Interhaltungsblatt des Horwärts Nr. 192. Sonntag, den 1. Oktober. 1899 tNachdruS verboten.) UmmA. 1] Roman von Peter Egge. Autorisierte Uebersetzung aus dem Norwegischen von Adele Neustädter. Einleitung. Johannes Holthe war der Sohn eines Landknimers im nördlichen Hochgebirge, eines Bauern, der sich durch Umsicht ein Vermögen erworben hatte. Seine Mutter starb, als er, drei Jahre alt war. Sie war eine schöne und zarte Er- scheinung gewesen, mit bleichem Gesicht und bleichen Händen. Sie stammte nicht von Bauern und hatte in der kurzen Ehes nicht viel Fühlung mit dem Manne gehabt, der fünfzehn Jahre älter war. Der Knabe wuchs im Hause auf, das etwas von dem Kramladen entfernt lag. Beide waren weit ab von den Höfen des Ortes, und deshalb sah der Kleine nur in langen Zwischenräumen gleichaltrige Gespielen. Ein ältliches Mädchen führte den Haushalt. Sie war fein einziger Umgang, während der Vater den ganzen Tag im Laden stand und die Waren abwog. Der Knabe trieb sich umher, so viel er wollte. Oft kniete er beim Fenster und sah die Landstraste hinab über den Fjord hin. Was er sah, und wonüt sich seine Gedanken beschäftigten, teilte er niemanden mit; denn die Wirtschafterin war schwerhörig und auf die Länge fiel es dem Knaben zu beschwerlich, zu fragen. Der Vater setzte sich an seine Geschäftsbücher, sobald er zwischen neun und zehn Uhr abends nach Hause kam. Der Knabe erhielt Erlaubnis, bei ihm zu bleiben, wenn er nur ruhig auf dem Stuhle sitzen wolle. Er sah auf das graue und zottige Haar des Vaters und auf die plumpe Messing- brille über der gekrümmten Nase. Die Feder kratzte vor- sichtig auf dem Papier. Machte der Knabe Lärm, so sah ihn der Vater über die Brille an und brummte: „Na— nu?" Und der Knabe wurde ruhig. Gab ihm der Vater einmal ein hartes Wort, fo weinte der Knabe still vor sich hin, schluchzte nicht, soirderu wandte sich auf deni Stuhle halb ab, um das Gesicht zu verbergen. Benierkte der Vater dies, so sagte er gern: „Johannes, wie viel hast Du in der Sparkasse?" „Sechsundzwanzig und einen halben Thaler". „Und in der Büchse?" „Siebenundsechzig Schilling". „Hier hast Du zwölf dazu". Der Knabe nahm das Geld, dankte fast unhörbar ohne aufzusehen und steckte es in die Tasche: denn jetzt, wenn der Vater schrieb, durfte er nicht mit der Büchse klirren. Mit zehn Jahren wurde der Junge auf die Lateinschule in die Stadt geschickt. In der ersten Zeit war er auch hier ganz allein. Der groste, scheue, schweigsame Bauernknabe paßte nicht gut zu seinen kleinen, lebhaften, neckischen Klassen- kameradcn, und sie trieben Possen mit ihm. Aber er schwieg, klagte nicht, verbarg sich, wenn die Thräncn fliesten wollten. Er wohnte bei zwei alten Schwestern, die von einer knappen Pension lebten, die durch Jobannes' Kostgeld ergänzt wurde. Er war nur bei den Mahtzeiten und wenn er ihnen in feinen Stadtkleidern zur Kirche folgte, mit ihnen zusammen. Am Nachmittage saß er und lernte Lekttonen, und er lernte sie gut; in den ersten Jahren, weil er meinte, es se eine Schande, sie nicht zu können; später, well er verstand, daß er nullt Student würde, falls er sie vernachlässigte; denn er wollte Student werden-- wollte gerade so gut, gerade so fein wie die Kameraden werden. Wenn er frei war, saß er ani Fenster und sah hinaus. Unter ihm lag der Promeuadenweg der Stadt. Seine Augen folgten den Kameraden, während sie mit den Freundinnen vorbeizogen. Wenn er in der Welt vorwärts kommen, die Kaineraden erreichen wollte, so war es zumeist um der Mädchen»villen. Es quälte ihn, daß er nicht gewandt genug war, dort anwesend sein zu könne»»,»vo die Mädche»» hiilkameu, wo getanzt und gespielt wurde. In den Weihnachts- und Sommerferien war er zu Hai»se. Vater und' Sohn fuhren immer von der Eisenbahnstation heim- wärts, Ivenn er auf Besttch kam. „Wie geht es Dir dort in der Stadt?" „Ach, ganz gut." Eine Weile mar es still. „Hast Du genug Geld?" ..Ja". Dann schwiegen sie»vicder. „Wirst Du sicher Student, wenn Du zwanzig Jahre alt bist?" „Ja... so gut»vie sicher." Und nun»vustten sie aus dem ganzen Wege einander nichts mehr zu sagen. Nach einem Jahre befand sich der Knabe in der Stadt ebenso wohl wie zu Hause. Er fühlte keine Sehnsucht,»venu er vom Vater Briefe erhielt. Darin stand iinmer, daß er vorsichtig sein und nicht so angestrengt lernen sollte, daß er ckranf würde. Er müsse auch»nit dein Gelde vorsichttg um- gehen; er könne gewiß nicht viel verdienen, wenn er Bs- amt�r würde, obwohl die Bauern und der einfache Mann glaubten, daß die Beantten Geld wie Heu verdienten. Er lernte und ttäu»nte sich durch die Jahre bis zur Kon- firmatton