Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 194. Mittlvoch, den 4. Oktober. 1899 lNachdruck veröoteu.) Hanttn. Roman von Peter Egge. Autorisierte Uebersetzung aus dein Norwegischen von Adele Neustädter. Er sah ihr lange nach. Sie trug dasselbe graue Baum- Wollkleid wie gestern, und es saß so nett und wurde zu gut geWagen; sie konnte kein Bauermnädchen sein. Daß sie ihm nicht vorgestellt wurde l... Dann blickte er wieder den Vogt an, der lange ge- schwiegen hatte, und bemerkte, daß sein Gesicht so seltsam strnnwl gezogen war. Etwas unsicher blickte er die anderen an und begriff sofort, daß man sich durch ihn verletzt suhlte. War er zu neugierig gewesen? Belästigend?... Es war doch wohl nicht verboten, sie ein wenig anzusehen... Er sagte: „Die junge Dame ist Ihre Wirtschaftsmamsell, Herr Vogt V" „Ja, Herr Kandidat, auch das; im übrigen ist sie hier als Stiitze der Hausfrau, wie man so sagt." Er lachte gezwlmgen, wollte den peinlichen Eindruck ver- wischen, der über alle gekommen war.„Sie muffen wirklich entschuldigen, daß wir versäumten, Sie vorzustellen." Kurz darauf kam das Mädchen wieder herein. Als sie den Brotkorb hingestellt hatte, sagte der Hardesvogt: „Dies ist der neue Amtsgehilfe, Herr Kandidat Holthe, und das ist unsere Haushälterin, Jungfer Hanna Arentsen." Sie grüßte zurückhaltend, aber nicht ungeschickt, sah schnell anvihm vorüber und wurde einen Augenblick rot. Holthe fühlte, daß diese Vorstellung nicht so ganz un- willkürlich versäumt worden und er wunderte sich. Sie ge- hörte ja zum Hause, und er sollte ja auch dazu zählen. Während man den Nest des Frühstücks nahm, wurde wenig gesprochen, und das wenige klang gezwungen und gesucht'. Nun verstrichen einige Tage, deren Freizeit Holthe nicht mit der Familie verbrachte. Er wollte sich umsehen, sagte er. Er machte lange Spaziergänge und kam in der lichten Nacht zunick. Eines Abends saß er nach der Mahlzeit bei dem Vogt und trank Toddy. � Die Frau spielte und sang und der Vogt erzählte von seiner Studentenzeit. Holthe geriet im Laufe des Abends in eine aufgeräumte Stimmung. Er sprach mit der Frau über Italien, das sie vor fast dreißig Jahren besucht hatte, und sie geriet durch eine lustige Geschichte derart ins Lachen, daß ihr der Zwicker von der Nase siel. Als Hanna mit einem Kruge ans einem Teller hereinkam, sagte er mit frohem Gesichte laut zn ihr: „Hätten Sie nicht Lust, nach Italien zu kommen, Jungfer Arentsen?" Das Mädchen erschrak so sehr, daß sie fast alles, was sie trug, fallen ließ. „Aber, Hanna!" rief die Frau. Hanna setzte den Teller fort und ging hinaus. Sie hatte nicht geantwortet. „Das hätte schlimm werden können," lachte Holthe. Aber die anderen lachten nicht. Sie waren plötzlich ernst ge- tvorde. Die Frau ordnete nervös und ganz zwecklos den Tisch und der Vogt rieb den Kopf seiner ungeheuren Meer- schaumpfeife und war verlegen. Holthe vennochte die Stimmung nicht mehr zu heben. Sic war für den Abend verdorben. Was in aller Welt sollte das bedeuten? War es nicht erlaubt, mit dem Mädchen zu sprechen?... Etwas Aehnliches war schon einmal passiert. Sie saßen beim Mittagessen und er richtete einige Worte an sie. Ohne Absicht. Vielleicht weil gerade kein anderer sprach. und sah blitzschnell und verstohlen auf die Frau, als hätte sie etwas Schlimmes gcthan! Und der Vogt und der Schreiber saßen wie zwei Klotze, und die Frau blickte bissig durch die Lorgnette. Solche Steifheit war unerträglich. Am nächsten Tage saß Holthe auf seinem Zimmer und rauchte und las. Es war kurz nach dem Mittagessen. Da klopft es an die Thüre und der Vogt tritt ein. Er dampft mis einer ungeheuren Meerschaumpscise. „Bitte, Herr Vogt, nehmen Sie Platz." „Danke." Ich»vollte sehen, wie Sie sich befinden, Sie entschuldigen Wohl. Ich hoffe, Sie werde« er hier recht be- haglich haben." Er sah sich um und setzte sich in die Sofaecke, und es wurde eine Weile still. Er hustete etlvas und dampfte, hustete wieder und dampfte. Er war ein starker Mann. Das silbcrgraue Haar strich er aus der Stirne, die hoch und fast ohne Runzeln war. Der Bart war auch silbergrau und lag um das glattrasierte Gesicht wie ein Kranz von einem Ohre unter dem Kinne hin zum andern Ohre hinauf. Er sah wie ein geistlicher Herr auö. Wenn er sprach, erhöhte sich dieser Eindruck noch. Holthe faß fast gespannt. Er mußte etwas Besonderes wollen. Aber der Vogt nahm sich Zeit, hustete etwas und dampfte. „Sehen Sie, niein lieber Herr Anitsgehilfe, ich wollte gerne mit Ihnen über etlvas sprechen." Er hustete wieder. „Es ist über Hanne, das junge Mädchen. Ich vermute, sie hat... hat bei Ihnen eine gewisse Aufmerksamkeit erregt— wenn ich mich so ausdrücken darf— wie bei den meisten anderen Menschen, die hierher kommen. Nicht wahr?" „Ja, ich kann es nicht leugnen! aber ich begreife freilich nicht..." Holthe hielt an. „Es muß Ihnen sonderbar vorkommen, daß ich so ohne weiteres zu Ihnen