Anlerhaltungsblatt des Vorwärts (5 Nr. 236. Sonntag, den 3. Dezember. 1899 (Nachdruck verboten.) Eheleuke Skrouhal. 71 Erzählung von M. A. S i m a c e k. Deutsch von Franta Hajek. Strouhal vernrochte den Morgen kaum abzuwarten. Im Kesselhause gab es viel Lärm und Geräusch. Die Arbeiter aus der ganzen Fabrik liefen hier ein und aus, jeder ivolltc sich überzeugen, ob die grauenvolle Nachricht von Stybliks Tode wahr sei. Strouhal wies alle barsch ab, aber das hatte nicht viel Erfolg. Schließlich schloß er die Thür, die zu der Fabrik führte, ganz ab, aber die Leute gingen über den Hof und kamen so herein. Namentlich waren es die Frauen. Alle weinten, rangen die Hände, während einzelne sich wie wahnsinnig geberdeten. „Das arme Weib... die arme Styblik, was soll sie nun beginnen... Barmherziger Gott!.. schrie die eine. „O, du gekreuzigter Heiland, ist das ein Unglück... aber er selbst war schuld daran, er selbst... der Trunken- bold... der Säufer... und das thut er seinem Weibe an... ach. die ärniste, was hat die auf ihn gewartet.. jammerten die anderen. Strouhal hatte genug davon. „Hinaus mit Euch!" schrie er ganz rot vor Zorn.„An dem ganzen Unglück ist nur sein Weib schuld... nur darum hat er getrunken, weil sie nichtsnutzig ist..." brüllte er und ergriff eine Schaufel.„Und jetzt hinaus!" Seiner selbst kaum mächtig, hob er die Schaufel über den Kopf und schwang sie hin und her. Die erschrockenen Frauen zogen sich langsam zurück. „Das soll Euch Gott verzeihen... Ihr habt kein Herz... alle Schuld der Frau geben... genau so, wie er es mit der eigenen macht..." riefen sie durcheinander. „Eure arme, brave Frau l" schrie eine von ihnen und begann laut zu weinen. Beinahe rasend schlug Strouhal die Thür zu. Dann stellte er Lcbeda als Posten hin und heizte selbst für ihn die Maschine. Inzwischen wurden unten im Aschenkanal die Ueberreste von Stybliks Leiche auf eine schnell gezimmerte Bahre gelegt. Sämtliche Beamte waren zugegen, so daß von den Arbeitern kaum einer wagte, näher zu treten. Dann wurde alles mit einer Decke verdeckt, und die Bahre in Begleitung des Fabrikwächters und eines Beamten nach der Totenkamnier geschafft.-- Gegen Morgen wurde es ruhiger. Aber in der ganzen Fabrik wurde von nichts anderem gesprochen als von Styblik. Alle Frauen ohne Ausnahme bedauerten die Witwe. Im Kesselhause selbst betrauerte man allerdings nur Styblik. Trotz seiner Trunksucht hatten ihn alle gern und fühlten Mitleid rnit ihm. Hladik, der alle Augenblicke stehen blieb und auf seine Schaufel sich stützte, war keines andern Urteils fähig, als daß er ein über andermal sagte:„Daß er das Faultier nicht fortgejagt hat!" Diese Worte wiederholte er immer»vieder. Strouhal ging im Kesselhause hin und her und schwieg. Heute gab es der Eindrücke viele, die auf ihn eingestürmt waren. Der eine verdrängte den anderen, um von einem dritten abgelöst zu werden. Er hatte von alledem bereits Kopfschmerzen bekommen. Immer mußte er jetzt an Styblik denken. Alles das, was er noch vor wenig Stunden mit ihm gesprochen, kam ihm ins Gedächtnis znrück! Er erinnerte sich, das er ihm der- sprachen hatte, mit ihm über seine Angelegenheiten am Morgen auf dem Heimwege sprechen zu wollen. Er wußte auch, was er ihm sagen wollte. Zureden wollte er ihm, daß er aus der Höhle, die er bewohnte, ausziehen möchte. Daß er mit den Kindern das Weib verlassen möchte, das doch an all seinem UiigUick, an seinem Untergang schuld war. Er wollte ihn belehren, daß solche widerliche Häuslichkeit Leib und Seele ruiniert und für einen Arbeiter das schlimmste Gift ist. Daß solche Verhältnisse unfehlbar zum Verbrechen, zu einer 5lata- strophe führen, daß die armen, unschuldigen Kinder unrettbar darin zu Grunde gehen müßten. Dann begann er zu überlegen, was nun mit Stybliks Kindern geschehen sollte, er kam jedoch zu keinenr Ende damit. Es war ihm zu Mute, als wandelte er durch eine sumpfige Gegend, aus der kein Ausweg zu finden war. Es ermüdete ihn furchtbar. Er wollte sich der Gedanken entschlagen und an etwas anderes denken, aber so viel Mühe er sich gab, immer kam es ihm wieder in den Sinn, was nun aus Stybliks Kindern werden sollte. Er sah sie vor sich, klein, halb nackt und es schien ihm, als ob sie ihn mit ihren traurigen Augen ansähen, vor ihm mit gefalteten Händchen niederknieen ivürdcn— und dabei sah er immer noch keinen Weg aus dem Sumpf, in den die armen Würmer immer tiefer versanken. Es sind drei kleine, blasse, abgemagerte Kinder- köpfchen... aber jetzt sind es mehr, andere Kinder treten zu ihnen, auch so blaß und mager und zu den drei Paaren er- hobenen Händchen gesellen sich nun vier andere... Oh, er kennt sie, er kennt sie wohl... Das sind ja die Kinder seines Weibes... und... auch sie versinken, auch sie sind dem Untergange nahe... Strouhal schlug die Augen, die ihm vor Ermüdung zu- gefallen waren, gewaltsam auf und sah erschrocken um sich. Verschwunden waren die Kinder, verschwunden das grausige Bild, er sah nichts als die roten Mauern des Kessel- Hauses, die mit Stroh umwickelten Röhren, die Ventile und die schwarzen Kesselstirnen. Kein Kindergejammer drang zu ihm, nur der gleichmäßige Gang des Punipiverkes erfüllte den Raum mit seinem dumpfen Geräusch. