Nnterhaltungsblatt des Worivärls Nr. 246. Sonntag, den 17. Dezember. 1899 (Nachdnick verboten.) Elfe. 5� Von Alexander L. Kielland. Aus dein Norwegischen von Leo Bloch. ES war frisch und kühl unter dem Wasserrad, und das einförmige Geräusch der Schaufeln, welche hcrumplätscherten und die klaren Wasscrperlcn, welche vor ihren Augen tanzten, lockten sie in neue Träume, bis sie angerufen wurde. Sie stand mitten im Weg vor einem Niesen, der keuchend aus der Lchmbahn mit einer schweren Last zur Ziegclmiihle kani. Else ging iibcr die langen Gänge, wo die Mauersteine wie Gesangbücher in den Gestellen aufgestellt waren— hoch Über ihrem Kopf und tveit, weit hinunter ganz bis ans Ende dcS Ganges. Ivo sie einige ganz kleine Menschen sich draußen im Sonnenscheiu bewegen sah. Oben vom Dach, wo Lücken in den Dachziegeln waren, kam hin und wieder ein Sonnenstrahl, der einen langen. glänzenden Streifen schräg durch die Luft zog und einen ruuden Sonnenfleck auf den Boden machte. Die Spatzen, welche oben ihre Nester gehabt hatten. führten noch ihr sündiges Leben mit Schlägerei und Geschrei. Vom Gange nebenan kamen die festen Schläge der Klopfer. welche die Mauersteine glatt schlugen, che sie getrocknet wurden: ein lustiger, junger Bursche sang weit ab ein weiner- liches Liebeslied, während er arbeitete; und mitten in all dem ging das große Wasserrad imd plätscherte so geduldig und einförmig und drehte die Mühlen, daß sie knarrten. Else hörte Stimmen und bog neugierig in einen Seiten- gang; da standen drei junge Burschen und formten Mauer- steine. Ihre Augen hefteten sich schnell ans den, der am Form- tisch stand und Thon in Formen klatschte. Er mochte neunzehn, zwanzig Jahre alt sein: kohlschwarze Haare, welche über den Ohren leicht gelockt waren! große, cttvaS schwere Augenlider; aber als er nun von der Arbeit aufsah, heftete er ein paar dunkle— fast schwarze Augen auf Else. Sie sah weg und wurde rot. Nie in ihrem Leben, schien ihr. hatte sie etwas so Hübsches gesehen. Er hatte einen ganz kleinen, dunklen Flaum unter der Nase: sonst hätte man den Mund gut für einen Mädchcnmund halten können, so rot und weich war er. Else schien es mit einem Mal, das wäre der Mund, von dem sie den ganzen Tag geträumt hatte. Sie ging ein Stück weiter über den Gang, drehte sich aber um und näherte sich wieder auf den Zehe». Da hörte sie einen im Seitcngang sagen:„Ja. die mußt du doch kennen, Svend!— sie wurde ja ganz rot, als sie Dich sah." Svend lächelte; sie konnte zwischen den aufgestapelten Mauersteinen gerade seinen Mund sehen. Darauf strich er sich niit den nackten Armen über die Stirn, so daß er sich noch ärger mit Lehm beschmierte und sagte:„TaS war ein verteufelt hübsches Frauenzimmer!" Das schien Floh unvergleichlich keck gesagt, und sie fühlte sich stolz und geschmeichelt. Sacht schlich sie sich fort, um ihren Triumph in der Stille zu genießen. Gleichwohl mußte sie schnell wieder zurück, aber nun läutete gerade die MittagSglocke. Die Arbeiter strömten hinaus auS den Gängen und hinunter zur See, um sich vor dem Mittagessen etwas zu waschen, und ein kleiner Junge kam. um Else zu holen. Sie sollte mit Madam im Hause des Ziegel- Meisters essen. Am Nachmittag hatte Madam einige Krankenbesuche in den nächsten Gehöften zu machen, und Else sollte mitgehen. Aber sie zeigte sich so gedankenlos und ungeschickt, daß Madam böse wurde und sagte: es wäre besser, sie ginge ihres Weges. Floh lachte und lief gleich wieder hinunter nach der Ziegelei. Die Uhr war gegen vier. Sobald Svend sie sah, erklärte er, daß er siir heute Schluß machen rvollte. Die andern wollten, er sollte bis zur gewöhnlichen Zeit warten, aber er warf die Formen weg