Interhaltungsblatt des Horwärts Nr. 231. Sonntag, den 26. November. 18SS (Nachdruck verboten.) 2� Eheleuke Skroutzetl. Erzählung von M. A. S i m s c e k. Deutsch von Jranta Häjek. Der Doktor dankte allen freundlich und trat an den Obcrheizer heran. „Also,»vie steht es, Herr Strouhal! Wird etwas daraus?" fragte er. ihm freundschaftlich die Hand reichend. „Woraus denn, Herr Doktor?" „Nun, Sie wissen ja, daß mir die Tante gestorben ist, Ihre Nachbarin, Frau Bernard." „Das weiß ich wohl, Herr Doktor..." „Nun also I Ich bitte Sie, was soll ich mit dem Anwesen machen, das ich da geerbt habe? Ich, ein Junggeselle, kann es nicht bewirtschaften, und muß es verpachten. Und Ihnen gerade würde es gut passen, es liegt so hübsch nebenan, und ich gäbe es Ihnen billig, wie ich Ihnen schon einmal gesagt habe. Zweihundert Gulden würden Sie spielend heraus- schlagen." „Es läßt sich aber nicht gut mache», Herr Doktor I" „Aber, warum denn nicht?" „Ich müßte da eben— eine andere Häuslichkeit haben," erwiderte nach kurzem Zögern Strouhal. „Ja. ist denn Ihre Frau noch nicht zurück?" „Nein." antwortete Strouhal bestinunt und fügte dann noch bei:„Lassen wir das, Herr Doktor, es ist doch alles vergebens." „Wie Sie wollen", sagte dieser.„Aber glauben Sie mir, daß eine solche Gelegenheit sich kaum zum zweitcnmale bietet. Ich schätze Sie sehr, Herr Oberheizer, und habe deshalb so- fort an Sw gedacht." „Das weiß ich, Herr Doktor. Aber Sie werden schon andere Pächter finden, zehne für einen, die auch noch mehr geben..." „Daran zweifle ich nicht, aber es thnt niir wirklich leid, daß Sie nicht wollen. Ich habe mich schon mit dem Gedanken vertraut gemacht. Da es aber nicht geht, nun... Vielleicht, daß Sie es sich noch überlegen?..." Jtaiim, Herr Doktor, kaum. Gute Nacht!" Der Doktor ging. Nach dieser Unterbrechnng begann Hladik, der nun wieder zurückkehrte, sich dem Oberheizcr zu nähern. Die klare und bestimmte Anttvort, die Strouhal ihm gegeben, verlieh ihm neuen Mut. Er ivolltc nicht auf dem halben Wege stehen bleiben. „Glaubt mir, Strouhal," fing er nach einigem Zögern wieder an.„Das, lvas Ihr mir da von Eurer Frau gesagt habt, daran denkt sie nicht mehr. Wenigstens jetzt nicht mehr. Sie ist schon so genug bestraft..." Und Hladik stützte sich auf seine Schaufel und neigte sich zu Strouhal:„Allein mit den drei.siindcrn in einer fremden Fabrik.. „Dann hat sie, lvas sie haben wollte", antwortete der Obcrhcizcr gereizt.„So lange sie zu Hanse war, da stach sie der Hafer lind sie hörte nicht auf zu betteln, daß ich sie in die Fabrik einschreiben möchte. Jetzt ist sie dort!" „Aber hier in der Fabrik wäre es doch etivas anderes, da könnte sie mit Euch konnnen...." Und Hladik neigte sich immer mehr zu Strouhal, so daß er fast seinen Körper berührte. „Habe ich denn eine Frau genommen, um sie in die Fabrik zu führen?" brauste der Oberheizcr so heftig auf, daß der unberufene Vermittler zurückprallte. „Mit Erich ist schlvcr zu reden," stotterte er verlegen. «Ihr habt über alles so eigene Ansichten..." „Zwanzig Jahre habe ich mich geplagt", unterbrach ihn in demselben heftigen Tone Strouhal,„damit ich endlich einmal eine bessere Häuslichkeit habe, als der erste beste Taglöhner..." „Nun freilich, wir sind nur Tagelöhner, und Ihr seid ein Herr!" antwortete nun auch Hladik gereizt. „Euch meine ich nicht danrit," suchte Strouhal in ruhigerem Tone Hladik zu bcschlvichtigen.„Mit Euch ist es etwas an- deres, Ihr habt Euer Häuschen, habt etwas Acker und ver- dient hübsch. Und eben darum solltet Ihr Eure Frau nicht: herbringen, namerrtlich jetzt, wo sie doch so krank ist," bemerkte: er wieder schärfer. Da waren sie nun wieder bei dem alten Streitpunkte. „Ueber diesen Punkt werden wir nie einig werden, Ober- Heizer," wehrte sich Hladik.„Das verstehe ich anders. Oder wollt Ihr, daß ich zu Hause auch so ein Elend habe, wie dieser Styblik, der sich aus Verzweiflung dem Schnapsteufel verschrieben?... Glaubt mir, Oberheizer, ich bin nur ein armer Teufel, aber ich möchte nicht essen, was ihm diese faule— ich möchte sie gar nicht nennen zusammenkocht." Dabei blickte er durch die Oeffnung ins Feuer. „Eh, was! Man verdaut alles, lvas man herunterschluckt," meldete sich hinter ihm eine heisere Stimme. Hladik lvandtc sich um. Styblik stand hinter ihm, itt zerrissenen, fettigen Hosen und Jacke, mit emcin borstigen Kopfe und aufgedunsenem Gesichte. Die Augen schienen ihm überquellen zu wollen. Er war soeben durch eine viereckige Oeffnung ans dem Aschenkanal heraufgestiegen und hatte noch die zuletzt von Hladik gesprochenen Worte vernommen. „... Wenn nnr etwas da ist. zum Nachtrinken," setzte er noch hinzu, den Mund zu einem Grinsen verziehend. „Das glaube ich," erwiderte Hladik.