Hnterhaltlmgs Nr. 177. Sonntag, den (Nachdruck verboten.) w Fofeplx Conetz. Roman von John Law. Aus dem Englischen von I. Cassiercr. XI. Ein paar Tage nach dem Jubiläums- Ausfluge sagte Mrs. Elwin zu ihrer Tochter:„Da doch William Ford sich in so liebenswürdiger Weise erboten hat. uns einmal die „Münze" zn zeigen, glaube ich, daß es am richtigsteil wäre, wenn wir heute hingingen und Du Dir Deinen guten Hut aufsetztest." Ohne ein Wort zu erwidern, ging Polly auf ihr Zimmer, um dem Wunsche ihrer Mutter zu entsprechen. Mrs. Elwin hatte ihren Sonntagsstaat angelegt, und beide machteil sich bald darauf auf den Weg nach der Münze. „Ich bin ganz aufgeregt," flüsterte Mrs. Elwin ihrer Tochter zu, als sie an den Schildwachen vorbei gingen und an ein Thor kamen, vor dem zwei Schutzleute Wache standen. „Ich bin ganz aufgeregt, wenn ich daran denke, daß William Ford tagtäglich hier, wo das viele Geld liegt, ein- und aus- gehen kann." Polly, die ihre Blicke auf den weichen, grünen Rasen, auf den Teich, auf dessen Oberfläche Wasserlilien schwammen, und auf die umstehenden großen Gebäude gleiten ließ, be- merkte:„Es ist wirklich sehr schön hier: inan glaubt beinahe in einem Palast zu sein." Mrs. Elwin zog den Shawl über ihre Schultern gerade, hob ihr purpurfarbenes seidenes Kleid und fragte einen Schutzmann: „Geht es hier hinein, Herr Schutzmann?" „Haben Sie einen Erlaubnisschein?" „Jawohl." „Dann bitte durch diese Thür hier", sagte er, indem er auf die Eingangsthür zeigte.„Eine Gesellschaft ist eben hineingegangen, wenn Sie sich beeilen, können Sie sie noch treffen." „Ich wünschte, William Ford wäre da", sagte Mrs. Elwin zn ihrer Tochter, als sie über den breiten Weg schritten, ihr Kleid hochnehmend und mit der Nadel, an der das Bild des vielbeweinten, seligen Mr. Elwin befestigt war. nervös spielend, „Ich wünschte, William Ford wäre da, ich habe so starkes Herzklopfen." „Er sagte doch, Ivir würden ihn ganz gewiß irgendwo treffen," meinte Polly,„es dürfte ihm freilich nicht möglich sein, seine Arbeit im Stich zu lassen, um sich uns anzuschließen. Komm hier mit, Mutter." Durch die Eingangsthür gelangten sie in ein Zimmer, in dem heraldische Bilder und numismatische Merkwürdigkeiten ausgestellt waren. Dann folgten sie einem Führer, der gerade ein paar Amerikaner, die zusammen mit dem Tower und einigen anderen in der Nähe gelegenen Sehenswürdigkeiten die Münze„mitnahmen", umherführte. Hier gab es gerade jetzt viel zu sehen, denn jene goldene Halb-Sovereigns, die eine solch unerwünschte Aehnlichkeit mit goldenen Sechspence-Stücke haben, wurden eben angefertigt. Zuerst wurden sie in ein Zimmer geführt, in dem durch sinn- reich konstruierte Maschinen Goldbarren gemünzt und geprägt wurden. Die Amerikaner schlugen ihre Baedecker nach und machten verschiedene Bemerkungen zu ihrem Führer. Darauf zeigte ihnen der Führer ein paar goldene Fünf- Pfund-Stücke, die man zur Jubiläumsfeier geschlagen hatte. Es waren dies Münzen, die ihre erhabene Majestät nnt einer Art Schlafniütze auf dem Hinterkopf zeigen, in einer Zeich- uuug, der, wie sehr sie auch vom Geschmack des neunzehnten Jahrhunderts bewundert werden mag, doch in der gesamten Heraldik nichts Aehnliches zur Seite gestellt werden kann. „Ich sollte meinen, sie sieht ein bischen komisch ans," bc- merkte ein Amerikaner, indem er eine Füufpfund-Münze bedächtig in seinen Fingern drehte und sie dann Mrs. Elwin zeigte. „Sieh doch, wie sie entstellt aussieht I" flüsterte Polly ihrer Mutter zu. „Entstellt!" rief Mrs. Elwin empört aus.„Aber Polly, wie kannst Du von der Königin so etwas sagen! Sie kann doch nur göttlich aussehen. Weißt Du denn das nicht?" 10. Septeillber. 1899 Kaum waren diese Worte ihrem Munde entflohen, als William Ford sie begrüßte. Der weiße Baumwollen-Anzug, den er trug, gab ihm ein ganz anderes Aussehen, so daß Polly, die gewohnt war, ihn beim Gottesdienst und bei der Klassen- Zusammenkunft immer nur in feinen Festtagskleidern zu sehen, ihn zuerst gar nicht erkannte. Sie erholte sich dann erst von ihrem Erstaunen, als sie ihre Mutter sagen hörte: „Ach, lieber Mr. Ford, wer hätte das für möglich halten können, daß es in der Welt so viel Geld giebt." Der Führer ging mit seiner amerikanischen Gesellschaft, während William Ford, den sein Heller Anzug gar nicht übel kleidete, es übernahm, Mrs. Elwin undihrerTochter dieMaschinen zu erklären, und es geschah dies seinerseits mit großer Wichtig- thuerei. Mrs. Elwin, die nicht wußte, daß es ein leichtes ist, in hochtönenden Phrasen über Dinge zu sprechen, etwas anderes aber— und viel schwierigeres— diese Dinge zu verstehen, freute sich über seine Erklärungen in derselben Weise, wie sie sich jedesmal über das schöne Wort„Mesopotamien" freute. wenn dasselbe in der Predigt vorkam. Sie wußte, das William Ford mehr als hundert Pfund jährlich in der Münze bezog, daß er dort von früher Jugend an war und, wenn er Lust hatte, auch so lauge würde bleiben können, bis er ein alter Mann geworden. Und