Interhaltungsblatt des Horwärts Nr. 195. Donnerstag, den 5. Oktober. 1899 (Nachdruck verbalen.) £] Roman von Peter Egge. Autorisierte Uebersetzung aus dem Norwegischen von Adele Neustädter. Er erhob sich plötzlich und ging ans Fenster. Dann irrte er durch das Zimmer und setzte sich wieder in die Sofaecke. Sah sie aus Krimmer über die Vergangenheit so aus? Wenn diese Frau sie nur nicht immer daran erinnerte, was sie ge- Wesen war! Sie predigte natürlich immer. Und wie der Vogt und die Frau sich gegen sie benahmen, wenn er an- wesend war l Sie trieben es so lächerlich weit, sie ihm nicht vorstellen zu wollen. Sie war natürlich von der Frau der- warnt worden, sich niit ihm einzulassen, mit dem fremden Herrn, der vielleicht ein schrecklicher Mann war l Sie fühlte Wohl immerzu die Augen der Frau auf sich. Sie lebte unter einem steten Druck; aber sie hielt dieses Leben aus, weil sie nicht wie fiüher leben wollte. Daß sie nicht fortlief, daß sie nicht schlecht wurde, wenn man sie so peinigte, das war vielleicht der beste Beweis, wie ehrlich ihr Streben war... Er sah sie wieder bleich, blauäugig, mager. Die Schultern etwas spitz unter dem Kleide, und im Nacken sammelten sich eine Menge blonder Haare, fast zu viel für sie, die so klein und schmächtig war.... Er sah sie selten, außer bei Tische in: Speisezimmer. Sie ging hinein und heraus mit Essen und Tischzeug, still, als bäte sie darum, nicht bemerkt zu werden, und sie gab sich die größtmögliche Mühe. Sie ging schneller zum Zimmer hinaus, als herein. Es erleichterte sie sicher, hcrauszu- kommen. Zuweilen empörte es ihn, sie jeden Tag so zn sehen. Es War zu thöricht, daß es nicht anders werden konnte. Konnten ihr der Vogt oder die Frau nicht wieder Selbstvertrauen geben, Stolz, Mut, den Leuten in die Augen zu sehen!... Er empfand wie jemand, der einen anderen von einem Unglück befreien will; aber er kann sich nicht von der Stelle rühren. Er muß zusehen, daß das Unglück geschieht. An einem Hochsommer-Abend hatte er einen Spaziergang gemacht. Als er zurückkehrte, ging er über einen Fußpfad, der von der Landstraße durch das Birkenwäldchen zum Vogt- Hofe führte. Es war zwischen zehn und elf Uhr. Sofort, nachdem er den Pfad betreten hatte, sah er eine kurze Strecke Weges vor sich Hanna. Er schritt aus. Sie nnißte zum wenigsten dulden, daß er mit ihr sprach. Sie mußte jedenfalls lernen, es zu ertragen. Sie hörte seinen Schritt nicht, ehe er ganz nahe war. Da wandte sie schnell den Kopf und— blieb plötzlich stehen. „Guten Abend." „Guten Abend." „Sie gehen nach Hause?" „Nein." „Nicht? Sie sind jedenfalls auf dem Heimwege?" Sie antwortete nicht. Stand nur und blickte nach der entgegengesetzten Richtung. Es schien ihm, als läge jetzt etwas Trotziges in ihr. „Sic wollen nicht in meiner Begleitung auf den Hof kominen?" Er bereute seine Frage, ehe er sie ganz ausgesprochen hatte. Nach einer kurzen Pause sagte er: „Ich kann ja wieder hinübergehen... Sagen Sie, glauben Sie eigentlich, daß ich Ihnen etwas Böses zufügen will?" Sie antwortete nicht. Stand wie zuvor. Er dachte die ganze Zeit daran, daß er ein Unrecht an ihr begehe; aber er wollte, mußte es dennoch sagen. „Hanna, ich wünsche innigst, daß Sie wirklich gut über mich denken, ehe ich den Hof verlasse." Sie blieb einen Augenblick stehen, und es war ganz still. Da machte er völlig Sehrt und ging abwärts. Dort, wo der Pfad sich krümmte, blickte er zurück; aber sie war verschwunden. Es wurde ihm so wann und er atmete tief. Hatte er eigentlich nicht zu viel gesagt? War er nicht etwa naiv? Kümmerte sie ihm wirklich so viel? Und bald kehrte die gleiche Frage wieder: Kümmerte sie ihn wirklich so viel? Er kehrte ganz um, machte eine abwehrende Bewegung mit dem Kopfe, als ziehe er einen Strich durch die Antwort und versuchte an etwas anderes zu denken. Bald darauf saß er oben in seinem Zimmer und sah über die Wiese nach dem Birkenwäldchen. In Gedanken sah er sie wie oftmals zuvor, wenn er hier oben saß und durch das Fenster blickte, ohne nach etwas Bestimmtem zu sehen. Sie bat nicht um Nach- ficht, auch nicht um Glück. Wie war dies zu erklären? Sie war doch ein Mensch! Wie konnte sie aussehen, wenn sie mit dcni Dienstmädchen zusannnen war, wenn sie glaubte, mit diesem allein zu sein,überalltäglicheDinge sprach? Wie lachte sie? Lachte sie überhaupt? Wie hatten ihre Augen geleuchtet und über den Tisch gelacht, beim Weine und den Gläsern, nach ihm, dem Geliebten?... Konnten sie frech, einladend gewesen sein? Hatte sie ihren Verführer geliebt? Vielleicht... Aber dann?... Er beugte sich schnell zum Fenster. Ging da nicht jemand? Nur der Hofjunge! Er lief im Zimmer auf und ab. Ein ganzes Jahr, ein ganzes Jahr ging sie hier so hemm I Er wurde blutrot im Gesicht und lachte leise und schmerzlich. Er hob eine geballte Hand, als wollte er nach jemand schlagen; aber gleichzeitig bemerkte