„Man sieht cS Euch an, daß Ihr wieder nachgetrunken habt." Er wischte sich mit der Schürze seine schweißbedeckte Stirn und maß mit mitleidsvollem Blick die herabgekommene Gestalt des Arbeitsgenossen. „Und warum sollte ich nnr einen Schluck nicht gönne»? Nicht wahr?" wandte er sich mit müder, schläfriger Miene an den Oberheizer, der wieder in sein Brüten versunkeu war und aus seiner kurzen Pfeife dichte Rauchwolken blies. „Da wird aber am Sonnabend nicht viel übrig bleiben, das Ihr da Eurem Weibe heimbringen könnt," begann Hladik wieder. „Eh lvas! Ob ich etwas bringe, oder nicht. Was geht es Euch an? Ihr gebt mir Hoch uichts dazu, nu also!... Und wenn ich es nicht durchbringe, bringt sie es durch, dann ist es wieder egal." Stybliks Gesicht verzog sich zu einem unsagbar traurigen Lächeln. In der That verhielt sich alles wirklich so, wie c8 Styblik geschildert, obwohl ein jedes seiner Worte förmlich nach Fusel roch. Was er nicht dnrchbrachte, brachte sein Weib durch, das im übrigen ebenso abgerissen herumlief, wie er selbst.„Der Himmel weiß, warum Styblik diese Herum« treiberin heiratete," pflegte sich Hladik inrmcr zu fragen. Denn Styblik war als lediger Mensch ein durchaus ordentlicher und solider Bursche gewesen; aber kaum, daß er seine Frau genommen, die als Arbeiterin von irgendwo auf die Eawpagne hergekommen war, ging es Mit ihm bergab. Und diese Häuslichkeit bei Stybliks I Das war keine Wohn« stube, das war schon mehr ein Stall, in dein die kleinen, halb- nackten Kinder Stybliks verkümmerten. Wenn Hladik diese Frau bekommen hätte, er hätte sie geprügelt und sie schließlich gezivnngen, mit ihm in die Fabrik zu gehen. Styblik war aus anderem Stoffe. Er war leb- haster, aber unbeständiger, intelligenter, aber auch leicht- sinniger. Hladik hätte es sich zweimal überlegt, ein Mädchen! zu heiraten, das nichts hatte, als was es auf dem Leibe trug. Vor sechs Jahren war Stybliks Frau niit ihrem Vater her- gekommen und beide hatten in der Fabrik Arbeit erhalten und Wohnung in der Kaserne. Der Vater verbrühte sich während der Campagne und starb. Die Tochter blieb in der Fabrik und arbeitete weiter. Styblik erbarmte sich des verwaiste» Mädchens, vielleicht auch, daß er sich in ihr hübsches und keckes Gesicht vergaffte. Und dieses Gesicht hatte es ihm an- gethan. Schüchtern und unerfahren, wie er war, brauchte er ziemlich lange dazu, bis er mit der Sprache herausrückte. Und als er ihr endlich von dem Gefühl erzählte, das unter seiner ärmlichen Jacke für sie glühte, da musterte sie ihn mit ihrem dreisten Blick von oben bis unten, verzog die Mundwinkel zu einem zustiedenen Lächeln und reichte ihm ihre Hand. Aber kaum daß die Hochzeit vorüber war, ging auch schon der Teufel los. Die junge Frau schielte andern Männern »ach und trieb sich gerne herum. Wenn Styblik ihr deshalb — 9! Vorstellungen machte, fuhr sie ihn grob an, und der Strom ihrer Beredsamkeit fand kein Ende. Brachte er am Sonnabend seinen ganzen Verdienst nach Hause, hatten sie am Mittwoch schon nichts mehr zu essen. Da blieb natürlich für die Kleidung auch nichts übrig. Und so liefen sie beide bald abgerissen herum, denn zu flicken verstand die junge Frau nicht. Styblik wurde von dieser Zeit immer schweigsamer und verschlossener und im zweiten Jahre seiner Ehe ergab er sich dem Trünke. Schwach von Charakter, besaß er nicht die nötige Energie, um etwas durchzusetzen oder zu ertrotzen, und sein Unglück bedurfte der Betäubung. Und Styblik trank, je länger immer mehr. Seine Mit- arbeiter sagten, daß er jetzt überhaupt nie mehr nüchtern werde. Alle bedauerten ihn, denn sie wußten, daß es das Weib war, das ihn soweit gebracht hatte. Beizeiten schon hatten sie ihm geraten, sie davonzujagen, aber Styblik war zu schwach dazu und dann— er hatte sein Weib gem. Man redete ihm zu, das Trinken zu lassen. Aber Styblik wäre vor Gram umgekommen und so wählte er lieber die langsame Vergiftung durch den Fusel. Jetzt stand er da ini Kesselhause wie ein reuiger Sünder. Sein Haar und Bart, seine Augenbrauen und Wimpern, alles war voll Asche und auch sein leichter Anzug, den er sich selbst mit groben Sttchen zusammengeflickt hatte, war mit diesem gelblichen Staube bedeckt. Sein Körper wankte bald nach rechts, bald nach links, kaum, daß er sich auf den Füßen zu halten vermochte. „Wie ist es mit den Kindern, Styblik, die laßt Ihr zu Hause so verkommen?" frug Hladik den Aschenmann. „Nein, Gevatterchen, nein, das thue ich nicht I" antwortete mit schwerer Zunge der Gefragte.