herauskomme und darüber spreche; aber wenn Sie gehört haben, was ich zu sagen habe, nehme ich an. daß Sie mein Benehmen ganz naturlich finden werden. Dieses Mädchen ist sehr unglücklich gewesen, und sie ist es noch. Und darum will ich Sie bitten, um was ich meinen Schreiber und meinen früheren Amtsgehilfen gebeten habe: Erweisen Sie Ihr keine Aufmerksamkeit, sprechen Sie nur das Allernotwendigste mit ihr." Der Vogt dampfte und hustete etwas, dampfte ganz heftig und blickte vor sich hin. Holthe saß ihm halb zugewandt. Hatte man ihn im Verdacht ihr ein Leid zufügen zu Wollen? Wollte man sich dagegen sichern? „Hat sich das Mädchen vieUeicht beklagt oder.. „Nein, was denken Sie?..." Der alte Herr wandte sich erschreckt nach ihm. „Beklagt! Nein, wenn sie Grund hätte, thäte sie es nicht... Sie.., Sie.., Sie mißverstehen mich vollständig. . Verehrtester... was ich jetzt thue, ist Vertrauen, nicht Mißtrauen gegen Sie." Er änderte deil Ton und sagte mit leiser vertraulicher Stimme: „Herr Holthe, ich will Ihnen etwas über dieses arme Mädchen anvertrauen. Hier auf dem Hofe wissen nur meine Frau und ich davon, kein anderer. Und wenn ich es Ihnen erzähle, so geschieht es, daß Sie ihm ohne Mühe den Aufenthalt hier leichter, oder, richtiger gesagt, weniger schwer machen können, als er schon ist. Ich glaube nicht, daß Sie es jemand verraten.— Hanna zog zu uns vor einem Jahre. Sie war, was man eine gefallene Frau nennt." Er schwieg eine Zeitlang etwas feierlich. „Ihre Mutter hat in der Familie meiner Frau gedient und sie war eine sehr brave Frau. Nachdem sie und der Mann tot waren, diente Hanna bei einer Familie in Arcndal. Und... ja, so wurde sie von einem Sohne des Hauses ver- führt und dann fortgejagt, und so ging es dann eine Weile mit ihr bergab. Sie lebte, wie es nur solche Weiber vermögen, bis eine warmherzige und mutige... ich muß sagen: sehr mutige Dame sich ihrer erbarmte und sie ein halbes Jahr zu sich nahm, che sie zn uns kam. Diese Dame reiste hierher und sprach für sie... Wir trugen ja unsere Bedenken, aber wir hatten nie Grund zu bereuen, daß wir nachgaben. Die Arme, sie ist gebrochen, ich glaube, ihr Gemüt ist weich von Natur; aber leider ist sie gegen niemand offenherzig. Ich bin über- zeugt, daß sie versucht, ein braver Mensch zu werden, und das ist bei einer solchen Frau doch eine Seltenheit. Sie geht jeden Sonntag zur Kirche und ist sehr arbeitsam... Sie scheint unseren neuen Kaplan zu lieben.... ich habe ihm— nichts von ihr erzählt. Er ist, obgleich sehr human, un- gemein eifrig in seinen Vekehningsdersuchen, und ich will sie solchem nicht aussetzen. Ach bin nämlich der Meinung, daß man durch allzu großen Eifer auch schaden kann. Ich hoffe und glaube, daß nlciue Frau und ich ein gutes Werk gethan haben und daß es uns zum Segen gereichen wird..." Holthe hörte nicht länger aus den frommen Hardervogt, der ruhig weiter sprach. Er wurde erst wieder auf ihn auf- mcrksam, als er sich erhob und sagte: „Ja, nun hoffe ich, daß Sie meinen Wunsch nicht miß- verstanden haben. Und so versprechen Sie mir wohl, daß es nicht weiter gehen wird." „Gott bewahre, Herr Vogt," sagte Holthe und blickte ihn zerstreut an,„ich habe ja kein Interesse, ihr zu schaden." Der Vogt räusperte sich:„Gott behüte uns vor solcher Blasiertheit," sagte Adieu und ging hinaus. Holthe blieb lange in der Sosaecke sitzen. Die Shnipathie, die sie in ihm beim ersten Anblick erregt hatte, sträubte sich in ihm, empfand Schmerz... Deshalb war sie also so scheu, so eingeschüchtert?! Das hatte ihre Schönheit so kränklich gemacht, so bizarr?! Lange Zeit dachte er an nichts anderes, beschäftigte sich unaufhörlich damit. Eine solche Scheu, eine solche Unruhe war etwas seltsam, fast unnatürlich. Es wollte ihr hier auf dem Hofe ja niemand etwas Böses zufügen. Sie hatte keinen Grund von ihm etwas zu befürchten. An die Vergangenheit erinnerte sie wohl auch niemand. Glaubte sie vielleicht, daß jemand sie ihr ansehen.könne. Vielleicht bildete sie sich solches ein, es war eine fixe Idee in ihr... Ja, es war etivas, etlvas unnatürlich, wie sie umherging._(Fortsetzung folgt.) Von vev �olromokivo.') Auch die Lokomotive hat ihre Acsihetik. Gern hätte ich danach die Ueberschrift gewählt, aber ich befinde mich zwischen zwei feind- lichen Heerlagern: demjenigen der eingefleischten. Idealisten, die es als einen Raub an ihren Götzen ansehen und es überlegen belächeln, wenn die Ausflüsse des modenien Erfindungsgeistes einmal statt unter einem iverktäglichen unter eine», feiertäglichen Gesichtspunkte aufgefaßt werden— und demjenigen der nüchternen Praktiker, die alles, außer dem Einmaleins, über das Bord ihres hastenden Lebens« schiffleinS geworfen haben. Diese sollten ivcmgstcnS nicht durch die Ueberschrift abgeschreckt Iverden. Auch die Lokoniotive hat ihre Acsthetik. Lastenziehen ist ihre überall gleiche Aufgabe, aber der Lösung dieser Aufgabe unterzieht