Nnterhaltungsblatt des Horwärks Nr. 180. Donnerstag, den 14. September. 1899 (Nachdruck verboten.) Joseph Emrer*. 17] Roman von John Law. Aus dem Englischen von I. Cassierer. Während der ganzen Dauer der Vorstellung zitterte das Eichkätzchen vor Aufregung. Jos beobachtete sie und trank sein Bier dazu. Sie waren zu einander in die seltsamsten Beziehungen getreten. Wenn man sie zusammen sah, hätte man sie wohl für Geschwister halten können, obgleich sie fremde Züge hatte, und in ihren Augen noch schwache Spuren eines sonnigeren Klimas zu erkennen waren, während er ein ganz gewöhnlich aussehender junger Engländer war. Als sie an dem er- wähnten Abend auf dem Heimwege an seiner Seite ging, schenkte er ihr fast gar keine Beachtung. Er sah sie als ein liebes, gutes kleines Ding an. das wenig besser als nichts war. Ab und zu streichelte er sie, das geschah aber in der Weise, wie wenn jemand mit der Hand über den Kopf seines Hündchens fährt. Sie schauderte jedesmal dabei zusammen, und ihr Gesicht zeigte dann einen mütterlichen Ausdruck, der fast lächerlich zu nennen ivar. Als was das Eichkätzchen Jos ansah, läßt sich gar nicht sagen. Von dem Augenblick an, in dem er die„Penne" be- treten hatte, war sie unaufhörlich bemüht, für seine Bequem- lichkeit zu sorgen. Tag und Nacht arbeitete sie für ihn, überall ging sie ihm nach und sie bemutterte ihn in einer Weise, die geradezu komisch war. Die Arbeit, die Jos in St. Kits und in den London Docks zu verrichten hatte, war dieselbe, wie sie es in den Tabakdocks gewesen war. Fässer und Ballen hin und her schaffen, sie wiegen, Muster daraus ziehen und so weiter; das ging den ganzen Tag in ununterbrochener Einförmigkeit. Ein paar Mal wurde er auch in die Nacht- schicht eingestellt und dann erhielt er eine besondere Ver- gütnng von einem Penny für jede Stunde. Von acht Uhr abends bis acht Uhr früh mußte er dann Ballen mit Wolle auf die Böden ungeheurer Magazine befördern und von dort andere Ballen wieder mit zuriicknehmen, die in London blieben und dortigen Kaufleuten ausgefolgt werden sollten. Oft arbeitete er nicht in der Nachtschicht, denn diese Arbeit galt als eine besondere Vergünstigung, und die Leute, die zur Nachtschicht gehörten, wollten lieber vierundzwanzig, ja sogar sechsunddreißig Stunden ununterbrochen hintereinander arbeiten, als dieses Vorzuges verlustig gehen. Als aber einmal die Vorkehrungen für große Wollauttionen getroffen werden mußten, glückte es ihm doch, bei der Nachtschicht anzukommen und er hatte dann die ganze Nacht hindurch Trepp auf Trepp ab Lasten zu schleppe». Wurde dann zur Frühstückszeit die Nachtschicht abgelöst, so ging er bisweilen an die Themse hinunter, bevor er sich aus dem Weg nach dem Asyl machte. Er sah dort sehr gern die Sonne aufgehen, denn das erinnerte ihn an sein Heimats- dorf; auch die fremdländischen Matrosen interessierten ihn sehr, und ihrem Kauderwelsch hörte er gern zu. Auch die großen Schiffe, die Dampfer, die aus fremden Ländern kamen, und die Barken, die die für England bestimmten Waren ans Land schafften, erregten seine Auftnerksanneit. Mit besonderer Vorliebe aber verweilte er in den Magazinen. Da waren Speicher, auf deren Fußboden Elfenbein aufgestapelt war, ganze Zimmer, die tmt Mammutzähnen voll gestapelt waren, die mit Perlmutter angefüllt waren und so weiter. Alles dies nahm seine Wißbegier in Anspruch. Alles Erdenkliche, was überhaupt nur zu essen ging, alles Mögliche, was man über- Haupt nur trinken konnte, befand sich in diesen Magazinen. Und inmitten all diesen Reichtumes arbeiteten die hungrigsten Leute von ganz England, während man glatt gestriegelten Kaufleuten, die hierher kamen, Einkäufe zu machen, mit Erfrischungen aufwartete. Ihm erschien es eine furchtbare Ungerechtigkeit, daß Leute, deren Magen vor Hunger knurrte,' alle diese schönen Sachen nicht nur sahen. sondern sogar mit ihnen zu thun haben sollten. Warum dies emc Ungerechtigkeit sein sollte, darüber ivar er sich nicht ganz klar, und er behielt seine Gedauken für sich, denn er fürchtete sehr, daß man ihn zu leicht auslachen könnte. Der einzige, der ihm hierüber wohl Aufklärung hätte geben können, war sein Freund, der Dockarbeiter gewesen. Aber gerade den wollte er jetzt nicht besuchen, denn als er ihn kennen gelernt hatte, war er noch nicht— dem Trunks verfallen. Die Arbeit wurde knapp. Und deswegen sagte danials das Eichkätzchen zu Jos? „Wozu denn jede Nacht in der Penne vier Pence aus- geben V" Das Eichkätzchen hatte in der Nähe des Trafakgar Square Blumen verkauft und wahrgenommen, wie verschiedene Ob- dachlose dort die Nacht verbrachten. Aus Lumpen hatten sie sich auf den Steinftufea des Denkmals ein Lager bereitet und schliefen dort unter den Augen der Polizei. „Hunderte von Leuten waren gestern nacht' hier," erzählte sie Jos.