich ihr unauslöschlich ein. Immer sah sie die schwarze Ge- statt vor der Thür des verödeten Hauses— nichts Teures mehr drinnen— kein Liebeswort, kein Kindergcschrei. Und die Witwe starrt sehnsüchtigen Auges in die untergehende Sonne, die rund und rot hinter dem Wicsengrund versinkt; ihr Trauerkleid flattert im Abendwind, scharf umrissen hebt sich die schivarze Gestalt ab von der weißen Mauer des Ge- Höftes. Arme Frau! Und so waren viele, die Elisabeth beschäftigten. Langsam, ganz allniählich kam ihr der Wunsch, in die Hütten des Dorfes hineinzublicken. Da waren Kinder ohne Mutter— da war der Mann ein wüster Gesell, der seine Frau prügelte und sein kleines Vierjähriges schon nach Schnaps schickte— da ein uraltes Pärchen, das, einander stützend, unter den Birnbaum am Schweinekoben wackelte— da Pioszek's Lisa, die Leichtsinnige, die auf jedem Tanzboden sprang— da die knochige Gestalt des jungen Geistlichen und da seine hübsche Frau, die er ans lauter Frömmigkeit fürchtete, zu sehr zu lieben. Da war der schöne Müllerssohn aus seinem Wägelchen, der die Mädchen nasführte— da der ausgemergelte Loebel, der Lumpen und Hasenfellchcn eintauschte gegen Nadeln und Zwirn— da der Stadtmctzger, der das Vieh aufkaufte; weinend brachten die Kinder der Annen ihr einziges Schwein, stolz trieb der Bauer den Mastochsen zu— alles miteinander ans die Karre. Da war der geizige Ende-Lange, der sein Geld ini Keller vergraben hatte, und die arme Magd, die ihm nur um Kleidung und Essen diente, froh, daß man ihren blöden Jungen mit auf denc Hofe duldete. Ebel zeigte seiner Frau den Knaben, wie er des Ende- Lange Schweine hütete. Ohne Schuh und Strümpfe, ohne Hemd, nur mit einer zerrissenen Hose bekleidet, lag er am Grabenrand, darin das Rüsselvieh wühlte, und rührte mit den Beinen den Schlamni um. Ebel hatte ihm einmal ein Butterbrot geschenkt, nun lief das verhungerte Kind hinter ihm drein wie ein Hund; seine Augen bettelten beständig, seine kleine, magere Hand war immer ausgestreckt. Da waren auch freundlichere Bilder, glückliche Kinder, sonnige Stuben, fleißige Burschen, sittsame Mädchen. Eine Fülle von Gestalten drängte sich diirch die Dorfgasse, Mitleid heischend, Freude erregend, Lachen fordernd, Thräncir cnt- lockend— sie verlangten gebieterisch ihr Recht, man vergaß sich selbst unter ihnen. Und im Garten des Gntshanses. da kmnen die Erinnc- rungcn dazu, lugten hinter jedem Busch vor, liefen hallend durch die öden Äänge des Gebäudes und klopften an die ver- schlosseiten Stuben. Elisabeth machte nicht oft von der Erlaubnis Gebrauch, hier hineinzugehen, selten holte sie sich beim Verwalter den Schlüssel; es wurde ihr so seltsam bange an der ver- lassenen Heimatstätte— da war sie mm doch nicht mehr zn Hanse. 22, Allgttst. 1899 Das erste Mal hatte sie lange allein unter'm Nußbaum gesessen— sie hatte das so gewollt; aber dann jagte sie auf einmal fort, nahm sich kaum Zeit, die Pforte zu schließen, jagte an der Mauer entlang, den Hügel hinauf— da kam ihr Mann ihr entgegen, von weitem schon winkte er ihr. Sie lief ihm atemlos in die Arme. X. Nun waren sie drei Wochen hier, Wochen, die lang waren und doch kurz. Lang, weil die Tage äußerlich still verstrichen, einer dem andern gleich, ohne Hasten, ohne Aufregung— kurz, weil die Natur immer Neues bot, mit jeder aufziehenden Wolke, niit jedem Windhauch, mit dem Auf- und Niedergang der Gestirne, mit jeder sich erschließenden Knospe. Als sei ihr alles neu geschenkt, so sah Elisabeth sich um. Wo war sie denn so lang gewesen? Im Dunklen.„Ja, im Dunklen," sagte sie sich; erst jetzt sah sie wieder. Langsam, schwer nur hatten sich die müden Lider ge- öffnet, aber nun war der Blick wieder klar. Wenn sie am Morgen durch den Wald schritt— noch war jedes Gräschen versilbert, die blauen Glockenblumen zwischen den Farren senkten sich taubeschwert, über das Moos huschten ver- schämte Sonnenstrahlen, leise stimmten die Vögel an, um lauter, immer lauter sich auszujauchzen— dann war es ihr, als müsse sie aufschreien, aber nicht im Schmerz, nein, in einer erlösenden, befreienden Empfindung. Ohne daß sie es wußte, begann sie zu summen, zu singen; zaghaft mischte sich ihre Stimnie in das Jubilieren der Vögel, ihre schweren Schritte wurden leichter, elastisch gab das Moos nach. So war sie als Kind gelausen, als Mädchen.