sie glaubte in ihrem Innern, ja sie war sogar hiervon fest überzeugt, daß die gütige Vor- sehung ihm nur deswegen eine so beneidenswerte Stelle be- schieden habe, weil er eben ein frommer und gottesfürchtiger junger Methodist war. Den Umstand zog sie jedoch nicht in Betracht, vielleicht wußte sie es auch nicht, daß solche Stellen sehr oft vom Vater auf den Sohn übergehen, und daß bei ihrer Besetzung vom Schatzamt noch andere Anforderungen gestellt werden, als nur Frömmigkeit und Gottesfurcht. Als sie die vielen Goldbarren sah, die ihnen William Ford zeigte, und ihn förmlich im gemünzten Golde wühlen sah, da dankte sie Gott, daß er England solch' tugendhafte Beamte wie den Klassenleiter gegeben habe, und sie war allem Anscheine nach sich dabei nicht bewußt, daß' sie das goldene Kalb an- betete. Polly hörte den Erklärungen des Klassenleiters mit nieder- geschlagenen Augen und rotem Gesicht zu. Und als ihre Mutter zu ihm sagte:„Bitte, machen Sie uns doch heute abend zum Thee das Vergnügen." unterstützte sie diese Ein- ladung mit einem bittenden Blick, der dem jungen Manne das Blut ins Gesicht steigen ließ. Auf dem Heimwege sprachen Mutter und Tochter nicht viel. Schon seit Wochen trugen beide ein offenes Geheimnis mit sich herum. Sie hatten in Erfahrung gebracht, daß. wenn Polly wollte, sie ihren Klassenleiter heiraten könnte. Er war in letzter Zeit öfters bei Mrs. Elwin gewesen, und man brauchte nicht gerade Onkel Cohns Scharffinn zu de- sitzen, um zu sehen, daß er in Polly verliebt war. Er sprach zwar niemals von sich, aber seine Seufzer und Blicke genügten vollständig. In der„Klasse" fragte er bisweilen nach Jos, noch öfter aber sprach er gegen„die Kirche" und pries die Methodisten. Er galt als solch gottes- fürchtiger und tugendhafter junger Mann, daß es sich Polly gar nicht in den Sinn kommen ließ, argwöhnen zu wollen, daß sein Betragen nicht vollkommen ehrenhaft war. Denn" es war ja seine Pflicht, ihr Seelenheil über ihr zeitiges Glück zu setzen und ihr klar zu machen, daß jemand, der sich zur „Kirche" bekenne, er mag reich oder arm sein, niemals ein passender Gatte für eine Methodistin werden könne. So benahm er sich Polly gegenüber in der„Klasse". War aber Mrs. Elwin zugegen, so erwähnte er Jos mit keinem Worte, und Polly, die sich ein wenig vor ihrer Mutter fürchtete, sprach weder von ihrem Bräutigam noch von ihrem Verehrer. Der kleine Salon sah ordentlich nett und sauber aus, als am Abend der gottesfürchtige Jüngling in ihm Platz nahm. Erst vor kurzem waren die Wände neu tapeziert und die Decke frisch gestrichen worden. An dem Fenster hingen weiße Gardinen und farbiges Papier schmückte den Kamin. Zu Ehren des Gastes hatte Mrs. Elwin ihr schönstes Porzellan hervorgeholt und den Theetisch mit einer Flasche Rum geziert, die sie vom Onkel Cohn zu ZÄeihnachten ge- schenkt erhalten hatte. Jette brachte aus der Küche den Thcekesscl ins Zimmer uitö eittfcrnic sich gleich>viek>er. Sie hatte keine Ahnung, daß sich hier vor ihren Augen ein Drama abspielen sollte, daS mindestens so interessant war, als irgend eines, das sie in ihren abgegriffenen Geschichtenbüchern lesen konnte. Ja, wenn ein Graf oder eine Gräfin zum Thee gekommen wäre, dann hätte Jette in jedem„aristokratischen" Blick und in jeder„aristokratischen" Bewegung etwas Romantisches gefunden. Aber Leute ohne Titel hielt sie für ganz„gewöhn- lich", und nur dann machten diese in ihren Augen eine Ans- nahnie, wenn sie zu jener Gattung von wunderbaren Wesen gehörten, die ztvischen Himmel und Erde schwebten, nämlich den Schauspielern und Schauspielerinnen, die sich ganz nach ihrem Belieben ans Könige in Herzöge, aus Herzoginnen in Königinnen Veuvandeln können, die solch' entzückende Kleider tragen und solch wunderbare Sprache sprechen. Pollys Verehrer waren aber für Jette nicht mehr als ihr Schlächtcrbnrschc; Männer, die, wenn sie heiraten, ihre Frauen in ein ganz „unromantisches" Heim bringen, wo sie dann für sich und ihre Kinder„eine Menge" zu thun haben. Auch konnte Jette wohl gar nicht mutmaßen, daß der Klassenleiter als Neben- bnhler fiir Pollys rechtmäßigen Bräutigam in Betracht kommen könne als jemand, der in ihren Geschichtenbüchern Jos er- schießen würde oder von dem jungen Zimmermann erschossen werden würde. Hatte sie nicht selbst im Wohnzimmer Liebesscenen zwischen Polly und Jos beigewohnt, die kaum so interessant waren, wie die Unterhaltungen, die sie mit ihrem Schlächterburschcn hatte. Und was den häßlichen jungen Mann, William Ford geheißen, betraf, so sah sie nicht ein, weswegen er nicht zum Thee kommen sollte kam doch auch Onkel Cohn jeden Sonntag zum Mittagbrot. Während des Abendbrots war Mrs. Elwin sehr schweig- sam und sie überließ es Polly und dem Klassenleiter, die Unterhaltung zu führen. Aber sie beobachtete ganz genau die Mienen des jungen Mannes und dabei nahm sie sich etwas vor,— etwas, das ihr den Appetit benahm und sie sogar veranlaßte, die halbe Flasche Rum in ihre Tasse zu