UnlerhaltungsSlalt des Worwürb Nr. 167. Soinitlig. den 27. Augtlst. 1899 (Nachdruck verbolen.) � Fofeph Coneix. Roman von John Law. Aus dem Englischen von I. Cassierer „Warum?" unterbrach Onkel Cohn. „Warum? Weil die Katze weiß, daß das Hinterviertcl der Ratte giftig ist," autlvortete Mrs. Elwin.„Wußten Sic das denn nicht?" „Ich bin mir darüber nicht ganz klar," entgegnete Onkel Cohn. Plötzlich hielt er aber in seiner Rede inne und fragte: „Aber sind sie auch wirklich giftig?... Wer hätte das ge dacht!" Mrs. Elwin glättete ihr seidenes Kleid und schlug mit Selbstgefallen ein Blatt in dem Predigtbuch um. Es war nicht leicht, einen Zweifler zu bekehren; um so größer aber dann der Ruhm, wenn das Werk gelungen war. „Wohin gehst Du?" fragte sie Polly. «Ich habe mich mit Jos verabredet." „Hat Jos Concy jetzt Arbeit gefunden?" fragte Onkel Cohn. „Arbeit!" rief Mrs. Elivin.„Ich wünschte, er hätte welche. Ich Iveiß nicht, was heutzutage in die jungen Leute gefahren ist. Als der selige, viel beweinte Mr. Elwin mit rnir ging, da hatten die jungen Leute massenhaft Arbeit. Ich glaube, jetzt wollen sie nicht arbeiten. Mir soll man davon nicht sprechen, daß keine Arbeit zu finden ist, wenn man wirklich welche sucht?" „Polly, wann wirst Du wieder zurück sein?" „Vor den: Gottesdienst, Mutter. Darf ich Jos zum Abendbrot mitbringen?" „Nein, ich will ihn nicht haben. Wenn Du mir folgen würdest, müßtest Du überhaupt zu Hanse bleiben. Ich möchte gern wissen, ob er es wagen wird, um Dich an- zuhalten." Polly antwortete nicht. Sie schlich sich ruhig aus dem Zimmer, und ein paar Minuten später hörte man die Haus- rhiir hinter ihr zufallen. Onkel Cohn trat aus Fenster und sah ihr nach, wie sie die Straße hinunterging. Mrs. Elwin legte das Predigtbnch aufgeschlagen auf den Schooß und breitete ihr Taschentuch über das Gesicht. Dieses Zeichen verstand Onkel Cohn sehr gut, er nahm seinen Hut und ging nach seinem Laden. Hl. Polly ging bis an das Ende der Straße, in der das Hans ihrer Mutter lag, und nachdem sie dann links eingebogen war, erblickte sie einen jungen Mann, der an der Ecke der Cannon- Straße, welche in den Whitechapeler Weg mündet, Ivartete. Er drehte ihr den Rücken zu, und seine Anftnerksamkeit war durch ein paar Blumenmädchen in Anspruch genommen, die ihm ihre Sträuße, einen Pcnny das Stück, zum Kauf anboten. Seinem sauberen Anzug konnte man es sofort ansehen, daß er aus dem Lande gearbeitet worden war. Sein schwarzer Bratenrock war schon ziemlich abgetragen. Als er seinen Hut abnahm und mit seinem rotbaumwollenen Taschentuch sich über die Stirn strich, bemerkte man, daß er schwarzes Haar hatte, das er ganz kurz geschoren und ohne Scheitel trug. Sonst bot seine Erscheinung weiter nichts Bemerkenswertes. Er>var von mittlerer Größe, feine Schultern waren von normaler Breite; die Brust stand im richtigen Verhältnis zum übrigen Körper, die Hände waren lang und schmal, und die Finger sahen nervös aus. Hals und Gesicht wäre« von der Sonne verbrannt, ebenso die Stirn bis zu der Stelle, auf der der Hut aufsaß. Er hatte regelmäßige Gesichtszüge, das Kinn etwas geneigt. Er trug nur einen kleinen schwarzen Schnurr- bart, der seine Oberlippe bedeckte und er hatte die nervöse Angewohnheit, denselben öfters in den Mund zu nehmen. Er sah so aus. wie fast alle jungen Leute seines Kreises aus- sehen; cineni aufinerksamcn und verständigen Beobachter hätten wohl seine grauen Augen, die tief in ihre» Höhlen lagen und große Pupille» hatten, auffallen müssen, und er hätte vielleicht versuchen mögen, aus ihnen seine Vergangenheit und— Zukunft zu lesen. Hätte derselbe verständige Beobachter ihn an jenem Sonntaguachrnittag sehen können, so würde er in seiner äußeren Erscheinung rioch ctivas bemerkt haben, das mit seinem Charakter eigentlich nichts zu thun hatte, und doch wäre dieses Etwas dazu angethan gewesen, ihn nach gewisser Richtung hin zu verändern. Sein Gesicht war abgeinagert, und nur lose bedeckte es die Haut, die sich gern wieder fester gespannt hätte, wenn es ihr nur eine reichlichere NahrungS- zufuhr erlaubt hätte. Der Hunger hatte ihm seinen echten Stempel aufgedrückt, ein Zeichen, das die wohl zu deuten verstehen, welche die schmerzliche Kunst, ihr Leben mit einem Nichts zu fristen, durchgemacht haben, das aber niemals von denen verstanden werden kann, die ihr tägliches Brot ohne Anstrengung und ohne Nachdenken erhalten. An seiner ganzen Erscheinung würde der verständige Beobachter sofort gesehen haben, daß der junge Mann noch kein Sonntagsmahl zu sich genonimen, und er würde auch wohl vermutet haben, daß schon seit mehreren Tagen für ihn der Genuß eines Mittag- brotes in das Reich der unerfüllbaren