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Sie war feucht. Eine schwere Last lag ihm auf der Brust, und der Kopf drehte sich mit ihm herum. Die Kinder wollten ihm nicht aus dem Sinn. Aber nicht mehr Stybliks Kinder, nein, die seinigen waren es. „Gleich morgen gehe ich nach Trnchlin..." Schon vor sechs Uhr hat sich Strouhal angezogen, und kaum daß der zweite Oberheizer, der die Tagesschicht hatte, angekommen, verließ er die Fabrik und eilte nach Hause, um sich anzukleiden und sein Weib zu holen. Kaum daß er dem Kameraden Auskunft gegeben, was mit Styblik geschehen sollte. Als er hinaustrat, war es noch finster. Draußen herrschte eine trockene Klälte. der Schnee war zwei Zoll hoch gefallen. Rasch ging er um den Schornstein herum und schritt an den hellleuchtenden Fenstern vorüber zum Rübenhaus, vor dem vier Wagen mit Rüben standen. Er ging um sie herum und trat durch die Pforte ins Freie und auf die Straße. Dort standen in einer endlosen Reihe andere, mit Rüben gefüllte Wagen. Die Rufe der Knechte und das Knallen ihrer Peitschen unterbrach die nächtliche Stille. An der Straße entlang zog sich auf einer Seite ein noch junger Wald. Strouhal bog von dem Wege ab und ging am Rande des Waldes entlang. Er eilte seinem Hause zu, dem verödeten Hause, das er so sehnsüchtig zu beleben und zu bevölkern wünschte. VII. Zwölf Stunden früher, um sechs Uhr abends, hatten die Arbeiter in Truchlin die Zuckerfabrik verlassen. Ganze Trupps von ihnen steuerten von der Kanzlei direkt auf die Kantine zu. Es war Montag, und somit in Truchlin der Zahltag. Ein Gemisch der verschiedenartigsten Stimmen drang aus der Kantine und hallte über den weiten Fabrikhof. Es waren jugendliche, frische Stimmen, aber auch alte und brummige dabei. Vor der Kantine standen Frauen und Mädchen, die auf ihre Männer, ihre Väter oder Brüder warteten. Ab und zu blickten sie durch die Fenster hinein, wo die Männer in Gruppen um einzelne Tische saßen oder standen, auf denen das Geld lag. Da hatte einer mit der Faust wuchtig auf einen Tisch geschlagen, daß die Geldstücke in die Höhe sprangen, während ein anderer die Hand seines Nachbars wegschob, die schon nach dem Gelde greifen wollte. In Truchlin war immer Mangel an kleiner Münze, so daß die Arbeiter nicht einzeln, sondern gruppen- weise, wie sie auf einer Station zusammen waren, ausbezahlt wurden. Unter den Frauen, die vor der Kanfine warteten, fiel eine hochgewachsene kräftige Gestalt besonders auf, die inmitten des Haufens stand. Sie wickelte gerade das empfangene Geld in einen Zipfel ihres bunten Taschentuches. Am Arm trug sie einen Korb, und ihr wollenes, grün und rot ge- würfcltes Tuch war über der Brust kreuzweise gelegt und im Rucken geknüpft. Auch sie trug nur leichte Kattunröcke, tvie die anderen. An den Füßen hatte sie grobe Schnürschuhe, aber keine Strümpfe. Ihr Gesicht zeigte, soweit man es unter deni dicken Tuch unterscheiden konnte, schöne Züge, ob- Wohl sie gewohnheitsmäßig die Stirne in Falten zog. Ihre Wangen waren jedoch bleich und eingefallen. Man konnte sie recht gut betrachten, da sie gerade im Lichtschein einer Laterne stand, die vor der Kantine brannte. „Also Ihr seid heute zum letztenmal mit uns, Strouhal," wandte sich ein ältliches Frauenzimmer an sie. Die Frau blickte sie an und sagte ruhig:„Ich gehe nach Hause." „Da habt Ihr aber nicht lange mit Eurem Manne getrotzt?! Ihr hattet gedacht, er werde Euch schnell wieder holen, aber er scheint keine große Sehnsucht nach seiner„Alten" gehabt zu haben." Die Frau gab keine Antwort. Sie steckte das Tüchel mit dem Gelde in die Rocktasche und drängte sich durch den Haufen. „Also lebt hier wohl, alle mit einander!" rief sie ihnen zu. „Na. nu. was eilt Ihr so auf einmal?"„Er wird sich schon noch gedulden."