Mnterhaltungsblall des vorwärts Nr. 211. Freitag, den 27. Oktober. 1899 (Nachdruck verboten.) AZattncr. L!?j Roman von Peter Egge. Autonsicrte Uebcrsetznng aus dem Norivegischen von Adele Neustädter. Aber mehrere Jahre später bemerkte er eineS Abends, daß sie ihm bleich, verstohlen und ängstlich nachblickte, gerade, als er erzählte, wie ein Mädchen ihr Kind getötet hatte I Und da saßte der Argwohn Wurzel in ihm. Es nutzte ihm nichts, Widerstand zu leisten: er wuchs— wuchs, bis er ver- stand, daß er allein ihn nicht zerstören könne. Gegen sie sprach dieser ängstliche Blick, das Schweigen, in das sie sich gleichzeitig verschloß, daß sie dieses Kind ver- heimlicht hatte, daß ihre Angehörigen es nie erwähnt, ihre Schivermut in der ersten Zeit, ihr sonderbarer Ausdruck, als Erik krank war. Für sie sprach ihr achtjähriges rechtschaffenes Zusammen- leben mit ihm. Sie war nicht allein rechtschaffen gewesen, sondem so gut, so gut als Gattin und Mutter! Wie konnte solches zusammenhängen? Wie konnte eine zärtliche und gute Frau ein solches Verbrechen mit sich tragen, ohne von Gewissensbiffen, Reue und Kummer vernichtet zu werden? Daß ein braves Mädchen in Verzweiflung eine Missethat gegen ihr uneheliches Kiud begehen kann, begriff er, aber das andere?... Er fuhr von der Chaiselongue auf. Er war brennend rot und warm, griff mit den Händen ins Gesicht und stützte die Ellenbogen gegen das Pult. So blieb er lange stehen. Er zwang die Bewegung zurück. Er wollte ruhig sein; er wollte klar auf dieses Unglück sehen; aber die Bewegung brach wieder in ihm los. Sie hatte bereut... sie hatte bereut. Er erinnerte sich so gut, wie sie bei dem Hardesvogt umherging. Das bleiche Gesicht mit den scheuen, blauen Augen, die ihn zu Thräucn rühren konnten. Der schmächtige Köcher mit den mageren Schultern, die so seltsam unter dem Kleide hervorstachen. Sie machte sich so unsichtbar lvie möglich, ob wenige oder viele in der Stube lvaren. Sie las den Abend hindurch sowohl schlechte als gute Bücher, bis sie so nuide war, und vielleicht damit sie so müde werden sollte, daß sie in Schlaf verfiel, sobald sie sich legte. Sie ging in die Kirche... Er erinnerte sich, daß ihr Benehmen ihm zuerst zweifel- Haft erschienen war. Er hatte nicht glauben können, daß ein junges Mädchen so stark eine schlechte Vergangenheit bc- tranern konnte, wie sie es zur Schau trug. Ja, sie hatte be- reut; aber die Nmc war eine andere, lag tiefer, als er damals glaubte. Es war bestimmt die Rene über das Verbrechen, die ursprünglich einen rechtschaffenen Menschen aus ihr gemacht hatte. Sie war die Ursache, daß sie sich von einer barnihcrzigen Frau retten ließ, daß sie später geduldig auf die Zurchtwcisungcn der Frau des Hardesvogtcs hörte; sie erschien ihr vielleicht alS eine gerechte Strafe, als eine erwünschte Sühne für die verhehlte Sünde. Hätte sie nicht an dieser Neue gelitten, so hätten die Moralpredigten der Frau sie vielleicht augetrieben, den Hof zu verlassen und sie hätte irgcndlvo ihr altes Leben begonnen.... Ja, sie hatte be- reut. O. wie sie bereut hatte I Anne Hanna l... Er flüsterte unter Thränen: „Liebes, liebes Kind, wie schlimm ist es Dir ergangen!" Er legte das Gesicht ailss Pult und Vcrlveilte m dieser Stellung. Sie hatte bereut... Jetzt schien er es erst ganz und völlig einzusehen. Sie lveigerte sich, seine Frau zu werden, obgleich sie ihn liebte, und sie litt an Schwermut— es war Reue, Gewissensbisse... aber mit der Zeit