sie sich in mannigfaltiger Gestalt. Wer wußte nicht, daß der Lokomotivführer mit all den Schwächen und Launen seines Dampf- ungctüms vertraut ist, das er licbgclvonnen hat und sich bei einem Wechsel der Stellung, bei der Trennung von der ihin ans Herz ge« wachsencn Maschine unbehaglich fühlt, weil die„Charaktere nicht zu einander passen"? Wie traurig, wenn Altersschwäche seine Gefährtin von ihm trennt l Gleich einem pflichttreuen Kapitän steht er fest auf dem eisernen Podium, mag der Damni unter ihm zerschmelzen, die Brücke sinken nnd vorn der Abgrund oder entgcgensausendcS Wer- derben drohen. Dieses enge Verhältnis zwischen der Lokomotive und dem sie bedienenden Personal komnit in anderen Ländern, z. B. in Belgien, in besonders sichtbarer Weise zum Ausdruck; dort ist die Lokomotive gleichsam das Wohnhaus der Bemannung: auf Kupferschildcrn stehen die Namen von Führer nnd Heizer an der Außenseite, und diese Schilder dienen gleichzeitig als Klappen für— den Privatbriefkastcn des NmncnSträgcvs. Ihre Eigenheiten haben die Lokomotiven alle, liege eS, woran es niag. Neugeboren, im vollen Glänze jugendliche» Daseins der Fabrik entführt, haben sie ziemlich gleich gesunde Konstitution, bei aller Verschiedenheit der Konstruktion, wen» auch natürlich nicht gleiche Stärke. Das Individuelle zeigt sich mit den Jahren; da funktioniert der Dampfsteuerapparat ungleich, von den vier Dampf- ausstoßnngen bei einmaliger Drehung des Triebrades sind zwei sich entsprechende stärker, als die beiden andern, oder sie sind alle ungleich: die Lokomotive arbeitet wie niit nur einem Lungenflügel. Eine andere, schon alte, setzt allen Druck an, um ein paar Vichlvngen zu schieben und transpiriert aus allen Fuge»; viel Pusten und wenig Kraft. Und die Stimmen, wie mannigfaltig sind sie! Freilich hat hier das Alter geringeren Einfluß: gerade die alten Lokomotivpfeifen haben noch den alten, reglcmentsmäßigcn Diskant, wenigstens i» Preußen. Freilich räuspern sie erst den zu Wasser erkalteten Dampf fort, ehe die klare Stimme ertönt, schrill oft zum Entsetzen der zartnervigen Passagiere. Heute hat man die Pfeife um manchen Ton niedriger gesetzt, besonders bei den schwerfälligen Gütermaschinen. Es ist wahr, der tiefe To» ist um ein gut Stück weiter vernehmbar, als der hohe, gleich>vie beim Geläute vieler Glocken der Schall der tiefsten Stimme in �dcm Geklinge sich dem Ohre weniger vernehmlich macht: vor der Stadt aber, auf den Bergen ringsum, vernimmt man sie fast allein. 3 Aus der.Kölnischen V o l k s z e i t u n g Zwischen dem hellen, klaren nnd tiefen, bedeutenden Ton liegt die Stimme zahlreicher neuer Pcrsoneuzug-Lokomotiven und über» Haupt aller belgischen, französischen und. englischen Maschinen; sie ist cmfach wüst, um so wüster, als sie, besonders bei erstcren, während der Fahrt so oft erhoben wird, daß es uns gesetzten Deutschen anfangs graust. Unheimlich wird der Ton, wenn er allzu tief ist, wie die Schiffssignnlpfeife; so bei den Lokomotiven der eheinaligcn belgische» Grand Ccntral-Eisenbahn, besonders bei jenen Ungeheuern der belgischen Staatseisenbahn, wo der glocken- fönnige Dampffang an der Pfeife die Größe eines rechtschaffenen Blumentopfes hat. Genug vom Pfcifcnton: sein Schrillen ist oft der einzige Ein» druck, den der gleichgültige Reisende von der Lokomotive empfängt; vielleicht horcht er auch noch auf daS angestrengte Pusten bei steigen- dem Gelände, wie auf eine Entschuldigung für die im Augenblick langsamere Beförderung von der Stelle. Abends machen die beiden leuchtenden Angen der Lokoinotive etwas Bedeutendes aus, auch aus weiter Ferne, mag man gerade auf den Zug warten, oder ihn zufällig kommen sehen. Warum „Augen"? Zunächst führte Ivohl die Zwcizahl darauf; ihre Größe und die Stärke des Scheines thun das Ihre. Früher zählte man drei Lichter, jetzt bisweilen nur eins zur Seite; ein grünes ansdrucks- loses, ein rotes Eyklopenange. Die eine und andere Maschine heißt auch Cyklop. Damit sind wir auf die Namen gekonnnen. Gleichsam wie mit einer Scutimcutalilät hat hier die Verstaatlichung der Bahnen auf- geräumt; es sollte nur mehr numeriert werden, und in dieser Nivelliernng geht das Individuum unter. Allerdings verlor es seine Einzelbcdeutnng so wie so durch den Ilmstand, daß auf eine Lokomotive von früher jetzt ein paar Dutzend und mehr kommen— wenn das allerdings auch nichts an dem Verhältnis zioischcn dem Führer nnd seiner lieben Lokoniotive änderte, der meint: Wie meine Lokoinotive giebt es keine zweite, und jetzt zerreißt man ihren Taufschein I Noch manches andere mag dem enipfindungsvollen Lokomotiv- führcr von der alten Schule nicht behagen. Die Vereinfachung der Kenntnisse mid Manipnlationeu bei irgend einer menschlichen Thättgkcit ist stets auf einen gewissen Widerstand seitens derjenigen gestoßen, welche auf Gnind ihres, sei es schwierigeren, sei es eigenartigeren Bildungsganges, ein Monopol erworben zu haben glaubten. Einst war der Dampfdom über dein Lokomotiv- kesscl schön mit Kiipfcr verkleidet; der Heizer hatte zwar mehr zu putzen, mn so stolzer durfte aber auch der Führcr sein; vielleicht trugen auch die Cylindcr ein kupfernes Kleid.