Mnterhaltungsblait des Vorwärts Nr. 185. Donnerstag, den 21. September. 1899 (Nachdruck«erboten.) 221 Jofeptz Eoueiz. Roman von John Law. Aus dem Englischen von I. Cassierer. „So geht's." sagte Polly. indem sie den Frisiermantel ab- legte.„Es sieht sehr gut aus. Onkel Cohn." Ihre Stimme klang etwas abgespannt, und als Onkel Cohn ihr den Mantel abnehmen wollte, fiel es ihm auf, daß sie so blaß aussah, als ob sie geweint hätte. „Was ist denn los, kleines Frauchen?" fragte er zärtlich. „Was giebt's denn?" „Das kann ich Dir nicht sagen, Onkel Cohn," meinte Polly, den Kopf schüttelnd.„Du kannst es ja doch nicht der- stehen, wenn ich es Dir auch sagte. Ach, Onkel Cohn," fuhr sie fort und stand dabei auf und gab ihm einen Kuß.„Ich wünschte, ich wäre ein alter Mann wie Du, der mit dem Leben schon abgeschlossen hat, und nicht so ein junges Mädchen wie ich." Onkel Cohn gab ihr hierauf keine Antwort. Polly setzte ihren Hut auf, sagte ihm grpe Nacht und ging weg. Nach- dem die Thür sich hinter ihr geschlossen hatte, sammelte er behutsam die Haarspitzen, die auf dem Fußboden lagen. Er that sie in einen Schub, in dem sich schon mehr als eine Erinnerung an Polly befand; da lagen ein kleiner, weißer Strumpf, eine zerbrochene Theetasse und eine verwelkte Geranium-Blüte. Das blonde Haar verwahrte er dort so sorgfältig, als ob es Gold gewesen wäre. Dann ging er in das andere Zimmer und setzte sich nachdenklich aus sein Bett. Das„andere Zimmer" sah sogar noch sonderbarer aus als der Laden. Statt einer Decke hatte er seinen Rock über das kleine, niedrige Bett gebreitet; aus den Kisten lag seine Nachtmütze; sie war gestrickt und maß eine halbe Elle in der Länge und einige Zoll im llmsang. Am Feuer stand sein Abendbrot, eine Suppe, die er sich selbst zubereitet hatte. Näpfe mit Fett standen auf dem Tische neben dem Kamin 7 desgleichen halbfertige Perücken, Haarzöpse, Zangen, um Zähne auszuziehen, und Muster von anderen Sachen, die im Schaufenster ausgestellt waren. „Ja, ja, sie wird eines schönen Tages heiraten," sagte Onkel Cohn zu sich.„Sie wird einen jungen Burschen heiraten, der chr das Leben zur Last machen wird. Junge Leute wissen gar nicht, wie man eine Frau zu be- handeln hat. wenigstens nicht eine solche wie Polly ist. „Ich hätte nickst jede Frau geheiratet. Thatsache ist, daß bis Polly groß wurde, ich überhaupt nickst ans Heiraten dachte. Elwins Frau hat mir das Heiraten verleidet. Das Leben, das er bei ihr hattet� Ich glaube, sie waren noch nicht eine Woche verheiratet, als sie schon seine Schränke durchsuchte und seine Taschen umkehrte. Da sagte ich mir, wenn das schon Elwin durchzumachen hat, der ein ganzes Hans voll Mieter und eine Masse Zimmer hat, in die seine Frau ihre Nase hineinstecken kann, was würde dann erst eine Frau bei nur anstellen, in bloß zwei Zimmern, wo sie und ich enge Gesellschaft halten müßten. „Einmal Hab' ich auch schon daran gedacht, strenge Teilung Vorzunehmen. Ich dachte mir:„Ich will hestaten, und ich werd' zu ihr sagen:„Was hier ist, das gehört mir, und was dort ist, gehört Dir; es kommt nicht viel Gutes dabei heraus, Frau, wenn man die Sachen durch einander bringt. „Aber, ich möcht' wetten, kaum hätt' ich meinen Rücken gewandt und ich wär' zum erstenmal ausgegangen, dann hätt' sie meine Sachen durchstöbert und meine Taschen um- gedreht. Und wenn man erst Mutter Elwin über Religion sprechen hört! Vergangene Woche sagte sie zu mir, sie wolle sich in der Folge am Sonntag lieber mit dem heiligen Paulus als mit mir unterhakten. Die alte Schachtel hat mich zum Christen machen wollen! Mich? Danke schön. Was soll ich mit ihren vielen Worten und geringem Thun, da bleib' ich doch lieber ein Jude. „Ja, mit Polly ist es ein ganz ander Ding. Jetzt lach' ich nicht mehr über sie, wie ich es wohl früher gethan Hab', wenn sie als Baby auf meinen Knien saß und mit ihrer Puppe spielte. Ihr zu Liebe würde ich auch in die Synagoge gehen, obgleich ich mir schon aus ihrem Singsang nichts mache. Polly zu Liebe erkläre ich mich sogar bereit, zu ihrem „Gottesdienst" zu gehen. Aber wozu? Sie will mich doch nicht haben, und sie wird einen jungen Burschen heiraten, der ihr das Leben zur Last macht." Onkel Cohn erhob sich und goß seine Suppe in einen Napf. Sie war schon fast ganz eingekocht und reizte nicht mehr seinen Appetit. Er setzte sich an den Tisch, auf dem die Perücken, Bürsten und anderes Zeug lagen, und dort saß er und starrte auf sein Abendbrot. Und in seinem Herzen hatte er eine Empfindung, von der man sagt, daß alte Junggesellen sie nicht kennen sollen, nämlich„Herzweh". Nichts wollte ihm mehr rechte Freude machen, und bei sich dachte er, es würde ihm gar nicht leid thun, wemr die„Totenwache" jetzt schon käme, und ersehnte sich nach dem Kusse des Gottes Abrahams, Jsaacs und Jakobs. Plötzlich klingelte es. Er trat in den Laden, den eine Frau betreten hatte, die sich den Kopf ganz glatt scheeren lassen wollte, um