Nnterhallungsblatt des Nr. 179.' Mittwoch, den 13. September. 1899 (Nachdruck verboten.) Foseplt Coneix. 16] Roman von John Law. Aus dem Englischen von I. Cassierer. „Ich habe meiner Königin und meinem Vaterland fünf- zehn Jahr lang gedient," sagte er,„und das habe ich nun damit erreicht I Die Kugeln sind um mein Haupt gepfiffen, ich habe öfters das Fieber gehabt, in Egypten bin ich beinah vor Durst umgekommen, und jetzt kann ich nirgends Be- schäftigung finden, nicht einmal als Dock-Arbeiter. Zum Teufel mit meinem Zeugnis." Und dabei zog er das Zeugnis seines Obersten aus der Tasche, zerriß es in kleine Stücke, nahm diese in den Mund, spie sie wieder aus und trat mit den Füßen darauf. „Trink eins mit!" forderte ihn Jos auf. Der alte Soldat schüttelte den Kopf. Dann sah er Jos Wohl eine Minute lang an und sagte leise vor sich hin, als ob er zu sich selber spräche:„Der Suff wird diesen armen Teufel noch ganz zu Grunde richten." Dann entfernte er sich und warf die Thüre hinter sich zu. Jos blieb den ganzen Tag über in der„Destille" und vertrieb sich die Zeit mit Trinken und Rauchen. Ein paar- mal ging er an die Thore der Docks, aber es kam nieniand, der nach Arbeitern verlangte; er wurde nicht gebraucht. Er blieb daher in der Destille in der Nähe des Schanktisches aus einer kleinen Bank sitzen und ruinirte seinen Geist durch das viele Schnapstrinken. Endlich ivurde es auch bei den Dockarbeitern Feierabend, und das Lokal füllte sich rasch mit durstigen Arbeitern. Unter ihnen befand sich auch jener Mann, dessen Bekanntschast Jos an dem Tage gemacht hatte, an welchem die Königin nach Whitechapel gekommen war, um den Volks-Palast einzu- weihen. „Heda," rief er Jos zn, als er seiner ansichtig wurde, „warum bist Du denn heute früh nicht gekommen?" „Ich hab's verschlafen." Der Mann sah ihn scharf an, dann setzte er sich zu ihm auf die Bank und fragte ihn leise: „Sag mal, hat Dein Vater vielleicht getrunken?" „Was geht das Dich an?" gab Jos zurück. „Und wenn Dein Vater nicht, vielleicht dann Deine Mutter," fuhr der Mann mit scharfer Betonung fort,„denn ich Hab' in meinem ganzen Leben noch niemals einen Kerl gesehen, der so stark trinkt wie Du, wenn er es nicht von seinem Vater geerbt hätte und es so schon in in seinem Blute gelegen hätte. Du„suppst" ja förmlich den Schnaps." „Kümmere Dich lieber um Deine eigene Sachen" er- widerte Jos ärgerlich. „Komm' mit mir" forderte ihn der Mann auf, der sich inzwischen erhoben hatte.„Meine Alte hat sich schon oft nach Dir erkundigt. Komm' mit. alter Junge, und sei kein Narr." Aber Jos hörte nicht auf ihn. Es war fast so, als ob er an der Destille fest gebunden gewesen wäre, und wie der Dockarbeiter sagte, er„suppte" ja förmlich den Schnaps. Und als es doch auch endlich für ihn Zeit wurde, das Lokal zu verlassen, da hatte er nichts mehr in seinen Taschen als eine Rückfahrkarte, und auch diese würde er gern in Schnaps um- gesetzt haben, wenn sich nur dafür ein Käufer gefunden hätte. Freilich hätte er dann in einem Graben, irgendwo zwischen Tidal Vasin- und Fenchurch-Straße übernachten müssen. Es war schon spät, als er ins Asyl kam. Die meisten Gäste hatten schon ihre Betten ausgesucht, und auch der Hausvater war am Kamin eingenickt. Aber das„Eichkätzchen" war noch munter und sorgte für sein Abendbrot. Fröstelnd kehrte sich Jos zum Feuer und stützte sich mit dcni Arm gegen die Wand. Er sah in die Flammen, die im Kamin loderten, und auch auf den Zinntopf, in dem das Eichkätzchen ihm aus Brotstücken mit Kartoffeln ein Abendbrot bereitete. In dem Zwielicht, das die Flanunen des Kamins warfen, hob sich das scharf geschnittene Gesicht des Haus- Vaters deutlich ab. Mit gefaltcncn Händen und aus- gestreckten Beinen, den Rücken zurückgelehnt, saß er da. In einer Ecke, auf einem Haufen Lumpenz lag der„hungrige" Mann, der diese Schlafstelle umsonst benutzen durfte; auch die großen, dunklen Augen des Eichkätzchens wurden von den Flanimen grell beleuchtet. Man konnte das Eichkätzchen wohl nicht mehr länger als Kind ansehen, und in diesen schwarzen Augen lag eine tiefe Leidenschaft, die ihr wohl eines Tages recht gefährlich werden konnte. Nach kam die Leidenschaft bei ihr nicht zum Ausdruck, wohl aber zärt- liche Mutterliebe, wie sie wohl ein Kind zu ihrer liebsten Puppe oder ihrem Schoßtierchen haben mag, gab ihnen Wärme. Sie wandte sich Jos zu, und als sie sein Gesicht sah, bemächtigte sich ihrer bange Sorge. Man konnte leicht erkennen, daß er wieder getrunken hatte, und das Eichkätzchen war seinetwegen tieftraurig. Sie strich sich das kurze, dicke Haar, das ihr ins Gesicht fiel, zurück und stellte den Topf mit der Suppe auf'einen Tisch. Jos folgte ihr. Während er sein Abendbrot aß, stand sie schiveigend an seiner Seite. Ihr Anzug ging ihr nicht weiter als bis an die Knie. Eine Schürze und ein kleines dreieckiges Tuch vcr- vollständigten ihre Toilette. In ihrer ganzen Erscheinung lag etwas Fremdländisches; sie sah italienisch