Wünsche gehörte. Beim Anblick der Blumenmädchen schüttelte der junge Mann den Kopf. Als er plötzlich seiner Rockännel ansichtig wurde, deren Ränder abgestoßen waren, fuhr er mit der Hand in die Tasche. Er holte einen Penny hervor, und nachdem er dafür eine rote Rose erstanden hatte, steckte er die Blume in sein Knopfloch. Das Blumenmädchen sah ihm zu und reichte ihm eine Stecknadel, um die Rose anzustecken. Sie lviirde sie ihm wohl selbst angesteckt haben, wenn nicht gerade in derselben Minute eine Hand seine Schulter berührt hätte. Sich sofort umdrehend, rief er: „Polly!" „Jos I" antwortete das schöne Methodisten-Mädchen. Sie gingen nun zusammen den Whitechapeler Weg hin- unter, und als sie einen„roten" Pfcrdebahnwagen trafen, stiegen sie auf dessen Verdeck und saßen dort Hand in Hand nebeneinander, ohne ein Wort zu sprechen. Die Leute im East- End geben einander ihre Liebe durch Zeichen und Bewegungen kund, aber sie sprechen nicht viel. Tags vorher hatten Polly und Jos verabredet, den Sonntag- nachmittag im Victoria- Park zu verbringen; sie wechselten daher kein Wort, bis der Wagen in die Cambridge Straße einbog. Tann fragte Polly:„JoS, hast Du jetzt Arbeit gc- funden?" „Nein l" lautete seine Antwort. Tann verfielen sie wieder in Schweigen und ihre Ge- danken gingen nach verschiedenen Richtungen auseinander. Polly fiel es auf, welch' ganz anderes Aussehen doch hier die Leute hatten; als der Pfcrdebahnwagen näher nach Hackney herankam, trafen sie Eltern mit ihren sauber und nett ge- kleideten Kleinen» junge Frauen in ihrem Sonntagsstaat und junge Männer, denen man das frisch genommene Sonntagsbad noch anmerkte, alle waren auf dem Wege nach dem Victoria-Park. Straße und Wege selbst sahen freundlich und heiter aus, als sie und Jos die Treppe des Pferdebahn- lvageirs hinunter stiegen und eines mit niedlichen kleinen Häusern bebaute Straße entlang gingen. Ein kleines Haus in Hackncy zu haben, erschien Polly als das Paradies. Ein kleines Haus mit Jalousien vor den Fenstern und einen messingnen Thürklopfer konnte, wie sie sich einbildete, uur glückliche Menschen beherbergen; jedenfalls bot es doch die Gelegenheit zum Glücklichwerden, und alle anständigen Leute würden eine derartige Gelegenheit doch gern erfassen, wenn sie ihnen geboten würde. „Wer," dachte Polly bei sich,„wer würde es wagen, die Solidität jemandcsj zu bezweifeln, der ein kleines Haus in Hackncy bewohnt? In einem kleinen Hause mit Jalousie» vor den Fenstern und einem messingnen Thürklopfer können nur anständige Leute wohnen, die ihre Rechnungen pünktlich zahlen, zur Kirche gehen und jeden Sonntag Fleisch aus dein Tische haben.... Ach, welches Glück, in einem kleinen Hause in Hackncy wohnen zu dürfen!" Jos' Gedanken bewegten sich in einer! ganz anderen Richtung. Er überlegte, ob er sich eine Pfeife anstecken sollte und heftete seinen Blick auf die grünen Bäume, die er von weitem sah. Bäume mit wirklichen Blättern, und nicht verkrüppelte Stämme mit Dingern daran, die wohl Blätter sein sollten, es aber nicht sind, lvirkliche Aeste, die weit in den blauen Himmel hineinragen, und einem dabei so sehr an das Land erinnern. „Wir wollen uns hier ein lnszchcn ins Gras setzen," sagte er zu Polly, als sie endlich in den Park gekommen waren. Nein," entgegnete Polly.„Ich möchte lieber die Leute sehen und die Musik hören." So gingen sie mit der Menge bis hinter dem Teich mit den Enten, ans dem die Boote lagen, zur Musik. Auf dem Wege standen Verkaufsstände, in denen Süßigkeiten und Kuchen feilgeboten wurden, und Trinkhallen, in denen Jngwerbier und Limonade ausgeschenkt wurden. Der Victoriapark gehört zu den wenigen Orten in London. an denen das Publikum des Sonntags seiner Liebe zur Musik nachgehen kann. Die Herren in den hohen Hüten, welche dort ihre Streichinstrumente spielen, rufen sicherlich größeres Ver- gnügen hervor, als es die berühmtesten Opernsängerinnen vermögen, denn ihr Publikum ist nicht so kritisch und so an- spruchsvoll, wie es die Damen und Herren sind, welche etwa 20 Mark für ihre Plätze in Parkett und Logen ausgeben können. Müde Mütter lagerten dort unter den grünen Bäumen, lauschten auf die einfachen Töne und über ihre Babis gebeugt, schlummerten sie ein. Knaben und Mädchen spielten auf den: Rasen, Männer rauchten ihre Pfeife und plauderten. Junge Mädchen und junge Leute, alte Männer und alte Frauen träumten von der Zukunft und der Vergangenheit. Aus den feineren Vierteln, aus dem West- Eud war hier niemand zu sehen, kein sein gekleideter Herr und keine Dame in elegantem Kleide, nur Arbeitsleute waren hier und freuten sich ihres Erholungstages, der wenigen Stunden in der ganzen Woche. die sie ihr eigen nennen