ihr Haar zu verkaufen. Sie nahm auf dem Sessel Platz, aus dem Polly vor einer halben Stunde auf- gestanden war. Auch denselben Mantel legte ihr Onkel Cohn um. Dann ging er an einen Schub, um sich ein Rasiermesser zu holen. Und als er sich etwas beugte, fiel aus seinem Auge eine Thräne darauf, und noch viele Tage später war unter den Rastermessern und Streichriemen ein Rostfleck zu sehen, ein Fleck, der schließlich an dem Kinn eines Mannes ab- gerieben wurde, der mit den Worten den Laden betrat; „Bitte, rasieren." XVII. Von Onkel Cohn aus ging Polly langsam nach Hause. Sie dachte an die„Klassen- Zusammenkunft", aus der sie kam und sagte zu sich:„Wie schade doch, daß Jos kein Methodist ist." Wochen und Monate lang hatte sie ihn nicht gesehen. Bisweilen sagte Mrs. Elwin recht geheimnisvoll:„Es ist ganz gewiß nichts Gutes aus ihm geworden; denn wenn er Arbeit gefunden, hätte er sich schon längst einmal hier wieder sehen lasten." Polly wußte, daß er noch iu London war, denn jede Woche erhielt sie von ihm einen Brief 7 er gab aber keine Adresse an, und die Antworten, die sie nach der Wohnung sandte, in die er mit seinen beiden Koffern von Mrs. Elwin aus gezogen war, waren sämtlich mit dem Vermerk„Un° bekannt verzogen" zurückgekommen. „Vielleicht ist er im Arbeitshause." meinte Mrs. Elwin. Vor kurzer Zeit war von den Methodisten in der Nähe der Ratcliffer Landstraße eine„Misiionshalle für die ärmeren Klassen" eröffnet worden.„Leute aus dem Mittelstande", wie Mrs. Elwin und ihre Tochter, reichten dort Thee, und nachdem Tassen und Teller weggeräumt waren, hielten Mr. Meek und Mr. Stich Ansprachen an die Versammlung. Ganz zuletzt hatte William Ford ein paar Worte über das Thema ge- sprachen: „Kann jemand„erlöst" werden, der nicht Methodist ist?" Thränen rollten Mrs. Elwins Gesicht herunter. als der Klassenleiter von dem engen Pfade sprach, den die Methodisten wandelten, und ihrer Tochter flüsterte sie zu: „Ach, Polly, wenn ich daran denke. Du könntest einen solch gottesfürchtigen jungen Mann heiraten, der sein ge- regeltes Einkommen hat..." An all dieses dachte das schöne Mädchen, als sie um die Ecke der Commercial-Straße bog. Hier blieb sie plötzlich stehen, denn sie sah sich grade die Person entgegenkommen, der sie am allerwenigsten begegnen wollte, nämlich Joseph Coney, der sich auf dem Wege nach dem Asyl befand. Die Hände in den Taschen schlenderte er sorglos daher. Wozu sollte er sich auch wohl beeilen? Heute konnte er doch nichts mehr thun, morgen aber wollte er sehen, in den Docks Arbeit zu bekommen, und wenn ihm das nicht glücken sollte, dann wollte er wieder an den Bahnhos Charing Croß sich hin- stellen. Als er des schonen Mädchens ansichtig wurde, mußte er stehen bleiben, und aus seinem schon blassen Gesicht der- schwand jede Spur von Farbe, �daun ging er aber rasch auf sie zu und rief: „Polly!" „Jos!" Beide sahen einander sprachlos an. Er war sich seines schlechten Aussehens recht gut bewußt, denn die Zeit, zu der er mit seinen beiden Koffern in Mrs. Elwins Haus gekommen, war aus seinem Gedächtnis nicht entschwunden. Es war ihm aber so. als ob das schon wer weiß wie lange her sei. und viel Unglücks und bittere Ent- täuschungen hatte er seit dem erlebt. Eben kam er aus dem Gefängnis. Was würde wohl Polly dazu sagen, wenn sie wüßte, daß er die vergangene Nacht auf der Polizeiwache Verbracht hatte? Auf dem Gesicht des Mädchens malte sich erst Erstaunen, dann aber Abscheu. Dieser Mann hier, der in einem zerfetzten Anzüge und mit eingeschlagenem Hute vor ihr stand, dessen Stiefel große Löcher zeigten, der ein Auge mit einem schmutzigen Taschentuch verbunden hatte, wer konnte das wohl sein? War das Joseph Coney? Sie schreckte zurück, als er näher an sie heran kam und trat bis an den äußersten Rand des Straßen- Pflasters. „Nun, Polly," begann er endlich mit einer ziemlich heiseren Stimme.„Es ist so lange her, seitdem wir uns zum letztenmal gesehen haben. Hast Du mir denn gar nichts zu sagen?" „Du hast mir meine Briefe zurückgeschickt." entgegnete Polly in leisem Tone. „Ich nicht." „Dann war es jemand anders." „Aber ich war es nicht, Polly." „Du hast mich so lange nicht besucht und Mutter sagt..." „Laß', Polly," unterbrach er sie.„sei still mit diesem Unsinn." Einen Augenblick hielt sie inne und silhr dann leise sprechend fort: „Mutter meint, ich thäte nicht recht, jemanden zu heiraten, der nicht auch zu den Methodisten gehört." „Die Methodisten soll der Teufel holen," rief er heftig. „Was soll denn das bedeuten, wenn Deine Mutter fort- während von Methodisten spricht." „Ach. Jos." beschwichtigte Polly.