und nicht eng- lisch aus. „Wie geht's mit Deinem Knie?" fragte sie Jos. „Noch immer steif." „Laß mich sehen". Sie kniete auf den Fußboden«nb krempelte sorgfältig das Beinkleid bis über das Knie hinauf. Das Taschentuch hatte tief in das Fleisch eingeschnitten. Sie konnte es jedoch nicht lockern und rannte rasch in die Küche. Als sie»nieder zurück kam, war Jos mit seinem Abendbrot fertig und hatte sich mit dem Kopf auf den Tisch gelegt. Wiederum kniete sie nieder und stellte dabei ein Becken mit heißem Wasser neben sich. Mit einer wunderbaren Geduld'badete sie behutsam das Knie. Jos ließ seine Hand auf ihren Kopf fallen, wobei sie ganz rot wurde. Wohl eine Sekunde lang sah sie ihn mit ihren großen dunklen Augen an, dann zog sie leise seine Hand weg und fuhr in ihrer Arbeit fort. „Ich»vill Dir schlafen gehen helfen," sagte sie, nachdem sie sein Bein wieder mit einem Stückchen Leimvand verbunden hatte. Sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihre Schultern stützend, stieg Jos die Treppe hinauf. Oben in seiner Dach- kammcr angekommen, sagte er ihr gute Nacht und warf sich dann auf das Bett. Er lvar zu müde, um sich erst auszu- kleiden, und vom Trünke zu benommen, um noch zu wissen, ob er sich in- oder außerhalb des Bettes befaird. Er hatte nicht so viel Geld mehr, um am folgenden Morgen nach den Tabakdocks fahren zu können, und dachte daher bei sich, daß es besser wäre, in St. Ms oder in den London Docks Arbeit zn suchen, als den weiten Weg bis Tidal Basin zu machen; außerdem wollte er auch seine Kameraden in den Victoria Docks nicht gern wissen lassen, daß er kein Geld mehr habe und er hielt es daher für richtiger, wiederum unter ganz Fremden anzufangen. Er ging nach den Vittoria Docks, und als hier die Glocke läutete, zum Zeichen, daß das„Anstellen" der Leute jetzt be- ginnen solle, war der Ansturm der Tausende, die Beschäftigung suchten, so stark, daß Jos fast hochgehoben wurde. Von dem andrängenden Menschensttom wurde er mit fortgezogen und in einen breiten Hof geschleppt, in dem ein Unternehmer Leute annahm und ein Inspektor über die Interessen der Ge- sellschaft wachte. Für Jos boten sich an diesem Morgen keine Aussichten. Ein Ostwind strich herauf, und es lagen daher nur wenig Schiffe im Hafen. Ein andermal konnte er vielleicht eher Arbeit finden, aber auch das war nicht wahrschemlich. Denn unter einer großen Menge von Bummlern, Eckenstehern und Dieben war er ganz auf sich allein angewiesen; er hatte keinen Freund, der ihm helfen konnte. Auch zeigte sein Gesicht bereits jenes aufgedunsene Aussehen, das auf Un- Mäßigkeit schließen läßt, und die Kleider hingen in Fetzen um seine kraftlosen Glieder. Es schien nicht mehr der Mühe wert, ihn in Arbeit zu nehmen, und die Aufseher gingen regel- mäßig an ihm vorbei, ohne ihm eine Arbeitskarte zu geben. Als nun endlich die Glocke zu läuten aufhörte, wanderten die Beschäftigungslosen nach anderen Stellen, an denen Arbeiter während des Tages angenommen wurden. Jos ging an das — 71 fünfte Thor. Hier stand er den ganzen Vormittag und sah, wie die Leute auf das Staket kletterten, wenn ein Unter- nehmer des Weges kam, um die Arbeitskarten, die dieser durch das Gitter reichte, rascher greifen zu können. Es wurde ihm klar, daß Arbeit hier nur durch körperliche Kraft erlangt werden könne, und daß, so lange sein Bein nicht wieder ganz gesund sei, er hierzu keine Aussicht habe. Da seine Taschen vollständig leer waren, ging er in das Asyl und Vertrieb sich den Rest des Tages damit, daß er mit ein paar anderen Gästen, die ihm einige halbe Pence geborgt hatten,„Mann oder Frau" spielte. XIII. Wochen und Monate waren vergangen. Bisweilen glückte es Jos, daß er in den London Docks oder in St. Kits Arbeit fand, aber es war immer nur ein Zufall, wenn er ein paar Schillinge verdiente, und wie alles Un- gewisse, war dieser Verdienst für Jos auch von demorali- sierender Wirkung. Einmal holte er seinen Anzug aus dem Leihhause und er nahm sich vor, seine schöne Methodistenbraut zu besuchen. Aber ehe er noch ihre Wohnung erreicht hatte, kehrte er wieder um. Er fürchtete sich, Mrs. Elwin entgegen zu treten, und er hatte Angst, daß Polly ihn wiederum fragen würde: „Jos, hast Du noch keine Arbeit gefunden?" Er hatte seinen Schatz nicht vergessen, aber der Gedanke an Polly rief in ihm schmerzliche Erinnerungen wach, und daher befaßte er sich nicht gern mit ihr, obwohl gerade die Erinnerung an sie ihn vor noch tieferem Sinken abhielt. „Sie hatten sie nicht lange draußen, mein Herr", sagte am nächsten Tage die alte Inhaberin des Pfandladens zu ihm, als er die Kleider wieder zurückbrachte. Auf einmal schien ihm die Erkenntnis zu kommen, daß er seinen Anzug doch nicht mehr brauchen würde; er nahm ihn der Frau wieder weg und ging damit nach Houndsditch, wo er ihn auf dem„Alten Kleidermarkte" verkaufte. Das Geld, das er dafür erhalten hatte, brannte ihm in der Tasche, und er konnte es nicht rasch genug los