— liebe Erinnerrmgen auf Schritt und Tritt. Sie warf sich zu Boden wie damals, die breiten Fächer des Farrenkrauts nickten als. Schirm über ihr Gesicht; wohlig streckte sie die Glieder, so lang, so faul. Da ging alles zur Ruh. Elisabeth hatte Berlin nicht vergeffen, aber das Schaudern, mit dem sie anfangs zurückgedacht, wurde schwächer; die Bitterkeit verlor sich. Sie konnte jetzt über das Vergangene sprechen, ohne eine erzwungene Ruhe zu erheucheln; sie suchte sogar das Gespräch, mit jedem Mal sprach sie sich freier. Der Stachel war herausgezogen, die Wunde hatte sich geschlossen; sie fühlte sich wie ein Genesender, der weiß, daß er sehr krank gewesen ist. Und wie der dankbar des Arztes gedenkt, so mußte sie immer an ihren Mann denken. „Ich glanbe an Dich 1"-- Als alle sie verließen, hatte er ihr das gesagt. Und wieder sah sie den festen Blick seiner hellen Augen in jener dunklen Nacht— sein Vertrauen, war das nicht ihr einziger Halt gewesen? Jahr um Jahr ging sie zurück, vier lange Jahre— viel Ringen, viel Eicttäuschung, viel Pein. Er hatte mit ihr ge- hofft, und als sie selbst nicht mehr hoffte, hatte er geglaubt— und sie immer geliebt. Sie sah sich am Schreibtisch, im Theater, am Bette des Kindes— in ihren tiefften Nöte». Und aus dem dunklen Wirrsal der Vergangenheit hob sich sein Bild klar ab. immer schärfer wurden die Umrisse, je länger sie hinsah; sein Bild wuchs und wuchs, es wurde zusehends groß vor ihren Augen. Oft sah sie nach ihm hin mit einer gewissen Schüchternheit; ob er es merkte, daß sie manchmal in seinen Anblick versank? Früher hatte sie ihn auch oft so traumverloren an- geblickt, aber da war es nur Zerstreutheit gewesen, ihre Ge- danken waren Iveit weg. Jetzt waren sie bei ihm. Ob er es merkte, daß sie ihn suchte? Sie war nicht mehr gern allein; früher hatte sie auch oft seine Gegenwart gewünscht und sein Nachhausekommen herbeigesehnt, aber nur, nm sich vor der angstvollen Unruhe, die sie umtrieb, zu einem Menschen zu retten. Jetzt war es ein anderes Gefühl. Sie wurde sich selbst fremd; wie ein neues Ich wachte es in ihr auf. sie mußte sich erst daran gewöhnen. Ver- wundert hielt sie Umschau. Eine wanne Empfindung durch- flutete sie— Empfindung über Empfindung— ach, wer all den Empfindungen Ausdruck verleihen könnte! Sie waren zu zart, um in Worte gekleidet zu werden, zu tief innerlich, zu hoch, zn heilig— ja. heilig!--, Ebel sah mit Entzücken die fnsche Nöte auf Elisabeths Gesicht wiederkehren; so hatte sie lange nicht ausgesehen, ihre gespannten Züge wurden wieder rund.„Du bekommst ordentlich dicke Bäckchen, wie als Mädchen!" sagte er scherzend und streichelte ihr die Wangen. Sie hielt seine Hand fest. Sie saßen miteinander im Wald, die Kieferwipfel über ihnen säuselten schon im abend- lichen Wind; eben war der kleine Wilhelm noch hier gewesen und hatte Erdbeeren gesilcht, jetzt hatte er sich mit Mile hinter den Wachholderbüschen verloren. Sie waren allein. Ein wunderbarer Friede schivebte um sie, über ihnen, so weit das Auge reichte und das Ohr. Nicht einmal ein Holzwagen knarrte, kein Specht klopfte an die Baumrinden, nur ganz in der Ferne tönte wie verlorenes Lachen das Gurren der Wald- taube. Dort in der Lichtung, wo das Gras hochschießt, um den kleinen, schilfverwachsenen, wasserrosenbedeckten Tümpel, hoben sich schon langsam weiße Schleier— aber höher, zwischen den fernsten Kiefern stand noch die Sonne, rund und rötlich, und warf den Heiligenschein um die Natur. „Oh, wie schön I" rief Ebel rasch.„Sieh hin. wie wunder- schön! Und wenn ich denke, daß wir arnren Städter das so selten sehen oder nur hinter Mauern und Dunst— wer das beschreiben könnte! Der ist glücklich, der das kann I Präg Dir's ein, Elisabeth, sieh, sieh!" „Ich habe es gesehen," sagte sie träumerisch und ließ den Blick nicht von seinem Gesicht.„Du hast recht: wer's beschreiben kann! Ja, so aussprechen— das ist eine Er- lösnng!" Sie sah sich um mit einem tiefen Atemzug.„Hier bin ich durch den Wald gelaufen, so frisch war der Wind, so stark der Duft, ich jung und gesund— die Lust war zu groß I Wohin mit allem? Ich mußte schreiben. Und jetzt" — sie senkte den Kopf, aber dann hob sie ihn wieder, ihr Auge suchte das ihres Mannes—„ich wünschte, ich könnte all das, was ich empfunden habe, was ich empfinde, ausströmen lassen." „Schreib Dich frei, schreib Dich frei!" bat er hastig, als sie träumerisch verstummte, und drückte fest ihre Hand.„Wirfs von Dir, mach Dich frei I" „Ich glaube, das hat Heider auch gesagt," sprach sie nachdenklich.„Wir schreiben uns frei!" Sie sprang plötzlich auf, hoch und schlank stand sie unter den Waldbänmen, es leuchtete in ihren Augen.„Ich schreibe mich frei I" Es klang wie ein Jauchzen, sie faßte mit der Hand in ihr Kleid, als wollte sie es über der Brust aufreißen.„Frei, frei I Ich werde mich frei schreiben, und dann— dann--." Sie kniete plötzlich neben ihm nieder und legte den Arm um seinen Hals.