Zlnterhattuilgsvlatt des vorwärts Nr. 245. Freitag, den 15. Dezember. 189S (Nachdruck verboten.) Elfe. 4J Von Alexander L. Kielland. Aus dem Norwegischen von Leo Bloch. Das Fräulein zwang sich zu schweigen. Aber da keiner etwas antworten zu wollen schien, sagte die kleine Frau Polizei- meister:„Entschuldigen Sie! ich bin ja noch gar so fremd; aber tvohnt das erwähnte junge Mädchen innerhalb der Grenzen der St. Peter-Gemeinde?" Diese scharffinnige Frage machte einen so guten Eindruck auf den Kaplan, daß er beschloß, ihr den Sekrctärposten zu geben. Inzwischen wurde es schnell ins reine gebracht, daß die Arche wirklich in den Grenzen der St. Peter-Gemeinde lag, und es entstand wieder eine kleine, peinliche Pause, denn alle wollten gern gegen Fräulein Falbe sein, aber keiner wußte, welche Eintvendungen man machen sollte. Da sagte der Kaplan:„Entschuldigen Sie, Fräulein Falbe!— aber da Sie die Bestrebimgen dieses Vereins kennen, wissen Sie auch, welche Menschen aus der Gesell- schaft wir zu retten beabsichtigen. Gestatten Sic niir deshalb eine Frage: ist das von Ihnen empfohlene Mädchen ein gefallenes Weib?" „Das weiß ich nicht," antwortete Fräulein Falbe schnell und wurde rot; aber rasch fügte sie nchig hinzu:„sie ist erst siebzehn Jahre, und gerade darum hoffte ich, daß sie gerettet werden könnte; denn nach der Umgebung, in der sie auf- wächst, scheint es mir fast eine Notwendigkeit, daß sie fallen und sinken muß— wie wir es so oft bei Mädchen in ihrer Stellung sehen." „Ja, Fräulein!— darauf muß ich antworten, daß ich fürs erste nicht ihre moderne Ansicht von Notwendigkeit teile. Ich für mein Teil glaube, und ich bin— selbst, wenn die neue Weisheit der Zeit über mich lachen mag— ich bin glücklich. zu glauben, daß selbst da. wo Menschenaugcn den sicheren, notwendigen Weg zum Verderben sehen, selbst da Platz ist fiir Gottes liebevollen Ratschluß. Und was nun die Sache selbst angeht," fügte der Kaplan hinzu und sah sich in der Versammlung um.„so nmß ich hiermit wiederholen, was ich schon vorher die Ehre hatte, in diesem Kreis zu entwickeln, daß— gleichwie wir es für unsere Pflicht gehalten haben, unsere Wirksamkeit auf eine bestimmte Gc- meinde zu beschränken,— wir auch daran festhalten müffen, daß unsere Rettungsarbeiten eine ganz bestimmte Klasse von Mitmenschen umfassen. Das haben wir auch in dein Namen, den wir gewählt haben, ausdrücken wollen: Verein für ge- fallene Weiber— also nur für die Unglückliche», welche wir gefallene Weiber nennen— der St. Peter-Gemeinde." Diese Rede wurde nnt gcdänipstem, aber eifrigcin Beifall von allen Damen anr Tische aufgenommen, und man hörte mehrere:„natürlich"—„das ist klar"—„so nmß es selbst- verständlich sein." Einen Augenblick sah es aus, als ob Fräulein Falbe eine heftige Antwort geben wollte— sie war oftmals so unberechenbar. Aber sie hielt an sich und ließ es mit einer trockenen Enffchuldigung bewenden;„daun hätte sie sich geirrt", wie sie sich ausdruckte. Darauf verließ sie die Versammlung. „So ist es immer nnt Fräulein Falbe", brach Frau With ans. als die Thür geschlossen war;„immer folgt ihr etwas Uttbehagliches". „Sie ist so merkwürdig hart", sagte Frau Beutzen. „Ich siftchte, es fehlt ihr am rechten Geist", sagte der Kaplan mit mildem Ernst. „Soviel ich weiß", warf die Frau Polizeimeisterin mit ihrer unschuldigen Stimme ein,„ist Fräulein Falbe nicht Mit glied irgend eines wohlthätigen Stiftes der Stadt." „Nein!— wir hatten sie anfangs in dem Pflegestift für kleine Kinder." antwortete Frau Beutzen;„aber sie war so unverträglich und herrschsüchtig, und schließlich kam die Ge- schichte mit der Ouacksalberin." Die Geschichte wurde nun erzählt. Sie paßte um so bester zu der Situation, da sie sich just um dieselbe Else drehte, welche Fräulein Falbe empfohlen hatte. Die Frau Polizei meisterin erkundigte sich sehr eifrig nach dem Abstand zwischen Fräulein Falbes Alter und dem des jungen Mädchens— eine Scharfsiniiigkeit, welche der Kaplan nicht unterlassen konnte in seinem stillen Sinn anzuerkennen. Aber erst als Doktor Beutzen dazu kam— er war der Hausarzt—.bekam man ordcirtlich Bescheid über den ganzen Skandal. Als er hörte, wovon die Rede war, steckte er seine rote Nase in die Lust und begann in einem Strom von Worten die Arche von oberst bis zu unterst herunterzureißen. Es wäre eine Schmach für die ganze Stadt. Lenepuppe sei eine Hehlerin, die einen Taugenichts von Musikant hielte, um die Polizei zum besten zu haben. Fräulein Falbe und der Bruder wären ungefähr vom gleichen Sauerteig, aber als er zu Madam Späcklwm und Floh kam, redete er sich in solch eine Raserei, daß seine Frau— wie sie Pflegte— zu ihm hin- gehen, ihn streicheln und behutsam aus der Thür schiebe» mußte. Nach dieser Unterbrechung konnte mau die Verhandlungen nicht wieder in Gang bringen. Frau Fanny Garmau hatte ihre Handschuhe zugeknöpft, und man hatte die Pferde von Sandsgaard schon lange vor dem Fenster gesehen. Frau Fanny hatte den Mund nicht aufgcthan außer zum Gähnen. i und zu schnitt sie aus langer Weile eine Grimasse nach Konsul With hin, der sie erwiderte, wenn er durfte. Der Kaplan wollte eigentlich mit einem kleinen Gebet schließen. Aber das machte sich nicht so. Es brauste und knitterte so wunderlich in den seidenen Röcken der Damen, als sie nun begannen sich zu erheben, so daß er nicht dazu kam anzufangen. (..