Hlntcrhaltungsblatt des vorwärts Nr. 170. Donnerstag, den 31. August. 1899 (Nachdmcl verboten.) 71 Joseph Soneiz. Nomcm von John Law. Aus dem Englischen von I. Cassierer Es war Abend. Die Männer kamen von ihrer Arbeit und standen vor den Wirtshäusern umher. Die Sinder drängten sich auf dem Pflaster. Hier und da niachte ein Leierkasten das umstehende Publikum tanken. Jungen mit Jungen, Mädchen mit Mädchen, aber auch Mütter mit Säug- lingen auf dem Arm. Mit diesen jungen Weibern, deren unsauberes Aeußeres und deren schmutzige Steider sie schaudern machte, hatte Polch nichts zu schaffen. Diese warfen indessen manch neidischen Blick auf das schöne, nett gekleidete Mädchen, das ihren Weg verfolgte, einen Weg, der freilich ge- striegelten und gebügelten Zierpuppen vollstäitdig unbekannt war. Sic ging durch einige der verrufensten Straffen, die London überhaupt aufzuweisen hat, in denen verkommene Menschen in schnuchigen, überfüllten Häusern wohnen, an Läden, in denen verfälschte Koloniallvaren, verfaultes Fleisch, gewässerte Milch und abgetragene Steider feilgeboten wurden, vorbei. Sie kam endlich zu ihrer Sapelle und trat in ein nebenan gelegenes Gebäude, das am Tage zur Schule für die Kinder benutzt wurde, und in dem am Abend die Erbauungs- Versammlungen der Methodisten stattfanden. Sie fand den Leiter der Erbauungsstunde noch ganz allein, auf seine Klasse wartend, von der Polly die einzige lvar, die niemals fehlte. Er sag in einem Lehnstuhl und blickte ernst vor sich hin; in der Hand hielt er ein kleines Buch. Seit zwei Jahren bereits war es Polly vergönnt, aus den weisen Lehren dieses jungen Mannes Jüchen ziehen zu dürfen, und ihre Mutter behauptete, es wäre geradezu wunderbar, welch grvffe Fortschritte auf dem Wege zur Gnade ihre schöne Tochter unter der sorgenden Leitung dieses jungen Mannes gemacht habe. Mrs. Elwin konnte nicht genug Worte der Bewunderung und Verehrung für diesen gottesfürchtigen jungen Mann finden. Sie lud ihn fast jeden Sonntagabend zum Thee, und wäre es nicht aus Rücksicht für Onkel Cohn gewesen, so hätte sie ihn auch zum Mittagbrot eingeladen. Onkel Cohn zankte sich gern mit Methodisten, freilich nicht mit ihr und Polly. Auch gab er manchmal zu verstehen, daff es gar keine so unangenehme Sache sein möge,„Klassenleiter" zu sein. Er ging sogar so weit, zu behaupten, daff er auch ganz gern Schäfer sein würde, wenn Polly das Lämmchen Wäre, das seines geistlichen Rates und Beistandes bedürfe. Mrs. Elivin schüttelte bei solchen Reden den Kopf und behauptete, daff es für junge Leute beiderlei Geschlechts gerade sehr vorteilhaft sei, wenn sie bisweilen geschwisterlich zusammen- kämen, besonders aber dann, wenn das Mädchen, was ja bei Polly der Fall war, keinen Vater mehr habe und nur auf den Schutz der Mutter angewiesen sei. „William Ford ist ein frommer junger Mann," pflegte sie zu sagen,„der einen guten Ehemann für ein religiös er- zogenes junges Mädchen abgeben wird. Was Polly betrifft, so glaube ich nicht, daff ich das Glück erleben werde, daff sie ihren„Klassenleiter" heiratet." „Ich denke mir bisweilen," meinte Onkel Cohn,„daff William Ford in Polly verschossen ist. Er hat eine so sonder- bare Art, sie anzusehen, eine Art, die, wenn mich nicht alles täuscht, eben zeigt, daff er in sie verliebt ist." „Wenn nian Sie so sprechen hört," spottete Mrs. Elwin, «sollte man fast meinen, daff Sie selbst noch ein junger Mann und eifersüchtig Untren." „Was ist denn eigentlich eine„Klassen-Zusammenkunft?" „Das ist eine Versammlung zur Hilfe und Unterstützung derjenigen, die von dem Wunsche beseelt sind, dem kommenden Strafgericht zu entgehen. Sie bildet einen inneren Kreis der christlichen Gemeinschaft, in dem sich die Mit- glieder der Sieche einmal in der Woche treffen, um ihre religiösen Erfahrungen auszutauschen und von ihrem so- genannten„Klaffenleitcr" Ratschläge entgegenzunehmen über Gegenstände, die ihr geistiges Wohl und die Gelegenheit, Gutes zu vollführen, betreffen." „Und was ist ein„Klassenleiter"? „Ein Klassenleiter ist bei den Methodisten, allgemein ge- sagt, ein Mann von gereifter christlicher Erfahrung, der in allen Dingen billig denkend, ernst und gelassen sein muff. Er sammelt seine kleine Herde Woche für Woche um sich, bemüt sich, soweit es ihm möglich ist, den geistigen Zustand eines jeden zu erkunden und giebt ihnen solchen Rat,>vie ein er- leuchtetes Urteil, das von dem heiligen Geist geleitet wird, ihn eben erteilen kann." So sagt Mr. Augustus Hyde in dem kleinen blaue» Büchlein, daS William Ford neben sich liegen hatte, ein Buch, dessen Inhalt dem eines anderen sehr verwandt war, in welchem er gerade las, als an jenem Abend Polly die Thür öffnete und eintrat: „Sehr warm heute," sagte er, indem er Polly begrüßte. „Ja," antivortcte Polly,„man merkt's, daff wir im Sommer sind." Eine kleine Pause entstand, während der Polly