„Sobald sie nur ein bißchen größer sind, dann.. „Was macht Ihr dann mit Ihnen?" „Was ich mit ihnen niache?" wiederholte Styblik, während er von seineni linken Aermel mit der rechten Hand die Asche abklopfte.„Hm... das versteht sich, daß ich aus ihnen etwas Ordentliches haben will... etwas recht Ordent- liches..." Die Heizer lachten laut auf, selbst Hladik konnte sich nicht halten. „Was ist da zu lachen?" wehrte sich Styblik, während seine Augen in» Kreise rollten, einen jeden von ihnen mcsiend. „Das versteht sich, etwas recht Ordentliches will ich ans ihnen haben," wiederholte er gereizt..„Der eine Bnb wird Tischler ... der andere wird... Schneider und..."„... der dritte Bischof!" ergänzte laut lachend Hladik. Jetzt wurde aber Styblik wirklich böse. Er hob seine Rechte in die Höhe, ballte sie zur Faust und drohte Hladik. „Hole Euch alle der Teufel I" schrie er.„Aus Euch wird nichts Ordentliches mehr, auch aus Euren Kindern nicht— aber aus den meinen— ja aus denen wird noch was, Ihr werdet es schon sehen I..." Er versuchte schneller zu gehen, taumelte jedoch und fiel gegen die Mauer. Die Heizer brachen in ein lautes Gelächter aus und um- stellten den Berauschten. „Laßt ihn I" rief jetzt im Kommandotone Sttouhal, der bisher geschwiegen und nur verdrosien vor sich hingesehen hatte. Alle wandten sich um und gehorchten. „Und Ihr, Styblik, geht jetzt hinunter," befahl der Ober- Heizer,„aber hütet Euch, daß ich Euch dort nicht irgendwo im Winkel schlafend finde! Sobald Ihr wieder ein bißchen zum Verstände gekommen, sprechen wir uns weiter." Styblik trat an die Oeffnung, durch die er gekommen war. Als er bereits mit einem Fuße auf der Leiter stand, machte er mit dem Körper eine so bedenkliche Schwenfimg seitwärts, daß er beinahe herunter gestürzt wäre. Rechtzeitig noch konnte er sich am Rande festhalten, so daß es ihm schließlich doch gelang, langsam die Leiter hinabzusteigen. „Und gebt acht da unten, daß Ihr Euch den Kopf nicht einrennt," rief ihm Sttouhal noch nach, und machte die Fall- thür hinter ihm zu. „Ich weiß nicht, wie Ihr über deü Menschen noch lachen könnt!" wandte er sich dann tadelnd an die Heizer. „Wenn er aus einem Buben den Tischler, aus dem anderen einen Schneider, und aus dem dritten Gott weiß was haben will..." antwortete ein Heizer. „Etwas Besseres köiuite er gar nicht thunl" sprach Sttouhal scharf. lFortsetznng folgt.) 2— Sottttfstgsplttndovvi. Am Tage nach der fidtlen Hinrichtung der Zuchthansvorlage der- saiinnelteil sich die Minister in einer Sitzung, nin einen Entschluß zu fassen, wie sie sich zu dem Verhalten des Ncichstngs stellen sollten. Uclicr die Ergelinisse der Erörterungen sind bisher nur sehr durstige und nnbcglanbigte Gerüchte in die Oeffentlichkeit gedrungen. ES wird also unseren Leser» angenehm sein, im Nachfolgenden das nn- korrigierte nnd unkorrigierbare Protokoll der Sitzung lesen zu können. »» * Erschienen sind die Minister Hohenlohe, Posado Ivsky, Rhein baben, Brefeld, Podbielski. Gegenstand der Beratungen ist die„ U n h ö f l i ch k e i t des Reichstags". Reichskanzler Hohenlohe(in der llniforrn eines Zuchthans- anfscherS. aber ohne Säbel— leise vor sich hinwcinend, während das Schlüsselbund in der zitternden rechten Hand dnnipf rasselt): Immer dasselbe... immer dasselbe... immer dasselbe... P o s a d o>v s k y(stöhnend): Ich möchte... ich könnte... ach... Brefeld(mit den Zähnen knirschend): Teufel 1 Rhein baben(sich niclnncholisch in einem Handspiegel be- trachtend, für sich): Gott sei Dank, alles verloren, aber die Frisur ist gerettet,'n netter Anfang. Das hätte man mir früher sage» sollen, daß man so mit mns umgeht; da wäre ich doch lieber in Düsseldorf geblieben, wo man nach respektierte, feierte, anbetete. (Verzweifelnd:) Warum hat man mir das nicht vorher gesagt, warum?(Er zerrauft sich den Schnurrbart und bürstet ihn dann wieder ans). Podbielski(vergnügt strahlend): Aber Kinder, sagen wir nn endlich mit Schillern: Jenug des jransamen Stiebcls. Ihr verjeht mir ja nntcr den Hände» vor Jram. Ich bcjreife Euch«ich; ich halte es mit dem ollen Hutten: es ist iie Lust, zn rcjicren. lind anf'n Reichstag laß ich überhaupt nischt kommen. Jlait nn schlank haben sie mir meine Postchoscn bewilligt. Brefeld(bissig): Ja, mein Lieber, weil Dn mit dem Umsturz fraternisiert hast. Erst expropriierst Dn, und dann cxproprieren sie Dich. Anstatt gegen die wilde Flut anzukämpfen, bist D» auf ihr geschwommen.— Podbielski(stolz); Aber schneidig— Brefeld: Geschwommen, sage ich. Dn hast Seite an Seite mit den Singer und Bebel die tausendjährige Kultur in Frage gestellt— Podbielski(trällernd): Schier kansend Jahre bist Du alt— Brefeld: Kein Wunder, daß Dich die Kanaille verhätschelt, aber warte nur. wenn sie Dich erst packt... Podbielski(singend): Hab ich nur ihre Liebe, die Treue brauch ich nich... Hohenlohe(scnfzeud); Treten wir in— in—(ratlos) Posa, wie heißt doch das Wort?