Inlerhaltungsblatl des Worwärks Nr. 166.' Freitag, den 25. August. 1899 (Nachdruck verboten.) Joseph Coneix. 3] Roman von John Law. Aus dem Englischen von I. Cassierer. „Jette" schrie sie sie heftig an.„daran bist nur Du schuld. Wie oft habe ich Dir nicht gesagt. Du sollst die Thür nicht offen stehen lasten. Ich habe Dir das so oft wiederholt, daß ich davon ganz heiser geworden bin. Hörst Du mich denn nicht?" Mrs. Elwin sprach laut genug, um von Jette gehört zu werden, aber deren gleichgültiger Blick ließ annehmen, daß sie entweder taub oder einfältig war. Sie drehte sich weg und ließ ihre empörte Frau allein von„Madam ihre Sonntags- Laune!" wie Jette es nannte, sich erholen. Sie folgte Polly, die nach oben gegangen war, um in einem kleinen Schlaf- zimmer Hut und Mantel abzulegen. Während die hübsche Methodistin ihr schönes weiches Haar auf der Stirn glättete, warf sich Jette aufs Bett. „Was ist denn los?" fragte Polly. „Mir ist so schlecht," antwortete das kleine Dienst- mädchcn. „Inwiefern schlecht?" „Schlecht Vor mir selber. Fortwährend heißt es Jette hier. Jette dort und immerzu nur Jette. Ich wünschte, ich wäre nicht Jette; ich möchte lieber sonst wer sein." „Solches Zeug dürfen Sie nicht sprechen," sagte Polly zu ihr, die noch immer damit beschäftigt war, ihr Haar zu kämmen und sich im Spiegel zu betrachten.„Sie müssen mit dem Platz zufrieden sein, auf den Sie Gott gesetzt hat, und dürfen bösen Gedanken keinen Raum geben." „Sie können gut so sprechen, Fräulein," erwiderte Jette. „Sie haben die Königin und alles sehen gekonnt. Sie thaten mirs gestern versprechen, zeitig zurück zu sein, damit ich auch die„alte Dame" noch sehen könnte. Sie kamen aber nicht. Sie waren mit Ihrem Schatze dabei." „Ich wäre gern rechtzeitig zurückgekommen." meinte Polly;„es ging aber beim besten Willen nicht, das Gedränge war zu groß und Jos sagte zu mir. ich dürfte nicht so eilen. Es war nicht meine Schuld." „Jette," rief Mrs. Elwin. „Schon wieder." brumnite Jette, indem sie sich vom Bett erhob.„So geht es immer zu. Ach. Ich wünschte, ich wäre nicht Jette, lieber möchte ich Sie sein, nur nicht ich will ich sein." „Jette, Jette!" rief Mrs. Elwin. «Jette, Jette," machte ihr das kleine Dienstmädchen nach. „Ich komm' schon, Madame, ich habe nur die Hängematten in Ordnung gebracht."» Sie streckte sich und wandte sich dann Polly zu, um ihr einen Schuh zu zeigen, in dem sich ein Loch befand. „Ich Hab mir heut früh eine Nadel in den Fuß getreten," sagte sie.„Sehen Sie mal. wie es blutet. Ich fiirchte, wenn Madam mich heute ausgehen läßt, kann ich gar nicht gehen. Es thut furchtbar weh, wenn ich darauf trete." Dann ließ sie Polly allein und ging hinunter, um in einem kleinen dunklen Loche, das man„die Küche" nannte, das Mittagbrot zurecht zu machen. Fast die ganze Hausarbeit hatte Jette allein zn verrichten, es war dies keine leichte Sache, da Mrs. Elivin Zimmer vermietete, und so hatte Jette wohl wenigstens zehn Zimmer aufzuräumen und fünfzehn Leute zu bedienen. Mrs. Elwin stand dem Hanshalte vor und Polly beschäfttgte sich mit Handarbeiten. So war Jette jedermanns Diener. Sie scheuerte und kochte, sie fegte aus und stäubte ab, sie machte die Betten und holte Wasser vom Brunnen und von Zeit zu Zeit nahm sie in den Zimmern auch ein großes Reinemachen vor. Erst eine halbe Stunde, bevor sie zu Bett ging, zog sie sich an und wusch sich das Gesicht. Bis dahin bildeten einige Lumpen ihren Anzug. Ihr größtes Vergnügen bestand darin, sich, bevor sie zu Bett ging, ihr Haar zu machen. Arme und Gesicht zu waschen, sich eine reine Schürze umzubinden und, wie sie es nannte:„sich eine -halbe Stunde auszuruhen." In diesen halben Stunden las sie schmutzige, abgegriffene Geschichtenbücher, die sie in den Stuben von Mrs. Elvins Zimmerherren liegen fand. Aus diesen Ge- schichten erfuhr sie, wie der stolze Lord Mount Stevens sich! mit hochmüttgem Lächeln zu Lady Swendoline wandte und sagte:„Aber das ist zu viel." Und daß Lady Swendoline wie Espenlaub zitterte, während Lord Mount Stevens den Brief ihres Liebhabers mit seinen erhobenen Finger»» zer- knitterte: daß auf Lady Drolets schneeweißer Stirn die blauen Adern angeschwollen waren und sie mit ihrem zarten Fuß auf den weichen Teppich stainpfte. als Lord Randolph in süßen Tönen für ihren ehemaligen Lieb- Haber sprach: daß der Marquis de Quinny mit einem verächtlichen Lächeln sein altes Stammschloß verließ und ein Räuberhauptmann wurde, weil sein alter, filziger Vater es ihm nicht erlauben wollte, die Tochter seines Gärtners auf ihren Stammbaum zu pflanzen. Auf ihrem kleinen, harten Bette träumte Jette dann von Ritter»» und Ritterfräulein, bis sie Mrs. Elivü» rufen hörte: „Es ist fünf