wurde sie ruhiger. Sic errang sich Liebe, Kenntnisse, Reife. Ihr krankes Ge- wissen wurde so lauge gehätschelt und gelicbkost, bis es ge- suudete. Nach und nach konnte sie den Trost der Religion entbehren. Zuletzt befriedigten sie die kältesten Ver- nunftschlüsse. Sie räsonuierte sich Geständnis und Strafe fort: weshalb sollte sie bekennen, wenn es nur zum Unglück führte, vielleicht zur Auflösung ihrer Ehe und zu einigen Jahren Strafarbcit? Hatte sie vielleicht nicht genug gelitten? Hatte sie nicht bereut? War sie nicht ein braver Mensch geworden? War es für sie, für ihren Mann und ihr Kind besser, wenn sie Strafe erhielt? Gab es jemand oder etwas ans der Welt, das sich daran stieß? So hatte sie räsonniert. O, so überhob sie sich der Verantwortung!... Sic war damit fertig geworden. Sie fühlte sich glücklich. Sie war die sichere, scheinbar etwas indolente Daiue geworden. Aber wie gesund ihr Gewisjen auch sein mochte, so war es dennoch geschehen, daß sie einen heftigen Schmerz in der alten Wunde empfand. EL war damals, als sie sich über Erick warf und rief: „Er stirbt. Ich fühle es, ich werde ihn nicht behalten. Er wird sterben. Ich bin überzeugt, er wird sterben!" Und ebenso war es jetzt, am Dienstagabend, als sie ihm diesen scheuen und ängstlichen Blick nachsandte, den er im Spiegel beobachtete. Da hatte sie den Schmerz in der Wunde verspürt. Holthe ging laugsam zur Chaiselongue und setzte sich. Wie in einer Offenbarung sah er ihr ganzes Leben vor sich, von dem Abend an, da er sie zum crstenmale erblickt hatte. bis zu dem jetzigen Tage. Sie bchaichtete ihr Recht. Sie lebte gewiß in der Ueberzeugung, daß sie gesühnt, daß sie ein gleiches Recht auf Glück lvie jeder andere Mensch hatte. Nie würde sie ohne äußeren Druck vor Gericht treten und ihr Verbrechen gestehen. Sie würde sich verteidigen, daß sie ge- schwiegen, daß sie das Glück so viele Jahre genossen hatte. Es raschelte vorsichtig am Thürschloß. Holthe war dem Ersticken nahe. Hanna frug draußen halblaut: „Schläfst Du, Johannes?" Er antlvortete nicht, erinnerte sich, daß er die Thürs ver- schloffen hatte, als er vor einer Weile auf und ab gewandert war. Er hörte, daß sie ging. Sie wollte wohl, daß er Mittag effe. Er legte sich auf die Chaiselongue. Ob sie wohl glaubte, daß er schliefe? Was dachte sie eigentlich über sein Be- nehmen, über seine Krankheit? Aber es mußte damit bald Schluß gemacht werden... Sie würde also verteidigen, daß sie geschiviegen hatte... Vielleicht würde sie auch in kalten. klaren Worten ihn zn überzeugen versuchen, daß sie nicht anders habe handeln können und dürfen. Er würde ihre Widersprüche bekämpfen; aber dennoch— er war betrogen. Er lvar es I In einem Nu stand er ans dem Boden. Er war tief empört. Er wollte schreien; aber er brachte keinen Laut hervor. „Ich kann es nicht ertragen. Ich will nicht. Ich will nicht I O wenn ich nur herausfinden könnte!" Er war wie zerschlagen, als ob er sich seiner eigenen Worte erinnerte, die er zu ihr gesprochen:„Deine Ver- gangenheit kümmert mich nicht. Ich ivill Dich nie darüber ausfragen." Aber damals glaubte er ja, er kenne ihre Vergangenheit. Er gab dieses Versprechen unter einer falschen Voraussetzung. Er dachte an ihr jämmerliches Leben, an alle die Aus- schwcifungcn, die dessen Folge waren. Er hatte geglaubt, sie übersehen zu können, und bisher hatte er es vermocht. Und er könnte vielleicht übersehen, daß sie sich gegen das Kind vergangen hatte, wenn sie nur