werden. Er forderte daher das Eichkätzchen auf, ihn des Abends in ein Konzert zu begleiten. Sie hatten Plätze im Parterre, und das Eichkätzchen war so aufgeregt, daß sie sich bis zur Bühne vordrängte. Die Arme auf die Rampe gestützt, schien sie die Musik förmlich in sich aufzusaugen. Mit ihren großen brennenden Augen folgte sie jeder Bewegung der Tänzerinnen; jeden Refrain sang sie mit, und mit Händen und Füßen schlug sie den Takt zur Musik._(Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) HAfemnuk. Meister Lampe hat jetzt, nachdem die gefahrlosen Tage der Schonung verflossen sind, wieder vollauf Gelegenheit, glänzende Proben seiner Schnellfützigkeit abzulegen. Wo er nur einen Menschen, sei es mit, sei es ohne Feuerrohr, zu Gesicht bekommt, läuft er. was das Zeug hält, und scheint damit aufs neue das allgemeine Urteil zu bestätige», daß er ein ausgemachter Feigling ist. Die Worte „Hasenfuß",„Hasenherz",„Hasenpanier" drücken dies genugsam aus. In Wirklichkeit aber ist er besser als sein Ruf, den» wenn er auch die goldene Regel befolgt: Weit davon, ist gut vorm Schuß— so gi'cbt eS doch Beispiele dafür, daß auch er des Mutes nicht völlig bar ist. Selbst dem Jagdhunde, seinem grimmigsten Feinde unter den Tiere», wagt der Hase zuweilen Widerstand zu leisten, wenn er in die Enge getrieben ist. So berichtet ein Waidmann in einer öst- reichischen Jagdzeitung, wie er es mit ansah, daß ein junger Hühner- Hund einen angeschossenen Hasen verfolgte, ihn beim Einholen nicht erfaßte, sondern verbellte. Der Hase mochte merken, daß es dem Hund an Mut fehlte, sprang auf ihn zu, schlug ihn mit den Vorder- laufen ins Gesicht und trieb ihn in die Flucht, so daß dieser, den Schwanz zwischen die Läufe geklemmt, bei dem Jäger anlangte und nicht zu bewegen ivar, den Hasen ferner zu verfolgen. Daß der Fall nicht ganz vereinzelt dasteht, beweist die Beobachtung eines anderen Jägers.„Auch ich sah." be- richtet dieser,„wie ein laufkrank geschossener Hase sich dem Hunde, der ihn fassen und apportieren wollte, Männchen machend entgegen- Stellte und auf den Hund losging, um ihn mit den Vorderläufen zu chlagen. Der Hund, weiche» Temperaments, sah den mutigen Hasen erstaunt an, ließ ihn sitzen und machte Kehrt. Erkennt ein alter, erfahrener Hase, daß ihm ein Hund nicht zu schadeil vermag, so wird er geradezu dreist. Die Kettenhunde der Bauenigehöfte halten im Winter Meister Lampe durchaus nicht ab, in den Garten zu dringen und sich an den Kohlstauden in aller Gemütsruhe gütlich zu thun. So war Lenz mehrfach Zeuge davon, daß Hasen so nahe an den angcfcsselten Hunden vorbeischlüpften, daß ihnen der Schaum der erbosten Tiere auf den Pelz spritzte. Ja, förmlich auf drin Kopf tanzt der Hase dem Hunde herum, sobald er 4_ erst an seine Gcsellsibaft gewöhnt ist. Der Revierförster FuchS zu Wildcnbcrg in Ilntcrfrankcn besaß einen ausgewachsenen Hasen, der init einen: scharfen, jungen Hunde die Lagerstätte teilte und sich die Zuneigung desselben in dem Grade erworben hatte, daß dieser ihm durch Belecken seine Freundschaft bezeugte, wogegen der Hase ihn und andere Hunde durch Trommeln mit den Vorderläufen auf Kopf und Rücken oftmals sehr unsanft behandelte. Durchweg aber flammt der Mut in den Herzen der männlichen Hasenwelt auf, iveim sich die heißen Gefühle der Minne regen und es gilt, eine liebende Häsin zu erobern. Man kann es dann häufig beobachten, wie zwei, drei und mehr Hasenjttnglinge zusammen- fahren, sich wieder entfernen, Kegel und Männchen machen, wieder auf einander losrennen und sich mit so kräftigen Ohrfeigen bedienen, daß die Wolle weit umherfliegt. Hasen, denen bei diesen Weit» kämpfen die Augen blind geschlagen werden, sind keine Seltenheit. Man weiß von der Mutterliebe der Frau Häsin nicht allzu viel Lobensivcrtes zu erzählen, und doch ist auch sie mitunter der Aufopferung fähig.„Vor einiger Zeit," berichtet ein Jäger in einem deutschen Fachblatt,„bei Begehung meines Reviers sah ich in einem Gerstenfelde zwei Ncbelkrähen, die fortwährend in einer Richtung herabstießen. Als ich mich etwas näher geschlichen hatte, sah ich, daß eine Häsin die beiden Krähe» beständig verfolgte, offenbar hatte sie ihre Jungen dort. Sobald sich eine der beiden Krähen in der Nähe niederließ, kam sofort die Häsin in Eile auf die Krähe los, biß und sprang nach ihr, bis sie weiterflog, und flugs ging es dann gegen die zweite Krähe los. Dieses Schauspiel währte eine kleine Weile fort; bei eben einem solchen Ncncontrc kam mir die eine Krähe auf Schußweite und sofort streckte ich sie nieder. Merkwürdigerlveise aber ignorierte sowohl der Hase als auch die andere Krähe den Schuß; die letztere stieß wiederholt in der bezeickmeten Richtung anfs Feld herab. Mag indessen der Hase in mir willkommenen Snccurs erblickt haben oder geriet er in Wut, denn thatsächlich ergriff er nun die Offensive und die Krähe wurde derart verfolgt, daß sie es vorzog, das Weite zu suchen." Ein weiteres Beispiel von