eine Stelle in ihrem Gesaugbuche suchte. „Es sieht gar nicht so aus, als ob außer Ihnen heute noch jemand kommen wollte," bemerkte der Leiter und rückte dabei seinen Stuhl ein bischen näher an den Pollys heran. „Ich glaube auch nicht", erwiderte das schöne Mädchen. Wieder entstand eine zlvci bis drei Minuten andauernde Pause, bis Polly sagte: „Ich war gestern nachmittag im Dictoria-Park; ich weiß nicht, ob ich recht daran gethan habe, am heiligen Sabbath dorthin zu gehen. Sie spielten weltliche Lieder und sprachen über alles mögliche. Auch sah ich ein paar Kinder tanzen." „Und weshalb gingen Sie dorthin?" fragte der Klaffen- leiter. „Jos wollte gern." „Wer ist Jos?" „Der Mann, den ich heiraten soll." Die Oberlippe des Klassenleiters zitterte ein wenig. Er schloff Mr. Augustus Hydes Büchlein, sah Polly an und sagte zu ihr:- „Ich wnffte noch nicht, daß Sie sich schon verheiraten wollen." „Oh, wir können jetzt auch noch nicht heiraten", erzählte ihm Polly.„Jos hat noch keine Arbeit gefunden. Er gehört auch zur Hochkirche." „Zur Hochkirche bekennt er sich?" „Leute, die sich zur Kirche bekennen, sind in der Aus- führung ihrer Religion nicht halb so streng, als wir Methodisten es sind." „Dasselbe sagte ich gestern zu Jos. Er ist in den An- schauungen der Kirche, zu der auch seine Mutter gehörte, auferzogen worden." „Wo haben Sie ihn kennen gelernt?" „Er kam vom Lande zu uns als Mieter. Jetzt hat er aber eine andere Wohnung bezogen, weil er keine Arbeit hat und nicht mehr so viel zahlen kann. So sagt er wenigstens. Aber Mutter meint"— Polly zögerte—„Mutter meint, er sollte nicht mehr mit nur gehen". Der Klaffeuleiter rückte seinen Stuhl noch näher an Polly heran. „Ich möchte Mutter nicht gern ärgern," fuhr das Mädchen fort.„Sie will nicht mehr haben, daß Jos noch zu uns in die Wohnung kommt. Ich wünsche nur, daff er bald Arbeit finden möchte. Mutter sagt immer, wenn junge Leute nicht faul sind, finden sie massenhaft Arbeit." „Was für ein Handwerk hat er gelernt?" „Er ist Zimmermann." „Das ist ein gutes Gewerbe." „Er erzählt. Hunderte von Zimmerleuten seien jetzt außer Arbeit und dabei Leute, die früher Meister gewesen sind. Er meint, die Fremden arbeiten so billig, daß er keine Aussichten hat. Auch behauptet er, daß die Zimmerleute von außerhalb das Geschäft nicht so gut verstehen, wie die hiesigen. Sie sind an solch große Dächer nicht gcivohnt, und auch solche Fenstercinfaffungen wie hier hat er da unten nicht ge- macht." „Weshalb ist er denn nach London gekommen?" „Die Arbeit lvurde da unten, wo er lvar, knapp, und deswegen wurde er entlassen.". „Ich glaube das nicht," entgegnete mit leiser Stimme der Kassenleiter.„Es klingt nicht wahrscheinlich. Seit meiner Jugend bin ich imlner in der Münze gewesen, und wen» — C7 man mid) von dort entließe, würde das nicht ohne guten Grund geschehen. Um nichts würde man mich von dort nicht wegschicken." „TaS sagt Mutter auch," bestätigte Polly. Mutter sagt, sieh' mal Herrn William Ford, er hat Arbeit und er wird nicht entlassen werden. Mutter denkt, Jos war faul, oder es hatte sonst was mit ihm. Sie hat kein gutes Wort für ihn." Bevor der Leiter hierauf noch antworten konnte, öffnete sich die Thür und ein anderes Mitglied seiner Klasse zeigte sich auf der Schwelle. Alles, was er noch sagen konnte, war: „Sie sollten Ihrer Mutter folgen" und:„Wenn ich Sie wäre, würde ich am heiligen Sabbat nicht mehr nach dem Victoria-Park gehen." „Lasset uns beten," fuhr er dann fort, nachdem der un- pünktliche Besucher sich neben Polly gesetzt hatte. Nach dem Gebet fand die Erbauungsstunde in der üblichen Weise statt, und als die Drei sich trennten, dachte Polly auf ihrem Nachhausewege bei sich: „Was für ein gottes fürchtiger Mann ist doch mein Klassenleiter." VI. An demselben Montage, an dem Polly die Nnten'edung mit ihrem Klassenleiter hatte, erwachte Jos des Morgens sehr früh, gerade zur Zeit, als es draußen am kühlsten war und die Sperlinge vor seinem Fenster zu zwitschern anfingen. Er stieg aus dem Bett und konnte gar nicht begreifen, was denn los war, denn die Möbel in seinem Zimmer schienen um ihn herum zu tanzen, und in seinem Kopfe war ein Summen und Surren, als ob dort ein halb Dutzend Theekessel brodelten. Außerhalb des Fensters erschien ihm alles blau, in seinem Zimmer sah ihm alles rot aus; bald fiel er wieder auf sein Bett zurück. Kalte Schweißtropfen traten auf seine Stirn und es fröstelte ihn. Ein eisiger Schauer zog von seinen Füßen nach dem Kopfe und ein kaltes Band schien sich um seinen Leib zu schnüren; bleischwer fiel ihm der Kopf auf das Kissen zurück. „Ich will es nochmals versuchen," sagte er sich. Er stand nochmals auf und dieses Mal konnte er sich auch auf den Beinen halten. Er war im stände bis anS Fenster zu gehen, trank dort ein Glas Wasser, und die kühle Morgen- luft trieb ihm das Blut aus dem Kopfe zurück, so daß es wieder in seinen frostigen Gliedern cirkulieren konnte. Er konnte wieder seine Gedanken sammeln. „Ich kann's mir denken, was es war," sagte er zu sich. »Der Hunger." Jetzt dachteer daran, daß er am Tage vorher nichts weiter als trockenes Brot gegessen und daß schon eine ganze Zeit vergangen war, seitdem er sein letztes Mittagbrot eingenommen hatte. Ein Herilig in einer Kneipe, eine Tasse Kaffee oder Chokolade für einen halben Penny, und dazu noch ein Stückchen trockenes Brot, das er sich selbst zu Hause in seinem Schranke hielt und das er mit ein paar Schlucken Wasser hinunter spülte, daraus hatte in der ganzen vergangenen Woche seine tägliche Nahrung bestanden. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten). Dcv gvößts Vnhtthof dev Lvolk. Von den großen Bahnhofsanlagen kann zur Zeit die Bahnsteig» Halle des Ceniralvahnhofcs zu St. Louis den Anspruch erheben, die größte ihrer Art zu sein. St. Louis, eine aufblühende Stadt von ca. 600 VOO Einwohnern, besaß schon seit Mitte der siebziger Jahre einen großen Personen- bahnhof für den Durchgangs-Verkehr, der 11 Geleise und 6 Bahn- steige enthielt. Aber dem ivachsenden Verkehr konnte diese Bahn- Hofsanlage schon seit längerer Zeit nicht mehr genügen. Da nun sämtliche Personenzüge St. Louis als Endstation haben, so be- schlössen die 22 Eisenbahngescllschaften, deren Linien in diese Stadt münden, einen großen Central- Bahnhof als End- oder„Kopf"- Station zu erbaueir. Auf ein Preisausschreiben liefen allein für das Empfangs- gebäude zehn Entlvürfe ein. Das im großen und ganzen nach dein preisgekrönten Projekt des Architekten Link ausgeführte Bahnhofs- Gebäude, mit dem Vorraum des Haupteingangs an der Marktstraße gelegen, verteilt die dem öffentlichen Verkehr dienenden Räume in zwei Stockwerke, von denen das untere in der Höhe der Schienen liegt, 5,60 Meter Geschoßhöhe aufweist und für den allgemeinen Verkehr des fortfahrenden Publikums bestimmt ist; dagegen ist das obere Stockwerk— ähnlich wie auf dem neuen Hauptbahnhof Dresden— für längere Zeit sich aufhaltende Personen eingerichtet. Die Räume des Parterregeschosscs sind durch die sogenannte »große Treppe" zugänglich gemacht. Die Haupthalle von 23 Meter 8— Breite und 37 Meter Länge, welche die Schlafwagen- Fahrkarten« und Postschalter, eine Anskunftsstelle, Wechselstube und Verkaufs« läden für Zeitungen, Rahrnngs- nnd Genußmittel enthält, führt durch Korridore zu den anderen Zimmern. Neben den Abort- und Waschräumen, dem Speisezimmer und den Fahrstühlen findet sich in diesem Geschoß noch eine Unterfahrt für abholende Wagen, da für diese der geringe Raum des Vorplatzes nicht ausreicht/ Den noch verbleibenden Rest an Räumen hat man für das mit dem Bahnhofe verbundene Hotel reserviert. Im Obergeschoß erhebt sich in denselben Abmessungen wie die Hanpthnlle darunter die sogenannte große Halle, welche vom Fuß- boden bis Gclvölbescheitcl 20 Meter Höhe erhalten hat; bis zur Brüstuugshöhe besteht die Wandverkleidung aus dunkelgrüner Fayence und darüber hinaus aus Kunstmarmor von Heller Färbung. Die Decke weist auf griin-gelbem Grunde viele Ornamente auf und hält in der Mitte einen mächtigen Kronleuchter von 6 Meter Durchmesser und 350 Glühlampen. Dieser Halle, die nur zum Spazierengehen dient, schließen sich auf der einen Seite Warteräume an, die teils für Herren, teils für Damen bestimmt sind. Ein Ranchzimmer, ein Cafs und ein Speisesaal mit den nöttgen Nebenräumen füllen die andere Seite neben der Halle aus. Das Material zu den teils aus Mosaik, teils aus Fliesen hergestellten Fußböden, zu den 32 Meter hohen Eichcnholztäfelungcn des Speise- und des Damenzimmers, sowie zu diversen anderen Teilen des inneren Ausbaues ist eigen- tümlicherwcise ans Europa bezogen worden. Die beiden obersten Geschosse des Bahnhofsgebäudes dienen nur zu Hotel- und Bureau- zwecken. Die Anßenfronten des Bahnhofes zeigen die gewaltige Werkstein- Architektur, die in neuerer Zeit in eigenartiger Weise' iu Amerika ausgebildet worden ist. Der Baustil zeigt romanisierte Formen. Während der Kalkstein aus Indiana das Baumaterial zur Haupt- front lieferte. sind Süd- ilnd Westfront mit grauen Ziegeln bc- kleidet; entsprechend dem Farbentone der Fronten sind die Dachziegel gewählt. Im Zuge der Marktstraße hat der Bahnhof einen 70 Meter hohen Ilhrtnnn. Die Bahnstcig-Halle dieser Vcrkehrsanlage ist in ihrer Flächen- ausdehnung die größte unserer Erde, bedeckt sie doch.30 450 Quadrat- meter nnd 30 Geleise; sie ist bei 214 Meter Länge 133 Meter breit. Die nächstgrößtc Halle hat der Südbahnhof zu Boston; dieser Bahnhof ist schon um 3450 Quadratmeter kleiner nnd weist nur 28 Geleise auf. Dagegen sind iu der nur 33 400 Quadratmeter großen Halle des Bahnhofs St. Lazar zu Paris 32 Geleise untergebracht. Um sich eine ungefähre Vorstellung von der Größe der gewaltigen Bahnsteig- Halle iu