Uhr! Willst Du denn den ganzen Tag im Bett liegen bleiben. Steh sofort auf I" Sie hatte noch einen Bruder, der irgendwo in einem Arbeitshausc Unterkommen gefunden hatte; ihre Mutter war vor zehn Jahren auf„die Wanderschaft" gegangen und nicht mehr zurückgekehrt. Zu Mrs. Elwin war sie vor einem Jahre gekommen, und Mrs. Elwin behielt sie, weil sie wie ein Galeerensklave arbeitete und stark wie ein Pferd war. Jette richtete das Mittagbrot an, das heißt, sie trug eine große Schüssel voll gekochten Schellfisch nach oben in „das Wohnzimmer", schüttete sie dort auf eine kleinere Schüssel, und in der einen Hand die Schüssel mit Fisch, in der anderen eine mit Kartoffeln, ging sie dann zu einem Tisch, an dem drei Personen Platz genommei» hatten. Es waren dies Mrs. Elwin, ihre Tochter und ein bereits ältlicher Herr, der ge- kräuseltes graues Haar, eine lange Nase und kleine Augen hatte. Er hieß Cohn. An der Thür stand ein rothaariger junger Mann, der sich darüber beschwerte, daß in dem Zimmer, das er von Mrs. Elwin gemietet hatte, Mäuse vorhanden seien, und durch sein Verlangen, in dem Zimmer eine Mause- falle aufstellen zu wollen. Mrs. Elwiirs Unwillen im höchsten Grade erregte. „Und ich versichere Sie, im ganzen Zimmer ist auch nicht ein einziges Mauseloch vorhanden, und wenn Sie durch- aus eine Maus gesehen haben wollen, junger Mann, so muß sie gerade durch den Schornstein gekommen sein," erklärte die Wirttn. „Und ich habe drei Mäuse auf einmal gesehen," be- hauptete der rothaarige Jüngling. „Das ist gar nichts," mischte sich Jette ein.„In der Küche giebt es sogar Ratten. In meiner Kammer und über meinem Bett spielen sie immer Versteckens." „Kümmere Dich um Deine Sachen," unterbrach sie ihre Herrin.„Ich werde Ihnen morgen die Katze auf Ihr Zimmer schicken, junger Mann, Adieu!" Das„Wohnzimmer" war ein gemütlich eingerichtetes kleines Zimmer mit gettinchten Wänden. In den Ecken standen große Spinden, und auf dem Kamin waren unter schützender Glashülle Wachsblmnen zur Schau gestellt. Bevor sie sich verheiratete, hatte Mrs. Elwin derarttge Blumen an- gefertigt, und zur Erinnerimg an ihre Mädchenzeit diese rote Rosen und weiße Lilien aufbewahrt. Zwei alte Oelgemälde schmückten zwei gegenüberliegende Wände, und zwar stellten sie Mr. und Mrs. Elwin kurz nach ihrer Hochzeit dar. Beide Bilder zeigten rosige Wangen, glas- arttge blaue Augen, glänzendes brünettes Haar und— einen offenen Mund. Nach Art der Verliebten lächelten sie einander an, und das muß eigentlich wunderbar erscheinen, wenn man an die vielen häuslichen Zwistigkeiten denkt, deren diese Bilder während der Dauer der füufundzwaiizigjährigei» Elwin'schcn Ehe Zeuge waren. Auf dem Bücherbrett stand das Skelett einer Katze, der besten Mausekatze, die Mrs. Elwin je besessen hatte,— ein so gutes Tier war sie, daß sie ganz ausschließlich von Mäusen gelebt hat, abgesehen von den Ratten, mit denen sie manch tapferen Strauß siegreich bestand. Mrs. Elwin betrachtete oft wehmütig dieses Skelett und seufzte sich wer. wenn sie daran dachte, daß sie ihren toten Liebling nicht mehr würde streicheln können. Leider scheinen auch die Mäuse zu wiffen, daß„Pussy" tot war, meinte oft Mrs. Elwin. Im Bücherbrett standen religiöse Schriften und Prämien, die Polly in ihrer Schulzeit sich erworben hatte. Jeden Soinitagnachmittag nahm Mrs. Elwin einen Band heraus, um bald darüber einzuschlafen, dann Sonntags gestattete sie sich eine Flasche Bier. Mit einem frommen Buch auf ihrem Schoß versuchte sie es denn, den„Juden" Cohn, der sich selbst einen Freigeist nannte, zu bekehren. Ein großes Noßhaar-Sofa stand dcni Kamin gegenüber: neben dem Kaminteppich standen gleichsam als Schildwachen zwei Lehnsessel. Zwischen den Fenstern hatte die Familienbibel ihren Platz gefunden, und zwischen dem Bücherbrett und dem Kamin füllte das Piano den gesamten Raum aus. Auf dem Piano konnte Polly„Segne Gott die Königin",„Das Gebet einer Jungfrau" und verschiedene Choräle spielen. Sobaid das Mittagsmahl vorüber war. schob Mrs. Elwin ihren Stuhl vom Tisch fort. Polly ging hinauf nach ihrem Zimmer, und Cohn—„Onkel" Cohn wurde er genannt— setzte sich in einen Lehnsessel und steckte sich eine Pfeife an. Onkel Cohn besaß einen kleinen Laden, nicht weit von Mrs. Elwins Hause. Er war ein Freund des seligen vielbetvcintcn Mr. Elwin gewesen, und die Freundschaft der beiden Männer rührte noch aus der Zeit vor Mr. Elwins Verheiratung her. Do Cohn Junggeselle war und sich, wie sich Mrs. Elwin ausdrückte, kein Heim, sondern nur einen„Laden" hatte, so War er oft zu seinem Freunde zu Tisch gekommen. Er zahlte nicht für sein Mittagbrot, aber man erlaubte es ihm. sich für die ihm erwiesene Gastfrcund- schaft