Anterhaltuiigsbla Nr. 199. Mittwoch, den 11. Oktober 1899 (Nachdruck verboten.) Herntttt. LZ Roman von Peter Egge. Autorisierte Uebersetzung aus dem Norwegischen von Adele Neustädter. Im Zelte wurde ein lustiger Walzer auf dem Leierkasteir gespielt. Eine dicke Frau saß wie eine unförmliche Masse in einem Stuhle vor dem Eingang und winkte und nickte die Leute herbei. Hanna sah auf das Gaukelspiel, während sie immer weiter ging und den Pferden und betrunkenen Leuten und den Markttischen auswich. Die Leierkasten quietschten in allen Zelten und aus vielen der niederen Häuser auf der unteren Seite des Platzes. Das Volk strömte zu Thüren hinein, über denen zu lesen stand:.Ausschank von Bier und Wein". Nein, hier auf der Niederung war eS heute ungeniiitlich! Der Markt, den Hanna vor vierzehn... fünfzehn Jahren gesehen hatte, war doch nicht so... Oder vielleicht erschien es ihr nur so? Es war so lauge Herl ES schien, als habe sie alle? nicht erlebt, nur geträumt oder darüber gelesen... Wie still und ruhig droben jetzt alle Hügel lagen l Der Fluß war heute richtig schön und klar. Eine Drehorgel kreischte dicht neben Hanna auf.„Puh! Sie eilte weiter... Und Johannes! Er wartete gewiß, der Arme. Als sie den Weg einschlug, der nach der Höhe hinauf führte, fuhr eine Droschke vorüber. Hanna sah zufällig auf und bemerkte den Herrn, der im Wagen saß. Sie blieb Plötz- lich wie angewurzelt stehen und wurde puterrot. Dann lief sie weiter. Der Herr im Wagen stutzte und sah ihr nach. Sie spurte seinen Blick im Rücken, so lange sie den Wagen hinter sich rasseln hörte. Oben am Hügel blieb sie stehen und schnappte nach Luft. Ihre Knie zitterten. Dann lief sie wieder, schwankte über den Weg, während die Leierkasten hinter ihr heulten. DerMarktlärm wurde zum Gelächter und Hohn und zum Murmeln des VmlsschwarmeS. Alle rannten sie und glotzten sie an und zeigten niit den Fingern auf sie. Weit oben ging sie langsmuer und hielt die Hand ans Herz, das so beängstigend stark klopfte. Sie war sehr bleich, und große Schweißtropfen rannen über ihr Gesicht. Der Marktlärm lag weit unten. Es klang wie das leise Knurren eines gereizten Raubtieres. Eine Stunde später kehrte Holthe zurück. Hanna saß in der Stube und lernte Geschichte. Die Thür zur Veranda war geschlossen. Sie legte schnell das Buch fort und erzählte von ihrem Marktgang. Sie sah, daß er lächelte; aber sie der- suchte darüber hinwegzugehen, erzählte sieberhaft schnell und sehr ernsthaft, sah ihn nicht an. „Du fandest es zu Hause also doch langweilig? Du wolltest es nicht glauben, als ich ging... Aber jetzt konnte sie sich nicht länger halten. Sie mußte lachen, ob sie wollte oder nicht. „Nein, ich ging nicht, weil es hier langweilig war; aber Martha sagte, daß heilte der Eüikaufstag der Damen sei, und das wollte ich mir ansehen." „So... ja... natürlich. Weißt Du, woran ich denken mußte, während Du hier allein saßest? Wir reisen nächsteil Herbst. Nun haben wir zwei Jahre hier gehockt. Wir bleiben einen Winter in Deutschland und Frankreich und fahren über Kopenhagen." Sie wandte sich im Stuhle schnell nach ihm um. „Willst Du das wirklich?" „Ja. Aber Du willst vielleicht nicht?" Sie saß einen Augenblick und dachte über etwas nach. Danil erhob sie sich und ging zu ihni, da er mitten im Zimmer stand, zerrte ein wenig einen Knopf an seinem Rock, als bäte sie wegen des folgenden um Entschuldigung. „Aber dann mußt Du mir versprechen, deutsch und franzö- sisch mit mir zu lernen. Sonst ziehe ich ja wenig Nutzen aus der Reise." Er antwortete nicht, sah sie nur an und lächelte. „Wenn auch nicht oft, so doch ein paar Stunden die Woche." Sie zog stärker am Knopf. „Wenn Du sleißig sein willst, so..." Sie drehte sich auf dem Absatz herum und lächelte. Spät am Abend ging sie auf die Veranda und sah ins Weite. Die Stadt, und der Fjord und die Hügel lagen so ruhig, als lauschten sie dem Marktlärm, der geschwunden war — weit geschwunden. Der Himmel war mattklar, ohne Wolken, ohne Sterne. Auf der Niederung und in den Straßen sah man nur einzelne beweglich? schwarze Punkte. Es waren Nachtwächter und Schutzleute. Sonst war nichts Lebendiges zu sehen. Töne, klangen zu ihr herauf. Sie erreichten üe nur vereinzelt. Sobald sie sie hörte oder zu hören glaubte, lauschte sie angespannt; aber sie verhallten, bevor sie dieselben ordentlich erfaßte. Unten am oberen Wegezankten zwei Stimmen. Eine Thüre wurde zugeschlagen, und dann hörte, man die Zankstimnien nicht mehr. Kurz daraus rollte unten am Wege eine Droschke und zerriß die Stille, und da mußte Hanna daran denken, was ihr heute am Hügel geschehen war. Er wohnte ja nicht in der Stadt, er verschwand wohl, sobald der Markt vorüber war. Und traf sie ihn morgen, wenn sie Ann in Arm mit Johannes ging, da wollte sie sich nicht