Miiterhaltmigsblatt des vorwärts Nr. 207. Sonntag, den 22. Oktober. 1899 (Nachdruck verboten.) Hanna. 16Z Roman von Peter Egge. Autorisierte Uebersetzung aus dem Norwegischen von Adele Neustädter. Frau Hjelm empfing sie und den Knaben unten an der Treppe. «Wie schön, daß Du kommst, liebe Hanna." Man konnte ihr ansehen, wie willkommen sie waren. Sie errötete vor Freude, nahm Erik auf den Arm, küßte ihn und trug ihn in die Wohnstube. «Nimm den Ueberrock ab I" Sie knöpfte auf und zog ihm den Ueberzieher aus, und fuhr durch sein Helles Haar, während sie in einer süßlichen Kindersprache plauderte. „Jetzt soll Erik Kuchen haben, viele prachtvolle Kuchen. Nicht wahr?" Der Knabe lachte und blickte strahlend in ihre Augen. Sie klingelte. „Wie geht es Dir, Gunda?" ,,O danke, wie gewöhnlich— gut." Gunda machte ein Eselsohr in eine Seite des Buches, in dem sie eben gelesen hatte. «Etwas traurig ist es ja." sagte sie etwas später. Sie näherte sich dem Tische mit dem Knaben auf dem Schöße. „Du solltest häufiger zu mir heraufkommen," sagte Hanna. «Der Weg ist so weit." Sie schien fast zu weinen. «Aber Du würdest gut daran thun, täglich einen solchen Spaziergang zu niachen." Sie sah auf Frau Hjelms Gesicht, das zeigte, daß sie an Bleichsucht litt, und das ganz niädcheuhaft aussah. «Aber ich»verde so schrecklich müde, wenn ich den Hügel hinauf gehe. Die Knie tragen mich kaum,»venu ich so»veit hinauf komnic." „Ich habe Dir ja gesagt, daß Du telephonieren kannst, dann schicke ich Jens mit dem Falben." Das Mädchen kam mit Wein und Kuchen. Frau Hjelm legte die Hand um Eriks Hals, während sie ihm Kuchen gab. Darin lag etivas so Zärtliches und Liebkosendes. Hanna lächelte. Jedesmal, wenn sie Gunda sich an den Jungen schniiegen sah, empfand sie Mitleid mit ihr. Sic schtvicgen ein Weilchen. Dann sagte Frau Hjelm ohne aufzusehn: „Wenn ich so etivas hätte, dann»vürde ich allcS in anderem Lichte sehen." Hanna suchte etivas, ivoniit sie trösten koiinte. Aber es war so schwer. „Du hast ja Deinen Mann." «Du weißt, daß ich ihm wenig bin." «So solltest Du versuchen, etwas mehr zil werden. Wenn D» glücklich sein willst, mußt Dil Dich auch anstrengen, meine Liebe. Das ist cinnial nicht anders." Frau Hjelm beugte sich noch tiefer über den Knaben. Jetzt trat Hjelm schnell herein. „Guten Morgen. Frau Holthe. Ich sah draußen den Einspänner und da begriff ich die Sitliation." Er drückte ihre Haild. «Guten Tag, Erik." Hjelm steckte den Daumen in den Mund und zog ihn schiiell mit einem Laut heraus, als zöge man einen Pfropfen ans der Flasche. «Kannst Du das. Junge?" Erik lachte und steckte den Finger auf dieselbe Art in de» Mund. Da stieß Hjelm ein lautes Lacheir ans rmd strich seinen kurzgeschorenen Vollbart. „Uild daS?" Er spielte„Gtibben Noah", iiidem er sich auf die Unter- lippc schlug. Der Junge ahmte auch das nach. Und dann lachten beide. „Frau Holthe, jetzt sollen Sie mir ins Allerheiligste folgen, und Sie werden merkwürdige Dinge sehen." Hanna erhob sich, und sagte: „Und Du. Gunda?" „Nein, ich habe es gesehen. Ich will lieber bei Erik bleiben." Hjelm ging voran und Hanna folgte ihm durch den Saal' der angefügt war und sie traten in sein Arbeitszimmer. Hier war es noch vom Vormittag her warm, wo er gearbeitet hatte, ehe er in die Bureauzimmer der ersten Etage ging. Der kleine Raum roch nach Tabak. Außer einigen Bücher- brettern, zwei Stühlen und einem großen Schreibtisch, auf dessen Rückwand ein Totenschädel stand, waren keine Möbel darin. Einige Knochen waren dekorativ über dem Schreibtisch befestigt. In der einen Tischecke standen physikalische Apparate und viele kleine Gläser. Während er die Thürs schloß, zeigte er mit der freien Hand auf die Wand. „Sehen Sie, hier sind meine neuen Tafeln. Das ist was I Wie?" „Ja, sie sind schön." „Jetzt sollen Sie sehen." Und er hielt ihr eine kleine medizinische Vorlesung von fünf Minuten. Sie achtete weniger auf seine Gelehrsamkeit, als auf die Begeistening, die in seinen Worten lag. „Interessiert es Sie?" „Ja sehr; aber ich habe darin so schlechte Vorkenntnisse." „Das schadet nichts, wenn man nur Jutelligcnz und Interesse besitzt." Sie glaubte eine Anspielung, einen Hieb auf seine Frau herauszuhören. Sie mußte daran denken, daß er Holthe gegenüber schlecht über Gunda gesprochen habe, Es wurde eine Weile still. Dann sagte er mit leiserer Stimme: „Kann ich mich darauf verlassen, daß Sie ein Gche'nnnis für sich behalten können, Frau Holthe?" Er stand ganz nahe und blickte auf sie herab. Sie wandte ihr Gesicht nach einer Tafel. Sie hatte schon früher bemerkt, daß er ihr nahe kam, während seine Stimme etwas genant vertraulich wurde. Aber sie hatte darin nie etwas