er die Bewegung und steckte die Hand in die Tasche. Wieder frug er sich: „Kümmert sie dich wirklich so sehr?" Er ging hinaus. Die Hochs ommcmacht war hell und der Wind schwach, nur ein Sausen in den Bäumen, ein langes Sausen, das nicht stieg und nicht sank. Als er kurze Zeit umhergeirrt war, blieb er stehen; er wollte nicht an ihrem Fenster vorübergehen, es war lächerlich... er war senti- mental. Er wußte ja, sie saß am Fenster imd las, und sie hatte ihn des Abends zuvor vorbeigehen sehen. Er machte einen Spaziergang; aber auf dem Rückwege ging er dennoch an ihrem Fenster vorbei. Sie war nicht da. Es war spät geworden. Er zog die Uhr heraus und blickte darauf: halb eins. Dann ging er hinauf und legte sich schlafen. Holthe machte für den Vogt oft Geschäftsreisen. Das alte Ehepaar wurde zuweilen zu ehrbar und langweilig. Es bildete für ihn eine Zerstreuung, hinaus zu konimen und aus- zulüften. Aber, wenn er einige Tage fort war, sehnte er sich dennoch nach Hause. Stundenlaug konnte er in der Post- kutsche sitzen und nur an die Rückkunft denken. Würde sie jetzt anders mit ihm sein, als früher? Sollte er ihre Ver- schlossenheit nie überwinden? Sollte er ihr nie näher treten? Die Frau des Vogtes war einfach unerträglich! An einem sonnenwarmen Julinachmittag fuhr er nach mehrtägiger Reise in den Hof ein. Sowie er gegessen hatte, ging er in die Gartenlaube, um auszuruhen. Sie lag im Schatten der Häuser. Die Sonne erreichte sie erst spät am Nachmittage. Er dachte nach, wo Hanna sein mochte. Er hatte sie noch nicht gesehen, und er hatte das Mädchen, das ihn bei Tische bediente, nicht fragen wollen. Er mochte eine Stunde gesessen und etwas geschlummert haben. Da hörte er die Frauen und Hanna in der Nähe. Sie sprachen zusammen, während die Gartenschere klapperte. klapperte, klapperte. Er kannte diese Gartenschere. Hatte sie früher von der Frau brauchen gehört. Einmal ganz unter seinen Fenstern. Oh. daß sie des schrecklichen Geräusches nicht müde wurde.... Nein, es schien sie zu erhitzen, sie raste weiter. Sie mußte ordentlich verliebt in diese Arbeit sein. Er erhob sich und wollte flüchten. „... Das kann wohl sein. Wir dürfen über niemand schlecht denken, wenn wir keinen Grund haben. Aber wir können zurückhaltend sein, so lange wir keine Garantie haben, wer er ist. Bei einer solchen Verschlossenheit wird man nicht klug aus ihm." Die Frau blieb stehen, und die Schere klapperte, klapperte, klapperte. Wenn sie bloß durch das Fenster sehen sollte I... Würde Hanna nicht antworten?... Was that sie eigentlich hier?... Wenn er sie nur jetzt sehen könnte! »Glauben Frau Bogt nicht, baß er eigentlich., rechtschaffen ist." »Sic wagt sich hervor/' dachte er und lächelte gespannt. »Jäte vorsichtig! Nimm nur das Unkraut, meine Liebe!" Die Stimme der Frau klang entfernter.»Rechtschaffen, sagst Du?" Es wurde eine Weile still, ehe Hanna wieder begann. »Ja, oder so... wenn er etwas sagt, sagt er, glaube ich, nur das, was er meint!" »O ja, vielleicht," sagte die Frau. Sie hatte sich wieder ein Stück weiter geklappert.„Solch' ein reicher, junger Manu, der so lange im Auslände umhergeschweift ist, er... er ist ein Weltmann, weißt Du, wenn er es uns auch nicht immer zeigt." Holthe lachte innerlich: Ja, Du weißt Bescheid! Eine Weile war es still. »Spricht er jetzt oft mit Dir, Hanna?" »Nein." Er hörte sie näher kommen, glaubte sogar zu hören, das� sie jätete. „Mit mir spricht er auch nicht." Nun blickte Holthe durchs Fenster und sah den Rücken der Frau hinter einer Hecke. Er mußte sich jetzt fortschleichen, sonst wurde es vielleicht unmöglich. Aber als er aus der Thüre trat, sah er. daß er an Hanna nicht vorbei- schlüpfen könnte, ohne gesehen zu werden. Er blieb einen Augenblick stehen. Und dann ging er, ging an ihr vorüber. Sie lag auf den Knien mit einer großen, grauen Schürze für das Unkraut. Er sah sie an und grüßte freundlich, als wolle er sagen: Ja, ich habe es gehört. Sie war so erschreckt, daß sie ein leises„ah" ausstieß. „Was sagtest Du, Hanna?" Und als Hanna nicht antwortete, hörte Holthe wieder die Frau:„Was sagst Du?" .Nichts.". lFortsetzung folgt.) Machdnick«erboten.) Dcv Sohn ves Himmels. Man spricht von China als von dem»himmlischen Reiche" und von seinen Regenten als von»Söhnen des Himmels", ohne sich be- wüßt zu sein, lvelche Bedeutung und welckcn konlrcten Inhalt diese Bezeichnungen haben. Sie werden bei uns als bloße Rede- Wendungen gebraucht, sie gehören zu jenen Wortbildem, die zu geläufig geworden sind, als daß man sich über ihre eigentliche Bc- Ziehung noch Rechenschaft ablegte. Und doch haben wir es hier, wie so oft in ähnlichen Fällen, mit mehr als tropischen Ausdrücken zu thun, und, wo die Wendung ivirllich nur aus einem rhetorischen Bedürfnis entstanden ist, da ist sie doch von einem ursprünglichen realen Zusammenhange abgeleitet, dem nachzuspüren«ine