Hlnterhaltungsblatl des Nr. 186. Freitag, den 22. September. 1899 (Nachdruck verboten.) Foseph Cottrix. 23� Noman von John Law. Aus dem Englischen von I. Cassierer. Er lachte, dann ging er näher an sie heran und sagte: «Sieh'nial, Polly, ich weiß ganz gut. Deine Mutter kann mich nicht leiden, wir müssen daher etwas thun; wir wollen zusammen auswandern. Du hast ja versprochen, nur mich oder überhaupt nicht zu heiraten. Und Deine letzten Worte zu mir lauteten:„Es wird ja noch alles gut werden, Jos." Das Mädchen wich zurück. Außer stände, noch weitere Ausflüchte zu machen, hatte sie das Gefühl, dieser Unter- Haltung ein Ende machen zu müssen, und sie platzte daher mit der Wahrheit heraus: „Ich will Dich gar nicht mehr heiraten, Josef Coney; ich heirate einen gottesfürchtigen jungen Mann, der sein geregeltes Einkommen hat." Er ergriff sie bei der Hand und sah sie wohl eine halbe Minute fest an. Dann ließ er sie los und sagte nur: „Du kleine Schlange I" Er wandte sich und setzte seinen Weg nach dem Asyle fort. Polly konnte bei seinem Weggehen noch hören, wie er lernt auflachte und vor sich hin murmelte:„Die kleine Schlange". Sie sah ihm eine Zeit lang nach; sie konnte und wollte es nicht glauben, daß dies das Ende ihrer Freundschaft sein sollte. Ihr Wunsch war jetzt erfüllt. Jos war weggegangen. Aber das Ende war so unerivartet gekommen, es hätte sich im Laufe einiger wenigen Minuten abgespielt, daß ihr ihre jetzige Lage jeden Zusammenhang mit der Vergangenheit vcr- loren zu haben schien und auch die Zukunft nicht dazu passen lvollte. Anstatt, daß sie beini Scheiden das Bewußtsein, recht gehandelt zu haben, mit sich genommen hätte, waren sie feindlich auseinander gegangen, und sie hatte sich Vorwürfe zu machen. Jos hatte sie sogar„eine kleine Schlange" ge- nannt. Auf ihrem weiteren Wege suchte sie unterwegs ihr Gewissen zu beschwichtigen. Sie schalt Jos einen Atheisten. Es hätte doch zu nichts Gutein geführt, wenn ich einen Mann geheiratet hätte, der nicht auch zu den Methodisten gehört. Ja, sie ging sogar so weit, an die Kinder zu denken, die doch dem ewigen Verderben hätten auheim fallen inüssen, wenn ihr Vater solch' gotteslästerliche Anschauungen hatte lihrc Mutter hatte eininal hierüber mit ihr gesprochen); aber sie glaubte doch auch an ein allmächtiges Wesen, das aus schwarz weiß machen kann, und sie wußte recht gut, daß wenn für Atheisten die Hölle bestimmt sei, es ihre Pflicht gewesen wäre. Jos davor zu bewahren. Jette öffnete die Thür, und Polly begab sich rasch nach oben, in ihr Schlafzimmer. Hier versuchte sie die schwarzen Flecke, die Jos' Finger in ihrer Hand zurückgelassen hatten, weg zu waschen; sie schienen ihr sagen zu wollen:„Du kleine Schlange." Ihr, die so lange in dem Bewußtsein, stets rechtschaffen' gehandelt zu haben, gelebt hatte, war es sicherlich nicht angenehm, sich[das sagen lassen zu müssen. In ihrem Köpfchen suchte sie nach allen möglichen Gründen, mit denen sie ihr Gewissen beschwichtigen könnte, und immerzu hörte sie seine Worte:„Du kleine Schlange." Es wurde spät, aber sie ging nicht hinunter zum Abend- brot. Sie saß am Tische und suchte nach Gründen, um ihr Benehmen gegen Jos zu entschuldigen. Schließlich beruhigte sie sich mit dem Gedanken, daß. wenn sich Jos wohl auch in der nächsten Zeit unglücklich fühle», er aber doch darüber hinweg kommen würde. Und sie nahm sich vor, sehr liebens- würdig gegen ihn zu sein. Sic wollte ihn jeden Sonntag zum Mittagbrot einladen, natürlich würde er kommen, ganz genau so, wie Onkel Cohn zu ihrer Mutter kam. Allmählich müßte ja auch er zur Einsicht kommen, daß sie nicht jemand heiraten konnte, der„keine Arbeit" hatte und noch dazu jemanden, der kein Methodist war. Mrs. Elwiii kam nach oben, um das Gas auszudrehen, und begab sich dann in das angrenzende Schlafzimmer. „Ausschlag?" hörte Polly ihre Mutter verächtlich zu einem Kaufmann aus Algier sagen, der krank zu Bett lag.„Was Ausschlag? Ihr fremdes Volk glaubt gleich zu sterben, wenn Euch ein Fingernagel weh thut. Von den Bettlaken hätten Sie ihn bekommen! Unsinn! Der Ausschlag kommt nicht von Ansteckung, sondern er liegt in der Körperkonstitution. Sie haben sich erkältet, als Sie gestern mit den Füßen im Wasser standen. Geschieht Ihnen ganz recht! Der Ausschlag kommt von Ihrer heidnischen Lebensweise. Der Ausschlag liegt in der Körpcrkonstitution." Hierauf öffnete Mrs. Ellvin die Thür zu Pollys Zimmer und fragte sie: „Warum bist Du nicht nach unten zum Abendbrot ge- komnien?" „Ich hatte keinen Appetit", antwortete das schöne Mädchen/ „Was fehlt Dir denn?" „Ich habe Kopfweh." Mit ihren durchdringenden blauen Augen das Mädchen scharf ansehend, fragte sie:„Hat sich vielleicht William Ford schon erklärt, Polly?" „Ach, Mutter, laß' mich heut allein", bat Polly.