durften. Polly war bisher noch nie im Victoria- Park gewesen, und sie wußte nicht, ob es erlaubt sei, daß eine Musikkapelle des Sonntags nachmittags weltliche Weisen spiele. Sie nahm sich vor, darüber ihren Lehrer, bei dem sie zur Bibelstuudc ging, zu si'agcn, und wenn er sagen sollte, daß dies nicht gestattet sei, nicht mehr herzukominen. Da sie aber nun einmal da war und auch fühlte, daß ihre Gegenwart dabei keinen Unterschied machte, das heißt, wenn sie auch weggegangen wäre, würde die Kapelle doch wie gewöhnlich weiter gespielt haben— so hielt sie es für das richtigste, Jos' Freude nicht zu stören und ihm von ihren Gcwissensbedenken lieber gar nichts zu sagen. „Wie spät mag es wohl sein?" fragte sie ihn. Jos steckte seine Hand in die Tasche, zog sie aber bald wieder heraus und sah Polly ganz verlegen an. „Ich Hab' meine Uhr verloren", antwortete er zögernd. „Verloren?" „Nun, ich will sagen, ich Hab' sie nicht bei nur", fuhr Jos fort,„und ich weiß nicht, ob ich sie jemals wieder be- kommen werde." „Jos", rief Polly,„Du hast sie versetzt!" „Und wenn schon", entgegnete Jos und sah seine Geliebte ruhig an. „Nichts", antwortete Polly, indem sie ihre Augen nieder- schlug und weiter ging.„Wir wollen uns cinninl ansehen, was dort unter den Bäumen, wo die vielen Leute stehen, los ist. Ach, da predigt ja ein Herr." Sic kamen zu den Bäumen und sahen dort dicht gedrängte Gruppen von Männern und Frauen, welche sich uni einzelne Herren scharten, die die verschiedensten Themata, die mit der Religion und Politik nur etwas zu thun hatte», besprachen und Vorträge hielten. „Lieben Freunde!" sagte ein Redner, ein Neger, der eine Blume im Knopfloch trug und seinen Hut auf dem Hinterkopf gesetzt hatte.„Ich bin hierher gekommen, um Euch über die Entwickclnng Gottes zu belehren. Ohne die Kenntnis dieser großen wissenschaftlichen Wahrheit kann man nichts begreifen. Ich habe mich entwickelt; Ihr habt Euch entwickelt; Gott hat sich entwickelt." „Kameraden!" schrie ein anderer.„Wie lange noch wollt Ihr Euch diese Unterdrückung gefallen lassen? Wißt Ihr denn nicht, daß die Leute, die über Euch herrschen, nur wenige an Zahl und gar nicht zu fürchten sind? Seid Ihr Männer, dann erhebt Euch I Fordert Eure Rechte I Beugt Euch nicht unter der Knute der Gutsbesitzer und Kapitalisten, solcher Wetter- sahnen wie Chamberlain und solcher Tyrannen wie Salisbury! Zeigt, daß Ihr Männer seid!" „Ihr könnt mir's als einem, der selber auf dein Lande ge- boren und erzogen worden ist, glauben, das Land lohnt gar nicht, es überhaupt zu besitzen," ließ sich ein konservativer Arbeiter vernehmen.„Mein Vater hätte sich die Hand abschneiden lassen. wenn er damit Land zu dem Preise hätte kriegen können, zu dem ich es haben kann, und ich ivill es noch nicht einmal dafür nehmen. Geht aufs Land und sehet selbst, wie die Sachen stehen. Höret nicht auf das, was Euch die Stadtlente sagen, die nicht einmal weiße Rüben von Möhren, jungen Kohl von Oberrüben unter- scheiden können." „Ich bin hierher gekommen, um zu lernen", redete ein Jüngling mit sanften Augen einen begeistert drein schauenden kleinen Prediger an,„und ich kann das eine nicht begreifen. Sic sagen, Gott muß gerecht sein, aber er kann auch gnädig sein. Wie vertragen sich diese beiden Sachen mit einander. Sie sprechen von der Freiheit des Willens und glauben dabei doch an Vorherbestimmung. Vielleicht können Sie mir erklären, wie Menschen, deren Bestimmnng es ist, zur Hölle zu fahren, doch in den Himmel kommen können." lFortsetzmig folgt.) So n tt fn ln tt ve vv i« Alljährlich, am 28. August, begiebt sich in Frankfurt a. M. eine gar anmutige Feier. Das Geburtshaus Wolfgang Goethes ist in seiner ivohlhabcuden Beschränktheit des 18. Jahrhunderts erhalten geblieben, so>vie dariiuien eiust Frau Rat schaltete und ihr Bube spielte. Unten hat man freilich einen modernen Briefkasten an- gebracht, und das Eintrittsgeld, das man erhebt, erinnert eindringlich daran, ivie man heutzutage es versteht, selbst die Pietät gemünzte Zinsen Hecken zu lassen. Die rechte Gocihestiininnng freilich inntveht den Sehenswürdigkeiten-Jäger wohl weit stärker in dem nahen Wetzlar, Ivo man noch innuer, wie der junge Wcrtber-Goethe, die Stciustnfcn zu dem laubiibcr- wölbten Brunnen hinabsteigt und wo man in Lottcns Staatsstnbe niit ihrer rührend naiven Pracht— das Hans ist sinnig als ein Kinderheim in Nutzung— dem schmalen Spinett noch heut den zirpenden Glaston entlocken kann. In Wetzlar fühlt man den genialischen Stürmer, ans dessen Wcrther die Fülle ungebrochener Leidenschaft, die Kraft tief unter den Wassern wurzelnden Empfindens in alle Ewigkeit quillt, wie das Brünnlein unter dein grünen