lohnende Aufgabe des Kulturforschers ist. In China selbst ist die Bezeichnung des Kaisers als„Sohn des Himmels" allgemein und wörtlich zu nehmen. Sie findet ihre Analogie in gleichen oder ähnlichen Namen, die bei anderen Böllern üblich waren, und führt auf denselben kulturgeschichtlichen Grund zurück wie diese. Es gab eine Zeit, da man die irdische Herrschaft in den Händen der Geisterwelt glaubte. So lange der Mensch noch in einfachen Organisationsverhältnissen lebte, war es der Geist eines Vorfahren, der das Regiment über die einzelne Gruppe führte. Er übte es aus, wie ein Oberhaupt der familicnhaften Verbände dieser Stufe. Es war der Urahn, der als Gründer der Sippe galt und nun nnt mütterlicher oder väterlicher Autorität die Geschicke der Nachkommen leitete. Das sichtbare menschliche Oberhaupt war nur das irdische Werkzeug, durch welches der Ahn seinen Willen vollstreckte. Auf diesem Princip beruhte die Herrschaft auch da, Ivo der Verband, wie die Patriarchalfamilie, über den Rahmen der Benvandtschnft hinauswuchs und ein Uuterthäuigkeitsvcrhältnis begründete, oder wo das Gemeinwesen überhaupt nicht durch genealogische Bande gc» schaffen, sondern durch andere Umstände zusammengeführt war. etwa durch kriegerische Unternehnuingen und Freibeuterzüge, die so oft die Grundlage der älteren Staatcnbildung waren. In solchen Fällen war es zumeist die Familiengottheit des vom Kriegsglück begünstigten Häuptlings oder der Ahnengeist eines siegreichen Stammes, welche nun als Stnatsgottheit durch den Fürsten ihr Voll regierten— noch immer traft väterlichen Rechtes, aber nach Maßgabe jenes Vater- begriffS, der nicht das physiologische Verhältnis, sondern nur die ab- solute Gewalt über Lebe» und Tod des andern als Charakteristikum kennt. Die Praxis diese? theokratischcn Systems knüpfte an den urzcit- lichen Fctischglauben an, nach welchem die Geister beliebige Dinge zu ihrem vorübergehenden oder dauernden Sitz machen konnten. AuS Gründen der Anhänglichkeit erwählten fie dazu mit Vorliebe gewisse Erbstücke der Verstorbenen. Mit diesen verbunden weilten fie nun unter den Lebenden. Und wenn das Oberhaupt eines Gemeinwesens die Fetischzeichen des Ahnen— Herrschastsinfigtnen unserer Zeit— an sich nahm, dann war die Gottheit bei ihm und es waltete als ihr Repräsentant. Die vorwiegende Auffassung aber war die. daß die Gottheit in dem Fürsten selbst ihren Sitz nehme, seinen Körper als Fetisch benutze, wie sie sich bei anderer Gelegen- heit auch im Priester niederließ. Man hat diese bis in unsere Zeit hinaufteichcnde und für ganze Kulturstufen typische Herrschafts- form als das Fetischkönigtum bezeichnet. Der Fürst ist hierbei nichts weiter als das Gefäß, dessen sich die regierende Gottheit zu ihrem Aufenthalle bedient. Freilich ist er als Gottes- fetisch eine geheiligte Person, die oft geradezu mit der Gottheit selbst identifiziert wird; entweicht aber der Geist, dann ist der König eine armselige Kreattir, die aller Macht enttleidet und gewöhnlich dem Tode verfallen ist. Im Sinne der alten Kultsprache ist der Fetisch das»Bild" der Gottheit oder auch der»Sohn" derselben— das letztere mit der Bedeutung einer aus einem Ursprünglichen hervorgegangenen oder unter seinem Willen stehenden jüngeren Form. Da aber dieselbe Gottheit in der Regel noch andere, auch leblose Dinge zu ihrem Sitze erwählt hat, so wird das fetischistische Oberhaupt als das»lebende Bild" der Gottheit von den übrigen Fetischen unterschieden. Wo ein Volk zum uranischen Kult fort- geschritten ist, lverden vor allem die Himmelskörper oder wohl auch der Himmel als solcher zu Behau- sungen der Geister, zumal der regierenden. Auf diesem Wege komntt dann die uns wunderlich scheinende Verbindung zu stände, daß ein weltlicher Fürst als„Sohn" der Sonne oder deS Himmels gilt. Sonne und Himmel sind hier, wie so oft, als Fetische mit der sie belvohncnden Gottheit identifiziert, beziehnngs- weise die Gottheit ist nur mit dem Namen der Fetische bezeichnet und der lönigliche Fetisch als das„lebende Bild" des Gottes wird so zum Sohn der„Sonne" oder des„Himmels" schlechthin. War der regierende Geist noch im Sinne der alten Familiciiorganisation identisch mit dem Ahnherrn, so hatte die Bezeichnung auch eine genealogische Bercchttgnng. Nennen sich doch bis heute zahlreiche Stänmie der Naturvölker nach dem Fetifchc ihres Stammvaters, ivie zum Beispiel die Nothäute, unter denen cS„Steinsprößlinge",»Söhne der Schlange",»Kinder der See" usw. gicbt oder gegeben hat. I» Alt-Aegyptcn wußte nian die göttliche Sohnschaft des Königs noch näher, gleichsam physiologisch zu begründen: Die Gottheit selbst hatte den»Sohn" gezeugt, was nach der korrekten Fetischvorstellimg nicht unlogisch war. denn die Gottheit war ja auch in dem Vater und Vorgänger des Fürsten gewesen, wie dieser seinerseits wiederum »Gottessöhne" oder»Söhne der Sonne" hervorbrachte. Zu