Mnterhaltungsblatt des Freitag, den 1. Septeinber. ocmtis Nr. 171. 1899 (Nachdruck verboten.) 81 Fofeph Coneix. Noman von John Law. Aus dem Englischen von I. Eassierer „Ich will davon nicht mehr trinken", sagte er, indem er sich die Flasche, aus der er eben getrunken hatte, näher ansah und auf ihrem Boden einen Satz bemerkte, der wie Grün- span aussah.„Da drinnen scheint ja ein Dutzend Katzen er- trunken zu sein." Dann holte er aus dem Schrank den Rest seines Brotes hervor, das hart wie Stein war. „Hol's der Teufel!" Ich kann das Zeug nicht mehr beißen", und mit diesen Worten warf er das Brot zum Fenster hinaus. Fünf Minuten später verließ er das Haus, uin den Whitechapeler Weg hinunter nach einem Platze zu gehen, auf dem an einem Zaun das„Daily Chronicle" angeschlagen zu sein pflegte. Um diesen Anschlag standen eine Masse von Menschen dicht gedrängt und einander stoßend, auf die Schultern kletternd und durch die Beine durchkriechend, suchten sie die Anzeigen zu lesen. Und in diesem Gewirr herrschte die tiefste Stille, die nur dann unterbrochen wurde, wenn jemand ein Wort oder einen ganzen Satz in Kehllauten vor sich her buch- stabierte, die von denen, die er auf der Schule gelernt hatte, freilich ganz verschieden waren. Es dauerte fast zehn Minuten, bevor Jos den Anschlag lesen kokmte, denn nur langsam konnte er sich durch die drängende Menge Bahn machen, wobei es von allen Seiten Püffe und Stöße setzte. Warum war er denn überhaupt hierher gekommen? Er hätte doch schon wissen können, daß das Hierherkommen ganz zwecklos lvar. Das sagte er sich auch, alS er die Anzeigen überflog und keine einzige fand, durch die Leute seines Handwerks gesucht wurden, dagegen boten sich vielfach Zimmerleute, Bau- und Möbeltischler an, jede Arbeit zu irgend einem Preise zu über- nehmen. Mit traurigem Lächeln erinnerte er sich der An- zeige, die er selbst hatte einsetzen lassen, als er noch Geld zum Wegwerfen hatte, zu jener Zeit, als er erst vom Lande nach London gekommen war. „Zimmermann, gewissenhaft, fleißig und nüchtern, mit vorzüglichen Zeugnisjen und Werkzeugen igut ausgestattet, sucht Stellung." Natürlich hatte er darauf ebenso wenig eine Antwort erhalten wie auf verschiedene Briefe, die er auf Anzeigen hin abgegeben hatte. Ja, doch i einmal hatte er eine Antwort bekommen i sie lautete:„Die Herren Gilby und Smith benachrichtigen zu ihrem Bedauern Mr. Joseph Coney, daß sie für seine Dienste keine Verwendung haben." Als er vom Anschlag weg ging, lichtete sich auch dort die Menge. Verschiedene gingen nach Hause, andere lungerten umher oder legten sich aus die Pronienadcnbänke, wenn sie es nicht vorzogen, sich auf dem Rasen der Parkanlagen herumzuwälzen. Einige gingen auch in die Kneipen, um dort ihren letzten Pfennig auszugeben und bei einem Gläschen über etwas, was sie beginnen könnten, nachzudenken. So rasch er nur gehen konnte, eilte Jos nach einem großen Bau, den eine Gesellschaft aufführen ließ, um den Armen dadurch, daß sie dichter gedrängt zusammen wohnten, zu cinent billigeren Preise Wohnungen zu beschaffen, als sie sie in den gewöhnlichen Mietskasernen erhalten konnten. „Solch' windige Arbeit," sagten die Arbeiter mit ver- nchtlichem Lächeln, denn sie konnten beobachten, wie rasch die Wände aus der Erde schössen, wie gleichsam durch Zauber- gewalt Fenster entstanden und wie die billigsten Erfindungen angewandt wurden, um diese. Handwerker-Wohnungen ein- zunchten. Es war erst BVa Uhr, und doch stand schon um den „windigen" Bau eine Menge anstündiger Leute, Körbe voll Arbeitsgerät bei sich tragend und einen Blick zeigend, der sagen wollte:„Seht, ich versteh' mein Geschäft". Ein paar von ihnen nickten Jos freundlich zu. während andere ihm einen finsteren Blick zuwarfen. Ihre Unterhaltung drehte sich i ausschließlich um die Arbeit. Od der Mann im„Baumeister" k wohl gelesen haben niochte, daß dort und dort eine Tribüne! aufgestellt werden sollte? Ob jener gehört hatte, daß eine neue Brücke fertig zu stellen war? Wer waren die Unter- nehmer für die Arbeiten zu den Jubiläums-Festlichkeiten? Wer vergab die Arbeiten an der Westminster-Abtei? Als der Werkfnhrer erschien, machten die Leute bereit» willigst Platz, um ihn in das„windige" Gebäude eintreten zu lassen. Ein verdrießliches Schweigen überfiel jetzt die Menge, denn vom Werkführer hing es ab. wer von ihnen des Abends ein wenig Geld mit nach Hause bringen würde. Langsam trat der Werkführer aus dem Bau. Er rief ein halb Dutzend Leute zu sich heran und sagte, daß er für die übrigen keine Beschäftigung habe. Zwei hundert Leute standen da, und von ihnen wurden nur sechs gebraucht, sechs geschickte Arbeiter, die noch vor ein paar Jahren das Doppelte von dem verdient hatten, was sie auf dem„windigen" Bau verdienen konnten. Jos wußte nur zu gut, daß er hier keine Aussicht hatte. Wie der Dockarbeiter gesagt hatte, war er doch bloß ein Dorf- Handiverker. Er konnte weder ein Dach zur Zufriedenheit eines Londoner Werkführers aufrichten, noch eine Treppe so bauen, wie es hier gewünscht