durch gelegentliche Aufmerksamkeiten erkenntlich zu zeigen. So schickte er zu Weihnachten eine Gans, von Zeit zu Zeit eine Flasche Wein, und hatte er ein ganz besonders gutes. Geschäft gemacht, verehrte er Mrs. Elwin ein seidenes Kleid. Als Polly angekommen war. machte er der„Kleinen" Geschenke. Danials wurde er auch„Onkel" Cohn. Für Polly schwärmte er. Hätte man an dem geschilderten Nachmittage in das Herz des alten Junggesellen hinein- sehen können, so uüirde man seltsame Sachen darin erblickt haben. Gefühle väterlicher, brüderlicher und liebhaberischer Natur, die sich mit Ehrfurcht und Scheu vor jenem©liebe des anderen Geschlechts vereinten, das er hatte aufwachsen. das er sich von einem winzigen hilflosen Geschöpf zu einem schönen jungen Mädchen hatte entwickeln sehen. Als Baby hatte sie auf seinen Knien gesessen, und jetzt wünschte er oft jene Zeiten zurück, denn damals hatte er ihre kleinen Händchen aus seinem Gesicht gefühlt und hatte ihr so viel Küsse wie Hasel- nüsse geben dürfen. Aber als sie älter wurde, da nahm sie wohl die Zuckernüsse an. gab aber keine Küsse mehr dafür, denn„Onkel Cohns Bart war so rauh", und jetzt behandelte sie ihn als einen alterts Knaster, den man wegen seiner Angewohnheiten auslachen und verspotten dürfe. Sein Laden hatte ein wunderbares Aussehen. Ueber dem Eingang war ein Schild, das den Eintretenden bequemes Rasieren, sauberes Haarschneidcn und schmerzloses Zahnziehen versprach: auch sollte bei ihm der beste Tabak zu haben sein. In seinem Schaufenster lagen Rasiermesser und Streichriemen, Schönheitsmittel und Pomaden und Instrumente zum Zahn- Plombieren und-Ausziehen. Onkel Cohn hielt nicht viel von der neumodischen Zahntcchnik. Er sprach oft von jenen ver- gangencn schönen Tagen, in denen sich der Patient auf den Fußboden legte und der Zahnarzt auf ihn kniete. um einen recht sicheren Griff zu bekommen. Er wandte einen Bohrer an. mit dem er eine Art Kanal in den Zahn bohrte, dann erst nahm er ein anderes Instrument und drehte mit diesem den Zahn so lange um sich selbst herum, bis er endlich herauskam. Ein scharfes Anziehen mit der Zange hielt er für kunstwidrig, weil bisweilen Stücke vom Zahn zurückblieben. Nach seiner Methode kamen die Wurzeln immer ganz heraus. Er besaß einen ganzen Schub voll ausgezogener Zähne, von denen er einige bisweilen in seinem Fenster ausstellte. Sein Hauptgeschäft bestand in Haarschneiden, das er zwischen zwei kleinen Spiegeln vornahm. Zwischen diesen Spiegeln hing ein Portrait von Mr. Gladstone und darunter hatte er ein paar selbstgedichtcte Verse geschrieben, die ihm so gelungen schienen, daß Onkel Cohn meinte, wenn er nur Zeit gehabt hätte, wäre er ein großer Dichter geworden. Die Schönheitsmittel stellte er selbst her. Sein Meister- werk, das Mary Elwin Schönheitswasser, versprach. Flecke von der Haut zu entfernen, die Haut weich zu machen und den Teint zu verschönern. Den Verkauf dieses großartigen Mittels begleitete er nüt schlechten Witzen, und dringend warnte er Polly. es jemals versuchen zu wollen. Auch ein Haarwasser fabrizierte er, das die wunderbare Wirkung haben sollte, die Haare rasch wachsen zu machen. Es wurde von Frauen angewandt, die ihr eigenes Haar sich abschnitten und verkauft hatten. Auch Perrückeu verfertigte er, die willige Abnehmer fanden. lieber den Haarwuchs hatte sich Onkel Cohn eigene Theorien gebildet. Er prüfte den Kopf— oder den„Skalp". wie er sagte— und entwickelte den Befund in eigenen Grundsätzen, die ganz richtig gewesen sein mögen, da ja bisher noch keine Theorie über die Haare bekannt geworden, die allgemein als richtig anerkannt worden ist. Pollys Haar ivar seine größte Freude. Da war zu sehen, wie er meinte, was alles aus Haar werden konnte, und jeder Fachmann müsse darüber in Entzücken geraten. Onkel Cohn hatte die Fesseln seiner Religion abgeschüttelt: er besuchte die Synagoge nicht und feierte auch das Passafest nicht mehr. Er war ein Skeptiker, da er aber für Gründe einer besseren lleberzeugung noch zugänglich war, hatte er Zutritt in ein Methodistenhans erlangt. Mrs. Elwin war davon überzeugt, daß er sich doch noch eines Tages be- kehren würde, denn er war keineswegs hartnäckig, sondern nur gleichgültig. Jeden Sonntag arbeitete Mrs. Ellvin an seiner Bekehrung, und in der Woche betete sie für ihn. Und der Umstand. daß Onkel Cohn auf der Bank ein ganz hübsches kleines Vermögen liegen hatte, das doch eines TageS irgend jemand zufallen mußte, ließ seine Bekehrung ebenso sehr als Vergnügen wie als Pflicht erscheinen. Als Polly wieder hinunter kam. fand sie ihre Mutter, die sich in ihren Gedanken noch immer mit Mäusen be- schäftigte, in lebhafter Unterhaltung mit Onkel Cohn. Sie war bemüht, ihn zu überzeugen, daß Vorhaben und Absicht sich uns durch unbestreitbare Thatsacheu offenbarten. „Sprechen Sic nur nicht davon." sagte Mrs. Elwin.