Opfermut teilt v. Thüngen mit. Beim Mähen eines Gerstcnfcldes in der Nähe von Arnstadt fanden die Schnitter beim Nieder- legen eines Schivadens ein ganz junges Häschen. Einer der Arbeiter kauerte auf die Erde und erfaßte das Tierchen bei den Löffeln. Da fuhr ans der noch ungemähten Gerste die Häsin und sprang und warf sich wiederholt an den Man», anscheinend, um ihn zu veranlassen, das Junge frei zu geben. Der Besitzer des Feldes rief dem Arbeiter zu, das Junge loszulassen, und kaum war dies geschehen, als die Häsin ebenso schnell zurücksprang, das Kleine mit den Zähnen im Racken packte und in rasender Eile davonschoß. Sogar den Wellen vertraut sich der Hase an, und zwar nicht bloß, wenn ihm die Hunde auf den Fersen folgen. Den Hasen als kühnen Schlvinimer zn beobachten, hatte Profcisor Qnistorp wiederholt Gelegenheit.„Das Jagdrevier, welches ich am meisten besuche." schreibt derselbe,„wird von einem 30— 40 Fuß breiten Flusse durch- schnitten. Auf der einen Seite desselben erstreckt sich bald in nächster Nähe desselben, bald etwas weiter von ihm entfernt, ein Wald; auf beiden Seiten des FlnsscS befinden sich außerdem teils Wiesen, teils Felder. Daß nun Hafen, welche auf der einen Seite des Flusses von den Feldarbcitern aufgejagt ivcrden, sofort auf denselben zueilen, ihn dnrchschtvimnicn und in den Wald hinciinvcchselu, ist eine ganz alltägliche Erscheinung, soivohl im Sommer als iin Herbst' und Winter. Aber ich habe es namentlich noch in diesem Winter zn ivicderholten Malen beobachtet, daß Hasen des Nachts, nur um auf der anderen Seite des Flusses zu äse», dicscu durch- schwammen und zwar in derselben Nacht zlvcimal. hin und zurück, um den Tag über im Schutze des Waldes z» sitzen, lind dies geschah nicht bei gelindem Wetter, fondern bei recht heftiger Kälte und schneebedecktem Erdboden. Der Schnee machte es eben auch inög- (ich, den Hasen nachzuspüren und zn sehen, tvie sie stets aus dein Walde direkt auf den Fluß zngetvcchselt, eine kurze Strecke an der Seite desselben entlang geivandert tvarcn und dann denselben ohne Scheu vor dem eiskalten Wasser durchschlvommen hatten. Gegen Morgen waren sie stets in den Wald zurückgekehrt. Mangel an Aesung trieb diese Hasen niemals durch das Wasser, denn eS befand sich auf beiden Seiten desselben die schönste Wintersaat."— _ Theo S c e l m a n n. KleUres Feuillekon» Zeitungen für Irre, die von solchen geschrieben und herausgegeben und andererseits auch gelesen werden, giebt es heute schon eine ganze Anzahl. In einigen Fällen werden nur die Korrekturbogen der Zeitschriften von dein Oberarzt der Anstalt flüchtig angesehen, bevor sie gedruckt werden, aber die Insassen selbst schreiben, drucken und veröffentlichen sie. Amerika hat die ersten beiden Journale dieser Art hervorgebracht; in Schottland wurde die erste Zeitung für Wahnsinnige begründet, die ein höheres Alter er- reicht hat. Der 3. Dezember 1844 ist der Geburtstag dieser eigen- artigen Form des Journalismus; an diesem Tage erschien die erste Nummer des„New Moou" im Crichto» Royal Asylnnt in Dumfries. Seit jener Zeit sind in derselben Art die folgenden Zeitungen erschienen:„Morningside Mirror" in der Edinburgher Anstalt.„Exelsior" in Perth,„Fort England Mirror" in Grahams- toivn, Südafrika,„Murthly Magazine" in Perth,„Undcr thc Dome" in London und„Conglomcrate", die dem Middlctotvn- Asyl in New Jork gehört. In gewisser Beziehung erreiche» diese Blätter das journalistische Ideal: da sie von den Lesern zu ihre», eigenen Ver- gnügen geschrieben werden, treffen sie natürlich den Geschmack des Publikums ausgezeichnet. Vier Neuntel des Lesestoffes machen Reise- beschreibungen und schwierigere Prosa-Artikel theoretischer Natur aus. Der Rest des Inhalts verteilt sich auf die einzelnen Rubriken: Humo- ristisches, Lokales, Poesien leichteren Genres, besondere Artikel über Theateraufführungen und Erdichtetes. Was bei diesen Zeitungen am meisten auffällt, ist, daß sie fast frei sind von düsteren und melancholischen Thematen. Der Arzt einer der bedeutendsten Irren- auffalten versichert, daß dies nicht etwa darin seinen Grund hat, daß solche Beitrage nicht aufgenommen werden dürfen. Nur hin und wieder kommen Gedichte oder Erzählungen vor, die von Melancholie oder krankhaftem Wahnsinn zeugen. In einer dieser Zeitschriften erschien eine Geschichte, in der ersten Person geschrieben, deren Held — zweifellos der Schreiber selbst— einen umgedrehten Kopf hatte. Natürlich muffte er infolgedessen immer nach der entgegengesetzten Richtung gehen. Dieses schreckliche Schicksal verfolgt ihn durch die' ganze Geschichte, er verliert seine Freunde, sein Geld, kurz alles, was einem Menschen wünscheus- wert erscheint; und es endet damit, daff er in Gedanken den Tod des Mädchens verschuldet, das ihn vor sich selbst retten konnte. Die Heldin der Geschichte stand am Rande eines Ab- grundcs, er stand neben ihr; plötzlich wird sie schwindlig und schwankt. Der Held stürzt vorlvärts, um sie zu retten und rennt natürlich nach der entgegengesetzten Seite. Hier bricht die Erzählung ab und endet mit folgendem Satz: Die Thore einer Anstalt für geistig Gestörte schlössen den Schreiber von seinen Freunde» und der Auffenwelt ab.... Sehen wir von derartigen Tragödien ab, so sind die Zeitschriften fast immer von Humor erfüllt. In einer findet man unter der Rubrik..Fragekastcii" folgendes: Wann wird die„Königin von Saba" die königliche Stellung des„Prinzen von Wales" anerkennen?