erschrecken... Und nächsten Herbst reiste sie ja und blieb ein ganzes Jahr fort. Es war dunun von ihr, heute so zu erschrecken. Nur deshalb bcnierkte er sie auch. Aber das nächste Mal, wenn er wagte, sie anzusehen, würde sie ihn so höhnisch, soverächtlich anblicken... Oder vielleicht würdcsic es nicht thun, sich nur dichter an Johannes schmiegen, nud nicht dorthin sehen, wo er ging... Stein, daß sie sich heute so er- schrecken mußte Es war so ärgerlich wirklich so ärgerlich i In der Schule war sie doch mutig genug gewesen t Alle hatte» ihr das gesagt... „Hanna, willst Dn nicht schlafen?" „Jetzt komme ich, Johannes." HI. An einem Nachmittag im August desselben Jahres stand Holthe am Fenster setncL Arbeitszimmers und warten, daraus, daß Hanna über den Hügel gefahren kam. Er war selbst draußen gewesen und hatte angespannt. Er pflegte es zu thun, wenn seine Frau fahren sollte. Als er in sein Zinuner trat, um die Durchsicht seiner Geschäfts- bücher fortzusetzen, bemerkte er, daß es zum Schreiben zu ftnster war. Und so ging er ans Fenster. Da kam sie l... Wie langsam es über den Hügel hinab- ging. Aber sie ließ wohl das Pferd ausholen, wenn sie erst in die Niederung kam. Sie konnte übrigens dem drallen Falben wohl einen Schlag versetzen. Er stand die ganze Woche im Stall und fraß sich fett. Gott, so konnte sie durch die Stadt fahren... immer im schnellen Trab. Er würde es gerne sehen, wenn sie eines schönen Tages wegen unverant- wortlichen Fahrens zu einer Geldstrafe verurteilt würde! Sie wollte sich wohl ein wenig zeigen, und wenn sie es uicht in einem Ballsaal thun konnte, so mußte es im Wagen geschehen. Wenn sie uicht die Freundin der feinen Damen werden wollte oder konnte, so wollte sie jedenfalls Aufsehen erregen, die Neugierde jener herausfordern.... Daß sie, das arme Mädchen, uicht einer Freundin bedufte, der sie sich in ihrer Wohnung zeigen, mit der sie über ein neues Kleid schwatzen, eine, nur der zusammen sie sich„fühlen" konnte.... Es wäre doch natürlich gewesen.... Sie konnte sich doch wirklich naiv genug üvcr das Neue freuen, obgleich sie schon langer als ein Jahr hier war.... Wie jetzt zum Beispiel über der. neuen Ein- spänner..." Da bog sie in die Niederung hinab.... Hui> Im Trab t Die Arme gestreckt und die Zügel ftramni. Sie ivar ganz „stylish". Man sah ihr wohl nach?!... Er lächelte. „Waruni willst Du immer fahren, wenn Du nach der Stadt sollst?" Sie sah wirklich komisch aus, als sie versuchte ernst zu sein, als sie antwortete: „Das weißt Du wohl. Wenn ich fahre, komme ich früher zurück." Ein schöner Grund! Er lachte still, daß es in ihm gluckste und ging ins Zimmc* zurück. Er sehte sich auf den Stuhl vor das Schreibpult und blieb lauge sitzen... Ja, sie konnte sich freuen, und sie verhalf ihm auch dazu. Diese Auslandsreise war für sie gewiß das gelobte Land. Sie crivartete Wohl noch mehr von der Auslandsreise. Das begriff er Wohl. Je mehr die Zeit verstrich, desto mehr Dinge ersaun sie, die sie sehen, hören, lernen mußte, Dinge, an die sie in der ersten Freude nicht gedacht hatte. Wenn er so tief wie sie hätte blicken können, daß er jeden Winkel in ihr gekannt hätte. O, das wäre wohl ebenso gewesen. Es lag ja etwas in ihm. daß ihn so besonders eng an sie fesselte, daß sie immer so neu. so frisch, so wißbegierig war, daß ihr geistiges Wachstum nie stille stand. Deshalb war sie ihni jetzt auch so viel näher gekommen, als zur Zeit ihrer Heirat. Und er würde sie sich zu erhalten wissen, so viele neue Menschen sie auch draußen traf. Sie würde sich ihm stets anpassen; denn sie besaß die Elasticität, die eine junge, begabte Frau haben kann. Er sah auf die große Photographie seiner Frau, die auf dem Schreibtisch stand. Sic war in dem ersten Monat ihrer Ehe angefertigt. Das Gesicht war voller, ernster als jetzt; aber die Dämmerung verwischte halb die Züge und dadurch bildete sich seine Phantasie ein anderes Bild, als es die Photographie zeigte. Er sah sie so, wie sie jetzt war. Ein wahres Glück, daß sie keinen Schwermutsrückfall hatte! Wenn sie ein Kind bekommen konnte, so war daran nicht länger zu denken.... Aber die Reise mußte ihr helfen, mußte sie in sich gefestigter machen, ihr das ganze Gleich- gewicht geben, das sie verloren. Nach einer Weile schlug er das Buch zu und verschloß es. Dann erhob er sich und ging in die Wohnstube. Hier ließ er Martha die Lampe anzünden, ging auf die Veranda und sah ins Weite. Kam sie nicht bald? Die Gaslaternen brannten in Reih' und Glied; einander so nahe in der Stadt und ain Hafen, als seien sie an einer Schnur durch die Straßen und über die Mole gezogen. Nur einige Sterne blitzten hervor. Das Stadtleben hörte er wie einen fernen Lärm. Dort unten am Hügel ckani der Ein- spänner. Er ging hinein und begann zu lesen, bis der Wagen auf den Hofplatz fuhr. Da ging er hinaus. Im Entree traf er seine Frau und Alfred Hjelnr. „Guten Tag, Johannes I Hier hast Dn mich wohl und munter," rief Hjelm aufgeräumt. „Guten Tag, weilst Du in dieser Gegend?" „Jawohl. Kam heute früh mit dem Schnellzuge von Hamar und wurde jetzt von Deiner Frau hier herauf befördert. Traf Deine Frau— vielen Dank für die Fahrt, gnädige Frau!