Hinterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 241.' Somltag. den 10. Dezember. 189S cNackidnilk verboten.) Ehelenke Skvottszstl. 12� Erzählung von M. Zt. Sinräcek. Deutsch von Franta Häjek. (Schlusj.) Strouhals Rechte zerrte wieder an seinem Bart. Sein Atem war schwer und die Art. wie die mächtige Brust sich hob und senkte, ließ einen schweren Kampf in seinem Innern schließen. Es war ein ganzes Meer von wider- streitenden Gefühlen, das seine Seele aufwühlte. Sein Mannesstolz' kämpfte mit der Freude, die er darüber empfand, daß sein heißester Wunsch nun in Erfüllung gehen sollte. Den Zorn gegen das eigensinnige Weib dämpfte die zarte Rücksicht auf die Mutter seines Kindes. Seine angeborene Heftigkeit wurde gctvaltsam durch die Sorge verdrängt, was nun aus seiner Frau werden solle, was aus dem Kinde, das sie unter dem Herzen trägt, wenn er sie gehen läßt, in das Elend hinaus, in die Rot und den unausbleiblichen Mangel. In seiner Brust begann sich auch eine Stinune zu regen, die ihm sagte, daß die Festig- kcit, nnt der seine Frau auf ihren Forderungen bestand, doch etwas mehr sein dürfte, als eine bloße Weibcrlaunc und Eigensinn. Er wußte dem zwar keinen Namen zu geben, aber unwillkürlich empfand er eine gewisse Achtung vor diesem Charakter. Und dann— je mehr er sie so ansah, desto heftiger wurde sein Verlangen, den Mund, der ihm eine so frohe Botschaft verkündet hatte, mit heißen Küssen zu bedecken. Dahiil loav mit einem Male sein Stolz, sein Zorn und seine Heftigkeit. Er ließ' ihre Hand, die er immer noch fest- hielt, fahren, und sich liebevoll zu seiner Frau neigend, küßte er sie auf die Lippen. „Gleich will ich gehen,' gedulde Dich ü'ur ein Weilchen noch. Und sehe Dich zu mir her!" Er zog sie zärtlich an sich. „Warum hast Du es mir nicht gleich gesagt? Es brauchte zu all' dem nicht zu kommen.. bemerkte er weich, wie zur Entschuldigung. „Und warum hast Du für mich bei der Nehak abgesagt?" „TaS weißt Du ganz gkit. warum. Ich wollte doch nicht, daß meine Frau, die Frau des Qbcrh'eizcrs, sich wie eine Tagelöhnerin für ein Paar Kreuzer schindet." „ES ist ja bloß für die Kinder! Aber jetzt läßt Du mich schon, nicht wahr?" Strouhal lag schon wieder ein energisches„Nein" auf der Zunge, aber nach einem kurzen Schweigen erwiderte er:„Ja, ich lasse Dich." Aber in feinem Innern war es doch nicht still und fried- lich. Ein neuer Kämpf begann, aber ein anderer, als der frühere. Er begann zu überlegen, wie er es anstellen sollte, um dem Begehren seiner Frau zu willfahren, ohne seinen eigenen Standpunkt aufzugeben. Sie belehren oder.überreden zu wollen, wäre eine vergebliche Mühe gewesen, das wußte er schon zur Genüge. Sie in die Fabrik mitzunehnlen, wäre noch schlimmer gewesen. Das Bild der alten kranken Hladik stand vor seinen Augen. Gleichzeitig kam ihm der Gedanke, wie es dein armen Weibe gehen mochte, und er mußte un- willkitrlich an den Ausspruch des Arztes denken, daß sie den Frühling kaum noch erleben würde. 'Der Arzt! In Strouhals Kopfe begauuen die Gedanken sich zu kreuzen.---- „An was denkst Du?" fragte die Frau. Stroichal gab keine Antwort. Daun sprang er plötzlich empor und bemerkte: „Warte nur einen Augenblick, ich komme sofort wieder." Die Frau blickte ihn verwundert au. als er eilig den Rock anzog und die Mütze aussetzte. „Gehst Du zu Rehaks?" „Ja.' „Da brauchst Du Dich doch nicht anzuziehen?" „Ich habe noch einen Gang." „In die Fabrik?" „?tciii, doch gedulde�Dich nur, sollst es gleich erfahren." Und schon war er draußen. Sie blickte ihm durch das Fenster nach, und sah', Ivic er' direkt auf das Haus des Doktors zuschritt. Sich der müßigen Neugierde hinzugeben, war nicht die Art dieser Frau. Auch nicht, daß sie sich die Unterredung niit ihrem Mann nochmals vergegenwärtigt hätte, wie es die meisten Frauen in einer solchen Lage thun würden; alles das zog nur noch wie ein Traum an ihr vorüber. Sie empfand wohl die Wirkung, grübelte ihr aber nicht weiter nach, dazu hatte sie kaum Zeit, denn sie sah schon Arbeit in Hülle und Fülle, die ihrer harrte. Es that ihr wohl, zu»vissen,'daß sie sich ihr nun sorglos hin- geben konnte, ungestört, ungehindert und ohne vor der Zukunft erzittern zu müssen. Das machte sie glücklich. daS erwärmte. Von irgend einer Freude über den über ihren Mann errun- genen Sieg>var bei ihr keine Spur. Nur darüber war sie froh, daß er den unvernünftigen Hochmut hatte, fahren lassen, und sie ungehindert für ihre Kinder arbeiten dürfte. Sie begann, die Stube aufzuräumen. Es that auch Not, den Fußboden bedeckten