■ Dieser Verein war übrigens etwas verschieden von den zahlreichen Missions- und Wohlthätigkeits-Gesellschaften, in denen das Religiöse so stark hervorzutreten pflegte. Die meisten der hier anwesenden Damen nahmen im allgemeinen an so etwas nicht teil; und es war gerade die Absicht deS Kaplans gewesen, in seinem Verein die allerfeinsten Damen zu sammeln, welche sich sonst bloß darauf beschränktes, einen Geldbeitrag zu geben. Damit ivar es jedoch keineswegs seine Meinung. seinen Verein aristokratischer und exklusiver zn macheil als die andern Vereine der Stadt. Aber er>var der Ansicht, daß die Pfarrer von heut zu Tage sich viel zu sehr an den Mittel- stand wendeten und es unterließen, auf die cinzulvirle«, welche zu oberst in der Gesellschaft standen und sich im Besitz der höchsten Bildung glaubten. Das war die Ansicht, die er aufrecht erhalten lvollte. Aber die Stadt verstand ihn leider nicht. Nutz gleichwie immer unter den uitzähligen Vereinen für irgend lvelche Mission und unter dem zahllosen Gewimmel von Bazar- komitees zu jedem erdenklichen Zweck schon Konkurrenz und starke Rivalität herrschte, so vereinten sich alle, um nnt schiefe» Auge» ans diesen neuen Konkurrenten zu sehen— den feinen. hochvornehmcn Verein für gefallene Weiber der St. Peter- Genlcindc— mit Konsul With als Vorsitzenden! III. Madam Späckbom hatte auch in der llmgebung der Stadt Praxis, und sie war sehr stolz, wenn ein Wagen oder sogar eine Gig vor ihrer Thür hielt. Else durfte sie ab und zu. wenn Platz war, begleite»; und diese Fahrten waren im Grunde alles, was Floh vom Landleben sah; sonst kam sie nie weiter als in die engen. winkligen Gassen der Stadt; höchstens stahl sie sich ein Boot und ruderte ein Stückchen über das Wasser. Aber an einem schönen Tage gegen Ende August sollte sie Madani ans das Land begleiten; es war ein Bote von Konsul Withs Ziegelei gekommen, wo die Frau des Ziegel« meisters zu Madams alten Patienten gehörte. Die ganze Arche war anläßlich dieser BegebcnheU in Bewegung. und alle Kinder aus der Nachbarschaft nnrstandcn andächtig die Gig, uui Madam Späckbom aufsteigen zu sehen. Christian Falbe stand oben und nickte; die Bande hatte sich an dem kleinen Dachfenster gesammelt, von wo ans sie den Wagen abfahren sehen konnten, und riefen und nickte» Floh zu. Sie drehte sich strahlend vor Glückseligkeit um und lachte, I daß es in der engen Straße wicderhallte.- ..— 9 Die Sonne war noch nicht ganz klar. Sie schimmerte granviolett durch den stillen, schweren Herbstnebel, welcher sich von den Wassern und den feuchten Snnrpfen erhob und sich mit dem dunkelbraunen Morgenranch ans allen Schornsteinen unten in der Stadt mischte. Aber als sie höher hinaufkanicn. gab es keinen Nebel als nur tief unten, wo er wie ein Stöpsel auf die Gärten der Stadt und die großen Bäume an der Kirche herunterhing. Und es wurde warm und ganz klar, so daß man einen Streifen des offenen Meeres draußen im Westen schimmern sah. Aber über der Stadtbucht mit den Inseln und den hohen, blauen Bergen, über den Feldern und gelben Aeckern und über den Hügeln und Heidekrautfeldern lag der frühe Herbstmorgen so still— so füll und fein. Floh lachte und schwatzte am Anfang soviel, daß Madam Sväckbom sie bat, den Mund zu halten. Madam wollte sich lieber mit dem Kutscher, welcher hinten stand, über den Gesundheitszustand und die Zustände auf dem Lande überhaupt unterhalten. Else hielt nun ihren Mund— nicht gerade, weil sie sich soviel aus dem machte, was Madam sagte; aber ihr verging allmählich die Lust zu schwatzen. Sie fing an, es mehr für sich zu genießen— alles das, was sie sah. Sie rief nicht mehr laut, wenn sie eine Kuh sah; aber sie freute sich darüber, wie gut das aussah, wenn sie so herumging und von dem frischen Grase fraß. Es war ganz windstill, und die Pfützen, welche zwischen den Hügeln vorkamen und verschwanden, waren blank wie Spiegel. Der Roggen war hellgelb, aber der Hafer hatte noch grüne Flecken in den Thälern, wo die Erde tief war. Die schwere», kleinen Nehren hatten sich tief gebeugt unter dem Wind, der gestern geweht hatte, und überall roch es so warm und reif. Aber als sie so weit von der Stadt entfernt waren, daß die Aecker aufhörten und das Heidekraut sich