hindurch und noch länger. Er freute sich, daß er reich war und einmal»roch reicher werden sollte. Das Geld war ihm ein Trost, wenn ein Schüler oder ein Lehrer ihm zeigte, daß er nur ein Bauer war. Einmal würde er wohl crivachsen und selbständig sein. Eiri»»»al erhielt er wohl ein Antt und sein Geld!... Aber weit in der Ferne sah er eine Frau. Die Umrisse waren noch verschwommen. aber sie war da. Alle Herzens- »väimc, alle zärtlichen Gedanken häufte er auf diese Frau, die schöner und klüger sein sollte und— noch feiner als die Mädchen, die die Kaineraden hatten. Sie sollte a»uh all sein Geld besitzen.... Ui»d immer war er allein. Die Einsamkett war feine Zivillingsschwester. In der zweiten Gymnasialklasse erhielt er einen Freund. Er war der Sohn des neuen Pfarrers in-seinem Heimats- orte, Alfred Hjelm. Sie wohnten zusammen, denn ihre Väter hielten dies für billiger. Der junge Hjelm war ein Liberaler und hielt eine liberale Zeitung. Außerdem sprach er über Bücher und Musik mit Johannes und im übrigen mit allen Kameraden, die ihn anhören wollten. Das Buch, das er las, und die Musik, die er hörte, begeisterte oder ärgerte ihn, und er wußte immer genau Bescheid, welcher Abschnitt in einem Buche oder Musikstücke ihn angesprochen oder mißfallen hatte. Johanires hörte zu, wenn er sprach, aber erhob nie Widerspruch. Er ließ sich von dem Freunde leiten, der ihn zum Tanzkrirsus mitschleppte und zum Backfischhofieren— auf der Straße. Ueberall führte Hjelm an. sprach für ihn und war begeistert oder ärgerlich. Johannes bewies ihm seine Dankbarkeit und sein g»»tcs Hei? dadurch, daß er ihm kleine Beträge lieh, die nicht ininier zurückbezahlt wurden. Johannes wurde Student, als er zwanzig Jahre all war, gleichzeitig mit Alftcd Hjelin, der etivas jünger war. In Christiania wohnten sie zusammen. Auch hier spielte Hjelm die erste Rolle. Er war immer vorne an, während .Johannes mit Nachgiebigkeit, fast Gemächlichkeit ihm folgte. Hjelm, der nitt einigen„guten" Fainilien der Stadt vcrwarldt war, führte ihn bald dort ein. Sie schwirrten in den zwei ersten Wintern in Gesellschaften, auf Bällen und Vereinsabenden hermn. Johannes lebte so hastig, daß er nicht, wie in früheren Tagen, Zeit z»lm Grübeln fand. Er fühlte sich von dem Leben, das er führte, keineswegs be- friedigt. Und verspätte er zuweilen Gewissensbisse, weil er nicht arbeitete, so wurden sie ihm ein Sporn, sich noch mehr zu amüsieren. Was ihm besonders zum Aushalten trieb, war das Bewußtsein, daß er nicht mehr weit vom Ziele war. Er hatte Glück. Zuvörderst, weil Hjelin sein Freund war und dann, weil er, woraus Hjelm kein Hehl»nachte, so sehr ver- »nögend und begabt war. Johannes hielt nie Reden, weder in Gesellschaften, noch in Stl»dcntenverbindungen. Aber ma»» mußte ihn unwillkürlich beachten, weil er stets nebe»» Hjelnl saß, der sich als Redner in der Studenienwelt bald einen Namen machte. Man sagte sogar, daß vieles von Johannes kam, womit Hjcltn beim Auftreten prunkte. Außerdem war das Aeußere von Holthe nicht ganz durchschnittlich. Der große, starke, sunge Mann war selten schön. Wenn er im Zwiegespräch oder in einem kleinen Kreise durch das, was er sagte oder hörte, erregt wurde, überzog sich sein Gesicht mit zarter Röte, und die braunen, treuen Augen erhielten eine eigentüniliche Wärme. Und es gab welche, die später nicht vergessen konnten, wie schön er war. Beide studierten.lus. Die Theologie, an die sie in den Schultagen gedacht hatten, gaben sie auf, ehe sie Studenten wurden. In dem dritten Universitätsjahre war Hjelm zu Hause als Lehrer seiner jüngeren Geschwister, deren er eine Menge besaß. Und in dem vierten Jahre studierte er privatim, während er im Bureau eines Rechtsanwalts in einer kleinen Stadt arbeitete. Johannes lebte allein, ohne einen Freund und ging nicht in Gesellschaften. Er studierte viel, aber kein llus. Bon den vielen Schriftstellern liebte er besonders Sören Kierkegaard und Heine. Ihn befiel eine stille, grübelnde Traurigkeit wie in den Schultagen. Vielleicht kam das durch seine Einsamkeit, vielleicht durch sein Studieren oder vielleicht durch beides. Wenn er Tage und Wochen hindurch studiert hatte, konnte er eines Abends das Buch fortwerfen, sich in irgend einem Winkel umhcrtreiben, und konnte stehen und nach den Fr.auen blicken, die vorübergingen. Er sah sie scharf und nervös an und lauschte auf Worte, die geflüstert oder hervorgelacht wurden, und auf das Rauschen der Röcke, wenn sie ihn streiften. So trieb er in den Strom hinein. Leuchteten ihm zwei glänzende Augen oder ein froher Mund durch den Schleier vor, so ging er so nahe heran, daß