St. LouiS machen zu können, seien hier einige der größeren Bahnanlagen Deutschlands angeführt: Der 186 Meter lange und 160 Meter breite Bahnhof in Frankfurt a. M. enthält bei 31 250 Quadratmeter Grundfläche 13 Geleise, der 21070 Quadratmeter große Ecntralbahnhof Münchens umsaßt 16 Geleise und der 18 040 Quadratmeter große Schlesische Bahnhof zu Berlin mit 207 Meter Länge und 02 Meter Breite 11 Geleise. Die aus künstlerischen Erwägungen etwas niedrig gehaltene Bahnsteighalle des Haupt-Personenbahnhofcs zu St. Louis ist durch 4 Säulenreihen iu fünf Längsschiffc geteilt. In der Mitte der Halle ist ein 11 Meter breites Oberlicht in der Längsrichtung angeordnet, dessen Lichtflächcn geneigt sind, während die offen gelassenen Seiten- flächen der Ventilation dienen. Außerdem sind in den drei Mittelschiffen quer angeordnete Oberlichter mit matter Verglasung eingebaut. Auf eine eigenartige Weise werden an den Ein- und Ausgängen der Bahnsteige die Abfahrtszeiten dein Reisenden kenntlich gemacht. Während bei uns auf einer Tafel die Fahrzeiten angeschrieben sind, haben die Amerikaner auf dem Bahnhof zu St. Louis überall ge- malte Zifferblätter angebracht, deren Zeiger von den Bahnbcamteu auf die Abfahrtszeiten eingestellt werden. Abgesehen von zwei Gepäckgeleiscu ist diese Vcrkehrscinrichtung so angeordnet, daß die zlvci mittleren Gclciscgrnppen dem Einfnhrts- verkehr dienen, während die beiden äußeren Bahnstciggelcise dein Abfahrtsverkehr zur Verfügung stehen. Der Geleiseplmi selbst ist nach einer ganz neuen Idee konstruiert. Während man bisher gewohnt war, bei der Einfahrt der Züge die Lokomotive vorn zn haben, wird auf dem großen Personcn-Bahnhofe zu St. LouiS jeder Zug gewisser- niaßen rückwärts einfahren, d. h. die Lokomotive drückt den Zug in die Halle. Diese Art des Zugeinlaufes ivird dadurch erreicht, daß die Gclciscanlagcu vor der Bahnhofshalle in geeigneter Weise ein sich aus Kurven zusammcnsetzcildes Dreieck bilden. Die Bedienung der Hauptwcichen geschieht von einem, in diesem Geleiscdreieck an- geordneten Stellwerkshause. Die Verstellung der 66 Weichen- und der 65 Sigiialhcbel geschieht unter Verwendung von Luft- druck- und elektrischeil Vorrichtungen ohne Kraftanstrengung von wenigen Beamten. Trotzdem die Art und Weise der Weichcnverstelluug so konstruiert ist, daß jede Veränderung nur in der richtigen, jede Gefahr ausschließenden Reihenfolge vor- genommen werden kann, so ist außerdem noch zur Erhöhung der Sicherheit und zur leichteren Informierung über die Lage der Weichen an der Wand deS StellwerkzimmerS ein Modell der Geleisc-Anordnirng der Bahnsteighalle angebracht, dessen bewegliche Weichen ein genaues Bild von der Stellung aller Geleiseteile im Bahnhof selbst geben. Vom Stellwerk aus werden alle Be wcgungcu der Züge geleitet. An dem Punkt des Geleisedrciccks, wo sich die vier Haupischieuenpaare iu die Bahusteiggeleise gabeln, ist quer zu — CT demselben eine große Brücke angeordnet, deren Ein- und Ausfahrts- Eignale vom Stellwerl aus bethätigt werden. Als wesentliche Vorteile dieser eigentümlichen Geleise-Konstruktion wird geltend gemacht, daß die am Ende des Gebäudes stehenden Lokomotiven die Halle weniger verqualmen, daß ferner die Ab- fertigung aller Güter für ein- und ausfahrende Züge stets auf dem äußeren Ende der Bahnsteige erfolgt, ohne daß die Reisenden da- durch belästigt werden, und endlich' ist der Weg von den Personen- wagen bis zum Ausgange bedeutend verkürzt, da diese Wagen nicht mehr am Ende der Halle zu stehen kommen und die Passagiere daher auch weniger Zeit zum Verlassen der Bahnsteige brauchen. Daß der neue Bahnhof zu St. Louis den Anforderungen des Verkehrs entspricht, geht wohl am besten daraus hervor, daß täglich ungefähr 250 Züge abgefertigt werden, von denen der größte Teil auf die Zeit von 7 bis 9 Uhr morgens und abends entfällt. Mit dem Stellwerk ist das Gebände der Kraftcentrale verbunden, in welchem 4 Kessel und 4 Dampfmaschinen von zusammen 800 Pferdestärken untergebracht sind. Der in dieser Centrale er- zeugte Stroni für die Beleuclitungsanlage des gesamten Bahnhofes reicht für die vorhandenen 350 Bogen- und 5000 Glühlampen aus und speist noch eine Accumnlations-Batterie, welche für den Betrieb des Stellwerkes und der Aufzüge reserviert bleibt. Die Erwärnumg erfolgt durch Niederdruck- Danipfheizung. Zwei Lnftpnmpcn von je 55 Pferdestärken liefern die zum Betriebe der Rohrpostanlage und des Stellwerkes erforderliche Druckluft. Die Bauausführung war erschwert: teils mußten bei dem sumpfigen Boden umfangreiche Gründungsarbeiten durchgeführt werden, teils waren alte Grundmauern zu entfernen. Trotz dieser erschwerenden Umstände ist der neue Personenbahnhof in St. Louis in der kurzen Zeit von zwei Jahren erbaut worden und hat mit Erwerbung des nötigen Grund und Bodens ca. 27,5 Millionen Mark gekostet. Zum Schluß sei noch