Anterhallungsblatt des Worwärls Nr. 221. Freitag, den 10. Novciilber.' 1899 (Nachdruck verboten.) »1 ImilÄzen zmei Sckxevzen. Erzählung von L. Verni.") I. „Ha, ha, ha, Vanillcneis, das paßt vorzüglich l" „Äuf wen denn?" „Auf Bianca von Sassonuovo— eines der üblichen Bonmots unseres Beppo." „Na, an dessen Witze sind wir gewöhnt, seine Zunge flickt ja immer an seinen lieben Mitmenschen herum...." Diese Bemerkungen kamen von einer Gruppe eleganter Herren und Damen in einem der elegantesten Salons von Florenz, aus einem parfümierten molligen Halbdunkel, zwischen kostbaren Nippessachen, schweren Palmblättern, warmen orientalischen Farben, aus jener wohligen weichlichen Um- gebung, deren gedämpftes Licht die scharfen Kontraste, die harten, geometrisch genauen Linien, die die Tageshelle bloßlegt, zu verwischen scheint, wo alle Nuancen verschmelzen— die moralischen nicht weniger als die der Teppiche und Vorhänge. „Na, laßt es gut sein," unterbrach die Frau vom Hause, die in einem Kreise alterprobter Verehrer und unreifer Jünger thronte,„die Gräfin Sassonuovo ist eine vortreffliche, kleine Frau, viel zu gut für Euch." „Wer leugnet das, Marquise? Auch Vanilleneis ist vor- trefflich." „Und gcscheidt muß sie auch sein," fuhr die Marquise mit einem nachsichtigen Seitenblick auf den Unterbrecher, Beppo de Neri, fort,„eine kluge kleine Frau, so schön, mit dem faden Gecken von Mann— dabei unnahbar wie eine Madonna.." „... aus Eis," ergänzte de Neri halblaut, mit einen, tiefen Blick in die Augen seiner Nachbarin, einer lebhaften Brünetten... Diese Plattheiten klangen weniger platt in der aristokrati- schcn, dem Schönheitssinn schmeichelnden Umgebung, wie uns der gewöhnlichste Wein besser erscheint, weil er aus kristallener Flasche kommt. „Freilich," fuhr die Marquise fort, indem sie sich bequem in ihre Sofaecke zurücklehnte und große Rauchwolken aus ihrer Cigarette blies,„freilich mutz man nachsichtig mit ihr sein, armes Frauchen." „Nachsichtig? und warum?" „Immer hat sie auf dem Lande gelebt, unter den Fittichen ihrer klösterlichen Tante, Ida, jetzt haust sie da oben in Fiesole — wie soll man es ihr da übel nehmen, wenn sie nicht recht in der Welt zu leben wcitz..." „Oh, das lernt sich, das lernt sich! Sie geht schon viel mehr aus und man merkt ihr an, daß sie nicht ungelehrig ist— gewisse Eleganzen, kleine Koketterien..." es war der Hausherr, der sich so vernehmen ließ, ein sorgfältig zurecht gestutzter Alter, den heute irgend ein Wunder in den Salon seiner Frau verschlagen hatte. Dieser schienen seine Worte zu mißfallen; sie antwortete nur mit einem verächtlichen Achsel» zucken. „Verzeih'," sagte er pikiert,„es giebt Sachen, von denen Ihr Frauen wirklich nichts versteht. Ihr reißt die Augen auf um eine Windmühle, weil sie klappert, und gebt nicht acht auf die stillen tiefen Wasser. Ich sage Dir, das Frauchen macht sich, mausert sich heraus... noch kurze Zeit, und sie wird von einem Chic sein... oh.. und hier vollendete er seinen Gedanken mit einer Lieblingsgeste, indem er seine Fingerspitzen küßte und mit einer Handbewcgung den Kuß in die Ferne sandte; so deutete er an, daß es sich um etwas ganz besonders Schmackhaftes, den Gaumen Kitzelndes handle; dann rieb er sich befriedigt die Hände, wie der erfahrene Kenner und Feinschmecker, dem gewisse Erinnerungen und Hoffnungen das Wasser im Munde zusannncnlaufen lassen.-- Unterdessen eilte die kleine blonde Frau, mit der sich ihre lieben Mitmenschen so eingehend beschäftigten, in ihrem Win- zigen Coupe die Via Cavour hinab zu ihrer Villa unterhalb Fiesole. Sie hatte einen Handschuh ausgezogen und streichelte mit der kleinen weißen Hand an einem Sealskin-Mantel, den *) Das italienische Original ist im Verlage N. Veinporad n. Sohn in Florenz erschienen. sie vor kurzem gekauft hatte:„Wie der Alberto gefallen wird", sagte sie zufrieden vor sich hin. Von den Menschen, die sie eben gesehen, dem leeren Ge- plauder, das sie gehört, war ihr keinerlei Eindruck geblieben. Ihr war die mit dem Gesellschaftskleid angezogene Lebhaftig- keit noch fremd, neu war ihr die übersprudelnde Natürlichkeit, von der gewisse Kreise der guten Gesellschaft so große Mengen konsumieren. In dein Kreuzfeuer leerer oder zweideutiger Phrasen, bei dem lauten Gelächter über nichts und gar nichts, fühlte sie sich immer ein wenig verloren, wie in einem fremden Element. Und mit der kleinen, mit Grübchen bedeckten Hand fuhr sie fort, kindisch vergnügt an ihrem Pelz hcrumzustreicheln, als plötzlich ein Schatten, den sie vorbei- huschen sah, ihre Aufmerksamkeit ablenkte. Ihr Blick fiel auf eine Frauengestalt, die eilig dahin schritt— diese etwas eckigen Schultern, diese energische und doch elegante Gangart mußte sie doch kennen... aber woher nur? Wer konnte es sein? Untcrdeffeil wandten sich die Schultern in eine Quer- straße. II. Das Rätsel sollte bald gelöst