tießcn, während William Fords Augen gerade ihre schöne ochter betrachteten. (Fortsetzung folgt.) Sonntclgsplrmdevci. Zu Plötzeusce werden gegciiwcirüg fit den landschofllich am schönsten gelegenen Gemächern di» Wände geweißt. Die in der Ecke geheimnisvoll harrenden, chokoladcnbrnmicn Kästen erhalten einen neuen Anstrich»nd innen frische appetitlich emaillierte Eingeweide. Die schwellenden Matratzen der Pritsche werden aus- gepolstert und von allerlei Schlafdiirschchen gesäubert. Selbst anS den Wasserkännchcn werden die ans der Urzeit stammenden Modcrreslc einer üppig blühenden Pflanzenwelt herausgelratzt, die ans dem gehaltreichen Plötzcnsecr Grundwasser sich an den Steingut Wandungen broimgoldig niederschlagen. Die Bureaubeamten, die Ansscher, die Einwohner der Hotcllolonie, alle sind in froher Erwartung, festlich gestimmt und sehen niit nnrnhvoller Begier dem neueste»„Zugang" entgegen— den Lnndrntcn des Uiiistnrzes. Zwar ist in Plötzeusce noch keine offizielle Aicki'mdiguiig bekannt gegeben, aber die in der Politik alt erfahrenen Beamten und Stammgäste versichern mit aller Bestimmtheit, daß dem- nächst der erste Landrat seinen Einzug in die Hnliciisrucht- Gefilde am Plötzensee halten und sich mit Fleiß und Erfolg vom Morgen bis zum Abend der edlen 5kmist des Swäflings- Uiitcrhoscuflicfcns— dos ist dort die Beschäftigung für einen hohen Adel und sonstige Honoratioren— andächtig widmen werde, um dann in feinen Freistunde» ans den zcrlesencn und mit Vleististiiolizen reichansgestattetcn Bibliothckbücherii die Pflichten des lliiterthans gegenüber der Obrigkeit zu lernen t der Anstaltsgeistliche wird dnrch mündliche Eiiiwirtimgen ein übriges thun und da beim Somilags- Gottesdienst hin nud wieder ein kräftiges Wörtleiu über den Mittelland- Kanal gepredigt werden wird, so ist nicht zu zweifeln, daß der Herr Landrat(Station Xllk, 184) als ein gebesserter Mensch nach der schweren aber nützlichen Zeil der Gcfaiigciischnft die Anstalt verlassen wird. Auch nm sein künftiges Fortkommen braucht er sich nicht zu sorgen. Denn der Verein, der für die Beschäftigung entlassener Strafgefangener sorgt, wird ihm schon eine hübsche, einträgliche Stellung als Landarbeiter im Oftprenßi'iücn oder Posenschen nachweisen, und bewährt er sich in dieser Thäiigkeit, lernt er es, nicht nur ernst z» arbeiten, sonder» auch in Gehorsam nud Demut sich den Weisungen seiner Arbeit- gebcr zu sögen, so loird es ihm auch gelingen, sich weiter empor- zubringen, und er kann noch als Oberprösidcnt oder Minister seinen Lebensabend friedlich nud ehrenvoll beschließen. Ans langjähriger Erfahrung wissen die Einwohner der Gemeinde Plötzense«, daß stets so der Lauf der Dinge sich gestaltet.' Mit Bcr- woiunngen fängt die Sache an, dann folgen Maßregelungen und weiter geht eS von Stufe zu Stufe über MnjcstätZ- nud Minister- bclcidiglmgen, Aufreizung der Vevölkerungsklaffen, Landes- und Hochverrat bis hinab zur Vergewaltigung Arbeitswilliger, um schließlich in der Tiefe der VerÜbung bon grobem Unfug ruchlos zu endigen. Und alle diese Wege führen nach Plötzensee. In solcher Weise mutz sich auch das Geschick der preußischen Landräte vollenden. Sie haben sich freventlich dem Willen der über- geordneten Obrigkeit widersetzt, sie haben die gutgemeinten Warnungen der Regierung mißachtet, und als man sie ihres Amtes enthob, da haben sie sich in dreisten Worten bei ihren Kreiöbewohnern ver- abschiedet und sich nicht gescheut, sich demonstrative Fackelzüge bringen zu lassen. Solche umstürzlerische Gesinnung, so ausgeartete Ver- brecherstörrischkeit kann nur in Plötzensee enden, nur hier geheilt werden. Und darum bereitet sich diese Heilstätte mit Recht würdig auf den baldigen Empfang der gesunkenen Landräte vor. Die historischen Zellen, in denen bisher nur verwahrloste Zeitnngs- schreibcr, socialdemokratische Agitatoren und früher auch gelegentlich klerikale Hetzer das gesellschaftliche Niveau der anständigen Ein- brechcr, Wcchselfälscher und Messerstecher erniedrigten, werden nun die beamteten Feinde des Mittclland-Kanals besiedeln, während man wohl die kleineren Sünder vom Bund der Landwirte nach dem neuen Strafschloß in Tegel bringen wird. Beiläufig möchten wir aus unserer Kenntnis der Plötzcnsecr Zustände die Herren Landräte darauf aufmerksam machen, daß das Verzeichnis der unter dem Namen Schiericki bekannten Znsatznahrnngsmittel, die sich der Sträfling von einem Teil seines Arbeitsverdienstes kaufen darf, weder Sekt noch Austern enthält; aber auch die Schrippen sind nicht verächtlich, ob- Ivohl sie ein bischen zäh sind, das Dünnbier hat einen angenehm säuerlichen Geschmack, das Schmalz reizt durch das Geheimnis seiner Herkunft in geradezu romantischer Weise das Ahiinngs- vermögen und erfreut häufig durch grünlich oder violett schinmiernde Farbenpracht, der Höring ist aus einem so verschwenderisch salzhaltigen Meer entsprossen, daS ein einziger genügt, um das Diirstbcdürfiiis für die ganze Haftzeit zu befriedigen, während