er sie fast be- rührte, oder folgte der Frau, dem Mädchen ein Stück Weges, bis sie durch eine Pforte oder in einer Hausthür verschwand. Dann stellte er sich wieder in den Winkel und stand wie zuvor. Stunde auf Stunde. Der Strom wurde dünner und dünner. Die Läden wurden geschlossen. Bald ging niemand mehr spazieren; nur Leute kamen von der Arbeit oder gingen in Theater und Konzerte. Er trieb sich auf der Straße umher, trat in ein Cafs, wo er eine Weile bei einer Zeitung saß, ohne gefesselt zu werden. Er wurde müde und nervös. Er sah nach den Tischen hin, wo die Jugend saß und schwatzte. Sie waren gewiß glücklich, sie konnten kaum wie er sein... sie konnten sich nicht über sich selbst ärgern, über die Frauen, über die Kameraden, über die Geselligkeit, über das ganze Leben.... War es denn im Grunde nicht ebenso naiv als lächerlich, so zu sein? Er hatte doch nicht mehr Veranlassung, zu klagen, als die andern? Dann schlenderte er wieder hinaus. Karl Johann lag still. Er machte Kehrt und ging schnell nach Hause. Er warf sich auf das Sofa, er wälzte sich hin und� her, unruhig und erbittert. In Gedanken erblickte er die Frauen, die er in der guten Gesellschaft kennen gelernt hatte. Eine nach der anderen zog er herbei und sah sie an. Nein, er gehörte nicht in die feine Welt. Er war Bauer, wenn er auch als eine Rarität unter den feinen Damen Glück hatte. Er gehörte zu den Bauern, ob er wollte oder nicht. Er mochte sich noch so sehr bennihen, von ihnen loszukommen, es half nichts. Der dreiundzwanzigjähnge Student war erbittert, daß er mit allen zerfallen war. daß er auf alle Menschen herabsah. Am ärgerlichsten war er auf seinen Freund Hjelm. War dieser Bursche nicht unausstehlich von sich eingenommen! Er litt freilich nicht besonders darunter: aber er fühlte sich doch dadurch veranlaßt. Reden zu halten. An einem Wintertage promenierte er auf dem Drammen- Wege und begegnete einer Assessorentochter, die er mehrere Male in Gesellschaft gettoffen hatte. Sie gingen zusammen und sprachen eine Weile über die Bälle, auf denen sie mit einander getanzt hatten. Und sie begegneten einander nicht zum letztenmale. Er liebte es, mit ihr herumzugehen, weil pe seinen Frauenhaß gleichsam milderte, und weil sie ehrlich und schön und ihre Kleidung sttlvoll war. Groß, etwas mager, feines Gesicht und klare, etwas kalte graue Augen hinter einem Goldzwicker. So sah er sie. Fortsetzung folgt.) SonukktgsplÄudevri. Der Freiherr v. Zedlitz-Reukirch beabsichtigt, wie man sagt, gegen den„Vorwärts" eine Civilklage wegen Geschäftsschädigung an« zustrengen. Der Präsident der Seehandlung bemitzt den durch die Veröffentlichung seiner Honorarrechnungen ihm zugefügten Nachteil auf 50 000 M. jährlich. Der Fall beweist nebenbei, wie kein zweiter, die absolute Notwendigkeit der Zuchthanstiorlage. Denn hätten wir dieses Gesetz bereits, so würde die socialdemokrattsch-terroristische Verhinderung der Zedlitzschen Arbeitswilligkeit durch das Central« organ des Umsturzes eine schwere Ahndung haben erfahren können. während jetzt nur der unsichere Ausweg civilrechtlicher Ansprüche gangbar ist. Das unkollegiale Vorgehen des„Vorwärts" war um so nichts« würdiger, als Herr v. Zedlitz gerade noch eine Anzahl von rein« wollenen Entrefilets vorrätig hatte, deren Verwertung nun aus- geschloffen war. Es schien uns eine Ehrenpflicht, die Sünde des „Vorwärts" dadurch ein wenig herabzumindern, dah wir die fertig« gestellten Entrefilets zu halbem Ladenpreise erwarben, und es ist für uns ein schöner Akt kollegialer Hilfelcisttmg, die an der „postalischen Veröffentlichung gewaltsam gehemmten Anslnssnnge» der Entrefilets nüt Hindernissen an dieser Stelle zu servieren: Die Tcnunziantcnhordc. Seit einigen Tagen deuten gewisse verkommene liberale Blätter mit schmutzigem Behagen an, daß der hochverehrte Führer der frei- konservativen Partei, Freiherr v. Zedlitz-Neukirch in unserem Blatte Artikel gegen den Mittclland-Kanal veröffentlicht habe und gleich- wohl nicht geniaßrcgelt worden sei. Es widerstrebt uns, mit diesem Dcnunziantengesindel zu polemisieren. Im Interesse der Sache aber stellen wir fest: Es ist wahr, daß in früheren Jahren Herr v. Zedlitz gelegentlich unserem Blatt die ehrenvolle Aufgabe zu teil werden ließ, seine ebenso unterrichteten wie patriotischen, weitschauendcn und klarbewußten politischen Anschauungen der weiteren Oeffentlichkcit zu übermitteln. Zu unserem Bedanern hat dieses Verhältnis vor geraumer Zeit bereits endigen müssen, ans dem einfachen Grunde, weil die Amtsgeschäfte dem verehrten Herrn keine Muße zu schriftstellerischer Be- thätignng ließen. Nainentlich