werden. Bianca saß in ihrer Villa unterhalb Fiesole, im warmen Zimmer, mit allen Annehmlichkeiten für Geist und Körper umgeben. Sie hatte einen Band Gedichte von Gabriele d'Annunzio aus dem Bücherschrank gelangt, wo ihnen zwischen einem Bourgetschen Roman und einem„Leben Jesu" von Didon ein Zwangsdomizil bereitet war und las still vor sich hin, nur von Zeit zu Zeit einen Blick über die be- deckte Terraffe in den Park werfend. Der Himmel mit seinem klaren, zarten Blau, die von Reif schimmernde Erde hatten einen strengen, erbarmungslos winterlichen Ausdruck. Sie blickte hinaus und rückte zusammenschauernd der großen Flamme des Kamins näher. Plötzlich fuhr sie leicht zu- sammen: waren das nicht die bekannten Schultern? Es war nichts Auffallendes daran, daß Fremde in den Garten kamen, um vom Gärtner Blumen zu kaufen; aber diese braune Frau mit dem einfachen Anzug und der vornehmen Er- scheinung, an wen erinnerte sie Bianca doch— wer mochte es nur sein? Während sie sich den Kopf zerbrach, schritt die Gestalt in Begleitung des Gärtners noch einmal vorbei, und diesmal warf sie beim Vorübergehen einen flüchtigen Blick nach dem Fenster.... „Elise l" rief Bianca aus, ganz rot vor Freude. In einem Augenblick war sie in ihrem Schlafzimmer, klingelte ungeduldig, befreite sich von den eleganten orientali- schen Pantöffelchcn und begann ein Paar dicke Stiefel an- zuziehen.„Elise l" ftagte sie vor sich hin,„wer weiß, warum sie mich nicht erkannt hat!"... Und sie ließ vor ihrem Geiste vorüberziehen, was diese Erscheinung in ihr geweckt hatte: die Pension, in die man sie von zwölf Jahren gleich nach dem Tode der Mutter gesandt hatte, die Gefährtinnen und unter den größeren auch Elise, so anders als die anderen!... Wie stolz sie gewesen war aus die freilich etwas bemutternde Freundschaft, die ihr das ältere Mädchen zugewendet hatte! Denn Elise war. obwohl etwas seltsam und verschlossen, ein weitherziger und sehr gescheidter Mensch. Und wie wurde sie trotz sihres etwas würdevollen und ein- schüchternden Wesens von den Gefährtinnen geliebt! Und Bianca beklagte, wie sie schon oftmals beklagt hatte, daß ihre Pensionszeit so kurz gewesen war, daß man so schnell dieses bißchen lebendigen Lebens, das einzige, was ihr je gegönnt worden war, abgebrochen, sie so schnell unter dem Grabstein, der sich Tante Ida nannte, beerdigt hatte! Arme Tante Ida! Nicht, daß sie hart und strenge gewesen wäre— aber ihr Gemüt war vertrocknet und verdorrt, nnd ihr Leben verrann zwischen dem Summen von Rosenkränzen und dem Stopfen von Strümpfen, bei einer geisttgen Diät, bei der der Lebensappetit ihrer Schutzbefohlenen wahrhaftig nicht satt werden konnte. Während ihr diese Erinnerungen durch den Kopf zuckten, eilte Bianca, die Schleppe über den Arm werfend, achtlos in Schleier und Shawl gehüllt, in den Garten hinaus, mit einer Hast und Ungeduld, die ihr sonst fremd waren. Als sie beim Treibhause auf einein Hügel der Anlagen anlangte, öffnete sie die Thür eilig und ward der Gesuchten ansichtig, die sich fast gleichzeitig nach einer Seitentbür wandte. Ebenso hastig warf auch Bianca die Thür wieder ins Schloß, denn in dein flüchtigen Augenblick war ihr zweierlei klar geworden: daß die junge Frau wirklich ihre Freundin war, und auch, daß sie sehr elend und ärmlich aussah. Und so eilte sie den auf beiden Seiten von einer hohen Hecke eingefaßten Gartenweg entlang, in den Elise von der Seitenthür kommen mußte. In wenigen Augenblicken standen sie einander gegenüber. „Elise, Elise, kennst Du mich denn nicht wieder? Bin ich denn so alt geworden? Erkennst Du wirklich Deine kleine Bianca nicht wieder?" Es lag soviel warme ursprüngliche Herzlichkeit in den Worten, soviel bezwingende Anmut im Ausdruck, daß die An- geredete es nicht über sich gewann, in ihrer strengen Starrheit zu beharren. Sie wollte kühl und unnahbar bleiben, aber gegen diese treuen blauen Augen, die sie mit fast kindlicher Zärtlichkeit ansahen, war sie nicht gewafsnet. „Du erinnerst Dich meiner noch?" antwortete sie mit leiser, fast feierlicher Stimme. „Freilich! Ich habe so oft an Dich gedacht. Als Du damals nach Piemont zurückgingst— war ich daran schuld oder Du?