„Oh Du.>vie soll ich Dir danken? Ich danke Dir so viel tausendmal?" Ihre Lippen suchten die seinen, und sie küßte ihn innig und warm.„Ich danke— ich danke!" „Warum dankst Du mir?" fragte er, zitternd vor Be- wcgung.„Danke Deiner Kunst, die macht Dich frei!" „Ja!" Lebhaft sprang sie auf.„Dir und der Kunst danke ich, ich kann Euch gar nicht von einander trennen. Siehst Du"— sie streckte den Arm aus und wies nach der Seite des Waldes, die schon im Schatten lag—„da war ich, da tappte ich herum, im Dunklen; ich jagte einem Irrlicht nach und glaubte, es wäre mein Stern. Nein"— lächelnd schüttelte sie den Kopf—„das führt in einen Sumpf, darin man langsam, aber unrettbar versinkt, wenn nicht eine Hand da ist, die einen herauszieht, einem wieder auf festen Boden hilft. Du mein guter Mann"— schon kniete sie wieder neben ihm—„das war Deine Hand! Und höre"— sich dicht neben ihn setzend, lehnte sie den Kopf an seine Schulter—„jetzt sehe ich wohl den wirklichen Stern, er ist mir noch ferner, als ich gedacht hatte, aber"— sie sprach mit der alten, mutigen Energie—„ich werde ihn doch er- reichen I" Er küßte sie; so lange, so fest drückte er sie an sich, daß ihr der Atem ausging. Es durchschauerte sie seltsam, mit ,i»cm unendlichen Wonnegefühl lag sie in seinem Arm. „Du wirst schreiben!" flüsterte er glückselig. Sein ganzer Stolz, sein ganzer Glaube an sie, die ganze Erkenntnis lag in den paar Worten.„Schreibe, meine geliebte Elisabeth, schreibe und"— er machte eine Pause—„liebe mich!" «Ich liebe Dich!" sagte sie laut und feierlich. Wie entrückt sah sie in die sinkende Sonne.„Da kommen B'fder und Bilder, Gestalten und Gestalten, ich kann sie nicht zurückdrängen, sie kommen immer näher— aber mitten darin bist Du. Sie scharen sich um Dich— Du trägst ein helles Licht, ich sehe sie alle so deutlich, ach, so deutlich durch Dich! Ach!" Mit einem Schrei, halb jubelnd, halb schmerzbewegt entfuhr es ihr:„Ich muß doch wieder schreiben I" Lachend und weinend zugleich sprach sie:„Ich werde auch wieder leiden. Wer hätte wohl etwas geschaffen, ohne zu leiden? Aber ich werde doch glücklich sein, denn"— sie sah ihm mit ruhiger Heiterkeit tief in die Augen—„ich werde frei!"-- War das ein schöner Abend gewesen! Ebel hatte das Gefühl, als dürfe er den nie vergessen, als sei er ein Merkstein für sein Leben, für das Elisabeths— für ihr gemeinsames Leben. Lange hatten sie noch mit den Förstersleuten vor der Thür gesessen. Weit breitete sich die stille Landschaft, nur zu ahnen im Sternenlicht; nahe lag der Wald in dunklen Umrissen, schwärz- lichen Klunipcn gleich— Felder, Felder in hellerem Schimmer — da der Garten des Gutshauses, und da das Dorf mit spärlich aufblinkenden Lichtchen. Schon schliefen die Müden. nur Schwaß' Karle spielte die Ziehharmonika vor seines Vaters Stallthür; jetzt spielte er ein geistliches Lied, gleich darauf einen Walzer— beides klang elegisch durch die Nacht. Und über allem spannte sich der reiche Augusthimmel mit un- zähligem Sterngeflimmcr, niit der klar sich zeigenden Milchstraße. Sternschnuppen fielen; leuchtend groß schössen sie herunter, blitzgeschwind, als könnten sie's nicht erwarten, die schlummernde Erde zu küssen. Der alte Jung war heut so besonders mitteilsam; er erzählte dem jungen Ehemann von„Fräulein Elisabeth", als die noch klein war. Das Stcrncnlicht flimmerte über sein schrumpliges Gesicht und zeigte all die behaglichen Schmnnzel- falten.„Ja, die war imnier'n besonderes Mädchen," schloß er,„aber daß sie noch mal so was werden würde, eine die schreibt---!" Elisabeth war zusammengefahren, und Ebel blickte rasch auf.„Woher wissen Sie denn das, Vater Jung?!" „Ei, das wissen sie doch alle im Dorf!" lachte die Frau, und der Alte schmunzelte.„Da is auch nich einer hier hemm, der's Buch nicht gelesen hätte, die„Einfachen Geschichten". „Die sind schön I" fiel die Frau ein.„Ich habe Sie immer fragen wollen, woher Sie denn das alles wissen, Fräulein Elisabeth? Ich Hab mich nur geniert.„Du", sag ich zu meinem Alten,„als wenn die'ne Laterne gehabt hätte und hätt' die Herzen abgeleuchtet, wie unsereins den Stall.„Sie denken wohl, weil wir hier so auf dem Lande wohne», sind wir zu simpel, um so was zu verstehen? Das haben wir doch verstanden.„Die kennt uns bis ins Geblüt", sagen die Bauern,„die hat en Herze für uns!" Unser Kreis- phhsikns, der Herr Doktor Mannhardt, der hat's verliehen, wer weiß wie oft!" „Mein Doktor!" Elisabeth schlug froh die Hände zu- sammen.