gesehen, als einen Ausschlag seines allgemeinen Bc- nehmens. Nun kam ihr der Gedanke:„Er will über Guiida sprechen." „Falls Sie mir nichts Gefährliches anvertrauen.." Sie lächelte, damit die Worte auch als Scherz aufgefaßt werden konnten. „Nein, keineswegs." Er schloß die Schreibtisch-Schublade auf. „Hier sollen Sie sehen." Er zog ein Manuskript hervor. „Ich arbeite an einem Buch... einem Buch für das Volk ... populär in hohem Grade. Ich will dem Volke zeigen, welches Elend die Religion ist... sie mit einigen leicht- faßlichen Schlüssen zerstören... Anonym... verstehen Sie. Deshalb hoffe ich, daß Sie nichts sagen." Sie beugte sich über das Manuskript, damit er nicht sehen solle, daß sie lachte, daß sie lächeln mußte. Nie hatte sie diesen naiven Mann so naiv wie jetzt gesehen. „Wenn es Ihnen nur nicht schwer fallen wird, Wider den Strom zn schwimmen." Er lachte bewundernd. „Nein, ich bin kein Saulirs." „Dafür halte ich Sic auch nicht." Er legte das Manuskript auf den Tisch und blätterte darin, sein Gesicht strahlte über dessen Reinheit und Dicke. „Warum geben Sie es anonyin heraus?" „Weil es mich vernichtet, wenn es bekannt wird, daß ich der Verfasser bin. Man muß ja bis zu einem gewissen Grade mit den Schafen blöken, damit keiner den Wolf ahnt." Er lachte zufrieden. «Was ivollen Sie dem Volke statt des Christcutumcs geben, wenn Sie es ihni nehmen?" «Wahrheit... nur Wahrheit." „Wissen Sie denn, ivas Wahrheit ist?" „Ich will die Lüge zerstören." „Und dem Volk eine neue Lüge geben." „Die Wissenschaft lügt nicht." „Das ist doch geschehen." Hielin schivieo einen Augenblick. «Ich glaubte von Ihnen am wenigsten, das; Sie das Christentum verteidigen würden/' „Meine Verteidigung ist sehr relativ. Ich habe das Christentunl jahrelang entbehren können; aber es hat mir doch einmal geholfen, obgleich ich nie das gewesen bin, was man eine innige Christin nennt. „Glauben Sie nicht, daß Ihnen in anderer Weise hätte geholfen werden können?" Es verstrichen einige Augenblicke, ehe sie antwortete: „Vielleicht... wenn ich damals einen Mann getroffen hätte, der nnch durch und durch gekannt hätte, und der in Liebe, in Nachsicht... in Großsinn meine ich, ein Christus war." Hjclin antwortete nicht darauf. Er legte das Manuskript in die Schublade und verschloß sie. Sie verstand, daß er nn- gehalten war. Er kam wieder näher. Sie las die Etignette auf einem der vielen kleinen Gläser. Die Brust ging hoch, während sie das kleine Ding nahe den Augen hielt. Die Worte waren sicher schwer zu verstehen. Dann sagte er leise: „Wenn Sie wollen,»verde ich das Buch nicht heraus- geben." Sic stand eine Weile, ohne sich zu rühren, stellte dann das Glas ans den Tisch und sagte gleichgültig, als denke sie nicht mehr an das Mannskript: „Wenn es Ihre Ueberzeugung ist, daß Sie ein gutes Werk vollbringen, wenn Sie das Buch Heransgeben, so müssen Sie es natürlich thun." „Glauben Sie mir",— die Stimnie klang noch leiser, fast flüsternd—„es ist schlver, niemanden für sich zu haben, nicht einen einzigen, nicht einmal diejenige, die das nächste Anrecht hätte." (Fortsetzung folgt.) So m» tc? gs p lrnt d e v e i. Die halbwüchsigen Berliner Straßenverkäufer, die sich zwischen Linden und Fricdrichflraszc tummeln, haben ei» feines Empfinden für das Wesen des Aristokratischen. Naht sich ihnen ein Spaziergänger, der sein ehelich angetrautes, mit der Naturfarbe der Haut sich be- gnügendes, parfümloses und phantasiearin gelleidctcs Weib neben sich führt, oder gar seine Schwester geleitet, so erhält er das Angebot eines der etvign'elken Sträuße ohne jede aufmunternde Titeluennuug und Rangerhöhung, und wäre er selbst eine aus reinstem Adel durch die Jahrtausende hindurch filtrierte Staudespcrson. So aber ein Mann kommt, dein eine Dame am Anne hängt, ein Emaillckunst- Iverk der renommiertesten Schminkenfirnicn, durchtränkt von den nnbe- zahlbarsten Düften der civilisierten Welt, begabt mit Ricsenfedern, zu denen man sich unwillkürlich ein elefantenartiges Wogelgetier denkt, und mit spitzigen Lartstiefeletten den wogenden Wald der eigenen Unterröcke durchquerend, deren lockendes Seidcnrascheln man jetzt um ein ViNigcs auch mit geivöhnlicherem Stoff herzustellen versteht— dann wird der beneidenswerte Begleiter von dem Vlumenjüugling unfehlbar Herr Jraf angesprochen, mag der Erhöhte auch in seinem sonstigen Leben irgend ein Dunkelagent sein, der seine Eleganz aus der Klciderbörse zu beziehen pflegt. Herr Jraf— in diesem einen Wort liegt eine Philosophie des adligen Bluts, das zwischen leichten Weibern und schweren Weinen, zwischen Karten- und Pfcrdespiclcn endlos taumelt, das alle Leckerbissen des Daseins, auch die gefälschte». gierig schlürft