„Ich hörte, wie ein„Blauer" das erzählte. Wir wollen lieber dort schlafen als in der Penne." „Sie werden uns ins Loch stecken," meinte Jos. „Nein, das werden sie nicht thun." „Von dort nach den Docks ist es aber sehr weit." „Und wenn schon, wir können ja vorher frühstücken." Wenn auch noch nicht überzeugt, so gab Jos doch nach und verabredete sich mit dem Eichkätzchcn, sie des Abends in Charing Croß zu treffen. Auf dem Trafalgar Square begegnete er einem alten Bekannten, nämlich den Zimmermann Reeson, der sich auf dem Wege nach dem Arbeitshause befand. Die Hände in den Taschen ging Reeson auf und ab. Die schmalen Lippen hatte er fest auf einander gepreßt und sein viereckiges Kinn ließ deutlich seine Knochen sehen, Knochen an denen nur noch sehr wenig Fleisch war. Sein Gesicht war ganz blutlos, und sein graues Haar stand borstenartig in die Höhe, so wie es bei Leuten der Fall ist, die sich in heftiger Gemütserregung bcsinden. Ab und zu warf er einen Blick auf feine Frau, die auf einer der Stufen, die zum Denkmal hinauf führten, saß. Die Hände in ihrem Schoß gefaltet, saß sie da und sah aus, als ob sie in ihrem Leben nicht mehr würde weinen können, selbst nicht einmal bei einem Annenbegräbnis. An ihrer Seite lag ein Bündel, das ihr ganzes irdisches Hab und Gut enthielt, ein paar alte Lumpen, zwei Plakate— den „Alten Orden der Druiden" und den„Erhabenen Orden der Buffaloes" betreffend— und die Photographien ihrer ver- storbenen Kinder. „Du hier?" redete Reeson Jos an, als er ihn erblickte. Und. dann gingen die beide» Männer den großen Platz zusammen auf und ab, ohne ein Wort zu reden, in gemessenem Schritt und ihre Blicke unausgesetzt in die Ferne richtend. Die Nacht brach herein. Reeson streckte sich auf die Steinstufe, auf der seine Frau saß, der Länge nach nieder und ließ sich ihr Bündel als Kopf- kisfen dienen. Dicht daneben, wie eine Kugel zusammen ge- rollt, lag das Eichkätzchen, das keinen Blick von Jos ließ. Wagen ruid Equipagen, in denen das Publikum aus den Theatern und Konzerten nach Hause fuhr, rollten vorbei. Auf der großen Uhr von Big Ben, wie der große Turm des Parlamentsgebäudes vom Volke genannt wird, schlug es zwölf. Jetzt füllte sich der Platz rasch mit allerhand Leuten. Kräftige Schutzleute bezogen ihre Posten, um gewissermaßen als Schildwachen den Platz besetzt zu halten. Das Gesetz sagte:„Es ist jetzt Zeit, die Kneipen zu schließen", und Männer und Weiber, die kein anderes Heim als die Schnaps- buden hatten, kamen nun hierher, um auf den hölzernen Bänken, die hier standen, auf den steinernen Stufen, die zum Denkmal hinaufführen, und aus den Fliesen, die den Platz bedeckten, die Nacht zu verbringen. Verschiedene hatten Sack- leinwand und alte Decken nütgebracht. Andere breiteten alte Zeitungen aus und hüllten sich in Annoncen-Beilagen ein. Wenige waren so glücklich, in kleinen Zelten, wie sie die Elektricitäts- arbeiter bei Verrichtung ihrer Arbeiten aufschlagen, Zuflucht zu finden, und darinnen hatten sie ihre Kinder und ihr bißchen .Krimskrams untergebracht. Sechshundert von der Gesellschaft Ausgestoßene hatten hier endlich ihre Nachtruhe gesunden, und als Jos hier auf und ab ging, hörte er weiter nichts als schweres Atemholen; nur das Husten einiger unglücklichen Schivindsüchtigen oder das Weinen eines Kindes, das wohl glauben mochte, seine Mutter habe es in einem fremden £nrtbe ganz allein gelassen, unterbrach von Zeit zu Zeit die nächtliche Ruhe. Jos schritt auf das Becken des einen von den beiden Springbrunnen, die ans dem Platze stehen, zu und betrachtete darin den Wiederschein der Sterne. Als ob das Weltall nichts mit der Erde zu schaffen hätte und sie ihrer Kleinheit wegen verachte, als ob die Sterne sich über die Menschen lustig machen wollten, schienen sie hin und her zu tanzen. Er blickte zu den Sternen empor; sie waren in weiter Ferne und jedes Gefühles bar. Und jetzt lachte er; ein bitteres Lachen, das von Nelsons Denkmal»viderhallte und dann unter den Säulen der National- Galerie erstarb. Ein Schutzmann, der durch das Geräusch herbeigerufen wurde, sprach ein paar Worte, daff die Vagabunden doch lieber etwas vorsichtiger sein möchten. Jos drehte sich um und ging auf das Eichkätzchen zu. Er fühlte einen großen Durst in sich, und zwar einen Durst, den alles Wasser in den Springbrunnen nicht löschen konnte, einen Durst nach Schnaps. Den ganzen vorhergehenden Tag über hatte er nichts gegessen, imd doch war er nicht hungrig, aber er fühlte, daß er einen Schnaps zu sich nehmen müsse. Er wußte, wie das„Zeug" in sein Fleisch einziehen und wie es sein Bewußtsein ertöten würde. Das Eichkätzchen besaß noch zwei Pence. Er schritt auf den Platz zu, auf dem es zusammen- gekauert lag. Seine Augen waren geschlossen und auf seinem kleinen, blassen Gesicht schwebte ein Lächeln. Mit dem Rücken gegen die harten Steine gelehnt lag es da, und