seitdem Herr v. Zedlitz mit dein arbeitsreichen und verantwortiiiigsvollen Posten der Seehandlung betraut Ivorden ist, ivar keine Rede mehr davon, daß er uns seine nicht hoch genug zu schätzende Mitarbeit zu teil werden lassen konnte. Allen unseren diesbezüglichen Bitten begegnete er mit dem Hinweis auf sein Amt. Eine geradezu kindische Lüge aber ist es, zu behaupten, daß Herr V.Zedlitz irgend einen derKnnalartikel geschrieben habe. Der Führer der freikonseruativen Partei ist bekanntlich der festen Ucberzeugnng, daß der Kanal dem Vatcrlande nicht zum Segen gereicht, während sein direkter Vorgesetzter und Freund Herr v. Miguel der entgegen- gesetzten Meinung ist. Schon deshalb iväre es für einen preußischen Beamten undenkbar, in der behaupteten Weise publizistisch zu agitieren. Man höre doch endlich auf, nach dem Verfasser der in der„Post" veröffentlichten Artikel zu spionieren, und prüfe sie lieber auf ihren großen sachlichen Wert. Wir sind ein durchaus unabhängiges Organ, und die liberale Dcnnnziantenlüge, daß Herr v. Zedlitz unser geistiger Leiter sei, ist ebenso infanr und lächerlich wie die Verivandte Be- Häuptling des Berliner socialdenlolratischen Diebs- und Hchler- orgaus, daß wir im Solde des Frciherrn v. Stumm ständen. Socialdeuiokratische Soldschrcibcr. Der größte Krebsschaden unserer Verhältnisse ist die unbehinderte Zügellosigkcit der socialdemokratischen Presse. Man braucht sich nur zu überlegen, was die Elemente sind, die diese Presse beherrschten und ans welchen Motiven sie ihr Gewerbe treibeii, um einzusehen, daß unbedingt gegen diesen gemeingefährlichen Unfug eingeschritten werden muß. Eine anoupme Gesellschaft ohne Talent und Meinung, dafür mit zweifelhafter Vergangenheit, ehemalige Arbeiter, die zu faul zu ehrlicher Arbeit sind, verbunimelte Studenten, die in der anständigen und gebildeten Gesellschaft kein Unterkoninien finden konnten— das sind die Leute, die gegen glänzende Bezahlung, Tag für Tag ans den socialdeniokratischen'Ncd'aktionen ihr Gift unter die bethörtcn Massen spritzen, die blind genug sind, mit ihren sauer ver- dienten Groschen jenen nichtsnutzigen Abhub der Menschheit zu mästen. Die Schamlosigkeit, mit der diese Buben alles uns Heilige begeifern— griffen sie doch neulich sogar den preußischen Finanzuiinister und den Präsidenten der Scehandlung mit ihren Schmutzbomben an!— wird nur durch die Charakter- losigkcit übertroffen, mit der sie, wenn sie einmal an die Partei« krippe gelangt sind, an ihren fetten Posten kleben. Indem sie vor den eiiiflußreicheu Führern feige kriechen und ohne eigene Gesinnung nachplappern, waS jene verlangen, gelingt es ihnen, sich in Stellungen zu behaupten, zu denen sie iveder Fähigkeit noch Wissen noch Charakter mitbringen. Unter den bessere», klügeren und aiiständigeren Partei« Mitgliedern hat man längst dieselbe Auffassung und spricht mit Eni« rüstung von den aus Arbcitergroschen ein Schlaraffenleben führenden Redacteuren. In dein ividerlichen und für das Vaterland bedrohlichen Treiben dieser socialdemokratischen Zeitungsschreiber— Schmierfinken, wie sie ein unvergeßlicher Äriegsminister einst nannte— liegt eine Ent« Ivürdigung des ganzen Benifs. Nienials wird ein anständiger Politiker für Geld in Zeitungen schreiben. Er betrachtet es vielmehr als eine ideale Aufgade, nneigennützig ohne Entschädiqnng zur Ration zu sprechen. Die konservatioe Presse und Partei kennt genug von diesen idealen Publizisten, die, wenn sie tagsüber ihres Änites gewaltet, die Nächte durchwachten, um ihre Anschauungen zu Papier zu bringen— unter Verzicht auf jede materielle Entschädigung. Nicht die bürgerliche Gesellschaft, wie die Socialdemokratie immer behauptet, ist kapitalistisch verkommen. Die Socialdemokratie, das ist die wirkliche kapitalistische Korruption. Die eigentlichen Aus- beuter der Arbeiter sind die in den socialdemokratischen Nedaltionen hausenden Prasser, Ignoranten und Tangenichtse. Zur innereu Lage. Nachdem einige Wochen ins Land gegangen seit der Ablehnung der Kanalvorlage' durch die große Mehrheit des preußischen Ab- geordnetenhanses, zeigt es sich, daß die Krisis, von der gesprochen wurde, nur in der Einbildung der liberalen Streber de- standen hat. Die Gemüter haben sich inzwischen bc- rnhigt, und auch in der Regierung hat man erkannt, das; es ein schwerer Fehler gewesen ist, die rein wirtschaftliche Angelegenheit des Mittellandkanals zu einer politischen Machtfrage zuzuspitzen. Heute zweifelt niemand mehr daran, daß nichts so sehr geeignet ist, die socialdeniokrattsche Umstnrzgefahr zu stärken, als die Schwächung der �konservativen[Partei. In