und in den hastig ivechselnden Raffinements wüsten Genusses sich durstig trinkt, eine»Märchen- Existenz, die nichts in der Welt fürchtcr außer die Besudelung von Kopf und Hand durch das Plebcjertum der— Arbeit. Der Harmlos en-Proz est, der durch die unablässigen Wiederholungen der gleichen Oedheiten bereits eine gnädige Langeiveile hervorruft und das Gefühl für das Unerhörte des Schauspiels durch allmähliche Gcwöhnm'.g abstumpft, bietet für diese Anschauung der Straße vom Grafenleben und Adels- beruf neue Nahrung. Wessen äußeres Gehaben die Beschäftigung mit Dirnen, Sekt und Jen ahnen läßt, der ivird von de» hin nie»- verkaufenden Weltweisen künftig mit»och größerer UebcrzcngmigS- kraft in den Grafciistand erhöben werden, als das bisher schon geschehen ist, wie auch andererseits im Volk der dunkle Glauben an ein Naturgesetz, wonach die Einladungskarten znr vornehme» Ge- sellschaft in demselben Verhältnis zunchnien, tvie der Gebrauch von Spielkarten, nichr und mehr sich befestigen wird. Anders freilich als in der zwischen Linden und Friedrichstraße fnnktionicrcnden Volksseele offenbart sich Art und Wesen des Adels in seiner geisteiacncn Litteratur, deren Aesihctik in dem Begriff der Ebenbürtigkeit sich erschöpft und deren Hanptblatt, das„Deutsche Adclsblatt" sich als„Wochenschrift für die Aufgaben des christlichen Adels" und als„Organ der deutschen Adclsgenoffcnschast" ausgiebt. Hier erscheint allwöchentlich der Herr Jraf in der ganzen Treue der Selbstzeichnnngf und wein eS einmal vergönnt ist, dieses Journal zu lesen— die plebejische Post liefert eS auch Mchtebenbürtigen um ein paar Pfennige ans— der schaill ehrfürchtig erzitternd' in cm« erhabene Welt der Reinheit und Würde, der Zucht und Ritterlichkeit, dergestalt, daß selbst der rabiateste Demokrat errötend bekennen muß, wie doch alle Kultur und aller Idealismus ans den ver- ivnstcten Nicdeninge» der Vonlosigkeit sich zu der heilige» Höhe deS Herr» Jrafe» geflüchtet hat. Es wird viele erstaunen, daß eS überhaupt so etwas wie eine Adclsgcnosicnschaft giebt. Genosse Mirbach, Genosse Klinckowström, Genoiie Kröcher klingt in der That ungewöhnlich, ist aber dessen» ungeachtet eine Erscheinung der höheren und höchsten Wirklichkeit. Es ist eine richtige Genossenschaft zur Produltion von blauem Blut und zum Konsum— nicht etiva von den üppigen Delikatessen des Daseins— sondern vielmehr von den strengen, härenen Sittenrcgclii adligen Lehcnsernstes. Der Herr Graf deS AdclSblatteS ist. das lehrt schon die Durch-. ficht einer einzigen Nluiinicr, ein verblüffend edler Maisch. In der Bezirks- Abteilung Oberlansitz der deutschen Adelsgenosienschaft hält z. B. der Major a. D. Freiherr von Wrangel-Hähnichcn eine ÜUlsprache, in der er es als heiligste Pflicht bezeichnet, sich nicht intter die Herrschaft des Geldes und die Macht des Großkapitals zu beugen— das klingt fast nach einem echte» Gcnoffcn— sondern festzustehen und zu kämpfen durch Vorangehen in Einfachheit und Frömmigkeit, gutem Beispiel und christlicher Nächflenlicbe.„An Stelle von Treue und Glanben. von Recht und Ordnung ist die unerbittliche Macht des Geldes, die Ge- walt des Stärkeren getreten, und nnmnschränkt herrscht das Kapital und die Großindustrie, alles bedrohend,>vas ihr nicht huldigt und dient, mit dem Versuch, alles zu enteignen, was seither noch Existenzberechtigung hatte." Schöner könnte das ein Marxist auch nicht sagen, mit den« die Adelsgenossenschaft ebenso die Anschauung von dem notwendigen Schutz der Schwachen teilt.„Der Adel hat es stets als eine ihm überkoimiiene heilige Pflicht der Ehre betrachtet, den � Schwachen Schutz zu gewähren; während ihm aber früher die Führung kraft semer feudalen Obrigkeit von Rechtswegen zustand, muß er sich diese Stellung jetzt Schulter an Schulter mit allen gut- gesinnten und glcichdenkenden Elementen des Bnrgerstaudcs erkämpfen und verdienen. Durch unablässige Fürsorge für das Volk muß er sich dessen Vertrauen eist erwerben... Mit der Fahne des Christen- tnins in der Hand muß der Adel die socialpolitische Führung übernehme»." Nach solcher Ansprache folgte ein, tvie ausdrücklich betont wird, e i n f a ch e s Mittagsessen, von dem der Speisezettel allerdings nicht mitgeteilt ivird. Rührende Züge aristokratischer Wohlthätigkeit finden sich in einem Vorstandsbericht des Central-HilsSvcrems der Ade lsgen osscnschasr. Da werden zwei Offiziersaspirantcn ans Bayern und Hesse» mit einer Beihilfe znr Ausrüstung bedacht, ein Kadett aus ocr Mark er- hält ein Taschengeld, ein junger Mann anS Thüringen Kurtostcn. ein Kadett aus Mecklenburg die Zahlung der Pension und für seinen jüngeren Bruder einen erheblichen Erzrehlingsbeitrag. Dagegen