— ich weiß es wirklich nicht, wer zuerst zu schreiben aufhörte. Mich hat's immer gekränkt...." „Du warst schuld, wenn unser Briefwechsel einschlief. Nachdem Du mir Deine Verheiratung angezeigt hattest, blieb mein Glückwunschschreiben und noch ein anderer Brief un- beantwortet." „So? wirklich? Nun, zu verwundern ist es nicht; Du Weißt ja, wenn man jung verheiratet ist, wie es geht... und noch dazu, ein Mensch wie ich, immer auf dem Lande gewesen, an das einförmige Leben gewöhnt und dann so plötzlich in diesen Strudel gerissen... ich war immer wie im Traum." „Und deshalb schriebst Du nie? T'. Elise gestand nicht ein, daß sie damals und auch später etwas ganz anderes gcargwöhnt hatte. Hatten sich nicht einige von denen, die sie zu ihren besten Freunden gerechnet hatte, von ihr abgewendet, seit sie Dejehannis geheiratet hatte? „Deshalb","sagte Bianka einfach,„aber gefragt habe ich immer nach Dir, und so hörte ich auch von Deiner Ver- heiratung", fügte sie lebhafter hinzu,„eine so poetische Heirat, ein wahrer Roman!" „Ach ja! das ist sehr, sehr lange her", sagte die andere trocken. iFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten). Glück. Von Helene Westermarck. Deutsch von Ernst Brause weiter. Niemand konnte es glauben, ivcil man es nicht sah. Aber oft sind die verborgensten Kräfte die stärksten. Es verhielt sich nämlich niit Marie so, daß sie die treibende Kraft im Probsthanse war, einer dieser starken, Ivenn auch unsichtbaren Räder, die niemals stehen bleiben dürfen, weil dann die ganze Maschinerie im selben Augenblick stehen bleiben würde. Der Probst selbst war alt und hatte sich übrigens niemals um Hofwirtschaft gekünnnert, die Probstin war kränklich und stets mit ihrer Krankheit beschäftigt, und ihre Kinder waren alle ans dem Nest geflogen, entweder verheiratet und hatten ihr eigenes Heim ge- gründet oder sie studierten. Söhne wie Töchter.„Die Fanülie gc- hörte noch zu den alten gelehrten Pfarrer- und Professorcnfamilicn, die die Bücher über das Geld stellten," pflegte der Probst niit Stolz zu sagen, wenn auch den Worten ein kleiner Seufzerfolgte, so oft er auf dem Postamt all die rekommandierten Briefe an seine mann- lichen und weiblichen Studenten in Helsingfors einlieferte. Marie war im Probsthof aufgewachsen. Während des„Not- jahrS"*) kam sie oben von Oesterbotten mit den bleichen, ver- kommenen Scharen, die südwärts zogen, um Brot zu suchen. Aus- gehungert, bebend vor Krankheit und Kälte, waren ihre Eltern hin- gestürzt, als sie die Schwelle des Probsthofes überschritten hatten, iini niemals mehr aufzustehen. Aber Marie wurde am Leben er- halten und blieb auf dem Probsthof. Wo sollte sie auch hin, da sie nirgend heim gehörte? Anfangs wurde sie halb als Kind gehalten, mußte aber gleich die Arbeit eines Erwachsenen ausfüllen, während Probstens Kinder, die in gleichem Alter waren, gar nichts thaten, wenn sie in den Ferien daheim Ivcilten. Aber Kind durfte Marie niemals sein. Wollte sie einmal der eingesperrten Lebensfreude Luft machen und anfangen mit den andern Kmdern zu spielen und zu springen, da ließ die strenge Zurechtweisung der Probstin niemals lange auf sich warten:„So ein großes Mädchen hat wohl was anderes zu thun, als mit den Kindern zu laufen." So wurde das Mädchen mit der «j 1307-08. frohen Seele und den jungen geschmeidigen Gliedern früh in das harte Joch der Arbeit und der täglichen Pflichten gespannt. Zuerst ivar sie Hühnermädchen, sie schwang sich aber schnell empor. Das österbottnische heiße Blut brannte in ihren Adern, empor mußte sie. Sie lernte mancherlei, obwohl das, was sie lernte, nicht in Büchern stand— Buchgelehrsamkcit war nur für die Probstkinder. Sonderlich hochgeachtet wurden ihre Kennsinfse nicht, auch bekam sie nicht viel Lohn für ihre Einsicht. Aber sie wurde allmählich un- entbehrlich im Probsthof. Wenn sie einmal eine Woche Urlaub be- kam, war es ganz merkwürdig, wie ihre Arbeit versäumt wurde. Der Probst ging umher und ivar mit allem drinnen und draußen unzufrieden, die kränkliche Probstin erlag der Last des Haushalts, und die Jugend fand alles fehlerhast. Aber kaum war Marie zurückgekehrt, so verschwand alles Unbehagen, wie der Nebel in einem Äugenblick zerreißt, ivenn der frische Morgenwind daherbläst. Alles ging wieder von selbst. Niemand dachte daran, woher das kam, denn alles war. wie es sein sollte. Unter all dieser Arbeit war das anfängliche Hühnermädchen, das klein, dünn und blaß von dem Hunger des Notjahres gewesen war, herangewachsen, groß und schlank, kräfsig und rotwangig ge- worden mit leuchtendem, gekräuseltem, blondem sHaar trotz des Kämmens mit Wasser, und trotz aller Proteste der Frommgesinnten in der Gemeinde, die„Probstens Marie" als ein„Satanswerk" be- zeichneten, erschaffen, die Augen der Männer zu verlocken. Marie selbst dachte niemals an all die Arbeitsniühe, merkte nie- mals, wie viel Stunden des Tages im Probsthof für sie sich in Arbeitsstunden verwandelten. Schnell und flink ging ihr alles von der Hand, was sie machte; sie wußte von allein in und außer dem Hause Bescheid. Und Kräfte hatte sie, daß sie eines Knechts Arbeit auf dem Acker und der Wiese während eines langen, heißen Sommertages hätte ausführen können. Das thun übrigens viele Frauen in Oesterbotten. Marie Ivar so jung, frisch und froh infolge all' ihrer Kraft und Gesundheit. Sie war die Lustigste bei allen Festen, die Gefeiertste bei allen Tänzen und sang am Sonntagabend auf der Schaukel, daß es im Walde widerhallte. Daß ein solches Mädchen Freier hatte, versteht sich von selbst. Man sagt, daß mehr als ein