AnterhaltungMatt des Horwäris Sc?. 206. Freitag, den 20. Oktober. 1899 t Nachdruck verböte».) Henms. 15] Remau bon Peter E�ge. Autorisierte Uebersetzung cnrs dem Norwegifcheu von Adele Neuftädter. IU. Während Jeus den Falben herausführte und anschirrte, ging Holthe im Stalle von Pferd zu Pferd, strich und be- klopfte ihnen den Hals und die Lendem Er wußte kaum, was er sagte rmd that. gab sich nur der großen Freude hin, die ihn durchflog. Er kannte sich seit gestern abend nicht wieder. Daß er. der sonst so ruhig und gleichmäßiger Laune war, so hm- und herfchwanken konnte!... Erst seit heute morgen hatten ihm ja viele Gedanken, viele Beweise gegen sie gequält. Er wußte weder aus noch ein.... Und jetzt waren sie verflogen; sie bedrückten ihn nicht mehr, und sie sollte» es auch nicht wieder thnn. Er wollte nickst daran denken. fie nickst aufrütteln, sondern er würde nach und nach vergessen, daß er etwas so Unheünlichcs erlebt hatte. Er sah sie, wie sie vor kurzem vor ihm gestanden hatte. Sie hatte sehen wollen, weshalb er verstimmt war. Hätte er sich nur aus solche Weise gegen sie vergangen, daß er erzählen konute, wie beschämt er war... Aber jetzt? Das ging ja nicht an. Jetzt kam bei einem solchen Versuch snichts heraus. Einige Minuten später saßen Holthe, Hanna und Erik im Wagen und Jens auf dem Bock. Sie wollten erst eine Fahrt um die Stadt machen und dann zu Hjelm hinauf- gehen. So fuhr er den Hügel hinab und die Räder schnitten zwei sckstvarze Kirchen in die düuue. weiße Schneedecke. Die Luft war noch kalt, aber die letzten Schneewolken wurden vom Ostwinde sortgetrieben, und der Himmel war tiefblan. Es tropfte schon, von den Dachrinnen und Bäumen, obgleich es noch nicht elf Uhr war. Erich saß ans dem Schöße deS Vaters und hielt die Zügel iiud schnalzte unanfhörlich mit der Zunge, mn den Falben anzuspornen. Er war so erfüllt vom Fahren, daß er rückst bemerkte,, wohin er fuhr. Er sah auch nicht, daß sein Vater die Zügel festhielt. Als der Falbe eine scharfe Biegung nwchie und zum Strcmde hinablief, schrie er halb froh, halb ängstlich ans. Der Strand heißt eine Straße, die in den westlichen Stadtteilen den Fjord entlang läuft. Die obere Seite besteht ans kleinen Holzhütten mit einem oder zwei Stockiverken. Hier wohnen Matrosen, Lotsen nud Fährmänner. Ueber einzelnen Thjiren hängen kleine Schilder: Segel- und Rader- boote zu verkanfen und zu verleiben. An der uutercu Seite der Straße liegen Gärten. Schuppen und Bauplätze. Tanuikr rieselt der Kanal, wo Boote. Prahme und einige Nachteil verkeilt liegen. Tie große Mole tritt etwas weiter hinaus hervor, mit eincui Netz von Eifenbahnschieiien und init große« Speichern, rnid dahinter liegt der Fjord blau und kalt. Er ist noch vom Schnee durchfroren, der hcnte Nacht gefchinolzeri ist. und weit, weit draußen schießt das Hochgebirge hervor, mit Schnee aus der Spitze und kleinen Ortschaften am Fuße. Holthe war die ganze Zeit hindurch stumm geblieben. Er empfand einen heftigen Drang mit Hanna zu sprechen, offen zu feilt; aber er konute nicht, und es betrübte ihn und setzte ilu in Erstanncn. Joden Augenblick erwartete er, daß er im nächsten zu sprechen anfangen würde; aber es wurde nichts daraus, und das ängstigte ihn zuletzt; es war ihm während ferner Ehe nie zuvor schwer geworden, sich an sie zu wenden. Sie mußte ja glauben, daß er uoch verstimmt war. Hub das sollte sie nicht glauben. Er kehrte sich um. sah hinaus, um von dem Fjord und den Bergen erfüllt zu scheinen. Es sollte eine Art Entschnl- digung für sein Schweigen bilden. Da trafen ihn ihre Augen. Er nahm ihre Hand, drückte sie, und so blieb er eine Weite sitzen, während der Falbe in gleichmäßigem Trab an den kleinen, niederen Hecken längs des Fjords vorbei/ es. Er ließ die Hand los. Könnte er nur so offen sein, daß die dummen Gedanken nie mehr wiederkehren, daß die Tage ebenso ruhig wie früher dahinfließen konnten! Aber konnte er hier anfangen? Er konnte den Falben langsam über die Straße traben laffen. Hier waren ja so wenig Menschen. Dann wolle er warm und ruhig zu ihr sprechen, so sanft und vorsichtig, sie zuvor um Verzeihung bitten, falls sie sich abgestoßen fühle, daß er über all dies sprach. Sie solle endlich nicht glauben, daß er gegen ihr Kind erbittert sei. Er wolle fragen, mit ihr darüber sprechen, weil er an ihrem Schicksal Anteil nehme, weil er sie liebe, weil er so gerne wolle, daß ihr erstes Kind, falls es lebe, glücklich wie Erik werden solle... Nein, so konnte er nicht sprechen— jedenfalls jetzt nicht... Hier auf der Straße... auch nickst, wenn sie heute abend zur Ruhe ge« gaugen waren. Er konnte sich nickst dazu bequemen... Aber warum