der Käse durch seine Zusammensetzung einen Lehrgang in der Chemie ersetzt nud sein Duft die plumpste Nase zu ästhetischer Feinfühligkeit erzieht, ungeachtet, daß er in beispielloser Charakterfestigkeit allen Angriffen, ans dem Wege der Verdauung sich selbst zu verlieren, tapfer und erfolgreich lvidcrstcht. Alles in allem, der Schierich ist durchaus geeignet, auch den an Komfort gewöhnten Landrat die bisherigen Luxi'isbcdürfnisse niehr als hin- länglich zu ersetzen. Außerdem stehen Bittersalz und Senfpflaster in jeder gewünschten Qualität kostenfrei zur Verfügung. Ucbrigens, was man in der Politik Kuhhandel, Koinpeufation oder Realismus nennt, heißt in Plötzensee„Schiebung"; allerdings ist die Kunst zu schieben schwieriger und erfordert mehr Intelligenz als ein Kuhhandel im Freien, abgesehen davon, daß sie gefährlicher ist, weil sie unter Umständen mit Dnnkelarrest im KcNcrvcrlicß und ähnlichen Abwechselungen aus dem Plötzcnseer VergnügnngS- rcpertoire verquickt ist. Es versteht sich, daß auch der Plötzcnsecr Gesangverein bereits einige wirkungsvolle BegrnßungSlicder einstudiert hat, und wir kviincn verraten, daß der Transportwagen an der Eingangs- thüre mit einem künstlerischen Transparent und der Devise„Will- kommen im Grünen" die erwarteten Gäste empfangen und zugleich an die Schätze deutscher Boltslicdkimst crinncru wird. Die sinnigste Uebcrraschnng aber, die sich die AnstaltSdirektion ersonnen hat, mit die Rnkümmlinge würdig z» ehren, besteht darin, daß sie vom Ministerinin die besondere Erlaubnis erhalten hat, während der Anwesenheit der Kanalraubuiörder die Prügelstrafe anzuwenden. Damit kommt man in rührender Anfincrksainkeit dem höchsten oder doch zweithöchsten— der Gctreidezoll steht Ivohl doch voran— ?ldeal der agrarischen Kreise entgegen, die in der ausgiebigen Benutzung der Peitsche und des Stockes die Lösiiiig der socialen Frage und das einzige Mittel zur Veredelung der Menschenrasse erkannt haben. Wenn die Landrate und Landivirtsbündler dann heraus- lomincn, werden sie ans eigener Erfahrung und dnrch ihre fernere Lebciisführung bcwciscit, w i e veredelnd diese Erziehungsmethode wirkt, und man wird dann einsehen, ivie all der Jammer nuscrcr gegenwärtigen Zustände unr daraus fließt, daß die Staatsbürger i>t ihrer Jugend nicht genug geprügelt wurden. Rur so erklärt sich der Ungehorsam weiter Kreise der Vc- völkerniig, das Umsichgreifen dcS Umsturzes bis in die höchsten Kreise. Es gicbt keine brauchbaren Arbeiter»nd Dienstboten mehr. Sind wir doch so weit gekomnien, daß selbst die Regicrniig keine Leute mehr findet, die einen feineren feudalen Haushalt einiger- maßen genügend zu führen verstehen. In den Ansängen ihres Dienstes lassen sie sich manchmal ganz gut an. dann aver zeigen sie sich in ihrer grenzenlosen llnbrauchbarkeit. Soll man es glauben, daß selbst unser preußischer HanShalt, der doch seine Leute anständig bezahlt und human behandelt, in 11 Jahren nicht weniger als zwei Dutzend Minister verbraucht hat I Giebt cS einen erschreckenderen Beweis fiir die> vachsende Lentenot, deren tiefste Ursachen in der mangelnden Zucht der Jugend liegen? Erst i» diese» Tagen innßtc» wieder zwei Minister gekündigt werde». Es ist zuzugeben, daß sie bestrebt waren, billigen Wünschen gerecht zu Ivcrdc»»nd sich das Vertrauen ihrer Herrschaft zu erwerben. Herr v. d. Recke, der im Innern schaltete, ging stets sauber gekleidet n»d gebürstet. Herr Bosse, der in Kirche, Medizin und Schule machte, besaß sogar ein evangelisches Bewußtsein, Auch sonst hatten sie beide manche Vorzüge, v. d. Recke war bc- müht, jeglichen rnhestörciidc» Lärm seriiznhaltcn. Selbst das — Ii laute Denken suchte er zu unterdrücken, und Kollege Bosse übertraf ihn noch darin, indem er auch das stumme Denken verbot. v. d. Recke verstand es auch, den Kindern hübsche gruselige Märchen zu erzählen von Vombenverschwvnmgen und blutigem Umsturz, und da er selbst daran glaubte, erzielte er sehr tiefe Wirkungen mit dieser Kunst. Er bereicherte die Jugend- und Gesellschaftsspiele durch das sogenannte Bcinschießen oder Huinanitatshascheu und jonglierte virtuos mit ungelegten, und doch bereits faulen Eiern. Herr Bosse hinwiederum verstand eS. auf Millimeter genau auszurechnen, Ivo die richtige und die falsche Freiheit der Wissenschaft beginnt und auf- hört, er bereicherte das Universitätslebcn durch die Veranstaltung von akademischen Gerichtsverhandlungen und war überhaupt in jeder Richtung willig, sofern sie nicht zum Umsturz führte. Trotzdem er- wies es sich, dag die beiden Männer den Hanshalt immer mehr zurückbrachten, und so mutzten sie Knall und Fall entlassen werden. Alle diese üblen Zustände sind die unausbleiblichen Wirkungen der schlaffen Erziehung. Es fehlt an fühlbarer Zucht. Hohenlohe ist schon aus körperlichen Gründen der Aufgabe nicht gewachsen, Ordnung im Hause zu schaffen. Wir sehen also keine andere Mög- lichkeit, eine neue Wiedergeburt in Preutzen zu erwecken, als jeden Ungehorsam, jede selbständige Gesinnung, jeden unvorfchrifts- mätzigen Gedanken bei gewöhnlichen Menschen einfach, bei Unter- bcamten doppelt und bei den höheren dreifach zu bestrafen— natürlich unter entsprechender Anwendung leiblicher Zwangsmittel. Als Exekutor dieser allein durchgreifenden Politik aber mutz ein Mmm das Präsidium der Regierung übernehmen, der völlig den Wert der physischen Einwirkung sür das Wohl dcS Landes erkannt hat und gewillt ist, seiner Erkenntnis gemätz zn handeln. Mit einem Wort: Hohenlohe mutz durch den Dreschgrasen ersetzt werden. Dann werden wir niemals wieder von rebellierenden Landrätcn höre» und die Mitglieder des Bundes der Landwirte werden eigenhändig den Mittelland-Kaual ausbuddeln.