— im Buchladen von Christi..." Hanna ging in die Küche, und die Herren traten in die Wohnstube. Hjelm sprach ununterbrochen. „Zum Teufel, wo hast Dn die reizende Frau gefunden?" „Unten in Smaalchnen!" „Verflucht chic I Ich stehe dort mit Sörensen zusammen am Ladentisch— wir nannten ihn Toddy Sörensen— und sage ihm, daß ich zu Dir hinaufgehen will, und da sagt er: „Dort kannst Du Frau Holthe sehen. Das ist ihr Einspänner, der draußen steht." Ich stellte niich vor lind lud mich selbst ein, mit herauszufahren.... Bei Gott, hier ist es fein I" Er sah sich im Zimmer um. „Richtig nobel. Ja so. Du bist Landivirt geworden!... Das war nicht das Schlechteste I Nein, ich bin Rechtsanwalt und Liberaler. Aber Du bist ivohl rechts?" „Ich befasse mich nicht mit Politik." „Das heißt, Du bist rechts. Du hattest übrigens schon kn den Studentenjahren schlimme Tendenzen. Aber ich will als Mann der Linken leben und sterben. Weißt Du was? Ahnst Du, weshalb ich in die Stadt gekonimen bin?" „Nein." „Um mich umzusehen, um das Terrain zu sondieren. Ich will nächsten Herbst hierher in meine Geburtsstadt ziehen, mich hier niederlassen. Ich habe große Pläne vor, große Pläne. Ich will meine Liebe nicht, wie Du. in einem heiligen Jndiffcrentismus anbeten. Nein, ich will die Stadt lieben, diese schöne, verflucht feierliche Stadt, ich will sie den Klauen des Konservatismus entreißen... Aber, wo bleibt Deine Frau?... Weißt Du, ich bin auch verheiratet." „Ja, ich habe gehört, Dn hast Dich reich verheiratet." Hjelm rückte seinen kleinen, wohlbeleibten Körper bc- qvemer auf dem Sofa zurecht. lFortsetzung folgt.) cN«ichdruck»erboten.) > MothenkÄlge in Gbvrsihlrfivn. Bon Haus O st!v a l d. Die Lokomotive pfeift vor der Einfahrt. Die Kleinstadthäuser von Glciwitz erheben sich aus dem sanstwelligen Ackerland, dessen Linien in der letzten Abenddämmerung ruhiger tvcrden, mehr in- einander fließen. Der Zng fährt langsamer. Plötzlich fällt grell ein roter Schein durchs Wagenfenster. Ge- wältige Schatteil ragen, fremde, phantastische Formen huschen vorüber... Da... Ivie ein ungeheurer Wurm schlingt es sich in Windimgcn um riesige, glühende Schildkröten. Alle springen verlvundcrt, unruhig auf. Selbst die Schlafenden werden jäh wach und starren hinans." Alles schweigt. Jeder staunt erschreckt. Und der Zng fährt langsamer, die Bremsen kreischen. Die Reisenden fallen gegen einander. Kaum einer spricht leise eine Entschuldigung. Aller Scherz ist versiegt. Wie verstört steigen die incisten aus, zögernd nnd bertvirrt. Weit dehnt es sich vor den Blicken, das obcrs«chlcsische Kohlen-, Zink- und Eisenland. Unter dem weißlichen Licht der hochschlvebenden elektrischen Kugeln rollen lange Züge von Kohlenwagen heran. Und ans allen Ncbcngclcisen stehen Güterwagen. Gleichmäßig bchanene rundliche Stämme, die zu Grubenstützen dienen, große Äiaschii, enteile. Eisen« bahnschienen. rostige Eiscnstangcn, Tonnen mit Ccment und Eßwaren, Petroleuingebinde, Brauerei- und Möbelwagen mit schreienden Riescnbuchstabcn— alles steht in unentivirrbarcm Knäuel bei- einander. Und dicht daneben ragen ein paar Hochofen empor, schlanke, schwarze Säulen mit sprühendem Knauf, der in rastloser Reihenfolge neue Formen annimmt. Durch die bläulichen Streifen strahlen weißglühende Funkenaugen, rötliche Kugeln tanzen auf den Spitzen der Flammenzungcn, die grcllgclb, braunrot Heranslecken aus der dichten Feucrmasse— schwarzer Rauch drängt sie auseinander— und wieder weißliche Fnnkenangen, rötliche Stugel» und immerfort wechselnde Flammenzungcn. Verlöschend fallen die Funken wie abgestorbene Blätter. Die glühenden Rußfctzcn zcrflattcrn, schwarzer Staub rieselt über die Erde... Die glühenden Schildkröten sind die langgestreckten Hütten- gebände, aus deren breiten, abfallenden Dächern feuriger Qualm dringt, Funkenschlvännc aufflattern und durchleuchteter Dampf aus- steigt. Die großen, bis auf die Erde reichenden Fenster.scheinen zu brennen. So liegen sie dicht neben einander, eine ganze Reihe dieser Ungetüme. AuS einzelnen. winde» sich mannsstarke Röhren. In rechtwinkeligen Ecken gebrochen, schräg durchcinaudcrgezogen, ziehen sie sich um die Hütten. Kleine Häuser, Wagen, Tragstangen umgeben die großen Bauten, kaum zu erkennen in dein flackernden Zwielicht und den tiefen Schatten. Langsam fuhr der Zug vorbei an de«» Werk, immer zivischeu Güterzügen. Als er das freie Feld erreicht hatte. da flaunntcn überall vor uns die grünlichen und schwefelgelben Lichter der Hochöfen auf, aus den fernliegenden Zinkhütten strahlte es weißlich, aus den Coaksöfen rot und feurig— links, rechts, vorn und»eben dem Zug. bald auf einem Hügel. bald in einer Senkung. Und überall rollten Eisenbahnen über die zerrissene Ebene. Weiterhin huschten elektrische Straßenbahnen vorüber. Wieder nnd immer wieder tauchen feurige Werke auf. Ans viele Meilen, soweit das Auge sehen kann, glüht der nächtliche Himmel in dem rötlichen Schein.'