hervorgehoben, daß dieser Bahnhof eine sehr bcachtensivcrte Einrichtung hat: dem Stations- Direktor steht nämlich eine Dame für tvcibliche Reisende zur Seite; diese „Matrone" vertritt zugleich den Verein-»>- Fürsorge für die weib- liche Jugend._°* gr- Vlviues Iseuillekon. k. Cine Zeitung in den arktischen Ncgione», die unter dem 80. nördlichen Breitengrad in der Nähe von Spitzbergen gedruckt wurde, ist das neueste Ereignis auf dem Gebiete des Journalismus. „Wir behaupten, ohne daß>mr befürchten, Widerspruch zu erfahren, daß wir die größte Verbreitung von allen Vlatten? iir den Polar- Meeren haben", so lautet die bescheidene Note des Herausgebers. „Thce Wcelly Mail", eine Chronik der Begebenheiten an Bord deS „Ophir", wurde gedruckt und herausgegeben auf hoher See. Die erste Rnnmicr ist von? 22. Juli datiert. Es ist ein sehr lustiges Blättchen, das viel zur Unterhaltung der Leute an Bord des„Ophir" während der Fahrt in den eintönige?? nörd- lichcn Gewässern beigetragen habci? muß. Getreu dem' englischen Zeitungsstil werden nur die„neuesten, sensationellsten" Ereignisse gemeldet, und für jede Rubrik ist natürlich ein Ueberfluß an Stoff vorhanden. Plan lese nur. was imter„Hofnachrichtcn" gemeldet wird:„Mrs. Jones, die sehr wohl aussah, ging gesteri? zweimal bei den hinteren Lnkei?� spazieren."„Mir. Joshkii?'s spazierte n?n Mittlvoch eine Stunde auf dein Promenadendeck und besuchte nachher dci? Maschincnrann? riud das Steuer. Er schien mit letzteren? sehr zufrieden." Weiter wird eine Chronik der Fahrt des Schiffes längs der norwegische?? Küste, am Nordkap vorbei?iach Spitzbcrge?? gcgebe??. Als der„Ophir" Ha>?nnerscst verließ, fuhr er an den?„Vogelf'clsen" vorüber, wo„beim Abfe?icn? von Scchspfiindcrn Taufende voi? Vögel?? bei? Himmel mit Punkten bedeckte??". Der Reporter des Blattes hat sie sogar zu zähle?? vcr- s?icht. leider war sei>?e Arbeit d?>rch dci? Nebel erschwert,??i?d so zählte er???lr„4 628 041 Vögel, die gleich??ach de??? Abfeuernder Kanone des„Ophir", vo?n Vogelfelsei? ausflogen." Natürlich giebt das Blatt auch die?ic?icstci?„alarmierenden Vorberichte über das Wetter", in? Zeitalter Marcoiris und der drahtlosen Tclegraphie bietet dies ja??icht die geringste?? Schwierigkeiten mehr. Ei?? Preis für da§ passendste Damenkostiim, das an Bord ei??cs Schiffes ii? dci? arkti- fchei? Regione?? getragen werde?? km»?, wurde der Frau voi? N. z?l- crkmmt, die„in Seehnndsmütze, Otter??-Hai?dsch?!he??, Bieberkrage??, Zobelboa, lappländische?? Sch?ihcl? ui?d?i?it einer Flasche Brannttvein erschie??." Mit Nr. 4 aber stellte„Weeklh Mail" sein Erscheinen ei??, sehr z????? Leidwesen der Insassen des„Ophir".— g. Vergrabenes Gold i;t Judiei?. Voi? de??? Golde, das?na?? feit der Eutdeck?n?g A???erikas in der Alte?? und Neue?? Welt zu Tage gefördert, ist während der vier Jahrhiuidcrte ei?? beträchtlicher Teil nach Jndici? geflossei??md dort in eigenartiger Weise festgelegt tvorde??. Es ist dort??ä>??Iich Ivieder uiiter die Oberfläche der Erde zurückgekehrt und ist in seinen jetzige?? Verstecken schwieriger zu stndcn als ai? scii?cm ursprüngliche?? Fundort. J?? den? Zcitrmnn von 1837— 1808 ist, wie de???„Tcnips" geschriebci? wird, für 3154 Milliouci? Mark???ehr Gold ei??gcführt als ausgeführt worden, ?»?d dci? größten Teil dieses Schatzes hat der Boden Jndicirs absorbiert. Wem???!,?>? bedenkt, daß dieses Shsten? schon seit einem Jahrta??sci?d besteht, so km??? man sich eine Vvrstclliiug von dci? ungeheure?? 9— Schätzen mache??, die?'??? Bode?? J?idic??S vergrabe?? liege??. Alles dieses Gold bleibt lingeniitzt liege???i»d ist daher so gut tvie ver« lore??. Ai? uiizähligci? Orte?? in Verstecken verborge?? komint es nie ivieder z?»?? Vorschein. Diese merkwürdige Sitte ist nur a??s der Geschichte des Landes zu verstehe??. Ii? dci? Zeitci? vor der Er« oberring diirch die Engländer ivar das Land in seiner gni?zc?? Aus- dehi?????g den unaufhörlichen Plüiiderilngei? voi? Näuberstäi??li?en preisgegebeir. Uni??>??? ihre Habe vor den Pliinderern z?? sicher??, verbargen die Eingeborene?? ohne A?isi?ahme ihr Geld?li?d ihre Schätze???? Erdboden oder an andere?? versteckten Orten. Diese durch die Länge der Uebiing eingewurzelte Ge>vohi?heit hat sich bei ihnen so gut vererbt, daß sie noch heilte thu??, tvns ihre Vorfahre?? gethan habe??, obtvohl der äußere Grilild längst ii? Fortfall gekon????ei? ist. Dazu kon?i??t, daß si?h bei de?? Eingeborel?ci? ein?licht zu befriedigeildcr Geiz e?itwickelt hat, der auch dci? Aerinstcn oft?licht welliger peiliigt als seine Ar>??lit. Ii? diesen? Lande hat eil? jeder einen sicheren Ort, eine?? tiefei? Versteck: allch der Aermste verlvahrt seinen winzige?? Schatz, an dein er niemals rührt, den er ständig z?? vergrößer?? bedacht ist, dem zu Liebe er Hunger????d Not erträgt.' Ilud ebenso vergrabe?? die Reiche?? ivie ihre Vorfahre?? ihre Schätze uiltcr