in großen, violetten Büscheln zu beiden Seiten des Weges �ausbreitete, da wurde die Luft so beklemmend weich, daß Else mehrmals den Atem anhielt und sich an die Brust faßte; sie hatte das Gefühl, als ob ihr Schnürleib ihr zu eng wäre. All diese Schönheit der Natur, welche sie bisher so wenig kannte, erfüllte sie mit einer Art von Schmerz, so daß ihr Thräncn in die Augen kamen. Sie ging alle ihre kleinen Sünden durch, und es schien ihr, sie wäre nicht gut genug, um von dieser gesegneten Sonne beschienen zu werden. Aber darauf fühlte sie, wie ein unendlich warmes Wohl- befinden sie vom Kopf zur Zehe durchströmte. Sie wurde mit einem Male so froh, so ruhig, so dankbar für alles— gegen alle, daß sie gerne aus der Gig gesprungen wäre in die Arnie von irgend wem, bloß um zu danken, weil sie so fröhlich, so überströmend glücklich war. Sie glaubte, aller Welt so viel zu verdanken. Denn eine Ahnung von einem großen— großen Glück ergriff sie; sie lehnte sich zurück— so gut sich das in der stoßenden Gig machen ließ, und fing an zu träumen. Aber es waren nicht die alten Träume von der Braut und den Wagen. Es war ein neuer Traum— groß, wunderbar, formlos— fast beängstigend. Else öffnete heimlich ein paar Knöpfe an ihrem Kleid, um bis zum Schnürleib zu kommen; es war wirklich zu eng. Als sie weiterfuhren, hätte Floh ihrerseits gern Madam gebeten, den Mund zu halten, so tief war sie in ihren Träumen, und so schmerzlich war es, daraus gerissen zu werden. Das Hans des Zicglernieisters lag etivas abseits von den übrigen Gebäuden der Ziegelei, und als Madam zu der Patientin hineinging, wollte Else sich in den wunder- lichen langen Häusern mit den Fächergestellen statt der Wände umsehen. Noch halb in ihrem Traume ging sie hin und betrachtete all dieses Neue, und jedes Ding machte ihr heute einen eigen- tümlichcn, unwirklichen Eindruck. Sie achtete nicht auf die Arbeiter, welche sich schweißig und mit Lehni beschmiert um sie herumtrieben; aber sie blieb lange stehen und betrachtete das große Wafferrad, welches die Lehmmühle trieb. Auf der Rückfeite des Rades, wo die Schaufeln herumgingen, sprangen hunderte und taufende von kleinen Wnssertropfeü; sie sprangen im Bogen auf und teilten fich in kleine, klare Sterne, welche neben dem schwarzen, kreisenden Rade leuchteten. (Fortsetzung folgt.) 78— Die SchlÄttge im Velks�lanben. In den vorgeschichtlichen Zeiten, da der Mensch noch nicht Ve- hagljcher lebte, als die Tiere, war die Schlange gar häufig seine Lagergenossin in dunklen Höhlen und Grotten! Die glitzernden Auge», die grauenhafte Schönheit, die lautlosen, behenden Bewe- gungen des gliederlosen Wesens, daS auch gern da wohnte, wo er wohnte, weckten die scheue Mntmatznng in ihn», daß das ein gai»z uugeivöhnliches Wesen und nicht von irdischer Natur sei, das da so stuinn,»"iberall hingleite. Alle List und Klugheit trmite er dem seltsamen Geschöpf zu, dessen Lebensart so verborgen, befreindeud und das sich in seiner uilheiinlichei» Macht und des Erschreckenden seiner Erscheinung bcivußt»var. Die Schlange war geheimnisvoll ivie die Menschenseele. Geiviß»var sie eine Seele selbst, wie mai» sich die Menschonieclc ja aitch. unter der Gestalt eines Vogels, einer Maus, eines LichteS und, nach inittelaltcrlichcn» Klosterglanben, unter der eines durchsichtigen Glaskörpers vorstellt. Die Schlange bc- trachtete uralter Aberglaube einst nicht als Sitz einer Seele, sondern als sichtbare Gestalt der Seele selbst. Noch jetzt leben nach der Volksphantasie inZ den Gräber»» Schlangen, und die Schlangen nährten sich nach der Auffassung der Alien von Staub, besonders von Lcichenstanb. In geivisscn Schlangen vermntete man sogar bei manchen alten Völkern Verkörperungen der Gottheit selbst und zivar vorzngsivcise der bösen Gottheit. Das Schleichende, Tückische und Verderbenbringende»nancher Schlangenart erweckt diese Vermntnng, und noch lange spukte diese Vorstellung in den Köpfen nach, iiidcm die Schlange zun» Symbol des Bösen, Schädlichen, Zweideutigen, der verlockenden Sinnlichkeit, der List, aber auch»vieder zi» dem der Klugheit, Wachsamkeit und Fruchtbarkeit ivnrde. So treffe»»»vir bei den alten UrVöllen» als die ältesten Ticrfcsische die Schlangei» au. Die Urbeivohner Indiens verehrten die Schlangen noch, als die Arier in Indien eindrangen, Sie»vnrei» ihnen denmach Schlangcnvölker oder NagaS und die Kämpfe»nit ihnen Kämpfe »i»it Schlängen und Schlangcnkönigcn. Mitunter starb sogar ein Eroberer au den Bissen eines Schlangenkölligs, wie es heißt. Hä>»fig wird auch erzählt, daß»nau schon nahe darai«»var, sämtliihe „Schlangen" in einen» Walde zu verbrenne». Dieser oder jener Gott der Arier rettete aber noch die eine oder die andere. Unter den Schlangen ist kurzlveg die schlangcnaubetcirde Urbevölkerung gemeint, und die