„Ich habe solche Kopfschmerzen." Mrs. Elwin war einst selbst ein jnnges Mädchen gewesen und wußte daher ganz gut, was das zu bedeuten hat. Sie Verließ/ ohne noch ein Wort zu sagen, das Zimmer und dachte bei sich: if „Die Sache ist in Ordnung, Polly wird mir es schon morgen beim Frühstück erzählen." Kaum hatte sich die Thür hinter Mrs. Elwin geschlossen, als Polly zu ihrer Kommode ging und daraus eine Schachtel nahm, in der mehrere Briefe von Joseph Coney lagen. Sie waren mit großen, ungeübten Schriftzügen, wie wohl ein Schuljunge schreiben mag, geschrieben: ihr Inhalt bestand aus Sätzen, die ganz gut aus einem Schulbuch abgeschrieben sein konnten. Als Polly sie las, merkte sie, daß er sich doch recht unglücklich fühlen mußte. Er schrieb„unglücklich" mit einem großen„U" und sagte in seinen Briefen, wenn der allmächtige Gott ihm nur Arbeit geben wollte, so würde er nichts weiter von ihm erbitten. Auch mußte sie sich bei der Lektüre dieser Briefe sagen, daß Jos doch kein Atheist war, denn in den Briefen sprach sich eine so große Ergebung aus. daß sie einem vollständigen Entsagen glich. „Armer Jos", rief sie unwillkürlich und legte dann die Briefe in die Schachtel zurück, in der sich auch eine Photo- graphie von William Ford befand. Während sie noch mit dem Fortlegen der Briefe be- schäftigt war, öffnete sich leise die Thür, und Jette trat ein. Das kleine Dienstmädchen trug einen kurzen Unterrock, der ihre nackten Füße sehen ließ, das Haar hatte sie in Locken- Wicklern aufgerollt, was ihr ein komisches Aussehen gab; die Augen waren weit geöffnet und zeigten einen starren Blick, als ob sie eben erst aus einem bösen Traum aufgewacht wäre. „Fräulein Polly." rief sie leise,„Fräulein Polly, ich hatte jetzt eben solch furchtbaren Schreck." „Nun," fragte Polly,„was war's denn? Erzählen Sie doch." „Ich sah, wie Sie in Ihrem Sarge lagen. Huh, huh. I � Ach, waren Sie aber eine schöne Leiche, Fräulein I" Polly schauderte. „Gehen Sie zu Bett', Jette," meinte Polly.„Das kommt von den dummen Geschichten, die Sie immer lesen, daß Sie solchen Unsinn träumen. Wenn Sie nicht gleich aufhören zu weinen, rufe ich Muttern. Sie sollten sich was schämen." Jette verließ das Zimmer und trocknete sich die Thränen mit ihrem Unterrock. Mit ihren nackten Füßen ging sie die Treppe hinunter nach ihrer Küche, in der auf einem Tische ein Lichts, flackerte, neben dem Teller und Schüsseln, Tassen und Pfannen standen und des Aufgewaschenwerdens harrten. Auf dem niedrigen Bette saß eine Ratte.„Huh", schrie Jette, in die Hände klatschend.„Fort mit Dir, Du Mistzeug". Die Ratte verschwand unter dem Bett, in dessen Decken Jette hineinkroch. „Ich würde Fräulein Polly ganz gern haben, wenn sie mich nur nicht immer fortschicken wollte", sagte Jette zu sich. „Es ist so unheimlich, hier allein in der Küche zu sein, und der Traum hat mir Angst gemacht. Ich wollt' nur mal sehen, ob ihr nichts zugestoßen war. Sie ist aber immer so stolz." Inzwischen hatte sich auch Polly ailsgezogen. und wie sie von Kindheit an gewohnt war. kniete sie nieder, um ihr Gebet zn verrichten. Aber die Worte wollten ihr nicht von der Zunge, und mittxn im Satze blieb sie stecken. Sie hatte Jos nicht die Treue gehalten, und Ivas noch schlinuner war, sie war auch nicht treu gegen den Gott der Methodisten gewesen. Wenn sie sich auch die Hände gewaschen hatte, die roten Flocke daraus riefen ihr doch zu: Du kleine Schlange I Womit sie auch immer später ihre Handlungsweise beschönigen wollte, unnachsichtlich rief es ihr immer zu:„Du hast gelogen, Du hast ein Gelübde gebrochen". In dem angrenzenden Schlafzimmer lag der Kaufmann aus Algier und schnarchte. Es war wirklich traurig, in einem Hause, in dem Türken, Ungläubige und Ketzer ihr Wesen trieben, leben zu müssen und sich noch dazu als„Schlange" zu fühlen. „Ach Gott k" begann sie von neuem ihr Gebet. Aber sie konnte es nicht weiter sagen. Wo war Joseph Coney? Er hatte so blaß und hohl- wangig ausgesehen und das Auge hatte er mit einem Taschen- trich verbunden gehabt. „Ach Gott l" begann sie nochmals. Dann ging sie zu Bett, denn es war ihr unmöglich, das Gebet weiter zu sagen. Im Hause war es nun ganz still gelvorden. Sie konnte das Ticken der Uhr hären und es schien ihr, als ob es sagte: „Du kleine Schlange." Ohne den Schlaf finden zu können, warf sie sich unruhig von einer Seite auf die andere, und die Uhr tickte inmier weiter:„Schlange Du, Schlange Du." XVIII. Jos ging die Straße hinunter, vor sich hinsprechcnd: „Die kleine Schlange". Er fühlte sich wie betäubt, und es dauerte wenigstens fünf Minuten, che er sich vergegenwärtigen konnte, was eigentlich geschehen>var.