— Posado ivsky(leise): Tagesordnung. Hohenlohe: Ganz recht.... Treten wir in die Tages- ordnnng ein... Wartet ninl noch ein Weilchen. Ich will mir meine Empfindungen erst ein wenig notieren(er schreibt ans ein Blatt Papier einiges nieder— Pause— dann fortfahrend, lesend): Schneidig in der Sache, sanft in der Form, das wißt Ihr, ist mein Wahlspruch. In dieser Gcsimiung erkläre ich: So geht es nicht weiter I Posado lvsky: Sehr richtig. Hohenlohe(weiter lesend): Ich hab's satt— die ewige Maskerade. Erst muß ich mich als Kanalschlcnscn-Wärter anziehen — da lacht man mich im Landtag aus. Dann erscheine ich in der Uniform eines ZuchthanSanfsehcrs— und nun verhöhnt mich der Reichstag. Ich dulde das nicht länger. Ich verzichte ans jede Amtskleidnng, ich kehre als Privatmann nach Aussee zurück oder (träumerisch) nach Werkt... Posado ivsky(erschreckt): Nein, nein, mir das nicht. Was sollen wir ohne Dich anfangen? R h e i n b n b c n(flehend): Mein Vater, bleib bei nnS, verlaß uns nicht in unserer Not. Hohenlohe(gütig): Wie wcrd' ich I DaS war ja die schneidige Hälfte meines Wahlspruchs, nun kommt die sanfte (weiter lesend): Wir müssen mm erwägen, welche Maßnahmen sich empfehlen dürften, um künstig mit einer gewissen Aussicht auf Er« folg--(sich»nterbrechcndi: Aber Ivo ist denn Miguel? der weiß immer, was ich eigentlich will. Brefeld: Natürlich, in solcher Lage läßt er nnS stets allein. Wer weiß, ob er nicht wieder wie beim Kanal dahinter steckt und die Kerle insgeheim anfgercizt hat. Hohenlohe(sanft): Nicht doch— so etwa? thut Migncl nicht. Er ist treu wie Gold— nein,»ein, Brefeld, Du vist zu ver» bittert. Aber nnangcnehm ists doch, daß er nicht hier ist, weil er allein ja meine Entschlüsse kennt.— WaS meinst Dn, Posa? PosadowSlch(erregt): Bei meinem Bart! Meine Geduld ist erschöpft. Alles verzeihe ich dem Sicichstag, er mag unsere Bor- lagen nicdcrstimmen, er mag Umsturz treiben, die Grundlagen der Kultur erschüttern, aber eines ist nicht zn dulden— daS geht zu weit— daS erfordert die energifchtcn Gegcnmaßrcgcln—(empört): der Reichstag darf nicht unhöflich fein. R h c i n b a b e n: Gewiß, daS ist er uns schuldig. Brefeld(feierlich): Laßt uns energisch sein!(Er schlägt auf den Tisch.) Hohenlohe: Aber Vre. immer hübsch sanft m der Form. schneidig in der Sache.... Hm, weiß einer also, was ich beab- sichtige? PosadowSky: Machen wir'mal wieder eine Aktion im Abgeordnetenhanse... vielleicht'n Verehisgesetz. Brefeld(zitternd, entsetzt): Nein, nur das nicht. Die Funker dort sind»och unhöflicher. Die unterhalten sich so laut, wenn unser einer spricht, daß man sein eigenes Wort nicht versteht.... Und dann ist— Miguel dort zu Hause... Hohenlohe(mahnend): Du verkennst diesen lieben, guten Menschen wirklich. Vre. Rhei nbaben(bescheiden): Wenn ich mir einen Rat gestatten darf. Wir müssen eine energische Erklärung im Reichstag ab- geben. Etwa so: Die Vorlage kommt wieder. Oder: die Regierung wird ihr Verhältnis zu den bürgerlichen Parteien revidiere». Oder: Alle Gutgesinnten müssen gegen den Umsturz zusammenstehen._ Hohenlohe: Ganz vortrefflich. Wer wird aber diese Erklärung vortragen? Rheinbaben: Du, mein Vater! Hohenlohe(bebend): Nein, nein, nur das nicht. Die sind zn unhöflich, die lachen mich aus. Posa, Du bist der richtige Mann, die Erklärung abzugeben. Posadoivsly: Lieber tot, als im Reichstag Erklärungen über die Znchthausvorlage abgeben. Brefeld, mach Du's. Brefeld: Danke. Ich rege mich zu sehr ans. Meine Nerven ist mir die Sache nicht wert. Aber Rheinbaben könnt' eS probieren. Rheinbaben: Nein, ich bitte mich aus dem Spiel zu lassen... Ich bin doch eigentlich an der Sache unbeteiligt. Hohenlohe(seufzend): Wenn niemand die Erklärnng vertreten ivill, dann lohnt es sich geivissennaßeu auch nicht, überhaupt eine Erklärnng anfznsctzcn. Ich weiß keinen Ausweg. Posado wsky, Brefeld, Rheinbaben: Kein Ausweg! (Pause.) Podbielski(der inzwischen gclangweilt ans Fenster ge- treten ist, ruft plötzlich zur Straße hinaus): Mirbach. Mirbach, komm mal rauf, aber'n bischen plötzlich...