.. Die Sonne scheint! Es ist ein klarer Tag. Aber wenn man auf einem Hügel steht, versperrt eine Reihe regellos aufgebauter Häuser den Ausblick, oder ein Eiscnbnhudamin zieht sich vorüber, ein Schlackenberg erhebt sich, oder Ziegeleien, Äalkbrüche und Kalk- brcnnereicn, die hochragenden Fördcriverke der Kohlengruben, die Schornstcinreihcn der Stahlfabriken und Walziverke, Zink- und Blei- Hütten schieben sich vor den Ausblick. Rimchfahncn ziehen über das Land, ivälzen sich über den zerklüfteten Boden, über die Felder und verhüllen die Gebäude. Trotz des klaren Wetters ist der Himmel trübe und schmutzig. Rur in der Höhe, über dein Kopfe, ivird er tief blau. Ueberall liegen Ortschaften. Ihre Häuser sind rohe Ziegel- bauten, oft schon brüchig, ihre rote Farbe ist unter dem schwarz- lichen Rußüberzug vcrschivundc». Dazwischen liegen einzelne Bauern- Hütten, mit niedrigen Dächern, mit dünnem Lehmbewurf sind die rohen Holzslämme, die die Wände bilden, bedeckt. Dicht nebeneinander laufen die Knustsiraßcn, durchschnitten von quergezogencn, ans Schutt aufgeführten Wegen. In Windungen ziehen sich Fußsteige durch die dürftigen Felder und durch die brach- liegenden Strecken. Bald klimme» die Wege steile, rötlicki-brüchige Stellen hinan, bald winden sie sich um wild zerrissene Klüfte, bald wieder ziehen sie sich über hügeliges Land, dessen verbrannte Gras- und Nnkrantnarbe davon zeugt, daß unter ihm der Grnbcnbrand zehrt, lieber dem ivie mit Asche bedeckte» Felde zittert in sichtbaren Wellen die erhitzte Luft, der Boden zeigt unzählige Risse, auf deren Rändern Iveiße Asche und Schivefelkrhstalle liegen. Dann wieder geht der Weg an rotbraunem, verbranntem Sand- stein vorüber, der ans eingesunkenen Stellen hervorragt. Die Wege verschwinden in kleinen Gruppen von Nadelhölzern, die Ivie mit schwarzen! Ruß überzogen sind, verfielfacht toinmeu sie auf der anderen Seite wieder hervor und münden in Felder, deren Getreide nicht in dem klaren Gold der Reife prangt, sondern vom Rauche der Schornsteine geschwärzt ist. Die Kartoffeläcker liegen in kleinen, regellosen Parzellen zwischen dem Koni. Der in den Kartoffel- furchen gepflanzte Kohl ist unnatiirlich hoch geschossen und dürr. Das Grün der wenigen Büsche der baumlosen Wege ist mit dichtem, grauem Staub bezogen. Ein langes, unregelmäßiges Thal senkt sich tief in die Erde hinein. Auf der einen Seite ist es überschüttet mit schivarz-grauem Stcingeröll, ans der anderen terrassenförmig aufgebaut. Ganze Reihen von Arbeitern halten sich an den steilen Wänden der terrassen- förmigen Seite. Sic schwingen ihre Keilhauen, liegen auf dein Rücken und ans der Seite, uin der Kohle oder dein Erze die Stütze weghauen zu können, klanmiern sich mit den Beinen an ein vor- springendes Stück Gestein und bohren sich hinein in die Kohlen- oder Erzadern. Andere werfen die losgelösten Erze in die Tiefe, wo Pferde ans Eisenbahnschienen die beladenen Fördermigsivagcn in die dunkle Strecke des Bergwerks ziehen. Dicht daneben ragt das Förderungslverk empor: große Hallen und hinter ihnen turmhohe Eisengestelle, über denen sich geivaltigc Räder in rasender Eile drehen. An Seilen ziehen sie die Förderivagen aus den unter ihnen liegenden Schächten. Ein anderer Weg führt zu einem Wald von Schornsteinen, der dicht gedrängte Dächer- und Turmmassen überragt. Da quillt es schwcf- tich, gelb, iveiß, braungrau aus den Dächern, den Röhren und den Mauern. Aus den Schornsteinen, die am Tage wie Rauch-Spring- brunucn aussehen, siedet es schwarz, grau, rotbraun— alles mit einem grauen Ton, zu dem sich der Qualm in dicken Wolken wie ein Laubwalddach zusammenballt. DaS ist eine Zink- und Eisenhütte. Auf den weiten und breiten Schutthalden in seiner Nähe wächst nichts als dürftiges Unkraut. In den» graugelben giftigen Kies und grünlichen Schlackenfeldem graben barfüßige Kinder und Frauen herum. Auch bei dem schwärzliche» Schlick wühlen fast nur mit Lumpen bekleidete Geschöpfe. Oft brennt der eben von Frauen und Pferden aus der Hütte auf Schienen hergeschaffte unreine Schlick noch. Zwischen den Schlackcnbcrgcn schimmern große Teiche. Der Himmel kann sein Blau nicht in ihnen spiegeln. Stumpfe Flächen, bräunlich, mit Gicßcrci-Rbwässcrn und Grubenwasser verdickt, sind