gestanden und das Verbrechen gesühnt hätte. Er glaubte es. Aber sie hatte nicht bekannt, nicht gesühnt. Sie fand es gut, zu schweigen, hatte sich der Strafe entzogen, die das Gesetz über das Verbrechen verhängte. Sie würde Wohl sagen, daß sie bereut und ge- sühut habe..., aber sie hatte nicht ehrlich gehandelt— zum wenigsten nicht gegen ihn. Sie hatte ihm mißtraut. Ihr Zutrauen war zu klein gewesen, allzu klein. Warum sollte sie sonst ihm gegenüber jetzt schweigen? Daß sie als junges, unwissendes und eingeschüchtertes Mädchen schwieg, konnte er übersehen. Aber jetzt, jetzt? War es nicht aus Furcht, daß er sich ihren kalten Vernunftgründen nicht anschließen würde? War es nicht, weil sie befürchtete, er würde sagen: Bekenne Dein Verbrechen und erdulde Deine Strafe! Er biß die Zähne zusammen. Er durfte nicht laut weinen. Sie konnte ihn vielleicht hören. Er mußte ganz ruhig sein. Es wurde nur schlimmer mit ihm. wenn er dem Schmerze nächgab. Halle sie sich i' u nie in dein schönen Gefühl hingeben köimc», das nnr volics Vertmiirii a.ab? Er onfUunlcro sich nicht sofort; denn er gedachte wieder der Worte:„Teine Vergangenheit kümmert mich nicht. Ich will Dich nie darüber ausfragen. Wir wollen nur vorwärts sehen... Die Ver- gangenheit muß vergessen sein.. Er blieb stehen. Er suchte förmlich einen Auslveg; aber er fand keinen. Er konnte nicht darüber wegkommen. Was er gesagt hatte, mochte eine Waffe gegen ihn werden. Er wollte zugeben, dag er sich damals geirrt hatte. Sie niochte räsonnicren, so klar sie wollte und konnte... selbst, wenn sie seinen Verstand so weit brachte, Zugeständnisse zu niachcn, er war und blieb darüber empört, daß sie ihr Verbrechen ans so unwürdige Art umgehen konnte... O, das; er sie einmal etwas Unwürdige», Ehrlosen beschuldigen nmßte! Sie, sein Weib, an das er bisher mehr denn an sich geglaubt hatte!... Daß sie einmal ein Verbrechen begangen, das sie gesühnt hatte, wäre nicht so schmerzlich zu entdecken gewesen, als daß sie nicht länger sein Vertrauen, seine Vc- wundernng verdiente. Holthe legte sich auf die Chaiselongue und weinte, weinte lange, müde und bedrückt, ohne zu denken und zu arübcln. Aber alS er ausgeweint hatte, tauchte wieder eine Hoff- nung in ihm ans. Noch hatte er keinen einzigen, unmnstvß- licheu Beweis ihrer Schuld gefunden. Er wollte nicht und mußte nicht an ihre Schuld glauben, che sie selbst gestanden hatte. Vielleicht konnte sie erzählen, daß sie heimlich ein Kind geboren hatte, daß es jedoch vor der Geburt tot war. Vielleicht konnte sie irgend etwas sagen, wodurch seine Sorge und sein Grübeln zerfiel. Es war ja gar nicht unwahr- scheinlich... (Fortschnng folgt.) Geovgvs Vizek. (.Die Perlenfischer" und„ L'A rlö si en n e".) Als Friedrich Nietzsche, einst einer der ersten Verkiindcr der Kunst Richard Wagners, sich in seiner- Schrift.Der Fall Wagner" von dieser Kunst ablvandtc, that er es mit einer einleitenden Ankniipfnng an die von ihm oft gehörte Oper .Carmen" von V i z e t. Wie erfolgreich dieses Werk auch veii» großen Publiliim geworden ist. weiß jeder Beteiligte. Eine kleine Ergänzung dieses' Erfolges lildct ein ebenfalls gern gehörtes Konzertstück, die viersatzige Orchcstcrsnite„L'Arlesienne"; anßcr- dein konnncn in Konzerten mancher deutscher Städte, nur seil längerem nicht in Berlin, einige andre kleinere Werke von Bizct zn Gehör. Im übrigen ist er snr uns eine ferne Größe. Abgesehen von einer französischen Schrift über ihn von