noch die Scherben des zerschlagenen Geschirrs. Wie Strouhal nur so jähzornig sein konnte I Wenn jetzt jemand herein käme, was müßte er nur denken! „Bleiben wir hier, Mutterl?" frug Bartscha. „Kann ich mich wieder ausziehen?" meldete sich gleich darauf Betuschka. „Wartet noch, bis der Vater zurückkommt," gab die Mutter zur Antwort, ohne in ihrer Arbeit innezuhalten. Es dauerte etwa, eine halbe Stunde, als Strouhal endlich zurückkam. In der Stube war bereits alles aufgeräumt und nichts deutete mehr darauf hin, wie es noch vor einer Weile hier ausgesehen, auch die letzte Spur war verschwunden. Strouhal sah sich freudig um. „Warst Du bei Rehaks?" empfing ihn die Frau, indem sie ihn fragend anblickte. Nicht ohne stille Verwunderung nahm sie wahr, daß das ganze Gesicht des Mannes vor Freude förmlich strahlte. „Nein, noch nicht," beantwortete Strouhal ihre Frage. „Ich weiß etwas Besseres für Dich, als im Schloß zu schar- iverken." Voll Ungeduld wartete Strouhal, daß die überraschte Frau nun fragen würde, was es sei. Aber sie sah ihm nur ge- spannt ins Gesicht und schwieg. So mußte er also selbst fortfahren, indem er beiläufig fragte: „Du hast doch die Frau Bernard gekannt, die hier nicht weit von uns gewohnt hat?" „Sie ist gestorben, ich weiß es. Hladik hat es mir er« zählt, als er mich in Truchlin aufsuchte." „Ihr Heimwesen kennst Du auch?" .„Wie soll ich denn nicht?" „Der Doktor hat es geerbt." „Was weiter?" „Du weißt, daß er lcdig ist und kaum noch heiraten wird. Er hat das Heimwesew verpachtet." „Au weil?"..... „An niich." „Fünfzehn Joch Acker?" „Und fünf Joch Wiesen." „Zwei Kühe?" „Drei." Die Verwunderung der Frau wuchs. „Und Ivas damit?" «Für Dich... Dir sind meine fünf Joch und die Baracke zu wenig, darum willst Du inuner bei den Fremden in Arbeit gehen." Strouhal lächelte glückselig. Seine Frau begann zu begreifen. „Und wann hast Du es gepachtet?" „Soeben." „Im Ernst?" „Ja, glaubst Du mir denn nicht?" „Und ich gehe dennoch ins Schloß arbeiten!" „Warum?" „Wie sollte ich sonst eüvas für meine Kinder verdienen? Es bleibt mir sonst keine Zeit dazu übrig." Strouhal war aus eine solche Einwendung schon gefaßt und vorbereitet. „Nun gut, dann muß ich mir eine Schaffcrin halten. Ich selbst kann mich darum natürlich nicht kümmern. Du kannst meinetwegen ins Schloß gehen, und im Sommer, wo Du sonst hin willst. Arbeit findest Du schön genug." 962--- Dieser Bescheid kam der Frau überraschend. „Und wen gedenkst Du als Schasferin zu nehmen?" -„Wen? Bielleicht die alte Mzakota. Die wird wohl froh sein, für sich und ihre vier Kinder ein Unterkommen zu finden." „Und Du würdest das im Ernst thun?" „Ja. was bleibt mir sonst übrig, nachdem ich das An- Wesen gepachtet habe. Der Doktor ist soeben schon zum Notar gegangen." Strouhal sagte alles ruhig und mit Entschiedenheit. Dann verstunimte er und begann nachdenklich in der Stube hin und her zu gehen. Seine Frau fragte nichts mehr. Sie sag auf der Bank und grübelte. Nach einer geraumen Weile hob sie den Kopf und sagte: „Höre Strouhal! Dir wird es wohl gleich sein» ob es die Mrakota ist oder eine andere?" �„Natürlich, ganz gleich". „Dann könntest Du— mich als Schasferin einstellen!" „Wenn Du mit dem zufrieden bist, was ich einer andern geben kann, warum nicht?" >„Ich bin es l".' Mit diesem Gespräch, das sich genau in dem Tone be- wegte, der zwischen einem Arbeitgeber und einem Arbeit- nehmer üblich sein mag, wenn sie einen Arbeitsvertrag vereinbaren, wurde der Zwist zwischen den beiden Eheleuten endgültig beendet. Beide Gatten feierten einen Sieg. Eine Niederlage hätte keines von beiden vertragen. Sie setzten sich nun zusammen und die Kinder um sie herum. Sie hatten sich nun viel zu erzählen und erzählten lange. Die Kinder waren denr Einschlafen nahe. Die Mutter entkleidete sie und legte sie in Vaters Bett. Gewiß waren es schöne Träume, die ihnen den Schlummer versüßten, daß sie so glückselig lächelten!... Daraufhin setzte sich' die Frau wieder zu ihrem Gatten, und beide wußten kaun», wie es so gekommen, daß. sie sich mit einem Male fest umschlungen hielten. Nach so langer, langer Zeit wurde es auch bei ihnen licht und sonnig, und getrost durften sie hoffen, daß die' düstere Wolke, die so lange ihre Häuslichkeit verdunkelt hatte, für immer verzogen war... Ohne eine Trübung' sollte jedoch der schöne Tag nicht enden. Als sie so neben einander im traulichen Gespräch saßen, stürzte die Nachbarin plötzlich zu ihnen in die Stube herein und berichtete ganz verstört, daß die alte Hladik, die Frau des Heizers, kaum daß sie