Acstc- dach. Frankfurt ist eher die Gcbnrtsstadt des Geheim rats Goethe, des würdig-Thätigcn. Jene alljährliche Frankfurter Goethefcier mm besteht darin: Am Geburtstage des großen Hiesigen, dem Frankfurt es verdankt, daß die ganze knltiviertc Erde gleichsam der Stadt eingemeindet ist, bat die verehrliche Einwohnerschaft zu dem Heimathaus freien Zutritt» sofern nur der Besucher ein Blumcnstränßcheu als Angebinde mit- bringt. Und da die Frankfurter, insonderheit die Franksnrterinnen, geschäftsklng genug sind, um zu berechnen, daß im Angnst ein paar Blumen billiger zu erstehe» sind, als das Eintrittsgeld für die Blnmcnlosen betragen würde, so pilgern in aller Frühe Frankfurts junge Mädchen und Frauen mit ihren Blumen zum Goethehans, dessen altväterischer Hausrat dann mit den bunten kleinen Gewinden besteckt wird, so daß das Gcmvbel gar zierlich lebende, lcnchtcndc und duftende Leisten und Schnörkel er- hält. Diese zarte, ein ivenig schalkischc, einfache Huldigung, in ihrer Mischung von jugendlicher Verehrung und altem Geschäftssinn, dürste dem Gefeierte» wohl mehr behagen, als der übliche hochgelehrte Vortrag, den dann irgend ein Meister vom Philologenstuhl ans Gc- heiß des Frankfurter Hochstifts in der Mittagsstunde vor nüchternen Mägen hersagt, zumal Frankfurts weibliches Jungblut den schönhcils- begehrlichen Augen des Dichters mancherlei Anlaß zu erquicklichem Wohlgefallen zu geben vermöchte. Heuer, da sich eine runde Zahl seit Goethes Geburt vollendet, wird wohl die stille Blnmcnfeicr ins großartige schlveifen nnd der letzte Hauch eines volkstümlichen Gedenkens abgestreift sein. Es wird eine Parade der Eingeladenen sein, ein Zusammenlanf der Bevorzugten, die Equipagen werden sich drängen und man wird „unter den Anwesenden bemerken" die Honoratioren des Geldes, Amtes und Geistes. Hätte der Geist des jungen Goethe Muskeln, so würde er die ganze Gcburtstagsgesellschnft zum Fenster hinaus- befördern gleich dem mütterlichen Porzellan, das der Knabe in jauch- zendem Uebcrmnt einst ans die Gasse warf. Unsere bürgerliche Welt vermag keine Feste zu feiern: keine volkStüinlichcn; denn es fehlt ihnen das Volk, die Volks g c in c i n- s ch a f t— keine künstlerisch-würdevollcn; dcmi unser ganzes Leben ist ohne Stil. So bliebe denn als die reinste, echteste Goethe-Fcier. daß sich der einzelne tief und still versenkt in die Welt, die der Genius in seiner Schöpfcrmacht erzeugte: Goethe wahr- Haft feiern» heißt Goethe lesen. Aber freilich, iver hat gerade in diesen Tagen dazu Zeit, wo man nicht weiß, wie man all den gesellschaftlichen Verpflichtungen, welche die Gocthefeier-Jnfluenza auferlegt, gerecht werde» soll. Und über- Haupt, Goethe ist schon ans dem Grunde heute nnlesbar, weil er freicste Muße fordert, einsames Verweilen, hingebende Andacht. Goethe ist immer noch keine Eisenbahnlektüre, und diesem Litteratnr- zweig allein vermögen wir Genüge zu leisten und gerecht zu werden. So ist der Goethetag ein Fest ohne Goethe. Noch ans einem anderen Grunde muß diese Gedenkfeier des großen Schwungs und der echten allcsbeherrschcnden Begeisterung entbehren. Kein Ideal misercs gewaltige» gesellschaftliche» Kampflebens findet an diesem Tage Anregung und Auslösung. Wir dienen nicht nnscrer erhabenen Sehnsucht, nidem wir Goethes gedenken, unsere schweren» gefährlichen Fragen beantwortet er mtä nicht, er zeigt iinS keine Wege und verschmäht jegliche Führerschaft Und die fromm gewordene Bourgeoisie, die— wie es der Knltusminiftcr Bosse jüngst that— den Faust nicht zu ehren wagt, ohne ängstlich hinzuzufügen, daß das Wort der Bewunderung nur„>v eltlich* gesprochen sei, diese in Philistern und Enge erstickte Bourgeoisie bekennt sich längst nicht niehr— wenn sie es überhaupt jemals gcthan— zu Goethes freiem Menschentum, der dem Gedanken keine Schranke, dem Recht der Leidenschaft keine Satzung ans- zucrlegen duldete, der dem Gottesdienst des Diesseits, der Religio» des Lebens und Schaffens huldigte, der, in stolzem Heidentum, beklagte, daß die abendländische Menschheit an der Bibel statt am Homer das Lesen gelernt habe, Die Zeit ist nicht reif für einen Goethe-Fcicrtag, trotz aller journalistischen Goetbe-Nimunem. akademischen Goethe-Borträge und theatralischen Gocthc-Aufführungen. Die Kunst ist heute ein Luxusartikel, kein Volksbcdürfnis. Sie hat ein Publikum, keine Gemeinde. Sie putzt und schmückt ein paar ästhetische Genüstlinge, aber sie lebt nicht und treibt nicht als feinste und höchste Kraft dcS Kulturbewuhtscins im Allerheiligstcu und Allerwescutlichsten der Menschcnscele, sie ist nicht unsere Er- zieheriü, sie läutert und bildet uns nicht, sie gestaltet nicht die Volker und die Menschheit in reichere, reinere