— Joe. kleines Jfcuiftcfott« — Der Pinhciro. Der südlichste der vereinigten Staaten von Brasilien, Rio Grande do Sul, gehört in Bezug auf Pflanzen- gcographic der Arankaricnrcgion an: dieser Baum ist neben der sub- tropischen Vegetation so charakteristisch für das Hochland, datz es nach ihm benannt werben kami. Der von den Brasilianern Pinheiro (spr. Pinjöirn) oder Cnry genannte Baum ist, wie die.Mutter Erde" mitteilt, eine Konifere, und zwar als einzige hier vorkormuende be- kaunt. Sie Ivächst nutzer auf den Höhcngebirgen von Rio Grande do Sul auch weiter hinauf bis nach Minas Gcracs. Für den Naturfreund ist es eine Freude, diesen herrlichen Baum, sei es alleiustchend oder in ganzen Waldungen, zn sehen. Ein tadellos hochgewachsener Stamm von 1— 2 Meter Durchmesser und bei nur geringer Ab- nähme der Stammstärke von 30— 40 Meter Höbe, entsendet erst nahe der Krone dicke, kaudclaberartig gebogene Reste, die mit dunkel- grünen dichten Nadclbüschcn an den Enden geziert, einen eigenartigen tellerförmigen Wipfel bilden. In der Rahe der Wohnungen der Kolonisten sieht man oft den schlanken Nadelbaum die hübschen weiß oder bunt getünchten Häuser über- ragen. Auf dem Gcbirgshochlande bildet er grotze zn- sauimenhängende Wälder lPinhaesj, deren einzelne riesige Stämme in meterwciten Abständen gewachsen, in dem Eintretenden den Eindruck ciirrs hohen, mächtigen Domes hervorrufen. Im Be- reiche dieser Pinhaes gicbt es im Staate Rio Grande do Snl schon an verschiedenen Stellen Tmnpssch neidcmühlen. die den Pinheiro zn Brettern verschneide». Ein Baum liefert bis 12, auch oft vis 14 und 10 Dutzend Bretter. Ans dem festen, zähen, aber trotzdem leicht spaltbaren Holze werden vorzüglichst Bretter und Balken hergestellt, auch die Mövelfabrikanon»nd nicht zum wenigsten die immer mehr sich vcrvolllonunnende Zündholz- Fabrik in San Leopoldo verwenden das Pinienhvlz. Die Samcnzapfen des Pinheiro sind oft kopsgrotz und enthalten 700 bis 900 Körner von einigen 2 bis 3 Centimcter Länge, deren Geschmack in geröstetem oder gekochtem Zustande an unsere Kastanien ciiimert. Diese Früchte ziehen oft Scharen von Papageien an, die sich geschickt die Kerne herauszuholen wissen. Tie Frucht ist wohlschmeckend. J» der Krone des Pinheiro, da, wo die Neste vom Stamm ausgehen, sitzen ganz verwmbfenc dicke Knoten, die als unverwüstliches Hotz ein vortreff- liches Drcckislcrmaterial abgeben. Acste, Nadeln und Wurzeln sollen auä, vorteilhaft zur Tcergcwiimnug anSzunutzeu sei». Ter junge Pinheiro, der noch vo» unten bis zur Krone Reste ansetzt, wird vielfach vo» den deutschen Kolonisten als Weihiiachtslaime ver- wandt.— Knitst. kr. Max KlingerS Beethoven geht jetzt seiner Voll- endmig entgegen. Das Werk, dessen erster Entnmrf schon vor vierzehn Jahren hergestellt ist, wird von Georg Treu in einem Arissatz im neneu Heft des.Pan", der Klingers Schaffe» als Bild- baner gewidmet ist, zum ersteumale eingehend geschildert. Echo» im Jahre 1880, als man in Klingcr noch ansschlietzlich den Radierer sah, stand das farbige Statncinnodcll in seiner Werkstatt. Das der Vollendung nahe Werk ist in übcrlcbcnsgrotzcn Matzen gehalten und in den kostbarsten Stoffen ausgeführt. Ans den Stiminmigcn. die die bekannte, über dem lebenden Antlitz Beethovens geformte ivkaske tu dem Künstler erweckte, ist diese Beethovensialue erwachiea. Beethoven thront als Olympier ans einer Bergspitze, neben ihm der Adler des Zeus. Der nackte Oberkörper ist vorgebeuzst, ein faltenreiches Gewand umhüllt die imtereu Gliedmatzeu. Ein Bild des gesammelten Schaffens, blickt der Künstler düster vor sich hin; daS Kinn mit den fest znsaminengepretzten Lippen ist vorge- schoben. Die Lehne des Thrones ist reich geschmückt; a» seinen Ecken ragen Palmen, Engelsköpfe schauen über die Schulter des Meisters. In den Flachbildern, mit denen die Rücken- und Seitenlehnen geschmückt sind, sind Gestalten aus der christkichen und hellenischen Ge- dankenivelt gebildet. Auf den Scitenlehncu bietet auf der einen Seite Eva dem Adam den Apfel dar, auf der anderen lechzt ein Tautaliden- paar vergeblich nach dem Gcnnsse. Aus der Rückenlehne ist Aphrodite dargestellt, wie sie ans einer Muschel über das Meer gezogen wird; daneben kniet eine nackte weibliche Gestalt, die höhnende Worte in