„Die kleine Schlange!" entfuhr es dem Gehege seiner Zähne. Dann brach er in dasselbe Lachen aus, das jetzt vor vier Wochen am Nelson-Denkmal am Trafalgar- Square die Schläfer aufgeschreckt und an den Säulen der Natronal-Galcrie einen Wiederhall gcsiinden hatte, ein Lachen, das keine Spur von Fröhlichkeit oder guter Lauue in sich hat, sondern jene Bitterkeit und Verachtung, die ungerechter Be- Handlung entspringen. Auf einmal erinnerte er sich Pollys letzter Worte:„Ich heirate einen gottesfürchtigen jungen Mann, der sein geregeltes Einkommen hat." Er blieb stehen, denn die Eifersucht hatte sich seiner bemächtigt. Bis heute abend hatte er auf Polly zu sehr vertraut, als das; er eifersüchtig geworden wäre. Wenn er sie von ihrem Klassen-Leiter sprechen hörte, hatte er wohl manchmal gedacht:„Ich wünschte, ich könnte auch in der Münze arbeiten, wo's ja auch in stillen Zeiten regelmäßig Geld giebt". Aber daß Polly ihn hintergehen würde, war ihm nie in den Sinn gekommen, denn er hatte sie stets als ein höheres Wesen angesehen, als ein Wesen, das weder eine Lüge sagen, noch ein Versprechen brechen könnte; und hierzu kam noch, daß ihre letzten Worte zu ihm gelautet hatten: „Es wird ja noch alles gut werden, Jos", und diese Worte hatte er sich immer und immer wieder in den trüben Tagen und Wochen wiederholt, in denen er keine Arbeit siuden konnte. Die Worte hatten ihn aus den Trafalgar Square, in das Arbeitshaus und auch in das Gefängnis begleitet. Wenn er sie sich wiederholte, ivar es ihm so. als sähe er das schöue blonde Haar, die zierliche Gestalt und das bescheidene Gesicht des schönen Methodistenmädchens uub höre sie sagen: „Ich werde nur Dich oder niemals heiraten." Daun hatte er in seine» Gedcutkeu ein Bild von Tagen herans beschworen, die ganz beftünock später einmal kommen mußten, eine Zeit, in der er beständige Arbeit und guten Lohn dafür haben würde. lFortsctzung folgt.) Vre 71. VeesÄitturlttttg Deukfrhcv ZlakttvfoesÄxev mrdBl evjke München, den 20. September 1899. AN München, der schönen Jsarstndt, tagt gegenwärtig suoi« 17. bis 21. September) die Verse»»» limg. welche alljährlich die Mehrzahl der deutschen Naturforschcr und die hervorragendsteu Herzte, deren Bethätigmig ja in min, ittelbarem Zusammenhang mit den Wissenschaften voii der Natur steht, zu gemeinsamem Gedanken- austausch zusammenführt. Vor 22 Jachren wurde die zahlreiche Berfammlimg ernst strebender Männer ebenfalls von der bayrischen Hauptstadt beherbergt, inid jene Versammlung vom Jahre 1877 erweckte in der ganzen Welt die migeteilte Aufmerksamkeit. Auf ihr spielte sich jener berühmte Streit zwischen Birchow und Höckel über die Stellung und Bedeutung der Dcscendcnzlhcoric(Eutivicklmigslehre, Abstammungslehre) ab. der auch in den nicht wissenschaftlichen Kreisen mit größter Aufmerksamkeit verfolgt wurde. Erblickten doch alle rcattionäreu Machte in der Lehre Darivins den Ausbund ab- schculichster Geistesverirrimg und in ihrem Umsichgreifen die Ver- nichtnng alles feineren EinpsindungSlebcns des Menschen. Da trat Birchow in München auf und verkündete, daß die Darwinsche Lehre wohl eine gut begründete Hypothese sei, eine Hypothese, die durch viele Thatsachen gestützt würde, daß sie auch bei vielen Fragen mit großem Vorteil anzuwenden sei, daß jedoch noch sehr viel sehle, um diese Hypothese als fest begründete wissen- schafiliche Lehre auszugeben, z. B. sei das Glied zwischen Mensch und Asse noch uuentdeckt; und deshalb dürfe die Hypothese wohl aus den Hochschulen den Studierenden gelehrt, aber m den anderen Schnlcii nicht vorgetragen werden. In den Jubel, den alle Dunkelmänner anstimmten, erscholl schrill hinein die scharfe Entgcgmmg, die der aus Jena herbeigeeilte Höckel Virchow zu teil werden ließ. An den Stelle», wo er Virchow per- sönlich angriff und ihm grobe Unluissenheit vorwarf, mehrfach>v«it übers Ziel hinausschießend, betonte er, daß eine Scheidung des Lehrstoffes in der von Virchow gewünschteu Art vollständig unmöglich inid eines tüchtigen Lchrcrstaudcs unwürdig sei. Was der Lehrer auf der Univerfftät gelernt, der Geist, den er dort in sich aufgenommen, bringt er iit die Schule nnt, und in dem Sinne dieses modernen Geistes muß sein Unterricht ausfallen. Die Thatsachen haben Häckel recht gegeben. Die Descendenz- Theorie hat ihren Siegeslauf ungehindert fortgesetzt,»nd heute giebt es in wissenschaftlichcii Kreisen leine Diskussion mehr über sie; sie gehört vielmehr zu dein gesicherlsten Bestände menschlich eu Wisjeiis und menschlicher Erkenntnis. Freilich herrscht in wisseuschastlichcn Kreisen noch viel Streit über eüizelne Punkte. Tie Aunahmen, welche seiner Zeit Darwin machte, um die Triebfedern der Entwickclnng in der Natur zu euthüllen, die natürliche Zuchtivahl durch Anpassung und Ver- erbtmg. werden heute vielfach nicht für ausreichend erachtet, und haben teils anderen Annahme« weichen müssen, teils sind sie durch Erweiterungen abgeändert worden. Aber die Thatsnchc der Eni- wickelimg selbst bestreitet heute kein Mensch mehr, der Anspruch darauf erhebt, ni wiffenschaftlichen Kreisen ernst genoinmeii zu werden und mitreden zu dürfen. Selbst die Kirche muß sich ivohl oder übel mit dcr Tyatsache abfinde». Unter den 24 Vorträgen, die in der Abteilung für Zoologie und vergleichende Slnatomie gehalten werden, sowie in den Vorträgen aus dem