Formen, An schaffendem Künstlcrgcist mangelt es auch heute nicht. Aber die Empfangenden fehlen. Die gesättigten Besitzcrj kenne» zumeist nur die plumpe Begehrlichkeit des niederen Trieb- Icbcns; sie fürchten sich vor nichts mehr als vor Mühsal und Opfer, Die Kunst heischt Opferwillige. Der Künstler ist Märtyrer, und iver sich ihm empfangend hingiebt. teilt jenes Marthrimn, in dessen ringender Qual ivohl das höchste Meuscheualück beschlossen ist. Die Kuusthnngrigcn aber ivcist der— Kassierer ab. Mit leeren Händen lassen die Makler der Kunst niemanden zllr und die Knnsthnngrigen haben leere Hände. Da sind viel Arme, die aus ivcitzem Marmor Schönheit zu hänuncrn begehren, und da sind zahllose Arme, die sich nach den Gaben ausstrecken. Aber zlvischen die Gebenden und die Nehmenden drängt sich der Götze Geld, und der Kilnstler bleibt unthätig, Ivcil seine Schöpfungen nicht begehrt werden tonnen. So müssen lvir kunstlos leben, in dem öden, dunstigen, kahlen Mictsgcmäuer der städtischen Ricscngrüfte, die man Wohnstätten iicunt, während doch überall sich die Kräfte in unerschöpflicher Fülle anbiete», die uns Heimstätten der Kunst in einen Wald lustiger Gärten zu zaubern vcnnöchten— für alle Menschen, So klingen Beethovens Quartette nur>v cnigen Ohren, und vor den Bühnen sitzen jene Jmmcrdicsclben, die für ihr Geld sich auch Künstler halten können. Wie die Felder ihrcil Segen nicht den verlangenden Mensche» darbieten, sondern den preisbildenden.Verkäufern und Händlern, die über allzu reichliche Ernten jammern, weil sie den Preis erniedrigen, so wächst die Kunst nicht für das Volk, das ihrer begehrt. ES gehört zil den großartigsten und tröstlichsten Erscheinungen der proletarischen Bewegung, daß sie mit heiliger Liebe, nntteii in dem stürmischen Ringen um die ivirtschaftliche Erlösung, bedacht ist, die Schätze der Kunst zu bewahren und dem Volke zugänglich zumachen, Das Proletariat ist berufen, nicht nur das Erbe der klassischen Philosophie, sondern auch das Erbe der klassischen Knust zu über- nehmen. � Erst mit der Befreiung vom Kapitalismus wird sich ein Kunftleben entfalten, in dem Künstler und Kunstgemeindc die ganze Kraft bethätigen werden. die dem Menschen gegeben ist. Wir ivcrdcn dann eine Knust für das Volk und ein Volk für die Kunst habe», eine fromme Pflege der großen Ueberlieferniigeu und eine freudige Würdigung des Wachsenden, Jungen, Gegcnivärtigcn. Darum sind die bescheidenen Bemühungen, die auch die Arbeiter nicht versäumt haben, um den Gocthetag festlich zu begehen, so un- scheinbar sie sind, doch d i c Vcraustaltnngcn, die allein hoffen lassen, daß wir einst zu einer wahren Volks fcicr des Dichters gelangen werden. Es ist ein schöner Traum, daß die Völker in jener Zeit, da Scdautage und Kricgervereinsfeste nur noch ivie ei» Spuk einer düsteren Vergangenheit erscheinen werden, neben dem Mnitag der Arbeit auch einen K»» st f e i e r t a g in das Getriebe des Werktag- Daseins einsetzen ivcrdcn— eiiieu Tag, ganz den Künste» gcivciht, und gefeiert von der einigen Menschheit, einen Siegcstag der Farben und Töne, der Worte und Formen, der Gedanken und Gefühle, einen Erntetag menschlicher Schöpferkraft. Man mag wohl den 28. August für diesen Tag anserschen und die Jugend mag dann,>uie einst in Fauksnrt a. M,, mit Blumen das Geburtshaus Goethes schmücken.— Joe. MloinsO Fouillekon. — Eilt seltsames Ticr. lNnchdrnck verboten.) Kundin: «Ich wohne iir der Vorstadt und möchte einen guten Haushund haben," Händler:„Ja, gnädige Frau," „Aber natürlich möchte ich keineil haben, der uns die ganze Nacht ivach hält mit Bellen um nichts und tvieder nichts." „Nein, gnädige Frau." „Er muß groß, stark und wild sein, wisse» Sic?" „Ja, gnädige Frau." »Aber gegen uns so saust wie ein Lamm." „Ja. gnädige Frau," „Und er muß auf jeden Landstreicher losstürzen, der kommt, und ihn wegtreiben." „Ja, gnädige Frau." „Aber er muß keinen armen, aber ehrlichen Mann anfallen, der sich nach Arbeit umsieht," „Nein, gnädige Frau,"* „Wenn ein Dieb in der Nacht stchken will, so müßte der Hnnd ihn in einem Augenblick in Stücke reißen," „Ja, gnädige Frau«" „Aber er niuß keinen Nachbec angreifen, der abends einen kleinen Besuch macht," „Nein, gnädige Frau," „Und natürlich darf er keine Leute belästigen, die zu allen Stunden der Nacht eilig konnneit, um meinen Mann zu holen. Er ist nämlich Arzt," „Nein, gnädige Frau,— Ich lveiß jetzt, was Sie wünschen. Sic wollen eine» j gedankenlesendeu Hund," „Ja, so etwas Achnlichcs, Können Sie mir einen schicken?!" „Thnt mir sehr leid, gnädige Frau, die Sorte ist mir gerade ausgegangen."