findet sich nirgends die geringste Aiidentung, daß irgend einem jungen Manne ans irgend einer Gegend des Vaterlandes Spielgelder ge- tvährt und Spielverlnste ersetz! worden seien. Ter Herr Jraf des Adelsblnttcs schützt aber nicht mir die Schwachen, streut nicht nur mit milder Hand reiche Spenden der Liebe, er ist auch ein tiefgrübclnder Philosoph. Namentlich in de» Eingesandts des Organs Iviitct eine in den abgründigsten Schluchten des Lebens wühlende Philosophie. Auch der politffche» Tagesfragen werden durch>uid durch philosophisch gespickt und serviert. Ein Adclsgenosse F. v. L. stclll angesichts der heutigen Vorgänge in Preußen die hamletdüstere Frage:„Persönliches Regiment oder Partei-Regieruug?" Ihm spitzt sich das poluische Problem in de» Gegensatz zu: 1. Persönliches Regiment und uu- abhängiges Beamtentum und 2. Partei-Regiment und abhängiges Beamtentum.— Der Nicht-Adlige wird den Sinn solcher Gegenüberstellung nicht leicht verstehen. Aber der in der Adels-Philosophie Bcivanderte steht klar in die Herzeusmeinnug der Geuopenschaft: Der christliche Adel wünscht ein persönliches Regiment, in dein das Beamtentum, wenn es sein muß, gegen den König rebelliert. Füge» sich aber Minister, Regierungspräsidenten und Landräte dem allerhöchsten Wille», so bedeutet das für die AdekSgenoffenschnft ein Partcircgiment. Je cinflußreichcr das per- söntiche Rrginient, nmsomehr ivird es Parteircgimcnl, je ohnmächtiger das persönliche lliegiinciit, desto herrlicher ist cS— das ist die monarchistische Philosophie der Adelsgenössenschaft. Endlich zeigt sich noch der Herr Jraf als Sittenrichter. Mit tiefer Trauer erkennt er, gelegentlich des Harmlosen- Prozesses, daß der von allen Idealen losgelöste, in der modernen Rntzlichkeitslehre erwachsene Geist der nacktesten Gewissenlosustcit und Selbstsucht— der Herr Jraf möchte ihn den Geist des modernen Jobber- und RcforinjiidcntnmS ueimeil— auch in den Kreisen der adeligen Jugend in verhängnisvoller Weise Schule gemacht hat, und daß es die allerhöchste Zeit für alle Faktoren der Erziehung und der be- hördlichen Aufsicht ist,»nil fester Hand und rücksichtsloser Strenge diesem modernen Krastmeuschentnm der sogcnamiten Lebewelt in de» Großstädten au den Leib zn gehen. Der gestrenge AdelSgenosic auf dem Lande vermag sich in seiner Biederkeit gar nicht vorzustellen, ivie das blaue Blut in der Großstadt also entarten tonnte. Mit rechten Dingen geht so etivaS nicht zu, und in seinem fromnie», mittel- oltttlidjen Gemüt sucht er die Erklärung iu den Kiinstcu von Teufeln mid Lexem ES ist ihm gar nicht anSgeschlossen, dab auch diese Spicleraffaire eine»nit teuflischer List geplante Maulwurfs- arbeit ist. um wieder dem verhaßten Adel eins anzuhängen. Korn- blnm, Wolff u. Co. wären wohl fähic� dazu, und das Ganze ist so eine langvorbercitete Jntrigue der.Alhancs Israelite, der die wahrhaft Harmlosen thöricht ins Garn gegangen. Da die Spieler derart als unschuldige Opfer hingestellt werden, mutet es einigermaßen als ein Widerspruch an, weim derselbe Genosse v. A. die Ab- erkennung des Adels als Radikalmittel zur Säuberung des ehrlichen Standes von besudelnden Unwürdigen fordet— ein Mittel, das übrigens ebenso alt ist wie der Gegenvorschlag, wonach die Plebejer die ihnen lästigen Elemente in den Adelsstand erheben sollen. So innsz sich der christliche Adelsgenosse gegen die Uebennacht von Großkapital. Großindustrie'� Vurcankralie und Judentum mühsam bei einfachem Mittagsessen, rastloser Wohlthätigkeit und nnenmidlichcin Schutz der Schwachen in philosophischer Vcr- ticfimg durch unser Jammerthal durchschlagen. Wahrlich, genug der Mühen, daß es nicht mehr deü neuen FeindcS bedurft hätte, der ihn» noch erstanden ist. Ter christliche Adel verehrte in dem niit Erfolg ans dein Judentum empor getauften Staatschristen Stahl seinen Lehrmeister, der die goldene Regel aufgestellt.� daß die Wissenschaft umkehren müsse zur frommen. unwissenden Gläubigkeit. Die in der Adelsgenosienschast konsimiierte Welt- anschamlng haßt vor allen Dingen die gottlose Rntnrlvissen- schuft, die in starren Gesetzen und dürren Zahlen all ihr Recht und ihren Rcichtnin findet, die keinen Geist citiert, der von außen floßt. Solche Lehre erscheint dem Adclsgcnossen unter dein Begrisi eines verruchten tvkatcrialisnrns und RnIuraliLnnls zu- sninmengesaßt Und jetzt müssen sie es erleben, daß einer der Ihrigen, der die Kürze durch die Intensität der Adels-Zngchvrigkcit reichlich ausgeglichen hat. daß Herr von Miguel, eben diese Ratnrivrsscii'chaftcn als Höchstes und Hehrstes gepriesen hat. ES ist mehr als mir die Kanalfeindschast, die den christlichen Adel der Regiemug entfremdet hat. es ist bereits ein unversöhnlicher Gegensatz der Weltanschauung. Man begreift darum, wie es dein Herrn Jrascn, der»ach der Anschauung der Friedrichs! raßc lebt, wie es dem harmlosen Herrn u. Kahscr immer noch leichter wird. Gast bei den Miuislerbällcn zu sein als eine», bei einfachen Mittagsessen grübelnden Mitglied der christ- l'cherr Adelsgenossciiichaft. Großkapital und Großindustrie, Inden- tirm und MatenaltsmuS sind eben allmächtig geworden, und dem Meister Anton des AdclsblatteS bleibt nichts übrig, als in seinem Orgair trnnrnid, zornig und einsam zu bch.. pten, daß er die Welt nicht mehr verstehe.