den Hrntergriind hiueiuznrufen scheint. Auf einem Hügel ragen dort die drei Kreuze mit Christus und den Schachern; unter diesen stehen die Marien. Aus dem Grunde schreitet eilend Johannes hervor; er ist zornig und streckt die Arme gegen Aphrodite vor, als wollte er ihr die Schuld an dem Unheil z»wälzen.... Kl Nigers Freude an dem inarmorlenchtcnden Körper und an der Pracht der Gesteine, fein Interesse für kühne technische Nenerimgen gelangen auch in diesem Werke zum Ausdruck. Die nackten Teile sind in leichtem Syramarmor gearbeitet, der Mantel in gelb gerändertem Tiroler Onyx, Adler und Fels aus schwarzem und braunem pyrcnäischcn Marmor. Der mächtige Thron ist aus Bronze; Einzel- hciten wie die Engelsköpfe sollen in Elfenbein eingelegt, deren Flügel mit bu iten antiken Millefiorigläsern inkrustiert werden.— Kulturgeschichtliches. — Aus Mari e n h a f e, einem Flecken an der bon Emden nach Norden führenden Küstenbahn, wird der„Rh. W. Z." berichtet, datz in letzter Zeit verschiedene, zum Teil ziemlich erhaltene sogenannte Spottbilder nn. d Steinbilder bon der alten Kirche zum Borschein gekommen sind, welche in der„Störtebckerkannner" deS Turmes nutergebrackst wurden. Marienhafe bildete zur Zeit der berüchtigten Biktualiei.'.h rüder, deren Oberhaupt ein Störte- b e k e r war, einen Schlupfwinkel für dieselben; hierher kehrten die Seeräuber nut ihrer Beute zurück. Mit ihnen hatte sich Propst Hisko ans der Familie der Abdenas, der ums Jahr 1401 niit dem Bischof von Münster einen Traktat ab- geschlosien hatte, wodurch du- Emder und Sckiieringer den freien Ein- und Verkauf von Waren sowie die freie Durchfahrt im Stifte Münster für 2000 Goldgulden zugestanden erhielten, tu eine Ver- bindnng eingelassen. Er leistete£>e» Viktualieubrüder»(auch Likedcelcrs genannt) allen möglich Vorschub,, da er ihnen seine Häfen öffnete. Rntzcrdem hatten die Srädtc pPostock und Wismar Kapeibriefe ausgeteilt, um die dänischen und norwegischen Küsten zu plündern, nebenbei aber das d> ircki die llönigin Margarete von Norwegen belagerte Stockholm v-ut Lebensmitteln(Biktuakien) zn versehen. Tie Hamburger rüsteten d.er Sesränbcreieu wegen eine Flotte ans, und es gelang ihnen, im J ahre 1402 Störtcbeker und Michael nebst 70 Genossen in ihre Gewalt'',u bekonunan. Sie wurden auf dem Grasbrook in Hamburg Hingerichjet. Erinncrnngszeichen an die Zeit des Scernnbcrwesens befinden sich außer in Marien- hafe— das damals mit dem Schiff zn erreiche u war(es soll dort noch der große eiserne Ring vorhanden sein, an dem Störtcbeker sein Schiff befestigte), jetzt aber infolge fortgefetzter Lsandgewinnung weit innerhalb des Deichschntzes liegt— noch in der ginnst" zu Emden; in einem Glaskasten wird dort sogar noch Störte belerS Hemd gezeigt.— Geographisches. — lieber die antarktische Expedition d e S „Southern C r o ß" wird in der letzten Nummer des„Strand Magazine" ans Grund der bisher cingelaiifencn Nachrichten ein Bericht gegeben. Diese Expedition ist die erste vollständig" aus- gerüstete wissenschaftliche Expedition, die ans 51a P Adair.Aim Bictoria-Laikd, 200 Meilen vom magnetischen Südpol, landete,.�»l 19. Dezember 1898 brach die Expedition auf. Am 10. Februar war das Kap Abair in Sicht. Da gerade au dem Tage ein furchtbarer Sturm herrschte, so war das Schiff gezwungen, vorzeitig Anker zn werfen. Bald war das ganze Verdeck von einer dicken Eisschicht bedeckt. Am nächsten Tage legte sich der Sturm, und nun loinite man bis zur Nobertsou-Bai vordringen. Hier wnrde Halt gemacht. Ter Anker wurde 10 Klafter tief ins Wasser gesenkt. In einer halben Stunde waren alle an der Küste. Da gab es Eisvögel, Wildgänse, Möve» und außerordentlich große Seehunde, wie sie bisher noch gar nicht gesehen wurden. Zwei Teilnehmer der Expedition erstiegen den höchsten Punkt des IlapS, den sie gegen Mitternacht erreichten. Die nächsten Tage vergingen mit der Errichtung von Hüllen. In kleinen Booten wurde der Proviant vom Schiff, das niigcsnhr 200 Uards von der Küste entfernt lag, ans Land geschafft. Auch die Schlittc» und 75 Schlittenhuudc wurden glücklich untergebracht. Am 23. Februar kam ein schrecklicher Schneesturm, der vo» einem Cyklon begleitet war. Die Hütten mußten niit Steinen verbarrikadiert werden; der Sturm hätte sie förmlich weggeblasen. Die.Kälte betrug 18 Grad unter Null. Die Haare der Leute froren zn festen Klumpen zusammen. Die Kleider wurden steif wie Holz. In den nächsten Tagen legte sich der Sturm, irnd man konnte allmählich mehr ins Innere der Gegend eindringen. In einer Höhe von 1000 Fuß wurden dreierlei Arten von MooS gesunden. Dan» stieß man auf milchweißen Quarz, der goldhaltig zn sein schien. Der Bericht reicht bis zum 27. Februar. Da» weitere Schicksal der Expedition ist bis M�WWWWWMIWWWIWWIMWWMWWtWWWWWVMIWWWI��MWW jrtzt mir bell zehn Teilnehmern derselben bekannt, die, nachdnn sie ei» Jahr in einer für jedes Schiff nnziigänglichen Gegend in frei- williger Abgeschlossenheit verbracht haben ivcrdcn, gegen Ende Januar 1900 wieder»ach Kap Adair zurückkehren dürften.