letzte Darstellung deutet auf Bündnisse zwischoi» den Eroberern und den Ilnterworfenen hin. Bei den Völker»», bei denci» die Schlange einst der gelvöhnlichste Fetisch»vor,»vird sie auch an» häufigsten in Sagen als Führcriu von Ansiedlertrupps genannt. Wo die Schlange' sich hinlegte, heißt es. da ivnrde der Altar. der Opfcrherd des neuen Gemeindetvescns gebaut. Der ägyptische UräuS, das Schlnngenbild des römischcn xenms loci, die germanische„Hansotter", ii»id»och in den Zeiten hoher Kultur dunkle Erinnerungen an die alten Schlnngenfetische. Und die letzten Hindeutungcu enthalten noch heute Wappen, Fahnen und Schiffs- zeichen mit Schlangen- und Drachenbildern,»vie der chinesische Wappendrache u. n. In der ägyptischen Mythologie»var die Schlange das Symbol der Fruchtbarkeit,»vie sie ii» der phönicische» KoSinogonie das Synibol schaffender Kraft war. Den alten Aegypten» galt die Brillenschlange als Sinnbild des Kneph, der das Verborgene ins Licht rnsenden Gottheit des Segens und der Fruchtbarkeit. Die Schlange genoß deshalb göttliche Verehrung. Sie erscheint vereint mit den Flügeln des Sperbers und ii»it Sonnen- strahlen, also alte Fetische verschmolzen in dem Bilde der geslügelten Sonne, dem allgemeinsten synibolisehen Zeichen der Gottheit bei den Aegypten». I» Griechenland Ivar vor der Hcllcnenzcit der Schlangenkultus ebenso Sitte lvie in Indien vor der arischen Eroberung. Vor des Kronos Zeit, erzählt ei» Mythos, herrschte auf dem Olymp Ophion, der Schlangengott. Erst im Kampfe wich er den» Kronos. Jnnuer aber kehrt in den Eri»»icn»igcn ans grauester Vorzeit der Schlangenname Ophis und Ophion wieder. UrHerrscher auf Salamis. tvar Ophis. die Schlange. Kckrops»nid Erechtheus, die Urbeivohner, trugen Schlangenleiber, wie die Giganten, deren Beine auch znloeilcn, z. B. auf der Gigautomachic des großen Altars zu Pcrgainon, in zivci riesige Schlangenleiber mit Köpfen übergehen, die in emporgerichteter Stellung am Kampf gcgci» die Götter teil- nehmen. U»id ihr Anführer heißt wieder Ophion. Kadinns und seine Gemahlin Harmonia»verde»» in Schlangen verlvandclt, als sie aus Theben nach Jllhrien ziehen. Die Jtlyricr wurde»» damals auch Schlangen genannt. DaS erklärt also jene Umwandlung. Sie wurden Schlangen, heißt: sie ivnrde» Jllyrier. Kadinns hatte einst auch die heilige kastalische Schlange am Brunnen des Mars getötet, che er die Burg Kadniea oder Theben' baute. Auch Pallas Athene überivältigte einen Schlangenfctisch, der unter dein Ranieu Erechtheus, Urbeivohner, bis dahin den Burgberg von Athen eiirgenonimen hatte, der iiiiii der Herrschers»!; deS schönsten Götterbildes Griechenlands»vurde. Herkules, die Personifikation des KanrPfes gegen den TierfetischisinuS der UrVölker, etckbürgt schon in der Wiege eine Schlange und tötet die Leruäische Hydra, der die abgchancncn Köpfe immer»vieder doppelt»vuchsen. Bei Babyloniern, Griechen und Römer»»»vird die Schlange jedoch auch als Emblem des guten Wesens, des Agathodäinon. betrachtet. Man schrieb ihr zauberische und heilende Kräfte zu in lmklarer Er- innerung an die einstige göttliche Verehrung. Während einer Pest i>» Ron» im Jahre 2öl v. Chr. schickte mau Gesandte nach Epidaurus, der Geburts- und Verchrungsstätte des Aesculap. Als diese den Tempel betraten, kroch eine Schlange unter seinem Bildnis hervor und nnljm ihren Weg bis an das Schiff der Römer. Sie wurde mitgefiihrt. Die Pest hörte auf und man baute dem Aescnlap, den man in der Schlange vermutete, einen Tempel an dem Orte, an dem sich die Schlange niedergelegt hatte. Wo man im Kultus indogermanischer Völker wirkliche Schlangen antrifft, hat überall ein Herabziehen des Himmlische» zum Irdischen, eine Vertretung der himmlischen Schlange, des Blitzes, durch lebendige stattgefunden. Und wie der Blitz zuerst den Menschen Feuer auf Erden entzündete und diese deshalb das zugleich geschätzte und ge- fürchtete Feuer als etwas Göttliches verehrten, so ging auch aus diesem ehemals weitverbreiteten Frnerdienst bei vielen Völkern der Schlangenkultus hervor. Den Blitz, die züngelnde, zischende, beißende Flamme, und die Schlange sah man als verwandt an. So erklärt es sich, daß die indischen, ägyptischen, persischen und griechischen Fenergottheiten als Schlangen oder mit Schlangcnfüßen dargestellt sind. Der vorhin erwähnte Ercchthcus vom Burgberg zu Athen ist nach dein griechischen Mythos aus dem Samen des Fenergottes Vulkan hervorgegangen. Auch Aeskulap, den man als Verkörperung eines segnenden Schlangendämons ver- ehrte, galt bei Acgyptern, Phöniziern und Griechen als Sohn eines Feuergottes. Beim Uursturz eines alten Kultus wurden die alten Götter gelvöhnlich zu bösen Göttern erklärt. Daher werden der indische, aus dem Himmel gestürzte Feuergott Ahi, der persische Ahriman, der in Gestalt einer Schlange