„David Hanse, nann", die alte Schnellzugsniaschine der Köln- Mindcner Bahn, trug gar einen blinkenden Schntzrahmcn über dem hohen Triebrad. Solcher Glanz fällt heute fort, Ivo die Lokomotiven zu halbem Preise gegen früher stehen; bisweilen wird gar das schöne Kupfer übcrlnckt, nur hier und da zeigt sich cinnial ein blinkender Fleck wie ein altes Wandgemälde unter der Tünche. Man nennt das praktisch. Jedenfalls ist die Form, die man jetzt den Lokomotiven giebt, praktisch. Geradehin zieht sich der Kessel, vom Führer übersehen; früher baute sich vor seinen Blicken über der Feuerung ein hoher Aufsatz auf, gleichsam als ästhetisches Gegengewicht gegen den breiten chlindrischcn Schlot, vor dem unmittelbar der Dampfdom stand; beide wurden bisiveilcn von jenem Aufsatz noch überragt. So habe ich einmal im Waes- land zwischen Gent nnd Antwerpen- eine„hochbeinige" Lokomotive gesehen, ans der Oberländer ohne viel Mühe ein Dromedar gemacht haben würde, als neue Vorlage für das Kunstgewerbe im großen. In jenen westlichen Gegenden steht auch das Kupfer noch in Ehren für den Schmuck einzelner Werkstücke an Lokomotiven. Möglichste Vereinfachung ist die Losung, welche das Interesse des Dienstes wie der Etat fiir den Vau der Maschinen bcstinuncn, wiewohl bekanntlich neue Erfindungen, wie die Luftdruck-Brems- Vorrichtung, daS Beiwerk wieder vermehren. Alles aber liegt jetzt unter der schwarzen Eisensarbe. nur noch das Gestänge der Räder blinkt, und diese selbst weisen vielleicht überdies rot lackierte Speichen, wen» letztere nicht, wie in der Schweiz, geschliffene Flächen haben. Wo nur die Kolben- bezw. Pleuelstange, außerhalb liegt, ge- währt der Mechanismus in seinem regelinaßigen hin und her, auf und ab den Eindruck großer Einfachheit; es scheint sich alles so von selbst zu machen; hat man auch die Schicberstangen und den Stcucruugswcchscl gleickizeittg vor Augen, so giebt das fnrS erste einen verwirrenden Anblick. Bei den Lokomotiven Belgiens, Frank- reichs, Englands liegt die Tricbvorrilbtnng meist unter dem Kessel; auswärts zeigt sich bloß die Kuppelung zweier oder dreier Räder. So war auch die Maschine beschaffen, welche zuerst auf der alten Strecke Düsieldorf-Elbcrfcld fuhr: die unsichtbare Ucbcrtragnng der Dampfkraft, das flatternde schwarze Haar des frei im Winde stehen« den Wallonen, welcher mit herübergekommen war. um das Kind belgischer Industrie zu bedienen, alles machte auf die Damaligen einen tiefen Eindruck, der sich noch heute in der lebendigen Schilde- rung der Alten spiegelt. Etwas von diesem Eindruck bleibt auch noch heute, wo der Lokomotivführer in seinem Gehäuse mit leisem Druck der Hand die unsichtbare Kraft löst. So einfach und nackt die englischen Maschinen erscheinen, so auffallend gestalten die praktischen Amerikaner vielfach die ihrigen. Man bemerkt allerlei seltsanics Gerät, wobei freilich die vielfachen Bedürfnisse auf den langen, öden Strecken nicht zu vergesse» sind. Jedem, der auch nur einmal einen Blick auf die Auswanderer- Fahr- Pläne geworfen hat, werden die Forden der Lokomotiven, noch weniger das Gittcrwcrk des KuhfängerS— ein bedeutsames Wort für den Umfang und die Bedeutung des landwirtschaftlichen Betriebes dort drüben— und der ungeheure Schlot entgangen sein; ein schlanker und ein mehr gedrückter Kegel, beide abgestumpft, stoßen mit ihren breiten Basen zusamnicn und umschließen einen Raum, in dem sich alle Funken verlieren; dieser Schlot ist typisckr In unserem Vatcrlnnde ist man schon seit längerer Zeit von den cylindrisch geformten eben- falls zu den konischen Schloten gekommen; wie eine Geschwulst am Baumstämme setzt gelegentlich oben der Funkenfänger an und giebt dem Geräusch des ausströmenden Dainpfcs einen hohlen To». Geschwulstartig setzt sich auch bei den moderne» Compomidmaschinen vor» am Kessel das Ventil an, und wie ein starker Absccß, das ästhetische Gleichgewicht störend, erscheint an diesen Maschinen der Cylinder„zweiter Hand". Ter runde Durchschnitt ist bei den Schloten überall gewahrt, nur in Belgien haben viele Maschinen jetzt einen Schlot von rechteckigem Durchschnitt, eine Konstruktions- Imme, die einen Rückschritt bedeuten könnte, ist man doch bei den Fabrikschornsteiuen längst vou den eckigen zur runden Form übergegangen. ©inen eigenartigen Eindruck machen die Lokomotiven mit „kleinen Beinen", ganz niedrigen Rädern, namentlich die Berg- lokomotiven, wie man sie in Lüttich sieht, die, um die.Kraft des Dampfes voll auszunutzen, den Weg, welchen die Triebstange zu machen hat, dem vom Radkranz bei jedem Stoß zurückzulegenden so nahe wie uiöglich bringt; daher die niedrigen Räder, auf denen der schwerfällige Rumpf