„wenn man Dir so zu- hört, sollte man fast meinen. Du seist ein Atheist." (Fortsetzung folgt.) AnkiKe Thalfperven und ttndevv AVatfevbsuten.'i Die gewaltigen Thalsperren, wie sie in den letzten Jahrzehnten auch im Rheinstromgebiet entstanden find, werden gern als ein be- sonderer Triumph der Wasserbaulunst gefeiert. Aber auch auf diesem Gebiete kann die Neuzeit nicht de» Ruhm der ersten Erfindung be« anspruchen. So süld in der Eifel vor mehr denn anderthalb Jahr- taufenden die Römer schon in derselben Richtung thätig gewesen. Jedermann kennt die in» Altertum außerordentliche Fruchtbarkeit Mesopotamiens: sie beruhte in erster Linie auf dem großartigen Kanalisationssystem: mit dessen Verfall in der Araberzeit schwand auch der Segen des Bodens. Auch die herrlichen Brücken und Quais des Euphrat in Babylon sind aus den Beschreibungen des Herodot und anderer Schristquelle» sowie durch die neueren Aus- grabungen bekannt. Ein gewaltiger künstlicher See in der Nähe von Babylon, gespeist von den Wassern des Euphratstromes, diente als Sammelbecken für die vielverziveigte Wasserzufühning zur Hauptstadt. Wasserleitungen, oft der künstlichsten Art, selbst durch Tunnels hindurchführend, waren in den hervorragendsten Ländern der morgen- und abendländischen Kultnrwelt vorhanden. Schliemanns und Dörpfelds Ausgrabungen bei Hissarlik haben auch dort monumentale Kanalbauten zu Tage gefördert, denen gegenüber eine armselige Holzröhrenleitung aus türkischer Zeit sich ivie die Nacht zum Tage verhält. Der' vorderasiatischen Kultur steht am nächsten, der Zeit wie der Art nach, die ägyptische. Die Aegypter waren einerseits durch die Eigenart des Nils, des Schöpfers ihres Landes, andererseits durch die angrenzenden Wüsten- gebiete ganz besonders auf die Pflege der Wasserbaulunst aiigewiesen. Viel besprochen sind jene sinnreichen Stauwerke zur Regelung der Ueberschwemmung. die man auf der Insel Philä— unterhalb der letzten Nilkatarakte— aufgefunden und die nun die moderne Technik nach jahrtausendelanger Barbarei wieder in Stand setzen will. In den angrenzenden Sand- und Stein- wüsten des Westens und Ostens hat man längst die uralten artesischen Brunnen wieder aufgedeckt, welche die alten Verkehrs- straßen begleiteten. Von Aegypten hatte sich diese Brunncnart auch nach Abysstnien verpflanzt, Ivo europäische Seefahrer des Mittel- alters sie antrafen: an diese Thatsache erinnert der Name Abhssinischer Brunnen. Von besonderem Interesse ist die Stelle einer alten ägyptischen Inschrift, die uns von der Anlage solcher Brunnen erzählt und auch auf eine Art von Thalsperren hinzudeuten scheint. Hiernach wurde zur Zeit des Königs Mentuchötep eine Quelle im Wadi Hamniamat erschlossen, an der Wüstenstraße von Koptos zum Roten *) Aus der»Kölnischen Volkszeitung". Meere, Ivo ein prächtiger, eisenharter Granit gebrochen wurde. Jener König also, so besagt die Inschrift, erbohrte das Wasser auf den Bergen, die vordem unzugänglich gewesen waren für die Menschen, und öffnete so den Weg zum Reisen.„Und ich machte," so heißt eS weiter,„die Thäler zu Krautgärtcn und die Höhen zu Wasserteichen." Die einzelnen Brunnenstationen der Wüstenstraßen waren mit kleinen Forts versehen. Eine wie große Rolle auch die Bewäfferungs- anlagen in Aegypten spielten, kann die Erzählung des Herodot über den sogenannten Mocrissee lehren. Der vom oberen Nil ab- zwcigende und in den See mündende Juffufkanal stammt ebenfalls aus alter Zeit und ist jetzt noch eine Wohlthat für das Land. Durch die orientalischen Kultureinflüsse angeregt, haben auch die Hellenen an Wasserwerken Bewundernswertes geleistet. So hat man in den. letzten Jahren besonders auf dem Boden des alten Athen kunstvoll angelegte Be- und Entwässerungsanlagen entdeckt. Vor allem aber haben die Römer eine ebenso große Vorliebe wie Geschicklichkeit in der Wafierbaukunst entwickelt. Sie waren ja von Natur aufs Praktische genchtet, und in der Kunst haben sie gerade da, wo diese aufs unmittelbar Nützliche gerichtet war, die höchste Meisterschaft erreicht. Die ersten kulturellen Anregungen scheinen ihnen von den Etruskern gekommen zu sein; jedenfalls stammt die in gewaltigen Abmessungen ausgeführte Kanalanlaae der vloac» maxima, die noch heute vorhanden ist, schon aus der sagenhaften Königszcit. Es ist bekannt, daß eine Besonderheit der römischen Baukunst die oft bewnnderswcrten Aquädukte bilden, die überall im Reiche teils unterirdisch, teils oberirdisch auf kühnen Boge» oft weit durch die Lande zogen. Um in der Nähe zu bleiben� erwähne ich den außerordentlich langen, heute noch auf weiten Strecken erhaltenen Kanal, der aus dem Herzen der Eifel bis in die Stadt Köln, die alte Eoloma Agrippinensis, geleitet war und wahrscheinlich noch Weiter nordwärts, vielleicht bis Neuß, Novaesium, führte. Er versorgte die Stationen der Trier-Kölncr Heerstraße mit frischem Trink- Wasser, dann in mehrfacher Verzweigung die Villen und Ortschaften des„Vorgebirges" und die rheinische Metropole selbst. Das Wasser der Leitung, mit der sich der Duffesbach und der Stotzhcimcr Bach vereinigten, lief unmittelbar vor der Stadt wie auch teilweise auf der oberen Laufstrecke über Bogen. Ein solcher Bogen mit einem Stück des gemauerten Kanalrohrs war der bekannte Marsilstein, von