den Wölbungei? ihrer festen Schlösser und verbergen sie ii? ihre?? Citadellc??, ivo sie sich von Geilcratioi? zu Geileratio??, vo?? Jahrhundert zu Jahrhundert vcr- mehre??. Es fiel vor eiiliger Zeit sehr mif, daß der Maharajah voi? Sindhi mit so außerordeiltlickier Hartnäckigkeit voi? de?? Eligläildern die Wiederherstellung der Feswilg Gwalior forderte, daß es Verdacht erregen koi??ite, z?linal dieser Ort dlirchans ilicht zu den heiligen Orten in Jndie?? gehörte, wie es deren ii? Indien viele giebt. Durch sei>?e hartnäckige?? Bitte?? rmd Ji?trigl>e?r setzte er wirklich seinen Wille?? dlirch. die Festung Gwalior wllrde ihn? zilrückgegebe??. Ganz kürzlich ist?????? der gchcilne Grund seiller Aiistrengulige?? offcilbar geworden: ii? der Citadellc Gwalior lag eine Sum???e von 1200 Milliollen Mark in geprägte??? Golde vcr- borgen; das Gold ivar mit solcher Sorgfalt ii? den? Felsen eingc- schlösse??. alif dein die Citadelle erbaut war, der Eingang zu der uilterirdischen Kaiiiiner mit so vollendeter Klliist ver??iaricrt, daß ein liicht Eiligcweihter unmöglich den Schatz hätte fiiiden köiincn. Man schätzt, daß alleii? in der Präsideiitschaft Bombay die Eingeborenen nicht welliger als 240 Milliollen Mark ii? Goldstücke» verborgen halten, lind sogar die Priester in dci? Tempeln sind von derselben Leidcilschaft beseelt: auch in und unter den Tempeln finde?? sich solche gchciille Verstecke, in denci? Goldschätze aufgehälift werden.— Liiterarisches. — Das mundsprachlicheWörterbnch desschwäbi- schen Dialekts, zu dem die vorbereitenden Arbeiten und Sanimliingen seit lange?? Jahren eifrig betriebe?? Ivxrde??, sieht jetzt, wie man der„Voss. Ztg." aus Stuttgart schreibt, sciilcn? Abschluß lind seiner Veröffentlichilng entgegen, nachdein der>vürttci?lbcrgische Landtag einen vo>? den??nit der Herrnlsgabe des Werkes betraute?? Professor Dr. Fischcr-Tübingen erbetenen alljährliche?? Kosteilbeitrag eillsti?n???ig beivilligt hat. Ebeilso geht das Wörterbuch der c l s ä s s i s ch e?? M u>? d a r t e n seiller Vollcndulig entgegen. Hier sind die Straßbiirger Gcr?nai?istcil Professor Dr. Martin und Dr. Liellhardt die Herausgeber. Nachdeu? August Stöbcr, der noch liiitcr der frai?zösischcn Herrschaft Oberbibliothckar ii? Mühl- halisci? Ivar lind 1874 Konservator des zumeist mif seine Bc- mühungeil hin begründeten historischen Museums für das Elsaß wurde � die grundlegenden Arbeiten für das Wörterbuch des elsässislhci? Dialektes geschaffen, Ivurden die Arbeiten besoiidcrS im geri??nl?istischei? Seminar der Universität Straßburg eifrigst fort- gesetzt lind das Ergebnis dieser Bemühungen ist eine Sinamlnng von iilehr als 125 000 Zetteln, auf denen haildschriftlich elsäsfische Worte, Redensarten, Sprichivorte, eigene Wortbildungen usiv. verzeichnet sind,??lit genauen Nachiveisen der Quelle??, aus deiie?? sie sta?n??ie>?, der Verbindnngcn, in denen sie gebraucht Iverde??, der Orte oder Bezirke, ii? deilen sie— wenn es sich nicht????? allge?ncin gebrauch- liche Worte handelt— zumeist im Schwange sii?d, solvie ähnlicher oder glcichivertiger Alisdrücke ii? verivaildten Dialekten. So ivird das Riesenlverk in gleicher Weise zum Qilellcnlverk für die ver- gleichellde Sprachforschung und für die Volkskunde i??? Elsaß. Die Veröffentlichung dieses Werkes, von dem ein Teil bereits erschienen ist, erfolgt ebenfalls mit staatlicher Beihilfe.— Kulturgeschichtliches. — Der„ K ö i? i g S h e r i?? g". Als um 1555 die erste?? Heringe nach Emden kaiiie??, kostete die Last 125 Arcndglilde??. i?n Herbste 72 Rittergulde??. Es ginge?? damals 19 sogena>li?te Buise?? auf den Heriilgsfang aus und zwar fischten dieselbe?? bei Rorlvegen lind ai? den dänischen Küste??. Da???? kamen die mageren Jahre; die HeringSziige blieben aus. Die Chronik berichtet hierüber, daß inm????? Jahre 1587 in jene?? Gewässern einen n?lge>vöhi?lich großen Hering gefangen hatte, a?? dessen Bauche sich besondere Zeichen fände??, Ivorii? man eine Art Hicroglyphcilschrift entdecken lvottte. Der Volksglaube dclitcte die Sache dahi??, daß der absonderlich große Hering eii? tlöiligshering gewesen sei; und lveil ma?? n???? die Heriilge ihres Königs,' ihres Führers beraubt habe, so hätten sie de?? Weg?ücht Ivieder zurückfinde?? können. Der Probst Coler zu Berlii? behauptete sogar, daß der Untergang der Welt bevorstehe, lveil die arii?ci? Heringe ihre?? König verlöre?? hätten. Alle diese verschiedenen Deutungen brachte?? indessen de?? Hering nicht ivieder zurück. Die Holländer und Enider wandten sich deshalb nach der schottischen Kirste, tvo der Fong gleich so reichlich ausfiel, dafi unter anderen eine einzige Bnise während einer Fischerzeit drei volle Ladungen, je zu 70 Last, nach Hause brachte.