schien im Schlafen von glücklichen Träumen umfangen zu sein. Langsam ging er weiter. Als die Uhr eins schlug, sagte er vor sich hin: „Geld hat doch weiter keinen Zweck. Die Schnapsbuden sind ja schon zu." Er streckte sich der Länge nach auf eine Bank nieder, und zwar mit dem Gesicht nach unten, so daß er die Sterne riicht sehen konnte, die sich über sein Elend lustig zu machen schienen. Er schlief bald ein; als er wieder anfwachte, war sein Kopf glühend heiß und feine Hände fieberten. Er hatte auch geträumt, und zwar hatte er seinen alten Pfarrer, John Datchctt, gesehen, wie er an einem offenen Grabe stand und aus einem Gebetbuche vorlas. Jemand hatte gesagt, man sollte doch einmal auf den Sarg sehen, und als er einen Blick in die klaffende Grube, die seine einzige Verwandte auf Erden, seine Mutter, umschlossen hielt, geworfen hatte, da habe er.. Schaudernd war er dann aufgewacht. Vom Big Ben schlug es fünf, und die schwarze Finsternis machte der grauen Morgendämmerung Platz. Immer deutlicher wurden die umstehenden Gebäude erkennbar und auch Big Ben mit seinem großen Zifferblatt wurde sichtbar. Das Eichkätzchen kam zu ihm heran. „Es ist Zeit zu frühstücken." Seine Glieder waren so steif, daß er nicht aufrecht stehen konnte. Die Feuchtigkeit war in seine Gelenke geschlagen, denn der Hunger hatte ihn geschwächt und der Schnaps hatte seine Muskeln erschlafft. Nur niit großer Mühe konnte er dem Eichkätzchen folgen, und während dieses zwei Tassen Kaffee und zwei Scheiben Brot und Butter bestellte, wärmte er sich an einem Kohlenseuer. Vor einem Zelt, in dem ein alter Mann für einen Penny Frühstück verkaufte, drängte sich eine Menge Leute, die bereits seit früher Morgenstunde thätig waren, Arbeiter, Blumenmädchen und ein heruntergekommener Gentleman standen hier und aßen ihr Butterbrot, zu dem sie schwachen Theo oder Kaffee tranken. „Wer bei mir einmal eine Tasse getrunken hat, kommt sicher wieder. Guter Thee und Kaffee. Beste Qualität" hatte der alte Mann an sein Zelt angeschrieben, und sein Esel rieb seinen Kopf an seinen gutmütigen Kunden und ließ sich von ihnen dafür, daß er ihnen das Frühstück brachte, mit Brot- krusten füttern. Als der heruntergekonimene Gentlenian sein Frühstück beendet hatte, zog er gegen, die Blumen- Mädchen seinen Hut und wünschte dem alten Mann einen „guten Morgen". Sein Rock war fadenscheinig und schmierig, der Kragen, den er trug, war seit Wochen nicht gewaschen worden, aber er machte seine Verbeugung mit so vollendetem Anstände, als ob er im feinsten Salon stände; vielleicht wollte er damit zeigen, daß er es verstände, die Armut mit Würde zu tragen. Die Blumenmädchen aber lachten ihn aus. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck v-rdateu). »»TVegen fvcdjcst Vrtvttgrns vnflapfcn." Eine Dienstbotcngeschichte von PaulJohn. Marie war die Tochter eines Käthners in Westprentzen. Ms sie die Schule verließ, arbeitete sie zunächst ein paar Jahre auf dem benachbarten Gute. Dann aber zog es sie nach Berlin. Sie wollte ihr Leben nicht als„Scharwerkerin" beschließen; wer aber von den neun Schwestern einmal beim Ableben der Eltern die alte Käthe übernehincn würde, das galt noch keineswegs als ausgemacht. Marie lietz sich zwei Jahre hintereinander für die Rübenernte in einer oflpreußischen Zuckerfabrik anwerben, obgleich Erfahrene ihr die Schwere dieser Arbeit schilderten und der Pfarrer nicht unter- ließ, sie auf die sittlichen Gefahren bei dieser Thätigkeit aufmerksam zu machen. Daß das junge Ding der schweren Arbeit gewachsen war, verdankte es neben seiner starken Konstitntion vor allen Dingen dem Bewußtsein, daß keine andere Arbeit in derselben kurzen Zeit einen Gewinn brachte, der die Reise nach Verlin ermöglichte. Als sie dann das zweite Mal„ans den Rüben" zurückkehrte und auch den Verdienst aus dem Vorjahre auf der Sparbank ab- gehoben hatte, trat sie in einer für wcstprenßische Begriffe geradezu glänzenden AnSrüstnng und mit einigen ersparten Mark die Reise nach der Märchenstadt an. Auf dem Mietsconiptoir rissen sich die feinen Damen lim das dralle Ding, und Marie hatte de» Triumph, rascher als sie je gedacht, eine« Dienst als„Mädchen für alles" bei einer„Frau Kominissions- rat" zu finden. Mit dem Feuereifer, der sie bei jeder Arbeit ausgezeichnet Hatto, machte sich Marie auch an ihre neue Thätigkeit. Aber schon der erste Tag sollte nicht schließen, ohne daß ein bitterer Wcrmutstropfcn in ihren Frciidcnkelch gefallen wäre. Am Abend, nachdem die Herrschaft in dem prachtvollen Speise- zimmcr gegessen hatte, schnitt ihr die„Gnädige" zivci belegte Butter- brote und schloß dann mit einem energischen Ruck den Speiscschrank. Darauf wies sie dem Mädchen ihre Lagerstätte lind rauschte niit ihrem klappernden Schlüsselbunde davon. Nun war Marie allein. So feine Butterbrote hatte sie daheim nicht gehabt. Eins