dem ein Pfeiler bis 174g zu sehen war. Wir verweilen länger bei diesem Kanalbau, lveil seine Erforschung auch die Entdeckung einer römischen Thalsperrc in der Eifel gebracht hat. Während die genaue Untersuchung der Leitung selbst sich vor- nehmlich an die Namen Eick und Maaßen knüpft, hat v. Veith den Beginn und die erste Speisung des großartigen Wasserlverkes er- fori cht. Ungefähr zwei Kilometer oberhalb Urft, Haltestelle der Eifelbah», schöpfte der Kanal im Kalksteingebirge bei den sogenannten sieben Springen das erste Quellwasser. Aber es mußte auch für Regelmäßigkeit in der Wasserzuführung gesorgt sein. Und that- sächlich hat man in der Nähe der bezeichneten Stelle gewaltige, künstliche Schichtungen moosbewachsener, baumnberdeckter Felsblöcke entdeckt, die offenbar den Zwecken einer Art Thalsperrc einst gedient haben. Erst in der nachrömischen Zeit des Verfalls mögen gewaltige Hochfluten allmählich den Steindamm gelockert haben. Ein ganzes System solcher römischer Thalsperren hat man in einem anderen Teile des Weltreiches vor kurzem entdeckt, nämlich in Afrika. Nordaftika war unter römi>cher Herrschaft die Hauptkornkammer Italiens; herrliche Provinzen mit großen blühenden Städten und üppigen Pflanzungen dehnten sich von den Küsten des Mittclmeercs bis weit in das Gebiet der Sahara hinein. Erst die Hufe der Araberrosse zerstampften die gesegneten Gefilde, und die einst so fruchtbaren Ländergebiete sanken in todcSartige Erstarrung. Aber warum gelingt es den Europäern, besonders den Franzosen, nur ganz allmählich und unter unsäg- lichcr Mühsal jene alten Kulturländer zu ueuem Leben zu wecken? Ein Hauptgrund dieser Schwierigkeiten liegt in dem völligen Verfall der von Römerhand gebauten'Wasserwerke. Unter diesen nehmen nun die Thalsperren eine hervorragende Stelle ein. Im Gebiete des heutigen Tunis sind sie jüngst von zwei ftanzösi- schcn Forschern, Gauckler und Carton, gründlich untersucht worden. Besonders großartig sind die Bauten am Wadi Halluf im Süden Tunesiens. Die Wadis sind bekanntlich die in der Regenzeit an- schwellenden, dagegen im Sommer austrocknenden Flußläufe oder Flußthäler. Es ist also äußerst wertvoll für die Bodenkultur, durch künstliche Wasseransammlung das völlige Versiegen zu ver- hindern. Das genannte Wadi war durch einen Stemdamm abgesperrt; an der linken Thalseite befand sich ein Aquä- bukt, der die doppelte Aufgabe hatte, die Wasserbehälter der nahen Stadt Augarmi zu speisen und die Bewässerung der umliegenden Feldmark zu vermitteln. Man ließ es aber im Wadi Halluf wie auch in andern Wadis nicht bei einer Mauer bewenden, sondern teilte das stark abfallende Thal durch mehrere parallel laufende Sperrmauern in eine Anzahl Terrassen, die durch Schleusen mit einander in Verbindung standen. War die erste Terrasse durch das Wasser des Aquäduktes gesättigt, so kam die zweite an die Reihe und so fort. Wenn das Wasser abgelassen ivar, so ergaben die von dem abgelagerten Schlamm gedüngten Thalabschnitte das fruchtbarste Gartenland. Gerade im letzten Jahre hat man wieder eine ganze Anzahl solcher Thalsperren auf französisch-afrikanischem Gebiete aufgefunden. In andern Fällen leitete man das Wasser der Gicßbäche unmittelbar durch Gräben in die großen Wasserbehälter der Städte, um hier das kostbare Naß für die Zeit der Trockenheit aufzuspeichern. Außerdem gab eS manche von weit her geführte Leitungen, die ganz im Stile' des EifellanalS oder jenes der �.gua Llauckia in der Campagna di Roma die Wasscrzufuhr bedeutender Städte regelten. Von alters her bekannt ist der große karthagische Aquädukt; besonders gut erhalten und erforscht aber ist derjenige der Stadt Dugga sali Thugga). Dieser Aquädukt wurde aber in der Aufspeichernng und Verteilung der Wasser noch unterstützt durch andere Sammelanlagen: das vom Himmel herabströniende Wasser wurde durch Rinnen� die sich auf und an den öffentlichen Plätzen und Gebäuden befanden, in große Cisternen geleitet. Achnliche Vor- richtungen befanden sich übrigens in manchen Privathäuscrn für die eigenen Cisternen. Trefflich erhalten sind auch die ausgedehnten An- lagen im mittleren Laufe des Mcdjcrda. An ihm lagen die drei Städte Bulla Regia(bei Suk-el-Arba), Simnnttu(Schern tu beim Wadi Meliz) und Thuburnica; hier hat sich bis heute die alte Fruchtbarkeit zum Teil erhalten. Den großen Aulagen zur Bewässerung des Bodens und zur Versorgung der Städte gesellen sich»och die massenhaften Cisternen und Brunnen hinzu, die sich in den weniger zum Ackerbau gc- eigneten Gegenden finden und Trinkwasser für Menschen und Tiere lieferten. Auch solche Gegenden waren zum Teil dicht bevölkert und dienten für Kulturen, die weniger Wasser erforderten, zum Beispiel für Olivcnpflanznngen. Heutigen Tages muß in manchen Gegenden, lvie in El Tjem, der alten Hauptstadt des trnicsischen Südens, das Trinklvasser in der Gluthitze der Sommerzeit mit barer Münze bezahlt werden. Jene alten