nicht? Es würde ja ihr Verhältnis nicht stören. Sie hatten ja auch früher zuweilen über die Vergangenheit ge- sprachen, so ganz zufällig. In solchen Gesprächen hatten sie einander gefragt, und beide hatten geantwortet, ohne besondere Neigung, einander auszuforschen. Nach solch einem seltenen Ge- spräche war beider Zärtlichkeit gewachsen. Sic empfanden es im Schweigen, oder in einem Blicke oder in einem Hände- druck. Warum konnten nicht die zwei erwachsenen, Vorurteils- freien Menschen auch über das Kind sprechen? I Weshalb nicht, wenn kein Risiko vorlag? Durfte er nicht? War er bange? Nein, keineswegs. Es konnte nicht deshalb sein. aber es war unwürdig, war... Spionage gegen seine eigene Frau. Er frug in einer unehrlichen Weise. Er legte ihr eine Falle. Warum wollte er sich gerade jetzt mit diesem Kinde beschäftigen, da er schon vier und ein halbes Jahr davon wußte? Weshalb jetzt?... Holthe fuhr niit der Hand über die Stirn, die schweißig war. Weshalb er frug?... Damit alle dummen Gedaukcu aus einen Schlag ertötet werben sollten... Er brauchte sich das nicht zu verbergen... Er hätte gar nickst die Neigung zu fragen, wenn er sicher gewußt hätte, daß ihre Augehörigeu etwas über das Kind wußten... Aber... Die Angst packte ihn. Alle kleinen Beweise für ihr Ner- brechen erstanden wie am Morgen. Daß er so ohnmächtig sein mußte I Er konnte sich ihr ja anvertrauen l Nur jetzt nickst! Nicht hier... Er sah sich hilflos um. Der Wagen rollte jetzt über den gepflasterten Teil der Straße. Große Speicher und Packhäuser lagen aus der untere» Seite am Kanal. Die Häuser waren höher, und der Verkehr stark. Tann wurde die Straße enger» aber dann wurde fie plötzlich von der breiten Kirchstraße durchschnitten, die zum Kanal hinablies und den Fischmarkt bildete. „Brr I" Der Falbe blieb stehen, und Holthe erhob sich. „Fahre zu Hjelms hinauf. Ich mache hier einen kleine» Abstecher. Ich ko innre sofort, nach." Er setzte den Knaben auf den Boden und strich ihm über das Haar, während er über den Markt sah. wo das Leben wimmelte. „Gehst Du. mein Lieb?" frug Hanna. „Ja. ich konnne sofort nach. Vielleicht finde ich eine» leckeren Fisch, den ich nach Hanse schicke." Er blickte weiter in dieselbe Richtung, ging run den Wagen herum, klopfte ihr leicht die Schulter und ging abwärts. Er hatte ihr noch nicht ins Gesicht geblickt. Er erwartete jeden Augenblick» daß sie ihn rufen, ihn etwas fragen könnte, und er hörte erleichtert, daß der Wagen fortrvllte und um die Ecke bog. Hjelms wohnten oben in der Hauptstraße. Er stürzte sich ins Gewühl. An der Ecke standen Ar- bester und Kutscher. Die Marktfrauc» saßen weiter nuten in Reih und Glied, und hinter ihnen— aus der Brücke, die ein Stück i» den Kanal hinauslief— standen die Fischer zwischen Trögen und Kübeln und um ihnen Hausfrauen und Dienst- mädchen. Zur Ebbezeit wurde aus den Booten verkaust. Der Schnee war hier unten zu einem gelben Kot geworden; auf der Brücke watete man in einem stehenden Waffer herum. Die Leute schwatzten und lachten und scherzte» und feilschten, gingen von einem Verkäufer zum wideren, um billig zu kaufen. Die Frühlingssonne und ein frischer blauer HInnncl beschienen hier das Leben. Ter helle Tag' war ein Somnierbote. Das empfanden alle. Deshalb waren die Leute geschäftigen und helleren Sinnes als in den langen, finsteren Wintertagen. Holthe empfand nichts. Er klammerte sich an einen Ge- danken. Es war nicht natürlich, daß ihre Wohlthätcr, die durchaus religiöse Menschen waren, es unterlassen hatten, ihm von diesem Kind zu erzählen. Der Hardcsvogt war sogar so weit gegangen, ihn zu bitten, er möge sich bedenken und Zeit nehmen, che er sie heirate. Sie sei gewiß ein braver Mensch, durchaus gut und brav, aber sie habe viel zu lernen, ehe sie seine Frau werden könne. Sie hatten sogar zu ihr etivas Aehnlichcs hinter seinem Rücken gesagt; aber sie hatten ihr Kind nicht erwähnt. Wie diese Menschen dachten und handelten, wäre es am natürlichsten gewesen, daß sie ihm von dem Kinde erzählt oder dafür gesorgt hätten, daß sie es that. Aber sie schwiegen, weil sie nichts wußten.... Daß er dieses Schweigen jemals hatte anders auffassen können! Daß er so blind hatte sein können I Nun sollte es ihm erst klarwerden I Er blieb stehen und blickte eine Weile vor sich hin. Der Zorn stieg in ihm auf, der Zorn, daß er diesen verzweifelten Gedanken nachgegeben hatte... Herr... ihre Wohlthäter brauchten ja aus deni einfachen Grunde nichts von dem Kinde zu wissen, weil es tot war, lange, che sich jeniand ihrer an- genonimcn, ehe sie zu der religiösen Tanie gekonimen. Hanna hatte gcschtviegen, weil das Kind tot war. Konnte er wirk- lich