„Mein alter, lieber Doktor! Wilhelm", wandte sie sich lebhaft zu ihrem Mann,„den hätten wir längst besuchen müssen I Wir wollen auf der Rückreise zn ihm, ja?" „Gern, sehr gern!" (Schluß folgt.) cNcicbdrulk verboten). Vom Tod imtr um« Sterben. Die Frage, was der Tod ist, ist ebenso schwer zu beantworten, ivie die Frage nach dein Wesen des Lebens. Der Begriff des Todes ist für den Menschen kaum zu erfassen, und gewöhnlich versteht»mir darunter nichts anderes als„das Ende des Lebens". Eine wirklich einheitliche Definition haben auch die Gelehrten für den Tod»och nicht gefunden. Weisinann, der deutsche Biologe, nennt ihn den definitiven Stillstand des Lebens, andere verstehen schon unter dem Stillstand des Herzens den Tod, was aber ohne Zweifel weniger begründet ist. da zugleich mit dem Herzen noch nicht alle Teile des Körpers abgestorben sind, und, um nur eins zu nennen, z. B. die Mnskelcrrcgbarkeit noch be- stehen bleibt. Auch über die eigentliche Ursache des Todes bestehen größere Meinungsverschiedenheiten als man glauben sollte. Man weiß allerdings, daß alle Menschen sterben müssen: aber auch diese Erkenntnis ist nur eine Folge der täglichen Erfahrung, und den eigentlichen Grund verstehen wir nicht, obgleich man selbstvcrständ- lich nach Erklärungen gesucht hat. Goethe faßte den Tod als eine durchaus notwendige Folge des individuellen Lebens auf, und er hielt gerade die Fortpflanzung des einzelnen Lebens für die Ursache des Todes und diesen selbst für einen Kunstgriff der Natur, um immer neues und frisches Leben zu haben. Weisinann hält diese Anschauung nur in besonderen Fällen innerhalb des Tierlebens für richtig, z. B. für die Bienen, bei denen das Männchen infolge der inächtigen Nervenerregting nach der Begattung der Königin stirbt, oder auch für die SchmetterlingSfamilie der Sackspinner, bei denen die Weibchen an Erschöpfung sterben, nachdem sie ihre Eier gelegt haben. In der Thnt gicbt es ja in der Natur bei den kleinsten einzelligen Lebewesen eine Unsterblichkeit, da jedes Einzelwesen infolge seiner Fortpflanzung durch Teilung in seinen Nachkommen leibhaftig fortlebt, so dah es in dieser Tierklasse keine Leichen giebt. Bei der Herausbildung der höheren Tiere aber behielten nur die Fortpflanzungsorgane die Unsterblichkeit, während die eigentlichen Körperzellen hinfällig werden mutzten, da sie fiir die Erhaltung der Art nicht mehr not- wendig waren. Uebrigens kann man auch den Tod nach Arten ein- teilen. Bekannt ist die Unterscheidung zwischen natürlichcni und un- natürlichem Tode, wobei man unter dem natürlichen Tode eigentlich nur das Ableben infolge der Erschöpfung aller Lebenskräfte verstehen mutz, während der unnatürliche Tod entweder durch Krankheit(im Gegensatz zur Altersschwäche) oder durch gewaltsame Ereignisse erfolgt. Bom physiologischen Standpunkte unterscheidet man drei Todes- arten: den Tod durch mangelhafte Ernährung wie Hungertod, Dursttod uud Altersschwäche, den Tod durch Mangel an Zufuhr sauerstoffhaltigen Blutes(Verblutung, Erstickung, verschiedene Arten der Vergiftung, z. B. durch Kohlenoxhd, das den Sauerstoff aus dem Blute treibt usw.), endlich den Tod durch Verhinderung der notwendigen Wirkung des Sauerstoffs(übermätzige Erhöhung oder Erniedrigung der Körpertemperatur, also Hitzschlag und Ersricren). Einem ähnlichen Gedankengange kann man sich mit Rücksicht auf das Sterben hingeben. Gewöhnlich sterben die verschiedenen Teile des Körpers nicht gleichzeitig, bald ist es das Herz, bald die Lunge, bald das Gehirn, dessen Thätigkeit zuerst versagt. Wäre dein nicht so, so wäre dem Sterben viel von seinem erschreckenden Wesen genoninien, denn es gäbe keinen Todeskampf, der doch nur bei den Fällen von wirklich Plötz- lichem Tode ausbleibt, wie er bei sehr schweren Verletzungen, Nervenschlag, Sonnenstich, Blitzschlag und ähnlickien Todesursachen eintritt. Die Tageszeit scheint einen gewissen Einflntz auf das Sterben zu haben, wciiigfteus hat man übereinstimmend die Bcob- achtung gemacht, dah in dem höheren Alter der Tod meist in den ersten Stunden nach Mitternacht eintritt, zunächst folgen die Nach- mittagstnnden, während am Vormittag und ani Abend die wenigsten Menschen sterben. Vielleicht wird dieser Zusainmeuhaiig durch den Reiz des Lichtes und der Temperatur auf den Organismus erklärt. Bekannte Erscheinungen, die dem Tode vorausgehen, sind die Gleichgültigkeit gegen die Umgebung und eine übermätzige Gcistesthätigkeit, die man ivohl als die„Sehergabe der Sterbenden" bezeichnet hat. Letztere besteht einerseits in dem plötzlichen Sichanfdrängen alter Erinne- rungcn, andererseits in einem eigcnthümlichen Gefühle des Wohl- befindens. Erklärt sind diese Erscheinungen in befriedigender