— Joe. Mleines Feuilleton. g Gegen den Bertrag. ES war auf dein Bau. Soeben hatte die Trillcrpscife des Poliers zum Frähsliick genife». Klappernd kamen die Maurer die Leiter» herab, um in der auf dem Hose stehenden Bretterbude das Frühstück einzunehmen. Maurermeister Börsting, der vorher mit dem Polier gesprochen hatte, stand nn- weit der letzten Leiter und beovachtcte die Herabkommcnden. Mit den Worten:.Wegener, komnicn Sie mal her!' rief Meister Börsting eine» Maurer zu sich und fragte:.Habe» Sie nicht im vorigen Frühjahr in der Lchrterslraße einen Laden ein- gerichtet? Zwei Schanscnsier durchgebrochen und die Keller gelvölbt?" .In .Ich habe wieder in der Mohrenstrnßciso etwas AehnlicheS: Eine Wand wegzmiehntcn, Träger ninerzn bringen, eine Fahrstuhl-Anlagc und anderes, für drei Man» fünf bis sechs Wochen Arbeit. Sie töuuen morgen früh hingehen, ich schicke noch zlvci Mann mit." .Ja. ganz schön, aber ivie ist es mit dem Lohn? Da kost's dach mehr Fahrgeld!" .Ich zahle dort 2i/2 Pfennig nichr pro Stnndc." Ans den Mienen des Maurergesellen mochte wohl zu lesen sein, daß cS ihm zu wenig war, denn der Meister sagte lauter als vorher: .Sie haben doch jetzt den Vertrag»»d müssen doch für(ig Pf. die Stnndc arbeiten. Wissen Sie denn nicht, was in dem Vertrag, den die Meister Ende Jimi mit den Geselle» abgeschlossen haben, steht?" „Jalvohl! Aber das hindert uns doch nicht, unter besonderen Ilmständet» mehr Lohn zu verlangen .Na, da Hort denn doch alles aufl Da brat mir einer'neu Storch! Sie wollen tvohl hier Bedingungen stellen? Wenn Sie's nicht machei?, macht es eben ein anderer. So lassen tvir uns denn doch noch nicht tyrannisieren l" Wcgener ivotlte noch etwas sage», aber der Meister wandte sich heftig sprechend und gestikulierend der Policrbnde zu, und so ging cr denn auch frühstücken. .Was gab's denn draußen, Franz," fragte ein Kollege den in die Bude tretenden Wegencr..Nun," entgegiiele Wegener,„ich sollte nach der Mohrenstraßc ans Schariverk 5,— 6 Wochen. Das kann mir doch keiner vcrdenkeir, daß ich das nicht mache. Jeden Morgen um r> Uhr nnf, Fahrgeld bezahlen, kein Mittagessen und am Abend Wieder spät nach Hanse. Hier bringt mir meine Frau das Mittagessel'. dort muß ich cS teuer bezahlen. Und nur L'/z Pfennige die Stunde mehr Lohn I .Da hast Du vollständig recht, ich wlirde auch nicht hingehe»/ sagte der andere Maurer. „Sie tvollen auch noch den Mund aufreißen? Sie wollen auch »och aufwiegeln? Sie wären mir gerade die Schönsten I" erscholl des Meisters Stimme..Sofort raus I Alle beide I Der Polier gicbt Euch Geld und Papiere... Na, das wäre gerade ein Zeck, hier den Herrn spielen." Als die beiden eine Viertelstunde spater.Geld und Papiere" empfingen, ftagte der Polier, ob sie nicht ivicdcr hier bleiben»lochten; es wäre nur eine Laune vom Meister gewesen, und„er wäre sonst nicht so". Doch sie verneinten und gingen, das„Geschirr" auf der Schulter, von dannen. Als Meister Börsting, der zu denen gehörte, die sich.selbst" nm die Arbeit etwas belümmerteir, gegen 6 Uhr von seiner.Nach» mitlagstour" zurücktehrciid ins Bureau trat, fand er eilt Schreiben vom Arbeitgeber- Borsitzendc» der Achtzchncr- Konimissiou vor, durch welches er. zwecks Besprechung wichtiger Dinge, zur heutigen Sitzung eingeladen wurde. Die Achtzehncr-Koinimssio»— richtig, daß war ja die Körperschaft, welche die Streitfragen zwischen Meistern und Gesellen regelte! Und das traf sich ja gerade gutl Er toollte schon. Thatsachcn an der Hand, beweisen, wie die Herr«» Gesellen dem Vertrag nachkamen. Er hatte so wie so»och eine» Geschäftsgang vor und so wollte er bald aufbrechen. Die festgesetzte Stunde War längst vorüber, als Manrermeister Börsting ins Sitzungszimmer der Achtzehncr-Konniiisfio» trat. Zu seinem nicht geringe» Erstaunen sah er nnch den Maurer Wegener sitzen. Wegener>var mit seinem Kollegen, nachdem sie nach Frühstück entlassen waren, sofort Arbeit suchen gegangen, und sie hatten auch ans einem Renda n nebenan Arbeit zum„gleich anfangen" erhalten. Und der ll»ternch»ner gab schon von selbst 2'/» Pfennig