glauben, daß sie geschwiegen, weil sie ein Verbrechen gegen ihr eigenes Kind begangen hatte I... Er war dem Weinen nahe, daß er so wahnsinnig sein konnte! Er kam sich so gemein, so verächtlich vor. daß er sich selbst hätte züchtigen mögen. Aber dennoch empfand er jetzt in der Raserei halbklar, daß er mit ihrer Vergangenheit, mit ihrem Kinde nicht' fertig war. Und es vermehrte nur seinen Kummer und seine Erbitterung. Er wußte, daß er umher- laufen und seine Ehe durchdenken, nach kleinen Beweisen gegen sie suchen würde, ob er wollte oder nicht. Hatte er denn länger keine Macht über seinen eigenen Willen? Sollte er nicht aufrecht stehen können? Er war acht Jahre hindurch glücklich mit ihr gewesen. Es war sein Stolz gewesen, daß er über ihre Vergangenheit hatte springen können. Und jetzt benahm er sich so! O nein, darin lag kein Sinn. Er trieb sich ziellos umher, ohne das Leben zu sehen oder zu hören. Er wurde ruhiger; aber er enipfand die dumpfe Angst, daß er mit diesem Kinde noch nicht fertig war. In der Nähe rief ein Fischer einen saftigen Witz in die Menge hinein. Die Dienstmädchen lachten laut, und Holthe drehte sich einen Augenblick um und sah auf diese geschäftigen Menschen, die durch Kaufen und Verkaufen und Bagatellen so erfüllt waren.... Erst gestern— zu dieser Tageszeit— war er auch ein gleichmäßiger, glücklicher Mensch gewesen. Konnte es nicht möglich sein, daß er selbst Schuld an diesen Leiden trug?... ES konnte krankhaft sein, eine fixe Idee.... Nein! Er machte Kehrt und ging müde auf und ab. Er war durch die gewaltigen Gemütsbewegungen zu ermattet, um noch mehr grübeln zu können. Er war traurig und bereute, was er wiederum gethan hatte, seine Stimmung war weich. Er wollte zu ihr hinaufgehen, um wieder froh zu werden. Sie würde ihn ruhig und mild ansehen, und dann schwanden alle häßlichen Grübeleien... Hanna war zu Hjelms hinaufgefahren. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Armev ZUuinrv. Von Henri de W e i n d e l. Deutsch von Wilhelm Thal. Bis Monplonne, in dem engen Kessel des bewaldeten Thales, hatte sich der scharfe Wind nur wenig fühlbar gemacht; war man aber an dem Dorfe vorüber und hatte die Anhöhe passiert, so wehte der Nordwind, und es prickelte wie von einem Regen spitzer Nadeln auf der Haut. In einem Winkel des wackligen Wagens znsamineugekaucrt satz die alte Frau; sie war in eine» allen ausgeblatzten Shawl gewickelt, mit wirren Blicken und vom Weinen geröteten Augen sah sie traurig auf die Landschaft, die durch die Schncckrnste noch düsterer und trauriger erschien. Kalt und einförmig dehnte sich die gerade, von dem fahlen Licht ' eines nebligen Tages violett gefärbte Landstraße aus; Mir die dünnen Bäume richteten sich wie trockene Gerten in der Landschaft anf; nichts verriet die Änlvescnheit eines Menschen, nirgend ließ fich ein Tier sehen. Neben der Frau saß ein Bauer, der sich in die Falten eines dicken Mantels gewickelt hatte. Die Mütze mit den Ohrenklappen war tief in die Stirn gezogen, er kaute an dem schwarzen Rohr einer kurzen Pfeife, aus der er in regelmäßigen Stößen dicke Rauch- wollen blies, die sogleich in der eisigen Lust verschwanden. Mit ernster, bedächtiger Miene nahm er die Pfeife aus dem Mundwinkel und fragte— seine Stinnne klang näselnd und er sprach langsam—: „Ist Euch kalt, Mutter Martin?" Die Alte drehte langsam den Kopf, ihren alten, wackligen Kopf, und von ihren blassen Lippen kam es, während ihre zahnlosen Kieser vor Kälte zusammenschlugen: „Nein, es geht. Autoine i eS geht I" Nur von Zeit zu Zeit erhob sich eine Klage atiS der schmalen Brust der Alten, eintönig herzzerreißend: „Mein Gott, nicin Gott!" Sie war tief traurig, die Mutter Martin; und doch blickte sie noch immer mit derselben resignierte» Miene in die Ferne. In den siebzig Jahren ihres Lebens war viel Unglück tiud Trauer über die müde alte Frau dahingezogen. Zuerst hatte sie ihre Eltern sterben sehen, dann hatte sie ihre Tochter, ihr einziges Kind, ver- loren, als diese einem Knaben das Leben schenkte. Auf dieses Kind, das Alcide genannt wurde, hatte sich die ganze Liebe der Groß- inutter übertragen. Dann war die Reihe an ihren Mann gekommen, der eines Tages unter die Räder eines Wagens gefallen war; die Ermüdung hatte ihn bei der Rückkehr von cinent langen Wege ein- geschläfert, uiid die Räder waren ihm über den Leib gegangen.... Oh, wie genau eriuncrle sie sich noch in dieser Minute an den Augenblick, da man ihn auf einer Tragbahre mit eingedrückter Brtfft ins Haus brachte; nur die Augen konnten noch sprechen, und sie redeten eine so schmerzliche Sprache.... Ach, wie lange hatte sie darüber geweint I Einen Augenblick