nach Hause gekomnicn, von einenl Blutsturz betroffen sei und nun in den letzten Zügen liege. Strouhal schaute"seine Frau mit einem wehmütigen Blick an, der ihr zu sagen schien:„Siehst Du?" Die Frau verstand den Blick und senkte den Kopf. Er strich ihr mit seiner Hand über den i Scheitel und sagte weich: „Komm, wir wollen hingehen l" Beide standen auf und gingen. Vorher baten sie noch dke Nachbarin, daß sie ans die Kinder sehen möchte..Das war jedoch kaum� nötig, denn sie schliefe� alle wie die Munnel- ticke und dachten' einstweilen noch gar nicht daran, anfzu- wachen. Hladiks Häuschen war am anderen Ende des Dorfes. Ms sie hin kamen, war die arme Frau nicht mehr am Leben. Ihre Leiche lag ans der Erde und war mit einem Leintuch zugedeckt. Hladik selbst saß am Tisch und stützte den Kopf in seine Hände. Er hatte die Tote selbst entkleidet, gewaschen und hingcbettet.. Die Tochter und beide Söhne waren in der Fabrtf. Vielleicht wußten sie es noch nicht, Paß diejenige, die sie geboren,. nicht mehr am Leben sei, vielleicht dachten sie nicht einmal daran, daß sie überhaupt krank war. Der Vater hatte ihnen keine Nachricht zukommen lassen. Als die Eheleute Strouhal eintraten, nickte er nur mit den: Kopfe und sagte:„Nun hat die Anne ihre Ruhe, nach der sie verlangte I" Tann fügte er bei:„Das ist hübsch von Euch, daß Ihr gekommen seid, sie nochmals zu sehen." Daraufhin stützte er wiedör den Kopf in die Hände und känipfte mit dem ihn überwältigenden Schlunimcr. Hatte er doch die ganze Nacht gc- arbeitet, und abends nnißte er wieder in die Fabrik. Strouhals Frau kniete neben der Leiche nieder und hob das Leintuch von dem Gesicht der Toten. Jetzt erst konnte mau es deutlich wahrnehnicn, wie elend die Tote aussah. Die Nase und das Kinn spitz, die Augen tief eingefallen. Der Mund stand offen, und auf den Zähnen und Lippen sah man noch Spuren des nun getrockneten Blutes. Die Hände lagen kreuzweise über der Brust. Die Frau faltete ihre Hände. Sie mußte in diesem Augenblick an sich selbst denken. Im Angesichte dieses Leich- nanis hatte sie die Vorstellung, daß sie es selbst sei, die ab- gehetzt und von der Arbeit erschöpft, verlassen in Truchlin dahinsterbe. Wie die Kinder unr sie herum knien und herz- brechend weinen und klagen:„Mutterl, liebes Mutterl, wach ans und komme zum Vater, dort wirst Du genesen!" Sie erbebte bei dieser Vorstellung. Dann erinnerte sie sich, daß ihre Kinder zu Hause schliefen und daß sie selbst mit Strouhal hergekommen und mit ihm wieder von hier fort gehen würde, nicht nach Truchlin, sondern in ihr liebes Stäbchen. Sie trocknete ihre Thränen, segnete die Tote, und sie mit den: Leichentuch wieder zudeckend, stand sie auf. Dann blickte sie zu ihren» Manne ans und bemerkte, daß er die ganze Zeit von ihr kein Auge gewendet hatte.' Sie senkte den Kopf. Gewiß waren es dieselben Gedanken, die auch ihn beschäftigt hatten. „Wann ist das Begräbnis?" fragte Strouhal. „Uebermorgen. Gleichzeitig mit Sthblik". „Ach ja, der arme Sthblik", erinnerte sich der Oberheizer seufzend.„Den hätte ich jetzt beinahe vergessen. Es luar etwas zu viel, was alles heute yuf mich' eingestürmt kam.— Braucht Ihr Geld, Hladick?" fragte Strouhal»ach einer Weile, als wollte er dem Gespräch und seinen Gedanken eine andere Richtung geben. „Ich danke, Strouhal! Umsonst hat sich die Selige nicht geplagt. Die Begräbniskosten hat sie sich selbst zusammeu- gespart. Aber bei Styblik thut Hilfe not. Dort haben' sie keinen Kreuzer. Das Weib beschimpft den Toten noch jetzt nach seinem schrecklichen Ende, und die Kinder weinen vor Hunger. Dort könnt Ihr helfen. Wenn ich nachher in die Fabrik gehe, will ich auch etwas mitnehmen." „Was? Ihr geht in die Fabrtf? Heute?" „Ja, gewiß. Was soll, ich auch hier. Die Selige kann ich doch nicht mehr zum Leben zurückrufen, und wenn' sie sprechen könnte, würde sie nrich selbst schicken... Jetzt werde ich immer allein gehen müssen!" bemerkte er nach einer Weile betrübt. Nach all' den mächtigen Eindrücken des Tages fand, der Oberheizer in diesem Augenblick kein Wort des Vorwurfes für den Mann. Er blickte ihn nur mitleidsvoll an und drückte ihnr mit aufrichtiger Teilnahme schweigend die Hand. Dann»vandte er sich zu seiner Frau und beide verließen die Stube. „Hast Du gesehen?", fragte sie unterwegs. Sie schaute zu ihm empor und ihre Blicke waren des Dankes und der Dankbarkeit voll. � Wochen und Monate sind vergangen. Strouhals Frau steht im Hofe der gepachteten Wirtschaft und streut ans der vollen Schürze das Futter den Hühnern,, die. sie mit