Wasserbehälter wurden meist durch Quellen, bisweilen unmittelbar durch Regcnlvasser gespeist. Meist haben die Cisternen eine runde, seltner eine quadratische Fonn und einen bedeutenden Durchmesser; eine an der algerischen Küste aufgefundene zeigt einen solchen von 51 Meter; sie vcnnochte ungefähr lö 000 Kubitnieter zu fassen. Bisweilen zeigt sich auch elliptische Form, so bei Rngga. südwestlich von El Djem. Hier sind die Abmessungen des Durchmessers 62 bezw. 50 Meter. Die Tiefe der Cisternen erreicht nicht selten acht Meter. Meist sind sie bedeckt; denn sie erhielten ihr Wasser in der Regel durch Gräben aus den Wadis. Ehe diese Gräben in den Hanptbehälter mündeten, durchflössen sie ein kleineres Klärbassin, in dem sie den mitgeführten Sand und Lehm zurückließen. Weniger zahlreich sind die offenen Wasserbehälter, die das Regcnwaffcr direkt rnisfingen; sie sind meist von kleinerem Umfange. Nur in vereinzelten Fällen dienten die Cisternen zur Feldbewässernng, so bei Ain-Zcrissa; naturgemäß fehlt hier die Vorrichtung zur Abklärung des Wassers. Die Franzosen' verbinden mit dem wissenschaftlichen Jntereffe bei diesen Nachforschungen einen praktischen Zweck. Man will die Art und Weise studieren, wie die römischen Kolonisatoren den wider- spenstigen Boden zur Fruchtbarkeit gczlvnngen haben, und gedenkt, durch Nachahmung und Erneuerung der römische» Anlagen den Wafferreichtum der Regenzeit von neuem für das Land fruchtbringend zu machen.— Kleines Feuillekon. � Die Erhaltung von Akten und Handschriften. Auf der Konferenz deutscher Archivare, die gegenwärtig i» Dresden tagt, hielt Dr. Posse einen Vortrag über die Erhaltung schadhast gewordener Akten und Handschriften und erwähnte besonders ein seit längerer Zeit mit Erfolg angcwandtes Jmpräguicrnngsverfahren. Eigenhändige Niederschriften der Klassiker des griechischen und römischen Altertums,— so führte er nach einem Bericht der.Kol». Zeitung" aus,— sind uns nicht erhallen, eine größere Zahl entstammt ab- schriftlich erst dem späteren Mittelalter. Leider sind wir mancher älteren Klassiker- Handschrist auch dadurch beraubt, daß man beschriebenes Material durch Abwaschen oder Abschaben noch einmal zum Schreiben branchbar niachte und benutzte. Man nennt solche Handschriften Palinipseste. Bei diesem Verfahren sind jedoch Reste der ersten Schrift übrig geblieben, die nlan durch Anweudung von Chemikalien(Rcagcntie») für das Auge wieder hervor- treten ließ. Auf diese Weise sind eine große Zahl der wertvollsten Handschriften zlvar entziffert, aber so geschädigt worden, daß sie rettungslos verloren gehen werden, wenn nicht baldigst an deren Reparatur herangetreten wird. Wer Gelegenheit gehabt hat zu sehen, in welch' barbarischer Weise die unersetzlichste» Handschriften, wie z. B. die GnjuS-Handschrist in Verona, die Plautus-Handschrift in Mailand, durch Anwendung von Rcagentien zerstört wurden, der muß wünschen, daß die chemischen Methoden durch solche verdrängt werden, welche die Handschriften unbeschädigt lassen, und dazu eignet sich vor allem die Photographie, die zur Entzifferung alter Handschriften bisher viel zu wenig verwandt worden ist und liei Anwendung der mannigfachen Methoden in den meisten Fällen den Gebrauch von Reagenticn über« flüssig macht. Im hygienisch-chcmischcn Laboratorium des sächsischen KricgsministeriumS lvurde nun vor sieben Jahren eine Jmprägnie- rung erfunden, um Generalstabskarten im Freien und»ament- lich bei Regenwetter benutzen zu können. Eine weitere ein- gehende Prüfung hat ergeben, daß dieses Verfahren sich nicht nur für die Erhaltung selbst der nur aus Moderrcstcn bestehenden Archivalien bewährt, sondern auch als ein Ivertvolles Schutzmittel für Handschriften anzusehen ist. Dieses Verfahren besteht aus einer Im- präguicrung der Pergamente oder Papiere mit einem selbstglättcnden 1 Lacke, Zapon genannt, der von einem Amerikaner Frederik Cläre er« fanden wurde. Zapon besteht aus einer Lösung von Kollodiumlvolle oder von Celluloid in geeignete» Lösemitteln. Diese sind: Amhlacctat, Aceton, Amylalkohol oder Mischungen von Amylacetat und Aceton. Als Verdüminngsflüsfigkeiteu werden, wenn nötig, verwandt entweder Amylalkohol oder eine Vermischung von Amylalkohol mit andere» Flüssigkeiten. Die Vcrdünnungsflüssigkeitcn sind indifferent und ver- flüchtigen sich. Infolge seiner physikalischen Beschaffenheit wahrt Zapon den Charakter der Oberfläche, der Ilcberzng ist der Natur des Cclluloids nach für die gewöhnlichen Temperaturunterschiede nicht sichtlich empfindlich, wird' nicht, wie dies bei Harzen der Fall ist, mit der Zeit trübe und undurchsichtig. Vorherige Desinfektion des Schriftstückes ist nicht nötig, da die vegetativen Formen der auf den Schriftstücken lagernden Pilze vernichtet, die sehr Widerstands- fähigen Fruchtformen(Sporen) wenigstens fixiert und am Aus- keimen gehindert werden. Mikroskopische Untersuchungen ergeben, daß durch Zapon jedes einzelne