„Wartet, ich gehe mit Euch." riefen die Frauen durcheinander. Die Angerufene blieb jedoch nicht stehen, sondern eilte, hinaus zu kommen. Am Rübenhause traf sie die Mädchen vom Boden, denen der Bodenmeister soeben das Geld aus- gezahlt hatte, und die nun unter lustigem Geplauder der Pforte zustrebten. Es waren keineswegs nur junge, zu jedem Scherz aufgelegte Mädchen, die einander jagten und neckten. Strouhals Frau traf an der Pforte mit ihnen zusammen. Dort hatte der Pförtner ein Stäbchen. Nun stand er draußen und ein jedeS von den Mädchen trat vor ihn und blieb stehen. Er fuhr einer jeden von ihnen mit den Händen dicht am Körper entlang, blickte in die Körbe und Töpfe und machte bei jeder eine scherzhafte Bemerkung. Frau Strouhal war die erste, die hinausging. Der Pförtner reichte ihr die Hand und steckte ein kleines Paket in ihren Korb. „Für die Kinder, auf den Weg", bemerkte er. Die Frau dankte.„Und gehabt Euch hier alle recht wohl!" fügte sie bei und schlüpfte hinaus. Schnell lief sie die Straße entlang nach der Richtung, wo zwei große, erleuchtete Häuser standen, die kaum ein paar hundert Schritte von der Fabrik entfernt waren. Es waren die beiden Truchlincr Arbeiter- Kasernen. Die beiden Häufer reichten kaum für die Arbeiter der Tnichlmer Fabrik. Die Strouhal wohnte bei den Czermaks, die eine geräumige Stube inne hatten. Die Frau Czcrmak selbst arbeitete nicht in der Fabrik, sondern blieb den ganzen Tag zu Hause, kochte für die Arbeiter, die hier wohnten, und besorgte alle Hausarbeiten. Aus diesem Grunde wurde auch die Strouhal hier einquartiert, damit die Kinder nicht ohne Aufficht blieben. Der alte Czermak sowie der achtzehnjährige Sohn Ferda hatten gerade die Nachtschicht. Die Strouhal wußte es, daß sie die beiden zu Hause nicht antreffen würde, und war froh darüber. Sie waren ihr beide verhaßt, namentlich der Ferda, der ein Grobian war und in ihrer Abwesenheit die Kinder schlug. Die armen Kinder! Alles- Reden war hier vergebens, und so verhielt sie sich ruhig und weinte nur still, um nur jedem Zank aus dem Wege zu gehen. Streitereien hätten sie nur mit der Czernmk entzweit und den Kindern nichts geholfen. Je näher die Frau an die Häuser kam, desto deutlicher vernahm sie zankende und schreiende Stimmen. Das Herz begann in ihr schneller zu schlagen, und unwillkürlich beschleunigte sie ihren Schritt. Vor dem Hause standen einige Frauen. „Na, bei Petruschs gehts heute wieder lustig zu," be- gaunen sie ihr zu berichten. „Er kam wieder ohne einen Kreuzer nach.Hause," erklärte eine von ihnen.„Alles was er bekommen hatte, war er schon in der Kantine schuldig. Selbstverständlich hat sie ihn richtig empfangen, und so war gleich Feuer auf dem Dache." „Was hat die Arme davon? Prügel, nichts als Prügel und die Kinder auch", bemerkte eine andere. „Na, das sollte mir passieren!" drohte eine dritte mit der Faust,„ich würde ihm zeigen, was es heißt, den ganzen Ver- dienst zu vertrinken!" „Seid so gnt und mischt Euch mich noch hinein? Laßt sie das mir unter sich allein ausmachen." lFortsetzung folgt.) SonnkÄgsplsudevei. Einer unserer polizeilich unbekanntesten und deshalb belvährtesten schweren Junge» liebt es, seine Anschauungen über Welt, Menschen imd Dinge in seiiien Mußestunden niederzuschreiben. Der Mann gehört unheilbar zu den denkenden Künstlern semer Zunst. An einem Versammlungsabend des Vereins unabhängiger schwerer Jungen hat er unlängst einige von seinen Betrachtungen unter großem Beifall vorgelesen— sein dankerfülltes Auditorium stiftete ihn, einen Ehrendietrich—, und da es immerhin von Interesse ist, die Vorgänge des Tages auch einmal in solcher Beleuchtung zu sehen, sei einiges aus dem Notizbuch dieses erfolgreichen Zeitgenossen wiedergegeben. ... In der Universität ist* es jetzt riesig gemütlich. Ein Professor liest dort über die Prostitution. Na, übrigens war das, Ivos der Profeffor sagte, sehr langweilig. Aber die Studenten waren lustig. Jedesmal kam nämlich eine bejahrte Atadame hin, und wenn sie eintrat, ging ein Höllenspektakel los, mmi pfiff, johlte, scharrte— einfach schneidig. Ich schwang mich bald zum geistigen Führer auf und kommandierte den Spektakel. Es war tadellos und dabei ganz umsonst. Im„Lokal-Anzeiger" stand dann zu lesen, die Studenten hätten wegen ihrer zarten Sittlichkeitsbesaitung gegen die Amvesenheit einer Frau bei so'nem interessanten Stoff protestiert. Blödsinn. Ich habe dem Blatt eine Berichtigung gesandt, die es aber nicht aufnahm: eme solche Unanständigkeit ich abonniere jetzt auf die „Staatsbürger-Zeiwng*. Warum die Studenten randalierten,, haben sie mir selbst erzählt, als wir zusammen„Zur strammen Esmeralda" in der Elsasserstraße kneipten. DnS Weib war ihnen zu a l t I Sic hatten bei dein Direktor der Universität petitioniert, ob sie nicht in die Vorlesungen ihre Mädchens mitbringen kömiten. Der Kultusminister hat's aber verboten, und darum krakehlten sie. Recht hatten sie; das war Notwehr, wie