(zn den anderen): Kinder, denkt Euch, welch Glück, eben geht der Mirbach vorbei, der wird Euch ans der Patsche helfen. Hohenlohe(feierlich): Der Retter I Mirbach(eilig eintretend, echauffiert): Gott zum Gruß... Was wünschen die Herren... Ich bin sehr pressiert... Ich muß nach der Universität... Podbielski(ihm jovial auf den Bauch klopfend): Na, Freundchen, noch nicht ivcise genug? Noch auf Deine alten Tage Vorlesungen hören? Mirbach(ivichtig): Sie lernen auch niemals die feine Sitte, Herr v. Podbielski. Freilich, wenn man um des Geschäfts willen jedes Proletcnblatt für ein paar lumpige Heller befördert, dann wundert man sich nicht niehr. Solch ein Geschäft färbt eben plebejisch ab. Podbielski(lachend): Amen I M i r b a ch(tieferschüttert ans die Knie sinkend): O, wie weit bat die Erbsünde schon um sich gefressen, ein Minister verspottet schon das Heiligste, verletzt das christlich-germanischc Gefühl! Podbielski(erstaunt): Nu. wat denn? Mirbach(mit gerungenen Händen):... Ein Minister lacht mit Iveltlich geschürzten Lippen das heilige Wort: Amen. Podbielski: Nu, Ivird's Tag. Ich laß mir»ich verrückt machen. Jchijcinpfchle mir.(Ab.) Hohenlohe(begütigend): Nehmen Sie es ihm nicht übel, Mirbach. Er meint's nicht so schlimm, er ist ein Kind. Sie sollen uns helfen. Mirbach: Ich werde mich bemühe», christlich zu vergeben. Also, was soll ich? llcbrigens, schauderhafte Dinge bereiten sich vor. Ich habe jetzt die Bücher von diesen Uiiivcrsitätslentcn gelesen. Was soll ich Ihnen sagen? Sic sind fast alle im Geiste des Unglaubens und der Goltlosigkcit geschrieben. Prozent der Docenten müssen disciplinicrt werden, selbst(schaudernd) Theologen. Ent- schuldigen Sie mich, bitte, ich habe Eile, muß»ach der Universität, Daude und Elster warten auf mich(will weg). Hohenlohe(ihn am Acnnel festhaltend): Nur einen Augen- blick. Teurer, Sic müssen uns raten. Mirbach(bedeutend): Womit kann ich dienen! Posndoivsky: Sie kennen unser Unglück nnt der Zuchthaus- Vorlage. Wir dachten, eine Erklärung in, Reichstag abzugeben, aber es will niemand von uns hin. Was sollen wir thun? Mirbach(wichtig): Ich hatte das Unglück geahnt. Sie haben die Sache falsch angefaßt. Sie hätten vor der Abstimmung bei Lieber, Baflcrmann, Richter und— äh— Singer vorfahren müsse», und die Leute bitte» sollen, doch gefälligst für die Sache zu stimmen. Rheinbaben(erstaunt): Auch zu Singer?— ich denke-- Mirbach(von oben herab): Geiviß. mein Lieber, auch z u Singer... Aber das ist nun nicht mehr zu ändern. Wir müssen uns also mit möglichstem Austand aus der Assaire zu ziehen suchen. (Nachsinnend.) Eine Erklärnng mögen Sie nicht..., Hm, hm(noch tiefer grübelnd)... Halt, ich hab's. Sic schreiben— einen Brief a n den Präsidenten. Alle(begeistert): Einen Brief! Mirbach(erhaben): Einen schönen, schwungvollen, grammali- kalisch und orthographisch gediegenen Brief, in dem Sie der Gesell- schaft ordentlich die Leviten(erschreckt zusammenfahrend)... ver- zeihen Sie die unabsichtliche Blasphemie— ich meine— den Text lesen—(sehr verlegen) nein, auch„Text" ist biblisch— sagen wir also, die Wahrheit geigen. Alle(jubelnd): Die Wahrheit geigen! Hohenlohe(bittend): Aber nun. diktieren Sie den Brief auch gleich. Mirbachchen, das verstehen Sie so trefflich. Die anderen: Diktieren Sie! Mirbach(geschmeichelt): Ich habe zwar keine Zeit. Aber aus christlicher Barmherzigkeit Ivill ich Ihren Wunsch erfüllen. (Sinnt nach.) Hm— äh— hm— äh—(diktierend, Posadowskh schreibt): .Herr Präsident! Unter Ihrer Leitung und mit durch Ihre Schuld hat es der Reichstag am Montag gewagt"— gelvagt— gewagt— äh— hm— äh— gewagt— nein, das ist zu milde— schreiben Sie„sich er- dreistct"— oder noch besser—„sich erfrecht"-- Alle(jauchzend): sich erfrecht! Mirbach(weiter diktierend): äh— hn,— sich erfrecht-- (ein K a nr nr e r d i e» e r tritt ein und flüstert Hohenlohe etwas ins Ohr). Hohenlohe(aufgeregt): Verzeihen Sie, ich muß fort. Mein Leibschneider ist da. Er will mir Maß nehmen für die neue Amts- tracht, in der ich demnächst vor dem Reichstag erscheine. Meine Herren I Ich denke, damit erübrigt sich unsere jetzige Absicht. In dem Gewände werde ich siegen. D i e Uniform reißt mich heraus, die imponiert, darin bin' ich Herkules. Meine Herren! Unsere Antwort und unsere Rache für die Beschimpfung meines Zuchthans- aufseher-Rocks sei die— S ch w i m m h o s e. Schluß der Sitzung.