es. die soviel Gift aushauchen, daß die Büsche und Bäume an ihren Rändern ihre dürren Zweige und Blätter hängen lassen, mit un- natürlich gclbgrauen Farben. Wo nicht Schutthalden die runden Hügel unterbrechen, da haben sich Ziegeleien und Kalksteiubrüche eingebohrt. Nirgends sieht man eine ebene, gleichmäßige Fläche. Alles ist unterwühlt, überschüttet, zusammengebrochen. Hier hat eine Erdseuknug den Lauf eines Baches verändert, so daß er die Felder ersäuft; dort bildet das Grnbenwasscr zwischen verlassenen, znsammensiukcudcn Schuppen und vcifaNeuden Ziegelöfc» einen neuen Teich. Auch die Wege wechseln. Alte münden plötzlich in einen Graben. Neue sind provisorisch ans Schlacke und Coaksrestcn auf- geschüttet— und überall das Bild dcS für den Augenblick Gefügten. Selbst die rasch dahiuschießcnde Straßenbahn, die kleine Güterwagen mitschleppt, läuft auf solchen provisorischen Straßen. Die mit Kohlen beladenen Banernwagcn quälen sich durch lehmige, neue Wege, die sich von den Hauptstraßen abzweigen. Rußgcschwärzte Bergleute gehen an den Kartoffeläckern entlang, sie halten die Grubenlampe noch in der Hand.—_ Mleinss Fouilleton» t. Die„unterirdische Welt" auf der Pariser Anö- stclluug. Am Fuße des Eiffelturmes, Ivo ein Palast für de» Berg- bau und die Metallurgie errichtet worden ist, werden die Besucher der Pariser Weltausstellung einen Einblick in die Schöpfungen der modernen Bcrgbau-Tcchuik thun könucn. Noch interessanter wird jedoch eine andere Ausstellung werden, die ein wirkliches Bergwerk darstellen will, wo alles, was die Erde in ihrem Innere» an kost- baren Mineralien bietet, in seinem natürlichen Vorkommen und in seiner Gcwiimuug durch de» Menschen vorgeführt wird. In den Katakomben, die sich unterhalb des Trocadcrv-GartcnS und seiner Umgebung hinziehen, sollen zwei Sonderausstellungen geschaffen werden, von denen die eine als„unterirdische Bergwerks- Ausstcllnng", die andere als„unterirdische Welt" bezeichnet wird. Das Pariser„Echo des Mines" veröffentlicht nach Angaben des die Arbeiten leitenden Ingenieurs einige interessante Einzelheiten. Der Zugang zur Bcrgwerks-Ansstclluug wird in der Rue de Magdebourg liegen, wo ein Schacht von 5 Meter Durchmesser zu den unterirdischen Strecken führen wird, von wo man auch in die Transvaal-Bergausstellimg wird gelangen können. In dieser künstlichen Grube werden die Besucher ein möglichst natur- getreues Bild eines Bergwerkes finden. Die Anlage wird eine großartige fein, denn die unterirdischen Strecken sollen im ganzen 700 Meter lang sein. Dort kann man sehen, wie die Kohle, das Gold, Silber, Blei, Kupfer und Eisen, das Steinsalz, der Diamant und andere nutzbare Mineralien in der Ratnr vorkommen und wie sie gewonnen werden. Geht man dann nach der Transvaal- Ausstellung hinüber, so wird man dort ein wirkliches Goldriff sehen, das von Kaffcrn-Berglenten bearbeitet wird, von hier aus kann man dann durch einen Stollen an das Tageslicht gelangen, wo die ivcitere Verarbeitung der Golderze in Äugenschein zu nehmen ist. Noch merkwürdiger wird sich die„unterirdische Welt" aus- nehmen, die sich genau unter dem Trocadero- Palast be- finden und durch zwei langsam in die Tiefe sich neigende Strecken zngänglich sein wird. In dem Trocadero- Hügel, der größtenteils aus Kalk besteht, wurde früher wirklicher Bergbau ge- trieben, so daß man die bereits vorhandenen Hohlräume nur weiter auszubauen braucht. Die hier beabsichtigten Ausstellungen werden hauptsächlich archäologischer Natur sein." So wird man u. a. ein Bergwerk aus der Zeit der alten Phönicicr und dann ein mittel- altcrliches Bergwerk mit den Maschinen und Werkzeugen der da- maligen Zeit vorführen. Ein besonderer Saal wird in das Grab Agamcmnons zu Mykenä verwandelt werden, wie es dereinst von Schliemann anfgefunden wurde. Man wird hier die alten Könige in Goldmasken und vom Kopf bis zu den Füßen in Gold eingehüllt finden, wie sie in den: Grabe bei- gesetzt wurden. Außerdem soll durch Dioramen eine Vor- stellung von dem Aussehen der Erdoberfläche zur Zeit der vcr- schiedenen geologischen Epochen gegeben werden, besonders der Stcinkohlenzeit, des Iura und des Tertiär mit der damals lebenden Pflanzen- und Tierwelt. Endlich werden Nachahmungen der be- rühmtesten Höhlen sowohl aus Europa als ans anderen Erdteilen in möglichst naturgetreuer Ausftihrung zu sehen sein, darunter solche von der Blauen Grotte bei Neapel, von den berühmten süd- französischen Höhlen, von denen in den Marmorbergen von Annam, wo sich unterirdische Pagoden befinden, dann die Eremitcngrotte am Toten Meer usw.