Pigot(ldLs) und einer italienischen von Maltrigli(1883) hat jetzt das Büchlein von Paul Boß über ihn(Leipzig, Reclam, 22. Band der überhaupt»innchcS Gute bietenden„Mnsiker-Biographien") uns mit dein schöpferischen Reichtum des fast i» Mozartsckicm Frühaltcr Dahingegaugeuen(l8:>8 bis 1875) und mit den historischen Beziehungen bekannt gemacht, die sich fast immer zahlreich ergebe», sobald man mit diesem einstigen Schüler, Liebling und Freiuid vieler geistigen Größen Frankreichs in nähere Berührung kommt. Den ersten„Carinen"-Erfolg halte Bizct erst knapp vor scinciN Tode, nnd über diesen hinaus dauerte es noch fast ein Jahrzehnt, bis dieser Erfolg die jetzige£>öhe erreichte; sonst waren seine Schöpfungen mehr in engsten alS in weitesten Kreise» anerkannt. Jiiöbesondere sein frühestes Hauptwerk, die Oper„Die Perlen fisch est", fiel im Jahre 188.3 zn Paris so gut wie durch und hatte dann auch andcrSwo lein besseres Geschick. Nun ist es von Direktor Hofpauer im .Theater des WestenS" unter die Schätze aufgenommen worden, die jetzt dort ausgegraben Iverden sollen, und wurde am Miltivoch mit dcnr in solchen Fällen gewohnten Erfolg anfgcsührt. Der Text dieses, schlechtweg als„Oper" bezeichnete» Werkes ist eine der vielen Compagnic-Arbciten, die der französische Bühnen« dichter M. E a r e geliefert hat, nur diesmal in Gemeinschaft nicht mit dein bekannten I. Barbier, sondern nrit dem weniger bekannten E. C o r ni o n. Er führt unö zu den Jndicrn auf der Insel Cetzlon und handelt von einer Priestcrin in Leila, die durch ihre Gebete und natürlich durch ihre Reinheit den Perlenfischern bei ihrem gefahrvollen Werk Segen bringen soll. Aber ebenso natürlich kommt auch bald der Tenor(Namens Nadir) an sie heran, wird aber bc- greiflichcrweise vom Bah(Nnrabad) und vom Chor ertvischt. Nur der mächtige Barizton(Zurgn), der die Leila an einem Halsband als feine ehemalige Lebeiisretteri» erkennt, läßt durch eine Brandftiftnug den beiden bereits zum Scheiterhaufen Berdaimnten Gelegenheit zur Flucht und muh sich schlichlich selber verbrennen lassen. Die Hauptivirkuug dieses Textbuches ist das, was man kurz das .Kolorit" nennen darf. Es giebt vor allem dem Dekorateur Anlaß zu farbenprächligen Entfaltungen landschaftlicher Schönheit; es gjebt dein Mufiler Gelegenheit, eine Lyrik zu entfalten, die uns die Illusion einer auch seelisch heißen orientalischen Welt erweckt; die Dichtung ist an den betreffenden liedartigen Stellen wenigstens in der Uebersetzung recht anmutig. Was nun die musikalische Schöpfung betrifft, so läßt sich für den, der eine Belehrung durch Vergleiche liebt, von einer Aehnltchkeit mit Webers.Euryanthe" sprechen. Hier wie dort das Bemühen nach einem IlebcNvindcn der bisherigen Operumache durch eine echt dramatische Anlage von vorn herein, ein teilwciser Erfolg dieses Bemühens durch Ueberwindung des allzu Schablonenhaften, durch ein lvirknngsvolles Hineinarbeiten der Chöre ins Ganze u. dgl. m.; aber auch wieder ein Zurückfallen in die alten Opcrnfornren engeren SinucS. Nur dnh das deutsche Werk das Riugen eines fertigen Meisters über seine» Höhepunkt hinaus, das französische das Ringen eines angehenden Meisters zu seinem.Höhepunkt" hin darstellt, und dah jenes doch mehr dramatisch, dieses doch mehr lyrisch und alles in allem schwächer geraten ist; schliehlich haben wir dort trotz eines widerspruchsvollen Mähens nach Vereinigung zweier Welten(Drama und Thcntcroper) doch mehr Einheitlichkeit