— Joe. Kleines Feuillekon. lk. Winterschlaf. An den flachen See-Usern und in den Gräben der nassen Wiesen haben sich die ersten dünnen Eiskrusten gebildet; Novembeniebel wallen über den offenen Wasserflächen und fahlgelben Wiesen und durch das hohe Schilf, das tot und starr. aber noch ungebrochen, die Ufer säumt, raschelt der Hauch des Winters. Aufgescheuchte Nebclkrähcn krächzen und bislveilen tönt der Schrei des Eichelhähers aus dem Tann. Sonst ist es still; ver- schwunden ist der Chor der Frösche, der Grillen und Grashüpfer. Scharf und spitz zeichnet sich das Astskelett der Laubbäume am Himmel ab. Hartnäckig flattert hier Und da noch ein einzelnes dürres Blatt wie eine Fahne an der Spitze des AestchenS, als wollte eS krampfhaft an der letzten Stütze fest- halten, die es noch vor der Verlvcsung ans dem nassen Boden schützt. Aber schließlich muß es zu seinen Brüdern hinab, damit neues Leben aus den Ruinen blühe. Es ist ohnedies wenig, was der Baum an den Blättern verliert, die er von sich stößt; es sind wirklich nur noch Ruinen. Von dem wertvollen schaffenden Proto- Plasma, das die Zellen des lebenden Blattes schlvelltc, ist nichts mehr vorhanden, es ist in die Holztcile der Pflanze ausgewandert, und erst wenn es in Sicherheit gebracht ist, entledigt sich der Baum oder Strauch seiner Blätter, indem sich am Grunde des Blattstieles und innerhalb deffclben TrennungSgcwcbe ausbilden, die die Gefäße des Blattstiels unterbinden und ihn schließlich abschnüren; was fällt. ist nur noch ein Skelett von fast leeren Zellen. Aber Ersatz muß dennoch geschaffen werden und unsere Holzpflanzen warten damit nicht etwa, wie man gewöhnlich glaubt, bis zum Frühjahr. Wir brechen einige Zlveige von den kahlen Sträuchern und bemerken überall an den Binchstellen der abgefallenen Blätter, in den Winkeln. die die Reste der Blattstiele mit den Aestche» bilden, die bekannten Knospen. Sie sind in der Zeit des abnehmenden Sommers gebildet worden, ihre ersten Anfänge, von mikroskopischer Kleinheit, beginnen aber bereits, wenn das Blatt, in dessen Winkel sie fitzen, entwickelt ist. In den Knospen ruhen, fertig vorgebildet, die jimgen Laub- und Bllltcntriebe, die im nächsten Frühjahr aus diesen Neber- Ivintcrungs-Organen hcrvorschießen sollen; es bedarf dann nur noch der von der wärmenden Sonne ausgelösten Streckung und Dehnung der Teile. Die äußeren harten Schuppen der Knospen haben den Zweck, den zarten Inhalt vor der Kälte des Winters zu bewahren, sie bleiben am Grunde des Triebes im nächsten Jahre zurück, ohne weiter zu wachsen. Die Form der Knospen ist recht mannigfaltig; wir sehen die schmalen, langspitzigen Knospen der Buchen. die schwarzen, dicken, einander gegenüberstehenden der Eichen, die wie ein Schlauch ringsum geschlossenen der Weiden und die nach vorn breiter werdenden, kenleuförmigen und ebenfalls sackartig geschlossenen Knospen der Erlen. Manche dieser UcberwinterungSorgaue besitzen noch besondere Schutzvorrichtungen, so z. B. klcbrig-harzige oder filzige Neberzüge zum Zwecke des Ungenießbarmachens gegenüber den Nachstellnngcii des Wildes und der Vögel. Im Winterschlaf der Holzpflanzen hört nicht jede Lebensthätigkcit ans, wenn sie auch sehr herabgesetzt ist. Vor dem Laubsall haben sie rasch noch eine Menge Rcscrvcstoffe, vornehmlich Eiweiß und Stärke, gebildet und aufgespeichert, die erst im nächsten Frühjahr als Bau- stoffe dienen sollen; aber schon im Winter geht mit dic)en Reserve- stoffcn eine gewisse Umbildung vor, die sie für den später» Zweck tanglich machen soll und wofür in der Hast des Ansammelns vor Sein Einbruch deS Winters vielleicht keine Zeit gewesen war. Sie sind vorerst noch unfertig, was sich unter anderem daraus erweisen lüfet, dn%»viiiterruhende Pflanzen, die n,an ins warme Zimmer bringt, nun nicht etwa sofort ausschlagen und griinen, sondern immer erst eine größere Ruhepause durchmachen, die allerdings im Zimmer schneller verläuft als im Freien. ' Sehr ausgebildet ist das System der UebeNvinterungsorgane bei vielen Wasserpflanzen, soweit sie nicht einjährig sind und nur aus Samen wieder erstehen. Im Sommer suchen die meisten Wasser- pflanzen naturgemäß die Wasseroberfläche zu erreichen, um dem Licht und der Lust möglichst nahe zu sein. Dieser Standort muß im Winter wegen der Gefahr des Erfrierens gemieden werden, daher beginnt im Spätherbst ein Rückzug nach den tieferen Regionen der Gewässer. Da eine Wasserticfe von 1—1�/2 Meter in unseren Breiten bereits das Ausfrieren bis auf den Grund, selbst in strengen Wintern, verhindert, so braucht der Rückzug nicht weit zu gehen. Am wenigsten bemüht sich in dieser Beziehung das bekannte Schilf. Die weit und tief im Schlamm herumkriechenden Wurzelstöcke sind so solide verankert, daß der an den Schilfftengeln zerrende Wind den Wurzeln keinen Schaden bringen kam,; die toten Halnie bleibe» stehen, bis der Mensch oder der Sturm sie knickt und bis fie im nächsten Jahre von den neuen Schossen beiseite geschoben werden. Die armdicken, ebenfalls im Schlammboden ruhenden Wurzel- stöcke der Seerosen brauchen nur ihre Blätter aufzu- geben, um dam, den Einwirkungen des Frostes entzogen zu sein. Aehnlich verhalten sich andere Wasserpflanzen, die im Sonimer Schwimmblätter an die Oberfläche