„daß eS kein Wesen gebe, welches ebenso unsere Gedanken lenkt. wie es den unvernünftigen Tieren ihr Thun und Lassen vor- geschrieben hat. Sehen Sie sich einmal die Katzen an. Von einer Maus werden sie alles fressen. Kopf, Leib und alles andere, von einer Ratte fressen sie aber nur das Vorder- viertel."�.(Fortsetzung folgt.) Mvttlt«nd noch ,nodeLn.'> Der rastlose Erfindergeist hat im letzten Jahrhundert inehr und mehr den Gegenständen des täglichen Gebrauchs seine Aufmerksamkeit zugewendet»nd es nicht verschmäht,»eben dem Telephon, den Röntgenstrahlen, den neuen Belenchungsarten«nd dergleichen Errungen« schaften von höchster Bedeutung auch den Korkzieher, den Kleider- rasier, Stiefelputzapparat, ja Nadel- und Manschettenknöpfe in den Kreis seines Interesses z» ziehen. So sehen wir denn auf allen Gebieten des täglichen Lebens Neuerungen, die eine Erleichte« rnng der verschiedenen Verrichtungen, eine Verbesserung oder Verschönerung der betreffenden Gegenstände, überhaupt Beqnemlich« keit und praktischen Nutze» zum Ziveck haben. Nach Tausenden zählen diese kleinen Werkzeuge und HilfS» mittel, an deren Gebranch wir»nS gewöhnt haben; und bei denjenigen von besonders genialer und praktischer Konstruktion gedenken wir wohl mitleidig der Zeiten, wo man dergleichen noch nicht kannte. Aber diese Zeiten liegen bei vielen viel, viel weiter zurück, als man annimmt. Bei den meisten Gebrauchs« gegenständen der Neuzeit handelt cS sich lediglich um praktische Ver- ändcrungen, um die vcrvollkoinmnete Aussühnmg von Ideen, diese selbst aber waren schon vor Tausenden von Jahren entstanden und in inehr oder tvcniger primitiver Weise verwertet ivorden. Das Schloß, diese ziemlich komplizierte Vorrichtung kairnte»nid benutzte man nach einem in Egypten gemachte» Funde schon vor mehr als viertausend Jahren. Das auf« gefundene war nicht wie unsere heutigen Schlösser aus Eisen, sonder» auS Holz gefertigt, ebenso der dazu gehörige Schlüssel. An einer Seite der mit dem Schloß versehenen Thür befand sich eine Krramme und in diese paßte ein an der Thür befestigter Bolzen. Wurde dieser letztere so weit lvie möglich in die Kramme gestoßen, so fiele» drei Dornen oder Zapfen im oberen Teil der Kramme in Löcher, die sich im Bolze» befanden und hielten ihn an seiner Stelle fest. Nur wenn man die Zapfen empor hob, konnte er zurück bewegt werden. Der Schlüssel war ein gerades Stück Holz, an dessen Ende sich, ebenso weit von einander entfernt, wie die den Bolzen festhaltenden Zapfen, drei Knaggen befanden. Wenn der Schlüssel durch ei» genau passendes Loch in den Bolzen gestoßen wurde, erhielten die Knaggen eine solche Stellung, daß sie im Stande waren, die Zapfen zu treffen und den Bolzen aus der Kramme zu heben. So primitiv die Konstruktion dieses Schlosses und so wenig widerstandsfähig sein Material sein mochte, so finnreich war doch Aus:„Timars Rundschau über Industrie und Technik." fdrn sein MechnnismuS und so ähnlich dem der heutigen Schlösser in ihrer Grundidee, der Anwendung einer Hebelvorrichtung zum Oeffnen. Von sehr ehrtvnrdigcm Alter ist auch die S i ch e r h e i t s- n a d c l. Dieselbe war im alten Rom allgemein in Gebranch und schon lange vor Roms Blütezeit in Italien ein beliebter Toiletten- artikel. Ja, selbst die Etrnsker. deren Civilisotion von weit friiherem Daimn ist. als das römische Reich, müssen sich der Sicherheitsnadel häufig bedient haben, denn es fanden sich in Etniskcrgräbern eine Menge solcher kleinen Instrumente. Sie waren ans Bronze gefertigt, in ihrer Konstniktion aber den heutigen vollständig gleich. Wie bei letzteren schob sich die Spitze der bewegliche» Nadel, nachdem sie de» zu haltenden tvtoff aufgenommen, in eine Art kurzer. nach unten osicner Scheide am Ende des Bügels oder Nadelhalters, dieser selbst aber war stärker und runder gebogen, als bei den heutigen Sicherheitsnadel». Einige von ihnen dienten ihrer Form nach zugleich als Schmuck- gegenstände, ähnlich>vic unsere Broschen, ziun Teil aber waren sie von beträchtlicher Grösic und hohl, als hätten sie nicht nur zur Be- festignng am vordere» Teil des Gewandes, sondern auch zur Auf- belvahrung verschiedener Dinge gedient. Unter anderen Gegenständen, die in unserer Zeit in fast gleich- artiger Gestalt fortleben, fanden sich in den Etrnskischen Gräbern noch Schöpflöffel. Suppenlöffel und Messer, sowie Bronze-Handspiegel mit kurzem Stiel zum Anfassen, die in Grosie und Form unseren heutigen Toilettenspiegeln täuschend ühnlich sehen. Natürlich haben sie längst die Politur eingcbüfzl. die sie