und ging, sich- zurecht zu machen. Die Kameraden knurrten, aber ließen ihn gewähren: sie wußten, er konnte einmal ebenso aufsässig fcnh wie für ge- wöhnlich gutmütig, und außerdem war Vagabundenblut in Svend: das will sagen: er stammte von Zigeunern, und die zu necken ist gefährlich. Als er sich nach einer Weile in reinem Kragen, blauem Tuchrock und rundem Hut Else vorstellte, hätte sie ihn fast nicht wiedererkannt. Sie war ganz überwältigt von seiner Schönheit. Gleichwohl merkte sie bald, daß er klotziger und bäurischer war, als sie geglaubt hatte, und cS dauerte nur wenige Minuten, so fühlte sie sich ihm ganz überlegen. Nachdem sie ihn nach verschiedenen Dingen gefragt hatte. erbot er sich, ihr alles auf dem Werk zu zeigen. Und nun fing er aus einmal an mehr zu reden, ja, er lachte ein paar Mal über sie, wenn sie gar zu dumm war. Sie gingen mm zusammen durch die langen Gänge, während er ihr alles, was sie sahen, erklärte, selbst auf den Ofen führte er sie, damit sie aus die glühenden Mauersteine, welche gerade gebrannt wurden, hinunter sehen konnte. All das amüsierte Floh, gleich als ob heute alles spaß- hast wäre. Bloß schon an seiner Seite zu gehen und ihn reden zu hören, war ein Vergnügen, und daß sie nicht einmal die Hälfte von deni verstand, was er ihr erklärte, das paßte gerade in diesen merkwürdigen Tag mit all den neuen Ein- drücken und neuen Träuinen. t Aber dann kam wieder der Bote zu Else. Madam Späckbom war fertig und wollte zur Stadt. Da blieb nicht? übrig, als zu gehorchen. Floh schleppte sich zum Hause des Ziegelmeistcrs, wo Madam schon in der Gig saß. „Komm jetzt, Else!" rief sie ungeduldig,„die Uhr geht auf sieben, wir müssen bei Dag zu Hause sein." Floh faßte Mut und sagte:„Darf, ich nicht nach der Stadt gehen? Es ist ja schönes Wetter." Madam Späckbom sah Svend und lächelte:„Aha— Du hast wohl gute Begleitung, kann ich mir denken,— ja, ja, da mußt Du auf Dich selbst achten, Else, aber komme nicht zu spät heim,"— damit fuhr Madam fort. Sie war eine sehr liberale Danie— die Madam Späckbom; und sie fand nichts Schlimmes dabei, daß die jungen Leute an dem schönen Abend zusammengingen; außerdem gefiel ihr SvcndS Gesicht. � Die beiden jungen Leute gingen also längS der See. während Madam den direkten Weg nach der Stadt nahm. Floh war froh über ihr Glück aber als sie dann, ein wenig kokett. Svend fragte, ob er sie zur Stadt begleiten wollte. antwortete der Klotz:„Das kann ich schon."> Dadurch fühlte Floh sich etwas verletzt, sie war an galantere Kavaliere gewöhnt. Aber er gewann wieder ihre ganze Gunst, als er über den Zaun in den Garten deS Glöckners kletterte und für sie eine Rose stahl von einem Busch, den man vom Hause ans nicht sehen konnte.> Es war eine ganz einfache, hellrote Gartcnrose, welche noch nach der eigentlichen Blütezeit daranhtng. Aber sie hatte trotzdem einen Duft— Roscnduft, wie er mit in ihre Träume gehörte.**',| Und während sie tu diesem Duft au seiner Seite ging, fühlte sie wieder ciueu überwältigenden Drang zu danken, jemand ihr Glück mitzuteilen. Sie wollte sich an seinen Hals werfen, ihn küssen, die unglaublichsten Dummheiten machen aber er ging ein Stück von ihr und sah so kalt und ernst aus, daß sie sich schämte. Gleichwohl quälte er sich ebenso. Er wollte so furchtbar gern, daß sie sich in das Heidekraut setzen und zusammen schwatzen sollten, aber er wagte nicht, es vorzuschlagen. Um die Mittagszeit hatte ein leichter Seewind geweht; aber am Abend war es wieder windstill. Die Bucht lag so glatt wie ein Spiegel mit blanken Ringen, wo gerade ein Vogel untergetaucht war, oder mit langen Wellcnstrcifen hinter einem Fischerboot, welches in den Sund sollte, um nach Dorschen zu suchen. f Man hörte weder Vogelgezwitscher noch sonst irgend einen Ton: aber eine weiche, verfiihrcrische Stille, in der man sich verbergen konnte, um jemand etwas zuzuflüstern, waS keiner hören sollte.