des Wassers senden. Anders dagegen diejenigen Pflanzen, deren Hauptkörper ganz oder zum größten Teil frei' im oder auf dem Wasser flottiert und die die Mehrheit der eigentlichen Wasserpflanzen ausmachen. Sie bilden besondere feftgeschlossene Winterknospen aus. die sich vor Eintritt des Winters' von der Stemm, pflanze loslöse», zu Boden sinken und im Schlamm die ivärinende Frühjahrssonne abwarten, so z. B. beim Tausendblatt und vielen Laichkräutern. Die absterbenden Pflanzen der Wasserschere, deS Wasserschlauchs und des Wasserhoru- fcauts sinken auf den Grund, und die gebildeten Winterknospen lösen sich in, Frühjahr los, um teils in die Höhe zu steigen, teils im Schlamme zu wurzeln. Diese Knospen enthallen zun, Teil eine sehr große Menge winziger Blätter, die sich im Frühjahr in wenigen Tagen zu einem bedeutenden Umsang zu strecken vermögen. Besonders interessant sind die Wintersproffeu des krausblättrigen Laichkrauts; eS sind kurze, regeln, äßig beblätterte Triebe, die nach unten in eine Spitze aus- laufen, mit der fie sich beim Niedersinken in den Schlamm einbohren. Ganz anderer Art. aber viel bekannter sind die„nterirdischen UebeNvinterungsorgane, die in Form von Knollen, Rüben und Zwiebeln austreten. Handelt es sich mm um die Kartossel, die Mohrnibe oder die Küchenzlviebcl. immer bilden diese umfangreichen Organe einen mit Stärke und anderen Stossen wohlgestillten Winterspeichcr. aus dem sich im Frühjahr rasch die siinge Pflanze entwickelt. Der Speicher wird dabei entleert l»id schrumpft zusammen, die neue Pflanze bildet aber— bei den mehrjährigen Gewächse»— ein neues Organ dieser Art, und das Spiel wiederholt sich von Jahr zu Jahr. Die Speichen, att,r dieser Organe haben sich neuerdings die Gärtner zu Nutze gemacht, indem sie die unterirdischen Organe der Herbstzeitlose als Wiinderknolle,, verkaufe,,, die inan ohne Blumentopf nur auf das Fensterbrett zu legen braucht, um die Blüten hervorsprossen zu sehen. In Wirklichkeit ifl_ der Vorgang nicht wunderbarer, als das Sprießen der Topfgewächse, denn alles was die Herbstzeitlose zum Blühen gebraucht, hat sie i» ihrem Speicher vorrätig. Neuerdings_ hat man auch die Knolle» einer tropischen Aracee(Lanroruntum) in den Handel gebracht, die ebenso ohne weiteres Hinzuthun in einigen Wocken ihre auffallende, einen halben Meter lange Blüte— Eidcchsenblume heißt die Pflanze— ans Licht fördert. Zweifellos werden die Gärtnercieu mit der Zeit noch mehre derartiger Gewächse in den Handel bringe,,.— Musik- Der„Bußtag" tvird von der musikalischen Welt regelmäßig dazu benutzt, daß Kompositionen zu Gehör kommen, die sonst nicht eben auf der Tagesordnung sind, und deren Gcsniuthaltung zu diesen, Tage paßt. Daß es sich hier für unsere Zeit nicht u», eine aus dem Fühlen des Bolkes heraus oder in dieses hinein geborene Kunstpflege handelt, wird wohl jedem einlcnchtc». Die socialen Unterschiede machen sich freilich auch hier und sonst bei solcher Musik als eine Reihe geltend, die von den vornehmen, reich ausgestatteten Kirchen- und Saal-Konzerten des Westens hinüberführt zu den Gegenden, in denen die Chorregenten und Organisten nur die dürftigsten Kräfte zur Verfügung finden. Von den diesmaligen Konzerte» mußte unsere Auswahl manche vielversprechende Darbietung beiseite lassen, damit wir das durch Besonderheit lockendste, allerdings schon vorher einmal dargebotene Konzert hören tonnten. Es war dies in der a», Tier- garten gelegenen K.-Friedrich-Gcdächtnis-Kirche das Konzert des oorttgen' Posaunenchors. Diese Bezeichnung kauu insofern irre führen, als es sich um Blechblasinstnunentc überhaupt lsogenanntc „Hannoniemusik") handelt. Das Programm sollte doch nächstens die nicht eben alltägliche Zusammensetznu'g dieses kleinen Orchesters ver- zeichnen. Wenn ich recht hörte und sah, so waren hier vertreten: 4 Posaunen, 1 Baß- und 1 Barhton-Tuba, 3 Trompete», 3 gewöhn- Leramwortlicher Stevacieu:: Paul John in Berlin. liche(Ventil-sHörner und vermutlich 6 Viigelhönier f3 Tenor-, 2 Alt- Horner, 1 Flügel-Horn). Das Zusammenwirken dieser verschiedent- lich abgestuften Klangfarben ergab einen mächtigen Eindruck; Beethovens„Ehre Gottes"(mit Posaunen-Solo) wurde wohl etwas zu romanttsch gestaltet. Leidet waren alle Instrumentals, ücke nicht Originale, sondern Bearbeitungen von Ehorliedern u. dgl. Im übrigen bestand das Programm aus der nun einmal üblichen Mischung»md enthielt neben einigen unbedentenden Sttickchen von der Art, für die man die Benennung„Äirchenliedertafel" prägen könnte, u. a. zwei schöne Sopronlieder von Frz. Reuman» und von I. W. Frank lwnh,-scheinlich ältere Litteratur). Daß wir die als Einzelkräfte