ruht. Der Mangel des Tenders vcrnnlaßte, die Behälter für Wasser und Kohlen längs und oft gar ans dem Kessel anzubringen; dieser verschwindet ganz und von der schlanken Form der Personenzugmaschine bleibt nichts übrig; gleich beim Anblick drängt sich die Idee von der schwere« Arbeit ans, welche der unförmliche Koloß zu leisten hat. Manchmal ragen die Wastcrbchältcr noch ein gutes Stück nach vorn über den Kessel hinaus, so daß der Schlot zurücktritt; dann bekommt die Maschine das Aenßere eines Mauerbrechers, um so mehr, wenn jene Behälter nach vorn ettvas abgedacht sind und sich zuspitzen. Wie ein Pfauhahn brüsten sich gcivisse belgische Eilzug- Lokomotive», bei denen der Kessel ein gutes Stück vorragt. Jene schtveren Kasten, die vierschrötigen Tcndcrmaschinen, haben ettvas von der Riesenschildkrötc, biSweileu auch vom Teckel; manchmal denkt man auch au einen Müllcrcsel. wenn mail die über dem Rücken der Maschine Hangenden Wasserbehälter sieht. Schwerfälligkeit, trotz dem ganz sichtbaren, aber umfangreichen chlindrischcn Kessel kann nian»»leren Gütcniiascksincn nicht absprechen; kräftiges Gestänge treibt auf niedrigen Rädern die Masse wie einen Sacklcib vorwärts. Bei der jetzigen horizontalen Lage der Cylinder scheint die Lokomotive die Hauptlraft beim Anziehen der Triebstange zu cntluickcln; einst stellte man die Cylinder schräg, und im Kölner Cciitralbahnhof ist bisweilen eine so gebaute Eifclcr Persouenznginaschine noch zu sehen(in England gebaut); da scheint sich die Triebstange gleichsam gegen die Erde anzustcunuen, wie es thatsächlich der Fall gewesen ist' zu einer Zeit, Ivo man noch glaubte, die Triebräder hätten nicht genügend Reibung an de» Schienen; hier hat man längst das Nichtige eingesehen und unter Umständen durch größeres Gewicht des Ganzen nachgeholfen. Wo es nur auf Schnelligkeit ankommt, da sind die leichtesten und elegantesten Konstruktionen erlaubt; es giebt kaum schönere Werke dieser Art, als die Kuricrmaschincn der französischen Nord- bahn mit ihrem großen Triebradc; ihnen nahe konnncn an Eleganz die pfälzischen Lokomotive», an Schnelligkeit und leichtem Gang diejenigen des Grand Centtal Belge und die alten Köln-Mindcner Exprcßmaschincn mit ihrem langgestreckten, mageren Kessel, der aber einen Druck rntivickelt, daß der Dampf ost gleich dumpsen Kanonen- schlagen dem Schlot entweicht, als Zeichen der Zusammenfassung aller Kraft.—_ Mleines Feuilleton. — Das clektrischc Licht als Heilmittel.(Nachdruck verboten.) In jüngster Zeit hat sich auf dem Gebiet der Krankenbehandlung eine kräftige Strömung bemerkbar gemacht, die dahin gerichtet ist, den Gebrauch der chemischen Apothckcrmitrcl erheblich einzuschränken oder selbst gänzlich aufzugeben und an ihre Stelle die Naturmittel — Luft, Wasser, Licktt und dergleichen zu setzen. Allerdings haben einige init diesen Mitteln schon seit längerer Zeit Kranke aller Art, mit mehr oder weniger Glück, behandelt, die wisscnschastlichc Medizin hat sich jedoch, leider— kann man sagen—, der Sache erst in aller- neuester Zeit mit Energie bemächtigt. Die jüngste, aber mit die kräftigste Frucht dieses Bodens ist das elektrische Licht. Der günstige Einfluß des LichteS an und für sich war schon den Völker» dcS� Altertums bekannt. Man wußte, daß die Sonne auf die Gesundheit des Menschen eine belebende Wirkung ausübt, und in vielen Badc-Anstaltcn bei den alten Römern waren Einrichtungen zum Gebrauch von Sonnenbädern vorhanden. Man benutzte diese auch vielfach direkt als Heilmittel bei Hautlcidcn, Erkrankungen des Nervensystems und anderen Krankheiten. Später jedoch geriet die Sache gänzlich in Vergessenheit und erst in diesem Jahrhundert ist sie wieder in Aufnahme gekommen. Jahrzehntelang beschäftigten sich jedoch nur die sogenannten Naturheilanstaltcn mit der Anwendung von Sonnenbädern. Erst ganz kürzlich sind auch wisjcuschastllche Untersuchuugcn über die Wirlun��de�kKi�trs auf den menschliche» Körper angestellt worden, ans Grund deren daß Licht nunmehr die ihm gel'ührende Stellung ans dem Gebiet der Krankenbehandlniig erhielt. Da indessen die Anwendung des Sonnen- lichtes mit vielen llnbegncmlichkcitcn verbunden ist, das elektrische Licht jedoch sich voni Sonnenlicht bezüglich der Wirkung aus Pflanzen, Tiere und Menschen fast gar nicht unterscheidet, so bahnt sich jetzt allmählich der völlige Ersatz des letzteren durch jenes an. Die Bestrahlung mit elektrischem Licht zu Heilzwecken ist zuerst bei gewissen Hautkrankheiten, ganz besonders bei der sogenannten „fressenden Gesichtsflcchte"(Lupus) angewandt worden. Die änderst günstigen Erfolge bei dieser Krankheit, der gegenüber man bisher fast völlig machtlos gewesen war, gaben Veranlassung, das An- wendungsgcbict des Lichtheilverfahrens weiter nuszudehne» und die örtliche elektrische Bestrahlung zum elektrischen Lichtbndc, so zu sagen zum elektrischen Vollbade, z» erweitern. So entstanden die