Hofbesitzerssohn zu Marie auf Frcicrsfüßcn kam: aber es heißt auch, daß alle gingen, wie sie kamen. Dann plötzlich verlobte sich dieses hübsche, flotte Mädchen mit einem kleinen, häßlichen, unbedeutenden„Kerl I" Wie und wo sie sich kennen gelernt hatten, wußte niemand. Er war nicht aus der Gemeinde gebürtig, sondern von irgendwo weit her, aber niemand wußte, wann und woher er gekommen. Man meinte, es müsie mit ihm eine besondere Bewandtnis haben, denn dem gesunden Bauernverstand ist alles Fremde verdächtig. Er sah fast jimgenhaft aus, hatte einen stillen Blick und langsame, ungeschickte Bewegungen, außer wenn er in Zorn ge- riet. Hatte er ein oder zwei Gläser getrunken, war er wie toll und griff gleich nach dem Messer. Dieses scharfgcschliffene„Puukko- Messer" führte er mit unvergleichlicher Geschicklichkeit, ob es galt zu stechen oder Holz zu schnitzen— denn von Beruf war er Holz- schneider. Solche Holzschneide- und Schnitzarbeite», wie die seinigen, hatte man im Dorfe»och nie gesehen. Der Schrein, den er Marie als Verlobungsgabe verehrte, war unübertrefflich. Aber er blieb ein Bummler und Taugenichts, träge, ohne Arbeitslust und schwerfällig, so daß er sich weder Arbeit zu beschaffen wußte, noch die Bestellungen nach Wunsch auszuführen. Niemand konnte begreifen, daß Marie au einem solchen Bränti- gam Gefallen finden konnte. Sie bekani auch genug spöttische Reden zu hören. Selbst der Probst fand sich veranlaßt, Marie einige warnende Worte über menschliche Kurzsichtigkeit und die Schwierigkeit der menschlichen Verhältnisse zu sagen. Marie schwieg auf all diese Reden, und niemand wußte, was sie dachte. Aber sie ging»nit irgend einem stillen Gedanken innher, das merkte man, denn ihre Wangen wurden immer blasser, ihr Lachen weniger froh, ihre Lieder weniger lustig. Und cS konnte sogar vorkommen, daß sie ihre fleißigen Hände in einander faltete, als ivollte sie sich für einen Äugcubiick Ruhe schaffen, ihre wirren Ge- danken zu ordnen. Und dann stand sie eines Tages plötzlich im Arbeitszimmer des Probstes und sagte, sie müßte den Dienst bei ihm verlassen. Sie wollte nach Amerika— und Jannc auch. Sie wollten drüben erst Dienste annehmen, dann aber, wenn sie sich ein wenig an das fremde Land gewöhnt hätten, sich verheiraten und drüben ein eigenes Heim gründen. Sie sagte das alles in einem Atemzug, als fürchtete sie, etwas zu vergessen oder stecken zu bleiben, wenn sie es nicht auf einmal sagte. Als sie aber mit dem„eigenen Heim" schloß, bekamen die Worte einen seltsamen tiefen und schönen Klang. Es war durchaus keine leichte Sache, mit dem Probst zu reden. Die meisten seiner Gemcindcmitgliedcr gingen zu ihm voll Angst und Beben, denn wenn er anderer Meinung war, als der. mit dem er sprach, stellte er sich ganz unwissend, that, als wenn er nicht begriff, verdrehte und verkehrte' die Worte, fragte und forschte aus, bis er etwas ganz anderes herausbekam, als der Redner hatte sagen wollen. Wenn er die Sache so verdreht in seiner Hand hatte, begann er sie „klarzulegen" und dann gewöhnlich seine eigene Anficht durchzusetzen, überzeugt, daß dieses die einzig richtige wäre, die einzige, die Trost und Hilfe gewähren könnte. Der Probst war nicht so leicht durch Ueberraschung aus der Fassung zu bringen: aber die Mitteilung Maries kam so unerwartet, daß er im ersten Augenblick kein Wort zu sagen vermochte. Aber durch seine Lebenserfahrung und häufige Anwendung hatte er doch so wohl abgerundete Principien, daß er auch schnell sich eine Ansicht über die Auswanderung bilden konnte. Und dann brach es los: Die Auswanderung wäre der große Feind, des Probstes, des Landes, des Volkes gemeinsamer Feind, der aus allen Kräften be- kämpft werden müßte. Seit Jahren hatte der Probst sein flammendes Schwert der Beredsamkeit gegen diesen Feind geführt. Darum hatte er nun gleich die erschütterndsten Schilderungen all der Uli- annehmlichkeiten, Mühen und Gefahren bei der Hand, die den Aus- Wanderern drohten. Der Mensch solle daheim bleiben auf dem ihm von Gott im Leben angewiesenen Platze, ob er mm hoch oder niedrig sei, geehrt oder gering, nur so könnte man wirklich glücklich werden, nur so könnte die von Gott geschaffene Weltordmmg aufrechterhalten werden. Der Probst sprach sich warm, wie er da behaglich in seinem bequemen Sessel znrückgelchnt saß und lange saugende Züge aus seiner Pfeife nahm, wie er es zu thun pflegte, wenn er tief über- zeugt war von der Wahrheit dessen, was er sagte. ' Die israelitische Sklaverei in Aegypten hätte die Menschen lehren sollen, was Sklaverei in fremden Ländern sagen ivollte. Und wer sich nicht durch das Wort der Schrift warne» lassen wollte, fände in den Zeitungen Berichte von dem Mißgeschick und den Widerwärtig- kciten der unglücklichen Auswanderer. Nein, Marie thäte jedenfalls am besten, daheim zu bleiben! Wollte der Janne auswandern, sollte sie ihn in