frischer Stiinme zusammenruft. Tonik und Betuschka stehen neben ihr, während nicht weit von ihnen das kleine Maricchcn herum- hüpft. Ans der Schwelle vor der Hausthür sitzt Bartsch» und hält einen munteren, strampelnden kleinen Buben. auf dem Schoß. Es ist ein friedlicher Sommerabcnd. Da knarrt mit einem Male die Thür ani Hofzaun und Strouhal tritt ein. Er kommt aus der Fabrik. Fröhlich blickt er zu seiner Frau hin und ruft:„Glück auf, Schafferin!" Tann wendet er sich dem jauchzenden und strampelnden Bürchschen zu, das alle Anstrengungen macht, um sich der schützende!» Hand des Schwesterchens zu entwinden. Der Oberheizcr faßt ihn behutsam unter die kleine!» Aermchen und hebt ihn hoch über sich und sagt im Tone eines heitere», glücklichen Menschen: „Komm zum Vater, Du mein kleines, süßes Schaffcrchcn!"— SonnkÄgsplttudvvei. Die Berliner Stadtverordiieten-Versrnnrnluiig hat soeben einen socialdcinokratischen Angriff ans Kultur, Kunst und Menschenwürde ruhmreich zurückgeschlagen. Die kommunale Rotte der Roten forderte nichts welliger als eine S ch o n z e i t f ü r K in d c r. Die Absicht dieser Forderungen war klar: man wollte verhindern, daß die Kinder sich frühzeitig an harte Arbeit gewöhnen und es auf die Weise in der Welt zu etwas Stattlichem und Gläuzcndem bringen könnten z denn es ist kein Zivcifcl, daß Kinder, die mit drei Jahren bereits Zeitungen austragen. wenn sie nicht gleich nach Abraham Lincolns Muster Präsidenten der Bereinigten Staaten werden, so doch zum mindesten, wie Fritz Goldschmidt zum Brancreidirellor und höherer militärischer Charge cmporstcigcn. Hat maij-aber erst, so kalkuliert die Tocialdemokrntic, die Kinder durch Arbeitseutziehuiijl uin die M.ögllchfnt gebracht, vorwärts koiuine», so werden sie um so widerschNdsloscr später der revoluliouäreu Verführung zum Opfer fallcu. Ebenso war das geplante, aber glücklicherweise verhinderte Attentat auf die Kunst, das durch das gelviinschtc Verbot theatralischer Schaustellungen von Kindern versucht wurde, ein wohlüberlegtes, tendenziöses Parteimanöverr Die Kunst erfreut dcS Mensche» Herz, sie erzeugt nicht nur das Wahre, Gute und Schöne, sondern auch jene Zufriedenheit und Wunschlosigkcit, die in einem geordneten Staatswesen stets belohnt wird. Das soll aber nicht sein, und darum soll die Knust verhindert werden, indem man die Aufführung von Kinder- rollen verbietet. Tag sich der socialdcmokratische Hast insbesondere gegen Schillers„Don Carlos- richtete— daS Stück ist unmöglich ohne die dreijährige Jnfantin, die doch schlechterdings selbst auf einem Hofthcatcr nicht von einem Nnteroffizier gespielt werden kann— ist sehr begreiflich. Mau einpfindet das Wort des Marquis Posa, eines fast ebenbürtigen, nicht nur bluts-, sonder» auch seelenverwandten Ahnen unseres Staatssekretärs deS Innern:„Geben Sie Gedankenfreiheit" als gefährlich für diese Partei des Terroris- ums und der Unterdrückung. Keine Gedalikenfrciheit, kein Don Carlos, keine Jnfantin und darum keine Schaustellung von Kindern— das ist die nichtswürdige Folgerichtigkeit der Hetzer und Agitatoren I Wir erkennen ohne weiteres au, dnst die Berliner Stadtberord- uctcn-Vcrsammlnng die demonstrativen, von schnödester Parteiselbst- sucht cingegebcucn socialdemokratischeu Anträge mit gebührender Energie-zurückgennesen hat. Dennoch können wir auch der Mehrheit den Vorwurf nicht ersparen, dast sie nicht ganz frei von socialistischer Ankräukelung ist. Die Mitglieder iverden nicht eher völlig senchen- srci werde», bis sie nicht das schöne Anerbieten des Geheiinrats Spinola annehmen, und einige Monate zur Gesundung Freibetteii seiner Charito beziehen. Alsdann werden sie einsehen, das; die Kinder nicht zu viel, sondern zu wenig beschäftigt werden. Die Kinder sind heute noch vielfach ein tolcS Kapital. Schon der alte eng- lisch« Dichter Swift hat auf die volkswirtschaftliche Bedentnng der Babys hingcwicscn, die ein ebenso billiges wie schmackhaftes Volks- »ahrungsinittel abgeben könnten. So weit können wir nun heute, schon wegen unserer dem Jahrhundertswechscl schuldigen Humanität, nicht gehe», nstincrhin dürfte die Einführung obligatorischer Kinder- arbeit von dee Geburt an eine durchaus zweckmgstige und durch- führbare Forderung fein. Schlvicrigkeiten mag ja die Ansbcntnng der Arbeitskraft des Säuglings machen. Es können leider nicht alle Kinder im ersten Lebensjahr zun» Regieren von Gottes Gnaden unter mütterlicher Vormundschaft verwendet werden. Wohl aber kann man von den Fortschritten der Technik erwarten, dast demnächst eine