— Nrchäo logisch es. en. Gros; artige Bewnsscrungsbanten sind kürzlich im Staate Neu- Mexiko aufgedeckt ivorden und zwar unter be- sonders merkwürdigen Verliältnisscn. Die gesamten Bauten lvaren nämlich von Lavaschichten überdeckt, die also später hinübergefloffen fein müssen. Das Ganze erwies sich als ein sehr umfangreiches System von Betvässernngskanälen und künstlichen Wasserbecken, die von den alten Bewohnern des Landes angelegt sein mußten. Unter der Lava, die dort Hunderte von Quadralnicilen bedeckt, stieß man auf Neste von cementierten Gräben und Reservoirs, die in An» betrackst der weit zurückliegenden Zeit der Entstehung als lvahre Wunder alter Jngenicnrkunst zu betrachten sind. Die Gräben winden sich am Fuße der Bergketten hin und her, indem sie der Vielsachen Berschlingnng der Cannons so folge», daß sie die Bergivasser auf- fangen, che sie in dem losen Sande des Thalcs aufgesogen werden können. An geeigneten Stellen wurde das Wasser in großen Bassins aufgespeichert und in cementierten Gräben über den lockeren Boden hinweg nach den Plätzen geführt, Ivo es gebraucht wurde. Abgründe tvurden durch Viadukte überbrückt und zum Auffangen des Schlammes lvaren besondere Vorkehrungen getroffen.— Ans dem Gebiete der Chemie. t. Künstlicher Kautschuk. Der Kantschnk oder, wie der Engländer sagt, der„Jndinrubber", hat in der heutigen Technik und Industrie eine so wachsende Verbreitung und so vielfache Anwendung gefunden, daß seine Gewinnung zu einem höchst einträglichen Ge- schäft geworden ist. Es war infolgedessen nicht zu verwundern, daß im Laufe der Jahre verschiedene Ersatzstoffe für Kautschuk an- gekündigt wurden, darunter der sogenannte Maiskautschnk, der schon seit mehr als einem Jahre das Jntcrcffe der Technik in Anspruch ninnnt. Das eigentliche Ziel aber mutz für den Chemiker die Herstellung von künstlichem Kantschnk sein, und es scheint, als ob man davon nicht mehr weit entfernt ist. Die chemische Zusammensetzung des Stoffes, der aus einer Vcr- bindung von Kohlenstoff und Wasserstoff besteht, ist bekannt, aber nicht bekannt ist dasjenige, Ivas der Chemiker unter der„Molecular- konstitution" versteht. So viel ist sicher, daß der Kautschuk durch Hitze, wenn er in verschlossenen Gefäße» destilliert wird, sich in ein- fache Kohlenwasserstoff- Verbindungen zerlegt, unter denen das Isopren am bekanntesten ist. Dieser Stoff wurde später auch im Terpentin als eine sehr flüchtige, schon bei 36 Grad kochende Substanz gefunden. Das Isopren scheint nun die Möglichkeit einer künstlichen Kautschnkerzeugung zu geben, tvic Dr. Tilden in einem Bulletin der königlichen Gärten von Kew bei London ausführt. Wenn nämlich das Isopren in Berührung mit einer starken Säure, z. V. mit Salzsäure gebracht Ivird, so vcr- wandelt es sich zu eincin Teile iu einen zähen elastischen Körper, der sich bei genauer Prüfung als echter Kautschuk erwiesen hat. Aber auch bei längerem Stehen bildet sich ohne jedes Znthun in der vorher farblosen Flüssigkeit ein dicker Syrnp, in dem mehrere große Stücke eines festen Körpers von gelblicher Farbe hernnlschwinnnen. Auch dieser letztere hat sich als wirklicher Kautschuk herausgestellt. Die Tragweite der Entdeckung wird nur dadurch vorläufig beeinträchtigt, daß sich der llmtvandlungs- Vorgang zu langsam ab- spielt und' bisher noch»nit keinem Mittel hat beschleunigt werden können.— Technisches. — Stein Papier. Wie durch die Einführung des Alumi- ninms in die lithographische Technik derselben neue Vorteile gebracht wurden, so Ivird auch wahrscheinlich das neuerdings in den Handel gelangte Steinpapier von großer Bedeutung für die moderne Litho» graphie sein. Bei dem Steinpapicr handelt es sich, wie der„Techn. Rundschau" berichtet wird, mn cm Präparat, das einesteils, und zwar in der Unterlage, ans veritablem Papier, andrerseits ans einer aus dieses aufgelegten Schicht besteht, deren Znsaimncnseyung dem Erfinder durch Patent geschützt ist. In erster Linie dient das Stein- Papier als Nmdruckflächc für alle lithographischen Manieren, und zlvar in der Weise, daß von einein ans Steinpapier gemachten Umdruck eine große Anzahl von Uindrnckcn erhalten werden kann, ohne Beschränkung der Zeit. Man macht beispielsweise von einer Gravur oder einer beliebigen Stein- zeichnung einen Umdruck auf Steinpapier, schleift dann den Stein für einen aiidercn Gebrauch ab, bewahrt aber den Umdruck auf. Nach Monaten kommt der Druckaustrag wieder, und nun behandelt man den Ilmdruck auf dem Steinpapier, Ivie wenn man einen Umdruck vom Stein machen Ivollte. So tvie zum Umdruck, ist auch das Stein- Papier für alle Arten von lithographischen Zeichnungen zn vcr- wenden. Da dasselbe nicht nur glatt, sondern auch gekörnt und gerastert erhältlich ist, so können alle Zeichnungstechnikcn aus- geführt werden. Die Anbringung einer Pause oder Skizze er- folgt genau so wie beim Stein, auch die fertige Zeichnung auf dem Steinpapier wird, mit Ausnahme des Actzens, genau so behandelt, als wenn sie aus dein Stein gemacht ivorden