Gottes Namen allein reisen lassen I Hätte es Marie nicht gut hier? Hätte sie nicht seit vielen Jahren hier ein Heim gehabt? Der Probst that einen langen Zug aus seiner Pfeife und wollte seine unterbrochene Zcitnngslcktüre ivieder aufnehmen, in dem behag- lichen Bewußtsein, seine Pflicht als guter Patriot erfüllt zu haben, während er zugleich ein flinkes und tüchtiges Mädchen davon abge- halten hatte, eine große Dummheit zu begehen. Und dazu kam, daß er selbst vor einem großen Verlust bewahrt blieb, der auf alle Arten in seinem Heini fühlbar geworden wäre, mit dem er jetzt alle Ursache hatte, zufrieden zu sein. Marie hatte die ganze Zeit still dagestanden und mit andächtig gefalteten Händen, wie sie den Worten des Probstes in der Lsirchc lanschte, dagestanden. Sie war nicht gewöhnt. ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen, und darum verneigte sie sich und antlvortete, der Herr Probst hätte sicher immer Recht und auch sie hätte ge- hört, daß viele große Widerwärtigkeiten in Amerika überstanden hätten. Aber dann erzählte sie, als Ivenn die Sache sich auf etwas ganz anderes bezöge, daß Janne einen Bruder hätte, der lange in Amerika gelebt hätte und sich dort sehr gut stände. Er hätte ver- sprochcn, sowohl ihr als Janne Stellungen zu beschaffen und schon die Billets zur Ucberfahrt gekaust und geschickt. Denn, der Herr Probst müßte doch einsehen, daß der Janne fort müßte, für ihn sei es absolut notlvendig; hier daheim würde niemals etlvas aus ihm werden, denn hier verlockten sie ihn zum Trinken und Raufen. Für einen in seinem Fach so geschickten Menschen, ivie er, wäre es in Amerika eine Kleinigkeit, cmporzn- kommen, hätte der Bruder geschrieben. Und Dienstmädchen, die etwas könnten, bekämen gute Stellen, schrieb der Bruder auch. Aber so bald wie möglich, ivollte sie und Janne ein eigenes Heim begründen. Während Marie sprach, blickte sie auf ihre starken Anne und großen arbeitsgcwohnten Hände herab. Sie gaben ihr Hcimats- recht überall! Sic stand da, so sicher bewußt, daß sie ihr Schicksal in ihrer eigenen Hand hielt, und die Schlußworte bekamen wieder den wunderbar tiefen, starken Klang. Der Probst war so überrascht über diese handlungsfähige Ent- schlosscnheit und insbesondere über das unwiderrufliche Faktum, daß die Billets schon vorhanden waren, daß er sowohl seine Pfeife, als seine Zeitung vergaß. Marie wurde in Ungnaden„auf eigenen Wunsch" aus dem Dienste entlassen, wie in ihrem schönen Entlassungsschein stand. Seinem Acrger über„den verrückten Einfall" machte der Probst später in seinem Familienkreise Luft und blieb für mehrere Tage sehr schlechter Laune. Denn, abgesehen da- von, daß sein HanS einen fühlbaren Verlust erlitt, würde auch das Beispiel, das Marie gab, den verderblichsten Einfluß auf die Reise- lust der Jugend haben, die Auswanderungsncigung, die der Probst so streng verdammt und untcrdriickt hatte, würde natürlich wieder aufflammen. Um diesem Unheil vorzubeugen, wurde seine nächste Sonntagspredigt ein donnerndes Anathema über die Un- zufriedenen, die nach jenem weltlichen Gewinn und Besitz hinaus- führen, die der Rost und die Motten zerfräßen. Und diesem Text ließ sich nngesncht die Answanderungslnst anfügen. Nach dieser Predigt mußte sich Marie natürlich von Gott und Menschen verlassen vorkommen. Sie ging den ganzen Sonntag mit verweinten Augen umher: aber, trotz der Thränen und der demütigen Miene, schien die Zerknirschnng doch nicht recht bis znni Herzen ge- drungen zu sein, denn es lag etwas von der neuerwachenden Frische des Morgens über dem jungen Antlitz und in ihren schnellen Bewegungen etwas von der Rastlosigkeit der Zugvögel, wenn sie sich zur Abreise nisten. �» Einen Monat später war sie reisefertig. Sie war an Bord des großen Auswanderer- Dampfschiffes gegangen, das schnaufend im Hafen lag und seine gewaltige tote und lebende Ladung aufnahm. Marie befand sich unter den vielen verschiedenen Dingen auf dem Zwischendeck. Sie saß auf ihrem rotgemalten stasten, der alles ent- hielt, was sie besaß an Gütern dieser Welt, und ein Stück von ihr stand ihr Janne an der Reling, sauber gekleidet, ordentlich, hinaus« sinnend.—_ Kleines Feuillelon. — Die incnschlichc Ruhelage im Schlafe. Ucber diese? Thema wird der„Köln. Volkszeitung" geschrieben: Eine wenig be- sprochene Frage ist die Ruhelage des Menschen. Die einen schlafen auf dem Rücken, andere links oder rechts, wieder andere sogar auf dem Bauche. Sicher spielt hier die Gewöhnung eine große Rolle, was beispielsweise daraus erhellt, daß Schlafende nach einem an ihnen vorgenommenen Lagewechsel fast regelmäßig wie unwillkürlich in die gewohnte Lage zurückkehren. Das gilt nicht nur von dem Verhalten des Rumpfes, sondern auch von der Kopfhaltung und den Gliedern, ja sogar von kleinlichen Einzelheiten. Wenn aber die Ruhelage überhaupt ein gesundheitliches Interesse hat, dann ist jeder unzweckmäßigen Gewöhnung entgegenzutreten und damit die Frage bedingt: Welche Lage ist die gesundheitlichste? Unzweifelhaft ist die Bauchlage durchaus unzulässig, nicht nur wegen der Zusammendrllckung des Brustkorbes und der Atmungs- behinderung, sondern auch wegen des Druckes auf die Verdauung?