\ Else hatte wieder das Gefühl, als ob sich ihre Brust er- weitern wollte. Sie ging über ihre Rose gebeugt. J _ Und während sie so gingen, näherten sie sich einander nach und nach: schlMzlich gingen sie so dicht bei einander, als nur möglich; sie sprachen nicht mehr, sondern atmeten kurz; sie stolperte und griff nach seinem Ann; er preßte ihre Hand an sich, und so gingen sie einige Schritte, ohne von sich selbst zu wissen. Aber e.in Wagen kam hinter ihnen schnell über den Hügel herunter. Ter Kutscher ries sie a», und sie sprangen ein jeder nach seiner Seite. Es war Konsul. With, welcher ans seiner Ziegelei zurückkam. Als er Else sah, ließ er den Wagen halten, sprang heraus lind nahm sie bei der Hand:„Guten Abend, kleine Jungfer! Sie wollen gewiß zur Stadt; kommen Sie und fahren Sie mit mir!" Else wollte Einwendungen machen: aber er hob sie fast in den Wagen. Sie erkannte gleich den reichen, vornehmen Konsul Wich und genierte sich halb, Widerstand zu leisten, halb kani ihr vielleicht auch der Gedanke, welch eine große Ehre cS wäre, in seinem Wagen zu fahren. Aber als sie davon fuhren, crschrack sie. Sie konnte nur noch eine» Schimmer von Svend sehen, der verloren an, Wegrandc stand; da fuhr der Wagen einen neuen Hügel hin- unter, und er war weg. Außerdem hatte sie genug mit den» Konsul zu thun, der seinen Arm um ihren Leib legte und sie ans den Hals küssen ivollte. Floh war an dergleichen gewohnt und mich daran, sich das Mannsvolk vom Leibe zu halten. Aber dies hier war eine ganz andere Sache. Sie konnte doch Konsul With, den die ganze Stadt grüßte, und der so fein war, nicht Puffen. Uebrigcns war er so alt— schien es ihr; und schließlich war sie so angegriffen und erregt von diesem laugen Tag mit den vielen neuen Dingen; es vermischte sich ih, alles; sie empfand nicht klar, wer es war. mit dem sie in dein dunkeln Wagen saß; die ganze Zeit dachte sie ai, Svend, und alles verwirrte sich ihr. so daß sie sich beängstigend glücklich und Nuidc fühlte. Konsul With wohnte im Sommer in einer Villa unten am Fjord. Ex ließ den Kutscher in den Hof fahren, stieg aber mit Else an der Gartcnthür aus. Sic wollte ihm nicht hinein folgen, aber er ergriff sie an der Hand. „Ach— meine Rose I" rief Else; er hatte alle Blätter abgerissen. „Komm nur. Tu sollst so viel Rosen haben, als Tu willst", flüsterte er und zog sie mit. Es war ganz dunkel in- dem schmalen Gang zwischen den Büschen, wo er sie vorangehen ließ. Sie bat ihn. er sollte sie hcimlasscn noch halb ehrerbietig; aber er antwortete bloß mit einem Scherz. Ganz oben am Hause standen einige seltene gelbe Rosen. Der Konsul sah zum Fenster hinauf, schlich sich heran und schnitt sie alle mit seinem Taschenmesser ab. Else bekam die Hände voll; sie mußte ja danken, sie waren so wunderschön selbst im Halbdunkel, und sie hatten einen eigentümlichen, feinen Duft, den sie noch nicht kannte,— es waren Rosen, und es wären doch nicht ihre Rosen. Aber als er eine kleine Thür ans der Hintcrseite des HauscS öffnete, durchfuhr sie der Gedanke, daß das böse ab' laufen müßte. Sic wolle davon laufen, aber er faßte sie schnell mn dtl, Leib, zog sie hinein und schloß die Thüre ab. tZvrtsctzung sollst.) Sottttkckgsplaudcvci. Das Zkätmgtsctz der Waiidermigcn. das miscre mit weltpolitischen Lorbeerblättern wohl marinierten Professoren ans den Kellern ihrer Jdeenschänkivirtschaft empor gefördert haben, um fiir die von Krupp und einigen seiner Geschäftsfreunde dringend