war mit Schinken belegt nnd das andere mit einem pikanten Käse. den sie noch nicht kannte. Aber zu Hanse hatten Vater, Mntter und alle Geschwister mit am Tisch gesessen, und ans dem Gute und in der Rübcncnite waren es gleichaltrige Ärbeitsgenosscn, die das durchaus nicht lukullische Mahl mit ihren Scherzen tvnrzten. Hier fühlte sie sich als die Ausgeschlossene. Zum crstenmale kam ihr die trennende Schranke zum Bewußtsein, die— nur für sie unsichtbar— im Grunde doch schon immer zwischen ihr und den Besitzenden aufgerichtet ivar. Daß man aber so deutlich sichtbar diese Schranke vor ihr aufrichtete und ihr klar machte, daß der Dienenden ein anderer Platz gebühre als der Herrschaft, schmerzte sie doch. Es war aber nicht das allein, ivas eine herbe Bitterkeit in ihr hervorrief. Wohl war es oft genug in ihrer HeimatShütte vorgekommen, daß Schmalhans Küchenmeister war; aber so lange etivns vorhanden gelvesen, hatte jeder gegessen, bis der Hunger gestillt ivar— nie hatte man ihr etwas abgeteilt. Hier jedoch herrschte Ueberfluß, und dennoch verschloß man vor ihr-- vor ehrlicher Leute Kind!— den Schrank und teilte ihr das Essen zu.... Marie weinte sich an diesem Abend satt, und als sie sich in ihr schmales Bett legte, blieben die schönen Butterbrote, ein stummer, aber deutlicher Protest gegen die unwürdige Behandlung, unberührt liegen. Im übrigen fand sich da? Mädchen mehr nnd mehr in seinen neuen Wirkinigskreis hinein; als Marie die abendliche Ein- sainkeit an einem der nächsten Tage benutzte, nm über ihren nenei? Dienst med das eigene Befinden einen Bericht an die Mutter zu er- statten, lautete er verhältnismäßig günstig. Am anderen Morgen war sie gewohnheitsmäßig in der Küche thätig, da fiel ihr auf dem Küchenschranke ein blankes Fünfzig- Pfennigstück in die Augen. Sie schob es beim Staubwischen zur Seite und ging ihrer Beschäftigung weiter nach. Das Geld konnte nur die„Gnädige" versehentlich dort liegen gelassen haben; obgleich diese jedoch wiederholt in der� Küche erschien. nahm sie von dem Geldstück keine Notiz. Marie räumte das Schlafzimmer auf, bohnte den Salon, holte ein, aber immer noch lag das Geldstück in der Küche. Als schließlich am Abend die„Gnädige" zum letztenmale die Küche verließ, ohne scheiiibar das Geld zu bemerken, wagte das Mädchen es eudlich, sie darauf aufmerksam zu machen. Erleichlert atmete Marie auf, als nunmehr die Frau Kommissionsrat das Silberstück an sich nahm. Nach Art der einfachen Leute, die ihre Briefe mit allen mög- lichen wichtigen und unwichtigen Dingen zu füllen pflege», fügte sie ihrem noch unvollendeten Briese eine Mitteitimg über do.S merkwürdige Fünfzig-Pfennigstück hinzu und schloß:„Das Wetter ist sehr schön und hoffe ich von Euch dasselbe. Viele Grüße von Deiner lieben Tochter Marie." Am DienStag in aller Frühe kam ein Brief an Fräulein Marie Lehmann an, der der Mutter eine» ganze» Sonntagnachmittag und viele Thränen der Rührung und des Stolzes über ihre Tochter in Berlin gekostet hatte. Der Pastorale Stil der frommen Ermahnungen, die sich durch das krause Durcheinander der thatsüchlic&eu Mitteiluu�cn hnyogen, war wohl aus der VornnttaIsprcdii,t in den Brief au die Tochter übergegangen. Dabei hatte die Mutter auch die sonder- bare Fiinfzig-Psennigsachc erwähnt. Sie hielt es für selbstverständlich, daß ihre Tochter sich nichts aneignen würde, was ihr nicht gehörte. Gleichzeitig aber sprach sie auch die Vermutung aus, daß die Frau Kommissionsrat das Geld absichtlich hingelegt habe, um die Tochter auf ihre Ehrlichkeit zu prüfen. Für den Fall einer Wiederholung solcher Proben empfahl die Mutter ihr einige Verhaltungsmaßregeln, die Marie sich sofort einprägte. Gewiß hatte die Mutter recht! Das alles paßte ganz zu dem Charakter der„Gnädigen", die ja iin Anfang sogar das letzte Stiickchen Brot vor ihrem Dienstmädchen verschlossen� hatte. Der erste Abend kam dem Mädchen ins Gcdächnis und in der sonst so Schüchternen reiste der Entschluß, jede zukünftige Verdächtigung und Entwürdigung zurückzuweisen. Die Gelegenheit dazu sollte bald kommen. Schon am Tage nach der Ankunft des Briefes fand Marie beim Abstäuben im Speisezimmer auf dem Büffelt abermals ein Fünfzig- Pfcnnigstück. Erregt nahm das Mädchen das Geld und lvarf es in eine cnt- fcrnte Ecke, wo es abprallte und über den Fußboden hin nach der Thür rollte, in der gerade in diesem Augenblick die„Gnädige" erschien.'