- Werkzeuge und die Unterlcibsorgane. Freilich giebt es Leute, weiche in dieser Lage am angenehmsten schlafen, überhaupt erst in solcher Lage Schlaf' zu finden behaupten. Nicht minder auszuschließen ist die linke Seitenlage wegen der Druckwirkung auf Herzmuskel und der Erschwerung der Hcrzthätigkcit. Ich will gar der schweren Träume und des unruhigen Schlafes nicht gedenken, den man dieser Lage zur Last gelegt hat; sie verschwinden gegenüber den organischen Fehlern, welche die Dauerwirkung mechanischer Bewegungsstörungen des Herzens zur Folge hat. Eine veraltete Gewöhnung ist bekanntlich schwer zu bekämpfen, und deshalb ist Eltern, wie allen denen, welche die Fürsorge der Jugend übernommen haben, umso dringender zu empfehlen, diesem Gegenstände ihre Aufmerksamkeit zu widmen. Achten dieselben also auf den Schlaf der Kleinen und ihre Nuhcform und verbessern die- selbe eintretenden Falles so lange, bis sie sich die gewünschte Lage zu eigen gemacht haben. Erfolg hat man damit immer, wenn auch nach ungleich langer Zeitdauer.' In hartnäckigen Fällen läßt sich ans der Lageraufmachnng ein HindenmgSgrund schaffen, dessen Art und Einrichtung der Erfindungsgabe jeder Mutter oder Wärterin überlaffen bleibt. Den Seitendnick auf den Brustkorb teilt mit der linken die rechte Seitenlage und man könnte glauben, daß dies ausreichen würde, um auch sie als unzweckmäßig zu verurteilen. Das aber ist nicht unter allen Umständen der Fall. Es liegt in dieser bedingungsweisen Zu- lässigkeit die Ermittelung zu Grunde, daß die Bauch- und Linksschläfer nie, die Rechtsschläfer manchmal, d. h. nach Tagen verhältnismäßigerRuhe oder wenigstens nicht übermäßiger Arbeit auch in Rückenlage an- getroffen werden, nicht also wie die ersten beiden Gruppen bloße Gewohnheitsmenschen sind. Ucberanstrengung und Uebermüdung aber ist bei ihnen dauernd und damit auch die an sich fehlerhafte Seitenlage die Regel geworden. In dieser Verschiedenartigkeit der Vorbedingungen jedoch liegt, wie die Ursache, so auch— wie wir bald sehen werden— die Rechtfertigung für den Lagewechsel. Die Vertreter der verschiedenen Ruhelagen sondern sich dem- entsprechend auch ziemlich streng nach Beruf und Erwerbsenergie, insofern als— von den Bauchschläfcrn zu schweigen— die Rücken-, Links- und gewohnheitsmäßigen Rechtsschläfer der ruhigen Daseinsform, die außergewöhnlichen Rechtsschläfer vorab anstrengenden B crufszwcigen anzugehören Pflegen oder Personen von sehr ansge- bildeter Erwcrbsthätigkeit sind. Ich fand sie vornehmlich unter Last- träger». Steigern, Radfahrern und Fußgängern. Bezeichnend ist bei ihnen auch die Körperhaltung, indem sie nicht in geradeaus gestreckter Lage, sondern mit tief vornüber gebeugtem Haupt und Rumpf, ge- krümmten Knien und angezogenen Oberschenkeln zu schlafen pflegen. Zufälligerweise kann ich Beobachtungen an meiner eigenen Person mit in die Wagschale legen. Sonst ein regelmäßiger Rückenschläfer, bin ich nach weiten, übermüdenden Fußtouren außer stände, die Rückenlage beizubehalten, lege milb wie unwillkürlich auf die rechte Seite, aus der ich auch erwache; selbst Versuche, nach solchen Anstrengungen bei der altgewohnten Lage zu verharren, bleiben bei mir erfolglos. Es ist der Druck auf die Nervenausbrcitung im Rückcngrat und seine Fortsetzung auf das Rückenmark, welche den Erschöpften nicht eben unter ausgesprochener Schmerzempfindung, aber unter deutlichem Unbehagen in diesen Lagewechsel treiben, und ich bin überzeugt, daß letzterer nicht nur durch einen starken Willen nicht überwunden werden könnte, sondern auch, wenn wider das natürliche Gefühl unterdrückt. schädlich wirken, die Ruhe-Enrpfindung und das Erholnngsgefühl be« einträchtigen würde. Auch die oben gekennzeichnete Körperhaltimg während'dieser Ruheform spricht für das Mchrbcdürstus an nervöser Entspannung. Nach meiner Meinung verhält es sich deshalb mit der Ruhelage des Menschen beim Schlaf so. daß die Rückenlage die weitaus häufigste, natürlichste und bekömmlichste ist, entsprechend den Physi- kalischen Gesetzen und der Verteilung der Körperorgane, daß die � Bauch- und linke Scitcnlage allemal, auch die rechte Seitenlage i dann zu bekämpfen ist. weim sie gewohnheitsmäßig ist und nicht eine ans nervöser Ueberreizunq entspringende zwingende Veranlassung hat. In diesem letzteren Falle ist sie nicht mir erlaubt, sondern auch wohlthätig, zu empfehlen und in der Heilkunde zu vcnvcrten.