glaubte sie, auch sie müsse unterliegen und ihrem guten Manne ins Grab nachfolgen. Aber der Tod hatte nichts von ihr wissen wollen. Allmählich linderte sich ihr Schmerz, blieb ihr doch noch ihr „Kleiner", ihr Enkel, den sie erziehen mußte, da sein Vater, ein roher Trunkenbold, ihn fortwährend schlug; sie hatte ihn zit sich genommen, um ihn der schlechte» Behandlung zu entziehen... Ach, wie fern lag daS alles I Nun hatte die Mutter Martin alle ihre Liebe auf Alcide über- tragen; f er war ihr ein Ersatz für die alle, der Tod ihr geraubt. Diesen tvenigstens wollte sie dem furchtbaren Sensenmann streitig machen! Sie wollte so lange und so eifrig über ihn wachen, daß der grausame Würger ihn nicht m seine Anne nehmen konnte; so schwach auch ihre Hände waren, eS sollte ihm doch nicht möglich seilt, ihn ihr zu entreißen. Aber die Zeit ging vorüber, und eS kam der Tag, da die im- glückliche Alte gezwungen wurde, ihren Jungen zum letztenmal zn umarmen. Man förderte ihn auf vier Jahre zum Militär- dienst ein. Wieder flössen die Thränc» in heißen Strömen; vielleicht waren eS sogar die bittersten, die sie je vergossen. Glück- lichcrtvcise schickte man ihn nicht allzu Ivcit fort; Alcide kam nach Bar-lc-Duc zn den berittene» Chasscurs. II. Ein Jahr verging. Zuerst verlief' allcS nach Wunsch, und die Mutter Martin, die überglücklich war, wen» sie ihren Enkel umarmen durfte, begann die Einsamkeit in Geduld zn ertragen. Da erhielt sie plötzlich die trockene und unbarmherzige Nachricht, eS stände mit dem Aleide Martin, Matrikelnummer 375, infolge eines Hnfschlages, den ihi» ein Pferd mitten in die Brust versetzt, sehr schlimm. Ans der Stelle hatte sie zn ihm reisen tvollcn, doch daS allzu schlechte Wetter hinderte sie daran; erst am nächsten Morgen konnte sie der Vater Antoine, ein gefälliger Nachbar, hinfahren. Von Minute zu Minute wiirde sie trauriger. Wenn der Kleine nun nicht mit dem Leben davoiikam?... Ja, ja, so ähnlich stand es in dem Brief... Ein Hnfschlag... mit Alcide stand es sehr schlimm... Aber nein, das war ja nicht möglich... Er iviirde sich schon wieder aufrappeln...'-sonst mußte nian ja an allem ver- zweifeln... Alcide sterben?... Er war ja noch so jung,»nd so kräftig... Trotzdem wurde der dunkle lliand um ihre Augen immer größer, und eine tiefe Falte grub sich in das pergamentärtige Ge« ficht dcS siebzigjährigen Weibes. Der Wagen>var weiter gefahren, an dem Gehölz von Bar war man vorübergckommen; schon näherte man sich den Gärten der Stadt. Dem Zicke nahe, richtete sich die Mutter Martin, wie von einer Feder geschnellt, auf, sie nahm ihren ganzen Mut zusamme» und fragte den alten Bauern in ziemlich festem Tone: „Sind wir bald da?" „Ja, Mutter."' Wieder sank sie nach diesen wenigen Worten in sich zu- lammen. Als der Wagen an der Kaserne angelangt war, ließ der Vater Antoine die Pferde halten. Sogleich stieg er ab und half der Allen, deren steife Beine den Dienst versagten. Sobald ihre Füße sie auf der harten Erde aufreibt erhalten konnten, ging sie nach dem Hauptthore, vor dem ein Soldat Schild- wache stand und nach einem kleinen Dienstmädchen sah, das ihm zu- lächelte. Eingeschüchtert blieb die Mutter Martin zwei Schritte vor ihm stehen und sagte dann in aufgeregtem Tone: .Mein Herr!" Slergerlich drehte der Soldat sich um und fragte: .Was soll's?» .Ich möchte meinen Kleinen sehen», versetzte sie ruhig. .Wer ist das, Ihr Kleiner?» „Alcide Martin!» Lange wartete Sie auf eine Antlvort. Die Alte machte ein so trauriges Gesicht, daß der Soldat milder ivnrde: er erinnerte sich jetzt des NamenS. .Alcide Martin, Alcide Martin?» Dann rief er plötzlich: .Ach ja, von der ziveitcir Kompagnie des 3. GardcrcgimentS; aber der liegt doch im Hospital!» Eine Sekunde blieb die alte Frau stnnnn vor ihm stehen, dann fragte sie tapfer: „Wo liegt denn das Hospital?» Der Soldat machte eine Beivegirng mit der Hand: „Dort hinten, unter den Linden!» Mit diesen Worten drehte er sich um und blickte zu dem kleinen Dienstmädchen hinüber, das ihm einen herausfordernden Blick zu- warf und dann an der Straßenecke verschwand.... Einige Minuten später begann die Mutter Martin im Bnrcan des Hospitals ihre Erzählungen anfs nene; sie wollte ihren Enkel Alcide Martin. Matrikclnummcr 375, scheu. Der Mann blätterte zerstreut in einem großen Register und suchte, während die Alte auf einem Stuhl znsaminengesnnlcn war und ihn atemlos ansah. Endlich erhob der Beamte das Haupt, deutete mit dem Finger auf eine Seite und fragte: „Wie Ivar der Name? Alcide Martin?» Mit dem Kopfe nickte sie„ja", denn die Kehle war ihr wie zu- geschnürt. Eine lange Pause, dann sprach der Mann in gleichgültig- düsterem