dieser Entwickclung deS theokratischcn Herrschaftssystems iit Verbindung mit dem fetischistischen Element ist auch China gelangt. Wir treffen den Gedanken, daß die Gottheit durch den Fürsten das Land regiere, in ganz Ostasic» stark ausgeprägt, und gerade daS Reich der Mitte har die äußersten Konsequenzen gezogen. Der HiminelSfetischismus ist indessen, wie überall, nickt die ursprüngliche Kultform. Die chinesische Gottheit hieß vordem Schan-Ti, und erst später trat„Tien" an ihre Stelle. Ticn ist der Himmel, das sicktbare Firmament über uns. Dieser Uebergang zum»iranischen Fetischismus fiel in historisch bestimmbare Zeit �er fand unter der vierten Dynastie und vielleicht durch diese statt. Zunächst mag der Himmel»nr der Ahnensitz der Hcrrscherfamilie gewesen sein, aber seit Uebernahme der Herrschaft wuchs die Faniilicngottheit des Fürstenhauses zum Ncichsgott und damit wurde auch der Himmel zinn Fetisch der obersten Gottheit. Von dieser Zeit a»»verde» die Kaiser»Söhne des HimniclS" genannt; sie sind cS. ivie die Pharaonen Alt-Aegyptcns»ud die JnkaS in Alt-Peiu„Söhne der Sonne" waren. Die RcichSgotthcit, deren lebloses„Bild" der Himmel ist, hat ihr„lebendes Bild" im menschlichen Herrscher, und da die Gottheit auch hier den Nanie» ihreS nranifchen Fetisches trägt, so nmß ihr irdischer„Sohn" logischerlvcisc„Sohn deS Himmels" fein. Dieses Ahncnberhältnis zwischen den» Himmel»md dem Fürsten drückt sich auch ii» der Form des RcichSIultcS anS. Im Tempcl des Hin»mels zu Peking betet der Kaiser zur obersten Gottheit, aber »vährend dieses Aktes ivcrdcn die Tafeln der kaiserlichen Ahne» in, Tenipel aufgestellt. Daniit charakterisiert sich das Ganze als Ahnenkult, und der Himmel erscheint in einer Linie»nit den irdische» Vor- fahren des Herrschers, er ist der Urahn, der hier in alter Weise von scineu Nachkommen den Kult cinpfängt. Die Kaiser»verde» selbst »viedcr Gegenstand des StaatSkulics, indem seitens des lebenden Herrschers an den Gräbern der verstorbenen Regenten in aller Form geopfert wird. Dieser familiäre Charakter deS ganze» offiziellen Kultes bestättgt, daß es wirklich der Ahnengeist ist, dessen Träger im Reichsoberhaupt als„Sohn des Himmels" erblickt wird. Wie bei anderen Beivohiicm der Erde, so enttvickelte sich auch in China die Getvohnheit, das Volk oder das Land nach dem Fetische des Ahnengcistes zu benennen. Der Fettsch ist dadurch zum Tote»» geworden._ In solchem Sinne ivird von China als dem„himmlischen Reiche" gesprochci», und es führt diesen Namen mit demselben Rechte, wie sich ettva ein Jndianerstamm nach dem Naben oder Wolf be- zeichnet lind deren Figur als Wappen führt. Eine verständliche Logik drängt dahin, dcir Fetischkönig nicht nur für die staatliche Wohlfahrt des Gemeinivcsens, sondern auch für das wirtschaftliche Gedeihen des Landes und für das Wohlergehei« des Einzelnen Veraiitivortlich zu machen. Der Fürst hat für den geregelte» Lauf in der Natur zu sorge», das Einbrechen von Krank« heittn AU verhindern usw. Denn das alles find Dinge, über welche die Geister Gewalt haben, und wenn der„rechte Geist" in, König ist, dann kann es an einer guten Wendung in, öffentlichen wie in, Wirt- schaftlichen Leben nicht fehlen. Gerade an dieser Wirkung erkennt ein Volk, ob der Herrscher vom rechten Geis, beseelt ist. Wird das Land vom Unheil heimgesucht, so ist das ein Zeichen, daß dieser rechte Geist dem Regenten fehlt oder ihn verlassen hat; dann wird der König„verworfen", wie der Kunstausdruck lautet. In dieser Konsequenz wurde einst auch das Fetischtnm der chinesischen Herrscher gedacht. Das ergiebt sich insbesondere aus den einschlägige» Lehren des Reforniators Konfutse, die nur in Um- deutung überlieferter Vorstellungen obiger Art entstanden sein können. Danach hing auch in China alle Wohlfahrt des Landes und des Einzelnen davon ab, das; der rechte Geist im Kaiser wohne; wir finden sogar den detaillierten Hinweis, das; es Aufgabe des Herrschers war, die„Ströme fließen und die Früchte reifen" zu lassen. Mit der bekannten Logik folgte auch hier die„Verwerfung" des Oberhauptes, wenn der„rechte Geist" nicht in ihm war. Konfutse verlegt diesen„rechten Geist" des Kaisers in die ethische Verfassung des letzteren, und darin liegt der Fort- schritt seiner Lehre über den rohe» Fetischismus hinaus. Aber dieser klingt doch noch durch, wenn wir hören, daß das Gedeihen aller Dinge auf den, wohlgeordneten Leben des Menschen beruhe, und daß es höchster Beruf des Herrschers sei, dieses wohlgeorduete Lebe» des Menschen zu fördern. Kam der Monarch dieser Verpflichtung nach, dann hatte er den„rechten Geist" in sich. Auf der Kehrseite steht auch bei Konfutse die drohende Verwerftmg des Königs. Aber der Weise lehrt, daß der Grund der Vettverfnng in der sittlichen Handlungsweise des Fürsten liege. Die Verwerfung erfolgt durch das Volt als des Himmels