Fäserchen des Pergaments oder Papiers isoliert, umhüllt ist und die Poren beider Stoffe luftdicht abgeschlossen sind, daher auch letztere im Wasser aufbewahrt werden können, ohne zu zerfallen. Zapon bietet auch den Vorteil, daß die fast in Staubteile zerfallenen Moderstücke wieder fest werden und, selbst wenn sie wiederum in feuchte Räume gelangen sollten, nicht iveiter modern. So stellt sich die Zapon-Jmprägnierung als ein Schutzinittel dar, das den bisher gemachten Erfahrungen zufolge die Schrift der zu konservierenden Schriftstücke in leiner Weise nach- teilig beeinflußt, vielmehr vor Zerstörung durch äußere, schädliche Einwirkungen schützt und dem Träger der Schrift, dem Pergament oder Papier, wieder eine große Festigkeit giebt. den Grundstoff auch vor Eindringen von Schimmel und anderen Pilzen in die Gewebe- pore» bewahrt.— Theater. — B ü h n e n c e n s u r in England. Daß in dem„freien' England die Bühnencensur-Verhältniffc keineslvegs besser, viel eher noch schlimmer sind, als bei uns, ergiebt sich aus einem Artikel, den kürzlich der englische Kritiker G. Bernard Shaiv in einer amcrikani- scheu Zeitschrist veröffentlicht hat, und dem wir nach dem jüngsten Hefte des„Litterarischen Echo" das Wesentliche entnehmen. Danach kann in England kein Stück öffentlich aufgeführt werden, bis der Lord« Kanimerhcrr bescheinigt hat. daß dessen allgemeine Tendenz nichts Unsittliches oder ftir die Bühne Unpassendes enthalte. Dieser Beamte, von dem das Wohl und Wehe der englischen Bühne abhängt, ist in seinem Reiche unumschränkter Herr. Er selbst läßt sich aber nicht dazu herab, die ihm zur Begutachtung ein- gesandten Stücke zu lesen, sondern überläßt dies dem„ICxaminor öf Plays', einem Unterbeamten, der auf diese Weise sich zu einem der größten geistigen Machthaber in England oder in Amerika erhebt. „Andere Menschen machen Englands Gesetze; er macht das englische Drama möglich oder unmöglich, und daher auch das amerikanische Drama; denn kein amerikanischer Dramatiker kann einem Despoten Trotz bieten, der ihm durch einen bloßen Wink das Bühnenrecht für England entziehen kann, das in London allein einen Wert von Ä000 Dollar für ihn repräsentieren kann.' Shaw erklärt weiter, daß zu diesem ivichtigen Amt keineswegs litterarisch gebildete Männer ernannt werden, nicht etwa Litteratnr-Professore» und Dramaturgen; es kann niemand in einem englischen Postamt Briefmarken verkaufen, ohne eine Prüsimg bestanden zu haben, aber Examinator des Dramas kann jedermann werden, ohne irgend einen Beweis zu geben, daß er auch nur schreiben oder lesen kann. Der jetzige Inhaber des Postens ist früher Bankangestellter gewesen und bezieht nun ein Salär von ungefähr zweitausend Dollar im Jahr, außerdem aber Lescgebühren von Verfasser» oder Unter« nchincrn, von fünf Dollar für einen Einakter an aufwärts.— Mnfik. c. lieber indische Musikin st rumente wird in einem intereffanten Artikelin einer englichen Zeitung berichtet. Die Bezeich- nungen und die Behandlung der Tonleitern sind von unserer Art völlig verschieden, und ihre Melodien und Harmonien klingen unseren Ohren oft seltsam und eher wie Kakophonien. Aber wenn sie auch dem europäischen Geschmack znnächst nicht entsprechen, so entdeckt der tiefer Dringende doch, ein wie fein entwickeltes Gefühl für nmsi- kalische Werte und ein wie eigenartiger Reiz sich in ihnen offenbart. Auch die indischen Instrumente unterscheiden sich von den unsrigen gänz- lich in Ton, Form»nd Gebrauch. Was besonders auffällt, ist, wie viel liebevolle Sorgfalt und künstlerischer Schmuck auf die Ausstattung dieser Instrumente verwendet wird. Edele Metalle, seltene Holzarten, Elfenbein und Edelsteine, alles wird dazu gebraucht; ganz abgesehen von der nmsikalischen Bedeutung haben die seltsam geformten Jnstru- mente ihren großen Wert durch ihre künstlerische Schönheit. Bc- sonders eigentümliche Variasionen zeigen die Geigen. Eigenarsig sind vor allem die folgenden: Die„üachcbapi vina« hat fünf Haupt- und zwei Hilfssaitcn aus Draht und einen langen, mit Griffen ver- scheuen Hals, der mit wunderschönen Holzschnitzereien verziert ist; sie ist in getriebenem Silber gefaßt und mit kleinen Elfenbeinplatten ausgelegt. Die„miua sarang" hat eine. merkwürdige Fisch- form; sie wird lvie ein Violoncello mit einem Bogen gestrichen. Die Rückseite ist aus Kürbisstücken gebildet, das Griffbrett ist aus gebeiztem Holz, in das Elfenbein eingelegt ist. Sie hat fünf Haupt- und neun mitschwingende Drahtseilen. Die„nadesvara vina" ist eine Abart mit einem sehr langen, mit Griffen versehenen 740— Hals imb fünf Drähten; sie hat eine unserer Geige ähnliche Fori», ist mit Pergament bcbcckt und ist eine moderne, indische Anpassung an die europäische Violine. Die„rnuzam" hat vier Haupt- und 1ä mitschwingende Drahtseitcn, die über den Hals geführt sind; dieser ist breit, in Silber gefaszt und hat metallische Griffe. An dein Hals ist ein kleiner Üiirbis befestigt. Ein seltsames Instrument ist ein .magonm". das die Form eines Krokodils zeigt; es ist wundervoll in Holz geschnitzt und hat starre Augen, die aus Spiegelglas gc bildet sind.