mein Freund Eniil vor Gericht zu sagen pflegt. wenn er'n bißchen jemand mit dem Messer gekitzelt. Was sollte die alte Frau, die von nichts'ne Ahmmg hatte, bei dem Bortrag, während dir Sachverständigiimen ausgeschlosie» wurden! Das war eine empörende Parteilichkeit, und es war eine sittliche Pflicht, wie der Posadolvstt) so schön sagt, dagegen mit aller Energie zu protestieren. Das Ergebnis meiner wissenschastlichen Studien waren bisher sechs Wintermäntel. •~• • Wir find jetzt alle für die Flotte. Sämtliche Kellnerinnen tragen Matrosenanzüge. Man reißt die feinsten Witze über Panzer- schiffe, Bemanmmg, Anker lichten usw. Auf der Straße tragen nicht nur die Kinder, sondern auch erwachsene Frauenspersonen Matrose»- mühen. Deutschland kommt nun endlich aus der Philisterci heraus. Ich habe schon als Junge nur die Jndiancrgeschichtcnvücher gemaust. Und als ich dann nach Amerika wollte und mit den Spargroschen meines Alten ausrückte, fing man mich ein und schickte mich in die Besserungsanstalt, um mir das abenteuerliche Gemüt abzugeivöhucn. Heute ist das alles anders. Die gelehrtesten Leute beweisen, daß Deutschland eine Weltmacht iverden muß und auf der ganzen Erde umhergondcln soll, das Abcntencrliche ist jetzt da? Ideale. Ich will umsatteln und den Fidschi-Jnseln Kultur bringen. Früher nannte man das Seeränberei: aber das Handwerk ist noch eben so fidel, ivenn uion's auch anders nennt. Roch drei gediegene Einbrüche mid ich habe das nötige Anlagekapital für meine Beteiligung an der Wcltpolitik. » Hurra! Heute haveu's die Roten mal ordentlich gekriegt. Die Bande, die verlangt, daß jeder Mensch arbeiten soll! Das ist das reine Zuchthans, und ein anständiger Dieasch ist doch froh, ivcun er heraus ist. Bei den Stadtverordneten- Wahlen sind sie cklich rciu- gefalleu. Eigentlich kann ich die Juden nicht leiden, aber seitdem sie den Antisemiten beistehen, habe ich mich niit ihnen versöhnt. Irl) kann eS wahrhaftig jetzt über mich gewinnen, mich bei Juden nächtlich Vcschäsligmig zu nehmen. Bisher war es mein Grundsatz, nur bei Stammcsgenosscn Hausfiichungcn zu vcranstallen. Heute ist es mir recht klar gclvordeu, wie schlapp die Deutschen geworden sind. Gar keine Begeisterung mehr l In der letzten Nacht nahm ich neben anderen guten Dingen einen alten Schmöker mit. Darin standen die Berichte über die Fraickfnrtcr Reichs Versammlung aits dem Jahre 18-18. In der 79. Sitzung zeigte der Vorsitzende die für die Kriegsflotte eingegangenen Beträge au. Ich habe Thrünen gelveint. als ich diese Beweise großherzigen Opfcrstnus las: 333 fl. 50 kr. Ertrag einer Sammlung unter de« Deutschen in Rom, worunter 35 fl. 9 kr. von dem daselbst bestehenden Verein deutscher Handiverker und Arbeiter. 14 fl. 47 kr. sowie zwei silberne Pfeifenbeschläge, zlvci silberne Löffel und ein silbernes Pfeifcnbeschläg, Beisteuer mls Rcckarsnlm. 50 fl. Beitrag von hundert Handlverkern der Grenzstadt Bozen in Throl. 130 fl. Ertrag einer von zwei Jung fra neu. Minna Pfeiffer und Amalie Riegcr in Nürttngeit lWürttemberg) ver- anstaltetcn Lotterie. usw. usw. O, heute gießt es keine Juugfeaucn uiehr. Ich aber>viN zeigen, wie man seineu Patriotismus durch die That erhärtet. Ich schrieb an die„Norddeutsche" einen Brief, in dein ich mich verpflichtete. zehn Prozent meines Einkommens für die Flotte abzuliefern, ich schickte gleich einen schönen blonden Zopf mit, den mit Hilfe meiner Schere ein bei mir vorübergehendes Piädchen auf dem Altar des Vaterlandes opfern durste. Einen schönen Erfolg hatte die Sauunlruig in unserem Verein: K filbcrne Löffel, 1 vergoldeter Suppenlöffel, i Pelz. 1 Fischmesser, 1 goldene Uhr, 1 Kammgarnrock, 2 Paar fast neue Schaftstiefel und 60 Pfge. in bar. »• « Mein Freund August, der abgefaßt wurde, als er den Geld- schrank beim Kommerzienrat Cohn öffnete, erklärte heute vor Gericht. er habe nur die Absicht gehabt, den reichen Geizhals zu einem Beitrag für die Fkottensammluug zu zlvnigen. August ivnrde mit Glanz freigesprochen und Cohn zu einer Buße von 1000 M., zahlbar an August, verurteilt. Eine veriuhiftige Auffassung der Weltlage beginnt sich Bahn zu brechen. «» » Jahrtausende hat der Nberglmtben auf den Völkern gelastet. Immer galten Leute meines Wesens als Abschaum und Hefe. Plötz- lich aber Ivird es licht nnd leicht. Mau erkennt die ganze Nichts- Würdigkeit eines gesetzlich-fricdsamcn Lebenswandels, und das Wer- brechen steigt ruhmbcstmizt ans den Thron des Lebens. Sein heißt fündige», leben heißt freveln, und des Daseins Güter höchstes heißt der Mord. Die geborenen und begnadeten Führer der Station— das find wir, nur wir. Ich muß anerkennen, daß einer, der nicht