Vollstrecker und äußert sich durch Aufruhr im Reiche und Abfall der Diener. Die Thatsache ist dieselbe gc- blieben, wie beim alten Fetischkönigtum, nur ihre Auslegung und Begründung ist eine andere geworden. Die ursprüngliche Vorstellung, daß in, Kaiser von China ein göttlicher Geist wohne, der wie andere Geister über die Natur gc- bietet und diese im Gange hält, ist mit der Zeit auch ans der Praxis der NcgicrmigSweisc verschwunden. Doch hat sie alle äußeren Formen und Gebräuche hinterlasse», die sich früher ans de», Fetisch- acdanken ergaben, die nun aber in ihrem Sinne nicht leicht vcr- sländlich sind. Darauf ist das ganze Ccrcmonicll am chinesischen Hofe zllriickzuführcn; es ist das Cercinoniell des Kultes, das bis heute in aller Strenge herrscht, und die einzelnen Bräuche sind Kult- formen, die Wunderlich erscheinen mögen, aber»ach ihrem Ursprünge die logische Konsequenz für sich haben. In»euerer Zeit ist dies überlieferte Ceremoniell, das den Kaiser zu einer heilige» Person macht, durch das Eindringen europäischer Elemente mehr und mehr ins Wanken geraten»nd durchbrochen worden. Am nnssälligstcii geschah dies wohl bei dem Besuche des Prinzen Heinrich in Peking. Man kann nun«»schwer begreifen, wie sehr diese Vorgänge geeignet sein mußten, �dic konservative Ltichluug iniLaude zurReaktio» gegen den Geist der Neuerung anzuspornen. Der Bruch mit de», durch das Alter geheiligten Herkoinmen mußte wie ein Frevel am Staats- Wohle, wie eine HcranSforderuug der Rache des Himmels Wirke». Die gleichzeitige Zerrüttung des Reiches, das Unglück im letzten Kriege, die Fortnah», e ganzer Landstriche seitens der fremden Mächte, das alles konnte als ein Zeichen gedeutet werde», daß von dem jungen Kaiser, der sich so frivol über die höfischen jForuicn hinweg- setzte, der„rechte Geist" geivichcn sei. Nun ereilte ihn das Schicksal der Verwerfung. Der Ausnihr brach aus und die sonst so fügsamen Mandarinen versagten ihn, de» Dienst; der Herrscher wurde seiner Macht entkleidet und beiseite geschoben, an seiner Stelle aber nahm die Kaiserin-Wilwe das Regiment»ach aller Väterweise in die Hand. Das ist die Erklärung der letzten Palastrevoliilioi, in Peking und der mit ihr im Zusammenhang stehende!, Ereignisse.— H. T. Nleines Iseuillekon. Orrftcr PortragSabeud von Max Laurence. Fm großen Saal des ArchiteltcnhanscS hat an, Dienstag Max Laurence einen Chklns von Vorlesungen begonnen,' der im ganzen sechs Abende „mfasse» soll. Der sehr begabte Rccitator hat insofern eine keines- wegS leichte Arbeit auf sich genommcn. als cS sich bei seinen Bor- lrsnngcn n», die Wiedergabe n, oderner Lyrik handelt. Die Lyrik ist eine feine Kirnst, die an, besten in, stillen Kämincrkcin enosse» wird; sie nimmt leicht Schaden, wenn sie so ant vorgetragen werden soll, daß sie einem großen Kreis von Znhörcrn verständlich wird. Uni so mehr bewundern wir die Knust des Vorlesers, der es in der That verstand, die zarten Stimmungen der Lyrik bis in die letzte Eaalecke dringen zu lasscu, ohne ihnen doch ihre Zartheit zu nehmen. Auch Dichtimgcir, die in ihrer knappen Fassung dem Epigramm nahestanden, kanicn— Pardon—„voll und ganz" zur Geltimg. Laurence per- ftigt— das beweist die Auswahl der Dichtungen— über einen feinen litterarischen Geschmack, über eine vor- zügliche Technik, über aufrichtige Empfindung und über einen diskreten Humor. Bor allen Dingen ist er inuner natürlich. Wenn er anfs Podium steigt, greift er sich nicht wild in die Haare,„m bald darauf mit einer Donncrstinnne loszubrechen, die das arme Hänflei» von Zuhörern mit Angst und Grausen erfüllt.■ Er tritt anfs Podium wie ein civilisierter Mensch, der zu der Gesell- schaft gehört, in der er sich befindet, und der nicht gekoimne» ist, um mit affektierten großen Leidenschafteil zu prahlen. Er bleibt während des ganzen Abends, im Ernst wie im Scherz, ein Mensch. Er wird nie zum pathetischen Theaterhclden und nie zum Possenreißer. Wir wünschen seinen Vorlesungen aus eine», aufrichtigen Herzen den besten Erfolg.— E. S. t. Gefälschte Webestoffe. Wie die Nahrungsmittel, so werden auch andere Waren gefälscht; bezüglich der Webestoffe scheint dies in den großen Centren der Textilindustrie in England so häufig der Fall zu sein, daß die Handelskammer in Manchester im allgemeine,, Interesse den Chemiker Prof. Dixon Mann nnt der Analyse gewisser Zeuge beauftragte. Es sollte durch die Untersuchung festgestellt werden: der Gehalt an Feuchtigkeit in, Stoffe, dessen Gewichts- Verlust durch das Waschen und die Natur„nd Rtengc des zur Fälschung verwandten Füllmaterials. Die Prüfung hatte die ans- sallcndstcn Ergebnisse. Eine Probe von Betttnch enthielt 7 Proz. Wasser und verlor beim Waschen über Vw von seinen, Gewicht; es war mit Chlorzink, schwefelsaurem Magnesium und einem unlös- lichen Mincralstoff behandelt, um es schwerer zu machen. Ein Flanell zeigte einen