(Schluß folgt.) Kleines Feurllekon. v. Diamantfelder in China. lieber die Diamanten in China hielt A. Faiivcl, der lange Zeit im chinesischen Zolldicust geivese» ist, in der Pariser Geographischen Gesellschaft eine» Vortrag, in dem er die Existenz ausgedehnter Diamantfelder in China, besonders in der Provinz Chan-Tung bestätigte. Schon im Jahre 1872 hatte er von gebildeten Mandarinen erfahren, daß die Diamanten, deren sich die Glaser in Peking und die Porzcllanarbeiter bedienten, ans der genannten Provinz stammten. Aber die Chinesen halten das Vor- bandcnsein der kostbaren Steine in ihrem Lande verborge»; sie haben schon die Invasion von Goldsuchern über sich ergehen lassen müssen und fürchten sich daher, die Anstncrlsainkcit ans diese Mincralschätze zu ziehe». Sic selbst kennen den T ininaiitschlifs nicht, sie benutzen die Steine, die sie selbst finden, kaum anders als zu Bohrcrspitzcn. Schmuckgegenstände mit Diamanten, die bei ihnen sich auch finden, kommen ans anderen Ländern. Eigenartig ist ihre Art der Diamnntgeiviumiug: Wenn im herbst die sommerlichen Regen aufgehört haben und die Bäche und Flüsse, die Diamanten führen, fast austrocknen, gehen die Landlentc mit Strohsandalen in den Bach und die spitzen Bruchstücke der Diamanten setzen sich in dem Stroh fest; glaubt man, genug zu haben, so werden die Sandalen ans einen Hansen geworfen und angezündet. Der Aschcnhmifen wird durchgesiebt und so sein Tiamantgchalt gewonnen. Da die Steine nur als Bohrcrspitzcn für sie Wert haben, werden die größeren Steine zerbrochen. Indessen erfreut sich die Dianiautgewimimig wie überhaupt der Bergbau durchaus nicht des Wohlwollens und der Förderung der chinesischen Regierung. Auch das Volk setzt sich dem Bergbau entgegen aus Gründen des Aberglaubens; es fürchtet nämlich, der Drachen, der unter der Erde schluminrrn soll, könne gestört werden und infolgedessen Erdbeben hervorrufen.— Theater. Neues Theater.„Die heilige Frau", Schauspiel von Hugo G a n s k e.— Das Stück setzte gar nicht so übel ein. Nicht als ob man hier und da die Regung einer selbständigen Dichter- kraft empfunden hätte— ach, nein! Aber man durfte immerhin hoffen, einen Mann vor sich zu haben, der sein Handlvcrk tüchtig und mit einigem Geschmack zu üben verstand. Im zlvciten Akt starb diese Hoffnung einen sanften Tod. Man sah resigniert, daß es sich wiederum ein Theaterstück der gcivöhnlichcn, nicht um eins der besseren Sorte handelte. Herr Ganske ließ sein eigentliches Motiv fallen, führte uns in ein Berliner Hinterhaus und amüsierte uns einen Akt hindurch ganz leidlich mit Sccuen ü. la Sudermann. Erst dann kehrte er wieder in die Welt zurück, in der er hätte bleiben sollen, wenn er Geschmack und einigen Geist besessen hätte. Um nichts zu versäumen. sei auch das angedeutet, >vas man optimistisch den„Inhalt" des Stückes nennen kann. Es handelt sich um einen Fabrikanten, der von einer bleichen, kränklichen, nervösen Frau übel geplagt ist. Er darf nicht rauche», darf nicht kneipen, darf keine Bücher kaufe», kurz: er be- findet sich in einem Znstand menschlichen Elends, der einen, ein aufrichtiges Erbarmen abnötigt. Schließlich unrd ihm die Geschichte aber doch zu bunt. Der Mann in ihm erivacht. Seine freie Seele will die Hörigkeit nicht länger dulden. Er Ivill sein stolzes Menschentum, das mißachtet und entwürdigt war, wieder her- stelle». In einer Sccne. die meinen vollen Beifall hat, macht er dem Weibchen de» Standpunkt klar, fährt in de» lieber- zichcr, stülpt in Vcrivegenem Trotz den Hut auf und verläßt in hrftigem Grimm sein trautes Heim. Im Parkett lächeln alle Ehe- männer verständnisvoll und beisallSinnig. Jeder weiß, daß der Rebell nun ein großes Zechen beginnen wird, und so allerlei Er- iiinerungcn an Abende, die man selbst in tragischer Stimnnmg ver- kneipte,»Verden ivach. Im vorliegenden Fall aber bleibt es leider nicht beim Kneipen. Trinken wir, sind»vir begeistert, Sprühen hohe Witzesfnukeu, Und vo>, Schönheit sind»vir trunkeul So oder ähnlich singt Bodenstedt. Der Fabrikant„von Schön- heit trunken" geht auf einen Maskenball und gestattet sich da mit einem hübscheu.Geschäftsfräulein" allerlei Dinge, die zlvnr angenehm, aber verboten sind. Er Ivird zum Verbrecher anS verletztem Rechtsgefühl. lind das ist schlimm für ihn. Es lvnltct nämlich ein cigcutiimlichcs Gesetz. Ei», Mensch kann sehr»vohl einen Raubmord verüben, ohne gefaßt zu werden. Wenn er aber auf einen Maskenball geht,»vird er immer gefaßt. Das kann jeden Augenblick durch eine lange Reihe von traurigen Erfahrungen erhärtet »verde«. Die Sache kommt also natürlich heraus und die bleiche, nervöse, kränkliche Frau stirbt eines elendiglichen TodcS. Wenn ich ans dieser traurigen Geschichte die Ehc-Moral ziehen sollte, tvürde ich sie in die Worte fassen: Vor dem Sklave»,, wenn er die Kette bricht, Vor dem freien Mann erzittere nicht. Es ging übrigens,»vie schließlich noch bcincrkt»verde», uuiß, ein Einakter vorher, den man an, besten als harmlosen Blödsinn bc- zeichnet.