gerade zu nus gehört hat. es gewagt hat, diese so schlichte mid doch welterlösendc Weis- heit auszusprechen. Die„Deutsche Zeitung" hat das herrliche Wort von der Schönheit des Krieges gesprochen, wie der Krieg reine Berg- lnst sei gegen den Stickdunft des ewigen Friedens, wie er den Glanben an den hohen Berus der Menschheit stärke. Das ist zwar noch nicht die volle Erkenntnis. Der Krieg hat etwas Unfcincs, weil er ans Massen Wirkungen abzielt; er berück- fichtigt nicht das Individuelle, das Persönliche,»nd außerdem läuft man Gefahr, selbst seine Individualität mitten in der hoffimugs-- vollsten Euttvickluug einzubüßen. Darum ist der Eiuzelmord das Höhere, das Höchste. Ich habe das früher schon dunkel geahnt. Aber ich hatle doch keine rechte Traute zu diesem Höchsten! ich war befangen in der dumpfen Blutmigst der Sklavcnseele und übte mein Stemmeisen lieber an Schrankihürcn, als an Schädcldcckcu. Die Offenbarung der„Deutschcli Zeitung" hat mein BcNmßtsein gefestigt. Ich weiß jetzt, was ich mir schuldig bin, schuldig den: hohen Berus der Mensch- heit und der Weltuiachtftelluug des Deutschen Volkes. «» * Die Auslassung der„Deutschen Zeitung" hat in unserm Verein einen mibeschreiblichen Jubel hervorgerufen. Der Heraus- gcber des Blattes, Friedrich Lange, wurde zum Ehrenmitglied, feine Zettnng zu iinseri» Vereinsorgau ernannt. Ich selbst bin an der Spitze einer Deputation des Vereins unabhängiger schwerer Jungen bei dem tapferen und weisen Manne gewesen und habe ihm eine Adresse überreicht. Lange war sichttich überrascht und tief bewegt. Er dankte für nnser ehrendes Geschenk und beschwor uns in feurigen Worten, immer mir deutsch zu fühlen, deutsch zn handeln und die „Deutsche Zeitung" zu aboiinicrcu. ES Ivar eine Erinnerung für mein ganzes Leben. »• • Ich stehe auf der Höhe maiinS Lebens. Ich habe heute einem Mitglied dcS Fricbensvereins und wüsten Flottenfeind mit einem Küchenmesscr ebenso sorgfältig wie gründlich den Hals abgeschnitten. Welch' erhabener Momeut! Der Stickdunft weicht. Ich arme Bcrglusr. Dank, Friedrich Langt. Ich glaube an dc» hohen Berns der Menschheit. Ich bin glücklich... Joe. Kleines Feuilleton. g. Die Tochter.„Und ick, leid's nicht l ein für allemal ich leid's nicht „Na, und warum denn nich 2" Sic stellte nicht ciimial das Abendbrot beiseite, gleichmütig kaute sie an der dicken Schmalz- stulle weiter. Er stand ans und ging im Zimmer umher:„Er bringt Dich in's Gerede. Ueberhaupt so'n Beugel, was liegt Dir denn an den? Denlste denn, er heiratet Dich? So'n Buchhalter'n Fabrik- mächen 2 Fällt ihm ja gar nicht ei»,'ne dumme SimnzicHcrci— das ist das Janzc." „Na und wenn schon,"— sie warf trotzig den Kopf zurück,— „denn ist's auch noch so. Beirigstens macht er mir aber's Leben anjcnehm und man kriegt mal>vas zu sehen und hat'n bißche« Vergnügen und was Hab' ich denn sonst? Arbeet nnd Arbeet und zu Hanse sitzen... Tu jiebst mir ja nischt." „Und vor ffo'n bißchen Vcrjnüje» reunste in Dein Unjlick!" „Ach Jatt, Unjlick— wie Du det jleich nimmst, Vater. Ich amüsier' mir ja man bloß, im wenn de Leute reden. Iah je doch— was ich mir dafor koofe l" „Na und ich leid's nicht! Merk' Dir's!" Er schlug mit der Faust ans den Tisch...„Nu, was soll denn das heißen? Wo ivillste dculi noch hin?" Sie war ailtgestandcn und vor den Spiegel getreten. Die Hände in die Seiten gestemmt, iviegte sie sich wie im Tanz ein paarmal hin und her, dann»ahm fie den kleinen cnglischeli Hut vom Nagel und drückte ihn in die hochgebraiiiitcn Locken. Er wiederholte seine Frage, seüic Stimme zitterte:„Wo willst« denn hin?" Sie knöpfte das fadenscheinige Wiiitcrjäckchcn zu:„Fritz erwartet mich mir Moritzplatz.>vir wollen in n Eirkus. Na, nn denn adjc." Sie ging nach der Thür. „Hier bleibste",— er trat ihr in den Weg,—„haste nich gehört, was ich Dir eben jesagt habe? Gehorchen wirfte— ich bin Dein Vater — gehorchen wirst c... Du... Du"... „Na sagt mal, wat is denn los?" Sie fuhren beide zusammen bei dem Klang dieser Stimiue. Das Mädchen benutzte diescu Moment, wo er sie freiließ, mn durch die Thür zu schlüpfen, er wollte ihr nach, die alte Frau faßte ihn am Aeruiel; „Na Vater, wat haste deim man? Laß' doch det Mächen jchu." Mit eiacin dumpscii Aufftöhnen warf er sich ans den morschen Brcttcrstuhl und stützte den Kopf in die Hand:„Und Dil redst noch zu? Du?" Sie begann das Nähzeug, das auf dem Tisch herumlag, auf- zuräumeu:«Ja, lvaS soll ich denn machen, Vater, Ivo se doch so sehr viel for uns thut?... Sichste."