ebenso hohen GcivichtSverlust beim Waschen und ertvies sich als mit schwefcl- saurem Natron verfälscht. Proben von Oxford- Shirting enthielten gar ein volles Fünftel ihres Gewichtes an Wasser»nd verloren nach den, Waschen über ein Drittel des Gewichtes; sie waren ebenfalls mit Magncsin», salzen gefüllt. Parchend, der zu Beinkleidern für Arbeiter benutzt wurde, wurde nach dem Waschen beinahe nn» die Hälfte leichter usw. usw. Gewebe, die bei», Waschen bedeutend an Gewicht verlieren, sind stets der jFnlschung verdächtig. Der genannte Chemiker fand auch heraus, daß man in nianchen Fällen Glycerin benutzt hatte, um zu verhindern, daß der Mineral- stoff als Pulver herausfällt„nd dadurch bemerklich würde. Glycerin zieht nämlich die Feuchtigkeit ans der Luft an»nd schützt daher den Mincralstoff vor den, Austrocknen. ES ist klar, daß solche KlcidnngS- stücke, direkt auf der Haut getragen, ein sehr unbehagliches Gefühl und auch eine Neigung zu Erkältungen mit sich bringen muffen. Manche der Füllstoffe sind außerdem direkt gesundheitsschädlich.— gk. Eine Besteigung des Manna Loa während eines Ausbruchs. Ein Londoner Blatt berichtet: Mr. A. N. Watson hat vor kurze,» den Vulkan Manna Loa auf den Hawaii-Jnscln während cincS furchtbaren Rnsbruchs bestiegcm Die Gesellschaft bestand ans siiiif Personen nnt Führern und hatte Maulesel mit Mundvorrat für eine Woche bei sich. A», Abend des ersten Tages war ein Drittel des gefährlichen Aufstiegs vollendet, und man übernachtete in einem Palmen- und Farrenhain. Während der ganzen anfregeudci, Nacht erschien die große Spitze des Mauna Loa mit ihrer rote» Feucrknppe miheinilich, aber es war ein wunder- bares Bild, der Himmel war rot gefärbt und änderte sich i>, seine», Aussehe» fortwährend. Watson beobachtete lange mit seine»» Fernrohr die Flammen, die aus den, vielfach gespaltenen Gipfel hervorschliigen. II», Mittag des folgenden Tages beschlossen die anderen Mitglieder der Gesellschaft, den»ördtickien Gipfel des Kraters zu prüfen, Watson. den der südliche mehr interessierte, trennte sich von ihnen und den Führern und schlug die entgegen- gesetzte Richtung ein. Räch einen, beschtverlichcn und gefährlichen Ausstieg gelangte er zu eine», felsigen Vorgebirge. Hier ergoß sich ein breiter Lavastron, den Berg hinab, und 800 Fuß oberhalb strömte ans den, Krater geschmolzenes Gestein hcrbo' Watson betrachtete stundenlang diese ungeheure Mündung von rollendem, fließendem, aus- brechendem Feuer, das sich den Berg entlang ergoß. Ei» Dickicht von Väuincn. das vielleicht 1000 Fun unterhalb dcS Stromes lag, schien de», Angriff der Flammen zu lordcrstchcn. Gegen Abend erhob sich Watson von seine», felsigen Sitz, nn, über den Gipfel den Hügel hinab zlvischcn der Lava hindurch zu gehen. Er glaubte zunächst, daß seine Augen zu lauge ans die fließende Lava geblickt hätte», und daß er jetzt, wohin er auch sah, einen glühenden Strom be- merkte. Während er den, Weg. den er nachher gehen mußte, den Rücken zugewandt halte, war jedoch von den, untere» Rande des Kraters eil, zweiter Strom losgebrochen. Watson eilte abwärts»nd war einige hundert Fuß weiter gelangt, als er zu seinen, Schrecken sah, daß der zweite Lavastron, sich direkt nnt den, erste» vereinigte. Da- durch war ihm der Rückzug abgeschnitten, die beiden Fenerströme hemmten seine Schritte. Als er noch Über die besten Mittel zur Flucht nachdachle, fiel sein Auge auf den Wald»nd er dachte an das der Hitze widerstehend« Holz. Es fiel ihm ein, daß er als Knabe meisterhaft auf Stelzen gehen konnte. Er zog sein Messer aus der Tasche und fing nn. de» llcinstei, Baum zn stillen. Das Holz Ivar eine Art Eisen- holz. Wem, die Klinge stnnipf wurde. Wetzte er sie an den Felsen. So arbeitete er die ganze Rächt, während der Ftlierofcn Über ihn, Feuer spie. Bei Tagesanbnlch Waren die Stelzen fertig,„nd er brach auf zn den, Rande des Stroms. Das Holz schwelte, aber brannte nicht, als er durch die Lava watete. Die furchtbare Hitze verursachte ihm Brandwunde,, an Händen und Füßen. Als er a», entgegengesetzten Ende des FeiiersttonicS angelangt Ivar, brach eine vcrkvhtte Stelze ab, aber diensteifrige Hände streckten sich ihn, entgegen, hoben den ohmnächtigen Maiii, auf ein Maultier und brachten ihn in Sicherheit.