Gebiete der Geologie inid Paläontologie und den zahlreichen botanischen Vorträgen ist nicht einer, der nicht auf dem Boden der Entlvickelungslehre steht, und auch in den Dis- kussioiien, die sich an die Vorträge anschließen, kann sich kein Streit über den Uinfniig, in welchem die EnNvickelungslehre anzuerkeimeit sei, erheben; sie ist vielmehr in unser Bewußtsein ciugedruiigcn und zu eiiicin sestcii Bestaudteil unserer allgemciucn Bildung ge- worden. Deutlich trat dies z. V. in dem Vortrag hervor, iit welchem Professor Chun aus Leipzig über die Ergebnisse der von ihm geleiteten deutschen Tiefsee- Expediton sprach. Er er- zahlte von den wunderbaren Organismen, deren pulsierendes Leben in allen Meercsschichtcn bis zu de» tiefsten Tiefen von mehr als 5000 Metern gefimden wird, er schilderte die merkwürdige Form der Augen, die man hier vielfach»eben ganz blinden Tierform eu an- trifft,»nd sprach von den rätselhaften Organe», die wegen ihrer An- ordmntg nnd der Auorduung der Augen in Beziehung zu diesen stehen müssen, obwohl nie ein Lichtstrahl bis in jene Tiefen dringen kann. Aber die Augen nützen dem Tiere trotzdem; die erwähnten rätselhaften Organe, ivelche die mit Augen versehenen Tiere besitzen, enthüllten sich als Lichterzeugcr, indem sie ein deutliches PhoSphorescenzlicht entwickelten, und unttcls ihrer Augen können diese Tiere in dem von ihnen selbst erzeugten Lichte ihre Bente wahrnehmen. Die vielen jetzt noch lebenden Formen. die hier neu entdeckt wurden, sowie die vielen im Meeresscblmunt eiugebcttcteit, zum Teil voriveltlichcn ansgeporbencil Formen, die auS dem ticsstcu Grunde heraufgeholt wurden, ordnen sich in die allgemeine Eut« ivicklungSreihe' ein. Sic würde» die Entwicklnngslebre von neuem bestätigen, falls das noch nötig wäre; daß es nicht nötig ist. zeigt sich miier anderem darin, daß dies nicht einmal mehr für erivähnries- wert gehalten wird. Äußer Chun konnte die Naturforscher- Versammlung noch einen andern Reisenden und Forscher auf ferne» Meeren begrüßen, de» kühnen Norweger Frsthjof Nausen. Die Wissenschaft ist ja interiintional. und daher ist es sicher mir zu billige», daß der Vorsitzende der Gesell- schaft, Admiralitätsrat Professor von NemNaher. Nausen, mit dem er persönlich befreundet ist, einlud, nach München zu kommen, und ihn bat, dort über die Ergebnisse seiner berühmten Expedition zu sprechen. Nansen, der für viele deutschen Vertreter der Wissenschaft fremidschaftliche Hochachtung empfindet, kam dieser Bitte gerne nach, und gab in der ersten allgemeinen Sitzung, die mit 18. September siatt/and, fincii kurzen Bericht über die Ergebnisse, die seine Reijs zu Tafle flefordert. In mancher Hinsicht zeiflt sich eine über- raschende Ucbereinstinnnunfl zwischen den Resnltalen, die Ransen iin hohen Norden, in den arktischen Meeren gefunden, und denen, die von der denlschcn Expedition unter Chnii im hohen Süden, in den antarktischen Gewässern festgestellt wurden. Das Polardecken zeigt ebenso wie das antarktische Meer ungeheure Tiefen, aber bis zum höchsten Norden hinauf fand Nansen mich in den grvszte» Tiefen, genau wie Chnn, noch organisches Leben, so dak er den Satz wagte: Es giebt wahrscheinlich keine Stelle auf der Erde, wo man nicht Leben irgend einer Art finden kann, die sich das Leben in irgend einer Fonn nicht erobert hat. Daß den Fortschritten der Nvntgcnphotogrnphic von der Ver- sammlung Rechnnng getragen wurde, ist selbstverständlich: Prof. v, Gerginann, der bekannte Chirurg, sprach in einem längeren Vortrage, betitelt:„Die Errungenschaften der Radiographie für die Behandlung chirurgischer Krankheiten" über die Anwendung der Ltöntgenphotographie in der Medizin, specicll in der Chirurgie. Vesondere Bedeutung sollte die Lersaininlung dadurch ge- Winnen, daß sie zu einer praktisch sehr wichtigen Frage StcNnng nehme» sollte, der Frage der Zehn- und Hnuderttcilnng der Zeit und des Winkels resp. Kreises. Der Anstoß geht von Frankreich aus, dessen Regierung für das nächste Jahr einen internationalcil 5tongrcß zur ölegelnng dieser Frage nach Paris berufen hat. Eine Malhematiker-Kommission, zu der auch ein Geodät hinzugezogen war, hatte zu der Frage Stellung gc- »vnnncn und befürwortete sie durch ihren Berichterstatter Professor Mehmke- Stuttgart sehr warm. Aber mit großer Entschiedenheit sprach sich der Berliner Astronom Professor Bauschinger, der durch Krankheit am Erscheinen gehindert war, in einem schriftlich eingesandten Gutachten gegen jede derartige Neuerung ans, die vom Standpunkt der Astronomen völlig zu verwerfen und für sie ganz unannehmbar sei. Auf zehn Jahre hinaus, meinte er, würde jeder Fortschritt, jede Forschung stille stehen müssen, bis die ungeheure Arbeit der lim- rechnnng aller alten Stcrntafcln und Stcrnpositioncu geleistet sei. Nicht ganz so absprechend äußerte sich der Münchencr Astronom Prof. Seliger und der Direktor der Berliner Stcrnivnrlc Prof. Förster. Au der