diesem Sinne ist darum auch der Vicepräsidcnt des preuszischen Ministeriums beniüht, die vorhandenen Meinungsverschiedenheiten auszugleichen und die durch einige nn- überlegte Maßnahmen vcranlaßte Erbitterung der gutgesinnten Kreise im Lande zu beheben. Von einer zuverlässigen Seile, die in der Lage ist, über die Ab- und Ausichtc» des Herrn Finanzministcrs gut unterrichtet zu sein, wird uns eine Acuszerulig mitgeteilt, die durchaus treffend die Sachlage charak- tcrisiert:„Ob der Kanal", so äußerte sich die betreffende Persönlich- keil,„zehn Jahre später oder früher gebaut wird, ist ganz gleichgültig. Wenn aber die Sammlung aller staatSerhaltcndcn Elemente nur um einen Tag zu spät kommt, dann ist alles verloren." Wir glauben, das; diese Anschauungen auch am niaffgebenden Orte ihren Eindruck nicht verfehlt haben, und daß das Vertrauen zu dem Manne nur gewachsen ist, der es durch seine unvergleichliche stantsmännische Kunst verstanden hat— trotz aller nicht zu bezweifelnden Gesinnung für den Kanal— einen Bruch mit den treuesten Stützen für Thron und Altar zu verhüten. »* -X- In der vorstehend abgedruckten Entresilet- Sendung waren— wohl(iii-5 Versehen— zwei kleine Zettel beigepackt, die folgenden Inhalt hatten: Verlin, 4. September 18£)!). Vereheliche Administration I Indem ich Ihnen die Begleichung meines August- Guthabens dankend bestätige, bemerke ich. das; es mir, angesichts der Steigerung aller Lebensmittelpreise, nicht möglich ist, bei Ihren jetzigen Honorar- preisen zu bestehen. Bis zum Jahre 1893 erhielt ich für einen Leit- artikcl 3l) M.. für ein Entresilet 1b M. Ich ersuche Sie dringend, zum mindesten diesen alten Tarif wiederherzustellen. Andernfalls würde ich einem Angebot des„Berliner Lokal-Anzeiger" Folge leisten, der mir — unter Verzicht auf Memniigsäußerungen— für jede Information eine Honoricrung zugesagt hat, die mir eine menschcntvürdige Existenz gestattet.' Hochachtungsvoll Frhr. v. Zedlitz-Neukirch. Berlin, 27. September 1899. Alles verraten! Unter allen Umständen ableugnen! Haupt- fache, das; nichts nach oben bekannt wird— sonst allgemeiner Klad- deradatsch. Ausnahmegesetz gegen socialdemolratische Presse auf Tagesordnung setzen. Der letzte Zettel trägt keine Unterschrift.— Joe. Kleines Feuillekon. n. Der Kriecher. Das kleine Pförtnerhäuschen war mit einem dichten Qualm erfüllt. Halb schien er aus Steinkohlcnrauch, halb a»S Tabaksrauch zu bestehen. Der kleine eiserne Ofen stieß von Zeit zu Zeit, wenn der Wind zu stark in seine Abzugsrohre drückte, gelb- lichc Rauchlvolken aus, die sich mit den bläulichen Ringen des Tabaks nüschten. Die fünf Männer, die auf den beiden Bänken sahen, saugten auch immer mehr Rauch aus ihren Pfeifen, so daß einer kaum noch den andern vor Dunst sehen konnte. Es tvar zwischen der Mittagspause und den» Schichtwechsel am späten Nachmittag. Der Verkehr von und zur Grube hatte nach- gelassen. Nur selten fuhr ein Vauemwageu voll Kohlen den ab- ichiissigen Weg hinaus, die höheren Beamten hielte» Mittagsruhe, und die Arbeiter durften ihre Maschinen und Förderwerke nicht verlassen. So brauchte der Pförtner nur das kleine Fenster ein paarmal zu öffnen, um die Zettel der hinausfahrenden Kutscher zu kontrollieren. Der Hauch frischer Lust, der dann hereinwchte, war bald wieder mit Qualm durchsetzt. Wenn auch die Männer einander nur undeutlich sehen konnten, sie gaben um so deutlicher durch laute, heftige Reden ihre Gegen- wart einander kund. Schon mehrmals waren die Stimmen so an- geschwollen, dnh der hagere, knochige Pförtner noch lebhafter als 'oiift seine Arme und seinen Kopf bewegte und Ruhe gebot. An den versprengten blauen Punkten in seinem dürren, großäugigen Gesicht tvar zu erkennen, daß er früher Bergmann gewesen war und in der heißen Luft der unterirdischen Gänge gearbeitet hatte. Am häufigsten muhte er einen rnndköpfigen Mann zur Stille mahnen, der ihn dann aus seinen kleinen, durch eine breite und flache Nase ge- trennten Augen gekränkt ansah und schwieg. Erst wenn der Manu der rundnin'gehenden Schnnpsflasche mehrere Schlucke entnommen hatte, sprach er wieder. ES tvar ihm ganz gleich, ob er dann eine Erzählung der andern Bergleute, die erst zur Nachtschicht einzufahren brauchten, unterbrach, oder auf eine Frage falsch antwortete— er lieh sich nicht abbringen von seinen Gedanken. „Wie ich damals.. war der Satz, den er stets wiederholte. „Aber so laß doch den Dudeski erst aussprechen!" schrie ihn der Pförtner an, dessen Beschäftigung nur im Beobachten und Ordnen zu bestehen schien, was er auch auf sein außerdienstliches Leben über- tragen hatte. „Wie