Weise noch nicht. linlcr welchen Erscheinungen der Todeskampf vor sich geht, ist so oft beobachtet, datz man Genaues darüber berichten kann. Die Sinncsthätigkeit schivindct allmählich, und zwar zuerst der Gc- rnch und Geschmack, dann der Gesichtssinn, indem es dem Sterbenden dunkel vor den Augen tvird und er nach Licht ruft, zu- letzt das Gehör und der Tastsinn, mit dessen Vergehen das Frostgesnhl des Sterbenden zusammenhängt. Durch die fortschreitende Erschlnffnng der Muskeln sinkt der Körper znsannnen und die Glieder lösen sich, wie es schon der alte Homer von dem Sterbenden sagt. Infolge des Einfnllcns des Mnskclgcivcbes werden die Gesichtszüge spitz. Die Atemzüge werden ungleich, auf mehrere kurze folgt ein tiefer, sie werden immer seltener und leiser. Das Röcheln ist eine Folge davon, datz der in den Lnftivcgen gebildete Schleim durch die erschlafften Muskeln nicht mehr entfernt Iverden kann. Die Znsammenziehungen des Herzens werden unregcl- mäsflg und unvollkommen, dadurch stockt der Blutumlauf, und über den Körper verbreitet sich eine allgemeine Blässe und Kälte. Um dieses Bild, das in jedem Menschen das Gefühl der Trauer enveckt, etlvas zu er- hellen, sei zunächst betont, datz alle Erfahrungen dahin übereinstimmen. datz der Tod an sich nicht schmerzhaft ist, und datz die Todesfurcht nur in dem Gedanken an das Sterben liegt, nicht in diesem selbst. Schon PliniuS, der alte Römer, sagte:„Vom Augenblick des Todes hat der Leib ivie die Seele ebenso wenig irgend eine Empfindung, als von dem Augen- blick der Geburt". Ferner giebt es Mittel, durch eine geeignete Lebensweise dem Tode viel von seinen Schrecken zu nehmen und seinen vorzeitigen Eintritt zu verhüten. Dr. Friedrich Friedmann, der in der„Wiener Medicinischen Presse" eine» wertvollen Aufsatz über diesen Gegenstand veröffentlicht hat, macht einige Angaben über die LcbenSlveise, die für den Greis am geeignetsten ist, um den Tod so lange als möglich hinaus zu ziehen. Er empfiehlt, teil- iveise unterstützt von anderen wissenschaftlichen Autoritäten, eine mätzige Uebnng des Verstandes durch eine selbstgcschaffene Thätigkeit, die eine Uebcranstrengung ausschlietzt. Auch häufiges gleisen gehört zu den ivohlthätigen Anregungen der Geistesthätigkeit. Die ge- ivohnte Lebensweise soll jedoch fortgesetzt oder wenigstens nicht Plötz- lich geändert werden. Besonders wichtig ist die Vermeidung starker Gcmütsbeivegungcn, besonders von niederdrückender Natur, da solche das Herz und die Blutgefätze geradezu beeinflussen und den Tod herbeiführen können, den man im Volksmnnde als das Sterben an gebrochenem Herzen bezeichnet. Das Schlafbedürfnis wird gewöhnlich mit dem Alter geringer. Wenn die bekannten Merkmale eines Blutandranges zum Gehini, wie Kopfschmerz, Schwindel, Gesichtsrötung usw. austreten, so mutz das Nervensystem sorgfältig behandelt werden; geistige Ruhe, Vermeidung von auf- regenden gesellschaftlichen Unterhaltungen, Theatervorstellungen usw. ist dann geboten. Das Ziel der Gesundheitspflege und der ganzen ärztlichen Wissenschaft mutz darauf ausgehen, jedem Menschen einen natürlichen Tod zu teil werden zu lassen.— Kleines Fenillekon. dg. A» Berlins„Festnugötid" erinnert noch jener runde Turm, der im Kölliüschen Park Ausstellung gefunden hat und im Berliner Volksninnde der„Wnsterhansensche Bär" genannt wird. Nach allgemeiner Annahme soll das altertümliche Bauwerk in Wusterhausen den Bären des Soldatenkönigs als Zivinger gedient haben. Thatsächlich hat man in ihm jedoch eine letzte Reminiscenz an die Berliner Festungswerke vor sich. Der„Bär" stand bekannt- lich früher an einem anderen Platz und zwar da. wo der ehemalige grüne Graben in die Spree trat. Als Berlin 1658-1683 mit Befestigungen umgeben wurde, zog man um die drei Teile Berliii-Köllii- Fricdrichswcrder auch die beiden Gräben, die als grüner und Königs- graben noch in der neuesten Zeil bestanden hatten. An der Stelle, Ivo sie die Spree verlictzen und wieder in dieselbe einmündeten, wurden Wehre hergerichtet, nach dem mittelalterlichen lateinischen „berum", das Wehr, abgekürzt einfach„Bärc" genannt. Ilm zu verhindern, datz das Wehr vom Feinde etwa nachts als Brücke bc- nutzt wurde, setzte man mitten darauf einen nlnden steinernen Thun», der cinnial so stark war, datz kein Mensch an ihm vorbei über den Schlcnscnsteg klettern konnte; er mutzte zivar zum Ueber- klettern zulhoch sein, durfte aber auch nicht soviel Mauerwerk enthalten datz er, einmal eingeschossen, etwa den Festungsgraben ansfüllte. Berlin hatte vier„Bäre". Für den Königsgraben einen an der Herkules-, den andern an der