den Stier des Ormuzd mörderisch anfällt, die griechischen Titanen, der altnordische Loki und der christliche Lncifer(erst Lichtträger) als„alte" Schlangen dargestellt. Wir finden bei tieferem Eindringen in den Schlangen- kultus überhaupt eine so mannigfache Symbolisiernng von Natur- kräfte» und religiösen Vorstellungen, daß die Hinstellung eines allgemeinen Ursprungs bei dem über alle Erdteile verbreiteten Schlangendienste unmöglich ist. Zur Zeit der Entdeckung Amerikas war der Schlnngciidieust auch bei de» Indianern des Nordens, in Mexiko tmd Peru allverbreitet. Heute blüht er noch in manchen Ländern Afrikas. Seine Hanptkultnsstätte bilden aber einzelne Distrikte Ostindiens, wo besondere Schlangen-Festtage mit groß- artigen Tempelsüttcrimge» unzähliger Brillenschlangen abgehalten werden. In all diesen Ländern tragen Schlangenzauberer und 'Giftdoktoren viel zur Erhaltnng des aberglaiibischen Nimbus der Schlangen bei. Wie zu Moses Zeit beherbergt auch heute noch Aegypten eine nicht geringe Anzahl Schlangenbeschwörer. Wie alle schädlichen Tiere hält der arabische Volksglaube auch die Schlangen für böse Geister, für verwaiidelte Bösewichter. Mit Dschinn bezeichnet der Araber einen Geist, mit dem verwandten Worte Dschaun eine .Schlangenart. Im Koran vertreten zuweilen beide Wörter einander. Die Ansicht, daß die Schlangen Geister seien, mag uralt bei den Arabern sein. De»» schon Mohammed hegte sie und veranlaßtc ihren Uebcrgang in seine Religion. Wie er gute und böse Dschjunen an- nahm, so unterschied er auch zwei Sorten Schlange» i die„HanS- schlangen" verbot er zu töten. Einen verwandten Zug hat der arabische Volk>°glanl>e n»it den» indogermanischen, wenn er die Hausottern als Verkvrpermigen guter Geister ansieht. Noch heute trifft man' zuweilen auf dem Dorfe die Meinung, daß ein Haus, in dein eine Schlange wohne, Glück habe. Und es giebt Bauern, die sich eine Otter— stets ist es die harmlose Ringelnatter— im Hause halten. Mit Vorliebe wohnt sie im Kuhstall. Sic kommt aber auch in die Stnbe. Mit ängstlicher Sorgfalt wird sie geschont»nd gepflegt. Nie vergißt man, ihr eine Schale mit Milch hinzusetzen, die sie sogar ohne die geringste Furcht in Gegenwart der Menschen leert. Bei den heidnischen Slawen mußten in manchen Gegenden die Priester die Schlangen verpflegen. Als Hausgötter wurde» einst in den meisten slawischen- Häuscrii Schlangen verehrt. In mancher Gegend, wie im Sprccwald, hieß es, daß jedes HanS zwei Hansschlangen habe, eine niänntiche und eine weibliche. Die sollten sich nicht eher sehen lassen, als bis der Hausvater oder die Hausmutter sterben, um dann ihr Schicksal zu teilen. In wendischen Wappen tritt die geflügelte Schlange auffallend oft auf..''. Ans altasiatischen Ursprung weisen die bei Slawen und Germanen Iveitverbreiteten Sage» von Schlangenkönigcn zurück, die nur nicht mehr symbolisch wie einst bei dem Vordringen der Arier in die indischen Länder von den Königen schlangenvcrehrendcr Völker reden, sondern wirkliche Schlangenkönige meinen. Wenn einer HauSottcr ein Leid geschieht, soll der Schlangenkönig Unheil über den Thäter oder die ganze Gegend bringen. Nach dem Volksglauben haben die Schlangen Kunde von unterirdischen Schätzen, und ihr König, eine große, starke und lange Schlange, trägt ans dem Kopfe an zivci gebogenen Haken eine goldene oder elfcnbcinähnliche Krone. Jeden- falls haben die beiden halbmondförmige», weißlichen Mondflccken hinter den Schläfen der Ringelnatter den Anlaß zu diesem Glauben gegeben. Die Krone soll unschätzbaren Wert haben, da sie dem, der sie besitzt, große Reichtiimer verschafft und die Schlangen sich, sobald ihr König ihrer verlustig gegangen ist, sehr vermindern sollen. Der Raub der Krone ist aber init großer Lebensgefahr verbunden. Wer sie erlange» will, nmß ein weißes Tuch ans dein Rasen in der Nähe des GctvässcrS ausbreiten, wo der Schlangenkönig wohnt. In einem Versteck muß dann abgewartet werden, bis dieser erscheint. Nur zu gern legt er sein Krönchen auf saubere, weiße Sachen hin. Ist das geschehen, so muß der Wartende den rechten Augen- blick abpassen, um das Tuch samt, der Krone eiligst davon und heim zu tragen. Am besten gelingt das zu Pferd. Aber es erzählt auch eine Sage, daß, als ein Reiter glücklich nnt der Krone den ver- folgenden Schlangen entkommen war, er beim Betreten des Stalles von einer Otter tödlich gebissen wurde, die sich im Pferdeschwanz versteckt hatte. Denn der Schlangenkönig ruft mit durchdringendem Pfeifen alle Schlangen zur Hilfe herz», sobald ihm oder seiner Krone Gefahr droht. Nach einer Sage in Schlcswig-Holstcin schrie der Schlangenkönig so entsetzlich, daß das Mädchen, das seine Krone geraubt hatte, taub davon wurde. Abgesehen von den Hausottern haben die Schlangen in der gernmnischen Mythologie