Tone: „Alcide Martin ist gestern gestorben, heute morgen wird er be- graben.» Heftig richtete sie sich auf, und schrecklich wie ein Fluch entrang sich das Wort ihren blutleeren Lippen: „Mein Gott, nicin Gott I» Dann sank sie ohnmächtig zu Boden, in. Die Beerdigung ist zu Ende und die alte Mutter und der Väter Antöine fahren auf demselben Wege nach Stainville zurück. Der alte Bauer versuchte zuerst einige Trosttvorle zu spenden; sie schien sie nicht einmal zu hören. Gleichzeitig zündete er wieder seine kurze Pfeife an und rauchte in die duntle Nacht hinaus, in der die rote Wagenlaterne gleichsam einen Blutfleck bildete. Die Mutter Martin saß trockenen Auges, lerzcn grade aufgerichtet da, ihr Gesicht war dem Winde zugeivcndet und mit halblauter Stimme wiederholte sie unaufhörlich wie einen Endreim, den die Gloc'cir des Pferdes mit metallischem Geräusch begleiteten, die Worte: „Ach, mein armer Junge I Ach. mein armer Junge I»— Nleiuvs L'vuillekott. '— Die brntwickclnngsgcschichle der Lebewesen ist durchaus eine Wisicuschaft des 19. Jahrhunderts; daher mußte sie auch in den» EhkluS von Vorträgen über die Fortschritte der Natur- Wissenschaften im 19. Jahrhundert, der von der llrania veranstaltet ist, einen besonderen Platz cinnchmen. Im Gegensatz zu der Natnrtvisscnschaft dcS vorigen Jahrhunderts, die im wescntlichen eine ordnende und beschreibende war, sucht sie in unsere»» Jahrhundert, Ivie der Vortragende, Prof. Müller, hervor- hob� den Entwicklnngsgang der Organismen zu begreifen. Die Rainen Linns und' Darwin bezeichnen diesen Gegensatz der Auffassungen in scharfer Weise. Doch schien cS mir. daß bei der scharfeii Hervorhebung des Gegensatzes der innere Zusanmien- hang, der in der wissenschaftlichen Enttvicklung herrscht, etwas zu kurz kam. .Was unser Jahrhundert in der Erkenntnis der Entwicklung der Lebewesen erreicht hat, ist ivahrlich nicht gering. Der eigentliche Sitz des Lebens ist in dem mikroskopischen Protoplasma oder kurzweg Plasma der Zellen erkannt; alles Lebende besteht aus Zellen, eben niikrojkopisch kleinen Plasuiamengen, die meist von einer Haut oder Wand umschlossen werden. Außer dem Plasma besitzt jede Zelle in diesem eingebettet ein Bläschen, den sogenannten Kern. Alles Leben auf unserer Erde, das der niedrigsteil. einfachsteil Pflanzen, Ivie das der höchst cntwickeltcii Bäume, ebenso auch das der Tiere von ihren einfachsten Formen bis zu dem hochstehenden Menschen, ist ein ein- heilliches, insofern es überall durch das lebendige Plasma be- dingt ist. Die Zelle wächst und teilt sich, wenn sie eine gewisse Stufe des Wachstums erreicht hat, in ztvei Zellen, die ein gesondertes Dasein führen; auch der Kem hat sich bei diesem Vorgang geteilt, so daß in jeder der beiden neu entstandenen Zellen ein Teil des ursprünglichen Kerns enthalten ist; die beiden Töchterzellen haben durchaus das Wesen und die Eigenschaften der Mutterzelle geerbt. Auf diesem einfachen Vorgang der Zellteilung beruht jede Weiterentwicklung, jede Fort- Pflanzung der Lebewesen bis zn den kompliciertcn Vorgängen bei den höchsten Organismen. Es würde hier zu weit führen, auf die interessanten Darlegungen der Weiterentwicklung der einzelnen Lebe- Wesen des näheren einzugeheil; ich will nur betonen, daß in all diesen Vorgängen sich eine unausgesetzte Kontinuität alles Lebenden, ein ewiges Leben zeigt. Jede Zelle entsteht immer wieder ans einer Zelle, jeder Kern ans einem Kern, mit einem Worte: alles Lebendige aus einem Lebendigen. Professor Müller nannte die Erkenntnis dieses Satzes eine der großen Errungeilschaften unseres Jahrhunderts. In diesem Satze liegt die Beseitigung oder, wie der Vortragende sich ausdrückte, die endgültige Ueberwiiidung von der Anschauung der sogenannten ll r- z e u g n n g, der Anschauung, daß die einfachsten Lebetvcscn aus Uli- organischem entstanden sein müssen. In dieser Form muß ihm aber entschieden widersprochen werden. Es scheint mir nicht angebracht, in einem populäre» Vortrage eine Anschauung, tvenn sie auch»och so verbreitet in der Wissenschaft ist, als die einzige, und die gegenteilige als endgültig überwunden auszusprechen. Man kann nur sagen, die überaus zahlreichen Bcobachtnngen und Versuche, die in »nscrem Jahrhundert über die Entstehung der einfachsten Lebetvesen angestellt sind, haben stets gezeigt, daß alles Lebende immer nur ans einem Lebenden entsteht, daß seine Entstehung aus Un- organischem noch nie beobachtet worden ist. Aber deswegen darf doch nicht verschwiegen werden, daß auch heute noch eine sehr große Anzahl von Naturforschern existiert, die eine Urzeugung als»»bedingt notwendig zur Erklärung des Lebens annimmt, sei