Stralanerbrücke. für den grünen Graben den Obcrbär, eben»»fem Wnsterhauscnschcn, uud den Unterbär zwischen Bauhof und Singakademie. Letzterer war mit einer Mühle für Weitzgerbcr verbunden, die aber im 18. Jahrhundert nach dem Oberbär verlegt wurde. Der Bär an der Herknlesbrücke ging 1786 ein— der Wnsterhansensche empfing seinen Namen 1718 (wo ihn Friedrich Wilhelm 1. erneuern und mit der Inschrift, soivic mit den Sandsteinverzicrnngcn verschen lictz), weil an ihm vorbei die Landstrahe nach Wusterhansen, dem Jagdschlotz des Königs ging. Das Uferland, das den„Bär" umgab, erhielt Graf Trnchsetz Waldburg als Geschenk, er kaufte weitere Grund- stücke dazu und legte auf allen einen Garten an, der durch Kauf in die Hände des Handelsherrn Splittgerber kam, und später von der Loge zu den drei Weltkugeln erworben wurde. Teilweis besteht er bei dieser noch heute, ebenso ist ein Stück davon'jm Köllnischen Park und dem Garten des Köllnischen Gymnasiums erhalten geblieben. Der„Bär" selbst war 1801 so baufällig geworden, datz man ihn reparieren lassen mutzte; seine Renovation kostete 1000 Thaler. rmd dabei behielt der Steinmetz noch die herausgebrochenen Werkstücke für sich. Als der grüne, später„faule" Graben verschüttet wurde, geriet der einst frei im Wasser stehende Turm ans festes Land und fristete im Winkel des Hauses Nene Rotzstratze 10 ein trüb- seliges Dasein, bis man ihn an die Stelle setzte, wo er jetzt noch steht.— — Ueber die blanbliihcnde Rose, die in Serbien wachsen soll, schreibt der Inspektor des Botanischen Gartens in Belgrad, O. B i e r b a ch, in der„Gartenlvelt", datz die ganze Angelegenheit ins Reich der Fabel zu verweisen sei. Richtig ist, datz viele sogenannte Reniontant-Rose», d. h. solche Rosen, die in einem Sommer zweimal blühen, im Verblühen ein Veilchenblau zeigen. Und da die Ver- breiter der falschen Nachricht, die Herren Bitz und Chivoika, selbst nur vom Transport arg mitgenommene Blumen sahen, so ist hier- init die Erklärung für die Entstehung der falschen Nachricht gegeben. Das Austreten der blauen Farbe bei dem Verwelken der Blumen bietet die Gewähr, datz es einmal gelingen wird, blaue Rose» zu züchten, sowie es gelungen ist, blaue Varietäten der chinesischen Primel z» züchten. Vorläufig ist aber die blaue Rose ebenso ein frommer Wunsch wie die schtvarze Rose, die ja auch schon so und so oftmal gezüchtet worden sein soll, aber bisher noch von niemand gesehen lvurde.— Theater. — r. L e s s i n g- T h e a t e r.„Das alte Kind". Schau- spiel in fünf Aufzügen von Hans L' A r r o n g e.— Der Verfasser ist ein guter Sohn. Das ginge an sich zwar die Welt nichts an; da Herr Hans L'Arronge aber in seinem Drania dies Bekenntnis verkündet, so mutz es wohl oder übel vermerkt werden. Koinint dem Sohne des Herrn Adolf L'Arronge da eine Dirne über den Weg gelaufen. Sie hcitzt Muse, Dichtkunst oder so ähnlich und hat die Impertinenz, mit Geist und einer der Philister- inoral schnurstracks cntgegeiistehendcn Sittenanschauung zu prunken. Ja noch mehr. Weiber hon Geist haben oft seltsame Capricen— wozu wären sie sonst Weiber?— und so fühlt sich denn Herr Hans L'Arronge leider von der erwähnten Person umstrickt. Er geht, in allen Ehren selbstverständlich, eine Verbindung mit ihr ein. Jetzt, da die Dirne ihn in den Krallen hat, offenbart sich ihre wahre Natur. Sie versucht für's erste, ihn, den gut bürgerlichen Gatten, zu feurigem Schaffenseifer und kühnem Gedanlenflug aufzustacheln. Zwar gelingt dies der Muse oficr dennoch wird die Unholde frecher. Eine neue, nnerhörte Sitlenlosigkcit heckt sie ons. Man denke, ihr Nölli� nacktes Marmor- l>ild will sie vor allein Volke ansliestellt wisse», und er, Hans, der Sohn seines Vaters, soll so etwas zugeben. Das ist zuviel; der Unglückliche rafft sich empor und besinnt sich kraftvoll ans seine traditionellen Pflichten. Nun kommt ein herrliches, an die besten Tage von„Dr. Klans",„Mein Leopold zc. erinnerndes Familienbild. Vater und Sohn vereinigen sich, rnnchern die Muse zur Thür hinaus und lassen den Platz, den sie vernnehrt, von dein zarten, sinnigen, naiven Herzcnsbackfisch ans dem Volksstück der siebziger Jahre eimiehiucil. Welch ein Glück, das} die erste Che unfruchtbar geblieben ist, und die peinlichen Schcidnngsfornialitäten sich verhältnisniätzig leickit ab- Wickel» können. Möge aber jeder ordentliche junge Mann sich den vorgetragenen Fall zur Warnung dienen lassen und kein Franen- zinuncr von Geist heirate»! Solchermaßen ist, hansbacken erzählt, der mit hausbackenem Ernst vorgetrage Sinn und Inhalt des Schauspiels. Nur daß die Handeln- den einen nom