Einteilung der Zeit wollten allerdings auch sie nichts geändert wissen,»nd ebenso sollte die gegenwärtige Einheit des Winkels, der Grad als der 90. Teil eines rechten Winkels beibehalten werden; die Zehn- und Hnndcrtteiküng des Grades aber anstatt der gegen- wältigen Sechzigteilung hielten sie für durchführbar. Im allgemeinen sprach sich die Meinung ans. daß man den Zchnteikungsfaüatikcrn energisch entgegentreten müsse; doch war die Versammlung, die jedenfalls mir ein» Znfnllsmajorität besitzen konnte, verständig genug, über die Frage nicht abzustimmen, sondern es wurde die Deutsche Mathematikrr-Vercinigmig gebeten, ans Grund der Debatte einen Bericht zu verfassen, der dem Reichskanzler zuzil- stellen ist, damit auf Grund desselben über die offizielle Beschiclnng des erwähnten Pariser Kongresses Beschluß gefaßt werden könne. Mehrfach wurde hervorgehoben, man müsse nach Paris gehe», um die Stellung der brjonuenen Gelehrtcnkrcise in Frankreich gegen- über den nnbcrufcne» Fanatikern z» stärke». Am Sonnabend wird der Kongreß geschlossen; bis dahin Hai er noch ein reiches Arbeitspenstmi zu erledigen. Daß ans dieser Arbeit, spccickl der hygiciiischeu Abteilungen, viel Segensreiches für das Volk hcrvvrgchcii wird, ist leider nicht z» erwarten, so lange der Milita- risirntS die Gcldsimnncn verfiblingt, die zur Durtbsiihrung aller als nolweiidig erkannten socialen Magnahtnen gebraucht iverden.— Lt. Mleines gic Heinrich Ibsen, ans den« Präsentierteller". Die Zeitschrift„The Book Bicher" veröffentlicht in ihrer neuen Nununer nebe» einem tveuig bekannten Porträt, das Jbseir im Alter von 40 Jahren darstellt, eine Eharakterschitdernng deS greise» Dichters aus der Feder cincS jcharfcu Beobachters. Was er schreibt, ist zioar ein tveuig boshaft, aber eS ist uugcmeiu drollig; der Beobachter selbst zollt übrigens dem Genie Ibsens durchaus Verehrung. Täg- lich bei biegen- und Souucnschei« waudcrt Ibsen die Karl Johanns Gade iu Christi ania zum Grand Hotel herwitcr, wenn das Wetter besonders einladend ist, sogar zweimal am Tage. In solchen Fällen erscheint er pünktlich 1 Uhr inittags und abends 8 Uhr zum zwcitemiml. Ibsen ist vor allem ei» methodischer Mann. Sein Leben ist nach dem Glvckeuschlagc geregelt. Im Graud Hotel lwt er feinen eigenen Tisch, von dem aus man den Garten überblickt,»ud i» der Mimite. wo er ein- trilt, stellt ein dicnstbeftisseucr ttellnrr eine Flasche Brandy und eine Flasche Soda vor den Dichter hin. Brandy ist Ibsens Lieblings- geiränk,»nd zwei Gläser des Ligneurs genügen ihm zn jeder Cafe- Sitzung. Mit großer Sorsalr inischr er vorichristsmäßig den Trank und nimmt von Zeit z« Zeit einen Schluck, mit solcher Regelmäßig- Kit, daß man danach einen Zeitraum von ö Mlniiten mit Sicherheit berechnen tönutc. Früher hatte Ibsen seinen Platz im öjsentlichcn Cafe� des Hotels, aber seine Freunde wollten ihn nicht nur von jcincil Landslcnten, sondern auch von de» reisenden Fremden, die im Hotel ihre Diners einnahnie», bewundert sehe», und so über- redete» sie ihn, im Hotel selbst cincii Platz eiiizunehmen, aiif dem er gleichsam auf dem Präsentierteller sitzt, aber doch so weit abgesondert ist, daß er lästige Annähernngen oder ins Gespräch gezogen zn iverden nicht zn befürchten braucht. Hat er sciiicn Sitz eiligen omme», so ordnet er geschäftig seine Zcitimgcn. Hut und Brille. Sechs Paar Augengläscr werden in einer Reihe auf den Tisch gelegt. Für jedes Blatt, das er liest, setzt er ein neues Paar Gläser auf, und jedesmal hält er inne, um sie zn säubern und gegen das Licht zn halten. Während er seine Zcitniig liest und ganz in ihren Inhalt vertieft scheint, kömitc ein anfinerksamer Beobachicr aber entdecken, wie er für die Blicke deS Publikums durchaus nicht iinempfnnglich ist. Er betratbtct die ihn anstarrenden Fremden sehr gemm... Ebenso sorgfältig, wie Ibsen in seinen Gcivohnhcitc» ist, ist er auch in seiner Kleidung. Es würde eine Qual für ihn sein, wenn er entdeckte, daß ein Knopf an seinem lieber- rock fehle oder ein Fleck an seinem großen seidenen Hut zu bemerken wäre. Seine Anzüge iverden aus feinem Tuch gemacht; sein Schneider ist der beste in Christiania. Erträgt immer einen Hut von metallischer Glätte. Seine Stiefel sind vom besten Leder. Ilcbcrnll trägt er Toiiettenartikel bei sich, die er häufig, auch an öffentlichen Plätzen in Anwendniig bringt. Nicht selten, wenn er an seinem AuSstellmigs- platz im Hotel sitzt, zieht er angesichts einer kosmopolitischen Menge seinen Kamm und Bürste aus der Tasche und bürstet liebevoll seinen berühmten weißen Backenbart, streicht sich die ebenso be- rühmten weiße» Pompadour-Locken, die aufrecht in der Luft stehen, etwas höher nsiv. Er besitzt eine besondere Fertigkeit, seiiicir Hut mit dem Aermel seines Rockes glatt zn bürsten. Bon Zeit zu Zeit hält er inne und sieht ernsthaft in seinen Hut hinein. Man glaubt ihn mit eiuenr tiefen gcscllschaftlilheii Problein beschäftigt; aber es ist ein Irrtum: Ibsen betrachtet sich selbst, ein Spiegel ist nämlich auf dein Griiiidc seines Hutes befestigt, und Ibsen sieht darin, ob seine Kravatte in Orimung ist.., So ivie aber der Dichter mit einem neuen Drama beschäftigt ist, ist das Grand Hotel mrd die ganze Welt für ihn vergessen. Er ißt und lebt allein, und er bleibt für jeden Fremden Unsichtbar. Er ist ivieder ganz der Philosoph und Dichter, alü den ihn die Welt kennt.