es, daß die durch Urzeugung entstehenden Lebetvesen so klein seien, daß sie sich der Wahrnchnnmg durch unsere Mikroskope, entziehen, sei es, daß sie in früheren Zeiten einmal durch Urzeugung entstanden seien. Von der Entivickelnngsgeschichte der einzelnen Individuen, der Ontogenie, warf der Vortragende noch einen kurzen Blick auf die Phylogenie, die Eiitwicklmigsgeschichte der Arten, die, gestützt durch die Thatsachcn der Paläontologie, der Erkenntnis der vortveltlichen Pflanzen und Tiere, uns einen großartigen Einblick in die Werkstatt der Natur verschafft hat. Nachdem das Wie der Entwicklung durch die rastlose Arbeit des scheidenden Jahrhunderts aufgeklärt ist, steht dem kommenden als Aufgabe bevor, das Warum zu löse», eine Entlvicklnngs- mechanik zu schaffen, zu der jetzt erst die bescheidenstcil Ansätze vorhanden sind.— Bt. c. Das Urbild deS NitterS Blaubart war»ach den Forschungen französischer Gelehrter Gilles de Netz, ein Ritter, der i» der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts lebte. Um diesen hat sich ein ganzer Kreis von Volkssagen gewoben. Neuerdings hat sich ein amerikanischer Gelehrter, Dr. Thomas Wilson, eingehend mit diesem Gegenstand beschäftigt und das Ergebnis in einem Buche„Die wahre Geschichte Blaubarts» niedergelegt, das in kurzen» bei Putnam erscheinen wird. DaS Urbild des Blaubart ist danach in der That Gilles de Rctz. Gilles war ein Edelmann in der Bretagne, der sich in» Besitze vieler Güter befand. Er lebte zur Zeit der Jungfrau von Orleans und wurde ein Marschall von Frankreich. Als die Kriege mit England beendigt waren und Gilles sich auf seine Güter zurückgezogen hatte, fing er an, nach dem„Stein der Weisen» und dem„Jugendelixicr» z» forschen, wobei er sich von einem italicni- schen Magiker helfen ließ. Da beide glaubten, das„Jugendelixier» mir im Blute von Kindern und Jungfrauen finden zu können, be- gingen sie die Morde, die die Grundlage' für die Volkssagen ab- gegeben haben. Ihre Unthaten wurden aber entdeckt, und GilleS de Netz wurde in» Oktober des Jahres 1440 in Nantes hingerichtet.— Theater. ckch. Man schreibt unZ a»S Bremen: Von Klara Viebig, deren Romane„Dilettanten des Lebens» und„Es lebe die Kunst» die Leser des„Vorwärts» von dem Können ihrer Dichterin über« zeugt haben dürften, wurde am Dienstag im Stadt-Theater zu Bremen ein neues Drama, die dreiaktige Komödie„Pharisäer», zum erstenmal aufgeführt. Ein Wagnis, in Bremen, wo die Bourgeoisie mit Zähnen und Nägeln gegen das Eindringen moderner Werke in daS Theater wütet. Das Theater war natürlich nur mäßig besucht, aber der lebhafte Beifall, der sich bis zum letzten Akte hin steigerte, bewies die Spannung, die dieses im Stoff prächtig gesunde und energisch-konsequent durchgeführte Stück, daS unter Posenschen Ostelbiern spielt und in dem eine frische Mädchen- gestalt, der Liebeslcidenschaft folgend, kühn den Bruch mit ihrer heuchlerischen Sippe vollzieht, erzengte. Der schwierige ztveite Akt wurde in» Publikum teilweise»nitzverstanden, der erschütternde und befreiend wirkende letzte Akt, dramatisch unstreitig der stärkste, schlug mit vollem Erfolge durch. Die weibliche Hauptrolle ivnrde von Frl. Heinsdorff mit lebendigsten» Verständnis und tiefster Hingabe durchgeführt. Frau Klara Viebig Ivnrde nach dem ztveiten und dritten Akte gerufen und lebhaft begrüßt, namentlich von den oberen Räiigen her. Leider ivar in den» Stücke sehr ängstlich manche vor- trefftich-satirische Pointe gestrichen ivorden. Das Stück ist ein Milicudrama voll scharf und geschickt charakterisierter Gestalten. — 824 deren Vorkcmm�eu sich nicht auf Ostelbien beschränkt. Die geschwungene Geißel trifft die ganze biirgerliche GeseKschaft.— Zku»rst. — Er« Zlnzengruber-Denkmal. Der Wieuer Bild- Hauer Hans Scherte zeigte dieser Tag« iu seine»! Atelier die Modellslizze zu einem Anzengruber-Deukmal. Der„R. Fr. Presse" wird darüber geschrieben: Haus Sckcrpe hat bekanntlich auch das Grabmal Slnzengrubers aus dem Central-Fricdhofe geschaffen: jene nüt deni Medaillou-Vildnisse deS Dichters geschnuickte einfache Stelle, an der. eine Verlärpernug der Volkspoesie, ein trauerndes Bauernmädchen schluchzend in die Knie bricht. Gab Schärpe in diesen» Werke dem Schmerz« unr den Verlust des Dahin- gegangenen einen innigen Ausdruck, so feiert er durch das im Weichbilde des Deutschen Volkstheater z» errichtende Denkinal die warme Freude des unvergänglichen Besitzes. Da sehen wir den Mmin leibhaftig vor uns, wie das Leben ihn einst gekannt hat. Er ist umhergestreift draußen in der Natur und von uilgefähr eine kleine Feisauhöhe emporgestiegen, aus der er steht und mit klaren ruhigen Blicken in das vor