aber eine üble Bedeutung. Würmer oder Giftwürmer Iverden sie immer genannt, wie ihre grotesk riesigen Schreckgestalten, die Drachen, Lindwürmer heißen. Die Drachen bildeten ziveifellos eine sagenhafte Erinnerung an die letzten der ungeheuren urweltlichen Saurier. Sie stehen in den Mythen als Verkörperungen böser Menschen da. z. B. in der Edda Fafnirs, der den Vater um seines Goldes willen erschlage» hat und sich dann in Schlangengestalt in der Gnitaheide auf das Gold legt, bis ihn Sigurd tötet. In Sagen und im Volksglauben spukt der Drache, unter dem dann der geheimnisvoll durch die Lüfte kommende Böse oder Teufel verstanden wird, noch fort. Wer den„Drachen hat", zu dem kommt er in feurigem Schein nachts zur Esse herein und bringt ihm Geld: eine unbewußte, jnhrtausendalte Riickcriiinerung an den schatzhnteuden Drachen des Mythos. Mit dem Aberglauben vom Drachen ist mittelalterlicher Teufelsglaube gemischt. Gewiß steckt aber auch noch ein Rest eines uralten Kultus mit darin.— („Kölnische Zeitung.") Nleinos Iseuillekott» — Ucber Goethes Rheiureise in, Sommer 1774, die ihn mit Lnvaternmd dem„Philauthrvpen" Basedow zusammenführte, hat der Dichter selber im vierzehnte» Buche seiner Lebensgeschichte ausführlich berichtet, nicht ohne dabei—»ach etiva vierzigjähriger Erinnerung— mehrere Irrtümer zu begehen. Neuerdings ist nun eine bisher unbenutzte Quelle über diese denkwürdigen Sommertage, die für den Dichter in mehr als einem Sinne epochemachend wurden, erschlossen ivorden. Gernsbach, der bereits mehlfach aus dem Lavnterschen Nachlasse wichtige Mitteilungen veröffentlicht hat, teilt jetzt in„Nord und Süd" aus dieser ausgezeichneten Quelle mit. Der Züricher „Prophet", wie Johann Kaspar Lavater sich gern nennen ließ, führte von denl Tage an, wo er sich, auf die Reise begab, vom 12. Juni bis zum 16. August, ein ausführliches Tagebuch, das er so, wie es entstand, heftweise ans der Fremde in die Heimat sandte, damit seine Familie dort seine interessante Reisetour im Geiste mit ihm machen konnte. Diese Tagebuchnotizen, ivelche vor der Goetheschcn Schilderung der mit Lavater damals in Enis verlebten Tage den Vorzug der Unmittelbarkeit haben. sind geeignet, uns fast von Stunde zu Stmide über die Erlebnisse der Reisenden zu orientieren. Da heißt eS:„Goethe gab mir ein griechisch Testamentchen. Ging in die Allee und laS in Werthcr... dann zu Basedow, der uns einen herrlichen Aufsatz von Goethe las über das, was man ist. Goethe machte noch ein paar Silhouetten.(Baron von) Oftein bat uin meine..... IaS noch bis 2 Uhr den Werther aus I Schreckliche Geschichte, seufzte und schlief ein." Hierauf folgten Bruchstücke aus einem von Goethe angefangenen Roma»(gleichfalls in Briefen, wie Werthers Leiden), von dem jedoch das meiste verloren gegangen ist.„... Goethe gab mir viele Herr- lichc Lehren von der Kollektion meiner Kräfte... Goethe zeichnete(den Maler) Schmoll."...„Unterdcß", diktiert mir Goethe aus seinem Bett herüber:„untcrdeß gchts immer so grade zu in die Welt.nein. Es schläft sich, ißt sich, trinkt sich und liebt sich auch mal an jedem Orte Gottes, wie an, anderen usiv." Auch einen heiteren Vers, den Goethe an die Wand ihres Ziimners schrieb, hat uns Lavaters Niederschrift aufbcivahrt. Jedoch lvird es»och einiger Unter- suchungen bedürfen, um auch mehrere von Lavater chiffrierte Aufzeichnungen zu erklären. Dieses sentimental weitschweifige Tagebuch ist für die damalige Zeit höchst charakteristisch, in der Goethes Werther von der ganzen gebildeten Welt geradezu vcrscblnugen wurde. Lavater las die„schreckliche Geschichte" Ivohl im Manuskript oder in den Korrekturbogen, denn erschienen ist das berühmte Buch erst einige Mouate nach dem Ende dieser Reise, in� September 1774. Bekanntlich deHute sich diese Reise denn weiter bis nach Koblenz aus, wo Goethes berühmtes Epigramm entstand, welches nnt den viel citierten Worten schließt„Pröphete rechts, Prophcte links, das Weltlind in der Mitten"— womit er sich und seine beiden Reisebegleiter ironisch»nd treffend charal- terisierte.— Theater. Berliner Theater: Die Heinefeicr. Das Theater in der Charlottcnstraße hatte einen guten Einfall, als es eine Heine- feier ansetzte, obwohl Heine der Bühne nichts hinterlassen hat. Freilich hälte es nun auch die Konsequenz des guten Einfalls haben müssen und hätte sich mit einer kleinen Festrede, mit Recitation und Liedervorträgen begnügen sollen. Man hätte nur das„Winter- märchen" vorzulesen brauchen, um das Publikum in den Bann der Größe Heines zu bringen. Aber freilich: das Winternlärche». Wir kommen noch darauf zurück. Also im Berliner Theater gab es eine Vorstellung. STuf dein Berge steht die Hütte. Wo der alte Bergmann lvohnt' Dorteu rauscht die grüne Taime Und erglänzt der goldne Mond. Die stiimmlngsvolle