— sie setzte sah neben ihn,— „steh sie, ich Hab ja auch manchmal so'ue Bange— aber wenn ick unschclte? Denn läuft se wonniglich jauz weg. Na, uu wat mach'n wir denn? Sichste, se is doch wirklich sehr anständig und jiebt mir jeden Sonnabend ihre zwee Dahlcr, trotzdem se selber nur drei ver- dient... wenn det im aufhört? Denn kmm unsc klein Lieschen wieder urorjeus Zeitungen tragen, und der Doktor sagt doch, dat is ihr Dot— na, nnd Du mußt doch nächstens auch wieder Pause machen bei Deinem Husten."... Der Mann antwortete nicht, seine Hände krampsteil sich zusammen, seine Augen starrten, als sähen sie ein Gespenst, das immer greifbarere Formen annahm....„Uu— nn wenn im'n Unjlick passiert?" „Jott es wird ja—»ich." Die Frau wurde blaß.«Ick nehme se mir ja doch alle Doge vor mrd sage ihr— Trude, meiuetwejen amüsier Dir— ick kann Dir nischt zujebeu, aber mach uns keeuen Kunmier nich. Uu se hat auch jesagt— Mutter, hat se jesagt: brauchst kceirc Angst zn haben.... Ach je ja— ick sage"— sie stand ans und begann von ne»c,u im Zimmer aufzuräumen— „Ja, da reden se immer, wir Arbeiter verständen nischt von de KindererziehlUlg, ja woll, erzieh' Du man de Jähren, wenn De von ihnen abhängig bist. Wenn ick man Jeld hätte oder Du so ville verdienst, daß wir leben kömiteu, denn tvoltt' ick anders dazwischen fahren.... Na, Vater, im kouun man zum Abendbrot; ick Hab' Dir auch'n paar Kartoffelpuffer jebacken." Aber er kam nicht, er saß noch immer und starrte nud starrte, und nur ein verhaltenes Schluchzen kam über seine Lippen:„Wemi's man kein Unjlick jiebt— o Gott nee— wcnn's man lein Unjlick jicbt."-- Mnsik. Was ans dem Gebiete des O»artet tspiels einst(1866—1894) die „Florentiner" mid später(TOer Jahre) die„Kölner" waren, das dürften jetzt die„Böhmen" sein. Von den erstgenannten, imter Führung I. Beckers, weiß ich nur mehr über Miiteilniigcn begeisterter Hörer zu berichten', den Primarius der„Kölner", Stöbert Heckinmin den Frübverstorbenen. an der Spitze seiner Partner gehört zn haben, ist eine unserer schönsten Erinnerungen. Was war das für ein Temperament; welche im besten Wortfinn romantische Ergänzmig zu der»ichr klassische» Spielweise der Hcllmesbergers in Wie» und der Joachims in Berlin! Nun spielt Karl Hoffmann mit den Seinen, als„Böhmisches S t r c i ch g u a r t e t t", zwar Ivohl nicht wie ein Heckmann, aber doch so, daß unsere Klagen über Tempcramclitarnntt der gegenwärtigeil Quartett fpiclcr vor diesen Leistungen verstummen können. Wie es schon im vorigen Jahr au dieser Stelle hervorgehoben ivnrde: die„Böhmen" verzichten ans die billige Zirrückhaltiuig und geben jeder Stimme ihr Recht. Jene Zurnckhalinug fällt ftir ge- ivöhnlich am meisten beim Bratschisten ans', hier hingegen spielt gerade dieser(im Gegeusatz zur gewöhnlichen Anordnung vorne postiert)„wie ein Teufel". Und doch ivar das Ganze ein echt kammemnlsilakischeS Znsammenspiek. Speeiell für dieses paßte der mitwirkende Klavierspieler E r n e st o C o n s o l o: er spielt als der richtige Fünfte in diesem Bund, und ivenn er auch vielleicht nicht zu den großartigsten Klavierspieler» gehört. so steht er doch zn den meisten von dicscii in einem analogen. nur umgc- kehlten BerhälttiiS, wie die Böhmen zn anderen Quartett- streicher» stehen; er thitt nicht zu viel, so ivie die„Böhmen" nicht zu iveuig thun, mid er versteht es wie nicht bald einer, den Ton ans dem Klavier„heransznziehen". Natürlich bekamen wir von den Fünfen einen Tvorükzu hören: daS längst allerkannte Klavierqnintett, das freilich mit seinen dielen weniger vornehmen, fast kinncfjartigc» Parlicn Misere Hochachtnng vor diesem Komponisten nicht evcn noch steigern konnte. Ein Zufall— nein, kein Zufall— liest uns bei einem neuerlichen Gang i»S Populäre Philharmonische wieder auf einen anderen Modckomponisten stoße», auf Tschaikowsky lD- moll- Sinfonie): und als wir bei den. Herren Barth usw. das vielleicht bedeutendste Kammcrmnsikwerk der Nachromantiker-Zeit, das geisterhafte B-moll-Trio des immer noch nicht genug aus- gekosteten Volkman» wieder nial hören wollten, kam uns der Klavicrrcformator Moser dazlvischcn. Eine Erneuerung der Klavier- Kammermusik, wie sie vielleicht von hier aus zu erhoffen ist, würde uns allerdings notthun und wohlthuu. schon um die Solobummelei auf dem Klavier durch einen weiteren Dienst dieses Instruments im musikalischen Ganzen zurückzudrängen.