ihm liegende Land schaut. Am Fnßsauu, des Felsens aber sitzt noch einer, der still und pfiffig für sich sinniert. Das ist der Steüiklopferhans. der heimliche Weltwelse und Dichter in» zerschlissenen Arbeiterkittel. Der ruht auch an diesem Felsen aus. Stab und Bündel liegen neben ihm. Und obgleich mm der Dichter oben und der Steiuklopfer uuten einander gar nicht wahrzllnehureu scheine»». weil jeder so ganz»nit sich beschäftigt ist, enipfindet denuoch der Beschauer die beide» als eine lebendige Einheit. Der Steinklopfcr- Hans ist gleichsam die Muse. Sie hat Schöicheit. Jugend und Weib- lichkeit aufgegeben, hat den steisen Mantel der Siassizität von sich abgestreift und zeigt sich wahrhaftig als das, was sie den» kcbeudci» Dichter stets geweseu ist: die parke»md leibhaftige Verdichtmig unzerstörbarer fröhlich-gesunder Volkskräste. Der Bildhauer hat diesen seelischen Nerv glücklich aufgespürt»md beherzt migcpurckt. Auch im Aeußere» des Denkmals imrd sich dies zeigen._ Es wird, so weit dies in einer Stadl möglich ist und thuulich erscheint, wie ein unberührter Fleck Natur wirken, mit Fels und Dsrueugestriipp auf frischem grünen Raseu.— Medizinisches. ie. Neber die wissenschaftlichen Ergebnisse der englischen Malar i a- Exp editi o>», die zu der Soldaten- station in Wrlberforce iin westlichen Afrika entsandt wurde, liegt jetzt eine aussübrliche Mitteilung vor. Die Larven der Stechmücken, die die Krankhert übertragen, köimen fick» nur in kleinen stehenden Wasserlachen entwickeln. Mmr hat den Versuch gemacht, bestimmte Exemplare der Mücken»nalariakraiike Personen stechen zu lassen,»nid es stellte sich hermS. daß die Insekten 2 bis 3. Tag« daraas lebende Malariokeime in ihren Drüsen enthielten. Die von Roß. de« Führer der Expedition, früher in Indien entdeckten und als.schlvarzeSporru" bezeichneten Sörperchen waren bei de» zahllosen Uittersuchnugm in Westafrika in keinen, Insekt zu finden, woraus hervorgeht, das, sie in keinenr Znsaiiunenhauge mit der llebertragnng der Malaria stehen. Die sehr verbreftcte Ansicht, daß die Wnugrvnx-Sünipfe gute Brutstätte» für Mosquitos find, hat fich für Eierre Leon«» nicht bestätigt, das Borkonunen solcher Sümpfe schenN also nicht den ihnen zugeschriebene»» Einfluß auf die Erzeuquug der Malaria zu besitze»«.' Sehr wichtig ist der Nachweis, daß die gefährlichen Stech» mücken von der Gattung Auopheles kein» lueiten Wanderungeu unternehmen können. In der Hauptstadt der Kolonie, Freetoiv«. enthielt keine Pfütze Mosqilito-Larven, die weiter als ZV Meter von einer Eingedorenenhntte entfernt war. Auch die ausgewachsenen geflügelte»» Insekten scheirren in ihrer Verbrerwng sehr beschränkt zu sein. An der Station d«S ersten West- indischen Regstnents war ein Platz von«iner halb«,» englische» Merl« durchmeffen. Ivo kew« einzige Eingeborenenhütte stand, gäuzlich frei von Mosquitos der schädlichen Art. und es kamen dort auch kein« Erkrankungeu mit Ausnahme von Rücksällen vor. Wo sich eine erstmalige' Erkranklmg zeigte, kvnnte stets nachgewiesen ivcrden. daß der Patient vor ein oder z>»«i Wochen in eiiwr Singeboreneichütte in der Stadt geschlafen hatte. Die Wasserlachen, m denen die schäd- lichen Airoph«ies-Larven zu finden find, werden von der Expedniou in solche unterschieden, die ans dein natürlichen Felsboden gebildet find und solche, die sich auf den Straßen und Höfen der Stadt zeigen. Em starker Regen»md anhaltender Sonnenschein ist der Entwicklung der Mücken»md damit der Malaria gleich hinderlich, da da, m die Wasserlache» entweder nnsgespült oder ausgetrocknet werden Eme Beseitigung der Mosquftos uild iiifolgedeffell der Malaria wäre mit folgenden Mitteln möglich: Entweder durch Drau»ieril»»g der Obeiffläche des Bodens durch offene Abzngsrinnen mitgenügendem Gefälle an denSeite» oderlveuiger wichtigen Straßen oder durch Rivelliernng aller Weg« mittels Ans- schüttilng i»in solches Verfahren würde aber für eine Kolonie zu kostspielig sein. Bin zweites wichtiges Mittel ist die Bersetzimg aller verdächtigen Wasserlachen mit Kerosin lPetroieinn), ein drittes, die möglichst häufige Ausjrgimg aller Pfützen. Tie beiden letzteren Mittel müßre»» regelmäßig zwei«der dreimal i» jeder Woche länger« Zeit hindurch zur Anwendung kommen, vielleicht zwölf Monate lang, die damit beanstrazten Leute müßte» darüber belehrt werden, die gefährlichen Mosgürto-Larven erleirnen zu könneil. Die Anwendung von Kerofin scheint die Larven sämtlich in einigen Stunden zu töten, wen» daraus Bedacht genommen wird. daß die Oelschicht die ganze Wasserfläche bedeckt und nach etwaigen» Eintritt von Siege» erneuert n-ird. Dieses Verfahre» und das Aus- fegen von Pfützen wird jetzt in Sierra Leone angewandt. Die fraglichen Larven sind lleiaer als die der gewöhnlichen Stechmücken- gattung Culex, besitzen keine Atemröhren und ihre spitzzulanfendeie Körper sind auf ihrer ganzen Länge mit einer Anzahl von Borsten besetzt, mit d»,»en sie sich am Boden und besonders cm den in den Pfützen lebenden Algensäden festhalte»», wenn ihnen die Gefahr droht, durch einen heftigen Reger» fortgeschwemmt zu werde«!. Die Larven haben eine blasse bis rötlichbreume Farbe z arisgewachsen sind sie noch nicht einen halben Zoll lang. In ihrer» Puppen- stadiun» befinden sie sich nur 24 bis 43 Stunden.