als hier, wo der Komponist zivischen einer für das damalige Paris ivohl noch unerhörten Modcrnilät und einer sogar für dieses schon zu argen Nach» giebigkcit gegen italienische Mache hin- und herschivankte. Das stört nun auch für uns den Eindruck des Ganzen. Wir bekommen, nainentlich in den zahlreichen Duetten, die herrlichsten Anläufe, nnd mitten im Schönsten werden wir wieder in eine, grad heraus gesagt, öde italienische Mufikrciherci hinein- geworfen. Historisch genommen findet sich allerdings nicht bald eine mtrresiantere llebergangsleistuiig als diese. Wenn aber ans der ge- samten Musiklittcratnr mustergültige Beispiele echt dramatischer Küust zusäiumeugelcsen werde» sollen, so kann das Finale deS zweiten Aktes der„Perlenfischer" mit alle» Ehren dabei sein. Und iver eine Oper hören will, die ihm eine» Bedarf nach sühcster, lvcichslcr Lyrik, nach einem Ergehen der Phantasie in exotischem Stimmniigszanbcr und»ach einfachen, wohlig mnschineichelnde» Melodien befriedigen soll, der höre dieses Werk an, achte ans die Chöre, zumal wenn sie hinter der Bühne die lyrische Folie zu den Ercignisscn ans ihr geben, nnd achte auf die Kniist. mit welcher der Komponist sein in gewöhnlicher Weise besetztes Orchester zn inlinrc» Wirkungen benutzt. Die Hauptträgerin des Widerspruchsvollen in den.Perlen- fischcrn" ist die(einzige werbliche) Rolle der Lella. Dieser Charakler der Rolle wurde nnn diesmal zunächst erst recht verstärkt durch ihre Besetzung mit der Prevosti, die noch dazu lviedcr italienisch saug und wurde dann auch Hinwider überwunden dadurch, daß diese Künstlerin uicht nur eine Meisterin des Gesanges, sondern auch eine des nalürlichcn Spieles ist; insofern erhielten wir eine einigermaßen.glanbivürdige" Figur. Von den drei Herren, die die übrigen Rolle» gaben, hatte jeder sein Gutes nnd sein Mangelhaftes und keiner ctlvaS Hervorragendes. Der Bah. Herr H o b b i n g. fang gut, der Baryton, Herr Schwabe, fpielie sich im Lanf deS Abends gut ein, und der Tenor, Herr Brau», war wenigstens dort auf dem Platz, Ivo cS in Weichheit z» fchwinunc» galt. Die vielleicht allerbeste Leistung war die Regie deS Herrn Ehrl. Tic Meisterschaft, die Bizct schließlich in seiner„Carmen" be- währte, kam iveuige Jahre vor dieser auch einem Schauspiel von Daudet,„Die A r l e s i e r i n", z» gute. Ticsc südfranzösische Geschichte von Treue nnd Untreue, von Schlechtigkeit und Unschuld, jedenfalls geschickt gemacht, ohne doch für Daudets eigentliche Bc- dcutnug hinzureichen, gab nnsercm Kouiponisten Gelegenheit, sie mit einer Musik von d c r Art auszustatten, wie wir sie neulich bei unscrcm Uebcrblick über„Melodramen" kennen gelernt. Sie null hier nur eben in analoger Weise Tönungen geben, wie ein Bild- hancr eine Statue nicht eigentlich bemalt, sondern nur zart abtönt. Sie erklingt bald da, bald da als Begleiluug der im übrigen nicht eigentlich lyrischen nnd durchaus i» Prosa gehaltenen Sprache; in den Zwischenakten als geschlossene Sätze, in de» Akten meist als bruchstückartigc, ganz Ileinc Sätzchen. Innerhalb dieses RahmeuS bietet sie vollcudetc Meisterschaft, selbstlos, wie nur eben eine solche sein kann. Das Orchester ist bereits reicher besetzt als in jener Oper und ivird zn noch feineren Klaugwirkuuge» als dort benutzt; die schlichte Einfachheit deS»leisten von dort ist hier trotzdem durch- gcheudS gewahrt. Seit langem durch die eingangs erwähnte Or- chesiersuite vo» Bizct auf diese Leistung aufiuerlsani