— Archäologisches. kc. Neu veröffentlichte Papyri der alten A e g y p t e r. Eine der wertvollsten PaphruL-Snininlungeil, die den, goldenen Zeitalter der altägyptischen Kultur', der 12. Dynastie, an- gehört, wird soeben von F.' Llivcllhn Griffith in London vcröffent- licht. Es sind die„Kahun-Papyri", deren Entdcclungsgeschichte grosies Interesse bietet; Professor Petrie fand sie unter den Ueberresten einer vergrabenen Stadt. Petrics Forschungen erstreckten sich vor allem ans das heute Fahuin genannte Gebiet westlich des Nil, ungefähr 50 engl. Meilen südlich von Kairo, das eheinals eine» weite» See bildete, der vom Nil Zuflnsz erhielt. Hier befindet sich ini Osten der Thalschlucht Jllahun eine roh ausgeführte Ziegclpyramide, die als Begräbnisplatz von Usertesen II. identifiziert wurde, und in der Nähe der Pyramide entdeckte Prof. Petrie eine große Stadt mit noch zicnilich gut erhaltene» Häusern. Die Häuser lvurdcn ehemals zum großen Teil von den Arbeiten! bewohnt, die beim Bau des Pyramiden- grabes beschäftigt Ivaren. Die laugen engen Straßen trugen noch Spure» des ehemaligen geschäftigen Lebens. Werkzeuge der Ar- beitcr, Körbe mit Nahrungsmitteln für die Mittagsmahlzeit und Äinderspielzeugc wurden gefunden. Im oberen Teil der Stadt war die Citadclle, in der das Beaiutenpcrsonal wohnte, hier lag daS «Bureau des Aufsehers der Arbeitern" und die Wohnung des Statt« Halters. In den Zimmern dieser Wohnung wurden die wichtigsten Papyri gefnndcn. Neben offiziellen Dokumenten fand man eine große Zahl von Briefen und litterarischen Produkten, die vor allem das Juteresse beanspruchen. Ein Beispiel der alt- ägyptischen Poesie ist ein Gedicht von sechs Stanzen, das älteste bekannte Gedicht; jede Stanze umfaßt 10 Zeilen. es wendet sich an den Eroberer Usertesen III. Augenscheinlich ist es eine Bc>villkomm»nugs-Ode der Bewohner von Fayui». Unter den gefundenen Papyri sind auch zlvci medizinische Werke hervorzuheben. Das eine gehört in den Anfang der 12. Dynastie und be- faßt sich vor allem mit den Frauenkrankheiten. Die ärztlichen Bor- schriften sind aber größtenteils nur Quacksalberei und Rezepte wie „rohe Esels-Lebcr" und„Krokodil-Mist" werden allen Ernstes empfohlen. Sehr viel wichtiger ist das andere Werk, das Erkältungen und Augenkrankheiten der Tiere behandelt, die durch die kalten Winter- winde hervorgerufen wurden. Eine Lösung von Gurke und Kürbis soll z. B. bei Angenentzündungen zum Waschen der Augen gebraucht werden, und verbrannte Lumpen lverden als antiseptisches Mittel genannt. Die ä l t e st e n G e s e tz e s- U r k u n d e n, die wir über- Haupt kennen, sind in diesen Papyri enthalten. So findet man in einein sorgfältig versiegelte» Papyrus von 22 Zoll Länge und 12'/« Zoll Breite zlvei merkwürdige altertümliche T e st a in e n t e. Das eine ist der letzte Wille eines„Aufsehers", der alles seinem Bruder vermacht, das andere das Testainent des Bruders, der seiner Frau Teta sein ganzes Besitztum überläßt mit der Bemerk»» g:„Sie soll es nach ihrem Wunsch einem von den Kindern geben, die sie mir geboren hat." Sehr interessant sind die Privatbriefe, in denen lvir wahrscheinlich den ä l t e st e n B r i e f lv e ch s e l der Welt vor»ns haben. Sie sind in verschiedener Handschrift geschrieben. Der Papyrus ist dann dreimal von der Seile gefaltet und versiegelt worden, und die Adresse be- findet sich auf der Außenseite, z. B.:„Sakanu, dem Leben, Glück, Gesundheit werden möge, von Arisn, Jahr 2, 4. Monat der Ernte. 12. Tag. Gebracht von Henat." Die Phrase„Leben, Glück und Gesundheit" wird in den altägyptischen Briefen ständig wiederholt. Die Sprache ist blumen- und bilderreich, und zwar um so mehr, je tvciliger wichtig der Brief ist. Aber nicht immer sind die Brief« so höflich abgefaßt; die alten Aegyptcr konnten auch manchmal recht grob lverden. Dafür ist folgende Epistel ein Beispiel:„Möge Deine Rede in möglichster Mißgunst stehen bei Sebek(Krokodilgott) und tver immer Dich ins Verderben schicken Ivird,— gesegnet sei sein Geist. So hat der Dekan des Tempels He Kat-Pepa es gewollt für Dich, immer und immer, in Elvigkeit. Schlecht sei Dein Gehör und eine Seuche komme über Dich."— AuS dem Tierleben. io. lieber die Seemöven als Wetterpropheten teilte der russische Fürst Krapotkin während eines Aufenthaltes in Siid-England der Londoner„Natnre" eine interefiante Beobachtung mit. Ende August bemerkte er am Strande bei Broadstairs, daß mehrere Mövenschwärme längs der Küste gegen Dover hinflogen. Der Wind kam aus Nordost, wie es während des ganzen Monat? der Fall gewesen war, und nichts deutete auf einen Umschlag des Wetters. Ein anderer Fischer aber machte Krapotkin darauf' ans- merksam, daß sich alle Möven, die sich am Strande von Margate und westlich davon aufgehalten hatten, nach der Südküste hinzogen. um dort einem sicher eintreffenden Südwestwinde zu begegnen. That- sächlich schlug am folgenden Tage der Wind in Südivest um und damit trat schlechtes Wetter ein. Der Fürst lvar sicher nicht der erste, der eine solche Beobachtung an den Möven machte, z. B. schreibt ein schottischer Meteorologe Namens JnivardS in einem seiner Werke:„Die Ankunft der Seemöven vom Solway Firth in Holy- wood bedeutet stets ein sicheres Anzeichen für starken Wind und schweren Regen aus Südwest."