wurde; aber er kam doch immer wieder hierher, weil er nichts, was ihm irgendwelche Aussicht auf Arbeit bieten konnte, verabsäumen wollte. Etwas mußte er doch thun. Als er von hier wieder wegging, erinnerte er sich, daß ein Zimmermann, namens Reeson, dicht in der Nähe wohnte. Reeson hatte eines Tages ein paar freundliche Worte zu ihm gesprochen, als er mit mehreren Hundert anderen Be- iverbern eine Stelle, die als zu besetzen angezeigt war, zu erringen trachtete. Er dachte, dieser Mann könne ihm über die Aussichten, die ein Dorf-Handwerker in London hätte, Wohl die beste Auskunft geben. Er begab sich also nach einem ungeheuer großen, un- freundlich aussehenden Häuserblock, der mit solch hohen Ge- bäuden besetzt war, daß in der engen Straße die Dächer gar nicht zu sehen waren. Durch mehrere Eisengitter trat Jos in einen mit Asphalt belegten Hof.„Was ist da gegenüber für ein großes Gebäude?" fragte er einen kleinen Jungen. der sich in einem Kübel wusch und dann sein Gesicht mit einem schmutzigen Taschentuch trocknete. „Na, das ist ja die Münze", sagte der Bursche grinsend. Was kann es denn sonst sein?" „Also hier arbeitet William Ford," dachte Jos bei sich. Und ein Gefiihl der Eifersucht durchzuckte ihn, denn wenn er auch den Klassenleiter noch nie gesehen hatte, so hatte Polly doch stets den gottesfürchtigen jungen Mann gerühmt als jemanden, der seine regelmäßige Beschäftigung habe, und Mrs. Elwin hatte in Jos' Gegenwart von Pollys geistigem Berater mit größter Achtung gesprochen, und schon deswegen, weil sie überzeugt war, daß jemand, der so viel mit Geld zu thun habe, auch selbst welches in der Tasche haben müsse. „Es ist wohl noch zu früh, um Reeson zu besuchen," dachte Jos. Es fiel ihm aber ein, daß Reeson zu ihm gesagt hatte: „Wenn Sie mich treffen wollen, müssen Sie entweder sehr früh oder sehr spät kommen", und so stieg er denn eine enge, dunkle Treppe hinauf, die an eine grüne Thür führte, an die er klopfte. Eine große hagere Frau öffnete. Ihr Gesicht zeigte den Ausdruck jenes unsäglichen Leidens, den nur jahrelang er- duldetes Elend und beständig getäuschte Hoffnung hervorrufen kann. Man merkte es der Frau an, daß sie von der Welt nichts mehr hoffte, sie gehörte zu den Unglücklichen, die nicht mehr weinen können, denn die Natur hat nicht so viel Thränen, als Elend und Unglück verlangen. Die arme Frau hatte den Vorrat von Thränen, mit dem sie die Natur ausgestattet hatte, vollständig verbraucht. „Ist Mr. Reeson zu Hause?" fragte Jos und warf dabei einen Blick in das Zimmer, in dessen einer Ecke ein Bündel Lumpen lag und an dessen Fenster ein dreibeiniger Stuhl stand. «Nein. Er ist schon weggegangen," antwortete die Frau. „Wo ist er hingegangen?" „Arbeit suchen." „Hat er denn bis jetzt nicht Arbeit gehabt?" „Er kann keine gehabt haben, sonst würde er wohl etwas mit nach Hause gebracht haben," versetzte die Frau.„Ich leg' ihm keine Fragen vor; es ärgert ihm das nur. Als wir uns verheirateten, hatte er ein so gutmütiges Temperament, und jetzt ist er so zänkisch geworden. Wollen Sie nicht näher treten. Was darf ich ihm von Ihnen bestellen?" Jos trat in das Zimmer, an dessen Wand zwei mit seit- samen Figuren bedruckte Plakate hingen, die ihm auffielen. „Das hier," sagte die Frau und zeigte dabei auf das oberhalb des leeren Kamins hängende Bild.„Das ist der „Alte Orden der Druiden" und das aitdere der„Erhabene Orden der Buffalos"." „Was sagen sie?" fragte Jos und sah sie scharf an. „Der„Alte Orden der Druiden" hat unsere sechs Kinder beerdigt," sagte die Frau in feierlichem Tone,„und er wird auch mich begraben, wenn ich einst sterbe. Der„Erhabene Orden der Buffalos" wird meinen Gatten beerdigen und ihm jede Woche ein Pfund zahlen, wenn er so krank sein wird, datz der Doktor sagt, daß er sterben muß." „Sie haben sechs Kinder begraben?" fragte Jos und ließ dabei seinen Blick von der Frau auf das Plakat ober- halb des Kamins gleiten." „Ja, und es waren schöne Begräbnisse. Das letzte hatte einen Sarg, der so schön war. daß man die Königin hätte hinein legen können." (Fortsetzimg folgt.) Vie Nimtgliifto Vwliokhek in Vevlitt. Seit längerer Zeit interessiert man sich in Berlin lebhaft für die Frage der Verlegung und des Neubaues der„Königlichen", d. i. der hiesigen Staatsbibliothek. Es war die Rede davon, sie nach Charlottenburg auf einen entsprechend steien Platz zu verlegen; dagegen erhoben sich zahlreiche öffentliche Proteste, und sie scheinen die noch ausstehende Entscheidung im Sinne eines Verbleibens der Bibliothek im Berliner Centrmn zu beeinflussen. Auffallend ist dabei, datz unseres Wissens diese Gelegenbeit von keiner Seite her benutzt worden ist, um Uebelstände der Bibliothek zu kritisieren und Reformen anzuregen. Im privaten Verkehr der Beteiligten find freilich die Klagen recht üppig, wenngleich gegenüber den Mängeln der Bibliothek lange nicht erschöpfend, zumal das Publikum in der Regel nicht weitz, ivas es von einer Bibliothek verlangen darf, und namentlich nur selten über eine vergleichende