— �— Dreistigtanscudmal könnte man das große Heidelberger Faß init dem in Deutschland im letzten Jahre gebrauten B i e r e anfüllen; betrug doch die Menge desselben(3 130 OlX) 000 Liter. Kein Staat der Welt erreicht diese Ziffer, nicht einmal England, Obenan steht in Deutschland Bayer» mit über 16 Millionen Hektoliter; ans den Kopf der Bevölkerung niacht das über 235 Liter jährlich. In München selbst steigt diese Zahl gar auf 266 Liter, jeden Einivohner vom Säugling bis zum Greise mitgerechnet. Aber außer diesem Bier ivcrdcn in Deutschland jährlich auch noch über 30 Millionen Liter Wein verbraucht und rund 230 Millionen Liter B r a u n t w e i n. Etiva 1200 Millionen Mark werden alljährlich von der Bevölkerung Deutschlands für Wein, Bier und Branntwein ausgegeben,— Archäologisches. — Neue Ausgrabungen in I u d ä a hat der englische Verein für die Erforschung von Palästina vornehmen lassen. Dnrch einen türkischen Firma» wurde ein 10 Quadrat-Kilometcr großes Terrain für Ausgrabungen freigegeben, das, an der Grenze deS Philistcrlandes auf dem Wege von Askalon nach Jerusalem gelegen, bei Tcll-Jndeihdeh, Tcll-es-Säfie und Tell-Zalärie vielversprechende Orte umfaßte. Die Herren Dr. Bliß und Macalister haben am 26. Oktober 1898 bei letztgenanntem Orte die Ausgrabungen be- gönnen, Sie fanden dort einen isolierten Hügel, der sich plötzlich 100 Meter über dem Thale von Elah erhebst welches sich bei Tcll-cs-SÄfie in der Ebene verliert. Ans dem sehr breiten Gipfel dieses Hügels cntdeckte Dr. Bliß bald die Wälle einer alten Be- festigung, an ivclche in späterer Zeit sechs Türme hinzugefügt waren. Innerhalb dcS Walles wurden Ausgrabungen, die bis auf den gc- wachscneu Fels hinabgingen, vorgenommen, Dr, Bliß fand Reste von Häusern aus Iveuigstens vier verschiedenen Perioden mit den zugehörigen Geräten usw. Die datierbarcn Gegenstände stammen von der vorisraelitischen bis in die spätjüdische Zeit. Besonderes Interesse beanspruchen 12 Topfhenkel von Köuigskrügcn, die mit Stempeln versehen sind, die eine Figur ähnlich einem Schmetterlinge zeigen, von denen vier die Inschrift tragen„Eigentum des Königs von Socho", zlvei„Eigentum des Königs von Hebron" und einer ivahrschcinlich„Eigentum des Königs von Zib".— Socho liegt drei Meilen von Tcll-Znkktrie' und heißt heute Schuwäke, Auch ein Skarabäus mit dem Nanien Tothmes III., der diese Gegend eroberte, wurde gefunden. Auch in Tell-es-Säsic, dem alten Gath, ivurdcn Ausgrabungen in einer Tiefe von 6,2 bis 9 Meter vorgenommen, und aus den überall darin gefundenen Topfschcrben null Dr. Bliß auch vier Perioden erkennen. Von der Oberfläche bis 2 Meter tief fand man viele glasierte arabische Ge- säße, die zuweilen rohe Muster zeigten. Die anderen Typen um- fasse» die jüdischen Formen, die auch in Tcll-Zakärie gesunde» ivarcn, eine Anzahl früh-griechischer Gefäße ans der Zeit von 700 bis 220 v. Chr., einige schivarzc und rote griechische Gefäße aus der Zeit von 220 bis 320 v, Chr. und wenige präisraelitische Formen. In derselben Schicht wurden auch die Fundamente einer Reihe roh mit Mörtel errichteter Kammern gefunden, die wahrschein» tich aus der Zeit der Bianca guardn, jener Burg herrühren, die König Fnlco von Aujou im Jahre 1133 hier erbaute. Von 2 bis 3 Meter Tiefe finden sich dieselbe» Sachen ohne die arabischen Gefäße, nur mit ivcniger spät griechischen. Auch zwei Topfhenkel, davon einer iviedcr mit dem Stempel der Königin von Socho, ivurdcn hier gesunden. Von 3 bis 6 Meter Tiefe finde» sich die präisraelitische» Typen, ivie in Tell-Zaküric und phönikische Forme». Von 6 Meter ab bis zum gclvachsencn Felscii finden sich auch Prä» israelitische Typen, ähnlich jenen, die in der ersten Stadt von Tell-el- Hesy vorkommen und ungefähr der Zeit von 1600 bis 1700 v. Chr. angehöre».—'(„Globus.") Geographisches. is. Der Heilige Berg von A b e s s y n i e u. Ein Arzt Dr. Rcgiunid Köttlitz, der jüngst eine längere Reise in AbessyuirN gemacht hat. entwirft nach dem„English Mechanic" eine bemerkend- wcrie Schilderung von dem sogenannten Heiligen Berge> er Abeffyuicr. dem Zuqnala, der 40 englische Meilen von der Haupt- stadt ciitfcrnt liegt, 10 000 Fuß hoch sein soll und die Form eines abgestumpften Kegels geigt. Es ist ein alter Vulkan, der ans seine», Gipfel einen erloschenen Krater aufweist. Die Kraterhöhluug ist jetzt mit einem nicht unt'edeuteuden See augefüllt, der eine Dreiviertel- meile lang ist und für die Abessynier dasselbe bedeutet, was der Teich von Bethesda und der von Siloah nur je fiir die alten Juden ge- Wesen sein kann. Die Eingeborenen glauben fest daran, daß ein Bad in seinen Wassern alle Krankheiten gu heilen vermag. Dicht dabei entspringen einige Quellen, die der Jungfrau Maria ge- weiht sind. Nach dem Volksglauben brauchen unfruchtbare