ich damals.. wiederholte der Zurechtgewiesene aber bald. „Wolska, jetzt bist Du dran!" ermahnte ihn der Pförtner, in- dem er mit der flachen Hand auf seinen Schenkel schlug. Wolska, der zweite Markenwärter der Grube, sah ihn dann wieder mit seinen kleinen Augen gekränkt an und wiederholte, nach einem kräftigen Schluck, seine Rede. Endlich war er an der Reihe. „Wie ich damals zum Herrn Direktor kam... ich kam sich damals gerade vom Militär... sag' ich zu ihm: Herr Direktor, sag' ich, kann ich bekommen eine Stellung, eine kleine? Kann ich nicht viel, aber bin ich nüchtern und treu, Herr Direktor! sag' ich. Ah, sagt Herr Direktor da, solche Leute können wir gebrauchen immer. Will ich Sie behalten hier in der Verwaltung. Wolska, wenn Sie wollen, Wolska.— Ja, so sagte der Herr Direktor zn mir, dem Josef Wolska!— Wenn Sie ivollen I— Sag' ich zum Herrn Direktor: Herr Direktor I Sie werden verzeihen, wenn ich nicht will; will ich lieber auf die Gnibe, fühl ich mich doch hier nicht sicher genug mit meinem Deutsch. Sagt der Herr Direktor: O, kann sich der Herr Wolska genug deutsch, kann sich fein Deutsch I Aber, tvenn sich Sie nicht wollen, können Sie auch gehen auf die Grube; wir brauchen auch Leute mit gutem Deutsch auf der Grube.— Ja, so bin ich geworden Markenanwärter I Ja! lind tvenn Ihr könnt so fein deutsch tvie Josef Wolska, dann braucht Ihr sich auch nicht mehr klettern in die Grube, dann Ihr kriegt auch solche feine Stelle I Ihr... Ihr.. das sagt sich Euch Wolska!" schloß er erregt. Die anderen fuhren heftig auf:„Du willst deutsch können? Rangeschmeichelt hast Du Dich! Wir wissen ja, das; Dein Onkel Diener beim Direktor war... Du kannst ja nicht einen Satz in richtigem Deutsch von Dir geben!" �,Was kann ich nicht? Ich kann nicht sprechen deutsch? Ich, Wolska?!" schrie er sie an, mit starren Augen auf ihre vom Qualm verhüllten Gesichter blickend, und beugte sich vor. Sie antworteten ihm ebenso laut. Er fragte, ehe sie ausgesprochen hatten:„Ich kann nicht sprechen deutsch?" So ging das in wirrein Lärm durch- einander. Der Pförtner hatte Mühe, sie zu überschreien. Als er endlich die Ruhe wiederhergestellt hatte, sagte Wolska:„Ich kann sich noch deutsch, wenn ich schon bin besoffen. Aber Ihr?... Ihr werdet sich nie höher kommen." Und dann trank er, mit vor Kummer ver- zogcnem Gesicht, den Rest des Schnapses. Als er frischen holen lassen wollte, widersprachen ihm die andern. Da zog er aus seiner Brusttasche eine zweite Flasche. Die andern wollten nicht mehr trinken. So trank er allein. Und als er dann auf der Bank schtvankte, fing er an zu schluchzen:„Ich kann... sich... nicht deutsch?... Fein kann ich... den— eutsch I" Die Thränen liefen ihm über die Backen. Er weinte, daß sie alle das Geheimnis seiner Anstellung— die Fürsprache des DienerS— kannten.-- Musik. c. Das Jnstrumenten-Museum zu Kopenhagen. das unter dem Titel„Musikhistorisk Sämling" zu Beginn des vorigen Jahres begründet wurde, ist seitdem ansehnlich gewachsen und zählt zur Zeit etwa 700—800 Jnftrumcnte. Einen besonderen Anziehungs- punkt bildet, nach einem Bericht des„Deutschen Jnstrumentenbaus", eine schöne und gut erhaltene Sammlung nordischer Volksinstrumente, finnische„Knntele", schweoische„Nyckelharpe" lSchlüsselfiedel) und „Träskofivl", norwegische„Langleik",„Holz-Luren" und„Hardanger- Telcn", isländische„Langspil"(Streich-Jnstrumentc). dänische„Humle", „Psalmodikon" aus Schonen ec. Bemerlenswertc Seltenheiten sind: eine schöne Pochette vom Jahre 1320, ein italienisches Cembalo lBergamo 1392) mit 2 Registern, verschiedene Lauten- Instrumente und Holzblas-Justrumente aus dem 17. und 13. Jahrhundert, eine Sammlung von Viole da gamba in allen Grösjen(Diskant. Alt, Tenor, Bast). Es wird vor allem darauf geachtet, dah ein jedes Instrument, soweit es möglich ist, sich in spielbarem Zustande be» findet.— Kunst. — Der italienische Maler Giovanni Segantini ist, wie aus Samaden im Ober-Engadin gemeldet wird, gestorben. Eine schwere Erkrankung hat den erst 41 jährigen Künstler uiitten in der Arbeit an einein grostcn Alpenanorania, das eine Sehensnmrdigkcit der Pariser Weltausstellung werden sollte, hinweggeraM. Die italienische Kunst hat in ihm ihren bedentcndsten Maler, den einzigen, der ernsthaft mitzählte, verloren. Von armen Eltern in Arcv war er geboren; nachdem er viel in der Welt hcrinngeschlageu worden, halte er durch seine Zcicbnungcn die Aufmerksamkeit ans sich gelenkt und wurde an die Mailänder Sniistschllle gebracht. Er hat dann sein Leben lang einsam in den Graubündcner Bergen gelebt, in im- ermüdlichenr Ringen um seine Kunst. Die