— Physikalisches. io. Den ersten ausführlichen Bericht über die Verfestigung des Wasferstosss veröfsentlicht der englische Physiker James Dcwar in der neuesten Ausgabe der Sitzungsberichte der Pariser Akademie der Wissenschaften. Es ist noch in der Er- innerung, welches Aufsehen am Ende des vorigen Jahres die Nach- richt mächte, das; es nunmehr auch gelungen wäre, das letzte bisher noch widerstehende GaS, den Wasicrstosi. aus seiner Urform in den flüssigen Zustand zu versetzen. Diese Leistung war um so anhcr- ordentlicher, als dazu die Erzeugung einer Temperatur von—240 Grad notwendig war. Damals glaubte man, dag eine niedrigere Tcm- pcratur überhaupt nicht mehr erreichbar sein würde, und nun ist es demselben Forscher, dem die Wissenschaft die Verslnssigung jenes leichtesten Gase« zu verdanken hat, auch noch gelungen. dasselbe in den festen Zustand überzuführen. Dabei ist, wie wir vorweg berichten wollen, eine Temperatur von etwa— 258 Grad erreicht worden, die also von dem sogenannten absoluten Nullpunkte der Temperatur nur noch 15 Grad entfernt ist. Schon damals, als Dewar eben erst die Verflüssigung des Wasserstoffs gelungen war, versuchte er, in einer Iveiteren Entivicklung seiner Experimente den Körper auch noch zu verfestigen, aber seine Versuche mijzlangcn und wurden fürs erste aufgegeben, um erst die Möglichkeit zur Her- stellung groher Mengen flüssigen Wasserstoffs abzuwarten. Nach- dem zu'Anfang dieses Jahres eine Reihe von Forschungen er- ledigt waren, die eine allmähliche weitere Abkühlung des flüssigen Wasserstoffs möglich erscheinen liehen, wurden die Experimente wieder aufgenommen. Der dabei angewandte Apparat hatte folgende Einrichtung: Ein kleines Reagenzglas wurde mit flüssigem Wasserstoff gefüllt und in eine gröhere ebenfalls mit flüssigem Wafferswff gefüllte Röhre eingeschlossen, letztere stand durch eine gebogene Röhre mit einer Luftpumpe in Verbindung, die ein schnelles Auspumpen der Lust ermöglichte. Wurde nun der Lust- druck über dem flüssigen Wasserstoff durch die Thätigkeit der Lust- pumpe schnell vermindert, so nuisjte der flüssige Wasserstoff außer- ordeutlich rasch verdunsten, die dadurch entstehende Temperatur- erniedrigung teilte sich dann der inneren kleinen Röhre mit flüssigem Wasserstoff mit. die dadurch eine entsprechende Abkühlung erfuhr. Im Verlaufe dieser Experimente bemerkte Dewar, daß fast immer durch den Verschluß der Röhre ctlvoö Luft iu den Apparat eindrang und in dessen Innern zu Schnee gestor, wo sie mit dem kalten Dampf des verdunstenden Wasserstoffs zu- sammentraf. Diese Thatsachc. die zunächst für eine unangenehme Störung gehalten wurde, führte schließlich gerade zum Ziel. Die durchgesickerte Lust wirkte nämlich auf den flüssigen Wafferstoff. nach- dem der Luftdruck auf unter 60 Millimeter zurückgeführt war. derart, daß sich auf der Flüssigkeit eine feste Masse bildete, die einem ge- storenem Schaum glich. Dewar glaubte zunächst, daß dieser Körper eine Mischung aus fester Lust und flüssigem Wasserstoff wäre, aber die Beobachtung, daß jener weiße Schaum trotz deS niedrigen Druckes vollständig verdunstete, ohne«ine mcrlliche Menge fester Lust zurück zu lassen, belehrte ihn eines Besseren. Durch die weiteren Untersuchringen wurde denn auch bestätigt, daß der Schaum nichts anderes war als fester Wasser- st o f f. Daß dessen Herstcllnug nicht gleich bei den ersten Experimenten erzielt worden war, lag an der damals zu schnellen Ablühlnng des Apparates, die jetzt durch die Anwesenheit der hindurchsickernden flüssigen Lust verinieden wurde. Nunmehr konstruierte Dewar noch «inen anderen vollkommeneren Apparat, dessen Beschreibung zu weit führen würde; mittels der mit diesem vorgenommenen Versuche wurde die Thatsache. daß auf dem beschriebenen Wege ivirklich fester Wasserstoff erhalten werden könnte, über jeden Zweifel hinaus bc- stätigt. Bei sehr niedrigem Drucke(von etwa 25 Millimeter) wurde der feste Wasserstoff allmählich durchsichtiger, verlor bis auf seine Oberfläche die schaumige Beschaffenheit und erschien als ein durchsichtiges Eis. Die Dichte des festen Wasser- stoffS konnte nicht genail bestimmt iverden. doch ist sie sicherlich die geringste, die je bei einem festen Körper beobachtet worden ist und zwar wahrscheinlich annähernd gleich 0,086, während flüssiger Wasser- stosf im Zustande seines Stedens die Dichte von 0,07 besitzt. Der feste Wafferstoff schmilzt, ivenn der Druck etwa 55 Millimeter erreicht. Die Temperatur deS festen Wasserstoffes ist sehr schwierig zu be» stimmen, und Dewar selbst kann darüber jetzt nur annähernde An- gaben machen. Borläufig kaini man annehmen, daß fester Wasserstoff im Zustande des Schmelzens eine Temperatur von 15 bis 16 Grad über den absoluten Nullpunkt oder von—257 oder—253 Grad C. besitzt. Die genaue Bestimmung dieser Temperatur lvird weitere schwierige Experimente erfordern.