— Aus dem Tierleben. — Tie Lebensgewohnheiten afrikanischer Ter- »n i t e n bildeten den Gegenstand eines Vortrages, den der Schriftführer der Biologischen Gesellschaft zu Washington,£>. F. Cook, in der Aprrlsitznng derselben hielt. Einen» Bericht deS„Prometheus" ent- nehmen wir das folgende: Seine in Liberia gemachten Be- obachtnngci» ergaben, daß auch dort swi'e in Indien und Javas, einige Termitennrten regelmäßig verrottetes Holz einsammeln und in den Brei mischen, ans welchem sie den unregelmäßigen Zellen- bau eines PÜzglirtens verfcrligen, um Futter zum mindesten für die jnligen. Tiere der Kolonie zu ziehen. Die Soldaten dieser Art ses handelt sich um Termes bellicosns und einige Verwandtes, welche bei Angriffen der Nester durch Menschen und Tiere hervor- breche»», kehren nicht in die Nester zurück, sondern wauderi» umher und loinmei» draußen bald um. Andere Soldaten, die nun» Laiignäsen(dlasuti) nennt, weil ihr Kopf fich nach obei» in einen langen Schnabel verlängert, schlendern a»ls diesen» hohlen Fortsatz eure durchsichtige, scharfes übel duftende und ätzende Flüssig- keil, welche ein höchst wirksames Vertcidi'gungsnnttel gegen Ameisen und ander» feindliche Juselteu bildet, nnd selbst Vögel abhält, sie zu fressen. Eine dritte Soldatenart kann iveder schießen uoch beiße»». aber die großen»ngleichei» Mandibeln sind besonders dazu gebildet, ein lautes, tickendes Geräusch hervorzubringen, das ihnen als Schutz nnd Abschreckung anderer Termiten dient. ES wurde ferner bemerlft daß die vallkomn>e>»c»» Infekten, wenn sie über Wasser flogen, stets paarweise mlStvanderten, unt drüben nach dem Abwerfen der Flügel. in die Erde zu dringen»md eine Kolonie zu bilde».— Humoristisches. — D arirm. Hauswirt(wütend):„Warum, zmn Kuckuck, hörts denn iiit auf,'s Feuer is ja fcho gelöscht? l" Kommandant der Land-Fcnerwehr:„'sei fcho, aber da drob'n san lio drei ganze Fenstrrscheib'n."— — M o d e»>» e Haartracht. Gatte;„Meine Frau ist furchtbar«igensinuig, sie hat absolut kein Ohr für Vernunftgründe. Das ninsscu Sie doch auch schon bemerkt haben." Freund:„Bedanre, ich habe die Ohren der gnädigen Frau noch nie gesehen."—>(.Jugend.') — Eckte Schmiere.„Ja. wo steckt dem» eigentlich d« Sousfieur, es ist doch gar kein Kastei» vorhanden?" „Schaue»» Sic nitr genau hin. der Souffleur liegt nute» dem Sofa auf der Bnhnel'— Rotizc,». — Im Münchner Hoftheater ist sowohl das künstlerische nnd technische Personal gegen Bühueiinnfälle,»vi« auch das gesamte die jeweilige Vorstellung besuchende Pnl'liknm gegci» Unfälle in, Zuschanerrauiu bis zur Höhe von ISO OlX) Mark pro Moaal versichert!— — Im Straß burger. EI sä sser Theater" wurde die zweite Snffon nüt dem in den elsässffchcn Dialekt übertragenen Stück von Er ck m a»r»,- C h a tr i an.DieRautzan" mit gute»» Gelingen eröffnet.— — Von Arnold BöcklinS ausgewählten Gemälden in Photogmvüreu, die von der.Photographischen Union" heraus» gegeben werden, erscheint eine dritte Folge.— — Die Sicdaklioii der„Zeitschrift für bildende Knust", die der verstorbene Kniisthistoriker K. V. Lntzow geführt hatte, hat Prof. Zimmermailn in Berlin übernommen.— — Zwei„Dichter-Po st karten" mit Radiernngen der Porträts Goethes und S ch» k l e r s sind in den» Kunstverlag vo»» A. Hildebraudt(Berlin) erschienen.— — Die italienischen Schauspieler wollen unter keine» Umständen mehr m Dramen von Gabriele d' A n»»»»»» z i o austreten. Dieser hat nämlich erklärt, an den» Mißerfolge seiner Tra» gödicn seien allein die Schauspieler schuld, die nnfähig seien, etivaS Neues zu begreifen. Der Dichter»vill für die Aussührmlg seine» Kecke eine Schau spieler-Gesellschaft gebildete» Dilettanten iirs Leben rirsen.— — Der Versuch, Reben ans Amerika im Kanton T e s s i u emznführen, hat ei» sehr gutes Resultat gehabt. Die Weinlese wird in diesem Jnhre etnu» tOOOOO Hektoliter ergeben.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erschemt am Sonntag, den 22. Oktober. »tammio örtlich« Redarreur: Robert Schmidt in verlin. Druck im» Vertag von Btax Boving m Berlin.