— — Ein Erdbeben in Alaska. Ans New Dork wird der „Köln. VolkSztg." geschrieben: John P. Fults, ein Bcrgbauingenieur, der eine Expedition nach Alaska ausrüstete, um das Vorhandensein von Platin festzustellen, hatte an der Südküste von Alaska Gelegen- hcit, ein furchtbares Erdbeben zu beobachten, über das er folgende zusammenfassende Mitteilungen auS Seattle machte. Wir befanden uns nicht lveit vom Mittelpunkte der seismischen Bewegung, die wahrscheinlich durch einen Bnlkonausbruch verursacht wurde. Schon zwei Monate zuvor hatten wir Rauchwolken von einem Borg- kcgel, der einen Teil des Monnt Logan z» bilden schien, aufsteigen sehen. Uin dieselbe Zeit war uns mitgeteilt worden, daß die Spitze des St. Eliasberaes eingestürzt sei. doch konnten wir nichts Näheres darüber in Erfahrung bringen. Unser Lager hatten wir an der Discnchantmentbai, 60 Meilen von Dakutat,' aufgeschlagen. Es Ivar anfangs September. Ganz plötzlich begann die Erde unter unseren Füßen zu wanken. Wir stürzten aus unseren Zelten und sahen vom Meer aus eine ungeheure Sturzwelle in die Bai hincinrollen. Alles im Stiche lassend, eilten wir die nahen Anhöhen hinan, während die Mcercswogcn mit donncrartigem Getöse über den Strand rollten und unsere ganze Habe hinwrgrisien. Nichts vermag die ursprüngliche, grausige Gewalt dieser Naturerscheinungen zu illustrieren. Gleich darauf durchbrach ein in den die Bai umsäumenden Bergen gelegener Landsee seine Schranken, und die entfesselten Wassermässen ergossen sich in die Bai. Der Hubbardgletscherz ein riesiges Eisfeld von fünf Meilen Länge und einer Dicke von 1500 bis 2000 Fuß, wurde durch das Erdbeben ins Wanken gebracht, ratschte eine halbe Meile in die Bai vor und brach in Stücke. Die Expedition hatte alles verloren und mußte unter großen Entbehrungen die Reise nach Dakutan antreten, wo sie von'einem Zollkutter an Bord genommen wurde.— Kunst. — Der HermeS des Praxiteles in Olympia ist ge- fährdet, und zwar in beunruhigender Weise, da die im Vorjahre zur Prüfung des Mnseunis abgesandte Kommission nur von kleinen, einer Ausbesserung bedürftigen Löchern in den Mauer» gesprochen, eine Gefährdung des Hermes aber als ganz ausgeschlossen bezeichnet hatte. Nun sind aber, wie die„Schlcs. Ztg." schreibt, auch diese Reparaturen nicht einmal zur Ausführung gekommen, so daß jetzt die östlickic Wand des Museums von oben bis unten geborsten ist und die anfangs unbedeutenden Löcher sich derartig erweitert haben, daß der innerhalb des MuscnmS Stehende bequem die umliegenden Hügel und Felder erblicken kann. Ferner haben die Regengüsse die Dackiziegel verrückt, und während der regnerischen Jahreszeit ist das Museumsgebände derartig überschwemmt, daß ein Verkehr darin zur Unmöglichkeit wird.(Ane andere Gefahr erwächst für die un- schätzbare Bildsäule aus den in Olympia so häufigen Gewittern, die die Anbringung eines Blitzableiters, der leider noch immer fehlt, als im höchsten Grade notwendig erscheinen lassen müssen. Außerdem müßte das der Bildsäule gerade gegenüber liegende Fenster in der südlichen Mnscumswand zügemanert werden. Bei Festlichkeiten aller Art haben nämlich die griechischen Bauern die unausrotlbare Gewohnheit, ihre Flinten abzuschießen. Und bei dieser Gelegenheit streifte eine Kugel den Hermes. Die griechische Presse wird nicht müde, die Gefahr für das Praxitelischx Werk hervorzuheben, und es macht den Eindruck, als werde ihre Stimme diesmal nicht ungehört verhallen, sondern das griechische Kultusministerium zn den not- wendigen Maßnahmen veranlassen. Der Kammer soll ein Gesetz- entwurf unterbreitet werden, der eine Gründung von Museen in sämtlichen größeren Orten Griechenlands zum Schutze der Alter- tümer vorsieht.— Kulturgeschichtliches. c. Eine seltsame C e r e m o n i e bei den alten Griechen. Auf eine Cercmonie, die in Griechenland wenige Tage nach Geburt der Kinder vollzogen wurde, macht der französische Forscher Reinach aufmerksam. Ein Mann, der das Kind auf den STrmen trug, tief niehnnalS um den Hml?citwr Herinn. Man hat darin oft eine Reinigung diuÄi das Feuer, oder auch eine Eiiuübrung i» dm Famitienkultlrs zu erblicken geglaubt. Aber diese Erüliunig lätzt ein wesentliches Element dieser Ceremonie, die man„amphi- dromos" nannte, unerklärt: den unbedingt erforderlichen schnellen Laus. Nach Neinach bieten die Ausllmamigell anderer primitiver Völker eine Deutung dieser shiuvolischeii Handlung. Die vor- h.rrschende Idee ist, dah daZ lüind auch»och nach seiner Geburt am physischen Leben der Eltern tcilninmrt. Während der ersten Tage bedarf es daher völliger Stühe, und um seine Ruhe nicht zu stören, zwingt sich der Vater zuerst zur Unbeweglichteit. Um es dann zum selbständigen Leben vorzubereiten, läuft der Vater mit ihm um den Familien- Mar herum, wie die heutigen Est Heu um die stirche bei der Taufe.