Vorrichlnng erfunden werde, mittels deren die in: Strampeln der Säuglinge produzierte Krastleistung zur Bewegung von Nähmaschinen verwendbar wird. Vom zweiten Jahre ist es dann leicht, die angemessen härte Hhätigkeit zu findev. Tie nutzlose, volkswirtschaftlich unproduktive, und Geist und Gemüt verödende. Spielsucht der Kinder limst im Dienst der Industrie, des Handels und Verkehrs fruchtbare Ver- ivendnng finden. Ist es nicht schliestiich für ein Kind eine edlere Beschäftigung, statt im irbermütigeii Spiel die Treppe hinunter- zufallen und das Genick sich zu brechen, an irgend einer Gewerbe- krankheit im Dienste der allgemeiueu Wohlfahrt zu verenden? Selbstverständlich ist auch der Schulunterricht, eine zinslose Spielerei. Die Generation wird dadurch, verweichlicht und ihrem Berufe eut- fremdet, unter der Führung hochherziger und hochintelligenter Unter- nehmer volkswirtschaftliche Gerte zu schaffe». Gerade die. Kindheit ist mehr als jedes andere Alter geeignet, treu und fleistig mit voller ausschlicstlicher Hingebung dem befruchtenden Kapital zu dienen, fehle.» doch in diesen Jahren noch die verwüstenden Leidenschaften" die später van dem ernsten Beruf ablenken'und in ivildc» Genüssen dem Unternehmer einen erheblichen Teil der. Arbeitskraft entziehen. Bedcuierlichcrwcise sind solche vernünftigen Anschanniigen über den Segen der Kinderarbeit ininier noch nicht zur allgemeinen Geltung gelangt, und es ist deshalb zu begrüsten, dast unser verehrter Mit- bürger, der Direktor der Charitck, sich der Mühe unterzogen hat, in poenschem Gewände die neue Lehre zu Predigen. Noch rechtzeitig vor Weihnachten»Verden erscheinen: Zibgehärtctc Weihnachtsmärchen für arbeitende Kinder von Gehcimrat Spinola. Da jeder Käufer des Buches als Prämie ei» Frcibcit in der Charito erhält, so»vird dieses Wert des patriotisch gesinnten Mannes zlveisellos die verdiente Verbreitung finden, zumal sich seine Phantasie aus den höchsten Wogen schaukelt und das Lehrhafte in den schinnncrnden Schleiern solider und preistvürdiger Poesie erscheint. Aus den uns gütigst zur Verfügung gestellten Anshängebogei»»vollen »vir zur Probe das folgende stimniuiigsvolle Märchei» initteilen r Der selige A u g n st. Es»vor einmal eine gute und schöne Fee. Tie brachte den Mensche» die kleinen Kinder. Weil sie aber gut und edel war, darnni ging sie immer nur zu den Arme»» und Aermsten, und gab sie ans dem dritten Hyf,. Seitenflügel im sünften Stock ab. Die lieben Kinder sollteir cbei» immer hübsch Gesellschaft haben, nicht nur Eltern und Geschtvister, soliden» auch viele Asternricter, Schlafbirrschen.»in?» Schlafmädchen— gemütlich hausend in einem traulich engen Raun». Und sie sollten auch frühzeitig allerhand Nützliches lernen: Hunger, Siechtum und Arbeit, damit sie dann, gestählt im Kampf ums Dasei»», Ruhm und Neichtinn erlvnrbeli. Es begab sich aber, dast.die gute und schone Fee das zehnte Kind zu densclbigen Eltern bringen»vollte, die nichts zu beistell und zu»lägen hatten. Und als sie an der Thür, durch dessen Schlüssel-' loch der Duft kochender Wäsche anmutig flatterte, bescheidentlich klopfte, erhob sich driiniei» ein gewaltiges Schimpfen: Man habe genug Jöhrei», und»volle keine mehr. Und die zornigen Eltern riegelten sogar die Thür zu. Die Fee aber hatte zarte Nerven und »vagte es nicht, bei den Wütenden das kleine Geschöpf abzugeben. Thräiiendeli Auges schlich sie mit dein Bündel die Treppe hinunter. Wie sie nun ans dem Hof»var, begegnete ihr eine zweite Fee. Die fragte sie nach der Ursache ihrer Thränen, und als die ander'e gc- hört, wie übel man ihr mitgespielt, sagte sie tröstend: „Giel> mir nur das Bäsch; ich»verde es den Leuten schon bei»' bringe» I" „Aber sie haben die Thiirc versperrt," seufzte die erste Fee. „Dann trete ich sie eil», ich habe derve Stiefel," sagte die andere. Da faßt die erste Fee Vertrauen und übergab das Kind zur- Ablieferung der anderen. Die andere Fee aber Ivär. ciiie böse Fee. Kaum»var die gute weggegangen, da verzog sie grinsend das Gesicht und sagte zu sich: „Das Balg soll es ilicht so gut haben. Die oben können lange »varten. Ja, mein Piippchen"— dabei kniff sie boshaft das Balg in das Aennchen—„Du sollst' an mich denken; ich»verde es de»!» Wurm eintränke».