Kenntnis anderer Büchersammlungen verfügt. Deswegen dringt auch kaum jemals etwas von diesen Klagen in die Oeffentlichkeit. Dies hindern noch zwei weitere Umstände. Erstens kann in dieser Weise vor der Oeffentlichkeit nur sprechen, wer das betreffende Institut eingehend benutzt; und ein solcher Benutzer wird sich allernieistens sehr hüten, durch eine öffentliche Kritik sich naheliegenden Gefahren auszusetzen. Ziveitens ist unsere Bibliothek einerseits infolge des Quantums und Wertes ihrer Schätze und andererseits infolge der noch größeren Mängel mancher fremder Bibliotheken so weithin und in diesem Sinne mit solchem Recht berühmt, datz dieser Ruhm das Unrühmliche leicht verdeckt. Selbst in ihrer Einrichtung besitzt sie einige Glanzpunkte, die den oberflächlichen Beurteiler so gefangen nehmen, datz er die Nachtseiten eben nicht sieht. Wenn wir nun eine Kritik ihrer Zustände versuchen, so sind unsere Ausgangsplinkte dafür folgende: Wir fragen nicht nach dem, was irgend welche willkürlichen Wünsche über die gegebenen Möglichkeiten binaus beanspruchen könnten, sondern fragen vielmehr: Leistet die Bibliothek im Verhältnis zu ihrer den Mitteln ivohl aller sonstigen Büchereien des Deutscheu Reiches überlegenen Ausstattung und im Ver- hältnis zu den Ansprüchen einer Stadt wie Berlin das, was sie diesbezüglich leisten könnte? Wir denken ferner zunächst an Besserungen noch im alten Haus, dann aber an die Dringlichkeit, bei einem Neubau gleich von vornherein auf unsere Forderungen so Rücksicht zu nehmen, datz nicht etwa hinterher, nach Vollendung des Baues, die„architektonischen Ausreden" jede weitere Klage abschneiden werden. Wer die Bibliothek das erste Mal benutzt, wird leicht der Be- wunderung voll sein. Der allgemeine, ziemlich geräumige Lesesaal ist wochentäglich 12 Stunden lang geöffnet, abends elektrisch be- leuchtet und mit einer umfangreichen Handbibliothek versehen, die jedem Besucher unbeschränkt an jedem Platz zur Verfügung steht. Das ist jedenfalls rühmlich, zumal wenn man es mit Instituten lvie etwa der Wiener Hofbibliothek oder einer durchschnittlichen Provinz- bibliothek vergleicht. Man vergesse aber nicht: erstens daß manche andere Anstalt sich das eben nicht leisten kann, was jener möglich ist; zweitens datz für eine Stadt wie Berlin mehr geleistet werden mutz als etwa für Wolfenbüttel oder selbst für München; und end- lich drittens, datz alle solchen„Vorzüge" nicht mehr als die Pflicht und Schuldigkeit einer erstrangigen Bibliothek find, die nicht aus Mittellosigkeit daran verhindert ist. Einige kleine Uebelstände des Saales und seiner Handbücherei, lvie sie selbst im Vergleich mit dem Lesesaal unserer, leider schlecht gestellten aber an- scheinend gut verwalteten Universitäts-Bibliothek und nun erst im Vergleich mit dein Lesesaal des tzrotzartigen „Britischen Museums" in London zu Tage treten, seien nur nebenbei bemerkt: Ungeschicklichkeiten in der Zusammen stellung der Handbibliothek, Kleinlichkeiten wie das Fehlen genügen- den Schreibzeuges und die Erforderung einer Bezahlung für die Bestellscheine, Nachlässigkeiten im. Heraussuchen des Bestellten, und dergleichen mehr. Ein Hauptübel ist nun, datz der Glanz der ganztägigen Zu- gänglichkcit und des elektrischen Lichtes sofort verblaßt, wenn man sich vom Lesesaal zu den intimeren Räumen wendet. Es sind dies: der Katalogsaal, das Ausleihezimmcr und die vier Abteilungen für Journale, Kartenwerke, Musik und Handschristen. Alle diese Räume sind nicht 12, sondern nur 6 Stunden lang— von 9 bis 3 Uhr— geöffnet; sie sind nicht künstlich beleuchtbar und bilden größten- teils durch ihre Enge und ihr tief gedämpftes Tageslicht etwas wie eine kulturhistorische Merkwürdigkeit. Jnmierhin scheinen die sechs Stunden ihrer täglichen Zugänglichkcit eine ganz respektable Administrativleistung zu sein, namentlich im Ver- gleich mit Bibliotheken wie etwa der Münchencr, die darin noch weniger bieten. Allein man bedenke, ganz abgesehen von dem, was wir schon vorhin über den Unwert solcher Vergleiche gesagt, folgendes. Von 9 bis 3 Uhr sind die meisten, auch die bibliothekbenützenden Menschen an ihre gewöhnliche Tagesarbeit gebunden, mögen sie nun ihrer Berufsarbeit daheim oder anderswo nachgehen; und wenn der Hansarbeiter sum kurz so den daheim Beschäftigten zu nennen) in weiterer Entfernung wohnt, wie es ja bei der jetzigen Entwicklung der Städte immer häusiger der Fall ist, so wird ihm durch eine Fahrt zur Bibliothek in jenen Stunden„der Tag zerrissen". Nun zu den einzelnen Räumen! Katalogsaal und Ausleihezimmer haben den weiteren Fehler einer Entferntheit vom Lesesaal, die ihre Benutzung im Rahmen der Leesaal-Arbeit so gut wie unmöglich macht. In London nimmt der Katalog die Mitte des Lesesaales ein, in München steht er wenigstens im Zimmer nebenan. Daß der Berliner Katalog sich in einem nicht eben glänzenden Zustand be- findet, sei ebenfalls nur nebenbei erwähnt. Ferner ist zu ver- langen, datz man'sich im Lesesaal vor den dorthin bestellten Büchern entscheiden könne, sie