— c.„Cigarrologic.".Sage, wie Du rauchst, und ein engkischct Gekehrter wird Dir sagen, wer Du bist!"— so muß die neueste Variation des alten Satzes lauten. Die Gruudzüge der neuen .Wissenschaft" aber sind die folgenden: Ein Manu, der die Cigarre fest zivischeu den Zähneu behält, unbekümmert darum, ob sie brennt oder nicht, ist ein zum Angriff geneigtes, berechnendes, genaues, um nicht zn saKcn gefährliches Individuum. Ein Mann, der seme Cigarre bedächtig raucht, gerade genug um sie noch in Brand zu erhalten, der sie oft aus dem Munde nimmt nnd mit Vergnügen die blauen Ringe beobachtet, die er in die Luft bläst, ist ein znfricdeucr, gutmütiger, rechischaffcncr Mensch. Wieder ein anderer Typus von Männern ist dieser: sie rauchen mit vielen Unterbrechungen, machen einen Zug und lasten dann die Cigarre liegen, benehmen sich überhaupt bei dem ganzen Geschäft sehr un- geschickt. Solche Leute haben ciiien nnentsthirocncit Charakter und iassen sich leicht durch äußere Verhältnisse bestimmen. Wenn ein Mann nervös an seiner Cigarre herumbastelt, sie auch ein wenig zerdrückt, so kann man ihn für einen Gecken, für eitel nnd frivol halten. Er hält unveränderlich seine Cigarre anfivärts, während ein stnnlichcr, flachköpfiger Mensch seine Cigarre senkrecht„ins Geficht steckt". Wenn jemand die Cigarre kaut und beständig hermiidreht, ist er nervös, aber sehr zäh. Fcniand, der seine Cigarre nicht in Brand erhalten kann, ist— hochherzig veranlagt. Er hat eine leb« haste Natur, man kann vertraut init ihm mngchen, er hat eine geläufige Zunge und ist gewöhnlich ein guter Geschichtenerzähler.— Kunst. —Iii. Peter Behrens, der eine Gcsamkansstcllimg seiner Arbeiten bei Keller n. Reiner veranstaltet hat, gehört zn den jüngeren Künstlern, die sich mit aller Entschiedenheit dekorativen Ailfgabcn ziigcivandt haben. Und bei ihm ist es keine bloße Laune, die eiiicr gerade herrschenden Strönumg folgt; seine ganze tünst- lerische Leraulagnng zwingt ihn in diese Bahn Er zeigt eine so anSgesprvcheno Begabung ftir die dekorative Linie, daß schon in seine» frühen Werken, den reinen Gemälden, die in ihrer Absicht noch durchaus nicht dekorativ sind, der Zug zur ornamentale» Linie durchbricht. Er hat früher einige Porträts genialt; die Köpfe sind aber entweder ganz in Profil gesetzt und die Umriß- lmicn so scharf herausgehoben, daß sie de» Charakter des Bildes beherrschen, und von einer malerische» Model- liernng der Jiliiciifläche ist so wenig gegeben, daß die Köpfe wie zwischen zwei Glasplatten flach gepreßt ersehen«»— oder es sind, wie bei dein Porträt einer Danie, die sich fast voll ans dem Bilde herauswendet, Jrtsblumen in stark ornamentaler Behandliiiig im Hiutergrmide nnd als Stofforiiameiite ans dein Umhang der Dame angebracht. Auch der Rahmen ist einbezogen in Behrens' Arbeiten, in einigen sogar in übertriebener Weise. In-einer Reihe von Druck- bläucrii, die auch wohl zeillich nach den Bildern entstanden sind, erscheint diese Tendenz zu ihrein Ziele gelangt. Wenn der Künstler auch nicht darauf verzichtet hat, auch dtesen Bilder» eine» symbolischen Inhalt zu geben, so ist der Gedanke doch lünstlcrisch rein durch die Führung der Linien zum Ausdruck gebracht; er hat von einer körperlichen Modellierung ganz abgesehen nnd nur mit scharf begrenzten farbigen Flächen gearbeitet. Cr stellt einen Adler im Fluge dar, aber die Behandlniig ist so ausgesprochen ornainental, daß sich das Tier ohne jede Störung für die Empfindmig in die reinen Oniamcntlinicn, in denen Landschaft und Wolken dargestellt sind, einfügt. Der„Sturm" schreitet als kräftiger Maiin, die lodernde Fackel hoch empor- schwingend, durch die Wolken: in den wogenden, vorwärts drängen- den Linie» sind seine Umrisse das ausstrebende Element, das dem Ganzen künstlerisch einen Mittclpimkt, einen Halt giebt. Die Linien- spräche von Behrens ist nicht sehr reich an Formen, und sie er- scheint oft nur als eine Variation, der«modernen" Ornament- linic, tvie die Belgier Van de Velde und Lemmcn sie zn ihrer höchsten Feinheit cntivickelt haben; aber sie ist stark belvegt und ansdruckssähig� In den Farben entwickelt Behrens nicht gerade besondere Reize; gut stimmen jedoch die in einem besonderen Ver- fahren hergestellten AquaraNdrnckblätter farblich znsanrmen. Wo der Künstler ans das kunstgewerbliche Gebiet übergeht und praktisch nutz- bare Dinge schafft, sällt ein gewisses Ucbcrwnchern der Ornamcnt- linie auf, die oft, wie in den'Porzellantellern, geradezu