- Da verliest die böse Fee das Haus in der Ackerstraste, barg das Kind in die Markttasche, die sie bei sich trug, setzte sich in die Strastcnbahu und fuhr Iveit,»veit, weit. Endlich war sie am Ziel. Es»var finstere Nacht, der Sturm heulte, und schaurig ächzten die kahlen Bäume der Tiergartensiraste.... Bei Kommerziciirats»var ei» Junge geboren, August mit Namen. Die Rache der boshaften Fee»var geglückt. August war statt nach der Ackerstraste,»vie die gute Fee gewollt hatte, nach der Tier- garrenstraste verschleppt. Gleich mit der Geburtsstnnde begann für August das Elend. Er hätte'für sich allein zivei graste Zimmer. Eine Amme, ein Kinderinädche» und eine französische Boniie bewachte»» ihn. Seine Wiege»var»vie eine Blüte von Brüsseler Spitzen. Jede halbe Stimde bekam er neue Betten aus Seide nnd Eiderdaunen, und jegliches»vnrde nur einmal benutzt. Und so ging die Not weiter. August»bürde dick und rosig. Jeden Tag zerbrach er für hundert Thaler Spielzeug, er fuhr» und ging spazieren, jede Arbeit»vnrde ihm ferngehalten, dafür ninstte er � nach dem Beschlnst der bösen Fee— de» ganzen Tag lachen, fingen nnd umhertollen. Er>var uitanständig gesund und frevelhaft glücklich. „Ein bildschönes Kind j" sagte jeder, der August sah. So»vard August in Spiel uiid Freude sieben Jahre. Der Jainnier dieser Leöenslveise schien den» Knaben kaum noch zu er- trage»'. Er verzehrte sich in einer nnbestiinmten Sehnsucht, ohne darüber an Rundlichkeit cknziibüstei». Jnztvsschcil hätte endlich die gute Fee von den» abschenlichei» Streich erfahren,, den die böse Fee ihr n»d dem armen August ge> spielt. Und eines Nachts, erschien die gitte Fee am Lager des' Knaben, blickte ihn sanft an nnd flüsterte:„Unseliges Opfer eines Betruges, ich»Pill Dich an? Deiner Not erlösen! Du sollst Deine Heimat»viederfehen • Am nächstes» Morgen»var August ans der Tiergartensträste ver-' sthwullben. Dafür»var di? Fäniilie in der Ackersträste um ein Mit- glied reicher. Und hier begann für August ein rechtes, herrliches Leben, das ihn-schlank machte nnd die unedle Röte von seinen' Wangen löste. Früh um 4' Uhr erhob er sich von seinem Slrohsack, de»» er mit de»» jüngeren Geschivistern teilte, und trug dann' treppauf treppab die iienesten Zeitkingcn ans.- Nach Hanse zurückgekehrt,- schnitzelte er ans Holz hübsche Tiere nnd bot sie nachmittags zun» Verkauf ans. Des Abends nnd Nachts aber Ivanderte er durch die Kneipen, Streichhölzer, Pfefferniiiiizplätzche»», Apfelsinen und Zinnnet- bretzeln feilbietend. Unwillig'legte er sich dam» für ein paar Stunden zu Bett und harrte ungedktldig ans den Morgen,'»»»» die Arbeit wiederznbeginilei». Hatte er hier snnd da einmal ein paar Extra- Pfennige beiseite bringen kömieii, so kaufte er sich dafür fromnie Schriften und vaterländische Bücher. Augusts Thätigkeitstrieb»vnchs noch, als ihm ein Kamerad gesagt hatte, dast für besonderen Eifer und Fleist an» Ende als Lohn ein Freibett in der Charito geivährt würde. Seitdem»var dieses Ziel der» Traum seines Ehrgeizes. Indessen dem braven Knaben sollte noch reichere Spende iverden...; Weihnachten war in diesen» Jahre sehr kalt. Es»var heiliger� Abend. Der Schnee knirschte unter den Schritte»» der heiinwärts eilenden Menschen. August hatte heute vergeblich mit seinem Korbe die Wirtshäuser durchstreift.' Niemand hatte ihm auch»»»»r für eine» Sechser abgekauft. Ohne Erlös aber mochte er nicht heimkehre»!.' So strich er rastlos durch.die Strasten. Hinter den Fenstern- flainnite» die WeihnachtZbänme aus und man hörte daS Lachxn von Kindern. „Die Annen", sprach Anpst stolz,„bic Fcinlciizcr. die sich an PfcsfcrklicheN den Mci�en verderben und ihr Spielzeug lniylvZ zcr- brechen— die wissen nicht, was leben heistt." Im Hochgefühl über den inneren Reichtum seines Daseins schritt August daher.' Auf cimua! überkam ihn eine kleine Müdigkeit. Er gin'g i» das nächste Haus und legte sich in den dunklen Winkel an dem prächtigen, mit eisernem Rankeuiverk«dcrgitterten Glasportal. Hier entschlnunncrte er, den Korb am erstarrten Arme, und der Frost°sog an der Wärme seines Bluts. Wohl nach einer Stunde betrat ein Herr das Ha»§, fest in seinen Pelz gehüllt, in beiden Händen vielerlei Pakete. Cr sah den schlafenden Knaben in der Ecke und beugte sich über ihn.... »Hm! Tot!... Venimtlich erfroren I Ein steistigcr, Pflicht- treuer Knabe, der mitten in der Erwcrbsarbeit seinen Tod fand.... Fürwahr, ein seliges Ende. Wenn er nicht zufällig gestorben wäre, würde er vielleicht noch einmal Brauercidircktor geworden sein... Joe. Kleines Feuilleton» — Noland. Nun haben wir ihn begraben, an einem Tage voll Rauhreif köstlicher Frische, voll Sonne; draußen hinter Friedrichsfclde, auf dein Friedhofe, der einem stillen Parle ähnlich; nicht weit von nnscrem Jacobcy, dem er nur in einem glich: In der Treue, in der Zähigkeit. Es n>ar kein Schaubcgräbuis. Wenige Freunde, zahlreiche Genossen umstanden die Grube. Nicht schreiender Schmerz weinte am Sarge, leise glitt die Zähre, sie sprach von innigein Gedenken. „Das Salzstößner Sepperl, ach, die krummeil Füß!" sagten einst die Frauen in München. Aber der Vater tröstete:„Laß nur sein, mein Vub', das wächst sich schon ans I" lind es ivnchs sich aus... Da? gütige Geschick, das den: Knabe» auf jede Wunde lindeniden Balsam strich, es blieb dem Manne getreu, lind fehlte einmal die helfende Hand, der Tröster Humor schwand ihm nie.. lieber eines hätte er gelacht, tveuu er es hätte scheu können: Ilcbcr die vielen Angst- und Traner- Butten, die um sein Grab glänzten.