— Hat„Marie Corelli" den Doktor wirklich an der Nase gezupft?— Warum hat„Nanji"„W. G." den Ball au den Kopf geworfen? Zur Erklärung muff hinzugefügt werden, daff die hier citicrten Pcrsön- lichkeiten nicht etwa die unter diesem Namen bekannten sind. Es sind vielmehr solche, die an Gröffenwahn leiden und sich diese Titel beilegen und eben aus diesem Gnmde in die Anstalten gebracht sind.' Ein Schreiber im„Fort England Mirror" erzählt, warum er in eine Anstalt gekommen ist:„Ich lernte eine junge Witwe mit einer erwachsenen Stieftochter kennen und heiratete die erstere. Dann heiratete mein Vater, der auch verwitwet war, meine Stieftochter. Dadurch wurde meine Frau die Schlvicgcrmutter ihres Schlvicgervatcrs. meine Sticf- tochter wurde meine Mutter und mein Vater mein Stiefsohn. Dann bekam meine Stiefmutter, die Stieftochter meiner Frau, einen Sohn. Dieses Kind ivar, da es meines Vaters Sohn war, mein Bruder. Er lvar aber auch der Sohn von meines Weibes Stieftochter, also ihr Enkel. So wurde ich der Groffvater meines Stiefbruders. Dann bekam meine Fran einen Sohn. Meine Schwiegermutter, die Sticsschivcstcr meines Sohnes, ist also seine Grvffmutter.>veil er das Kind ihres Stiefsohnes ist. Mein Vater ist der Schivager meines Kindes, den» seine Stiefschwester ist seine Fran. Ich bin der Bruder meines eignen Sohnes, der auch das Kind meiner Stiefgroffmiitter ist. Ich bin meiner Mutter— Schivager, meine Fran ist die Tante ihres eignen Kindes, mein Sohn ist meines Vaters Neffe und— ich bin mein eigener Groffvater.... Und nachdem ich diese VcrivandtschaftSgrade in unserer Familie siebenmal täglich unseren Freunden auseinandergesetzt hatte, ivar ich nach vierzehn Tagen so ivcit, daff ich aus eigenem Antrieb hierherkam. Ein anderer erklärt, daff er vor seiner Schloiegermntter nicht Ruhe fand und deshalb hierher geflüchtet sei; er wolle die Acrztc so lange als möglich täuschen. Wieder ein anderer macht ausfindig, daff es immer das Schicksal wirklich bedeutender Menschen gewesen ist, von ihren Zeitgenossen verkannt oder schlecht behandelt zu werden, und darum wäre er nun in der Anstalt.„Die Dick- köpfe und beschränkten Leine sind eifersüchtig darauf, daff ich zuerst entdeckte, daff wir civig leben könnten, wenn Ivir statt auf den Fiiffcn auf den Köpfen gehen würden."— Theater. oe. Schillertheater. Man mag über SndermannS „Ehre" schelten, soviel man will, wirksam bleibt dies Schauspiel. Es ist ja vollkommen richtig, was die Leute über das sarkastische Gerassel des Grafen Traft und über das ebenso volltönende wie erbärmliche Pathos des Helden Robert Hcinicke zu sagen wissen. lind dennoch bleibt es ein Unrecht, diese Gestalten und die bekannten Typen ans Vorderhaus und Hinterhaus mit Kotzebues Schemen auf eine Stufe zu stellen. Sudermann hat immerhin, wenn auch mehr als Theatraliker denn als Dichter, ins volle Menschenleben hinein- gegriffen und Hebel bloffgelegt,»m die sich die Thcaterlcutchen bis dahin ängstlich herumdrückten. Und das ist auf jeden Fall ei» Verdienst. Trotz seines zehnjährigen Alters wirkte das Stück denn auch bei der vorgestrigen Ausführung im Schillcrtheatcr in voller Frische, und eine gute Darstellung half auch an dieser Stätte den Erfolg vervollständigen. Vor allem kam die Stiinnmng des Hinterhauses vortrefflich zum Ausdruck. Herr E y b e n und Frau Werner als Ehepaar Heinicke, sowie Fran Grete Meyer und Herr S ch m a s o w als Tochter und Schwiegersohn verdienten sich Auerkennnng, weil sie bei aller Derbheit in der Darstellung sich hüteten, allzu dick aufzu- tragen. Ein biffchen farblos ivar die Alma von Fräulein R ü g- h a m m e r dargestellt. Herr B a ch spielte den schmerzbewegten Robert möglichst glaubwürdig und ebenso wuffte Herr P a t r h die Figur des Grafen Traft mit Geschmack zu verkörpern. Sehr sympathisch gab Frl. Wulf die ans der Art geschlagene Tochter des Kommerziell- rats, während dieser in Herrn P a t c g g einen tüchtigen Darsteller fand.