sofort nach Hause zu nehmen. Leider ist man auf unserer Bibliothek gezwungen, sich gleich von vornherein zu entscheiden, ob man ein Buch für den Lesesaal oder für's Ausleihen haben will, welche Vorentscheidung keineswegs immer thunlich ist. Erst wenn ich das Werk, insbesondere die eben vorhandenen Bünde eines mehrbändigen Werkes, vor Augen habe, kann ich meistens erkennen, ob ich besser thue, es dort oder daheim zu benntzen. Entdecke ich während meiner Lesesaal-Arbeit, datz ich eines der Bücher nach Hanse brauche, so kann ich, den äntzersten Fall einer ganz besonderen Gefälligkeit seitens der Verwaltung ausgenommen, nichts thun, als das Buch zurückgeben und es für das Ausleihezimmer neu bestellen, riskiere aber dabei erfahrungsgeinätz, datz das Buch als ausgeliehen be- zeichnet wird, weil es während dieser Zeit erst den Rückweg an seine Aufbewahrungsstelle machte. Die Ausleihung selber krankt ferner noch an folgenden zwei Nebeln. Erstens scheint ein großer Teil der Bücher, und zivar natürlich gerade der wichtigeren, fast fortwährend in „festen Händen" zu sein; das Rcklamationsbnch nützt da wenig, wie leicht aus einzelnen Füllen zu erweisen wäre. Wohl jeder Besucher der Bibliothek, vor dem nia» unser Thema berührt, dürfte diesen Uebelstand, datz man beinahe„inchts bekommt", in erster Reihe und als den gewichtigsten beklagen. Jedenfalls ist er der allgemein fühlbarste, und in der That mutz man darauf rechnen, datz Neuerscheinungen von ausgedehntem Interesse rasch unzugänglich werden, und datz der Bibliotheksvcrwaltnng das Bei- stelleil von Duplikaten sein Ausleihe-, ein Lesesaal-Exemplarj bei solchen Gelegenheiten nicht so bald einfällt. Diskuticrbar, doch gegenüber deutschen Gepflogenheiten und Verhältnissen nicht aussichts- voll, wäre ein gänzliches Abschaffen des Ausleihens, ja sogar ein Gewissensappcll an den deutschen Bildungsfreund, einer öffentlichen Bibliothek nicht einen Ersatz der Privatbibliothek zuzunmten; wie die Dinge aber nun einmal liegen, darf Hinwider nicht jene ihren Benutzen! das zunmtcn.was vorläufig Sache einer öffentlichen Biblio thek ist. Reformen des Bibliothekwescns in Deutschland oder wenigstens in der betreffenden Stadt sind ein dringliches Thema; allein weder darf und will unsere Kritik vor gcgenivärtigcn Uebelständen des- Ivegen zurückweichen, weil es„eigentlich ganz anders sein sollte" sund wir mutzten ja von vornherein' von idealen Möglichkeiten absehen), noch auch darf eine Bibliothek selber sich nach solchen Matzstäben ein- richten. Ihr kommt es zu, dem Publikum seine Bedürfnisse abzulauschen, so lange noch öffentliche Einrichtungen des Publikums halber und nicht umgekehrt da sind; ergeben sich hier Widersprüche, die im bestehenden Rahmen unlösbar find, so müßte die Bibliothcks- Verwaltung selber, als die sicherste Kennerin, die nötigen Reformen anregen. ? Weitens— und hier gilt das eben Gesagte wiederum: zweitens t in der Ausleihung wie überhaupt in unserer ganzen Bibliothek und leider wahrscheinlich in fast jeder staatlichen Bücherei eine verfehlte Handhabung des dem Sinne nach richtigen Grundsatzes, daß eine solche Bibliothek nur für wissenschaftliche Arbeit zu benutzen sei. Z 16 der Bcmitzungs- Ordnung lautet:„llnterhaltungsschriften, Musikalien und zur Mitteilung ungeeignete Bücher werden nur ver- abfolgt, wenn ein wissenschaftlicher Zweck der Benutzung nachgewiesen ist." Das klingt wunderbar weihevoll, ist aber schon deswegen ver- fehlt, weil z. B. neuere Romane verweigert, ältere verabfolgt �werden. Wo ist da die Grenze, und wie ist sie zu rechtfertigen? Wo ist und wonach bestimmt sich sonst die Grenze zwischen Wissenschaft- lichen und»ichtn'issenschaftlichen Benutzungszwcckcn? Und ist es nicht eine mindestens wktlose Zumutung an Personen, die vielleicht schon seit Jahren mitten in der wissenschaftlichen Arbeit stehen, sie sollen nachweisen, daß sie einen Roman von Fontane, ein Drama von Hauptmann, einen Klavierauszug von Wagner nicht zur Unter- Haltung(gleich Kunstgenuß?), sondern wissenschaftlich benutzen? Der einzige Ausweg wäre, solche Einschränkungen gänzlich fahren zu lassen— was freilich wieder zu anderweitigen Erörterungen über Bibliothekswesen führen würde. Auch die Rückgabe der Bücher ist an Formen gebunden, die Ungerechtigkeiten im Gefolge haben. Jener Grundsatz der angeblichen„Wissenschaftlichleir durchzieht nun auch die übrige Bibliotheksverivaltung und zwar wiederum mit dem Fehler, daß dadurch eine unniögliche Abgrenzung bedingt wird, und daß sich dabei krasse Widersprüche ergeben. Insbesondere kommt es darauf hinaus, daß gewisse Werke erst dann„wissenschaftlich" werden, wann sie veralten. Während Meyers Konversationslexikon jetzt zur 6. Auflage vorgeschritten ist, genießen die Benutzer der Handbibliothek die Gnade, sich mit der 3. Auflage behelfen zu dürfen. Im Journal- saal werden Zeitungen lediglich erst als eingebundene Bände her- gegeben, also durchschnittlich in einer Veraltung von mehreren Monaten. Man vergißt ganz, daß wissenschaftliches Arbeiten