— Völkerkunde. — Neber die Eingeborenen i n S ü d a f r i k a, die sich jetzt wie bei jedem Streit zwischen den Weißen zu rühren beginnen, wird der„Voss. Ztg." geschrieben: Von den beiden Hanptgrnppen der südafrikanischen Eingeborenen, den Hottentotten und Kaffern, kommen hier nur die letzteren in Frage. Sie kamen ursprünglich von Norden und untertvarfen sich das Land; den Namen„Kaffern" �Kafir, d. h. Ungläubige) legten ihnen die Araber bei. Ihre Re- iigion enthält'viele' Anklänge an die mohammedanische und jüdische(BeschneidlMg. Waschungen vor dem Gebet, Schächten der Tiere, Verbot des Blutgenusses usw.). Von den Kasfern im engeren Sinne unterscheiden sich die ihnen verwandten Fingoes; zwischen beiden herrscht tiefe Abneigung, und jede Blutsbernnschuug wird ängstlich vermieden. Die Sprache der Kaffern ist von eigen- artigem Wohlltang; sie beherrschen dieselbe meisterhaft und halten in Versammlungen oft stundenlange Reden. Die Dörfer der einzelnen Stämme liegen meist auf Anhöhen; die aus Strauchiverk geflochtenen und mit Lehm bekleideten Hütten haben die Form eines Bienen- korbes; in der Nähe befindet sich ein umzäunter Platz für das Vieh, unfenr des Dorfes ziehen sich die mit Mais und Kaffernkor» be- stellten Felder hin. Die Bestellung derselben wie überhaupt jede Arbeit wird den Frauen überlassen, der Kaffer spielt den Herrn der Schöpstmg und bringt den ganzen Tag im Nichtsthun hin. Des Abends wird enüveder ein Ritt nach der nächsten Schankwirt' Haft unternommen, oder die schwarzen Gestalten lagern sich um das Feuer, eifrig schwatzend und dem„beer" zusprechend, das sie selbst aus Kaffernkor» bereiten. Weißen gegenüber rade- brechen sie meist ein schauderhaftes Englisch, auch der deutschen Sprache find viele so weit mächtig, daß sie sich darin verständlich machen können. Der Kaffer ist meist von hohem Wuchs and kräftiger Gestalt; der Kopf ist stets unbedeckt, die Kleidung besteht nur aus einer umgeschlagenen Decke, die der Fingo mit Glasperlen zu verzieren pflegt. Der durch- dringende unangenehme Geruch des Negers ist auch dein Kaffern eigen. DaS Volk wird von einem grenzenlosen Aberglauben be- herrscht, der von den„Zauberern" genährt und ausgebeutet wird. An sie wendet sich der Koffer in jeder Not, lei dies Krankheit, fehlender Regen oder sonst etivas. Eigentümlich ist das Versahren, einen Dieb zu ermitteln, das sogenannte„Ausriechen". Die Männer des Dorfes treten zu einem Kreise zusammen, der Zauberer stellt sich in die Mitte und beginnt seine Faxen. Wie ein Wahnsinniger tanzt er umher und stürzt sich plötzlich mit Geheul ans irgend einen der Männer, die zitternd ihr Schicksal erwarten. DaS fast regel- mäßig schuldlose Opfer gilt nun zweifellos als der Dieb und wird entsetzlichen Martern unterworfen. Die Engländer sowohl als die Boeren haben zwar diese barbarische Sitte durch Strafen auszurotten versucht, das nützt aber ebensowenig wie das Verbot, gefallene Tiere wieder auszugraben und zu verzehren. Den weißen Er- oberern stehen die Kaffernstämme fast ohne Ausnahme seindselig gegenüber.— Geographisches. -- Ueber eine neue Leichhardt-Expedition, die von den australischen Kolonialregierungen ausgerüstet werden soll, bringt die„Köln. Ztg." einen ausführlichen Bericht. Es handelt sich darum, aufzuklaren, welches Ende Leichhardt, der zuerst den fast ganz unbekannten Erdteil durchquerte, genommen hat; bisher sind alle Nachforschungen ohne Erfolg gewesen. Ludwig Leichhardt hatte für seine erste. außerordentlich erfolgreiche Forschungsreise svon Moreton nach Port Essingt.on) die großen goldenen Medaillen der ScograpHischen Gesellschaften in London und Paris erhalten. Die Regierung von Neu-Südwales stattete ihn niit reichen Mitteln aus, und am 28. Februar 1843 brach der Forscher abermals auf, um von Sydney aus quer durch die ungeheure inneraustralische Wüste nach dem Swan River(Westaustralien) zu gelangen. Am S. April gab er daS letzte Lebenszeichen— bis auf den heutigen Tag ist auch nicht eine Spur der sieben Personen(darunter drei Deutsche) zählenden Expedition gefunden worden. An Nachforschungen hat es nicht gefehlt, und die beiden Landsleute des Verschollenen, Ferdinand v. Müller und Dr. G. Neumayer nahmen lebhaft teil daran. Als drei Jahre verflossen waren, ohne daß der gespannt harrenden Mitwelt die geringste Nachricht zukam, machte sich der erfahrene Reisende Habenden Helh im Januar 18S2 auf, um Leichhardts Spuren zu folgen; rm Juni kehrte er ohne daS geringste Ergebnis zurück. Leider wurde die Erinnerung an den kühnen Gelehrten durch die kurz darauf folgende Entdeckung I der bietoriainschen Goldfelder für längere Zeit in den Hintergrund | gedrängt— erst im Juni 1355 erinnerte man sich wieder der Pflicht,»ach der verschollenen Expedition zu suchen und ihr. wenn möglich, Hilfe zu bringen. Die Leitung übernahm einer der be» deutendsten Forschungsreisenden Australiens, A. C. Gregory, dem sich auch Ferdinand v. Müller anschloß. Von