„Bin ich denn ein Nnuchfaugkehrer gewesen?" hätte er gefragt,„oder war ich ei» Feuerfrcsscr?. Ein Künstler ivollte er werden, ein Künstler sein. Er. ist ein Proletarier geblieben, ivie wir alle. Er tvar ein treuer Kamerad, ei» tapferer Genosse s er konnte beides sein, weil er ei» guter Mensch gewesen.— Mnsik., . Beim Verfolgen eines Musiklebens Ivie. des nusrigen und inZ- besondere bei dem Bemüh», das Wertvollere in ihm vor dem Wert- loseren zu bevorzugen, gerät man leicht i» die so recht mideniokiatische Versuchung, dem, der schon viel hät, noch mehr zu geben, und dem, der noch wenig hat, auch sein Weniges wegzunehmen. Neben den allbekannten Konzerten mit zweifellos guten Darbietungen sind unsere Abende und auch Mittage erfüllt mit Darbietungen weniger bekannter Qualität, die alle zu verfolge» unmöglich ist, die aber teils manches Reife und Würdige, teils manche Keime dazu enthalten. Ob Herr Dr. Theodor L i e r h a m m c r aus Wien, der jüngst alS ein hier noch ganz Unbekannter ein thpischeS Programm saug, dereinst zu den Größen gehören wird, denen das Publikum nnd die Direktoren nachlaufen, isl schwer zu sagen. Aus der ersichtlich großen Sorgfalt, mit der er seine Stimme geschult hat und verwendet, läßt sich für die Zukunft das beste ver- muten; gegenüber seiner verhältnismäßig trockenen Stimme und AuSdruckSweise wird noch mancher Zweifel berechtigt. Seine Sangesart ist wert entfernt von der im schlcchtern Sinne des Wortes italienischen Art, bei der die Fülle des Vokalklanges über das Wort hinwegflutet: unser Sänger hütet den Gcsamtklnng des Wortes so sehr, daß manchmal fast mehr ein Sprechton als ein Sington herauskommt. Namentlich in der Befangenheit des Anfangs störte dieser Eindruck. Bald aber zeigte sich ein schöner, nur eben nicht sinnlich bestrickender echter Baryton, der über eine gute und weite Tiefe verfügt, weimglcich die höheren Lagen metallischer klingen. Daß jedoch c i n StiininbildungSiliaiigel dein Sänger und seinen vermutlich sehr tüchtigen Lehrern unbemerkt zu bleiben schien, ist doch sehr auffallend: die mühevolle und laute Atmung, mit der fast jede Phrase eingeleitet wird. Im übrigen aber können wir die Tragfähigkeit der Stimme(bestätigt durch einen Wechsel unseres Platzes), die richtige Vokalisierung und auch sonst gute Aussprache und die Weichheit des Ansatzes rückhaltlos rühmen. Weich ist überhaupt dieser Gesang durchaus; dramatische Gewalt kam im Vortrag der ausgewählten Lieder von tll Koinponistcn (auch eines italienischen und einiger französischer) nicht eben zum Vorschein; Schuberts.„Der Tod und das Mädchen" erschien uns am gelungensten, schon weil dieses Lied so sehr der fricd- lichcn Nnhe bedarf, die dem Konzertaeber eigen ist. Rechnen wir noch die Begleitung durch Herrn C. V. B o s hinzu, und erwähnen wir, daß das Publikum allmählich sehr animiert wurde nnd dem Sänger zwei Zugaben ermöglichte, so können wir von einem wohl- gelungenen Abeiid sprechen. Wir wünschen dem Sänger eine glück- Üche Fortsetzung seiner Studien und eine Ausdauer, die ihm schließ- lich doch auch' die— diesmal anscheinend voreilig abgeschreckte— Kritikerwclt erobern muß. DaS bunteste Gut und SchlechtZ erleben wir meistens bei den Solisten, die sich ak? solche für ein Chorwerk zur Verfügung stellen. Als neulich der gut klingende und gut geschulte P f a n n s ch m i d s ch e Chor den ewig schönen„Messias" von Händel, aufführte, kounte» Ivie uns auch der shmpathischen echten Altstimme von Frl. A. F r i c d r i ch o w i cz erfreuen, der wir eine Weiterbildung von Herzen wünschen, nnd ebenso des Tenors von H. G r a h l, der freilich mehr barytonal klingt und, wie bei den allermeisten mit Chor singenden Solisten, in der Höhe nicht genug milde ist. Frl. H. Schröders Sopran und Fr. Franks Baß bedürfen aber noch einer elementaren Bildung, die die Töne vor allem fest sitze» macht. Ungern versäumte