gewünschte Schlacht- slottcuverdoppeluiig die erforderlich nniinicrtc Stimmung hervor- zurufen— da-5 Naturgesetz der Wanderungen herrscht jetzt in der Thar allgewaltig. Ans dem Westen und Lsten; vom Norden und Süden steigen die Mütter, und mairchmal auch die Väter herab, stauen sich in den Ccntrcn Berlins und verteilen, wie e-s Herr v. Büloiv befahl, die Welt— der Fiidustrieproduktc. Bei dieser LolkerwaNdming Ibnkde sogar ein neues, menschliches Talent eindeckt Dank d c r Z tzv o rkoniM 1 1 heij der Größen Berliner Etraßciibahn-VerwalNmg geivöhrten die Mensche» mit froher Bcr- wiindernng i» sich die ungeahnte' Fähigkeit, selbst bei! Schnee' und Frost zu Fuß gehen zu können— zum erheblichen Vorteil der ans dem Wege in lichifliinmerndcn Spimmctzcn dem KimdciircMb obliegenden GeschästSkcute. Als ich ein Knabe war, streifte ich mit meine» Kameraden in diesen ahndevollcn Tagen und Abendei»-vkr der Weihcuachl durch die damals nock, minder schwelgerisch starrenden Straßen Berlins. Die Kunst der Schaufensterdekoration war damals noch in den ersten Ansängen, und die gläserne» Riesel, flächen, hinter denen der Glanz bunter Waren heute lockt, entsprachen noch ungefähr dem Begriff eines Fensters, während sie heute Ivie durchsichtige Gebirgsivände protzen, die Panoramen bon Prunk nnd Tand gegen die begehrlichen Hände abwehre». Und heute mochte auch die Ilebersülle der Schatz- kaminern jene WeihnachtSlustbarkeit verbieten, der sich unsere noch von der Neugier nach märchenhaft verschleierten Weltherrlichkeiten erfüllte», jungen drängende» Herzen hingaben. Das müßte jetzt schon ein größenwahnsinniges Kind sein, das sich an unsere Kinder- unterfange» wägte, die Gesannheit der ausgestellten Schätze sich aiizueigiren. Das Zuviel der heutigen Gabcnberge verwehrt selbst- den Wunsch, das alles zu besitzen. Wir aber durften»och, ohne all;» unbescheiden z» sein. die in den Schaufenstern sich breitenden Tinge uns erwerben rurd brüderlich unter»ms verteilen— ohne mehr als höchstens zwei gute Groschen in der Tasche zn haben— kleine unschädliche Raubknap'pen, deren guellender Reichtum in der Kraft deS»»gebrochenen, schrankenlosen Begehrens lag, das durch keinen Gedanken an wirklichen Besitz entiveiht war. ste länger wir unsere unschuldigen PlüiiderungSstreifzilge ausdehnten, desto wählerischer wurden wir. Wir halten Mühe, uns nur all des bereits angeeigneten Gutes zn entledigen, um Nanrn für die Rcuerwerbniigen zu schaffen. Ich entsinne mich, das; ich bei diesen WeihnachtSivandenuigcn wohl ein paar Dutzend bereits in dex Vorstellung erstandener Notizbücher Stück fiir Stück wieder wegwerfen mußte, weil ich immer schönere, dickere und größere gewahrte. Und mit den Federkästen stand es ähnlich, vö» den wundervollen Maschinen, magischen Laternen und Marzipanschlöiierrr ganz zu schweigeil, lind wenn wir uns dann schließlich in endgültiger Auswahl snr das Allerfciuste und»»übertrcnlich Prächtige entschiede» hatten, dann gingen wir. die großmächligen schweren Pakete seder- leicht im Gemüt tragend, ans den. Weihnachtsmärkt und erstanden für einen wirklichen Groschen einen wirklichen Hampelmann nnd für einen wirklichen Sechser ein wirkliches Palet zähcster Pfefferkuchen. Es gab eigentlich nnr noch c i n Schöneres, wenn ich mir einmal auf der Eisbahn jeneS süße Walser leisten konnte, das man in dem Optimismus eines sonnigen Wintertnges für Glühwein hält — ein Pfannkuchen mußte sich iiätiulich hinzngesellen. Fch weiß nicht, ob die»inder immer noch auf diese Weise Herr- liche Wcihnachlscinkäuse besorgen, aber ich möchte es hoffe», daß man das Glück des unwirklichen Besitzes noch ei» wenig cinpfiudel — freilich gehört dazu die Sorgcnlosiglcit