— Musik. Als das Ceniral-Theater mit der französischen Operette„Die Puppe" einen schönen und dauernden, wenngleich nicht eben weiter- greifenden Erfolg hatte, konnten wir uns freuen, daff auf diesem Gebiet wieder einmal ein musikalisch dramatischer Fortschritt zn ver- zeichnen war. Als dann das Mctropol-Theater mit einem„Berliner Vaudcville", dem„Wilden Meier", eine neue, lokal begründete Variation des halb musikalisch dramatischen Spiels einzuführen ver- suchte, mit nicht eben gründlichem Erfolg, mufften wir bedauern, daff der fruchtbare neue Boden nicht entsprechend vcrwcrtt worden war. Als endlich dasselbe Theater einen ähnlichen Boden besser verwertete, als es mit seiner heute noch erfolgreichen„heiteren Revue"„Berlin lacht" einen Griff ins Natürliche that: da konnten wir uns freuen, an dieser Stelle einen Ersatz für die anderswo so schwer zu über- windende Künstlichkeit zu finden, auch wenn es hier wiederum genug Rückfälle ins Konventionelle gab, durften jedoch mit der Frage schlieffen:„Was aber nanu?" Und als das alte„Alexanderplntz-Theatcr", dessen Bedeutung die Pflege einer lokalen UnterhaltungSkuust war, sich in ein „Victoria-Theatcr" umwandelte und sich am 11. d. M. mit neuem Aufraffen dem Publikum vorstellte, da hofften wir, auf jene Frage eine erfreuliche Antwort und zn den bisherigen Versuchen einer urwüchsigen musikalischen Dramatik die richtige Fort- setznng zu finden. Allein schon die Wahl eines fran- zösischen Vaudcvillcs, auf dessen Pariser Erfolg hingclviesen ward, zerstörte diese Hoffnungen. Das Stück der Herren H e n n e q u i n und Mars, übersetzt von Bolten- Bäckers, heifft„Die weihe Henne"(wozu in gewohnter und für unsere AuslandSsucht kennzeichnender Weise die französischen Worte„Im ponle blanche" eingeklammert werden), könnte aber ebenso gut tausend andere Titel haben. Pariser Hochzcitsreiscnde kommen nach Korsika und werden dort in tolle Verwickelungen hinciiigezogcn. die sich aus einer alten Vlntrachc-Angclcgcnheit ergeben. Die Tcxtinache ist von der bekannten Art solcher Stücke und weder allzu un- vernünftig, noch allzu vernünftig, jedenfalls luftig genug, daff der eifrige Direktor auf einen äuffercn Erfolg rechnen kann. Die Musik ist von V i c t o r 3t o g c r; sie bringt nicht eben einen neuen Schritt vorwärts«nd bietet nicht gerade viel. Immerhin zeigte im ersten Akt ein Terzett eine ganz hübsche Geschicklichkeit der bühnenmusikalischc» Mache, und im zweiten Alt hat ein Couplet „eingeschlagen". Die alte Singspiel- und Vandcville-Art des Hinein- stückelns der musikalischen„Pieccii" in den Text, über die uns jene eingangs erwähnten Werke wenigstens cinigermaffen hiiiaukzusühren versucht hatten, ist hier unangetastet geblieben. Die Aufführung war bezüglich Regie und Hauptrolle zunächst getragen von Rciuhold Wellhoff, dessen Sprach- und Bc- wcgu'ngsgewandthcit wieder anfs amüsanteste wirkte, und dessen gle'gielunst sich in dem flotten, vielleicht manchmal gar zu flotten Zulamnienspicl, in welchem wohl jedes an seinem richtigen Platze. war,' belvährte. Unter den übrigen ragte Käthe Meyer durch ihren schönen Gesang um so mehr hervor, als sonst die gesangliche Seite der Anffühnmg manche Geduld des Hörers verlangte. Aber auch Georg Braun nne Leonora Boje sind als Ausnahmen davon zu nennen, diese auch noch als treffliche Darstellerin ihrer allerdings sehr dankbaren Stolle. Die Premiere fand mit dem verschiedcntlichcn, in einem solchen Fall aufzubictenden Dnnn und Dran statt: mit Blumenspenden für Publikum und Darsteller, mit einem Festmarsch, mit cineni von Direktor E. E in m e r i ch eindrucksvoll gesprochenen Prolog und mit den durch den AeifallScrfolg gerechtfertigten Bedankungcn, an denen auch Kapellmeister F. L e h n e r und noch zivci Herren— wohl der Komponist und der Ilcbersetzer— teilnahmen. An der Neueinrichtung des HauscS war viel gearbeitet worden; fehlt nur noch die Sorge für ein leichteres Cirkulicren des Publikums an den Eingängen und Garderoben. Die Berliner Bergnügnngs- räume sind von der Baupolizei unabhängiger, als es anderswo der Fall ist; um so— sagen wir fortschrittlicher wäre eS, wenn die Uuternehmcr ungezwungen das Ihrige thätcn.-» er. Geschichtliches. — lieber die Frage, wann die S l a v e n nach Nord» d e u t s ch l a n d eingewandert sind, hielt der schwedische Forscher Montclius aus dem Anthropologen-Kongrch einen Vortrag. Wie wir einem Bericht der„M. A. Z." entnehmen, suchte er aus den Gräbern die Urgeschichte Nord-EuropaS zu ermitteln und zu zeigen. daff seit dem Anfange der jüngeren Steinzeit in Skandinavien und in Norddcutschlaud dasselbe Volk gelebt habe, was für die Bronzezeit und auch noch bis zur jüngeren Eisenzeit der Fall ist. Die Ostsee ist keine Scheide der Völker, vielmehr wirkt sie völkerverbindend. Diese Funde, durch die eine solche Uebereinstinmiuug der Belvohncr der Nord- und Südküste der Ostsee ethnisch begründet wird, hören nun Plötzlich aus »m das Jahr 300 nach unserer Zeitrechnung: denn nun beginnt nach Montclius in Norddeutschlaud die slavische Zeit, die keine Ueberein» stimmnng der Grabfunde zwischen Skandinavien und Norddeutschlaud mehr aufweist. Das geht bis zum Ende des 4. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Man imijj also die Answanderung der Germanen ans Norddeutschland, a»S Pommern, MedTlenburg, Holstein, den Marken zwischen dem Jahre 300 und dem Jahre 400 nach Christi ansetzen. Um die Mitte des 3, Jahrhunderts komme» dann die Germanen in die Rhcingegend und im Jahre 2b0 werden die Römer am Main zurückgedrängt, ein Ereignis, das mit dieser Wanderbewegung in Zusammenhang steht, DaS 6. und 6. Jahrhundert stellt dann eine sehr niedrige Kultur in Norddentschland dar. Man hat dann die Ein- Wanderung der Wenden in diese Gebiete also vom Beginn des 3, bis zum Ende des 4, Jahrhunderts anzusetzen. In den heutigen russischen Ostsceprovinzen sind die Gernianen im ö. und 6. Jahr- hundert noch nicht verschwunden. Doch ist die Auswandernng der Gernianen auS Norddentschland für das Verhältnis von Skandinavien und Deutschland auf Jahrhunderte hinaus entscheidend gewesen. In Holstein, Mecklenburg, Pommern sind die heutigen Bewohner zum grotzen Teil die Nachkommen regermanisiertcr Slaven. Aus dem Tierreiche. ie. Der E i d e ch s e n s ch w a n z als Luftpumpe. In den Tropen wohnt eine Eidcchseugattung Lygodactylus, bei der der be- kamite Reptilienforscher Toriner kürzlich an Exemplaren, die nach dem Berliner Museum gelangt waren, eine merkwürdige körperliche Eigenschaft entdeckt hat. Bei näherer Besichtigung zeigte nämlich der Schwanz eine eigentinulichc Spitze, die so sehr den Fingern und Zehen desselben' Tieres glich, daß der Forscher schon glmlbte, es hätte sich etiva. nachdem der Eidechse gelegent- lich der Schwanz abgebrochen wäre, an dem Stumpf statt einer neuen Schwanzspitze ein Finger gebildet: solche Mist- gestalten komme» infolge von Verstümmelungen gelegent- lich wohl vor. Eine eingehendere Untersuchung aber bewies, dast der Schwanz durchaus feine normale Gestalt bewahrt hatte, Die Eidechse macht von ihrem Schwanz nämlich einen ganz außer- ordentlichen Gebranch, wie er im Tierreiche sonst vielleicht nirgend zu finden ist, indem sie ihn als Saugnpparat benutzt, um sich damit beim Klettern ans glatten und steilen Flächen festzuhalten. Dabei wirkt die Schwauzspitze wie eine Luftpumpe, Es befindet sich auf ihr eine Platte, die in doppelter Reihe mit kleinen Läppchen besetzt ist. Das Tier weih nun die Luft aus der Schwanzspitze in einer Weise auszusaugen, datz der Luftdruck von außen her die ganze Endplatte des Schwanzes fest an die Fläche anpreßt, an der sich das Tier festhalten will. Wenn die Eidechse an einer steilen Fläche in die Höhe klettern will, io wird ihr der Schwanz ftreilich wenig nützen, da sie ihn eigentlich nur als Stütze, gleichsam als Bergstock, beimtzcn kann, während dann die Finger und Zehen allein, die eben- falls mit kleinen Sangscheiben versehen find, für den nötigen Halt sorgen müssen. Anders aber ist es bei der Abwärtsbewegung, ganz besonders auf sehr steilen und gleichzeitig gelvölbten Flächen, wie sie gerade in den Aesten solcher Bäunie gegeben sind, auf denen jene Eidechsen zu leben Pflegen. Man stelle stch vor, daß die Eidechse um einen dicken Baumast, etwa von einer Banane oder von einer der großen Kandelaber-Euphorbicn rundherum klettern wollte, so würde ihr der Schwanz dabei in hohem Grade hinderlich sein. Gelegentlich muß dann doch das Tier in die Lage kommen, mit dem Kopfe nach unten gerichtet zu sein, und sonnt würde der Schtvanz nach außen heruin klappen und das ganze Tier nach Hilten ziehen, wodurch es auf den überaus glatten Oberflächen der genannten Baumarten dauernd Gefahr liefe, herunter zu purzeln. Um sich nun auf dem glatten Boden vollkommen sicher zu fühlen, muß die Eidechse sich eben auch mit dem Schwänze festhalten können, und das gelingt ihr in sehr vollkommener Weise. Kein Halbnffe kann sich nnt seinem langen Wickelschwanz fester an einen Bauniast anhänge», als unsere Eidechse mit ihrem Saugschwanz, und gerade wie man die Klettcr- ästen gelegentlich nur an ihrem Schwanz von einen« Baumast herab- hängen und sich hin und her schwingen sieht, so kann die Eidechse vermöge ihres luftpumpenarttgen Organs mit dem Kopfe nach unten frei an einem Baumast hängen und mit allen Extremitäten in der Lust schweben. Auf diese Weise kann sich die Eidechse, ohne zu springen, von einem Ast zum anderen hinüberarbeiten, indem sie sich an ihrem Schwänze aufhängt und so lange hin und her pendelt, bis sie den anderen Ast zu ergreifen verniag. Wie wichtig die Eigen- art des Schwanzes für das Tier ist, geht auch daraus hervor, daß «S stch sogar noch im Tode mit dem Schwänze irgendwo festzusaugen versucht, wie es wenigstens bei den im Berliner Museum verstorbenen Reptilien beobachtet wurde. Solche Saugschwänze bei Eidechsen waren bisher niemals aufgefallen, jetzt aber sind sie bei allen Bertreteni der Gattung Lygodactylus nachgewiesen »oorden.