wäre. Bei dem darauffolgenden Umdruck bleibt die Originalzeichnung vollkommen intakt erhalten, dabei kann inan eine beliebige Zahl von Original-Umdrucken in stets gleichbleibender Schärfe erhalten. Für Farbendecnck kaim man statt auf Stein die Abklatsche ans Steinpapier machen, dieselben in der anzuivendenden Technik auszeichncii und hierauf auf Stein mndrucken. In der Hof- und Staalsdruckerei in Wien wurden unter Leitung des RegieruiuzSrats Fritz eingehende Proben mit dem neuen Steinpapier gemacht,'die bei allen üblichen mid angewendeten graphischen Techniken durchweg gute Resultate ergaben. Auch die bei einzelnen Verfahren lCyaiikopie zc.) zur Verwendung gelangten Chemikalien konnten der Schicht nichts anhaben; das Stein- Papier bedeutet also einen entschiedenen Fortichritt auf dem Gebiete der lithographischen Technik. Nicht uuerlvähnt sei noch, daß sich vom Stcinvapier direkr, ohne erst auf Stein oder Platte umzudrucken, eine beschränkte Anzahl von Abdrücken herstellen läßt. Die Vorteile, welche die Amvcndung des Steinpapiers bietet, lassen sich deshalb in der Hauptsache dabin zusammenfassen: Erhaltung des Originals, welches bei der jetzige» Methode nach dem ersten Umdruck verloren tvar, die Bciiutzuilg des Originals zu einer großen Anzahl von Umdrucken in einem sehr langen Zeitraum und infolgedessen eine große Ersparnis au dem immer teurer werdeudeu Steinmaterial.— Humoristisches. — Probat. Ans dem offenen Fenster einer im ersten Stocke gelegene» Wohnung ertönen plötzlich die Melodien eines Waldhorns. Da das Instrument gut gespielt wird, haben sich bald viele Leute angesammelt, und es entsteht eine bedenkliche Verkehrs» st ö r u» g. Ein Wachmann fordert den Hausbesorger auf, den Spieker zur Einstellung der Musik zu beivegeu. „Das werden wir gleich habe»!" sagt dieser, nimmt den Teller mid geht in die Menge— einsam in e l n. il» d das half.— — Hoffnung. Richter:«Weshalb haben Sie im Arrest so fürchterlich gerauft?" S cppl:«Wir hab'n gehofft, daß s' nnS dann vielleicht hinaus- werfen!"— — Bedingt. Tourist(begeistert):„Ja, auf den Bergen Ivohnt die Freiheit!" Führer:«Wann S' nct VerHeirat' fan!"— („Megg. hum. VI.") Notizen. — Die Wiener Operette» gefellsch oft, die in der ersten Hälfte des Septembers im Theater des Westens gastiereil sollte, Ivird.>vie das ,,B. T." mitteilt, nicht hierher- kommen. Direktor Heinrich wird nun mit seiner Sommeroper bis zum 10. September spielen und Direktor Hvspaner die Winter- oper nin 16. September mit„Hermann und Dorothea", Musik von U h r i g, Text nach Goethes Epos von Müller» Rastadt, als nachträgliche Gocthcfeier eröffneil.«Die Wal» pn rgis nacht" von M e» d eis s o h» soll als Einleitung der Feier gespielt tverden.— — Die großen Philharmonischen Konzerte unter N i k i s ch s Leitung sollen au den Montagen: 9. Oktober. 23. Oktober, 13. November, 27. November, 11. Dezember 1399 und 8. Januar, 29. Januar, 12. Februar, 26. Februar und 12. März 1900 stattfinden. Das Orchester besteht an diesen Abenden ans 90 Mnjikern und wird in einzelnen Fällen noch verstärkt.— — In Chicago wollen die Deutschen eine Goethe-Statue im Lincoln-Park errichten. Die ans 22 000 Dollar veranschlagten Kosten sind zum großen Teil bereits zusanrmeugebracht.— — Wie» wird in nächster Zeit eine ständige Musikkapelle von 150 Mitgliedern erhalten. Direktor dieser Stadtknpelle ivird voraussichtlich Paul Meftrozzi, bisher Kapellmeister am Stadt-Theater.— — Im hygienischen I n st i t u t der Universität Berlin haben Dr. Ho r in a n n und Dr. Morgenrath inter- essante bakteriologische Versuche mit Fischen an- gestellt. Sie fütterten eine Anzahl Goldsische mit tuberlelbazillen- haltiger Nahrung. Hierdurch konnte bei den Fischen keine der Tuberkulose ähnliche Erkrankung hervorgerufen werden.— t. Eine großartige Bogelsam« V.u n g hat ans dem Besitze von Drösser das M u s e u in in Manche st er e r>v o r b e n. Die Snunnlnng enthält etiva 10000 Bogelbälge und ist besonders reich an Exemplare» aus den nördlichen Zonen.— — lieber die Erträge amerikanischer Kühe hat G. M. G o w c l l nmfangreiche Versuche angestellt. Die«Deutsche Landto. Wochenschrift" berichtet danach, daß die amerikanischen Farmer Milch und Butter durchaus nicht viel billiger produzieren, als die deutschen Landwirte. Bei den Versuchen war der geringste Jahres« ertrag an Milch 2084 Kilogramm, der größte 3472 Kilogramm. Der höchste Fettgehalt betrug 6.3 Proz., der niedrigste 3.i Proz. Die Produktionskosten von 1 Kilogramm Butter schwankte» zwischen 1,21 und 1,94 M.— — In Buenos Aires sind ans der elektrischen Straßenbahn besondere F l e i s ch>v a g e n eingestellt, die in der Zeit von 2—9 llhr iiiorgeiis verkehren und die geschlachteten Tiere ans dem Schlachthanse den einzebien Fleischern zuführen.— Berantwortlicher Redacteur: Noöert Schmidt in Berlin. Druck und Vertag von Max Babing in Bcriin.