Mitwirlenden nicht nennen, niöge ma» unserer Würdigung des gerade in solchen Fällen so wesentliche» Zusaurnienwirkeus zu gute halten— auch für den folgende» Punkt. Das Hauptercignis dieses Mufiktages war nämlich die von Kräften unserer alten Oper in ihre», Hans veranstaltete Aufführung einer wertvollen Novität. Herr August Klughardt, geb. 1847 zu Käthen, in Weimar von Liszt angeregt, jetzt Hofkapellmeister zu Dessau, hat sich schon seit lauge», durch verschiedene Konzert- und Bühnenwerke(darunter auch bereits ein Oratorium) den übliche» „Rmuen" genracht. Nun erhielt er von eine», gelehrten Dessaner Professor, Leopold Ger lach, den Text zu eine», zwar nicht kirchlichen, aber geistlich- historischen Oratorinn,:„Die Z e r- st v r u n g Jerusalems". Der Text ist aller Wahrscheinlichkeit „ach vom Komponisten inspiriert und hat seine besondere Be- deuttiug wohl in dem reichlichen Aufgebot von Personen und Massen. Die Sprochweise ist zwar die in solchen Fällen übliche altertümliche. aber sozusagen veruiinftig gehalten, und erhebt sich gegen Ende in einein Engelchor(„Wie bist du vom Himmel gefalle».' Du schöner Morgenstern!") zu dichterischer Größe. Das Lyrische überwiegt das Epische. Die ausclieincnd ganz neue Kompositton(op. 75) ist, um kurz zusammenzufassen, vorzüglich in der Aulage und in manchen Einzelheiten und ergiebt einen guten Gesamteindnick, der, bei aller Länge des Werkes, späterhin eher steigt als fällt. Das Vorbild des Ganzen, Händel, ist trotz Mit- benntznng des seither Ernmgenen, trotz moderner Jnstrumen- tatton mit drei Harfen«sw„„»verkeiinbar. u. a. besonders in der letzten der 15„Sttinimern". Schade nur, daß Händels rhythmische Größe, sein„Elefantentritt", hier in einer Weise mo- dernisiert ist, die eine Art von preußisch- musikalischem Stechschritt ergiebt. Damit wären wir den» bei der Kehrseite des Ganzen an- gelangt: die meisten Einzelheiten find eben wieder„Liedertafel-" und„Kapellmeister- Musik". Allein wenn auch in dieser Weise der SchasscnSreichttlin des Komponisten, zimral der thematische, für einen so weitgesteckten Rahmen nicht ausreicht, so haben wir doch alleil Grund, uns im Konkurrenzkampf verschicdeiitlichcr Ko», Positionen zu so ernsten Werken zu halten, wie dieses da eines ist Die Auf- führung war, wenn wir mit einer oder der anderen Einzel- krast nicht eben abrechnen. sehr dankenswert; allein die reichliche Anlage dieses Werkes und die bemerkenswerte Kunst seines Schöpfers, Ensembles aufzubane», würde verdienen, daß jede der Personen durch einen eigenen Solisten und jede der Massen durch einen eigene,, Chor vertrete» wäre. Eine solche Neber- Windung unseres alltäglichen KonzertlcbenS würde mehr wert sein als Dutzende der gewöhnlichen Anfführnngc». Nu, freilich eine Mehrzahl von Chören(wie sie ja anch in älteren Oratorien, wenn- gleich geringer als hier, üblich ist) ins Tressen zn führen, dazu würde vor allem eine Eiiirichtnng nötig sein, an die»och kaum gedacht zu sein scheint: eine O r a t o r i c n b ü h n e, hauptsächlich. bestehend ans einem so breiten Podium, daß die verschiedenen Stmnngrnppen ans merklich verschiedenen Richtungen kommen. Unterdessen sei Herrn Klughardt(der selber dirigierte) der— ersichtlich nicht ans Premieren- und Dirigenteuschaiistimmniig ent» sprnngene— frenndliche Erfolg, den lvir bei der öffentlichen Probe feststellen konnten, bestens gcgömit.— sz.' HnmoristischeS. — B e st ä t i g» t» g. Herr Lämmerlei» hat sich auf seiner Ver- gnngnngstonr schon recht müd' gelaufen. Erschöpft und keuchend fragt er einen des Weges kommenden Landmam,;„Hören Sie'mal, lieber Freund, tvie weit bab' ich den» noch nach Zapfelhausen?"— „O", meint der Bauer tröstend,„a' klein's Stünd'l halt!" Mit neue,» Mut keucht Länimcrlei» weiter; aber bereits ist eine Stunde vorbei und kein Dorf ivill sich zeigen. Sehr nnßnintig hält er einen zweiten Land»»,»» an:«Sie, sagen Sie'mal, wie weit Hab' ich den» noch nach Zapfelhauscn?"—„O," entgegnet auch der, .a' klein's Stünd'l halt I"—„WaS?" schreit Lämiurrlei» empört. „das hat mir ja schon vor einer Stunde einer gesagt!"—> „No ja!" meint der Alte,«da s e h' n S', daß's wahr is!"— — Herausgeholfen. Patient:„Ihr Konkurrent macht bekannt, daß er die Zähne vollständig schmerzlos zieht. Sind S i e das auch i», stände?" Zahnarzt:„O gewiß! Was der kann, kann ich anch!" Patient:«Dann bitte, ziehe» Sie mir diesen Zahn!" Z a h n a rz t(»immt die Operation vor, während sein Klient fürchterlich schreit):„Hat es wehe gethan?" Patient:„Schrecklich!" Zahnarzt:„Sehen Sie. und d a S nennt der— schmerz« los!"-_(„Flieg. BL") i. Druck unv BerNlg von Max Babing in Berlin.