modernen Lichlheilanstalten, ein echtes Kind des sich seinem Ende zuneigenden Jahrhunderts. In den Lichthcilanskalten werden nnnmehr alle möglichen Krankheiten, die sich mir irgend für dieses Verfahren eignen, bc- handelt, und ztvar, wie man zugeben muß, vielfach mit besserem Erfolg, als durch andere Heilmethoden. Die allseitige Bestrahlung mit dem elektrischen Licht geschieht in einem kastenartigen Gehäuse, in das der Kranke, natürlich völlig entkleidet, hineingesctzt wird. Der Erfinder dieses elektrischen Lichlschrankes ist ein amerikanischer Arzt; doch ist das Justrumeut in Deutschland nicht unwesentlich vcr- bessctt worden. Solch' moderner Lichtschrank besteht anS einem achtscitigcn, mit einer Eingangsthür versehenen, etiva 1�/s Meter hohen Kasten, in tvclchem der Kranke ans einem verstellbaren Drchstnhl sitzt, während der Kopf in einer entsprechenden Lücke des Deckels sich außen be- findet. Innerhalb des Schrankes sind 48 Glühlampen(oder statt deren 4 Bogenlampe») angebracht, deren Licht durch entspreche»! angeordnete Spiegel auf den Körper dcS Kranken geworfen wird. Während so der ganze Körper von elektrischem Licht umflossen ist werden auch noch einzelne kranke Körperteile besonders und direkt bestrahlt. Dies geschieht durch eine besondere kräftige Bogenlampe(Scheinwerfer), die sich auf einem eigenen Gestell befindet. In der Thüre des LichtschrankcS sind Klappen angebracht, die geöffnet werden, um den Lichtkegel des Scheinwerfers hindurchznlassen. Und zwar ist die Anzahl der Klappen eine so große, daß die Bcsttahlnng durch den Scheinwerfer in jeder erforderlichen, dem kranken Körperteil entsprechenden Höhe cnnöglicht werden kann. Die Wirkung des elektrischen Lichtbades macht sich zunächst in einem kräftigen Schtveißansbrnch— wie bei einem Dampf- oder Hcißluftbad— bemerkbar. Doch beruht die Heilwirkung des elektrische» Lichtes durchaus nicht auf der Schweiß- erzeugung allein, vielmehr sind hier noch andere Kräfte von Be- deutung, die man dem Wesen nach ztvar noch nicht kennt, deren Vorhandensein aber, wie ja auch beim Sonnenlicht, unbestreitbar ist. Das'beschriebene elektrische Lichtheilverfahren hat sich nun bei einer großen Anzahl der verschiedenartigsten Krankheiten als sehr wirkungsvoll erwiesen. Am besten sind die Erfolge bei Rhcnmatisiuns, Gicht und allgemeiner Nervosität. Doch ist das Verfahren auch von Wert bei Fettsucht, Asthma, Hüftivch(Ischias) und Neuralgien aller Art, bei Lungen-, Magen- und Dannkatarrhen. Gclenkerkrankungen, Bcingcschivürcn, Hautlcidcn und anderen Krankheiten. Viele solcher Kranken werden vollständig geheilt, andere erheblich gebessert, und wenn man auch die übcrschivänglichen Hoffnnnge» der Lichtärzte nicht zu teilen braucht, so muß man doch zugestehen, daß das elektrische Licht als Heilmittel noch eine große Zukunft vor sich hat.— Dr. I u l i u s L a n g. Kunst. —„Der Triumph der Republik", ein neues Denkmal von dem fraiizösischcu Bildhauer Dalou. soll ans dem Natioualplotz in Paris denmächst enthüllt werden. Das Werk steht nach einem Bericht der„National-Zcitung" ans einem abgestuften Sockel in der Mitte eines Bassins. Ein von zwei Löwen gezogener Wagen trägt die Republik, eine Frauengestalt in knrzgcschürztcm Gewände, die phrygische Mütze auf dem Kopfe, auf der Erdkugel stehend, an ein Liktoreubiindel gelehnt. Das Löwengcspann wird von einer nackten Mäiincrgcstalt gelenkt, die zwanglos auf einem der Tiere sitzt, die Fackel der Freiheit schwingt und bewundernd zu der Republik emporblickt. Der Löwe, der den Reiter trägt, beißt in verhaltenem Grimm in die Deichselstange, während der andere er- hvbcncn Hauptes würdevoll vorwärts schreitet. Ein Königsmantel fällt den Tieren von» Rücken und schleppt im Staube mit Blumen- guirlanden, die ihren Nacken bekränzt haben. Eine markige Männer- gestalt, den Hamnicr auf der Schulter, den Schurz um die Lenden, hilft mit kräftiger Hand den Wagen schieben. Ein Kind mit einem Buche und MessnngSgcräten in der Hand springt ihm spielend voraus. Auf der entgegengesetzten Seite leiht eine Frau mit entblößten Schultern und langem, schleppendem Gewände ihren Arm, um due. Vorwärtskommen des Wagens zu fördern. Ihr hüpft civ.c Ämorettcnfigur mit zusammengelegter Wage voran. An der Rückseite des Denkmals steht eine nackte Frauengestalt, ein Weib aus dem Volke; sie trägt ifl einem Arm Feld- und Gartcnfrüchte. während sie in der von sich gestreckten Rechten eine vollerblühte Rose hält, als wollte sie die Blume auf den zurückgelegten Weg werfen. Ihr zu Füßen sind drei Kinder damit beschäftigt, ein ungeheures Füllhorn seines Inhalts zu entleere». So rechtfertigt das Denkmal den Nnmen. den man ihm in den an den Nationalpsatz nitfiofjenbcit Volksvierteln bereits gegeben hat:»Die Republik der Arbeiter".