äs guerre tragen. Im Lessing-Theater wollte dies Drama deS jungen Herrn L'Arronge trotz des Svnntagspubliknms nicht recht ziehen. Die Leute dort sind ft blasiert und mognicrcn sich gerade bei den ehrenwertesten Ab- s.hie« eines jungen Dichters selbst dann, wenn er der Sohn eines Vaters ist. Vielleicht, daß„Das alte Kind", von dem mir übrigens nickt recht klar ist, wie es zu seinem Namen kommt, in einem mehr ans Familiengliick gegründeten Theater Erfolg hat. Zu diesem Zlvccke h.'iite allerdings eine erfahrene, routinierte Hand erst manche technische Ungeschicklichkeit zu beseitigen. Die Miüvirkeudeir verwandten ihre beste Kraft ans das von Herrn Hans L'Arronge verkündete Evangelium der stillbescheidencn Häuslichkeit. Rosa Bertens spielte die unbequeme Heldin vom Geist ivirklich mit Esprit,»nid Meta Jäger war, wie immer, ein liebreizender Backfisch. Vater und Sohn ivnrdc» von den Herren Pfeil und Re usch, so ernst und lebenswahr es gehen konnte, ver- körpcrt.— Völkerkitiide. !c. Arabische Sprichwörter. In der„Zeitschrift des Deutschen Palästinavereins" veröffentlicht L. Bauer eine Samnrlnng von Sprichwörtern der Araber, die ihm im Laufe vieler Jahre bc- kannt geworden sind. Viele decken sich init deutschen Sprichwörtern, und die meisten sind ohne weiteres verständlich. Eine Auswahl möge hier folgen: In wessen Banch Knocken sind, bei dem klappert es drinnen.— Der Mensch gleicht einer Brücke, über die Gutes»nid Schlechtes geht.— Außen Marmor, innen Nuß.— Frage einen Erfahrenen»md nicht einen Gelehrten.— Das Feuer brennt nieuianden, außer de»», der es austreten will.— Niemand kann zwei Melonen in einer Hand tragen(Nieniand kann ziveeii Herren dienen).— Treibe einen andcrcu vor Dir ins Wasser lSci nicht zu waghalsig).— Sei nnter Einäugigen auch einäugig lMan muß mit den Wölfen heulen).— Wessen Vorfahren nicht voii Ansehen sind, dessen Wangen find nicht gesckmückt.— Wenn der Hund ins Paradies gelangt, dann liebt die Schwiegcrnnitter die Schiviegertochter.(Das eine geschieht so wenig wie das andere.)— Auch der häßliche Affe ist in den Augen sciner Mritter eine Gazelle.— Ein Vogel in der Hand ist besser als eine Gazelle, die dich foppt. sEine häßliche, aber freundliche Frau ist besser als eine schöne, die Grund zu Aergcr gicbt.)— Sein Vater ist eine Zwiebel, seine Mutter Lauch; woher soll da ein guter Geruch kommen?— Deine Zunge ist ei» Stück Fleisch,»vie du sie drehst, dreht sie sich.— Ein enges Haus faßt hundert Freunde.— Der leere Brunnen füllt sich nicht von Tan.— Oeder Geist, scharfe Zruige.— Du findest das Prahlen nur bei den venvimdeteu Eseln.— Gesnndheitspflege. — H e i ß e s s e r. Man esse und trinke niemals zu heiß! Alle Speisen und Getränke, die bciin Genüsse„geblasen" werde» müssen, sind, wie der„Praktische Wegweiser", Würzburg, schreibt, ein zwar langsam, aber sicher ivirkendes Gift, das seine schädlichen Folgen früher oder später äußert. Tie Magcnivände»verde» durch solchen Genuß gelvisserinaßen verbrüht und in ihrer verdauenden Kraft gelähmt, so daß der Magen schließlich jeden Dienst versagt, nachdem er jahrelang mißhandelt tvordcn ist unter den» thörichtcn Bekennt- »»sie:„Kaffee nnd Suppe müssen rauchen und»vollen«geblasc»»" sein,»venu sie schmecken sollen!"— Genau so ist's aber auch»in- gekehrt mit dem Genüsse von Eis nnd eiskaltem Bier, das von vielen nnbedachtsam in den erhitzten Magen im Sommer mit Wohlbehagen hinnbgestül-zt»vird. Viele gehen anck dm-an zu Grunde, nachdem sie sich den Magen gründlich ruiniert haben, ohne «S zn ahnen.— Zlits dein Tierleben. — Der„Lcipz. Z." wird geschrieben: Zur Naturgeschichte der Frösche erlaube ich mir, Ihnen mitzuteilcn, daß in einem Teiche in der Nähe von Seerhausen bei Riesa,»velcher mit Karpfen besetzt »var, jedoch wenig Zufluß hatte nnd vielen Fröschen zur Wohnung diente, letztere die Karpfen buchstäblich an- und auffraßen. Beim Fischen des Teiches, d. h. nachdem derselbe abgelassen»var, konnte man sehen,»vie ein, zlvei und auch drei Frösche auf einem Karpfen saßen und an demselben nagten, auch nicht eher abginge»», als bis man sie herimterstieß. Fast alle Karpfen»varen mehr öder weniger angcfl'esscn, außer den Satzkarpfen,»velchen der Frosch nichts an- haben kann,»veil es ihm nicht möglich ist, sich da festzusetzen. Durch das mehr stagnierende Wasser des Teiches und durch Ueberfüllnng mit Fröschen»varen die älteren Karpfen an ihrer freien Beivegung gehemmt und konnten sich der Frösche nicht erwehren. Interessenten können vielleicht heute noch dasselbe in diesen» Teiche beobachte»». B. Nagler, Inspektor.