— Meteorologisches. t. Nochmals der blaue Sonnenstrahl, Es ist in Ster Zeit mehrfach von der Erscheinung die Rede gewesen, daß der e und der letzte Sonnenstrahl des Tages eine deutlich blaue oder grüne Färbung besitzt. Besonders vom Roten Meere aus. über der Halbinsel Sinai, wurde unlängst ein solcher tieffarbiger Sonnen- strahl beim Aufgang des Tagesgestirns beobachtet. Jetzt veröffent- licht die Londoner„Nature"' folgenden Brief des berühmten englischen Physikers Lord Kelvin, der ihr aus Aix- les- Bains unterm 27. August zuging:„Als ich heute morgen in einer Höhe von 1546 Meter über dem Meere auf dem Balkon meines Hotels stand,»nd nach dem 68 Kilometer entfernten Mont Blaue hinüber- schaute, genoß ich eine herrliche Aussicht auf die Alpen der Schweiz, Savoyen und der Dauphins, die sich klar und scharf in der Morgendämmerung gegen den Himmel abzeichneten. Der Zustand der Atmosphäre versprach mir eine Gelegen- heit, ans die ich schon seit fünf bis sechs Jahren gewartet habe, nämlich den ersten plötzlich erscheinenden Sonnenstrahl durch eine sehr klare Luft hindurch zu beobachten und festzustellen, ob er von merklich blauer Farbe iväre. Ich beschloß daher, noch eine Stunde bis zum Sonnenaufgang zu warten und wurde durch die Herrlichkeiten, die ich sah, reich belohitt. Da ich nur ungenügende Kenntnis von der Lage des Hotels mit Bezug auf die Himmels- richtungen besaß, so konnte ich zunächst nicht wissen, wo die Sonne aufgehen würde, aber nach einer halben Stunde zeigte mir die Er- scheinung rosiger Tinten zu beiden Seiten der Stelle stärksten Zwie- lichtes, daß der Sonnenaufgang jedenfalls von meinem Stand- punkte aus zu sehen sein wiirde. Etwas später erleuchtete sich die Luft in größeren Höhen durch einen fast über meinem Haupte stehenden Halbmond von Licht, der allmählich verblaßte gegen den Strom von Sonnenlicht, der hinter den Bergen aufwärts strahlte. Roch etwas später vereinigten sich die Strahlen mehr und mehr gegen einen Punkt tief unter dem Gipfel des Mont Blaue, wo die Schatten der Berge klar und klarer hervortraten. Im Verlaufe von fünf bis zehn Minuten konnte ich beobachten, wie der Vereinigungspunkt des Strahlenbündels schräge aufwärts wanderte, bis ich plötzlich ein blaues Licht auf der südlichen Umrißlinie des Mont Blaue gegen den Himmel auflenten sah, das in weniger als ein zwanzigstel Sekunde blendend weiß wurde wir ein elektrisches Bogenlicht. Länger konnte ich den Sonnenaufgang nicht beobachten, da ich kein dunkles Glas zur Hand hatte."— Humoristisches. � Taxierung. Frau:.Der neue Kunde hat den Anzug sofort baar bezahlt I" Schneider sgeringschätzends:.So?... ich dachte Wunder, was das für n feiner Kerl gewesen wär'I"— — D i e Renommier-Straße. Fremder:„Eine recht nette Straße— das muß man sagen— die schönste im ganzen Ott I" Einheimischer:„Ja, das ist auch unsfte A n s i ch t s- karteustraßel"— — Beim W u r st e n. Micherl:„Du Vater, i weiß schon, warum die Wurst a Haut hab'n." S e I ch e r:„Na, warum denn?" Micherl:„Damit die Leut' net glei vor'm Kaufen seh'n, was da— eingestopft ist"— Notizen. — Im Berliner Schau spielhause geht am 7. Oktober ein neues Lustspiel von Lubliner„Splitter und Balken" zum erstenmale in Sccne,— — Im Berliner Oper»Hause wird im Oktober als erste Novität,— wenn nichts dazwischen kommt—,„Die Grille" von Johannes D o e b b e r zur Aufführung gelangen.— — Im Berliner Theater eröffnet die französische Schau- spielerin Rejane ihr sechs Abende umfassendes Gastspiel mit der Gesellschaft des Vaudeville-Theaters am 5. Oktober. Als erste Vor- stellung werden„Ma Corwins", die dreiaktige Komödie von Meilhac, und der Einakter„1807" gegeben.— — Für die französische K u n st- A u S st c I l u n g im Akadcmiegebäude sind die Werke aus Paris hier eingetroffen. Die Zahl der Bilder beträgt 180—190. Es sind Arbeiten sowohl ans dem Salon der Cbamps Elysees, wie aus dem des Cbarnps de Mars. Zwei Drittel etwa gehören der älteren, ein Drittel der neueren Richtung an.— — Der Pferdemaler Ludwig v o n N a g c l, der als Zeichner in den„Fliegenden Blättern" bekannt geworden ist, ist im Alter von 63 Jahren in Krailing bei München gestorben.— — Edward Brandes, gegen den bekanntlich als Verfasser deS Romans„Junges Blut" vom früheren Jnstizminister Rump in Kopenhagen ein Strafverfahren eingeleitet worden war, wurde zu 200 M. Geldstrafe verurteilt,— — Sven H e d i n ist am 1. September in K a s ch g a r an- gekomnien,— — Für den Bau der Universität California sind die Pläne des französischen Architekten B e r n a r d angenommen worden, deren Baukosten sich auf 7— 8 Millionen Dollar belaufen. Die ganze Summe wird von einer Dame gegeben.— — Von den fünf Schiffen der englisch-sibirischen Handelsexpcdition, die im Sommer von England ab- gegangen ist. ging nach der«Voss. Ztg." ein Dampfer im Packeise verloren: die Mannschaft wurde gerettet. Der Seeweg nach Sibirien bis zum Jenissei, der viele Jahre benutzt werden konnte. war diesmal mit Packeis verspertt.— — Die ersten„Wolkenkratzer" sind in N e w D o r k vor gerade zehn Jahren entstanden. Die ersten dieser Gebäude waren 18 bis 20 Stockwerk hoch, dann kamen einige mit 23 Stock, dann eins mit 26 und jetzt ist sogar eins, das„Syndicate Building" fertiggestellt, das nicht weniger als ztveiunddreißig Stock- werk hoch ist.— Verantwortlicher Redacteur: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.