mehr. Wegener sagte, cr würde morgen früh anfangen, er habe heute Nachmittag etwas Wichtiges zu thnn, während sein Kollege sofort zu arbeiten anfing. Wegencr war dann zu der Kommission der Maurer, der sogenannten Lvhnkommisfion gegangen, und hatte dem Obmann die Sache vorgestellt. Der Obmann hatte ihm nach den, Hanse i» der Mohrenstraße geschickt, in dem Wegener die Arbeit für Meister Börsting ausführen sollte, um sich nach der Höhe deS Preises zn erknndige», den Börsting mit dem Besitzer des HmiseS vereinbart hatte. Wegener hatte auch alles, was er zn wissen wünschte, vom Verwalter des Hauses erfahren. Der Obmann der Maurer hatte dann den Obmann der Arbeitgeber tele- phonisch ersucht, zur heut Abend stattfindenden Sitzung den Maurermeister Börsting zu laden. Der Obmann der Maurer hatte schon die Sache vorgetragen, als Meister Börsting eintrat. Nach den üblicye.i Begrüßungen nahm der Obmann der Maurer das Wort und führte ans. das; Herr Börsting von einein Maurer verlangt habe, cr solle eine Arbeit ausführen, bei der der Maurer materiell viel schlechter gestellt wäre als sonst. Sich in diesem Falle ans die zwischen Meister» und Gesellen vereinbarten Be» dingungen zu brrnfcn, sei nicht angängig, da es doch das gute Recht des Arbeitnehmers sei, für eine Arbeit, die nngünstig liege, an Stelle des Fahrgeldes etwas mehr Lohn zu verlangen. Und wohl wäre Herr Börsting i» der Lage gewesen, etwas»»ehr Lohn zu zahle»», aber statt dessen habe cr zwei Gesellen gemaßregelt. Meister Börsting, der jetzt das Wort hatte, antwortete: DaS Ende von» Siede sei immer mehr Lohn, aber wo der Unternehmer bleibt, frage man nicht. Er habe die Arbeit in der Mohrcnstraße auch unter erschwerende» Umständen auszuführen. Es würde nicht viel dafür bezahlt, er müfie Rüstzeug und alles Mögliche liefern, und es loste ihn auch noch schweres Fuhrlohn. Lächelnd erwiderte der Obmann der Maurer, daß er doch pro Mann»»d Stunde eine Marl bekomme, und für Leitern und Nüst» zeug drei Prozent des Gesanitlohnc» nnd auch das Fnhrlohn noch obendrein. .DaS sind vage Vernmlinigen! DaS ist erfunden, ist Lüge!" schrie Börsting;„ich werde es doch Wohl besser wissen I Wer lagt, Wer behauptet dnS?" „Der Verwalter des Hauses behauptet das I" rief Wegener dazwischen. Außer sich vor Wut rief Börsting:„DaS wird ja immer bessert Wer bclümincrt sich nni meine Abmachnngen nnd niit welchem Recht?" Und zn seilten Kollegen, de» Meistern, gewandt:«Weit genug ist's mit miö gekommen! Ich soll den Herren Gesellen hier Rede nnd Antwort stehen?■ Ich lehne es ab, ich lasse mir nichts vorschreiben und lasse nnch auch nicht bevormunden!" Und fort ivar cr.... Wie Meister Börsting nach sciuer Wohnung gekommen war, wußte er nicht; auch dann Wußte cr noch nicht.' daß er zu Hans« War. als ihm im Entree das öffnende Mädchen sagte, es sei Besuch da. Er stierte das Mädchen an. aber begriff nicht. Erst als eS da» Mädchen lauter wiederholte, sagte er, sich de» Schweiß von der Stirn trocknend:„Ach so I ich bin ja zu Hause!" Der Besuch ging bald; nnd nach irgend etwas suchend, fand Meister Börsting zwei, mit der letzten Post angekommene Briefe, die ihn an übernommene Arbeiten erinnerten, die»och nicht angefangen Waren. „Herrgott, was soll man dem» machen!— Alles drängt! Alles soll fertig sein nnd keine Leute! Der Polier in der Uhlandstraße arbeitet mit i) Mann. Alles will mehr Lohn wegen des bißche» Wassers in den Flindamentgräben: kaum«in halber Fuß!... Herrgott, wenn man jo 5t) Leute hätte, was tvinite»tan verdienen> Aber so... Und alles diktiert einem die Preise, und unser- einer kann sehen, wo er bleibt. Wie lallte wird eS noch dauern und wir stehen vor deni Ruin!" Seine Frau, die das mit anhörte, sah etwas verblüfft drei»! sie war doch auch einigermaßen über die Vermögcnsverhältnisse unterrichtet. Sie wußte doch, das das Haus in der Kantstraße schuldenfrei war und jährlich 47 000 M. Miete brachte, das übrige gar nicht gerechnet. Sie sah ihren Mann an: Da saß er, gebrochen, zerknirscht und Thränen rollten in seinen weißen Bart.