zu ihrer Zeit verwendbar machte, ivohl aber kann mau noch die Figuren von Menschen und Tieren unterscheiden, die auf der Rück- feite eingeätzt sind. Zu den weiteren Bronzefunden ans jener Zeit gehören Dolche und andere Waffen, die in ivahrhaft kunstvoller Weise, jedenfalls mit Hilfe harter und scharfkantiger Steine, graviert, auch sonst init Zier- raten versehen und schön poliert sind. Nadeln und Pfriemen aller Art sind reichlich vertreten, von modernstem Ansehen aber sind die langen Stopfnadeln aus Broilze. die in Grösie und Gestalt voll- ständig den Hutnadeln gleichen, mit denen unsere Damen ihre Kopf- bcdeckungen befestigen. Es läsit sich nicht annchmeu, daß die aus Bronze demselben Ziveck dienten, noch weniger, dasi die Idee dieser Art von Befestigung— durch einen grosicn Knopf an dem einen Ende der Nadel— aus jenen alten Zeiten herrührt und das Vorbild der neuen Form gewesen sei. Jedenfalls aber geben die langen Vronzenadcln mit Knopf den BetveiS, dasi man vor 3000 Jahren ebenso wie heut die Notwendigkeit erkannte, eine Vefestigungsuadel am Herausrutschen zu vcr- hindern, und diesen Zweck durch die gleichen Mittel zu erreichen wusite. Nicht weniger als 3000 Jahre alt sind die anS früheren Wohn- ftättcn an den Schweizer Seen herstammenden zahlreichen Angel- haken von Bronze, doch gleichen sie ganz genau und in allen Einzelheiten den hentigen,»nid wäre incht das Metall, aus dem sie bestehen, ein anderes, so könnten sie ebenso gut als gestern ver- fertigte gelten. Die Thatsache aber, das; sie aus Bronze sind, ist eben ein Betveis ihres hohen, vorgeschichtlichen Alters, denit die europäische Geschichte beginnt erst mit der Eisenzeit. Nicht annähernd auf der Höhe der heutigen Vollkommenheit, aber doch hochinteressant sind die Bronze- Rasiermesser von etwa gleichem Alter. Sie haben die Form einer Sichel, und an dem der Spitze entgegengesetzten Ende befindet sich ei» in einen ovalen Ring auslaufender Stiel. Es muh ein schweres Stück Arbeit gewesen sein, sich damit zu rasieren, besonders wenn der nach nuhcn gerundete Rand, den man dazu benützte, irgendwie stumpf oder schartig geworden Ivar; aber die noch heut angcivendcte Methode, Haare mittels einer metallene» Schneide zn entfernen, kam schon da- uials durch die Bronzesichcl zur Ausführung und miijj sich Ivohl im Allgemeinen als probat erwiesen haben. Merklvürdig ist es, dasi auch der Fingerhut, dicS unent- bchrliche Hilfsgerät bei der modernen Nadelarbeit, sich unter de» Zeugen der Ärouzeperiode vorfindet. Allerdings fehlt dem da- »naligen Fingerhut die Decke, auch lassen seine Grötzenverhältnisse darauf schließen. daß diese für Männerfinger berechnet ivaren; aber es fehlen nicht die charakteristischen kleinen Vertiefungen, deren Bestimmung es war und noch heute ist. beim Eintreiben der Nadelspitze in den Stoff die Finger vor einer Verletzung durch das Nadelöhr zu fchützen. Jedenfalls beweisen diese Bronzefingerhüte, daß schon zur damaligen Zeit in ähnlicher Weise und mit ähnlichen Werkzeugen genäht wurde, daß aber diese Arbeit nicht. wie heut, zum größten Teil der Frauenhand überlassen war, sondern von Männern ausgeführt wurde. .Alles schon dagewesen', könnte man angesichts dieser antik- »nodernen Gegenstande wohl sagen. Wer aber hätte es unfern Durchstechknöpfen zu Kragen und Chemisetts wohl zugetraut. daß ihre Modelle, genau in heutiger Aus- Führung,' aber aus Bronze gefertigt, vor mehr als 2500 Jahren Achon in Gebrauch ivaren? Dieselbe Form, bei der ans der �brestercn Scheibe ein kurzer Stiel hervorragt, der den kleineren. nach außen durchzusteckenden Knopf trägt, in allen Einzelheiten der Ausführung genau dasselbe: ja auch eine Art von großen Knöpfen, die unseren Manschettenknöpfen gleicht, findet sich zahlreich vertreten. Die Scheibe, die hier den oberen, sichtbaren Teil bildet,, ist nach unten mit einer Art von Oese versehen. Höchst wahrschein- lich schob man durch diese letztere, nachdem man sie durch das Knopfloch gesteckt, kurze Nadeln oder Keile und betvirkte so die Befestigung. Die alten Römer und Etrnsker kannten und benützten auch Haarnadeln, doch waren dies einfache Stäbchen aus Bronzedraht, Von einem Zusammcubiegen zu zwei Parallelstäbchcn mit spitzen Enden nach der Art unserer Haarnadel ivar in jener Zeit noch nicht die Rede. Dagegen hatte eine andere, durchaus moderne Vor- richtring, die erst unlängst in England patentiert wurde und dem Erfinder ein Vermögen erwarb, ganz und gar ihres gleichen schon vor mindestens 2500 Jahren ini alten Rom. Die Gürtel von dünnem Kupfer, die die römischen Soldaten jener Zeit trugen, waren an einen als Fntter dienenden Zeugstreifen auf sehr einfache Weise bc- festigt, nämlich durch eine