— Anthropologisches. — Ans dem Anthropologe nko n greß in Lindau sprach Prot. Voüingcr-Münchcii über die pathologifcheLer erbung in Bezug auf die fnnktionelleSchrunipfung der B r u st- driise.' Betrachtet nian, so führte er nach dem„B. T." ans, die Zahlen der Säuglingssterblichkeit, so imifj nian mit Besorgnis für die Zukunft erfüllt werden. In Schweden sterben dnrchichnittlich im eisten Jahre 9 bis 11 Prozent aller Geborenen, in Teutschland 22 Proz., in Bayern 45 Proz. Drei Centrcn der Säuglingssterblichkeit können wir heute in Deutschland unter- scheiden: Berlin, die sächsischen Grenzgebiete im Osten und die schwäbisch- bayrische Hochebene von Passan bis nach Württemberg hinein. In jüngster Zeit hat eine kleine Ab- nähme dieser hohen Ziffern stattgefunden,>vas in verbesserter Hygiene und besserer künstlicher?!ahrimg seinen Grund haben niag. Das rauhe Klima und die Aiiltcrung der Kühe auf der schwäbisch-bayerischen Hochebene sind nicht der letzte Grund der Säuglingssterblichkeit, auch die ErlvcrbSverhältnisse fallen hier nicht so ungünstig ins Gewicht wie in Italien, Ivo sie thatsächlich dahin wirken, dah bis zum fünften Lebensjahre die Hälfte aller Kinder stirbt. Der Hauptgrund liegt in der durch die Sitte, dasj das Stillen des Kindes durch die Mutter zur Seltenheit gewordenen ist, eine Sitte, die schon leider tief ins Volk gedrungen ist; denn keine künstliche Nahrung kann diese natürliche Nahrung für den Säugling ersetzen, und das Ilntcrlassen des Stillens durch die Mutter übt den iingüustigsten Einflust auf die gesamte EntWickelung des Ki.ndes. Diese Sitte hat zur Folge gehabt, das} schon 45 Prozent de'. Frauen in den unteren Schichten des Volkes an Atrophie der sSchrumpfiing) Brustdrüse leiden. Das Organ ist verkümmert, weil das Stillen durch die Mutter nicht Sitte ist. In Schweden und Norwegen vcmivgcn heute alle Frauen zu stillen. Diese Atrophie ist in Bayern als vererbt nachgewicseii. Dast auch noch andere Ursachen für die Atrophie der Brustdrüse, so zum Beispiel die Kleidung, vorhanden sein können, ist klar. Die schwedische Regierung hatte vor 140, Jahren, als das Richtstillen dnrch die Mutter dort Sitte ward, darauf eine Strafe gesetzt und die Abstellung dieser auch für die Mütter schädlichen Unsitte erreicht. Die Verkümmenmg der Brustdrüse spielt auch in der Actiologie dcS so gcfürchtctcn Brustkrebses eine nicht unwichtige Rolle. Da man daran festhalten niusz. daß solche Defekte, die die Konstitution des Körpers betreffen, sich erblich übertragen, so mich dieser Unsitte entgegengetreten werden.— Gesundheitspflege. — D i e Abhört n. n g der Kinder dnrch kühle Waschungen erfordert, wie der„Pr.cktische Wegweiser', Würzburg, schreibt, eine genaue Jndividiialisie'.inig, denn nicht jedes Kind verträgt eine kalte Abwaschung wie das andere. Bei blutarmen und nervösen Kindern könncu kalte Abw aschungen eher das Gegenteil bezwecken und die beabsichtigte Abhr.irtnng steigert nur die Nervosität und regt noch mehr ans. Man bcniitze deshalb lauwarmes Wasser mit 13 bis ZI Grad R. i» id gehe erst nach längerer Zeit mit der Temperatur Grad um G'.ad hcrnntcr bis höchstens zu 15 Grad R. Dabei bleibe man.' Diese Abwaschungen sollen niorgenS und womöglich auch abends, gemacht werden. Der Schlaf ist dann sehr nihig und kräftigend. Freilich darf zuvor nicht das Abendessen eingcnommm ivörden �ein. Das sollte doch ungefähr zwei Stunden früher ge- schehen. Aus dem Tierlcbe». — lieber daS E i ch k ä tz ch e n als gefährlichen Nest- r ä u b e r schreibt ein Weidmann in«Wild und Hund': Am meisten haben die leicht zu entdeckenden Brnte» der Amseln und Drosseln, wie auch der Wildtauben unter dem Zcrstörnngswerk des Eichhorns zu leiden, und in Waldteilen, wo eine einzige Familie dieser ge- frästigen Nager ihren Kobel aufgebaut hat, sind die in der nächsten Umgebung vorhandenen Vogelbruten nieist sämtlich verloren. Die ausgehängten Nistkästen für Erhaltung unserer so nützlichen Höhlen- brnter haben in der Zeit solcher Eichhörncheuplage einen zweifelhaften Wert; denn gerade solche auffällig hervortretenden Brut- lokalitäten sucht erfahrungsgemäß der überall gegenwärtige kleine Räuber mit Vorliebe auf, cnveitert dnrch Benagen die Cinschlupföffnung, verzehrt das, was er im Kasten vorfindet, und nächtigt nicht selten darin, wie er auch zu Zeiten solche Rist- kästen als ständige Faniilienwohnnng für sich in Anspruch nimmt. Wie viele Gelege unseres Auer- und Birkwildes und wie viele der aiisgefalkcncn Jungvögel dieser Gattung eine Beute des Eichhorns werden, das würde uns vielleicht, könnten wir Zeuge jedes Einzel- falles sein, in Verwunderung setze». Wie oft habe ich, durch äugst- liches Schreien und Umherflatterii unserer armen kleinen Sänger aufmerksam gemacht, den rücksichtslosen Störenfried beobachtet, ivic er gemächlich ans einem Ast sitzend, den geraubten, halbnackten Vogel in den Vordcrpfötchcn haltend, unter hörbarem