vom nichtwissenschaftlichen Arbeiten zwar wesentlich, jedoch nur mit fließenden Grenzen, zu unterscheiden ist, und daß mau in ihm von vornherein nie wissen kann, welche ganz aktuellen Erscheinungen des praktischen Lebens— selbst eine neue Auflage des Baedeker und ähn- lickier Werke, mit denen es auf der Berliner Bibliothek ebenfalls recht schlimm bestellt ist— im nächsten Augenblick wissenschaftlichen Hilfswert erreichen. Die derbste Anwendung der«wissenschaftlichen" Ausrede, die Ausschließung der allermeisten pädagogischen Litteratur, ist leider so gut wie allen großen Bibliotheken gemeinsam. Soll man es ferner glauben, daß die schätzereiche Musik- abteilung in Berlin keinen dem Benutzer zugänglichen Katalog be- sttzt? Alle Achtung vor der Bereitwilligkeit, mit der ihr Leiter seine großen Fachkenntnisse dem nach Litteratur fragenden Publikum zur Verfügung stellt! aber das genügt eben nicht. Wie prächtig ist doch ans der weit schlechter gestellten Münchener Bibliothek der Musik- katalog und aus unserer eigenen Bibliothek der Katalog der Karten- abteilung gehalten I Und nun noch ein Zurückbleiben hinter der, überhaupt in den meisten Punkten(mit einer großen, jedem dortigen Kenner bekannten Ausnahme) besser gehaltenen Münchnerin, das allerdings leider in den meisten Bibliotheken wiederkehrt: das Fehlen eines„Novitäten- tischcs". Wer wissenschaftlich ans dem Laufenden bleiben will, muß auch die neu erscheinenden Bücher sofort zu sehen bekommen. Diese, soweit sie in die Bibliothek gelangen, jeweils etwa eine Woche lang zur Ansicht aufliegen zu lassen, kostet nichts als einen mäßigen Raum und den Willen zu diesem Entgegenkommen. Man konnte mit recht sogar drei Novitätcntische verlangen: erstens einen für die der Verwaltung vorliegenden aber noch nicht angekauften, zweitens einen ftir die soeben angekanften Werke lmit Papiermesscrn zum beliebigen Ausschneiden) und drittens einen für die eben eingebundenen Werke. Hoffentlich wird der Umstand, daß das Britische Museuni ebenfalls keinen Novitätentisch führt und nicht einmal die noch ungebundenen Zeitschriften auslegt, nicht vorbildlich wirken. Daß es schließlich mit dem viclgerühmten Reichtum unserer Bibliothek auch nicht weit her ist, wissen ihre meisten Benutzer. In der»eueren Litteratur klaffen recht gefährliche Lücken.„Wer in Berlin eine Dissertation schreiben will, muß nach Güttingen gehen." Ans der Fülle der kleineren Beschlverden sei nur noch erwähnt, daß im Journalzimmer manche Zeitschriften und viele Nummern erst aus der Hand des mehr oder minder gütigen(iveil mehr oder minder überlasteten) Beamten empfangen werden können, und daß an Stelle der dort üblichen Lagerung der Nummern in den Mappen — von oben»ach unten— die zweckmäßigere eingeführt werden sollte, bei der die neuen Nummer» oben, nicht unten anzufügen sind. Von unseren Forderungen können die meisten sofort und ohne beträchtliche Umstände durchgeführt werden: für die übrigen ist beim Neubau zu sorgen.— Kleines Feuillekon. u. Ist den Rauchern das Nikotin schädlich? So verbreitet das Tabakrauchen auch heute ist, so kann doch nicht in Abrede ge- stellt werden, daß dadurch gewisse Krankheiten hervorgerufen oder wenigstens leichter erworben werden, als es bei dem Nichtraucher der Fall ist; dahin gehören namentlich Benommenheit im Kopfe und Magenleiden, aber auch gewisse Erkrankungen der Augen sind lediglich dem Tabakrauchcn zuzuschreiben und verschwinden sofort, wenn ina» das Rauchen aufgiebt. Nun pflegt man alle diese schädlichen Wirkungen deS Tabaks dem Nikotin zuzuschreiben; allerdings ist ja dieser Stoff eins der furchtbarsten Gifte, und man braucht nur eine ganz geringe Menge davon einem Tier einzuspritzen, um dasselbe sofort zu töten, aber daß der Raucher dem Organismus Nikotin zuführt, ist schon darum nicht anzunehmen, weil bei dem gewohnheitsmäßigen Raucher die Menge Nikotin. die er zu sich nimmt, bald so bedeutend wäre, daß die Wirkungen viel schlimmer sein müßten, als sie thatsächlich sind. In der That ist auch das Nikotin ein so leicht zersetzlicher Körper, daß die in der Cigane oder in der Tabakspfeife vorhandene Hitze das Nikotin schon in Stellen des Tabaks vernichtet, die von der eigent- lichen Brandstelle noch etwa einen Ceutimeter entfernt sind, so daß keine Rede davon sein kann, daß mit dem Rauch noch Nikotin aufgesogen wird. Höchstens könnte eine ganz geringe Menge Nikotin an der Stelle der Cigarre,>vo diese zwischen den Lippen ge- halten wird, zur Lösung gebracht und verschluckt werden; aber diese Menge ist um so geringer, als ja stets dieselbe Stelle der Cigarre an die Lippen gebracht wird und eine Stelle der Cigarre ja nur eine recht kleine Menge Nikotin enthält. Das schädliche Princip des Tabakrauchens ist vielmehr in etwas ganz anderem zu suche». Da näm- lich die durch die Cigarre gesogene atmosphärische Luft mit glühenden Kohleteilchen vielfach in Verbindung kommt, bildet sich leicht Kohle- oxyd, bekanntlich ebenfalls ein außerordentlich gefährliches Gift, oder seine ebenso giftige Verbindung mit dem in der Luft ja stets vor- kommenden Wasser, das Wnssergas. Da in der so gemiit- lichen langen Pfeife die Luft am längsten Gelegenheit hat, mit den glühenden Kohleteilchen zusammen zu kommen, bildet sich hier auch am leichtesten und häufigsten das giftige Gas, und es ist ja bekannt, daß viele Raucher ohne Schaden zu nehmen Cigarre» rauchen können, während die Pfeife ihnen sofort Kopf- und' Magenbeschwerden verursacht. Wenn man also sagen will, daß beim Tabak ein Wettbewerb zwischen Nikotin und Kohlen- oxyd besteht, um den Raucher Schaden zu bringen, so muß man den überwiegenden Teil der Schädlichkeit dem Kohlenoxhd beimessen.