Reihe jener kleinen Klammern sSplinthe), wie man sie heut allgemein zum Zusammenhalten von Papier- blättern benützt, Daß aber die Alten nicht nur in den verschiedensten Bronze« Artikeln, sondern auch in Elfenbein-, Horn- und anderen Arbeiten Vorläufer unserer Industrie ivaren, beweist unter zahlreichen Gegen- ständen solcher Art ein ans einem EtniSkergrabe stammender— Z a h n k a in m von Elfenbein. Auch nicht der geringste Unterschied ist zivischen ihm und unseren engzähuigen, sogenannten Staub- kämmen herauszufinden. Das Exemplar ist allerdings beschädigt, eine große Anzahl der Zähne ganz oder zum Teil herausgebrochen, aber die den Kamm bildende Platte vollständig erhalten, Alle hier genannten, zum großen Teil prähistorischen Gegen- stände und noch hunderte ihrer Art, deren Form und Idee sich in modernen Gebrauchsgegenständen wiederholt, bilden eine hochinteressante Sammlung, die die Smithsonian Institution zu Washington an die Pariser Wcltansstellnng zu fcnden gedenkt. Nach Zeitalter. Fundstätten und anderen Gesichtspunkten übersichtlich und methodisch geordnet, wird diese Sammlung unzweifelhaft zu den Ausstellungsobjekten gehören, die auf die Besucher.aller Stände und Nationen die größte Aiiziehiiugslraft ausüben.— E r lt st Küttner. Kleines Feuilleton. -a- Der neue Wirt. Endlich hatte er sein Ziel erreicht. Er konnte ei» HauS sein eigen ucimen! Als er ansing, Geld zu ver- dienen, war daS schon sein Ideal, seine stille Liebe gewesen. Mit jeder Mark, die er zurücklegte, schien eS ihm, wie wenn er wieder einen neuen Stein auf die andern schichte, wie wenn er sein HauS so langsam, aber stetig in die Höhe baue, lind wie er es sich dann ausgemalt hatte, solch einen festen Besitz zu haben, dessen Wert nicht so leicht durch geschäftliche Umwälzimgen zusammenbrechen konnte I Ein Haus, dessen Wert sich immer mehr steigern mußte, ohne daß er ettvaS anderes zu thun brauchte, als die Mieten einzuziehen und ab, und zu etwas frisch streichen zn lassen, damit cS wieder höheren MictSzinS bringe! Und als er nun wirklich einzog in sein eignes Heim, als ihm daS Dach über dein Kopf wirklich gehörte, da fühlte er eine große Güte in sich. Er kam sich vor. ivie ein Herrscher, und das machte ihn wohlwollend. Am ersten Morgen ging er aus. um sein Haus von der andern Straßenseite auS zn betrachten. Auf dem Hausflur begegneten ihm Kinder, die ihn schüchtern grüßten. Er fuhr ihnen zärtlich mit der Hand über die kleinen Köpfe und ging lächelnd weiter. Die Heiterkeit blieb ihm, als er sein Haus betrachtete, die Güte war noch in ihm. als er wieder heimkehrte. Da fiel sein Blick auf eine Tafel, die der frühere Besitzer des HauseS am Hausthor hatte anbringen lassen: .Das Spielen der Kinder auf dem Hof, dem Hausflur und den Treppen ist verboten r Die Inschrift ärgerte ihn. Er fühlte daS Bedürfnis, Glück zu verbreiten. Mit raschem Entschluß riß er die Tafel herab. Wie ihn die liebe» Kleinen so nett gegrüßt hatten I ES freute ihn, wie sich von nun ab die Kinder auf dem großen Hof tummelten. Nun war doch Leben in seinem Hanse. So ging das eine ganze Zeit. An einem Morgen aber wurde eS anders. Eine neue Tafel mit der alten Inschrift wurde am Hansthor angebracht. Am Abend vorher hatte sich eine Scene vor und im Hause abgespielt. Der neue Wirt hatte einen guten Freund getroffen und, wie das manchmal schon so kommt, nachdem er sich von dem Freunde getrennt?, konnte er nicht niehr ganz geradeaus gehen. Die Kinder hatten das bald bemerkt und umschwärmten den langsam dahin- segelnden Wirt. „Aber.. Kinder.. das.. habe ich.. doch.. doch um Euch .. wirklich nicht verdient!' sagte er, wenn sie ihm zu nahe kamen. Auf diese weinerlich vorgebrachten Worte ging der Jubel erst recht los. Und als er nun an sein HauS kam, kreischten die Kinder seiner Mieter auf. War das ein Vergnügen, als er wiederholte: „Aber Kinder.. das.. habe ich.. doch,. doch.. um Euch.. wirklich nicht verdient!" Von nun ab gab es keine lachenden Kindergesichter auf dem Hofe mehr. Die Undankbarkeit mußte gestraft werde» I Scheu und ängstlich schleichen jetzt die Kleinen an ihm vorbei, an ihm, dem neuen Wirt.