gemacht, hatten wir an» Dienstag durch eine französische Truppe aus St. PeterS« bürg, die bei„Kroll" gastiert, endlich Gelegenheit, die zlvci Dutzend Stückchen kcuntn zn lernen, von denen jener kleine AuSzug doch keine genügende Vorstellung giet't. Wertvoller als die Bekaiiulschaft mit den Schau» spielern, die uns nicht eben zu Beinerlungen Anlaß gaben, war die mit einer der hervorragendsten Persönlichkeiten auS der nenerc». Musikgeschichte Frankreichs, dem alte» Freund BizelS, dem Kämpen für Wagner und für mniiche andere deutsche Musik in Paris, dein Dirigenten! E. Coloniie. Seine ruhige nnd gewichtige Führung des Orchesters dürste zn dem leidlichen Erfolg des Abends wesentlich beigetragen haben.— kleines Feuillekrm- — TaS Extempore auf der Bühne. lieber die Siile des Cx!eniporierc»S im Thealer plaudert ein Mitarbeiter des.Neuen Wiener Journals" u. a. wie folgt: Dem Komitee Beckmann wurde, .in Anbetracht der glücklichen Wirkung seiner Impromptus', im Hofburgtheater schriftlich die Erlaubnis erteilt, in heileren Stücken zu extemporieren; und es versteht sich von selbst, daß er davon aus- gievigsten Gebrauch machte, zum großen Aerger Mcixners, der vcr- zweifelt gegen diese Konkurrenz ankämpfte. In Shakespeares„Viel Lärm um nichts" gelangte die'NebenbnhIerschaft der beiden Koinikcr zu besonders drastischem Ausdruck. Im fünften Akt. wenn der Lieb- Haber Claudio ausruft:.Ich will nichts hören mehr; von seinem Munde Hab' ich Gift getrunken!" pflegte Beckmann als Holz- apfel ganz aufgeregt umherzulaufen und zu schreien:„Er hat Gift getrunken I Schnell, Milch I Milch I Milch I" Das dröhnende Gelächter der Zuschauer war dem Schlehivein-Meixner jedesmal höchst unangenehm, und als eines Abends Beckmann wieder um .Milch" rief, öffnete Mcixner das Fenster und schrie ivie ein Ve« sessener:„Eine Amme! Schnell eine Amme 1" Natürlich Ivar sein Rivale durch dieses drastische Extempore übertrumpft. Landes strenges Regime machte derlei Freiheiten ein Ende, denn, wie er sehr treffend bemerkte,„ein Publikum ist bald verzogen". Trotzdem Ivird noch heute im Burgtheater viel extemporiert, natürlich nur im Lustspiel und in erlaubten Grenzen. Wenn Hartmann in„Magnetische Kuren" auf die Frage:„Haben Sic eine Griechin bei sich?" antwortet:„Ich werde nachsehen I", oder wenn Thimig als Schmählich dem Baron ins Ohr flüstert:„Machen Sie kernen Gebrauch davon, ich bin Sie der Kecnig von Sachsen!", so bringt dies heitere Wirkungen hervor. Scholz und Ncstroy erduldeten zahllose Polizcistrafen wessen ihrer Extempores, und die Gallmeyer war ivcgcn ihrer schlagfertigen Apcr?us bekannt. Den größten Erfolg hatten' und haben natürlich immer die von der Behörde verpönten politischen Anspielungen. Heute zum Beispiel durfte Scholz nicht mehr zu dem kleinen Buben im„Zivillings- bnidcc" sagen:„Wo bist denn her? Ans Prag? Armer Kerl,' so jung und schon a Böhm'!" Ein originelles, von Geistesgegenwart zeugendes Extempore lieferte©Illerich Robert in seinen Jugend- jähren. Er fing ganz klein beim„NiclaS" in Matzleinsdorf an. Einst spielte er auf dem kleinen Thcatcrchen den Grignon im „Damcnkrieg". Die Gräfin Autrcval fand im dritten Akt keine Klingel und um das Geräusch der Glocke zu imitieren, oder um den Direktor zu ärgern, sagte sie kurz entschlossen:„Bim b.im I" Sofort trat Robert ei» und sagte:„Frau Gräfin habe» gebimst?"