— Musik. Während die Sommcroper im Theater des Westens noch mit der Ausbeutung eines Zugstückes weitermacht, hat die andere am Schiller-Theater, inmitten eines ablvechselnngsreichen Repertoires, letzten Mittwoch ihren Abschied genommen. Es gab O. Nicolais komisch- phantastische Oper«Die lustigen Weiber von Windsor", eines der so wenigen musikalischen Lustspiele, die wir in der deutschen Litteratur haben. Die Aufführung bereitete eine rechte Freude. Vielleicht am riihmeus- wertesten ivar H e d w i g O h m in der kleineren Rolle der Anna: Richtigkeit des Gesanges und Glanz der Stimme finden sich nicht häufig so vereint; nur sollte die junge Dame noch für die Ans- bildung ihres Spieles und ihrer Sprechstimme sorgen. Die beiden lustigen Weiber waren in den Händen zweier Künstlerinnen wie tenny Borchers und Frieda Hawliczek, über deren önuen wir Wohl nichts Neues mehr zu sagen haben, sehr gut ans- gehoben. Den Falstnff gab Adolf Carlhof mit einer tüchtigen Gesangsleistung und mit einer doch etwas gar gezwungenen Darstellung. Von den übrigen seien etiva die Herren Josef F a n t a(Herr Fluth) und Theo Raven(Dr. Cajus) hervorgehoben. Das Zusammen» spiel war auch diesmal wiederum gelungen, stellenlveise hinreißend, und Herr Kapellmeister Julius Priiwer mit Sicherheit auf seinem Posten. Blicken wir zurück ans die privaten Genüsse des Sommers und vorwärts auf die officiellen Genüsse der konnneuden Saison, so dürfen wir diesen Sommer- Opern und spcciell der bereits auf älterem Boden gebauten M o r w i tz- O P e r unsere lebhafte Anerkeunung nachrufen. Sie können sich in ein Konkurriren mit einer ersten oder sogenannt ersten Oper jedenfalls nicht in quantitativer Beziehung einlassen: d. h. sie arbeiten mit geringerer Ausstattung(besonders ohne Ballett), mit kleinerem Orchester usw. und sind noch mehr, als es anderswo nötig wäre, zu Kürzungen ge- drängt. Sie verfügen auch nicht über die„großen Tiere", die sich ans den HeldenplätzenundKapellmeistersitzen auch einer sonst künstlerisch nicht idealen Hofoper immer wieder finden. Im übrigen aber wüßte ich nicht, was zur erfolgreichen Rivalität fehlte, und in manchem möchte ich, nicht nur nach dem relativen Maßstab der ungünstigeren Ver- Hältnisse einer zusammengeholten Sommerbühne, sondern auch schlecht- weg den Unköniglichen den Vorzug geben. Vor allem: das Publikum ward nicht gefoppt und bekam doch eine Fülle von Abwechslung. Da kann man die Aussicht auf die bevorstehenden„Unglücksfälle" schon noch einige Zeit lang auf sich nehmen.— sz. Physiologisches. c. Zur Physiologie der Luftschiffahrt vcröffent» licht O. Langendorff in dem neuen Heft der„Deutschen Revue" einen Aussatz, in dem er zugleich die sehr ähnlichen physiologischen Ver- Hältnisse beim Alpensport behandelt. Die systematische Erforschung der Lebcnsvorgänge in großen Höhen ist besonders durch die Unter- suchnngeu des französischen Forschers Paul Bert in der„pneumati- scheu Kammer" angeregt worden, in der Menschen und Tiere sich aushalten können, und in der mit Hilfe der Luftpumpe der Luft- druck auf beliebige Werte herabgesetzt werden kann. Andere Physiologen haben Luftballonfahrten nnd besonders Berg- besteigun'gen zu physiologischen Untersuchungen unternommen; namentlich haben im Gebiete des Monte Rosa auf dem nördlichen Abhang Professor Zuntz und seine Schüler und auf der italienischen Seite Professor Mosso aus Turin eingehende Beobachtungen angestellt. Die Erscheinungen, die beim Aufstieg im Luftballon eintreten, sind von Luftschiffern schon oft beschrieben worden. Der englische Meteorologe James Glaisher, der von 1861—66 mit Coxwell zu- sammen 3t) Fahrten ausgeführt hat, erzählt von einer derselben, die ihn wahrscheinlich in eine Höhe von 10 000 Meter— die höchste bisher erreichte— geführt hat und ihm fast das Leben gekostet hätte. folgendes: Der Aufstieg ging ungemein schnell vor sich, in �4 Stunden stihen die Luflschiffer von einer Höhe herab, die der des höchsten Gipfels ini Hinialnya qlcichkoinint.