— sz. Anthropologisches. — Den Gewichtsverhältnissen der Neugebore- neu in den ersten LebcnStagcn und den Ursachen der Gewichts- abnähme hat Gundling eine Dissertation gewidmet. Danach verhalten sich die Kinder von Mehrgebärcnden in jeder Hinsicht günstiger als Primiparen. Knaben haben ein größeres Anfangsgewicht als Mädchen. Von den Kindern Erstgebärender haben am zweiten Tage 36 Proz., von denen Mehrgebärender au demselben Tage 53 Proz. das kleinste Körpergelvicht. Der Gewichtsverlust ist bei den Mädchen weniger groß als bei den Knaben. Die Dauer der Abnahme ist bei Knaben wie bei Mädchen wesentlich dieselbe. Am 16. Tage hatten von den 120 Kindern, die Verfasser unter- suchte, nur 15 Proz. das Anfangsgewicht, am neunten Tage 51 Proz. dasselbe erreicht. Sotvohl bei den Schädellagen wie bei den Becken- endlagcn fällt ans, daß die Gewichtsabnahme von einem Tage zum andern keinesivegs eine gleichniästigc ist, sondern daß ganz beträcht- liche Unterschiede bestehen. Diese Erscheinung läßt sich nach Gundling nur durch einen mehr oder weniger reichlicheil Abgang von Kindspech und auch noch dadurch erklären, daß das eine Kind vor dem Wägen gerade gestillt ivar, das andere nicht. Dann macht man die Wahrnehmung, daß solche Kinder, die gleich im Anfange bedeutende Verluste zeigen, nachher weniger abnehmen, und umgekehrt. Sicher scheint bei allem festzustehen, daß das Kindspcch die Hauptursache her Gewichtsabnahme der Ncugcborcuen ist.—(»Globus.") Aus dem Tierleben. — Wie komnrt das Meckern der Bekassine zu stände? Wir lesen darüber im„Prometheus": Diese seit Anfang dieses Jahr- Hunderts von Jägern und Vogelkundigen viel umstrittene Frage hat jetzt durch Rohiveder in Husum, einen Mitarbeiter an der revidierten Ausgabe der großen Naumannschen Naturgeschichte der Vögel Mittel- europas, ihre endgültige, weil ans experimenteller Grundlage be- ruhende Lösung gesimden. In alten Zeiten zerbrach man sich über daS Zustandekommen des bei dem Balzspiel unserer Bekassine gehörten sonderbaren Lautes nicht weiter den Kopf, stellte gar nicht diese Frage, sondern hielt eS für selbst- verständlich, daß der meckernde oder wiehernde Toir aus der Kehle des Vogels stamme. Dem entgegen behauptete der ältere Naumann im Jahre 180t, daß das Meckern mit den Flügeln hervorgebracht werde. Diese von seinem Sohne, dem berühmten Johann Friedrich Naumann, in dem vorhin genannten Werke begründete„Mecker- theorie" vcranlaßte einen vicljährigen Streit über die Frage, ob der Balzgesang der Bekassine als' Vokal- oder Jnstnuncntalmusik aufzufassen sei. Die Uneinigkeit Ivurde noch größer, als Professor Altum im Jahre 1855 die Behauptung aufstellte:„ES ist weder die Stimme,»och sind es die Flügel, welche den To» hervorbringen, der Schtvanz ist das Instrument", ein Satz, der später dahin modifiziert wurde,„daß nur die äußerste Schwanzfeder die tönende Zunge sei". Damit waren die beiden alten Theorien, die der Volksanschauung und die Naumannjche, sozusagen abgethan, und die Mehrzahl der Öniithologen und Jäger Ivaren seitdem Anhänger der Altumschen Theorie. Durch direkte Beobachtung hatte Ober- lehrer Nohtveder festgestellt, daß die Intervalle in de», Mcckerton nach Geschwindigkeit und Zahl genau mit den Zuckungen der Flügel übereinstimmen, und darrnis die Ueberzeugnng gewonnen, daß der durch die Schwingungen der Schwanzfeder» erzeugte Ton seine Modulation durch die Bewegungen der Flügel erhalte. Diese Voraussetzung veranlaßte ihn, einen praktischen Versuch anzustellen, der am 23. September dieses Jahres in der Hauptversammlung des Husumcr Jagdklubs in folgender Weise wiederholt wurde: Erstens ivurde mittels eines Blasebalgs ein starker Luftstrom unter den Flügeln hindurch auf die seitlichen Schivauz- federn einer ausgestopften und im Balzfluge dargestellten Bekassine geleitet. Sofort entstand ein zusammenhängender Ton. der in Höhe und Klangfarbe mit dem Balzton der Bekassine voll- kommen übereinstimmte. Mit Auge und Ohr ließ sich deutlich erkennen, daß nicht nur die äußersten Schwanzfedern, sondern auch die folgenden und besonders die dritte und vierte jederseits, diesen Ton durch ihre Schwingungen erzeugten. Durch kurzes Aufschlagen mit den Fingern auf die Oberseite der Flügel ahmte Rohtveder zweitens die Flügelzucknngen nach. Der Ton behielt seinen Charakter: seine Gleichmäßigkeit aber wurde durch Schwcbungen(Intervalle) unterbrochen, die genau dem bald rascher, bald langsamer ausgeführten Auffchlag der Finger ent- sprachen. Das' Gesamtergebnis Ivar ein in' allen Einzelheiten täuschend nachgeahmtes Bckassinenmcckern. Nach diesen Versuchen erklärt sich die Balzmusik der Bekassine folgendermaßen: Der Ton selbst wird durch die Vibration der seitlichen Schwanzfedern erzengt. die Tremnlation desselben durch die Zuckungen der Flügel bewirkt.