-» Kulturgeschichtliches. dg. Frci-Hänser. Wohl jedem, der die Strafen Berlins durchwandert, ist schon an einzelnen Gebäuden die in altertümlichen Lettern gehaltene Inschrift„Frey-Hmis" aufgefallen. Die Geschichte dieser Frei-Hänser reicht iveit zliriick. Als die ältesten ihrer Art haben die geistlichen Frei-Hänser zu gelten, von denen wieder der „Hof" des Bischofs von Brandenburg ans dem Grnndstnik Kloster- straße 9t) das älteste war. Es entstand schon im Jahre 1381. Ans Dankbarkeit siir mancherlei Dienste, die Bischof und Kapitel von Brandenburg der Stadt geleistet, befreiten die Ratmanncn sein Hans vom„Schosz" der Thorwacht und anderer Bürgerpflicht, ebenso mich von der städtischen Gerichtsbarkeit und versprachen dagegen die Eiiiwohner wie jeden andern Bürger zn schützen. Gleiche„Freiheiten" genossen die Häuser des Bischors von Lelms sKlosterstr. 39 oder 91) und des Bischofs von Havelberg am Renen Markt, ebenso die Höfe der Aebte von Lehnin und Zinna, von denen der erster« ursprünglich auf dem Boden des heutigen Schlosses an der Schlostfreiheit, später in der Heiligen Geiststr. 10/11 lag, der zweite sich Stralauerstr. 90 be- fand. Nach der Reformation gingen die geistlichen Frei-Hänser in Besitz des Landesherrn über, der sie an Beamte oder sonstige Diener iveiter gab. Eine andere Art von Frci-Hänscrn waren die„Bnrglchen". Als Friedrich II. seine Residenz aus dem hohen Hanse in der Kloster- straße nach dem neuen Schloß zn Kölln verlegte(1451). beschloß er, demselben auch.Burgsassen" zn schassen, die das Schloß„nach Burglehensrecht bewachen, seiner pflegen und insbesondere in Fällen der Not ohne eine Anmahnung und Säumnis mit aller Macht vcr- teidigen sollten". Als die beiden ersten Burglehcn wurden„das hohe Haus" und„das alte Haus' vergeben. Das erstere, Kloster- straße 79, besteht noch heute. Reben diesen beide» entstanden später in Berlin noch acht, in Kölln einS, und zwar Brüdcrstr. 1. Die Burgsassen waren nicht nur von allen Konununallasten befreit, sie hatten auch daS Borrecht, Wein, Bier usw. steuerfrei einzuführen, und waren von der städtischen Gerichtsbarkeit abgelöst. Bis in das 18. Jahr- undert hinein blieben die Burglehcn fortbestehen, dann ging man aran, sie für Allodial-Gnt zn erklären. 1770 gingen die Burglehcn ein bis auf zwei, das Haus an der König« und Burg- firaßen- Ecke und das andere Klosterstraße 73. 1817 und 1820 wurden auch sie für freies Eigentum erklärt. Reben den Bnrglehen entstanden noch die eigentlichen Frei-Häuser, die eimnal landesherrlichen Zwecken dienten, zum andern die Stadt verschönern oder ihr in anderer Weise nutzen sollten, drittens aber auch aus persönlichem Wohlwollen vom Landesherrn oder dem Magistrat vergeben und viertens zu Kommunal- einrichtnngen verwendet wurden. Sie waren wie die Burglehcn von Schoß und Abgaben befreit und lagen über die ganze Stadt verstreut.— Technisches. xr. Deutschlands größter Güterbahnhof. Für Nürnberg mußte in Anbetracht der schnell zunehmenden Bevölkerung, der großartigen Neuanlagen verschiedener Etablissements und der hochgestiegenen Industrie ein Bahnhof größeren Stils in Aussicht genommen werden. Der Lorcnzcr Reich'swald im Süden Nürnbergs gab für die gewaltige Anlage ein Terrain ab. wie man es sich nicht besser wünschen konnte; denn einerseits entsprach dessen Lage allen gestellten Ansordenliigen, andererseits aber wurde hier den Projekten durch angrenzenden Privatbesitz kein Hindernis in den Weg gestellt und die Grunderwerbskosten tvaren verhältnismäßig gering. Seit mehreren Monaten wird nun eifrig an der Planierung des riesigen Gebietes gearbeitet und diese wäre schon viel Iveiter vorgeschritten, wenn man nicht beim Ankauf deS genannten Terrains eine unangenehme Zugabe hätte mit in den Kauf nehmen müssen. Einen Teil deS Komplexes durchschnitt nämlich in einer Länge von ca. 800 Metern ein Verbindungsweg zum Dorfe Katzwang. Diese Straße muß auf einer großen Strecke 10 bis 12 Meter höher gelegt werden; ferner sind einige Brückenbauten für Eisenbahn- Durchgänge sowie ein ziemlich langer Tunnel nötig. aufhaltende Arbeiten, die weit über eine halbe Million Mark verschlingen. Der Tunnel wird, wie überhaupt mehrere Brücken des Güterbahnhofes, vollständig aus Beton hergestellt. Eine durch Dampfkraft betriebene, patentierte Maschine vermengt in rascher und praktischer Weise die dement- und Saudmasscn. Durch die Verwendung von Granitschottcr- steinen bekommt dann der Beton, der, nebenbei gesagt, bedeutend billiger zn stehe» kommt, als das gleiche Quantum Quadersteine, eine sehr große Festigkeit und Dauerhaftigkeit. Da die ausgestellte Baggermaschiue in ihrer Leistung sich sehr gut bewährt, soll in nächster Zeit ein zweiter Lübecker Bagger in Aktion treten. Gegen- wärtig wird daS auSgMaggerte Erdreich in Rollwagen per Loko- mobile nach Südosten transportiert, um zum Bau eines Dammes über die AnSziehgeleise verwendet zu werden. Dieser Sviirnn, der an feinem Fuße 100 Rieter breit und 6 Meter hsch wird, bittet den Endpunkt der Bahnhofsanlage, von hier an« örträgt die Entfernung der Rampen an der den Ludwigs-DouanMain-Kanal Überschreitendon Ringbahn- Brücke 5100 Meter. Das Betriebsgebäude, nahezu in der Mitte deS Bahnhofes gelegen, ist bereits im Rohbau vollendet. In dessen Nähe wird demnächst eine ca. 40 Meter lange Bahnbrücke entstehen— Veiäiirnwvt'.tajer Redacteur: Robert Schmidt in Be HmnoristischeS. — Der Militär-Komponist.