— Aus dem Tierreiche. — Zwei gefährliche Feinde der Laubbäume sind die Larven des Weide nbohrers(Lossus lignixeräs.) und des Blau sieb stüossus �.eseuli), die rote und Iveisie Holzraupe. Der Weidciibohrer legt vermittelst seiner langen Legcröhre die Eier in tiefe Spalten der Rinde an der Basis der verschiedenen Laub- Hölzer, namentlich der Weiden und Pappeln, sowie anderer, be- fonders mit weichem Holze versehener Bäume, nicht selten auch der Obstbäume. Da die Eier haufenweise gelegt werden, so leben die Ranpen in größerer Anzahl, bisweilen mehr als 200, in demselben Stamme. Die jungen Ranpen fressen zunächst gemeinschaftlich dicht unter der Rinde, gehen dann später aber in das Holz. Jede für sich frißt sich einen aufwärts steigenden Gang, der anfangs, entsprechend der Körpergröße des Tieres, nur schmal ist, nach und nach aber bis 15 Millimeter Durchmesser erreicht und einen ovalen Querschnitt hat. Die Raupe des Weidenbohrcrs überlvintert zweimal im Holze. DaS Blausieb legt die Eier meist einzeln an die untere Seite der Stämme. Die Raupe lebt in den verschiedensten Laubbäumen, ihre Gänge in den- selben haben einen Durchmesser von 10 Millimeter und einen runden Querschnitt. Es kommt nicht selten vor, daß Zierbäumc in Gärten, z. B. Eschen absterben, wenn sie von großen Mengen Blausieb- Raupen befallen werden. Kommen die Raupen in geringerer Anzahl vor, so find sie für ältere Stämme nur wenig schädlich; die gebohrten Gänge bilden jedoch immerhin günstige i Angriffspunkte für Fäulnis und andere Er- krankungen. Jüngeren Stämmen können sie leichter ge- fährlich werden. Die Bäume werden in ihrer Entwicklung geschädigt und können einem Windstoß leicht erliegen. Bemerkens- wert ist ferner, daß die weiße Holzraupe nur in lebendem Holze frißt; sie wandert sogar aus abgestorbenen Teilen aus. Eine wirk- same Bekämpfung dieser Schädlinge ist ziemlich schwierig. Wem, besonders wertvolle Bäume eine geringe Anzahl von Fraßspnren zeigen, so kann man versuchen, durch die Oeffmmg der Löcher vermittelst eines Drahtes die Raupen zu vernichten, was aber nicht immer praktisch durchführbar sein wird. Einen besseren Erfolg dürfte eS haben, Schwefelkohlenstoff oder Petroleum(mit einem Maschinen- öler oder einer kleinen Spritze) in die Gänge einzuführen. Entweder sterben dadurch die Raupen in den Gängen oder dieselben kommen nach kurzer Zeit heraus und müssen dann gesammelt und vernichtet werden. Außerdem enchsiehlt es sich, alle derartigen Ocffnungcn mit Cement, Gips oder Banmwachs zu verschließen.— (Hans, Hof, Garten.) Meteorologisches. — Neue Versuche, die Wärme und Feuchtigkeit der Luft festzustellen, werden jetzt der„Fr. O.-Ztg." zufolge im Waldgebiet der Obcrförsterei Karz,g(Neum.) und Neuhaus bei Berlinchen(Neum.) veranstaltet. Auf Veranlassung der Hauptstation des forstlichen Versuchswesens sind dort meteorologische Anstalten errichtet worden, und zwar hat die Oberförsterei Karzig(Neum.) vier solcher Stationen, die Oberförsterei Neuhaus zwei Stationen erhalten. In Karzig(Neum.) liegen zwei von den vier Stationen außerhalb deS Waldes, zwei im Walde, und zwar eine davon auf freier Fläche und eine unter Bäumen. Diese Stationen sind mit verschiedenen, ganz genau funktionierenden Apparaten, als Thermographen, Hhgro- graphen, Aspirationshygrometern usw. ausgerüstet und durch den Professor Dr. Mütterich-Eberswalde aufgestellt worden. Die Auf- Sabe der beiden Stationen ist, die Einwirkung des Waldes auf Temperatur und Feuchtigkeit der Luft festzustellen. Die beiden Oberförstercien Karzig Nin. und Neuhaus hat man deshalb gewählt, weil die Waldzungen,' die sich von Süden nach Norden erstrecken, im Osten und Westen von Ebenen begrenzt find, die den Luft- prömungen keinerlei Hindernisse in den Weg stellen. Die Beobachtung der Stationen erfolgt seitens der Forstbeamtcn zweimal täglich. Man will zunächst vier Jahre hindurch diese Beobachtungen fortsetzen und hofft dann, zu höchst wichtigen und der Wissenschaft dienenden Ergebnissen gelangt zu sein.— Technisches. t. Der Transport eines ganzen HauseS auf der Eisenbahn ist das neueste Kraftstück der amerikanischen Technik. Die Verschiebung von Gebäuden ist in den Vereinigten Staaten mit der Zeit etwas ganz Gewöhnliches geworden, und es hat sich sogar ein besonderer'Berufsstand von Leuten herausgebildet, die die Durchführung solcher Arbeiten übernehmen. Man hat es fertig ge- bracht, in Chicagd ganze Straßenzüge um einen bestimmten Betrag zu heben, man hat' ein zweistöckiges' Haus in die Luft gehoben und ein drittes Stockivcrl darunter gebaut, man hat Landhäuser von einem Ort zum anderen und sogar auf Flössen über das Wasser ge- schafft, aber die Beförderung eines ganzen Hauses auf der Eisenbahn war doch noch nicht dagewesen. Im Staate Nebraska liegt die kleine Stadt Hemingford, die als Hauptstadt eines Bezirks auch einen .Justizpalast'' besitzen mußte. Nun ist es aber bekanntlich mit den amerikanischen Städten ein eigen Ding, sie schießen «ms dem Boden wie Pilze und können dabei nieinals