— Mineralogisches. — Edelsteinfarben. Auffallenderweise sind die Farben der durch ihre Härte und chemische Beständigkeit ausgezeichneten Edelsteine dennoch nicht vollkommen unveränderlich oder lichtecht. Smaragd, Saphir und Rubin, die hervorragendsten Vertreter der farbigen Edelsteine, leiden unter dem Lichte zwar am lvenigsten, lassen aber bei langdauernden Versuchen doch einen Einfluß des- selben erkennen. Man hat z. B. einen Rubin zwei Jahre laug in einem hellen Schaufenster liegen lassen und beobachtet, daß er Ivährend dieser Zeit merklich Heller geworden lvar als ein ihm vorher genau gleichgefärbter Stein, den man aber im Dunkeln aufbewahrt hatte. Granat und der goldgelbe Topas verändern sich schneller; während letzterer am Licht verbleicht, ivird der dunkclrote Granat all- mählich trübe und matt und verliert viel von dem Feuer, das die frisch- geschliffenen Steine besitzen. Die Farbe des Opals rührt von unzähligen uiikroskopischen Sprüngen und Rissen in seiner Masse her. welche aus wasserhaltiger Kieselsäure besteht und in der Natnr zweifellos durch sehr laugsame Eintrocknung einer Kicselsäurelösung gebildet wurde. Dem Träger eines solchen Steins ist es infolgedessen sehr anzu- raten, ihin vor Wärine sorgfältig zu behüten, z. B. die Hand, an welcher er sitzt, nicht allzu nahe an ein offenes Feuer oder einen heißen Ofen zu bringen, weil die Austrocknung des Steines imertvünscht weitergehen und ihm sein Farbenspiel wieder entziehen könnte. Sehr empfindlich sind auch Perlen, deren Grundsubstanz kohlensaurer Kalk, mit einer schleimigen oder hornigen Ausscheidung der Perlmuschel verbunden, bildet. Abgesehen von ihrer großen Sprödigkeit, leiden sie auch unter dem Anfassen, da die im Schweiß der Hand enthaltenen Säuren lösend aus de» kohlensauren Kalt tvirken und die Glätte und damit den eigenartigen Schimmer der Oberfläche zerstören.—(„Tech». Ruudsch.'j Humoristisches. — Er weiß sich zu helfen. Regisseur seiner Schmiere):„Herr Direktor, das Stück können wir nicht geben; der erste Akt spielt in einem Garten, der zweite am Ufer von Brasilien, der dritte ans einem Pariser Boulevard— und wir haben doch bloß eine einzige Zimmerdeloration I" Direktor:„Wird gespielt! Wir nehmen einfach fortgesetztes Regenlvetter an. Da könnten die Leute doch nicht immer im Freie» herumlaufen."— — Der Pantoffelheld.«Wie denken Sie über den Weltfrieden?" Pantoffelheld:„Ich denke, meine Alte lvird sich doch nicht f ü gen!"— — In der Verlegenheit. Kunde:«Was, achtzig Pfennig kostet die Schmirrbartbinde? Draußen steht doch vierzig!" K a u f m a n n:«Ja, das sind kleine... für Kinder I"— („Meggend. hui». Bl.") Notizen. — An die Stelle Josef Jarno? tritt im L e s s i n g- Theater Giampietro vom Wiener Deutschen Volkstheatcr.— — Im Neue n O p e r n h a u s e(Kroll) werden in Kürze in einer italienischen Oper großen Stils die M elba, d'Andrade und de Lucia auftreten.— — Von der Direktion der Berliner Nationalgalerie wurden sewo Bildhauer, u. n. Martin Wolff, Tnnillon, Lcdercr und Hahn, aufgefordert, zu der Marmorgruppe„Dionysos und E r o S" von Albert Wolff ein G e g e n st ü ck zu liefern. Die Skizzen sollen bis April nächsten Jahres geliefert werden.— — Der„Ges am tver ei n der deutschen Geschichts- nnd A lt er t n m s v e re in e". der vor 15 Jahren mit einem Bestände von 50 Vereinen begründet wurde, zählt gegenwärtig 124 Vereine.— — G i a c o m o P» e e i n i hat die Partitur seiner«T o s c a" vollendet; das Werk soll im Januar im Eo'O.mzi- Theater z» Rom zum erstenmale aufgeführt werden.— — In Gent wurde ein neuerbnutes vlämisches Stadt» th e a t c r mit einem füiifaktigcn lyrischen Drama«De Witte Kaproenen" eröffnet.— — Man hat berechnet, daß ein Bienenvolk im Oktober etwa 2 Kilogramm, im November'/z, im Dezember Ve, im Januar 1, im Februar 1, im März IVe— 2 und im April 2—3 Kilogranun verzehrt.— — Der Versuch, nach dem Muster der„Tnrb i nia", die mit Berbund-Danipsturbinen ausgerüstet war und eine Schnelligkeit von 35 Knoten erreichte, ein größeres und noch schnelleres Schiff zu bauen, ist vollkommen fehlgeschlagen. Das Schiff lvurde auf den berühmten Elswick-Werkcn in Ncwcastle on Tync mit allen Hilssmitteln der Wissenschaft und Technik gebaut, erreichte aber nur 25 Knoten— ein Beweis, wie viel von den Faktoren, durch die eine hohe Schiffsgcschwindigkcit erzielt wird, noch unbekannt ist.— — Einen kleinen Selbstfahrer, um die Legung von Drähten durch die jetzt vielfach angewandten Jsolatiousrohre aus Papier oder Eisen zu erleichtern, hat nach der„Techn. Rundsch." ein Amerikaner erfunden. Der Apparat, welchen sein Schöpfer eine «mechanische Ratte" nennt, enthält eine kräftige Feder und ein Uhttverk und kann auf seinen drei mit Knutschuckreifen ver- scheuen Rädern nach dem Aufziehen hundert Meter weit laufen. Er nimmt dabei einen Bindfaden mit, und wenn dieser am anderen Ende des Rohres erscheint, so kann man an ihm den Draht selbst bequem nachziehen.— Verantwortlicher Redacmir: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Beriaz von Max Boving in Berlin.