Weiber nur aus diesen Quellen gu trinken, mn von ihrem Fluch befreit gu sein. Die Gewässer werden mit der gröjzten Verehrung behandelt, und nie darf aus ihnen gn gemeinen Zwecken, g. B. gum Kochen, geschöpft werden. Der europäische Reisende sah eine groste Zahl von Kranken an den Ufern des Sees, die sich teils allein hin- und herschleppten, teils in Sänften getragen wurden. Der ganze Berg ist sowohl an den Gehängen wie an dem Gipfel dicht bewaldet. Er trägt überallhin verstreut Einsiedlerhütten. Verborgen in den Wäldern befinden sich auch eine groste Zahl von Kirchen, deren Inneres reichlich mit billigen farbigen Bilden, aus der Biblischen Geschichte verziert war, denen man das„Madv in Germany" sofort ansah. Der ganze Heilige Berg ist auch sonst mit Merkwürdigkeiten übersät, die durch die lebhaste Phantasie und die eigentümliche Art der Gottesverehrung der Abestynier eine noch erhöhte Wirkung erhalten. So wurde dem Reisenden ein Baum mit drei am Boden vereinigten Stämmen gegeigt, der als ein Wahrzeichen der Dreieinigkeit verehrt wurde und mit menschlichen Haaren und allen möglichen Sorten von Zierrat behangen war, ferner find die senkrechten Felsen häufig von Spalten durchzogen, und auch diese müssen einen, heiligen Zweck dienen. Es gilt nämlich als eine Aeusterung der Demut vor Gott, sich durch die Felsenrisse hindurch zu zwängen, und die Folge davon ist, daß die Wände jener Oefstmngen schon ganz poliert und mit Schmutz bedeckt sind von de» vielen Heilung suchenden Pilgern, die dort ihre Gottesfurcht zu beweisen streben.— Astronomisches. — Vom Monde. Zu der Frage, ob fich unser Trabant in eine Atnwsphäre hüllt oder nicht, nehmen in den.Coniptes rendus" der Pariser Akademie die Herren L o e w y und P u i s e u x das Wort. Sie erscheinen dazu besonders berufen durch ihre Mond- Photographien, die mit den, Pariser großen Aequatoreal aufgenommen find, und deren Reproduktionen in großen, Maßstäbe die feinsten Einzelheiten auf dem Monde enthüllen. Die genanuten Gelehrten find der Ansicht, daß die vulkanische Thätigkeit der Mondkrater noch� nicht so gar lange abgeschlossen ist und jedenfalls noch an- gedauert habe, nachdem die sogenannten Meere des Mondes bereits eingetrocknet waren. Der steile Absturz der inneren Kraterwände spricht für die große Kraft, mit der die Masse» empor- geschleudert wurden; diese wurde allerdings unterstützt durch die geringe Intensität der Schwerkraft auf dem Monde, die nur ein Fünftel von der auf der Erde tvirkende» ist. Mit den Gesteinsmassen aber müssen zugleich Gasmassen aus dem Krate, innen, hervorgequollen sein. Ändererseits würde die emporgcschleuderte Asche in den oder dicht bei dem Krater zurückgefallen sein,.'wenn sie durch den leeren Raun, gnrückgcsaust wäre. Nun aber finden sich nach den Ausichte» der Pariser Selenographen die von den Mond- kratern ausgeworfenen Teile bis zu iveiten Entfenmngen von den, Krater abgelagert. Dies beweist, daß die niederfallenden Teile von der Luft auf einige Entfernungen fortgetragen find, ähnlich wie beim Ausbruch des Krakataua die Aschenteile sogar bis Europa sich be- merkbar machten. Andererseits glaube» die Gelehrten, daß die zur Zeit der Kraterausbrüche somit für den Mond anzunehmende Atmosphäre dort noch vorhanden sei, dem, sie könne weder in die gugestopften Krater zurückgeströmt,»och in den Weltraum entwichen sein, da die Erkaltung der Mondoberfläche die Molekulargeschwindig- keit der Gasteile stark vermindert haben müsse. Somit vermuten die Pariser Astronomen noch eine Atmosphäre um de» Mond von allerdings sehr geringer Höhe, die nur durch das Verschwinden und Wiedererscheinen von Sternen nachgewiesen iverden könnte, über die der Mond hinweggeht. Die Zeiten des Berweilens der Sterne hmter den, Monde ivürden nämlich verkürzt, wenn eine Brechnng der Lichtstrahlen in seiner Atmosphäre stattfindet. Die bisherigen Ergeblnsse solcher Beobachtungen waren aber negativ.-- Technisches. — Fahrgeschwindigkeit englischer Eisenbahnen. Einer in den.Daily Neios" veröffentlichten Tabelle der Sonnner- fahrzeiten entnimmt die»Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahn- verwalwugni" nachstehende Angaben über Fahrgeschwindigkeiten englischer Eisenbahnen: Am schnellsten wird auf der kalcdonischen Bahn gefahren, bei der jeden Abend eil, Zug die S2,29 5tilon,cter lange Strecke von Forfar nach Perth in 33 Minuten zurücklegt oder mit einer Durchschnittsgcschtvindigkcit von 95 Kilonieter in der Stunde fährt. Die'nächstgrößte Fahrgeschivindigkett, ohne Rücksicht auf die dnrchsahrene Streckenlänge, weist eine andere schottische Linie, nämlich die Glasgolv- und South-Westernbahn auf. Auf ihr fährt ein Zug von Ardrossan