— — Die Bczichungcn zwischen der Witterung und den vahrteli Hostien, die »vie»nit kleinen Blutflecken bespritzt erschienen, lvahrgenoi»m»cn. Die Priester stellten>»»»» eine Theorie auf, ivclche sondcrbarerivcise daS Mißfallen und den Zorn Gottes mit den damals geduldeten, meist anÄ gut gedeihenden Juden in Zusammenhang brachte. Diese antijiidische Blutlvunder- Theorie führte eine Jndenverfolgung herbei, bei»vclchcr in Frankfurt. Würzburg, Nürnberg n. a. O. gegen 10 000 Inden erschlagen ivurden; man gab »äinlich vor, daß diese«greulichen Menschen" durch Verfluchung u»»d Zaubereien die Hostien zum Vlutschlvitzcn gebracht haben. AuS dem- selben Grunde wurden im Jahre 1310 in Berlin 38 Juden ver- b rannt. Wie»vir Spemaniis„Mutter Erde" entnehmcu, gelang die Anfktärilng des„BlutivnndcrS" erst um die Mitte dieses Jahr- Hunderts durch Ehrenberg, der nach mikroflopischer Untersuchung dcir Schleier als„Wunderpoiirade", Glonns prodigiosn, dem Tierreich einverleibte. Jetzt zählt man ihn zu den Pflanzen, doch»verde» »vohl einst wieder die Zoologen den Wunderpilz für ihr Reich bc- aujpruchcn.— Humoristisches. — Neues von Serenissinirrs. Serenissinrns wird von einen» benachbarten Prinzen besucht. Dieser ein Littcraturfreund, bringt� bei Tisch das Gespräch auf Gerhart Haiiptniaiiu. Dabei richtet' er an Serenissimus die Frage:„Haben Durchlalicht schon „Vor Somicnaufgaug" gelesen?" «Aeh,»einl Ist auch nicht uottveudig, äh, habe ja anr Tage Zeit genug dazu."— — Anzeichen. Sie:„Hnghy. da? Baby versucht schon wieder zu spreche»», es ist»vnndcrbar,»vie es Dir ähnelt." Er:„WaS päppelt er denn immer?" Sie:„Ich denke, es»vird— über Polilik sein. Er fing gm»z gemütlich an, aber gleich darauf»vnrde er ansgcregt, bekam einen roten Kopf und arbeitete danu mit Händen und Füßen."— — K i i» d e r ni u» d. Eine Mutter erzählt ihrem Jmigen die Geschichte von Adam und Eva; wie Eva aus der Rippe des Adam entstandeil sei. Bald darauf kommt der Kleine nach Hanse und ruft:„O, Mama, ich habe eine»» schrecklichen Schmerz in der Seite. Ich glaub', ich krieg'ue Fraul"—(„Jugend".) Büchcr-Einlauf. — Hans L e n ß, Humanis homo! Verse. Berlin, Joh. Sasseubach. 3,30 M.— — Otto H i i» n e r k, Gretchens Zukunft. 5kouiödie in 5 Akten. Bonn, Karl Georgi.— — Luise Westkirch, L o S von der Scholle. Rvuian. Stuttgart, Robert Lutz.— — Knut Hamsun, Victoria, die Geschichte einer Liebe. lieber»«tzung aus dem Norwegischeu von Mathilde Mau», München, Albert Laugen.— — Guy de Man Passant, Tag- und Nacht- g e s ch i ch t c n. Aus dem Frunzösischeu von F. Gräfin zu Rcvculloiv. Müucheu. Albert Lauge».— — I c a n n e Rt a r n i. Stille E x i st e n z e n. Aus dein Französischen von F. Gräfin zu Rcvcutloiv. München, Albert Langen.— — Karl Morburger, Im Wirbel. Ein Buch aus der Anarchie des Lebens. Leipzig, Grübe! u. Sounnerlatte. 2 M.— — S b o r u i k. Russische Geschichten und Satiren. Ilcbersetzt und heransgegeben von Wilhelm H e n ck e l. Drei Bände. Berlin, Johannes Räde.— — Dr. H i» g o R i e m a n n, M n s i k« L e x i k o n. Fünfte Auflage. Leipzig. Max Hesses Verlag.— — Nicolai Mikalowitsch, Numa's Vision. An allegory. Chicago, Nicholas Michels.— — Nicolai Mikalowitsch, Die Gottlverdnng des Menschen. Ein Beitrag zur EntivicklungSgcschichte der Menschheit. Chicago, Selbstverlag.— — Wilhelm Bölsche, Vom Bacillus zum Affen- m e n s ch e n. Naturwissenschaftliche Plaudercien. Leipzig, Engen DiederichS. 4 M.—_ Die nächste Nnnnner des UnterhaltungsblatteS erscheint am Sonntag, den 29. Oktober. in. Drus uno Verlag von Max Babing in Berlin.