Dichtung, die mit diesen Worten anfängt und die Ivir alle aus der Harzrrise keimen, hat man. so schlecht es eben ging, auf die Bühne geschleppt, was als schnödes Attentat auf die Kunst einfach zunickgewiesen werden muß. Man denke mir: ivaS in der Dichtung poetisches Milieu ist, muß ans der Bühne Heine selbst vortragen, ivie man einen Monolog vorträgt. Anstatt wie in der Dicht, mg dem Athem der Einsamkeit zu lauschen, »Miß er wie ein ivackerer Schauspieler dem Publitnm die Stille ,md Abgeschiedenheit voragicren. Daß das eine Vergewaltigung fonderglcichen ist, braucht nicht erst misgeführt zu iverden. Am unangenehmsten gab sich das rohe Handwerk an dieser Stelle: Und im stillen Zimmer alles Blickt mich an so wohlvertrant; Tisch imd Schränk, mir ist als hält' ich Sie schon früher mal geschaut. Freundlich ernsthast schmatzt die Wanduhr Und die Zither, hörbar kaum, Fängt von selber an zu klingen. lind ich fitze wie iui Tramn.— Beim vorletzten VerS fängt hier buchstäblich hinter der Sccne eiiie Zither zn klimpern an, womit dann glücklich der Dichter von den resoluten Fäusten de? Theatcrmeisters erivürgt ist. Nach dem Bergidyll gab es den Aliimnsar. Die ästhetischen Akten über dieses Stück sind geschlossen. In der großen Geschichte der deutschen Tragödie— reich an Hofiannah und reich au Golgatha und Hammerschlag— hat es keinen Platz. Trotzdem kann ich den Leuten nicht beistimme», die es, nachdem es kurze Stunden gelebt hat, mm gleich wieder in der kalten Gnlst des VcrgessenS beisetzen möchten. Wir sind keines- ivcgS so reich, daß ivir so nrit dem„Alrnnitfor" umspringen kömttcn. So wenig das Stück für die dramatische Litterattw in Frage kommt, so' sehr haben die Theaterdirektoren Grund, es einer näheren Prüstmg zu mit erziehen. Im„Berliner Theater" war einzig und allein B a s s e r m a n n(als Hassan) des Dichters nnd'seines Festtages würdig; alles übrige kam über respektable Tüchtigkeit nicht hinaus. In einer glanzvolle» Darstellung aber könnte der„Almaiisor" noch heute sein Piibkiknni fortreißen. Die Sprache des Dichters Ivürde ihren Zander entfalten, nnd in dem Schicksal der beide» Liebenden, die in den Tod müffen, weil die große Welt um den Glauben hadert, liegt ein Moment, das auch Männer rühren könnte. Aach dein„Alniansor" gab es einen imisikalische» Teil, iiber den mir ei» ltrtcil nicht znsteht, der aber— die Knnstter bürgen dastlr— sicherlich vortrefflich gewesen ist. Ich uuißte den ganzen Abend an den Satiriker Heine denkeii. der so gar nicht zn feinem Recht kam. Und doch ist die Satire Heines im- sterblicher Teil,»»ibeschadet all des„Tiefen und Wundervollen", das er über die Geschichte der deutsche» Philosophie und über manches andere gesagt hat. Goethe hat einmal ein Denkmal beansprucht, weil er die Nation ans de« Netzen der Philister befreit habe und hatte sicher recht nrit diesem Anspruch. Heine ist aber trotzdem ein besserer Phi liste rschrcck. Was Goethe that, that er soznsagen„in Schönheit", während Heine frei imd lant nnd frech über ein System hmwegkachte, das für de» Ernst z« erbärmlich geworden war. Ich bitte zn beachten: ich sage frech. Der kalte Brand soll den Philister schlagen, der an Heines Frechheit rührt. Wie eiu echter Tragiker immer daS große Berbrechen lieben wird, so ist»in großer Satiriker ohne die große Frechheit nickt denkbar. Wer das nicht begreift, kann vielleicht in einer höheren Töchterschnle einen guten deutschen Unterricht geben, aber über Heine mitrede», kann er nicht. Es scheint in der That, daß»ran. wie eS hier' kürzlich an anderer Stelle hieß, dabei ist, die Leier des DickterS zn bekränzen. um fein Schwert zerbrechen zn können. Gelingen wird es indessen nicht, einfach iveil die Leute, gegen die Heine seine Pfeile schnellte. noch immer feist und zahlnngs- fähig unter uns loandern. Heine wird trotz dürftiger Pietisten und »feudaler Stallknechte der große Satiriker der Dentichen bleiben. mich wemi die Zeit feine nittmiter falsch gestimmt« Leier hier und da mit staubigen Spinngeweben überziehen sollte.— E. S. Aus dem Tierleb eir. n. Infekten olsLuftschiffer. Bei den„leisten Tieren ist die Kvrpertcmpcratnr nnvcränderlich, so lange nicht etwa das Tier vo» einer Krankheit besallcn ist; sind ja z. B. beim Menschen mir wenige Zehntclgrade, mn ivelche die Tcuiperatur über die ge- wohnliche Höh- steigt, das deutlichste Zeichen dafür, daß eine ficber- hafte Erkrankung de» betreffenden Menschen befallen hat. Bon dieser Regel der gleichmäßigen Temperatiw find jedoch gewisse Insekte»» ans.