„Jk werde jetzt mal det Waldweben nnS Siegfried vornehmen. Det könnte'n janz jesunden Parademarsch abjeben."-»(„Simpl.") — Eine Diebskomödie. Zwei Wiener Schutzleute er» zählten dieser Tage vor Gericht: In der Nacht vom 15. auf den 16. August, gegen 2 Uhr. kamen sie auf ihrem Patrouillengang zum Gasthaus des Johann Putz in der Kaiserstraße und bemerkten', daß dies Lokal finster, die Thür jedoch nicht ganz geschlossen sei. Sie öffneten sie und nahmen einen großen Mann' wahr, der ihnen zurief:„Was wollen S' denn?"— Auf die Frage:„Was machen denn Sie da?" antwortete der Mann:„I bin ja der Hausknecht!"— Da erscholl aus dem Innern des finsteren Raumes das Geräusch zerbrechenden Glases, und die Schutzleute bemerkten jetzt einen zweiten Mann, der sich bemühte, ein Fenster aufzustoßen. Aus die Frage:„Was machen denn Sie?" erwiderte der Zivcite:„I bin der Wirt!" Die Schutzleute verlangten, daß Licht gemacht werde. Da rief der Wirt:„Geh her, Franzi. mach Licht!" Der Franzi stieg auf einen Stuhl und machte sich mit dein Lüster zu schaffen, ohne jedoch anzuzünden. Der Wirt ivurde lvütcud und versetzte dem Hausknecht eine Ohr- feige. Dieser weinte vor Zorn und schrie:„Das lass i mir net gffalln I I mach ka Licht und geh hent noch fort!" Damit näherte er sich der Thüre. Der Wirt wollte ihn beim Ohr nehmen und schrie:„Wirst hergeh'n und Licht machen!" Der Hausknecht weigerte sich, und immer streitend waren Wirt und Hausknecht auf die Straße gelangt. Plötzlich begannen sie beide zu laufen, und jetzt erst stieg in den Schutzleute» der Verdacht auf, daß es da nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Sie setzten den Männern»ach, und einer der Flüchtigen wurde festgenommen. Der zivcite Schutzmann kehrte zu dem offenen Raum zurück und fand hier wieder einen Manii. Er faßte ihn sofort am Kragen; das war aber— der wirkliche Wirt, der geholt worden war und nun feststellte, daß ein Einbruch in sein Lokal stattgefunden habe.— Notizen. — Die nächste Novität des Berliner Schauspielhauses bildet L u b l i n e r s Lustspiel:»Splitter und B a l k e ii".— — Im Schiller-Theater wird das Lustspiel„Groß» stadtluft" von B l» m e n t h a l und Kadclburg am 9. d. M. zur Ansftthrnng gelangen.— — Eine komische Oper in drei Akten,„Betrogene Be- t r ü g c r" von Paul Umlauft, wurde in Kassel mit Erfolg ausgeführt.— — Im Sommer des Jahres 1901 werden eS 25 Jahre, seitdem Richard Wagner die F e st s p i c l c in Bayreuth in Sccne gesetzt hat. Dieses Jubiläum der Eröffnung des Bahreulher Festspiel- Hauses soll festlich begangen werden. Ans diesem Anlasse wird nur der„Nibelungcnring", mit dem die Festspiele in Bayreuth eröffnet wurden, zur Anfführnng gelangen.— — Die Gesamtausgab« der Werke Friedrich Nietzsches soll in der neuen Bearbeitung bis Weihnachten 1900 beendigt werden. Von der früheren von Dr. Kögel besorgten Ans- gäbe wurde der zwölfte Band bereits ans dem Buchhandel zurückgezogen und eingestampft; dasselbe soll jetzt mit dem elften geschehen. Die ersten acht Bände liegen bereits in vollständig neuen Auflagen vor.— — DaS Ncichs-Jnstizamt hat soeben den Entwurf eines Gesetzes über daS deutsche Verlagsrecht fertig gestellt und die Ein- ladung an eine Reihe von Sachverständigen ans Schriftsteller-, Komponisten- und Vcrlegerkrciscn ergehen lassen, mit ihnen den Ent» Wurf einer vertraulichen Besprechung zn unterziehen.— — Vcdentende heiße Quellen, die ausgedehnte weiß« Sintermassen abgelagert haben, find nach der„Dentsch-Ostafrik. Ztg." am S s o n g Iv e f l u ß, der im Norden des Ryassa die englisch- deutsche Grenze bildet, aiifgesunden worden.— — Nach langer Pause wurde nach der„N. Fr. Pr." am 29. September ans der Sternwarte in Nizza durch den Astronomen Giacobini ein neuer Komet entdeckt. Derselbe wurde auch auf der Wiener Steniwarte beobachtet imd stellt sich als ein kleiner Nebelfleck dar, welcher gegenwärtig nur' mit Fernrohren von 6 Zoll Oeffimng sichtbar sein dürfte.— — In Schlesien wird noch heilte in den großen Arsenik- werken des Städtchens R e i ch e n st e i n ein Nebenprodukt erzeugt, das goldhaltig ist. Jetzt hat man, wie der„Voss. Ztg." von dort geschrieben wird, ein neues Verfahren entdeckt, nach dem die Goldgewinnmig ans den Rückständen der verhütteten Arsenikerze eine» sehr annchmdare» Gcivinn abwirft. Eine neue Entgoldnngs- a.nlage wird eingerichtet, durch die man hofft, aus 20 Centiicr Ab- branden der früheren EntgoldmigSaulage noch acht Gramm Gold (im Werte von ca. 20 M.) zu gewinnen.— lim Druck und Verlag von Diax Babing w Berlin.