„Bis zu diesem Punkte konnte ich noch ohne Schwierigkeit die Jiistnnnente beobachten, kurz darauf stützte ich mich auf den Jnstrumcnteutisch, da mein rechter Arm, voll- ständig tot, jeden Dienst versagte i dann geschah das Gleiche mit meinem linken Arm, mein Kopf sank auf die linke Schulter, ich ver- suchte meinen Körper aufzurichten, indessen Ivar es mir nicht mehr möglich, meine Glieder waren wie abgestorben. Ich sah Coxwell noch im Ringe sitzen, ich versuchte ihn anzureden, indessen versagte mir auch die Zunge den Dienst. Plötzlich wurde es schlvarz um mich, mein Sehnerv funktionierte nicht mehr, doch hatte ich»och volles Bewnsztseiii. Ich dachte an den Tod, die Gedanken rasten Ivild durch mein Gehirn, dann verlor ich die Besinnung." Coxwell gelang es bald darauf, die Ventillcine zu ziehe» und den Ballon zum Sinken zu bringe». Glaijhcr erwachte und war bald wieder im stände, seine Beobachtungen fortzusetzen. Von deutschen Luftschiffern gelangten am höchsten Hauptmann Groß und Dr. Bersou. Der letztere stellt als Ergebnis von SO Fahrten, von bellen ihn zehn über 6000. drei über 8000 und eine über 9000 Meter emporfiihrte», fest, daß das Uiiwohlbefinde» unter 3000 Meter eine grosie Ausnahme ist; zlvischen 3000 und 4000 Meter beginnen empfindliche Personen zu leiden. Zlvischen 4000— 5000 Meter war das anormale Gefühl ein dauerndes, über 5000 Meter empfindet man ein Suchen nach Atmung, Druck in den Schläfen und Herzklopfen, besonders beim Arbeiten bei Bewegungslosigkeit fühlt man sich noch relativ Wohl. Bei 8000 Meter ist auch die? nicht inehr der Fall. In groszen Höhen stellt sich Schläfrigkeit und vor allem Nachlassen der Energie ein. Bersou war aber bei einer Höhe von 9150 Meter noch bei vollem Bewußtsein und zur Anstellung wissenschaftlicher Beobachtungen fähig. Beim Alpensport sind die Erscheiiinngen der bekannten Bergkrankheit ganz analog; namentlich findet sich auch bei dieser die gefährliche Energie- losigkeit. Die physiologische Erklärung ist darin zu suchen, daß die Zufuhr von Sauerstoff, die für die Verrichtungen des Organismus notwendig ist wie die Luftzufuhr für einen brennenden Ofen, in großen Höhen nicht nichr genügen kann. Die Lnftschisfer nehmen daher auch regelmäßig einen Vorrat von reinem Sauerstoff mit und atmen daraus, wenn sie anfangen, sich unbehaglich zu fühlen; die Beschwerden werden durch diese künstliche Zufuhr von Sauerstoff sofort ge- mildert, die Leistungsfähigkeit erhöht und so der Aufenthalt in den höchsten Luftschichten allein möglich gemacht. Freilich erklärt der Mangel au Sauerstoff nicht alle Erscheinungen. Mosso will die Hauptschuld an der Bergkrankheit einer Berarnuwg des Organismus an Kohlensäure zuschieben; andere haben auf den Einfluß der Kälte, auf die Blendung durch den Schnee und die gesteigerte Lichtzufuhr überhaupt hingewiesen. Dazu kommt der rein mechanische Einfluß der Druckerniedrigung, der die Energie der Blutbewcgnng trotz der gesteigerten Herzthatigkeit verringert und Erscheinungen der Stauung hervorruft, die sich ini Blanwerden der Lippen, im Nasenbluten äußern. Wie die Bergkrankheit im besonderen durch die Ermüdung sehr wesentlich kompliziert wird, so bringt die Luft- schiffahrt eine besondere Gefahr mit sich dadurch, daß sich ein schneller Uebergang aus höherem athmosphärischcn Druck in viel geringeren vollzieht. Dieser kann durch plötzliche Gasentwickelung aus dem Blute und Verstopfung der kleinsten Blutgefäße durch das frei gewordene Gas zu schweren Krankheitserscheinungen und sogar zu plötzlichen Todesfällen führen. Beim Bergsport kommt dies weniger in Betracht, da der Mensch eine große AnpaffnngSfähigkeit besitzt, die es dem Einzelnen und noch mehr ganzen Böllerschaften, bei denen sich die Anpassung vererbt, möglich macht, sich an das Leben in größeren Höhen zu gewöhnen, zu dauerndem Aufenthalt freilich nicht über 5000 Meter.— Ans dem Tierleben. LZ. Die Kletterkunst der Schlangen. Eine fesselnde Schilderung aus dem Leben einer in den Vereinigte» Staate» vor- kommenden Schlange von der Art LaZauuiov coostrictor, in der Landessprache auch Schlvnrznatter genannt, gicbt Präger in dem neuesten Hefte des„American Naturalist". Gelegentlich eines Ans- cnthaltes in einem Landhause im Staate Illinois fing Präger eine schöne schwarze Schlange, ein typisches Exemplar der genannten Art von 5 Fuß Länge. Ä» einem heißen Nachmittage wurde den Bewohnern des Hauses die Meldung gebracht, daß sich im Hühner- hause eine Schlange befände; man fand sie dort zwischen Kisten und Stroh auf den Eiern liegend. Unmittelbar hinter dem Kopfe war der Hals stark ausgeweitet, rosa und gelb gefärbt und mit schönen Längsreihen schivarzer Flecken gezeichnet. Die Lage der Schlange machte es zlveifellos, daß man es mit einem Nesträuber zu thnn hatte, der sich von dem Inhalt des Restes schon etwas zu Geinüte geführt hatte. Die Schlange lag vollkommen ruhig, und Präger wollte das verschluckte Ei nicht durch einen ungeschickten Griff zerbrechen, daher packte er sie unten am Körper, aber das Ei zer- brach dennoch, wahrscheinlich infolge der MnSkelziisamnienzichung, der Inhalt des Eies floß ans dem Maul der Schlange heraus inid der Hals nahm sofort seine normale Dicke wieder an. Die Schlange »vurde nun 5 Wochen laug in Gefangenschaft gehalten. Ihre Lieblingsnahrung, Hühnereier, durch deren Wohlgeschmack sie doch in die Gefangenschaft verführt worden tvar,»ahm sie nicht