ich bereits den zweiten, wohl den schönsten der drei Teile jenes Werkes, um wieder einmal einen unserer treff- lichstcn Künstler des SprcchtoneS zu hören, den Rezitator Max L a n r c n e c. Sprechton und Sington fallen keineswegs unter so sehr verschiedene Betrachtung, wie man meistens glaubt. Herrn Dr. Lier- hannners weicher Ansatz und seine Wahrung der Milde des Klanges in allen Momenten wären auch Vorzüge eines Sprechkünstlcrs. Herr Laurencc setzt seine Vokale oft etwas hart an(mit sogenanntem GlortiSschlag) und läßt seine Stimme in dramatisch gewaltigen Momenten rauh werden— beides für die Konservierung der Stimme gefährlich. Ziehen wir jedoch diese Mängel ab, so bleibt eine mustcr- hafte Kniiftleistnug übrig. in welcher vor allem immer wieder der Reichtum an Farben auffällt, der zur Verstnnlichiuig der verschiedenen poetischen Inhalte aufgeboten wird.—'"—sz. Kulturgeschichtliches. le. Mittelalter! iche Berztehonorare. Wie die Acrztc im Mittelalter in der Mark Brandenburg honoriert ivnrden, erzählt Dr. Priebatfch in dem neuen Heft der„Forschungen zur braildcnbnrgischcn und preußischen Geschichte". Die Honorare scheinen demnach sehr ungleich gewesen zu sein. Der Arzt Friedrichs II. Dr. Meiner erhielt ein Jahrgehalt von 100 Fl., während der Arzt Conrad Diel vom Markgrafen Johann das doppelte Gehalt bezog. Die Höfärzte erhielten außerdem noch Freihäufer in der Residenz. Die Privatpraxis scheint sehr Iveuig eingebracht zu haben. Ein Arzt, der einen Hirten behandelte, den Baucrnjnugcn beim Raufen „am Feuer gebraten" und schwer verletzt hatten, erhielt für seine Mühe 2 Fl. Einen mißhandelten Priester zu Tangenniinde ivurdcn 13 Fl. als Schmerzensgeld zugclviesen, von denen er auch den Arzt bezahlen sollte. Er wird also wohl auch nicht viel bekommen haben. Der Adcrlasser Meister Dirick erhielt meist 0 Scb.. einmal 1 M.. ein andermal II M. für Heilung des Probstes. Mit der Auszahlung des Lohnes hapert eS aber dabei noch manchmal. Ein Brandenburger Witudarzt.-Meister HaiiS Französer, klagt einmal den Aerztelohn beim geistlichen Gericht ein. Ein märkischer Edelmann Oppen ver- langt ein andermal von einem Arzt das ihm gegebene Geld zurück, da seine Krankheit nicht geheilt worden wäre.~ AuS dem Ti erleben. — Heuschrecken und Ameise n. lieber die Zerstörungen, die die Hcnfchrcckcu und Ameisen in den Urtvälderu Afrika s anrichten. macht der englische Zoologe E. P. Stebbing in der Zeitschrift „Natnre" einige interessante Mitteilungen. Die größten Ver- äudernngen werden in Urwäldern von Heuschrecken' und weißen Ameisen, den Termiten, hervorgerufen, aber während die Heuschrecke alles vernichtet, was ihr in den Weg lommt, greift die Termite eigentümlicherweise nur erkrankte oder im Absterben begriffene Välvne an, läßt dagegen gesunde Bäume in allen Fällen voll- kommen unberührt. Die Heimat der Heuschrecken sind meist ivcite, saudige Gebiete, in Indien z. B. die Wüsten Ratsch- pntana's, des Sind nnd des Pcndschab. Sowie diese weiten Snndtvüsten indessen bepflanzt werden, werden die Heuschrecken ver- drängt. Die Thätigkcit der Termite ist vielfach eine segenbringeiide; solvie ein Baum absterbende Acste hat,— und es ist ganz einerlei, in welcher. Höhe, dieselben sich befinden— kimdschaftet die Termite dieselben mit unfehlbarer Sicherheit ans und zernagt sie in kürzester Zeit vollständig. Das Zcrstörnugswerk der Ameisen geht nie weiter, als bis zu der Stelle, wo das Kranksein des Astes anfängt, sie ver- Wandel» ihn, indem sie für die zerfressene Stelle fortwährend Erde wieder ansetzt, in eine schlammige Masse, die bald durch ihr eigenes Gewicht herabstürzt und fruchtbare» Humus bildet. So wirkt die Termite, ähnlich ivie der Regenwurm, beschleunigend auf die Zer- sctzuiig nnd Befruchtung des Bodens.— HmnoristischeK. — Am 1. Januar 1900. Sie:„Männchen, ich muß not- wendig einen neuen Hut haben! Ich kann diesen unmöglich ivcitcr tragen!" Er:„Warum denn nicht— er ist ja fast ganz neu, nnd Du ivarst�doch so entzückt davon!" Sie:„Du wirst mir doch nicht zumuten, daß ich mit einem Hut ans dem vorigen Jahrhundert über die Straße gehe?!"- � Zwei Freund e. Hansl hat in der Wohnung seines Freundes Pcpi ein Fenster eingeworfen und wird vom Vater des Pepi verfolgt....Lauf' durch den Dreck!" ruft Pepi dem HanSl zu, „der Vater hat F i l z s ch u h' an!"-(„Flieg. Bl.") — Stilblüte. Anna Hudacsck ist eine bor innerer Glut sich selbst verzehrende, lebende Fackel der Frauenrechte... Lerainwortlicher Sieeacceur: Paul John In Berlin. Druck rnio Bertas von Max Badnig rn Berlin.