-- g. Ein neuer lebender Doppelincusch ist der medizinischen Akademie in Rio de Janeiro in Brasilien vorgestellt Ivorden. Die SB'feii dieser Art sind gewöhnlich bis zu dem gemeinsamen Nabel voll cntlvickelt nnd am' unteren Ende deS Brustbeins zusammen- gewachsen. Solche Doppelwesen find in der Wissenschast bisher nur sehr selten beobachtet worden, im ganzen nicht mehr als sieben oder acht; und von diesen haben einige nur wenige Tage oder nur wenige Stunden gelebt. Das bekannteste Beispiel sind die stame- fischen Zivillinge, die im Jahre 1874, zwei Stunden nacheinander gestorben sind, nachdem sie das hohe Alter von 63 Jahren erreicht hatten, sich auch beide verheiratet und jeder neun normale Kinder gehabt hatten. Im Jahre 1892 sprach man viel von den Schwestern Radica-Doodica, die 1889 in Englisch-Jndien geboren waren und im Alter von drei Jahren in Brüssel gezeigt wurden. Die beiden nicht von einander zu trennenden Wesen wogen 24 Kilogramm, Radica maß damals 87 Centimeter und Doodica 84 Centi- meter. Ihre Verbindung war derart, daß die beiden Schwestern sich nicht zu gleicher Zeit ganz von vorn, sondern nur drei Viertel en face zeigen konnten. Was aus ihnen nach ihrer Ausstellung in Europa geworden ist, ist nicht bekannt. Das neue Doppelwesen, das man in Rio de Janeiro entdeckt hat, sind wieder zwei Schwestern, Rosaliua-Maria. Die beiden kleinen Mädchen sind jetzt schon zehn Jahre alt, und sie sind geboren in Cacheiro de Jtapemerin. Die Eltern wünschen, daß man bei ihnen die Trennung ausführe, die mau schon öfter mit Erfolg versucht hat. Von drei Operattonen von Doppelwesen sind zwei glücklich abgelaufen, beide waren weiblichen Geschlechts. ES hängt dabei alles von der Natur der Verbindung ab. Mit Hilfe der Radiographie wird es leicht sein, zu ernütteln, ob die beiden Körper absolut mit einander verbunden oder ob sie von einander unabhängig sind.— Pflanzenartcn der Erde. Der italienische Botaniker Saccardo hat festgestellt, daß man bisher 173 706 Pflanzenatteu der Erde kennt, und zwar: 12178 Algen. 39 603 Pilze, 5600 Flechten. 3041 Lebermoose, 4609 Laubmoose, 565 Bärlapp- und Schachtelhalm- Arten, 2819 Farne und 105 231 Arten höherer Pflanzen, ivelche er unter dem Sammelnamen der Phaueroganien, im Gegensatz zu den erstgenannten Klassen der Kryptoganien, zusammengefatzt. Saccardo berechnet die Zahl der wirklich existierenden Pflanzen auf etwa 250000 Arte». Rechnet man hierzu noch die vielen Bakterien, von denen immer neue Arten als Träger gewisser Krankheiten der Menschen und Tiere, sogar der höheren Pflanzen gefunden werden, die wir den Pilzen zuzuzählen haben, so würde man bei Zugrunde- kegnng der Saccardosche» Berechnung den Pflanzenlvuchs der Erde auf ca. 400 000 Arten anzunehinen haben.— (.Haus, Hof. Gatten.') Musik. Die braven Zimmerleute, d. h. Herr Kapellmeister Karl Zimmer und sein„Berliner Sinfonie-Orchester", sind mit ihren regelinäsjigen Konzerten in Kistenmachers Garten fast die Einzigen, die Sommers über die Stetigkeit unserer weltlichen Konzerte besserer Att aufrecht erhalten. Die Umstände ihrer Thätigkeit ge- hören allerdings zu den denkbar ungiinstigsten. Erstens haben diese Künstler nicht die Macht, den vielbeklagten Typus der Buntheit unserer fKonzerte zu ändern— andere haben diese Macht und benützen sie nicht. Zweitens ist das Orchester recht klein. Drittens wird bei Bier konzerttctt. Diese drei Umstände gehören auch schon der winterlichen Wirksamkeit an. Nun aber die sommer- liehen Verhältnisse! Da heistt es: viertens im Freien spielen,� stiusteus das Hineinklingen fremder unkünstlicher Töne und gar sogenannt künstlerischer Klänge(eines benachbarten Orchesters) dulden, sechstens... siebentes... nsw. Die genannten Uebelftände haben hier noch eine speciclle Bedeutung, indem nämlich Herr Zimmer als Hauptnummern Stücke von grogem, wiubtigem'Stit bevorzugt, bei denen das kleine Orchester in dieser Umgebung vergeblich einem der- artigen Stil huldigen würde. Der Dirigent und seine Leute wären nach solchen Eindrücken schwer zu beurteilen: immerhin dürfte gerade dieser Stil nicht ihre eigenste Sache sein. Doch kam, als wir am Mitttvoch das Benefizkmizett Zimmers hotte», der„Torquato Tasso", eine der von diesem besonders gepflegten„sinfonischen Dichtungen' Liszts, recht gut heraus. Die Vorführung der„Oberon'-Onverture zeigte eine weitgehende Variation der Zeitmaße bei einem Verzicht aus rythmi'sche Mannigfaltigkeit im einzelnen; die Darbietung deS(übrigens zu schnell genommenen) Vorspieles zu Wagners .Parsifal', für ein solches Orchester zusammengeschnitzelt, fällt nur eben in das Kapitel von unseren Konzertprogrammcn überhaupt. Den sonstigen Kern des Abends bildete» Komposittonen von Zimmer selbst: eine„Abendandacht> für Streichnistruniente', freundlich melodiös und charakteristisch ohne Banalität, und(abgesehen von einem Walzer) das Vorspiel zu einer Oper.Die Braut von Abhdos', aus dem Jahre 1892: von ähnlicher Eigen- att, ohne die etwa zu erwattende Liszt-Wagnerei, nicht himniel- stürmend aber inhaltteich, und vielleicht mit dem Schlagwott .neuromanttsch' zu bezeichnen. Alles in allem: nach sonst üblichem Maßstab tüchtige, nach dein unter jenen Umständen anzulegenden Maßstab außerordentliche Leistungen. Was ist das doch stir eine Rückfichtslosigkeit, das Konzert erst auf 6 Uhr, dann zur Enttäuschung der Frühgekommenen auf 7 Uhr ansagen, es thatsächlich gegen 8/47 Uhr beginnen lassen und durch unabsehbare Pausen ins llngemessene hinausziehen I Alles von wegen der Wirtshaustteiberei?