der Mündung des Victoria- flusses drang man bis zur Mitte des Erdteils vor, müßte dann aber Ivcgen gänzlichen Mangels an Wasser umkehren. Noch einmal(im Jahre 185(3) versuchte Gregory von Norden her, der ersten Route Leichhardts folgend, Spuren der Vermißten zu finden— abermals vergeblich! Von 1360 ab durchzogen zahlreiche Expeditionen den Erdteil: alle hatten den Auftrag, nach Leichhardt zu forschen; im Jahre 13(33 unterbreitete Dr. Neumayer der Royal Society in Sydney einen ausführlichen Plan zur Aussendung einer wissenschaftlichen Expedition, die in erster Linie die Auf» gäbe erhalten sollte, daS Schicksal Leichhardts aufzuklären. Dieser Plan wnrde von Neumayer auch in„Petennanns Mit» teilungen" in deutscher Sprache veröffentlicht, um das Interesse an Leichhardt bei dessen eigenen Landsleuten ivachzurnfen; leider blieb auch dieser Versuch ohne Erfolg, mnsomehr, als die politischen Er» eignisie bald hindernd dazwischen traten. Von Zeit zu Zeit wnrde in später» Jahren die Welt in Aufregung versetzt durch plötzlich auf- tauchende Rachrichten von der Auffindung Leichhardts und seiner Gefährten oder doch von Spuren derselben, und solche Nachrichten spornte» immer wieder zu neuen Unternehmungen an. 1874 trat ein Mann» Andreas Hume, mit der Behauptung hervor, einen Ge» fährten Leichhardts in der Wildnis gefunden zu haben; Hume, ein entlnsiener Verbrecher, wurde darauf ausgesandt, jenen Spuren zu folgen; aber er kehrte nicht wieder. Der jetzt vorbereiteten, reich ausgerüsteten Expedition ist es vielleicht vorbehalten, trotz des ver» flossenen langen Zeitraumes die Stelle zu finden, wo die Gebeine der Forscher ruhen.— Humoristisches. — Der Herr Rat.„Donnerwetter, Marie, wie können Sie mich mittags so lang schlafen lassen; da kmm ich im Bureau wieder den ganzen Nachmittag kein Aug' zuthun!"— — Familie»sorgen. Der Herr Sohn:„Seit mein Papa von der Hofliste gestrichen wurde, habe ich so entsetzliche Angst, daß er versumpft."—„Sinrpl." — In» Z o r ir. Herr Huber kommt erst um zwei Uhr zum Mittagessen. Seine Frau schimpft ihn gehörig aus. Zum Schluß wendet sie sich auch an seinen Hund, der ihn begleitet hat:„Und Du, Rabenvieh, mußt auch so lang ausbleiben I"— Notizen. —„Die T a l m i g r ä f i n" betitelt sich eine neue dreiaktige Operette von Gustav Meyer, deren Text Arnold H ä u s e l e r und Max Möller verfaßt haben. Das Werl wurde für daS Stadttheatcr in Leipzig zur Aufführung erivorbcn.— — Siegfried Wagners„Bärenhäuter" wurde in Darmstadt mit Erfolg aufgeführt.— — Ein neues Stück von Th. Herzl, daS den Titel„I lovs von" führt, ist von» Wiener Burgtheatcr zur Aufführung ange» nommen und wird im November gegeben werden.— — Der Wiener Ausschuß für das A n z e n g r n b e r» D e n k- mal hat die Anssiihrnng des Monuments dem Bildhauer Hans S ch e r p e übertragen, der schon das Grabmal Anzeugrubers auf dem Wiener Centräl-Friedhof gearbeitet hat.— a. Die„Gnildhall School ok music", das größte Londoner Konservatorium, veröffentlicht fsoeben seinen Jahresbericht für das letzte Schuljahr. Die Schüler haben zu den Kosten des Unternehmens<3(X)0(X) M. beigetragen; die Gehälter der Lehrer haben 470(XXI M. betragen und der Rest diente zur Deckung der übrigen Unkosten. DaS Honorar, daS die Lehrer für eine Stunde beziehen, variiert zwischen 6 M. und 15 M. Ein Violin-, ein Ge- sang» und ein Klavierlehrer erhalten je 1S8cX) M. Jahresgehalt, 10 Lehrer hatte» nur 8(XX1 M.. und 13 Lehrer mußten sich mit (i(XX) M. begnügen; daS ist aber das niedrigste Honorar.— — Der erste Begründer einer Zeitung in finnischer Sprache, Peter H a n n i k a i n e n, ist iin Alter von 8g Jahren in W i b o r g(Finnland) g e st o r b e n. Er hat auch zahlreiche Ueber- setzungen und selbst das erste Schauspiel in finnischer Sprache ge» schrieben.— — Der neue Komet, der seit Anfang Oktober am Abend» Himmel im Fernrohr zu beobachten ist, entfernt sich bereits lvieder zieinlich rasch von uns; und da er nach einer Kieler Berechnung seiner Bahn bereits am 27. August der Sonne am nächsten stand, so ist auch seine Helligkeit in starker Abnahme begriffen. In stärkeren Fernröhren wird er aber noch einige Zeit zu beobachten sein, da seine Stellung am Abendhimmel jetzt zunächst eine immer günstigere ivird. Der Lkomet bewegt sich gegenwärtig rechtläufig in der Mitte des Sternbildes Ophiuchus, überschreitet am 16. Oktober �den Aequator und geht im November in das Sternbild des Adlers über. Er hat jetzt bereis einen Abstand von uns größer als die doppelte Entfernung Erde— Sonne, und auch von der Sonne hat er bereits nahezu den doppelten Abstand der Erde erreicht. Sein lleinster Abstand von der Sonne betrug 1,7 Erdweiten.— Verantwortlicher Reyacteur: Heinrich Böebker in Groß-Lichterjelde. Druck und Verlag von Mar Bading m Berlin.