-- Musik. Man kennt wohl den Scherz, daß em Gedicht deklamiert wird und daß dazu in humoristisch drastischer Weise die einzelnen Vor- gänge auf dem Klavier markiert werden(etwa zu Schillers„Handschuh"). In vornehmerer Form ist diese Darstcllungswcisc verioertet ivorden durch das Kinderbüchlein von A. v. Snellcn und C. v. Remies „In der Mäuseivelt" sStuttgart, F. Krais), einem der wenigen künstlerischen Werke der Jugendlitteratur. Wird nun diese Weise zu der Höhe selbständiger Knnstiverke erhoben, so haben wir die Musik- sorm des Melodrams: Rccitation mit begleitender Musik. Als ihr Anreger gilt der zunächst als Pädagogiler bekannte I. I. Rousseau mit seinem„Pygmalion" von 1773; von 1774 au haben mehrere derartige Leistungen von Georg Bend« Aufsehen gemacht. Seither sind die Kompositionen von Beethoven zu Goethes„Egmont", von Schmnann zu Byrons„Faust", von Liszt zu Bürgers„Lenore", dann von M. Zengcr, Fr. Krinninger und anderen spcciell zu Balladen- dichtnngen wenigstens gelegentlich beliebt geworden. Allein immer schwebt über dieser Kunstart das Schwert einer ästhetischen Kritik, die dieser„Zwittergattnng" den Widerspruch zwischen Sprcchton und Musikton, sowie das Unbefriedigende einer angeregten, aber nicht durchgeführten Steigerung des Sprechtones zum Gesangston vor- wirft' Noch schlimmer muß es natürlich dem(vor einiger Zeit bei Kriegsbildcrn von Wereschagiu gemachten) Versuch ergeh», den Anblick von Bildwerken mit Musik zu begleiten— ivas jedenfalls seit alten Zeiten ein Bestandteil religiöser Knltformen war. DaS Bedenkliche des Melodrams vermindert sich eventuell dann, wenn die Musik ans einzelne Darstellung verzichtet, wenn sie uns nicht das Bedürfnis»ach einer Steigerung des Dellamierens zum Singen nahelegt, und weim sie swodurch dieses beide wohl am ehesten zu erreichen ist) sich das Erzeugen und Ausgestalten von Stimmungen zur Hauptaufgabe macht.' Wenn dann weiterhin die Musik von einem Komponisten stammt, auf dessen rein künstlerisches Streben und Köwien zu rechnen ist, und wenn sie ferner an einem Vereiiisabeud aufgeführt und der Zuzug von Wagnerianern niöglichst ferngehalten wird, so steht die Sache noch besser. Und wenn endlich der Rccitator sein Geschick ganz besonders in das Erzeugen von Stimmungen setzt, so kann sich alles zu einem wertvollen künstlerischen Eindruck vereinigen. Ein solcher Recitator ist Max L a u r e n c e, ein solcher Komponist ist der, nun auf hiesigem Boden bereits gut- eingeführte Karl G l e i tz, und eine zu solchen Versuchen gut angelegte und aufgelegte Gesellschaft ist der„Verein z u r F ö r« derung der Kunst." Am 18. d. Mts. ließ er zwei solche Mclo- dramen zu Gehör bringen: ein Märchen„Schnoerkclmännchen" von Harry von Pilgrim, und ein Idyll„Die Kinder von Wohl- dorf" seine SpielmannSgeschichte) von Ferdinand A v e n a r i u s. Die Musik zu beiden von Gleitz ist noch Mannskript; ihr Vorzug besteht in einer selbstlosen Anschmiegung an ihre Vorlage und im Stiinmungmachcn; sie wirkt mehr melodisch als harnionisch und steht der Romantik näher als der Moderne, ohne jedoch den Eindruck des Epigonentums zu erwecken. Die Ausführung der Musik durch Anna von Pilgrim(Geige) und Robert Erben(Klavier) entsprach gut de» Anforderungen des Werkes.— 02. Kunst. — U. Dre Nst'. on algalerte hat in ihrem zweite» Corneliussaale eine reichhaltige Ausstellung von Oelgemäldcn und Zeichnungen Adolf Schreyers, des im Sommer dieses Jahres verstorbenen Frankfurter Künstlers, veranstaltet. Schreyers künst- lerische Enttvicklung fiel in die Zeit, da die französischen Landschafter sich wieder einem strengeren Naturstudinm zuwandten. Er ist in Paris gewesen und hat hier tiefgehende Anregungen er- fahren; in früheren Bildern, etwa in der„Begegnung auf einem Feldlvege", tritt dieser Einfluß deutlich hervor, sie zeigen eine intimere Auffassung und Darstellung, besonders eine wärmere Beleuchtung, als sie sonst bei deutschen Malern jener Zeit zu finden ist. Schreyers Malerei hat sich stets in sehr engen Grenzen gehalten, sein Stoffgebiet ist stark beschränkt, es ist immer die Dar- stellmig des Pferdes, die auf allen seinen Bildern wiederkehrt. Durch seine Teilnahme am Krimkricge wurde er auf die Motive gelenkt, die die Steppen der Walachei dem Maler bieten, und von Paris aus unternahm er eine Reise nach Nordafrika, wo ihm das Land und das Leben der Araber Stoff zu zahlreichen Bildern bot. Von diesen beiden Ländern erzählen die Gemälde, die in der Nationalgalerie vereinigt sind. Farbiger, aber auch flüchtiger sind die Bilder ans Nordafrika; in den Steppen der Walachai hat er manch gut malerisches Motiv gefunden, besonders wenn er düstere, umwölkte Stimmungen, fallenden Regen oder starken Schneesturm schildert. Eine Reihe dieser Bilder hat einen feinen Ton, in dem ein zartes Blaugran dominiert, und eine sichere Zeichnung. Die kleinen, mageren, häßlichen, aber auch arbeitstüchtigen Pferde jenes Landes hat Schrcyer scharf beobachtet und charakteristisch geschildert, am liebsten, wie sie müde nach Hause ziehen oder hilflos im Morast stecken ge- blieben sind, wie sie sich im Schneesturm aneinander drängen oder triefend vom Regen und starrend vor Kälte am Wege stehen.— Schleyer hat die Anerkennung und die Erfolge, die seine KunstZ ihm bringen konnte, in reichstem Maße schon zü seinen Lebzeiten ge- fluiden, und er ist durch die zahlreichen Reproduktionen seiner Bilder einer der bekanntesten Künstler geworden.