irritierend ivirkt. Ferner tritt auch das Ornament»och mehr als eine ge- fällige Füllung der Umrisse zu der Arbeit hinzu als daff es aus ihren konstruktiven Linien heraus erwüchse. Am beste» scheinen daher die Arbeiten gelungen, in denen es in erster Linie ans das Ornament ankam, die SCeppiche, und zwei hohe, schniale gleichinäsug bronze- sarbene Panelc, in die die Gestalt einer Frau hineinkomponicrt ist i vor allem das eine der letzteren, die Fra» mit dem gesenkten Kopf, zeigt einen entzückenden Wohllaut der Linien. Behrens hat sich auf sehr verschiedenartigen Gebieten versucht, nicht iinmer mit gleichem Glück; tritt auch das Unfertige, das Suchen»ach dem seiner Natur Entsprechenden in einzelnen Fällen noch augenscheinlich her- vor, die hervorragende, heute so seltene Begabung für die ornn- mentale Linic und das ernste Streben, von dem jedes seiner Werke ein Zeugnis ist, lassen von. dem Künstler noch Bedeutendes für die dekorative Kunst erwarten.— Aus dem Tierlebe». — D i e Wasseramsel sCinclus aquaticus) lebt in Mitteleuropa und in den gleichen Breiten Asiens und Amerikas. In Deutschland sind Gcbirgswässer ihre Heimat. Sie hat eine Länge von 19 Ccntimctcr, der Schnabel ist Ich Centimeter, der Schwanz nur 4,8 Centimeter lang. Der Kopf ist bis zum Hinterhals erd- braun, im übrigen oberseits aschgrau mit schwarzbraunen Feder- rändern. Backe, Kinn und Kehle weis}, die Brust rötlichbraun gefärbt, gegen den Bauch hin und über denselben ins dunkelbraune gehend. Der Schnabel ist schwarz, die Füße blänlichgrau. Das Weibchen ist etlvaS kleiner als das Männchen. Der Vogel, dcr Starcngröve hat. ist eigenartig »iid hübsch zu nennen, er erinnert durch seine gedrungene Gestalt und seine Haltung, abgesehen von der Größe, an unscrn Zaunkönig. Die Natur hat diesen nierkwürdigen Vogel mit reichen Gaben ans- gestattet. Er leistet in den Künsten des Watcns, Schivinnncns und Tauchens Außerordentliches und er ist ein trefflicher Sänger. Unter allen bekannten Vögeln steht er in seiner Art einzig da: er verbindet die Eigenschaften eines Singvogels mit denen eines vollendeten Tauchers. Als solcher sucht' er seinesgleichen, den» er schwimmt leicht, läuft und fliegt gleichsam unter dem Wasser, nicht im ruhigen, sondern im rasch fließenden, stürzende» Gcbirgslvasscr. Er hat, wie die Familie der Taucher, ein dickes, pelzartiges Gefieder, ivährend die Füße die eines Singvogels sind, ohne eine Spur von Schlvinnnhäuten. Er ivatet nicht nur im seichten Wasser, sonder» geht bis an den Hals hinein, taucht in die brausenden Strudel der Stnrzbächc und Wasser- fälle bis ans de» Grund, schwimmt geschickt gegen den Strom und läuft ganze Strecken unter dem Wasser fort, so daß er oft an weit entfernter Stelle wieder zum Vorschein kommt. Ist das Wasser klar, so sieht ina», wie er seine Flügel als Ruder gebraucht und wie er ans dem Boden des GclvässerS läuft, als wenn er im Freien iväre. Der Fing ist reißend schnell in gerader Linie, aber sein wahres Element ist doch das Wasser. Da ist er stets lebendig, übermütig, das Bild leibhaftiger llnriche, überraschender Gcivandtheit und reizender Anmut. Es ist eine Freude, diesem hurtigen, seltsamen Vogel znzu- sehen. Am Ufer steht er stets ans einem etwas erhöhten Gegenstände, auf Steinen, auf Wurzeln oder Pfähle». Unter fortwährenden Bück- fingen dreht er sich auf dem erivählten Platze mnhcr, lvobei er den Stnmpfschivanz hoch empor richtet. Seine Berneigungen sind nicht ivie beim Rotkehlchen oder Rotschtvänzchcn oder bei der Nachtigall und der Amsel, sondern richtige Knickse: der Leib ivird in der un- veränderten Haltung des Schwanzes und der etlvas herabhängenden Flügel rasch hintereinander mehrmals senkrecht niedergedrückt und erhoben. Dann taucht er plötzlich iviedcr unter, im nächsten Augen- blick kommt er dort herauf, schwimmt gerade aus oder im Kreise herum, erhebt sich oder stürzt sich wieder kopfüber in die Flut, in den Schaum des brausenden Mühlrades. Die Wafferamseln sind ungesellige einsame Vögel, die in großen Entfernungc» voneinander wohnen. Sic sind Reviervögel im strengen Sinne des Wortes. Ihre Unduldsamkeit. und Allen«Herrschaft steht im engen Zn- sammenhange mit dem Nahrnngsbedürsnis. Ein Paar braucht für sein Dasein ein gewisses Gebiet, in dem kein Eindringling geduldet«vird. Wohl aber lebt die Bachainsel mit Eisvögeln, Gc- birgs- ilild Bachstelzen in Frieden. Ihre Eiusiedlcrnatnr meidet die Nähe menschlicher Wohnungen mit Ausnahme der Wassermühlen. Zinn Nestbau sucht sich unser Vogel eine Höhle an« Wasser, am liebsten im Rauschen, Toben und Schäumen der Bäche und Flüsse, in einer Felsenhöhle, in einem vom Wasser bespülten hohlen Bamn- siainm, in einer Nische der Wasscrstube, nicht selten sogar in «schaufeln lange stillstehender Räder oder unter Bnickcn. Der Gesang der Wafferamsel ist laut und ablvechsclnd, zivischen zlvitschcrn- den. schnalzenden und balzenden Tönen kommen auch kante und