— E. S. Kulturgeschichtliches. — A u st c r n g c n u ß am Rhein zur R ö n, c r z e i t. Auch fern von der Hauptstadt verzichteten die Römer nicht gern auf die Genüsse einer üppigen Tafel,»vie sie seit Luknllns' Zeit sprichwörtlich gelvordcn»varcii. In der S a a l b n r g, der großen Römcrveste im Taunus in der Nähe der alten Grenzstraße(limes), sind zusainmen mit den Fußknochen von Hahnen, Ueberblcibscln von KranunetSvögelii und dergleichen Vogelkleiulvild, den,„Schild" eines Störs auch eine Meiige Austen, schalen zu Tage gekoniinc». Es ist schiver zu sagen, meint der Saalburgforschcr Jncobi,»vie die Austern,»velche die Römer am Mittclnieer»vie an der Nordsee züchteten, kraus- portiert und in genießbarem Zustande nach dem Taunus gebracht wurden. Man hat Bruchstücke von kleinen Fäßchen aus italienischen, Holze tief unten ans dem Boden römischer Brunnenschächte gc- suiidcn: vielleicht haben die Austern in solchen Behältern verpackt die lvcite Reise vom italischen Süden zu den Höhen des Tamms gemacht. Von anderer Seite werden die Saalburger Austern für britische angesehen. Es gab übrigens viele Sorten, die z. B. der Dichter AnsouinS, bekannt durch sein Lobgedicht auf die Mosel, auf- zählt. Schon Plinins(gest. 79 n. Ehr.) spricht des näheren über die An- tage von Anstcriibassins. Die Saalbnrg ist nicht die einzige Stelle im Rheinland, die uns von den Genüssen römischer Feinschmecker erzählt. Auch in anderen Liuicsscstungen, so in Altebnrg-Hcslrich, in, Kastell Wiesbaden und zu Mainz sind Austcrnschalen gestnidcn »vordcn. Unter der gallisch-rheinischen Bevölkerung fanden aber die römischen Eroberer gelehrige Schüler. Die Funde in vielen Villen, meist den Sitzen rouianisicrter Großgrundbesitzer gallischer Abkunft, legen Zeugnis dafür ab. So»vurd'e z. B. in Slolbcrg bei Aachen eine kleine Wirtsschaftsvilla gegenüber dem heutigen Stationsgebäude bloßgelegt, in deren Trümmern sich die Abfälle von Schlacht- vieh, Topsscherben, Mühlsteine und— Austcrurcstc neben einander fanden.— Völkerkunde. — Durch die Expedition,»velche die Ncu-Gnincn-Koinpaguie unter der Leitung Tappenbecks zur Erforschung des neu entdeckten Raninflusses in Kaiser Wilhelms-Land aussandte, hat auch die Völkerkunde und speciell das Berliner Muse u m für Völker- künde außerordentliche Bereicherung erfahren. Tappenbeck sammelte besonders in Poisdanihafcn an der Nordküste von Kaiser Wilhelms- Land, an der Mündung und an» Oberlauf des Kamu un- geheuere Massen kunstvoll geschnitzter und bemalter Geräte, Menschen- figure»,, Masken, Kopfstützen, Wnrfhölzer. Ruder, snuduhrförnnge Trommeln u. a„ die jetzt in, Lichthof des Musen», S im ersten Stockwerk zu vorläufiger Besichtigung ausgestellt sind. Der TlsimS der Gegen- stände ist,»vie»vir der„Nat.-Ztg." cutnehmen, derselbe»vie an der ganzen Nordküste von Hatzfeldthafcn bis Bcrlinhafen, vielleicht ist also auch der Zlvcck, über den man bestimmtes nicht in Erfahrung gebracht hat. ein ähnlicher. So ist es ans den Dörfern bei Berlin- Hafen seit kurzen, bekannt, daß es in jede», ein bis zivei einsam gelegene Hütten. Karolvara genannt, giebt, in denen längs den Wänden kleinere und größere Menschcnfigurcn und Ticrgcstalten teils aufgehängt, teils angelehnt sind. In Zivischcnrännien von einigen Tagen betritt ein Mann das Karolvara und verteilt an die geschnitzten Statuetten Speisen, Bananen, Va»i, Taro, Sago u. dergl. m. Augen- scheinlich haben»vir es hier mit Darstellungen Verstorbener zu thun, um so mehr, als auch die kleineren Maske»!, die lvegcn ihrer Klein- heit übrigens garnicht vor dem Gesicht getragen»verde» können, zu»» Andenken au verstorbene Verivandte dienen. Oft findet man solche mit kleinen Menschengestalten znsamme» an den auf der Brust getragenen Täschchen und sogar an den Kinnbärtcn befestigt. Allerdings ist dainit noch nichts von der lgroteskcn Ausstattung der Figuren, ihren, großen Kopfansatz und den Tiergestalten erklärt, die häufig auf dein Kopfe, der Stirn und dem Rücken der Menschen geschnitzt Ivird. Getvöhnlich sind eS Eidechsen, Vögel und Krokodile. Die Nase der Masken und vieler Figuren hat oft die Form eines langen, spitzen Schnabels, und bei nähere», Zusehen läßt sich nianchmal verfolgen, daß darunter ursprünglich der lange Schivanz einer auf der Stirn befindlichen Eidechse vorgestellt sein sollte. Menschliche Köpfe und die Tiere sind auch in bunte»» Durcheinander nn den Kopfstützen geschnitzt, mit niedrigeren Füsten versehene Holzleisten, ans die man während des Schlafes den Kopf legt. An der Unterseite ist meistens der fliegende Hund dargestellt nnt dem Kopfe nach unten, wie er in der Ruhe von den Bäumen herabzuhängen pflegt. Andere Kopf- stützen haben als Füße zwei bis vier nnd mehr Menschengestalten. Hier ficht man auch zum erstenmal solche Kopf- stütze», die. nach ihrer Länge zn schließen, fiir zwei Personen gefertigt sind. Die Wnrfhvkzer, mit denen Speere wie mit einem Hebel geschlendert werden, haben in der Mitte ein fiir sich allein geschnitztes Widerlager, welches verhindern soll, daß der Speer vor dein Abschleudern nach der Seite herabfällt. Dieses Widerlager besteht ans einer Kombination mehrerer Tiere, obwohl jetzt wegen der Abschleifnng der ursprünglichen Formen die Einzelheiten häufig nicht mehr erkannt werden können. An den Rudern sind auf beiden Seite» des Blattes geometrische Ornamente eingeritzt, die aber, wie es bei Naturvölkern stets der Fall ist, nicht erfnnden, sondern ans ursprünglich realistischer' Nachahmung von Tiermotiven, Menschen- gesichtern und dergl. mehr allmählich hervorgegangen sind. Z. V. läßt sich der Mäander, den man an den Seiten der Holzschüfseln ficht, ans der Darstellung des fliegenden Hundes in der schon er- wähnten Ruhelage herleite».