— Meteorologisches. »o. D u» k I e B I i tz e. Von zahlreichen Beobachtern ist eine eigentümliche Gcivittererscheinnng berichtet worden, die man gewöhn- lich als„dunklen Blitz" bezeichnet und auf die verschiedenste Weise zu erklären vcrsnckt hat. Nunmehr hat Lord Kelvin, der berühmte englische I Naturforscher, dem Londoner„Elektrician" brieflich eine Beobachtung mitgeteilt, ans der hervorgeht, daß solche dunklen Blitze nur eine Angentänsckung sind und in Wirklichkeit nicht existieren. Kelvin befindet sich in dein südfranzösischen Bade Aix» les-Bains nnd erlebte dort am 7. Angnst ein Geivitter von seltener Heftigkeit. Leuchtende Blitze, einfach, doppelt, drei- fach und vierfach, folgten einander in Zwischenräumen, die oft nicht mehr als zivci Sekunden betrugen. Plötzlich sah der Physiker zu seinem Erstannen an dein erhellten Himmel zlvei fast senkrecht ver- laufende dunkle Linien, die den geivöhnlichen zackigen Verlauf eines hellen Blitzstrahles besaßen. Er erinnerte sich, zlvei wirkliche helle Blitze von der gleichen Gestalt und Stellung gesehen zu haben, und schloß dara,ls, daß die schwarzen Blitzstrahlen nlir die Folge eines Nachbildes auf der Netzhaut»varen. Er»vandte mm seine Augen schnell von dem dunklen Himmel ab und einer hellen Zimmer- wand zn und sah nunmehr auch ans dieser denselben duirklcn Strahl. Dadurch ist die Bestätigung erbracht, daß die beschriebene Erscheinung mir mit Ermüdung der Netzhaut znsami»lenhängt und keine reale Existenz besitzt.—' Humoristisches. — Protzen-Logik. A.:„Ich höre, Sie haben jetzt einen anderen Hansarzt)»varmn haben Sie den früheren abgeschafft?" B.:„Er hat sich in voriger Woche mit eine»» ganz armen Mädchen verlobt, und natürlich lasse ich nrich von einen» Wahnsinnigen nicht behandeln."— — Musik-Produktion. Besuch:„Hat das Fräulein Tochter schon Fortschritte gemacht an, Klavier?" Mutter:„O staunenswert! szuin Musiklehrcr): Herr Roten- triller, spielen Sie ciunial das Stück,»vclches die Ida kann l"— — Arbeitsteilung.„Ach, Franzel, draußen ist so Herr- liches Wetter, jetzt»vollen»vir machen, daß»vir mit unsere» Schul- arbeiten fertig»verde»». Ich zeichire und Du radierst."— l-Lnst. Dl") Notizen. — Die ältesten B ü ch e r der königlichen Bibliothek in B e r l i n sind zwei in deutscher Sprache verfaßte Werke. Das eine heißt:„Der Koninge Blich", eine Chronik der Kaiser bis aus Friedrich II., mit einer gereimten Vorrede, aus dem Ende des »ll. Jahrhunderts, das zivcitc ist ei» deutsches Gebetbuch in nieder- dcntsckcm Dialekt mit voranstehendein Kalender der Heiligen, aus den» 14. Jahrhundert.— —„Ein guter Bruder", ei» neuer Einakter von C a r l o t G. Neuling, ist von Agnes S o r»n a für ihre nächste Gast- spielreise e r»v o r b e n»vorden.— — Ein Teil eines Basreliefs von Luca della R o b b i a, das die Hochzeit der Maria darstellte, ist in S e st o �bei Florenz von einen» Bauern gestohlen»vorden. Das Stück. das vorher in einer Hansivand eingemauert»var, Ivurde bei einem Antiquitätenhändler»vicder anfgeftniden.— — Der Chemiker Edward F r a n k l a n d, ein Freund Tyndalls und dessen langjähriger Mitarbeiter, ist im Alter von 74 Jahren ans einer Reise in N o r iv e g e n g e st o r b e».— — In der Fraktion E o n» p l o j der Tiroler Gemeinde W eng en zeigen sich, nach der„Frankfurter Zeitung", bei den Häusern und Heustadeln so viele K reuzottern, daß man die Kinder»»»cht mehr ohne Aussicht aus den Hänsem gehen läßt.— — In Petersburg wird gegenivärtig ein Museum errichtet. das alle Stufen der Eatwicklinig des Po st-. Tele- g r a p h e n- und Fcrnsprechtvese ns in Nußland veransckau« licheu soll. Als 5inrivsität»vird eine Erfindung ausgestellt»verde»», die schon bei ihrer ersten praktischen Erprobung gänzlich Fiaseo machte. Für die durch Sibirien fahrenden Landposten»var nämlich seiner Zeit zilm Schlitz gegen Diebstahl ein Ben'chlnßbeutel(Fell- eise»») erfunden worden, dessen Inneres ans Sackleincivand bestand nild init cincii» Stahlpanzer, soivic nlit starkem Ochsenleder über- zogen»var. Schon bei der ersten Ankunft in Wladiivostok stellte sich herans, daß das so überaus gesicherte Pvst-Fellcisen anstatt der er»vartete>»»vertvollcn Postkorrespolidenz»ilir Papierabfälle enthielt.— — Der Kartoffelanbau liefert,»vie der„Praktische Weg>veiser", Würzbnrg. schreibt, in Deutschland, rund gerechnet, einen Er trag von 140 000 000 Centncr, in Frankreich 07 500 000, in Ruß- laud 50 500 000, Ocstreich 41 500 000, England 28 500000, Belgien 23 000000, Ungar» 15 000000, Niederlande 11500 000 Centncr.— Bcrautlvortllcher Redacteur: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verla» von»vtax Vadinq ,n Berllr.