mehr an. Gewöhnlich wurde sie in einer kleinen Kiste gehalten, oft aber auch auf dem Rasen frei gelassen. Stets schien' sie dann an Flucht zu denken, überlegte aber lange, ohne Furcht zu zeigen. Wenn man sie berührte, so schnappte sie schnell mit geöffnetem Maule zu. aber die Bißwunde tvar unbedeutend. Eine wunderbare Kunst zeigte die Schlange im Klettern. Auf dem Rasen» platze stand eine schöne Färber- Eiche mit einem Stamme der vollkomnten gerade gewachsen 15 Fuß ohne Ast in die Höhe ragte. Trotzdem der Stamm also, außer den Ilnebenheiten der Rinde, keinen Halt bot, pflegte die Schlange ihn zu erklettern, wahrscheinlich ebenfalls mit der Absicht, auf diese Weise zu entkommen. Dabei stieg sie stets ganz senkrecht an dem Stamme in die Höhe, ohne sich etiva im Kreise um ihn herum zu schlingen. Nachdem sie den Boden gänzlich verlassen hatte, kam sie nur sehr langsam vorwärts, und Kopf und Hals wandten sich oft nach der Seite, als ob sie den besten Halt erspähen wollte. Die Muskeln zogen sich beim Klettern in auffallende Anschwellungen zusammen und veränderten auf die ganze Länge des Körpers be- ständig ihr Aussehen; immerhin schien die Arbeit des Aufstieges der Schlange eine große Anstrengung zu kosten. Ein anderes Mal der» suchte sie aus ihrem Kasten zu entfliehen und erkletterte dabei eine völlig glatte Steinmauer des Hauses bis zu einer Höhe von etwa 13 Fuß, ivobei ihr nur einige kleine Nägel und eine hölzerne Ver- zierung über einem Thürbogen als Stützpunkte dienen konnten. unter weniger»»günstigen Verhältnissen ging das Klettern schnell und sehr leicht von statten, z. B. wen» sich die Schlancie durch die losen Ranke» eine? Weinstockes gleite» ließ, der in einem Spalier des GnrtenthoreL in die Höhe gezogen war, sie war dann kauni ans den Aesten heraus zu winden. Eine einfache Krümmung ihres Körpers über einen Zivcig gab der Schlange schon einen ganz festen Halt, ivobei sie sich niemals ganz um einen Zweig zu ringein brauchte. In hohle Banmstämine wußte sie sich derart einznschmiegen, daß sie nur mit großer Krastanstrengimg und unter Verletzung einzelner Schuppe» herausgeholt werden konnte. Auf den Steinboden eines Flures gelegt, schlug sie mit Rumpf und Schwanz in starken Kriim- mnnaen nach den Seiten ans, aber sie bewegte sich dabei nur sehr langsam vorwärts, während sie auf einem Rasen schneller fort- glitt. Aber erst wenn sie langes Gras oder Lnubboden unter sich fühlte, streckte sich die Schlange gerade ans und ging mit jener gleiten- den Bewegung vorwärts, die ihresgleichen eigentümlich ist.— Humoristisches. — Der Herr des Hauses. Thomas:„Ist der Groß- papa, der Euch immer besucht, der Papa von Deinem Papa oder von Deiner Mama?" Karl:„Bon Mama natiirlilh! Hast Dn denn noch nicht bemerkt, daß er ungeniert seine Pfeife im Salon raucht?"— — Abgefertigt. A.(Protz):„Ich besitze X-Millionen I" V.: Und ich X-Beene!"— („Jugend".) Notizen. — Das„Nesidenz-Theater" wird, wie der„B. B. C." erfährt, unter Leitung Direktor LantenburgS von Mitte Oktober bis Anfang November eine Gastspielreise nach Rußland unter- »chmeii. In Moskau und in Petersburg sollen drei französische Werke und drei deutsche aus dem Repertoire dcS„Residenz-Theaters" zur Anffnhrnng gelangen.— — Kapellmeister Schalk tritt demnächst seine Stellung am Berliner O p e r n h a n s e an, für das er auf die Daner von zehn Jahre» verpflichtet ist.— — Die Wintersaison des„Theaters des Westens" wird diesmal eine große Anzahl neuer Opern und Operetten bringen, daneben Renciustndiernngen intcressamer älterer Opern. Direktor Hofpaner beabsichtigt, n. a. folgende neue oder hier selten gegebene Werke aufzusühre»:„Die Perlenfischer" von Bizet;„Linda von Chamo»»!)" von Donizetti;„Der König ivider Willen" von Chabrier; „Le cornte d'Hofrnnn" von Offeubach;„Die beide» Schützen" von Lortzing;„Der Därnov." von Rirbinstein;„Die Witwen" von Sinetana.— — Die Stadt Mainz begeht am 24. Juni 1900 die Fünf- h n n d e r t j a h r- F e i e r der Geburt Johann G u t e n b e r g s. In einenr Aufruf, der zur Teilnahnre an dieser Feier einladet, wird mitgeteilt, daß„als Ehrendenkmal für den großen Meister vor allem die Gründung eines G u t e n b e r g- M n s eu m s in Aussicht genommen ist."— — In der Anssiellnng der München er„Sezession" wurden die Oelgcmälde„Die Brücke" von D. I. C a m e r o n (London) und„Selbstbildnis" von Leo Samberger(München) für die Pinakothek vom Staate angekauft.— — Verdi soll ein M e m o i r e n w c r I, in dem er auch seine Stellung zu den musikalische» Slrcitfrageii unserer Zeit klarlege» will, dem Abschluß nahe gebracht haben. Erscheinen dürfte es jedoch erst nach seinem Tode.— — Die Russische Akademie der Wissenschaften in Petersburg hat beschlossen, ein P u s ch ki n- L e x i k o n herauszugeben, das unter der Redaktion des Akademikers A. A. Schachmatow crschemcii wird.— Die nächste Nummer des UitterhaltmrgSblattes erscheint am Sonntag, den 3. September. Verantwottlichcr Nedacieur: Robert Schmidt in Berlin. Druck uuo Lertaz von Max Vadinn m Berlin.