— Physiologisches. gk. Der Ausdruck der Leichen ist von dein französischen Phhsiologeii Fere in der„Revue philosophigne" zum Gegenstand einer entgehende» Untersuchung gemacht worden, die ihn zu folgenden Ergebnissen geführt hat: Nicht alle Lebeuserschcinuugen erreichen ihr Ende, sobald das Leben aus dem Körper entflohen ist. Daß die Nägel, das Haupthaar und der Bart noch weiter wachsen, war schon den Alten bekannt.. Schwingende Bewegnugen der Wimperhaare und in den Luftwege» können noch 12 bis 14 Stunden andauern. Ist der Tod infolge von Infektionskrankheiten ein- getreten, so ziehen sich die willkürlichen Muskeln nach dem Tode zusammen und rufen Gesichtsgrimassen, Verschiebungen der Gliedmaßen, solvie das bekannte Zähneknirschen hervor. Diese Be- wegunge» werden durch die Wirkung gelvisser Toxine auf die nervösen Elemente erklärt. Die gewöhnliche Muskelstarre, die nach dein Tode eintritt, die übrigens durch Kälte aufgehalten, durch die Wärme da- gegen beschleunigt wird, bringt leine wirklichen Emotionen zum Ausdruck. Bei der sogenannten kataleptischcn Muskelstarre indessen behält der Körper die Haltung bei, in die er durch den letzten uutvillkürlichen Akt versetzt worden ist. Diese Thatsache hat man bei den vom Blitz erschlagenen Personen beobachtet, ferner bei Bergarbeitern, die bei Katastrophen flu Bergwerk vom Tode überrascht wurden, und insbesondere auch bei den Soldaten, die in der Schlacht gefallen sind; ebenso ist die Er- schcinung unter denselben Umständen oft bei Tieren wahrgenommen worden. Zur Erklärung der Muskelstarre nimmt man eine Ver- letziuig oder Reizung der Gehirncentren an, in denen die jeweiligen muskulären Bewegungen ausgelöst werden; sie rührr dagegen nicht, wie man wohl angenommen hat, von einer Verletzung des Rücken- marks her, da dieses bei vielen gefalleiien Soldaten, an denen man die Erscheinung fesigestellt hatte, gar nicht verletzt worden war.— Aus dem Tierleben. SS. Von den Spinnen macht ein Mitarbeiter der Londoner „Natnre" eine Mitteilung, die das Verhalten dieser Tiere gegen ihre Brut in ein eigenartiges Licht rückt. Bei der Entfernung einer Kork- süllung aus einer Mauer fand man eine kleine schwarze weibliche Spinne, die ihre Eiersäcke fest in den Klauen hielt und auch dann nicht losließ, als das Stück Kork, auf dem sie saß, unsanft ans den Boden geivorfcn wurde. Man mußte das Tier schließlich mit Gewalt beiseite schieben, um es bei der Wiederbenutzung des Korkes nicht zu zerquetschen. Auf gütlichem Wege ivar das nicht zu beWerk- stelligen, da es nicht von der Stelle wich, wie sehr man auch den Kork hin und her schüttelte nnd es trennte sich keinen Augenblick von ihrer kostbaren Bürde. Der Beobachter brachte die Spinne an einen sicheren Platz, zunächst aber ohne die ihr schließlich entrissene Brut. Darauf wanderte sie ruhelos hin und her, als ob sie nach etwas suchte, und fühlte sich anscheinend an ihrem Platze höchst unbehaglich. Da wurden die Eiersäcke wieder neben sie gelegt, fürs erste aber schien sie diese gnrnicht als ihr Eigentum'anzuerkennen, zeigte vielmehr einen deutlichen Widerlviklen und lief weg. Bald jedoch kchrte sie zurück nnd schickte sich nunmehr an, die Eibebälter mit ihren Fühlern und Beinen sorgfältig zn be- tasten, augenscheinlich um sich davon zu überzeugen, daß es wirklich ihr geliebtes Eigentum wäre. Als sie zu einem befriedigenden Er- gebnisie gekommen ivar, begann sie sofort, ein festes Gewebe um die Eiersäcke herumzuspiimen, sicherlich zu dem Zivecke, um sie vor eiueni nochmaligen Raube zn schützen. Manche Spinnemveibchen wagen, wie ein anderer Naturforscher mitgeteilt hat, ihre Eiersäcke am Körper befestigt mit sich herum. Wenn man eine solche Spinnen- mntter belästigt und etiva die Eier mit einem Stäbchen berübrt, so scheint sie iii ihrer Angst jeden Sinn für persönliche Gefahr zu verlieren und beginnt mit der größten Heftigkeit um die Erhaltung ihrer Brut zu kämpfen. Wenn man ihr die Brut entreißt, so zeigt sie große Betrübnis, beginnt zu suchen und bleibt auf dem Platze' ihres Verlustes, unbekümmert um ihr eigenes Geschick. Das seltsamste aber ist, daß sie ihre Eier, wenn sie ihr schließlich wieder- gegeben werden, zunächst� garnicht anrührt und augenscheinlich außer stände ist, ihre Nachkommenschaft wiederzuerkeinion. Wenn sie aber die Eierbeutel bald nach der Wegnahme wieder erhält, so befestigt sie den Schatz sofort wieder ni seiner früheren Lage. Jene Spinne begnügte sich übrigens nicht damit, ein Schutznetz um die Eier herum zu weben, sondern sie schleppte sie vor Einbruch der Rächt noch initer ein scbützendcs Blatt und legte sich selbst darauf, um dauerird zur Verteidigung der Eier bereit zu sein.