geivaltige Natur der Alpen und das einfache Leben der Bauern gaben ihm die Motive. Das Gcbirgsland ist durch ihn erst der Malerei erschlopen worden: denn ihm allein ist es bisher gelungen, den grandiosen Eindruck der Alpeuscencrio im Bilde zu gestalten. Kalt und scharf weht die Lust auf den weiten Hochebenen, und im Hintergründe lagern die schnee- und eisbedeckten zackigen Bergketten. Scgantini hatte sich eine eigene Technik ge- bildet, diese Motibe kraftvoll z» gestalten. Er zerlegte die Farben in ihre Componenten und trug die einzelnen Töne mit dem Spachtel nebeneinander ans, die so ihre ungebrochene Leuchtkraft betvahrtcn. Schwer und ernst ist die Darstellung auch in den Scenen, die sich in dieser Natur abspielen. Es sind die schlichtesten Formen, in denen sich das Leben dieser Bauern vollzieht: ihre Harle Arbeit, ihr ew- faches Liebeslebc», ihre Sorgen und Mühe» und ihr Kummer, wenn die Schläge des Schicksals sie treffen. Die Berliner Nationalgalerie besitzt ein Bild Scgantinis. in dein gerade ein Motiv der letzten Art in ergreifender Weise gestaltet ist.— Archäologisches. k. Altägyp tische Kun st Produkte hat Prof. Flinders Pctrie bei seinen letzten Ausgrabungen in Diospolis in gvosier Jchhl zu Tage gefördert. Die intercffante Sammlung wurde u»Ring st im University College in London vou Profepor Peine misgcstellt. Sic enthält neben einer groszcn Anzahl vonAexteu. Dolchen und anderen Waffen sehr schöne und annnitig geformte Steiuvasen, deren Material manchmal weich war wie Kalkstein, manchmal hart wie Diont imd Porphyr. Andere intereffante Produkte aus den: prähistorische,! Aegypten waren die Malereien, die von F. W. Green a» den Wänden eines prähistorischen Grabes in Hirakopolis gefunden wurden und seltsame Figuren ans Thon, Elfenbein und Holz, darunter auch eine Puppe mit eutseri, barer Perrücke. Die Töpferwaren, Tboufignrcn und Steinwaren gehören in dir 6. bis 10. Dynastie. Ein schöner Halsschmuck von Granaten, Amctysten und blassem Karneol mit goldenen Amnlettcn, sowie ein kleiner Fisch in Gold und Türkisen wurde in den Gräbern der 11. und 12. Dnnastie gefunden. Spätere» Datums ist ein Dolch mit Elsrnbeingriff und'Sillwnosettcn ge- schmückt und mit einer Bronzeklinge, die den Nmuen des Königs Suazenra— 2000 v. Chr.— trügt.— Geographisches. — Das interessanteste Ergebnis der jüngst von Ostgrönland heimgekehrten Nathorstschen Expedition bildet die Ent- deckung des König Oskar-Fjords, eines Fjordsystems, das mit dem Kaiser Franz Zosef-Fjord zusarmnenhängl. Der„Voss. Ztg." wird darüber geschrieben: Als die Expedition den ersten Teil ihrer Ans- gäbe, Nachforschungen nach Andree auszuführcil, erfüllt hatte, steuerte sie in den Laiser Franz Joscf-Fjord, der vor fast 30 Fahren von der zweiten deutschen Ikordpol-Expedrtion entdeckt und seitdem nicht wieder besucht worden war. Bon den Naturvcrhältnisscn und der reichen Tier- und Pflanzenwelt dieses Fjords Hai Pahcr eine lebhafte Schilderruig gegeben, und die Natchorftsche Expedition dampfte daher mit gespannten Erwartungen in den Fjord. Die„Germania", das Schiff der deutschen Expedition, war bis zur Paycr-Spitze gelommcn, die an der Südseite des Fjords liegt, da sich aber der Dcuupflessel in schlechtem Zustand befand, kehrte das Schiff um, ohne das Ende des Fjords erreicht zu haben. Von der Paycr-Spitze machte Payer eiuc Kartciffkizze über den inueren Teil de? Fjords, der sciner Schätzung nach bis zum 30. Grad nicht- licher Länge ins Land drang und an dessen Ende sich die Peter- mann-Spitze befindet, die auf 3480 Meter Höhe geschätzt wurde. Die hohen Berge, die den Fjord begrenzen, wirken durch ihre bunten Farben, Rot, Braun, Graugrün. Grau usw. sehr eigenartig und das Wafscr war, als die Nathorstsche Expedition in den Fjord fuhr, mit einer Unmenge von Eisbergen, die sich durch Farbenpracht und phantastische Formen auszeichneten, bedeckt. Die Fahrt in einem solchen mit Eisbergen gefüllten Wafier ist inso- fern nicht ungefährlich, als g rohere Eisberge durch Kentern einen gewaltigen Wellengang hervorbringen.' Einige der Eis- berge, die in, Franz Joscf-Fjord angetroffen wurden, iibcrragtcu «och die Mastspitzen des Nnihorstschcn Schiffes„Antarktic". eines Dreimasters. Als der„Antarklic" hinter der Payer-Spitzc war, befand er sich in reinem Fahrwaffcr, wo noch nie ein Schiff ge- Wesen war. Der Fjord erweiterte sich aber nach innen zu nicht, wie auf der deutschen Karte angegeben, sondern er wurde enger. «nd die Fahrt ging an fast senlrechtc«, 4— 6000 Fnß hohen Felswänden vorbei, von denen stellenweise Wasserfälle hcrabstürzton. Ans dem User der Südseite wnchs