nach Paisley 90,15 Kilometer in der Stunde, indem er diese 39 Kilometer lange Strecke in 26 Mi- nuten zurücklegt. Die Große Centralbahn nimmt auf der Liste die zehnte Stelle ein und zwar mit einem zivischen London und Leicester verkehrenden Zeitungszuge, der die 165,7 Kilometer lange Strecke in zivei Stunden durcheilt. Die Laucashire- und Zorkshirebahn folgt mit ihren, 83 Kilometer in der Stunde fahrenden Eilzuge zwischen Manchester und South- Port. dann die Cheshirelinie mit ihrem Manchester- Birkdale-Eilzuge, der 82 Kilometer in der Stunde zurücklegt. Handelt es sich bei den erwähnten Geschwindigkeiten nur um kurze Entfernungen. so ist andererseits auch die Zahl der mit großer Geschwindigkeit und ohne Aufenthalt zurückgelegten langen Strecken sehr beträchtlich. Es fahren im ganzen Königreich gegenwärtig nicht weniger als 104 Schnellzüge über Strecken von 160 Kilometer, ohne Aufenthalt zu nehmen; in, voligen Jahre betrug die Anzahl solcher Züge nur 89 und vor zwei Jahren nur 68. Die längste dieser Fahrten ist die von London nach Exeter auf der Westbahn. Hier werden 322 Kilonieter in drei Stunden und 43 Minuten das ist 84 Kilometer in der Stunde zurückgelegt. Die Eilzüge der Nordwestbahn im Anschuß an die Ueberseedampfer fahren dreimal in der Woche von Euston nach Edgehill mit einer Ge- schwindigkeit von 33 Kilometer in der Stunde. Diese Strecke ist um 0,3 Kilometer kürzer als die von London nach Exeter und die Fahrzeit ist um 2 Mimtten länger. Die größte Geschivindigkeit bei langer Fahrt iveisen die Eilzüge der schottischen Nordwestbahn auf. die die 193,3 Kilometer lange Strecke von Pcnrith„ach Crewe mit einer Geschwindigkeit von 86,8 Kilometer in der Stunde zurück- legem— Humoristisches. — Neue H ü h n e r- R a s s e m Dame:»Haben Sie aber schöne Hühner; was ist denn das für eine Rasse?" Bäuerin:»Die.aroßen such Brathendeln, die kleinen B a ck h e n d e l u l"—' — H ö ch st e s P h l e g m a. A.: Sie, auf dem Platz hat noch niemand einen Fisch g'faiigcn, da ist die ganze Plag' umsonst!" B.:.Ach>vas, ,ch bin froh, tvenn keiner anbeißt, brauch' ich ihn nit'rauszuzieh'n I"— — Gemütlich. Barbier sznm Lehrling):»Der Herr will einen Zahn gezogen haben. Jackele, versuch'?'mal, aber ja recht vor- fichtig und langsam... hast ja Zettl"(.Flieg. Bl.") Notizen. — Die Goethe-Nummer des„Wahren Jacob" bringt einen schöne» Artikel über de» Dichter aus der Feder Franz Mehrings.— — Eine Goethe-Medaille hat die Stadt Frank- f n r t a. M. p r ä g e n lassen. Die Medaille zeigt zivei weibliche Figuren: Wahrheit und Dichtung, mit einem Blick über den Main, den Kaiscrdom und die alte Mainbrücke in ihrer ehemaligen Gestalt. Das ist die erste offizielle städtische Prägung seit 1866, dem Aufhören der politischen Selbständigkeit Frankftirts.— — Das Grancr Domkapitel beabsichtigt, in Gran(Ungarn) eine katholische Universität zu errichten.— — Felix Wein gart„er hat eine neue bicrsätzige Sinfonie in Es-ckar und ein neues Streichquartett ge- schrieben. Professor Halir und Genossen werden das Quartett in, nächste» Winter zun» erstenmale spielen.— —. H o r a n d n n d Hilde", ein Mnsikdrama von Victor Gluth, soll am 18. Oktober zum erstenmal an derMünchuer Oper aufgeführt werden.— — In den großen Philharmonischen Konzerten. die N i k i s ch leiten wird, sollen folgende Novitäten gegeben werden:„Hamlet" von Tscha'ikowsky, die v-moll-Sinfonie von C e sa r F r a n ck. ein Werk von Alexander Ritter usw.— — Eine A u s st c l l u n g von Werken französischer Künstler wird in, Oktober d. I. in den Sälen des Gebäudes der Akademie der Künste in Berlin stattfinde». DaS Aus- stellungskomitee besteht auS den Malern Bounat, Berand, Carolus Duran. Dagnan-Bouvret, G. de Dramard. Gerönie und Roybet. Die Ausstellung wird ungefähr 160 Gemälde der bekanutesten Künstler umfasscm— — Von einer Forschungsreise durch Ost- T u r k e st a n und W e st- T i b e t, die zivei Jahre dauerte, ist der Kapitär D e a s y zurückgekehrt. Er hat 5300 Meilen zurückgelegt und einen voNstäudigen Plan von dem durchmcssencn Land angelegt. Von besonderer Bedeutung ist seine Erforschung jener Teile des Uarkand- ThaleS, die bisher von Europäern nicht betreten wurde».— — Ein Mecklenburger Jagdpächter hat zur Auf- frischung des Blutes seiner Hirsche 27 sibirische Hirsche kommen lassen. Bisher wurden zu diesem Zweck Hirsche aus Ungarn eingeführt.— — Eine Jagdverordnnng für das britische Bei- schuanaland verbietet die Erlegung von Elephanten, Giraffen und Elenantilopen. Die Elenantilope gehört zu den größten Antilopenartcu und erreicht ein Gewicht von acht Centn e, 1,.— Verantwortlicher Redacteur: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.