Schmatzen Mahlzeit hielt! Der Schaden ist also zweifellos nicht zu unterschätzen, iuS- besondere aber in Jahrgängen, Ivo das Eichhörnchen in Massen auf- tritt. Wir hören in neuerer Zeit vielfach Klage führen über die ans- fallende Slbnahme von Singvögeln und anderen niitzbringeiiden Klein» vogelgattuiigcn, welche bedauerliche Erscheinung man sich gewöhnlich kurzer Hand dahin zu erklären sucht, daß man die ganze Schuld dcni Maffenfang zuschreibt, dem diese Tierchen in Italien erliegen. Dies kann jedoch nur teilweise Berechtigung haben; denn wie viele Brüten dieser unserer einheimischen Vögel der Freßgier einer Unzahl von Eichhörnchen zuni Opfer fallen, das vermag am besten der aufnierksame Beobachter beim steten Waldanfenthalt zu beurteilen. Weiter ist hervorzuheben, daß in der übrigen Zeit des Jahres, also außerhalb der Verjiingungsperiode unserer Vogelfanna, die allenthalben im Walde zerstreut und abgeschuppt umherliegenden Ueberbleibsel von Nadelholzsamenzapfen, denen wir auf Schritt und Tritt begegnen, ein beredtes Zeugnis dafür bilden, daß die Ergiebigkeit eines Wald- sanienjahres unter der Gefräßigkeit der Eichhornckien eine namhafte Einbuße erleidet, ja wir haben auf freien Schlägen die Wahr- nehmung gemacht, daß die sämtlichen, einzeln ubergehältenen Samen- bäume ihrer Samentracht total beraubt wurden und damit ihrer Bestimiilliiig im forstwirtschaftlichen Sinne entzogen blieben.-» Humoristisches. — lleberlistet. T o u r i st:„Hier soll man ja ein schönes Echo hören?" Führer:„Ja, fchrei'en Sie'mal„Zwei Maß Vieri' Tourist fthnt's):„Man hört ja nichts!' Führer sauf die dahersteigende Kellnerin deutend):„Hm, aber da hinten kommt's Bier schon I"— — Der Richtige. Herr:„Wenn wir diesen Weg links gehen, können wir ein ganzes Stück abschneiden!" Parkwächter:„Enschnld'chen Se, nieine Herren, das!s ä kcniglicher Bark und da darf Sie gar»lischt abgeschnitten wär'nl"— — Moderner Fluch..Ansichtskarten sollst Du kriegen, hundert jeden Tag untr alle vom ffelben Ort!"— („Flieg. Bl.") Notizen. — Im„K ü II st l e r h a II s e" des Vereins Berliner Künstler ist eine neue Ausstellung eröffnet, die u. a. eine Kollekliv-Ausstelliing des Weimarer Malers Eugen Urban enthält.— — Max Halbe s neues Drama„Das tausendjährige Reich" ist, nach dem„B. T.", von der M ii n ch c n e r H o f b ü h n e elworben und Ivird dort voraussichtlich seine Erstanffühnmg er- leben.— — Der frühere Redakteur der„M. Allg. Ztg.", Otto Brann, hat sein Haus in M ii n ch e n der S ch i l l e r- S t i f t u n g ver- macht.— — H e r m a n n Bahr hat seinem neuen Stück, dessen Held ein östreichischer Volksdichtcr ist, den Titel.Franzi" gegeben. Scheint sich also um Stclzhamcr zu handeln. So wird ans einer«östteichischen Litteratnr" eine obcröstteichische. Und übers Jahr? Linzer Torte gefällig?... — Ein d c n t s ch- e g y p t i s ch e s Blatt.„Das Morgen- l a n d, eine westöstliche Wochenschrift" betitelt, soll vom 1. Oktober ab von A r t h n r S ch m i tz in K a i r o hcraiisgegcbcn werden.— c. Der französische Zeichner M o r e l- 9t e tz, der unter dem Pseudoiiym„Stop" bekannt geworden ist, ist im Alter von 74 Jahren gestorben. Er war Mitarbeiter am„Journal amüsant".— c. Die größte Orgel der Welt befindet sich jetzt in der .Stadthalle" zu S i d n e y. Sic wurde mit einem Aufwände von 300 000 M. erbaut; die Konstruktion nahm drei Jahre in Anspruch. Die Orgel hat fünf Klaviaturen, 144 Register und gegen 8—9000 Pfeifen, deren längste 04 Fuß mißt. Die Orgel nimmt einen Raum von 85 mal 20 Fuß im Quadrat ein und wird durch einen Gasmotor von 8 Pferdekräften getrieben. Die„Stadthallc" faßt 0000 Personen.— — Im Jahre 1898 wurden nach dem„Globus" in der Schweiz 70 Gletscher beobachtet. Von diesen waren im ganzen nach den voraenonimencn Messiingen 12 in mehr oder iveniger sicher festgestelltem Vorrücken, 58 waren also stationär oder im Rückgänge; man kann daraus schließen, daß wir uns in der Zeit eines allgemeinen Rückzuges ve- finden.— t. Die O p a l m i n e n in Mexiko und den Vereinigten Staaten sind nahezu erschöpft. Man ist bis unter das Grundwasser hinab gedrungen, und die unter Wasser befindlichen Opale verlieren leicht ihre geschätzte Farbe uitv zerbrechen, wenn sie ans Tageslicht gebracht werden.— — Im Jahre 1898 wurden in Frankreich 483 414 Fahr- räder mit 4 858 044 Fr. besteuert. Im Jahre 1894, in dem die Steuer zuni erstenmal eingehobcn wurde, gab es 203 020, im Jahre 1895 250 084, 1390 329 810 und 1897 408 809 Maschinen.— — Die A u S f u h r amerikanischen Weizenmehls hat im Rechnungsjahr 1898/99 mit 18 257 924 Faß eine bisher noch nicht c r r e i ch t e H ö h e erlangt. Dieses zur Anssuhr gelangte Weizciimehl hatte einen Wert von 72 099 742 Dollar. Der bedeutendste Abnehmer anicrikanischen Mehle» ist England; aber Deutschland führte im Rechnungsjahr 1398/99 davon auch rund 500 000 Faß ein, gegen nur 13 000 Faß im Jahre 1888/89— Bcraiitivortlicher Redacieur: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.