— Geologisches. — Ein Erdbeben, das am 13. September in K a p st a d t zu verspüren war. wurde auch an den seismischen Instrumenten des Geodätischen Instituts in Potsdam beobachtet. Der.Vossischen Zeitung" wird dazu geschrieben: Obwohl man im allgemeinen die Erdoberfläche in unseren Gegenden für erdbebenfrei zu halten pflegt, ist dies doch keineswegs der Fall. Natürlich sind die Beben, die von Iveit entfernten Erdbebenherden sich bis zu uns fortpflanzen, nicht für unser, hierfür viel zu wenig empfindliches Gefühl wahrnehmbar, sondern ihre Beobachtung erfordert Instrumente von außerordentlicher Feinheit. Erdbeben werden ziemlich häufig in Potsdam von den Instrumenten registriert, im Durchschnitt eins in etwa drei Tagen. Das Beben vom 15. September begann um 12 Uhr 5 Minuten 42 Sekmrden Potsdamer Ortszeit, ein stärkerer Stoß erfolgte um 12 Uhr 6 Min. 45 Sek. und der Hauptstoß trat um 12 Uhr 10 Min. 51 Sek. ein. Da die Uhr in Kapstadt 37 Min. 44 Sek. gegen Potsdamer Ortszeit vorgeht und das Erdbeben um 12 Uhr 25 Min. in Kapstadt wahrgenommen wurde, so ist der Anfang der Bewegung in Potsdam 18 Min. 26 Sek. der stärkere Stoß 19 Min. 29 Sek. und die Haupt- bewegung 23 Min. 35 Sek. später beobachtet worden. Bei einer Entfernung von etwas über 10 000 Kilometer zwischen dem Erd- bebengebiet und Potsdam haben also die verschiedenen Bebenwellen sich mit einer Geschwindigkeit von 9, 8,5«nd 7 Kilometer in der Sekunde in der Erde fortgepflanzt. Beobachtungen dieser Art geben bis jetzt die einzige Möglichkeit, über die Konstitution unseres' Erd- innern Aufschluß zu erhalten.— Humoristisches. — In der Apotheke. Lehrling:«Bitte, Herr Magister, was ist denn in der großen Flasche ohne Etikette?" Magister:.Eine Medizin, die schon vielen Leuten das Leben gerettet hat!" Lehrling:«Wieso, bitte?" Magister:«Die schicken tvir nämlich den Patienten. Ivenn wir ein Rezept absolut nicht lesen können."— — Moderne Litteratur, ,WaS steht eigentlich alles in diesem 500 Seiten starken Buche?" „Die Pflege des Schnurrbarts."— — Konservativ.«Ja, Herr Bäuchle, können Sie sich denn gar nicht für den Rad spart erwärmen?" «J bleib' beim Radisport."—(«Meggend. hmn. Bl.") Notizen. — Im Lessing- Th cater tritt Eleonora Duse am Dienstag, den 26. und Mittwoch, de» 27. d. M., in Shakespeares «Antonius und Kleopatra" als Kleopatra auf. Am Freitag, den 29.. ist die Erstausführrmg von Gabriele d'Anuuuzios Schauspiel«La Gioconda". Aus den 2. Oktober ist die Ab- schiedsvorstellung festgesetzt.— — Die Aufführung des Einakters«Um eine Station weiter" von H. A. Revek, den daS Residenz-Theater als nächste Premiere herausbringen wollte, wurde polizeilich verboten.— — Ein neues Theater soll wieder einmal in Berlin ins Leben gemfen werden. Direktor Schnabel, der von der Leitung des Belle-Allianee-Theaters zurückgetreten ist, will em Theater- Etablissement eröffnen, das rein lokales Kolorit tragen soll. Das neue Unternehmen will die Berliner Poffe früherer Jahrzehnte und das Berliner Bolksstück pflegen.— — Der bekannte Lustspiel- und Echwankdichter Rudolf Kneisel ist in Pankow gestorben. Er hat ein Alter von 67 Jahren erreicht.— — Joseph Laufs ist sehr geschäftig s er hat einen„Bor- w ä r t S"— womit Blücher gemeint ist— ans dem Leisten, ferner eine westfälische Mordgeschichte„RüschhauS" und ein Drama .Auf roter Erde" zugeschnitten. Das letztere soll«Seenen ans den Arbeiter Unruhen des JahreS 1899 in der Nähe von Dortmund, verbunden mit einer dunklen Familiengeschichte", geben.— — Die Gesellschaft deutscher Naturforscher und Aerzte wählte als Ort der nächstjährigen Geiieralversammlnng Aachen.— — In Warschau beabsichtigt die russische Regier u n g, ein— B o lkö t h e a t e r ins Leben zu rufen; sie hat für diesen Zweck 100 000 Rubel zur Verfügung gestellt.— — Der russische Schriftsteller Anton Tschechow errichtet im Kreise Ewpatorija in der Krim ein Heimatshaus für alte und pensionierte VolkSschnllehrer.— — Japan besitzt zur Zeit nur eine Universität, nämlich in Tokio; eine zweite in Kioto befindet sich in der Vorbereitung. Dem japanischen Reichstag wird aber schon in seiner nächsten Tagung die Forderung unterbreitet werden, zwei weitere Universitäten zu gründen, die eine in Knmamoto und die andere in Sendai.— — Vom 1. April 1898 bis 31. März 1899 waren im Deutschen Reiche 34 Fabriken für Spielkarten im Betriebe. Davon kommen auf Preußen 8, ebenso auf das Königreich Sachsen 8, auf Bayern 9 Fabriken. Das größte Kontingent stellen die Vereinigten Stralsunder Spielkarten-Fabriken, die im Steuerjahre 1898/99 allein 1 856 536 Spiele Karten herstellten, die fast 30 Proz. der gesamten deutschen Spielkarten-Fabrikatton ausmachten. Diese betrug im letzten Steuerjahre 6 368 556 Spiele.— Verantwortlicher Redaeleur: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.