— Technisches. — Nach französischen Blättern schreiten die Arbeiten am S i m p l o» t u n n e l rüstig voran. Der Tunnel ist auf 18,ö Kilo- meter berechnet und soll in 4Vs Jahren fertig sein, so daß im Durch- schnitt täglich 12 Meter vollendet werden müßten. Zwar ist diese mittlere Tagesleistung bisher noch nicht erreicht, doch lehrt die Er- fahnuig, daß mit dem Fortschreiten derartiger Arbeiten infolge der besseren Schulung, des Personals und der Vervollkommnung der Betriebsemrichtungen auch die Leistungsfähigkeit wächst, so daß die Unternehmer alle Aussicht haben, ihre Aufgabe in der gestellten Frist zu erfüllen. Der Durchstich wurde vor sieben Monaten begonnen und erstreckt sich jetzt auf 2000 Meter, was einer Tagesleistung von rund 10 Meter entspricht. Gegenwärtig beträgt diese 10.5 Meter, wovon 5,5 Meter, auf die schweizerische und 4 Meter ans die italienische Seite entfallen. Der Unterschied beruht darauf, daß man von letzterer Seite auf eine sehr harte Gneis- schicht gestoßen ist. An dem Unternehmen sind 2000 meistens italienische Arbeiter beschäftigt, die sich in achtstündigen Schichten ablösen; außerdem»verde» die bei dein Bau des Arlbergtumiels erprobten Braudtschen hydraulischen Bohrmaschine» verivandt. Der Tuuuel»vird von sämtlichen Alpentunnels die»veitans geringste Steigung haben, da sein Scheitelpuult noch nicht die Höhe von 700 Meter über Meer erreiche» soll. Einen Beiveis von den Fort- schrittcir im Tmmelbau überhaupt liefert der Umstand, daß ein Kilometer des 1871 eröffneten Ccuistuimcls sechs Millionen Franken kostete und ein Jahr Slrbeit erforderte, während die Unternehmer des Simploiituuuels sich gegen hohe Geldstrafen verpflichtet haben, den Kilometer in weniger als drei Monaten zu drei MUIione» Frauken herzustellen.— Humoristisches. — I n Kommission. Herr tz»t einem Kansinannl: »Sind die drei blonden Mädchen heiratsfähige Töchter von Ihne»?" K aufm a n n:„Nein, das sind. Töchter meines Bruders, die Hab' ich in Kommission 1"— — H in strenge r Herr. A.:»Sie, der Bezirksarzt von Lamücrg ist aber ein gestrenger Herr 1" B.:„So, Ivarum denn V" 81.:„Na, neulich hat er einen Mann wegen Kurpfuscherei angezeigt,»veil er einem Krauleu, der gerade nieste,»zur G e- n e s u» g* zurief 1" — In der Verzweiflung. Professor lzn seinem sechs Wochen alten Sprößling, der ununterbrochen schreit):„Herrgott, so s a g e mir wenigstens den logischen Grund, warum Du so brüllst 1"—' s.Meg. Huin. BI.") Notizen. — Das Residenz-Theater will als erste Novität„Jagd- frenden", die Bearbeitung eines französischen Stückes vvn F e y d e a u, am 23. September herausbringen.— — Die große Gruppe des Rünchener Bildhauers Professor Roth„Im S t e r b e u", die in der diesjährigen Berliner Knust- Anssiclluug zu sehen ist, wurde von der„Kunstgesellschaft in Zürich" für ihr neues Museum erworben. Sie sollte ursprünglich für die Müncheuer Pinakothek angekauft werden, wurde aber infolge des abfälligen Urteils eines Münchener Ltünstlers abgelehnt. Pro- fessor Roth hatte den Fall in einer auch von uns erwähnten Broschüre öffentlich behandelt.— — Zur Errichtung einer Professur für amerikanische Forschungen an der Berliner Universität hat Graf Loubat aus New Dock, der in Paris seinen Wohnsitz hat, ein Kapital von mehreren hnnderttauseiid Mark gegeben.— — Eine WuskunftS stelle für studierende Frauen, ivelche über Swdicnverhältnisse der in- und ausländischen Uni- verspäten, über Wohnung, Pensionen usw. Auskunft erteilt, ist in Berlin errichtet worden.— — In M n ii ch e n soll ein großes neues Theater erbaut werden. Man will in ihm dramatische Meisterwerke zn billigen Eintrittspreisen weiten Bolkskmsen zugänglich machen. Intendant Possart will die Leitung übernehmen.— — Als Grundlage zu einem„Städtischen K n n st f o n d s, Abteilung für Plastik", wurde in Frankfurt a. M. ein Kapital von 150 000 Mark gestiftet. Vom Reinertrag sollen hervorragende Werke der Bildhnucrknnst zur Ilnsstellniig in de» Anlagen, ans den öffentlichen Straßen nnd Plätzen der Stadt angeschafft werden.— — Dr. Max Lehma n n. bisher Assistent der sächsischen landwirtschaftlichen Versuchsanstalt in Möckern, ist als L e h r e r f ü r Tabakfabrikation vom japanischen Ministerium für Landwirtschaft und Handel auf drei Jahre verpflichtet worden.— Lercmtwortlicher Redacreur: Robert Schmidt in Berlitf. Druck und Vertag von Max Babing in Berlin.