pfeifende Strophen lvie von klingendem Metalle vor. Die Lockstimmo- ist ein hoher heller Ton und klingt: zerb, zerb. Der dichte Federpelz macht, daß der Vogel im strengsten Winter die gute Laune nicht ver- liert und bei einen« freundlichen Blick der Sonne seine Kehle er- schließt. Wunderbar war mir zu Mute, als ich zum erste«, mal im Thale der Sinn, im ehenialigen Knrhcssen, nahe der bayrischen Grenze, in der Winterstrenge einen eigentümlich schlagartigen Vogel- gesang hörte. Es«var in« Januar,' und das Thcrmoineter zeigte 9 Grad Reaumur, die Strahlen der Morgensonne spiegelten sich glitzernd in den langen Eiszapfen des eingefrorenen Rades der Gebirgsmühle. da erblickte ich auf dein Geländer einer Brücke unseren befiederten Wellenkönig, der sei» Lied schmetterte,«uie lucim'ä Maienlust wäre. Das t'hut außer ihm nur der Zaunkönig. Die Nahrung der Bachainsel besteht ans allerlei Wasserinsekten, Haften, Mücken, Schnaken, Käfern, Wassern, otten, Würmern und Larven, Fischchcn und Laich, die sie laufend, springend und schivimmend erhascht. Aus der Fnttersnche geht sie in der Regel langsam dein Wasser entgegen, Ivie die Bachstelze. Eine Licblingsnahrung sind Flohkrebse; Steine, so groß ivie eine Knabcnfanst,«verde» mit dem Schnabel umgeivälzt, und von der umgewandten Fläche pickt der Vogel hastig die kleinen Tiere ab. Auch in der Gefangenschast ziehen die Wasseramseln das Nachfigallfntter der Fischnahriing vor und meiden im Frühling und Soinmcr letztere vollständig. Girtanner beschließt die Beschreibung unseres Vogels in der Gefangenschast mit den Worten:«Der Gesang spielt bei der Wasseranisel eine hervorragende Rolle; sie singt nämlich zu allein, Ivas sie thut. Nachts bei vollständiger Finsternis singt sie oft leise, wie träumend, einzelne Teile ihres Liedes ab; sie singt badend und singt beim Fressen; singend geht sie mnnter in den Kampf mit ihresgleichen; singend macht sie ihre Toilette, und singend beschließt sie ihr sang- reiches Leben."—(„Köln. Volksztg.") Humoristisches. — Poesie des Vaterhauses. Lehrer:„Oft Ivird auch das Adjektiv den, Hauptwort nachgestellt, besonders in der dichterischen Sprache. Wer«veiß ein Beispiel?" Der S t e r n w i r t s s o h n:«Lausbub verdammter!"— — Reisevorbereitnug.„Was wollte der Fürst eigentlich neulich auf der Bahnstnlion?"— „Hoheit treten dcinnächst eine größere Reise an und übten sich daher, den Salonwagen e l a st i s ch e n Schrittes zu verlassen."— — 9t i,§ eine>„ Schüleraufsatz.„... aber nicht nur nützlich sein, sondern auch schaden thut der Hund, und zwar durch die Wut, das Hoscuzerreißen und die Hundsstcuer."— („Jugend".) Notizen. — Das Gastspiel der Prevosti am Theater des Westens beginnt an, 26. September.— — Den, Berliner Kunstgewerbe-Museum sind die bedeutenden k o st ü in w i s s c n s ch a f t I i ch e n S a n» m I u n g e n Franz v. Lipperheides überiviescn. Zunächst ist die Kostüm- bibliothck übergeben und in den, Hanse Flottivellstr. 4 aufgestellt worden. Es ist nicht nur in Deutschland, sondern überhaupt die «vcitaus vollständigste Specialsannnlnna für das Gebiet der Kostüm- künde; sie enthält in etiva 19(XX) Bänden, M lXX) Einzelblättcrn und einer große» Zahl von Modekupfer» die gesanite Litteratur über das Kostüm und die Moden der älteren Zeiten und des 19. Jahrundcrts und bietet Kostüniforschcrn, Zeichnern, Thcatcrdckoratcurcn und allen denen, die beruflich oder für besondere Zivccke Vorlagen und Stndienniaterial über Kostüme suchen, vielseitige Belehrung und Anregung.— — Leoncavallo hat eine Komödie geschrieben, die unter dein Titel„An, Weihnachtsabend" auch in deutscher Aus- gäbe erscheint. Die Ilebersctznng ist von Emile Dürer besorgt.— — Die Lehrstühle für Türkisch und Persisch an, Pariser Eollsge sind nnfgehoben«vorbei,, weil eS seit längerer Zeit solvohl an Schülern ivie an Lehrern fehlte.— — Teilnehmer der russischen a b e s s y n i s ch e n Expedition durch das südliche Centralafrika haben am«vestlichen Ilfer des Flnffes O m o eine sich mehrere hundert Werst von Norden nach Süden hinziehende Bergkette entdeckt, die bisher der Wissen- schaft völlig unbekannt«var.— t. Ein elektrisches Nebelhorn ist von einem kanadischen Ingenieur erstniden worden. Nach einer Mitteilung des„Engineer" besieht es aus zwei Trichtern von Kupferblech, die im rechten Winkel gegen einander und in einen« Abstände von 6Vg Fuß aufgestellt werden. In jedem Trichter befindet sich ein Vibrator, der den Ton erzengt. Je nachdcn, beide Hörner abwechselnd oder gleichzeitig in Thätigkeit gesetzt werden, können die Signale abgc- ändert«verde««. Eine Jteihe von elektrischen Magneten setzt die Apparate in Thätigkeit. während die Elcktricität in Form eines Wechselstromes zugeleitet Ivird.— Die nächste Nnmmer des Ilnterhaltungsblattes erscheint ain Sonntag, den 24. September. Verainivortlichcr Redacteur: Heinrich Wetzker in Groß-Lichterfclde. Druck uuv Vertag von 2)!ar Babing m Berliiu