ellenhohes Gras, und die Zwcrgbirke und die arktische Weide zeigten sich hier buschartig. Die Nathorstsche Expedition fuhr dann zun, Endpunkt der„Germania" zurück und steuerte südwärts, und man glaubte, die Bucht, die sich hier befand und die mau ans den Karten angegeben findet, würde als Fjordarm endigen, aber schließlich merkte man, daß man in einem Sund war. Das Waffer wurde immer breiter, und schließlich befand sich die Expedition, als sie eine Insel, die nach Nathorsts Tochter„Ruth- Insel" getauft würbe, passiert hatte, vor einer mächtigen Wasser» fläche, die nie zuvor ein Europäer gesehen hatte. Dieses Fahrwasser wurde in, Süden von hohen, zackigen Gebirgen mit Gletschern begrenzt. In östlicher Ri-btung lief ein Wasserarm, der, wie sich später herausstellte, ins Meer mündete. Ein anderer Arm, von hohen Bergen umgeben, erstreikt sich westlich von der Ruth-Jnsel weit gegen Westen. Zuerst wurde der östliche Arn, untersucht, und man entdeckte dabei einen neuen Fjordarm, der, südlich vom östlichen Arm liegend« gleichfalls ins Meer mündete. Ebenso fand man später, daß auch der große Fjord im Westen eine Menge Verzweigungen hatte, die alle untersucht wurden. Im ganzen brauchte die Expedition zehn Tage, um alle Ufer und Arme dieses neuen großen Fjordgebiets, des König Oskar-Fjords. zu bereisen. Besonders großartig ist der Westsjord, dessen östliche Seite eine zackige Gelnrgswand von rotem und grauem Sandstein und Schiefer darstellt. In den neu entdeckten Gebieten wurde eine alte Eskimo- Hütte angetroffen, in der mau eine Reihe echnographisch-intereffanter Gegenstände fand. Ferner gelang es, einen lebenden Halsband- Icinmig zu fange,,. Welche großen Veränderinigen die Karte südlich von Kaiser Franz Joscf-Fjord erhalten wird, läßt sich daraus mi- gefähr ersehen, daß der auf den jetzigen Karten verzeichnete Davis- Sund, südlich von der Mündung des Franz Josef-Fjords, einen Aus- läufer des neuen Fjordgebictes bildet.— Humoristisches. — Einleuchtend.(Im Theater einer kleinen Stadt sind sämtliche anwesende Honoratioren zu Thräncn gerührt bei der ent- setzlich schlecht gespielten Sccne, in weicher„Maria Stuart" Ab- schied nimmt; nur ein Herr ist fast zur Heiterkeit gestimmt.) Einheimische:„Wie?! Sie sind nicht gerührt?!" Fremder:„Sie werden gütigst entschuldigen— ich bin nicht aus hiesiger Gegend!"— — Gerechtes Mißtrauen.„Da schau' her. Alte, jetzt giebt's gar schon flüssige Lnftk" „Na ja, das ist halt wieder was für Euch Männer; jetzt werdet Ihr die Luft saufen statt einatmen 1*—' — In der Kinderstube. Onkel:.... Also Mr spielt „Menschenfresser": thnst Tu denn nicht mit. Haus?" Hans:„O ja, aber ich bin schon gefressen morde» I"— („Flieg. 231.") Notizen. — Gerhart H a n p im a nnS„ F ri e d ens f c st" bereitet das D e n t s ch e T h e a t e r als nächste Novität vor. Bisher ist es an' keiner öffentlichen Bühne in Berlin zmAuffiihrnng gelomiiieu.— — Ludwig Fuldas neuestes Bühnenwerk„Schlaraffen- l a n d", das demnächst an, Berliner Schauspielhan sd zur Anfführmig gelangt, ist auch von dem Wiener Burgtheater und von de», Hoftheatcr in München zur Aufführung angcuoininen worden.— — Der Kapellmeister Jos>es Sucher ist aus dem Verbaude des Berliner Opernhauses ousgoschiedo»: er hat dein Institut seit Ende der achtziger Jahre angehört.— — Die erste Vorstellung der italienischen Oper im Neuen Opcrnthcaler findet am Montag statt. In derselben wird Signora D a r c l s c als Travinta debütieren: am Dienstag wird diese Vorstellung wiederholt, während am Mittwoch Bcllinis„Nackt- Wandlern,(„Da, Somnambula") in Scene geht; in dieser Oper tritt die Koloratursängerin Signora Wermez zum erstem, mle auf.— — Die„Gesellschaft für Kunst und Wiffenschaft" wird in kurzem einen Liliencron-Abend veranstalten, bei dem der Dichter selbst zum erstenmal in Berlin vorlesen wird.— — Die Freie Volksbühne in Hamburg veranstaltet heute eine Anffiihumg der in unser». Blatte unlängst be- spräche, leu Tragödie„Andreas Vockholdt" von Wilhelm v. Polenz.— — A n g n st B u n g e r t ö„ K i r k e" hatte nn Hamburger Stadt-Theater einen großen Erfolg.— — Die meteorologische Station auf der Schnee- k o p p e, die in, Laufe des Sommers mit einem Kostenanfivand vou 44 000 Mark errichtet wurde, ist jetzt fertiggestellt.— — Von den 3000 d ents ch en Au sft ellern, die sich zur Pariser Weltausstellung angemeldet haben, ist schon jetzt ein Kapital von 20 Millionen Franks aufgewandt worden.— — Gegen 110 000 Lokomotiven sind gegenwärtig auf der ganzen Erde iu Dienst.—__ Verantwortlicher Redacreur: Robert Schmidt iu Berlin. Druck und Derlag von Max Babing in Berlin.