— Völkerkunde. k. Tätowierungen in Algerien. Uebcr die bisher wenig beachteten Tätowierungen der Eingeborenen Algeriens, die namentlich im Norden des Landes sehr verbreitet sind, macht Luden Jnqnot in dem neuen Heft der„Anthropologie" bemerkenswerte Mit- teilnngcn. Die Tätowierung, die im Arabischen„onobam" heißt, bezieht sich im Princip nur ans das Gesicht, bei Männern nur auf die Stirn, bei Frauen auf Stirn, Wangen und Kinn. Manche Araber lassen sich aber auch den Rücken der Hand tätowieren. Nur die Beni Douala, die in der Umgegend von Djema-Saharidj in Groß-Kabylien seßhaft sind, haben Tätowicruiigen, die den Hals und die Arme völlig bedecken; sie iverden auch an zwei Punkten erkannt, die sie sich auf die Waden stechen lassen. Im allgemeinen sind Kreuz und Fliege die gebräuchlichsten Motive der Tätowierung. die auch oft als Palliativmittel gegen den bösen Blick angewandt werden. So tragen die Bcni-Mchenna, ein Stamm, der nach der Tradition von Römern abstammen soll, die sich in der Ebene niedergelassen hatten, ein Kreuz auf der Stirn. Ein anderer Stanlm in der Nähe von Collo, dessen Ursprung auf christliche Matrosen, die an der Küste Schiffbruch gelitten, zurückgeführt wird, trägt ebenfalls ein Kreuz. Beide Motive, die Fliege und das Kreuz. gehen aber wahrscheinlich auf das alte„svaslika.", ein Kreuz in einem Kreis oder mit rcchtwinklich uingebogeneu Arme», zurück, das in mehreren Inschriften und Alphabeten' zu finden ist. Auch auf vielen Gegenständen der Fabrikation der Eingeborenen ist es häufig, ebenso die Figur der Raute, die auch christlichen Ursprungs ist. Außer diesen Motiven sind auch Pflanzenmotive oder seltener die Darstellung des Mondes vertreten. Die andern sind rein ornamental, siiiulose Kombinatioiien von mehr oder weniger symuietrischen Linien. Im Lande der Kabylen wird die Tätolviening gewöhnlich schon an ganz jungen Kindern vollzogen. Sie ist imnicr blau, mit nur wenigen Ansnahmen. Man bedient sich zum Einschnitt eines Bündels vol. sehr feinen Nadeln, die durch ein Band ans Pcchdraht fest zusninmcu- gepreßt sind. Dadurch kommen nur die äußersten Spitzen der Nadeln zum Vorschein, und der Operateur kann keine zu große Wunde bei- bringen. Aber in den ärmlichen Dörfern Kabyliens verwendet man einfache, schön zugespitzte Rohrsplitter oder auch die Spitze eines scharf geschliffenen Messers. Den Hergang bei der Tätowierling einer Eingeborenen, der er selbst beigewohnt, schildert Jacguot in folgender Weise: Der„Künstler" entblößt zunächst den Arm seiner Patientin bis zur Schulter, kauert sich hin und zeichnet das gewünschte Motiv auf die Haut. Diese Skizze wird mit chinesischer Tinte ausgeführt. Dann nimmt er eine Schastnadel, um die Haut aufzuritzen. Das Instrument folgt dem schwärzlichen Umriß. Jeder der ins Fleisch eindringenden Stiche bringt einen kleine» Blutstropfen hervor, der sich bald verdickt und mit der Färbung der Tinte vermischt. Am Ende der Zeichnung angelangt. wird der Prozeß umgekehrt wiederholt, aber ohne daß mau sich darauf beschränkt, genan in dieselben Löcher einzudringen. Dies ist der schmerzhafteste Moment der Prozedur. Die Patienlin kann kaum die Thränen zurückhalten und stopft sich ein Tuch in den Mund, um ein Stöhnen zu unterdrücken. Damit ist der Einschnitt beendet. Der Thaleb trägt auf die Wunde die Farbenmischung: preußisch Blau, das vorher in ein wenig Wasser präpariert ivorden, dann hält er den Arm der Patientin eine Weile horizontal, um den Lauf des Blutes zu verlangsamen, und streicht auf alle Rarben eine Art von heilender Salbe, die das Jucken lindern und eventuelles Fieber verhindern soll. Die Patientin muß sich einige Stunden völlig unbeweglich verhalten und den Arm noch längere Zeit in einen leichten Stoff hüllen.— Humoristisches. — Der Pantoffelheld. Nachtwächter:„Warum springen Sie den» fortwährend in die Höhe?" Herr W a m p e r l(ganz außer Atem):„Na, Sic sehen doch, ich springe nach dem Hausschlüssel, den meine Frau da am Bind- faden hält! So macht sie's jedes Mal, wenn ich etwas spät nach Hause komme I"— — Schön gesagt. B ü r g e r m e i st c r(dem bei einer Tafel vom Fürsten eine Cigarre angeboten wird):„Hoheit, diese Eigarre werde ich rauchen, so lauge ich lebe!"— — A n ch ein Erfolg. Rentier:..... Sie wollen mein Schwiegersohn werden? Sic sind doch kaum zwniizig Jahre alt I Welche Erfolge können Sie in Ihrem Leben bereits n»s- weisen 1*... Jüngling:„Bin schon zweimal mit Erfolg geimpft . ivorden!"—(„Flieg. Bl.") Ä-ercnmvortlicher Revacleur: Robert Schmidt in Berlin. Trust cho Bering von iviax Badrug m Berlin.