— sz. Kulturgeschichtliches. dg. Recht amüsante Paragraphen finden sich in der ältesten Schulordnung des Gymnasiums zum grauen Kloster, die dem Jahre 1574, dem Gründungsjahr der Schule. entstammt. Dieselbe wendet sich an Lehrer und Schüler. Die Pro- fessoren jener Tage scheinen eine ganz besondere Neigung gehabt zu haben, so oft wie möglich bei Verwandten„zur Hochzeit" zu gehen; es wird ihnen wenigstens dringend geraten, diese Hochzeitsgänge nie über zwei Tage' auszudehnen. Den Schülern wird das„Tragen von Degen und Dolchen' streng untersagt, ebenso das„Fischen und Vogelfangen" und. loas recht sonderbar anmutet, das kalte Baden„während des SommerS' nnd das Eislaufen„im Winter". Dafür wurde ihnen der Besuch der Schnlpredigten empfohlen; es heißt wöttlich:„Die Eltern. welche manchmal ihre Kinder, wie das unvernünftige Vieh auf- wachsen lassen, werden dadurch bewogen werden, ihre Ehepflauzen sorgfältiger zu Ivahren und das gemeine Volk den Nutzen davon schon kennen lernen." Für„Prügelpädagogik'>var man in Alt-Berlin entschieden nicht. In warmen Worten werden die Lehrer gebeten, dein„Fehlenden" nicht mir mit„dem Stecke» des Treibers einen Denkzettel zu geben". I 8 empfiehlt„der blühenden Jugend" die Morgenstnildeil zum Lerueil, empfiehlt aber auch die achte Abendstunde zum- Zubettgehen. 8 10 giebt sehr interessante Aufschlüsse über die Lehrergehälter ain grauen Kloster. Der Rcctor bekam 110 Gulden, 1 Wispel Korn und 10 Gulden zu Holz. Das niedrigste Lehrergehalt betrug 28 Gulden und 8 Scheffel Korn.— Aus dem Tierreiche. — Die Schwäne des Genfer Sees, eine halbivilde Abatt von Cygaua clor, zeigen, wie der„Prometheus" berichtet, seit einer Reihe von Jahren Neigung zur Ausbildung eines eigen- tümlichen sogenannten„falschen Albinisinus". F. Ä. F o r e l be- merkte schon 1868 Anfänge desselben, denn damals traten unter einer Brut vou vier jungen Schwänen im Hafen von Morges drei ganz weiße auf, während nur einer das normale graue Jugend- gefieder zeigte. Diese von Jugend an weißen Schwäne verniehtten sich, und»ach den von 1868—1897 fottgeftihtten Beobachtungen stieg ihre Zahl unter 340 Schwänen auf 94. Im ganze» ist diese Vattetät selten, und Forel ist ihr außerhalb des Genfer Sees nur ein einziges Mal begegnet, nämlich in Nisines, wo sich unter sechs junge» Schwäne» einer Brut ei» von Jugend an weißes Exemplar befand.— Humoristisches. — Zurechtgestutzt. Herr:„Ah, Sie sind Musiker I Was spielen Sie?' Musiker:„Die erste Violine." Des Musikers Frau(mit Emphase);„Aber nur im Orchester!"— — Die Sparsame. I u n g e F r a u:„Nun sollst Du nur noch eiiunal sagen, daß ich vcrschivcuderisch bin, Männchen I Heute habe ich vou de» Salzhäringcn das Salz abgethan und es zum Salzen der Fleischbrühe verbraucht."— — Eifersucht. Frau(ihren schlafenden Mann betrachtend): „Was der Mensch für ein vergnügtes, glückliches Gesicht macht; am Ende träumt er gar nicht eiiunal von mir!"— ivuchcr-Eiulauf. — I e a n n e Marni: Pariser Droschken. Autorisierte Uebersetzung aus dem Frauzösischcn von Paul V o r» st e i u. Illustrierte Bibliothek Lauge». München, Albert Langen. 3,50 M.— — JuleS Ense, Die Sklavin. Roman. Autorisierte UebersetzungausdemFrauzüsischenvon F. G r ä f i u zu R e v e n t l o w. München, Albett Langen.— — Guy de Maupassant, Bater Milon und andere Erzählungen. Neue Ziovellen ans dem litterarischen Nachlaß. Autorisierte Uebersetzung von Fr. v o n O p p e I n- B r o n i k o Iv s i i. 1.— 3. Tausend. Berlin, Emil Goldschmidt. Preis 3 M.— — S o p h u s Schandorph, Erste Liebe. Roman. Antattsiette Nebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. Kleine Bibliothek Langen, Band XX. München, Albett Langen.— — Knut Hamsun. Die Königin von Saba und andere Novellen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Norwegischen von Ernst Brausewetter. München, Albert Langen.— — Oskar Wilsdorf, Gräfin Cosel. Ein Lebensbild aus der Zeit des Absolutismus. Zweite, neu durchgesehene Auflage. Leipzig, Heinrich Minden. Preis 1 M.— — W. Bruno. Experimentelle Untersuchungen über die Einwirkung verschiedener Körper auf die Thor-Cer-Oxyde und über Temperverfahren zur Erzielung einer Re g en eri e r un g s f ä h i g keit des Cers. Berlin. Sonder- Abdruck aus der„Zeitschrift für Beleuchtungswesen'.—_ Die nächste Nummer des UuterhaltungsblatteS erscheint am Sonntag, den 27. August.__ Beranttvortlicker Redacreur: Robert Schmidt m Berlin. Druck unc Bettag vou Max Babing m Berlnr