sicher sein, ' Verantwortlicher Redacteur: Paul John in Bcrli nicht über Nacht durch irgend eine andere Stadt noch überflügelt zu werden. So hatte sich auch unfern von Heniiugford eine neue Stadt namens Alliancc so rasch cntivickelt, daß sie die frühere Bezirks- Hauptstadt aus dem Felde schlug und sich selbst an deren Stelle zu setzen vermochte. Damit hatte nun aber Alliance auch Anspruch auf den Besitz des besagten„Justizpalastes". Das war ein recht be- schcidenes Häuschen, wie es für eine kleine Stadt paßt, 15'/« Meter breit und etwas über 11 Ve Meter in der Tiefe, dabei aber I.V/e Meter hoch. Wenn man es hätte abbrechen und in der neuen Hauptstadt wieder aufbauen wollen, so hätte das 120 000 M. gekostet,°und man beschloß daher, ivas für die Amerikaner ja nahe lag, das ganze Gebäude 30 Kilometer weit fortzuschaffen. Da das dazwischen liegende Land ziemlich eben lvar, so schien den Leuten die Aus- führuug durchaus möglich. Man wandte sich demgemäß an einen Spccialistcu für Hausverlegungen und dieser machte sich ans Werk. Das ganze Gebäude wurde nach erprobtem Wer- fahren vom Fnildamcnt gehoben, auf eine feste Platt- form gesetzt und in Bewegung gebracht. Nachdem es aber erst einige Meter iveit gekommen war, sah der Unternehmer, daß der 30 Kilo- meter weite Transport zu kostspielig werden würde und trat daher von seinem Kontrakt zurück. Nunmehr nahm die Berlvaltung der dortigen Eisenbahngescllschaft die Sache in die Hand und beschloß kurzweg, das ganze Haus auf Eisenbahnwagen zu laden und durch eine Lokomotive nach seinem Bestimmungsort hinzuschaffen. Man setzte das Haus mit' der Plattform auf vier Wagcugestelle, die je 540 Centner zu tragen vermochten, und sicherte die Verteilung der Last und das Gleichgewicht durch starke Balken. Da aber das Haus nach jeder Seite mehr als fünf Meter über die Schienen hinaus- ragte, so mußte noch eine besondere Borkehrung getroffen werden, um es in seiner Lage sicher festzuhalten, was durch eine geeignete Belastung und durch die Anwendung von je zwei großen Kohlenwagen mit einer Ladung von 27 000 Kilogramm Kohlen vor und hinter dem Hause glücklich erreicht ivurdc. Jetzt konnte die Fahrt losgehen und in drei Stunden befand sich das Haus auf dem Bahnhofe der neuen Hauptstadt. Alles ging vortrefflich von statten, und die einzige besondere Arbeit, die sich als erforderlich erivies, war die Erweiterung eines Hohlweges der Eisenbahnlinie, durch den das Haus der Breite nach nicht hätte hindurch kommen könne». Das erste technische Organ der Vereinigten Staaten, der„Scientific American", bringt über den Versuch einen langen Artikel mit einer. Abbildung, die das Haus während der Fahrt auf der Eisenbahn zeigt.— Humoristisches. — DaS erste Mal.„Du wirft doch den leichtsinnigen jungen Menschen nicht heiraten, Kind--- nimm doch Vernunft aii!" „Später, liebe Großmama! Das erste Mal heirate ich g r u n d- sätzlich aus Liebe."— — Ein Volksfreund. 1. Lebens mittelfäl scher (zu seinem Kollegen, der Sagokörner und Druckerschwärze durcheinanderrührt):„Was machen denn Sie da?" 2. Lebensmittelfälscher:„Kaviar fürs Volk."— („Jugend".) — Beruhigend. Dame(ängstlich):„Der Mann vorhin schrie ja so ftirchtliar; thut das Zahnziehen so weh?" Zahnarzt:„Ach wo, gar nicht... dem hatte ich nur die Kinnlade etwas ausgerenkt!"— Notizen. — Baron Moritz Ritter von G u t m a n n hat dem Friedrich- Wilheln, städtischen Theater ein paar seiner„Dramen", wie in den Blättern gemeldet tvird,„zur Aufführung überlassen". Das ist derselbe Herr, von dessen Stück sich vor Jahr und Tag die „Wiener Freie Presse" einen Bombenerfolg telegraphieren ließ, als es in demselben Theater mit Glanz durchgefallen lvar.— — Im Museum für Völkerkunde ist jetzt die reiche Samnilung peruanischer Altertümer, die Professor Baeslcr von seiner Reise mitgebracht hat, aufgestellt.— — Max Halbes neues Drama„DaS tausendjährig« Reich" wird nunmehr doch seine Erstaufführung am 30. November im Münchener Hoftheatcr erleben.— — In, Aachener Stadttheater hatte eine einaktige Oper „ R a t b o l d" von Neinhold Becker einen starken Erfolg.— — Die Aufführung von Gcrhart Hauptmanns„ F u h r in a n n Henschel" ist einer Thcatergesellschaft in P a d e r b o r n polizeilich verboten lvorden.-- — Gründer der Wiener„Freien Bühne" ist— der größte Wiener Thcateragent. So deutlich ist man in Berlin nie geworden! � — Das staatliche S e r u m i n st i t u t in Frankfurt a. M. wurde am Mittwochmittag eingeweiht.— e. Die„Schule des Journalismus" in Paris wurde am Donnerstag eröffnet.— — Auf F o r m o s a wurden reiche Goldlager entdeckt. Das Metall befindet sich soivohl in den Alluvialschichten wie im Bette von fließenden Strömen. Soivohl freies Gold wie chemisch ge- bundenes kommt vor.—_____ ■ Die nächste Stummer des Unterhaltungsblattes erscheim am Sonntag, den 12. November._ Druck und Verlag von Max Bading m Berlin.