«itonnnen: bei ihnen steigt durch lebhaste »örperthätigkeit und Atnning häufig die normale?en,p«rawr nin 10, ja um 15 Grad. Diese enorme Temperatnrerhöhting bietet nun den Infekten— es handelt sich gewöhnlich im» solche, die sich Haupt- sächlich fliegend fortlxwcge»— den Vorteil, daß die in ihren, Körper, iiaineiitlich in den Rtmimgsorgaiici». eingeschlossene Luft durch die Erlvärmuug leichter wird. Hierdurch glcichon die Tiere denjenigen Liistballons. welche man nach ihrem Erfinder Montgolfier als Monte golfieren zu bezeichnen pflegt, und welche sich dadurch in die Lnst erhoben, daß die in den Ballons befindliche Lnft mittels Er- wärmung leichter gemacht war, als die uns umgebende Schicht der Atniosphäre. Ebenso werden also die Jiisrften mit der erwärmten Körperlirst zu kleinen Montgolfieren, sie steigen durch ihr geringeres Gewicht von selbst in' die Höhe m»d bewegen sich in der Luft nicht wie die übrigen fliegenden Insekten durch Arbeit der Berne und der Flügel, sondern durchschneide,» fie gleichfan» als Llfftsckiffcr. Bei Wanderhenschrecken, bei denen diese merk- würdige Erscheimmg auftritt, bedeutet sie»mtürlich eine ganz bedentendc Arbestserleichtennig in derZiirncklegnug der ansgedehnten Wege.— Humoristisches. — Aus der guten alten Zeit. Die längst verstorbene Lmldesmntter eines ulmmehr»nediatisierten Fürstentums, die ihre enorme Frömmigkeit au» besten durch ununtervrochcneS, heftiges Kirchmbauen bcthätigen zu können glaubte, fuhr einmal durch die Straßen der Residenz. Das Publikiim bildete Spalier und ein alter Herr mit einer märchenhafte» Glatze zog tief den Hut. In seiner Rahe aber stand ein zufällig anwesender,»»»tt den Verhältnisse»» wohl vertrauter Berliner, imd dieser rief alsbald die geflügelten Worte:„Mäimeke», bleiben Se um Jotteswillen bedeckt I Wo die'n frciftl Platz steht, da setzt se'ue Kirche druff I"— — Schmücke Dein Heim! A.:„Deine Gattin scheint nrst ihren Hairdarbeite» nngemei» eifrig zu sein." B.:„Ra und wie I— Bei»ms kommt nicht einmal«in poröses Pflaster ins Hans, ohire daß ein buntes Bändcheu durch die Löcher geflochten wird."— — Hochgefühl. A.:„Wer lieft dem» überhaupt Ihre fanlen Gedichte?" B.:„Wer sie liest? Lieber Herr, sämtliche Redactcure der hervorragendsten Blätter von Konstairz bis Königsberg."— („Jugend.") Notize». — Für das Gustav Frehtag-Denkmal n» Wies- baden sind bisher 25 000 M. eiligegaiigeu: eS fehlen aber nock u. a. die Ergebnisse von Borstellunge» Frcytagscher Stücke air 30 Theatern.— — Der GesamtaiiSschuß der St h e i u i s ch e i» Goethe- fei er 189S, der im Sommer die erfolgreichen Festspiele i» Düffel- dorf veransraltet hatte, hat sich in eine»» Verein für dauernde Bühnenfesispiele vcriliaiidelt, der de» Rainen„Rheinischer Goethe-Bereiu für Fe st spiele in Düsseldorf" ftihrt. Für das nächste Jahr sind Anfführnngen von Werken Schillers, sür 1901 Dramen von Lesfing. Kleist oder Shakespeare in Aussicht genommen.— — Der Verein bildender Künstler Münchens„S e c e s s i o n" wird in seiner am 10. Dezember begimieude» W»nter-AuS- ft e l l u u g Donatello, den italienischen Bilhaner(tz 1406 zn Floreuzs lind BelaSgurz(t 1060 zn Madrid) vorführen. Das knnstlmjcke Schaffen Donatellos wird in einer größeren Reihe von Abgüssen vor Augen gejährt werden, die getreu nach dem Original getönt wurden.— — Hugo von H o fm a» ns thal hat dem Wiener Vu rgtheater eine neue Märchendichtnug zur Aufsührnng übergeben.— — Das„Wiener Fremdeiiblatt" enthält folgende rätselhafte Notiz:»Zur Erinnerung an den sechsnuddreißigsten Todestag des Dickters Friedrick Hebbel(gestorben m Wien, 13. Dezember 1863) gelangt int k. k Hofburg-Theater Mitt- wach, de» 13. l. M..„Ein Attachä". Lustspiel in vier Akten von Henri M e i l h a c, de»tsch von Augnst Förster, ziu: Ans- sührung.— e. Das Denkmal Victor Hugos von B a r r i a S. das sich aus einem iteiuen rnude» Platz au der Kreuzung der Avenue Victor Hugo imd der Avenue Rialaloff in Paris erheben soll, ist jetzt im Modell fertiggestellt und der Guß joll dieser Tage statt- finden. Das 10—12 Bieter hohe Denkmal macht einen anßerorde,N- lichen Eindruck: Victor Hugo steht auf»ineni Felsen, an dessen Fuß sich die Wogen brechen, in einen iveite» Mantel gehüllt; er ist in jugendlichem Alter dargestellt, ohne Bart, so wie er vor der Zeit de» Exils war. Sein Blick geht sinnend in die Fenie. Zn seinen Füßen befinden sich in glück- licher Gruppimmg vier Franeugcstalteu. die Od«, das EpoS. das Drama nnd die Satire. die seine Dichtuugcu symbolisieren. Die Fignre»»verde» in Bronze ausgeführt, zu dem Felseumasfiv lvird Granit verwendet.— — Einer der berühmtesten amerikanijchcu Schauspieler. Charles C o g h l a ,r. ist in, Alter von 56 Jahren in Galvefton, Texas, ge- ftorben.— — JnAtheu will die griechische Regiernng eine archäologische Schule nach dem Muster der dort bestehenden ausländisch«» Institute gründeir.—_ Die nächste R»miner des llnterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 17. Dezember.__ ütcrnimvorllicher StOortOtt: Paul John in Berlin. Druck und Verlag von Max Boving in Berlin.