— Ans dem Pflanzenlcben. — Uebcr das Eindringen der niederen Pflanzen in die Gesteine schreibt A. Manrizio in der Wochenschrift „Mutter Erde": ES ist sehr leicht zu demonstrieren, daß die Wurzeln höherer Pflanzen die Gesteine zersetzen können. Die Wurzeln ver- sehen die Pflanzen bekanntlich mit den unentbehrlichen Salzen. Diese sind im Boden in gelöstem Zustande vorhanden, und so steht der Aufnahme durch die Wurzeln nichts im Wege. Ganz anders aber auf felsigem Untergrund. Da könnten die letzten Endigungen. welche ans einen solchen Untergrund stoßen, ihre letzten Funktionen nicht vollständig erfüllen. Die saure Reaktion der Wurzeln kommt hier der' Pflanze besonders zu Gute, indem mit ihrer Hilfe an sich unlösliche mineralische Bestandteile in lösliche übergeführt werden. Von der Wirkung dieser sauren Reak- tion kann eine rauhe Gcstcinsfläche uns keinen Begriff geben. Legt man aber ein glatt geschliffenes Stück Mannor auf den Boden eines Blumentopfes und setzt ihn der Wirkung der sich an ihn bald eng anschmiegenden Wurzelcndcn ans, so wird man betroffen sein, nach kurzer Zeit den Verlauf derselben am Marmorstück scharf aufgezeichnet zu sehen. Durch die sauren Ausscheidungen der Wurzeln wurden alle Berührungsstellen matt, d. h. rauh, alle unberührten erscheinen nach wie vor glatt. Die Wurzeln der höheren Pflanzen korrodieren den kohlensauren Kalk und die Korrosion läßt sich sehr schön zeigen. Aehnlich dem großen Ncubilducr der Erdoverfläche, dem Wasser, be- teiligen sich also die Pflanzen an der Lösung, der Erzeugung von Rissen im Gesteine, die bei längerer Einwirkung zu wahren Rinnen sich erweitern können. Aehnlichc Korrosionserscheinungen bringen aber nicht nur die Wurzeln höherer Pflanzen hervor, sondern auch Bakterien, Algen, Pilze und Flechten. Sie sind alle an der langsamen„Ab- tragung der Berge" auf der Erde beteiligt. Insbesondere hatte man in letzter Zeit einige der gewöhnlichsten Pilze auf diese Eigen- schaft geprüft. Penicillium glaücurn, der gewöhnliche Pinselschimmel, Botrytis cinerea, Aspergillus niger, ein anderer verbreiteter Pilz, der namentlich Obst befällt, rufen ganz ähnliche Erscheinungen hervor. Man hatte Bruchstücke von Eiern, besonders hergestellte Dünnschliffe von Marmor, Kalk oder Knochen, auf einer Seite mit zucker- haltiger Gelatine bestrichen, während auf die anderen Seite Sporen der genannten Pilze zur Aussaat gelangten. Die Sporen keimten und durchbohrten die dünnen Platten in ganz gleicher Weise wie die pflanzlichen Membranen, in welche sie gewöhnlich eindringen, um aus dem Innern die Nahrung zu schöpfen. Die Ursache des Ein- dringens ist im chemische» Reize zu suchen, welcher von der Gelatine ausgeht. Die Pilzfäden würden, wenn sie allseitig von dem Nährmaterial umgebe» wären, in gerader Linie nach allen Seiten wachsen. Da ihnen aber hier nur jenseits der trennenden Wand Nahrung geboten wird, so müssen sie in der bestimmten Richtung wachsen, sogenannte chemotaktische Krümmungen vollführen. Daß dem so ist, liefert uns den besten Beweis die Thatsache, daß ein Durchwachsen nicht stattfand, wenn die Nahrung aus beiden Seiten der Platten, der auf der mit Sporen versehenen Seite geboten wurde. Wegen ihrer porösen Be- schasfenheit wurden Knochen schneller durchbohrt als Marmor- platte». Das Durchbohren selbst geschieht, abgesehen von rein mechanischen Drucklcistungen, hauptsächlich mit Hilfe der Kohlensäure, die auch nur an den Spitzen der Pilzfädcn wirkt. Die im Pflanzenreiche weit verbreitete Oxalsäure spielt nur eine nntcrgcordnctc Rolle. Der Gewichtsverlust von Kalk- und Knochenstücken durch Auflösen konnte mit einer genauen Wage festgestellt werden. Er war größer, wenn das Mycel diese Stücke direkt umspaun, als wenn dasselbe am Boden des Knltnrgcfäßes sich befand. Es war interessant, zu er- sehen, daß ein geringer Gehalt der Nährlösung an Chlornatrium die Korrosion begünstigte, indem die hierbei frciwerdendc Salzsäure an der Lösung des Gesteines sich beteiligte. Das Kochsalz ist eine der vcrbrcitctsteu chemischen Verbindungen und spielt wie hier, so auch bei anderen biologischen Prozessen eine hervorragende Rolle.— HmnoristischeS. — Frühreif. Oberkellner zum Piccolo:„Jetzt da schau her, verrechnet sich der Knirps schon l... D a z u bist Du doch noch zu jung. Du Schlingel!"— — Genau nach Vorschrift. In einem Trambahnwagen sitzen auf einer Seite eng nnciuander gepreßt fünf sehr korpulente, auf der andern sechs sehr magere Personen. Ein»euer Passagier steigt ein und will sich zu den letzteren setzen.—„Hier ist alles besetzt", rnst der entrüstete Kondukteur,„dort, auf der anderen Seite, sitzen nur fünf!"— — Vielsagend. Mutter:„Heute hast Du ja Deinem Manne zum erstenmal gekocht! was hat er denn gesagt?" Tochter:„Gesagt hat er nichts— aber so eigentümlich g' s ch a u t hat er!" � Verantwortlicher Redacrcur: Panl John in Berlin. Druck unv Verlag von Max Bading in Berlin.