ciiics i» behaglichen Ilm- ständen aufwachsenden KirideS, dem nicht die flüstere Not täglich und stündlich die verzweifelte Lehre i» dgs Bewußtsein tätowiexi. däß.cS Dinge ans der Welt gäbe, ganz nah und leicht zu greifen, die doch für die bon Geburt an Gezeichneken nnd an die Kcire Ge- schmiedeten nimnicrmchr erreichbar sein Ivürden. Wir Glückliche» hielte» es für selbstverständlich, daß, ivenn wir erst..groß" wären, die glänzenden Waren mit leichter Mühe auch ivirktich uns beschaffen könnten, wenn wir mir wollten. Die Kinder des Proletarials lernen frühzeitig, die furchtbare Wuchl des Riinmermchr, die Oual des Ewig-AnSgeschlosseiiseiiiS verstehen. Darum können und— dürfen sie nicht unbefangen mit dem gaukelnden Gedanken eingebildeter Besitzer den wilden Hunger betäuben. Ich versuche mir auch heute noch manchmal, jene luftigen Genüsse der Einbildung zu bereiten. Aber cS gelingt nicht mehr. Tie Aunschmuskeln sind erschlafft.. Höchstens daß Werke der Kunst und des. Äünstlcrgcwerbcs flüchtig das alle Spiel auflebe» lassen. Als ich neulich KlmgerS' Amphitrite in einem Kunstsälon sah, da erstand ich daS marmorne Ge- bild sofort, richtete in meinen» Arbeilszunmcr eine passende Ecke zur?lusstelln»g her Und quäkte mich mit schweren Sorgen, wie sich daS zerbrechliche Wer! transponiere» ließe, wen» ich einmal nmzvge.- Es störte mich nicht im mindeste» in meinen Besitzwomien, das; irgend ein' schuftiger Millionär für einige dreißig- tanscnd Mark die Äinphitnte mir bereits vor der Nase weggekanst hatte. Ich hatte mein Weihnachtsgeschenk nnd versenkte mich tics- bcgliickt in' das Anschauen des Werks, wie eS in der Ecke meines Zimmers herrlich sich enthüllte, fühlte die dunilen Bernstciiiaugcii ans mir ruhen, glitt zänlich über die goldenen Lichtstrahlen ihres Haares, und sah daS kryslallhclle Blut unter der schimmernden Haut des aus den» feuchten Gewände ans- blühenden Leibes leise bebend und schlvellend rinnen— alles in meiner von ZeitimgSinaknlainr erfüllten Slubcneckc- nnd alles traft der Weihnachiseinkanfs-Phantasie...' Aber sonst versagt das Beinühcn, sich an Einbildungen st, sättigen. Die Wünsche sind erkaltet und die im Dämmer zaubernde LebenSncugier ist befriedigt, kein Wunderbares mehr erwartend. Nicht eignet sich, meine Vorstelluug mehr die Herrlichkeiten hinter den gleißenden Schaufenstern niibefangen an— das Schanfenstcr wird mir nur zur verführenden Larve Deiner grausigen Fratze, als wirklicher Schaufensterdekoralenr schlüpft ans den, eleganten Kornniis der Herr der Welt: das Elend, und. vor- den erstarrenden Äüaeit wandelt sich»us bunte«tillleben,»das luiS den. glitzeriidöN Früchten der Arbeit gefügt, in ein blutiges'KämpsgcsnÄde-.,. Man liest es jetzt auch, dem Pnblitui» durch.das Schäriseusicr die schaffende Arbeit' sclbstvorznfllhreii. Iii Nähmaschinen-Handlungen steht. man juwe Fräulein eifrig.das. Triebwerk trete», und in anderen helscrtuchtetcn Sälen kann man von der Straße aus «breite»chrcibmaschinistinnm bei der eifrigen Reksame-Arbeit be- obachten. I» weihen Schürzen blicken Konditoren uot den Äugen des Publikums allerlei Backwerk, und eine schminke Maschine bereitet im Schaufenster die Cliokoladeninasse. aus der die PralinöS geformt werden. O, wie appetitlich, wie leicht, wie gesund ist doch die Arbeit... Aber warum nur diese kleine paradiesische Auslese aus der Hölle der Industrie. Fort mit den toten leuchtenden Produkten aus den gläsernen Särgen, die die Strahen säumen, die Schöpfer zeige mau uns, sie alle, deren Arbeit die Wunderwerke ge- schassen, nicht nur den einen leckeren Zuckerbäcker. Und in den Schaufenstern erlöschen die Glühbirnen, es Der- schwinden die Berge oou Seide, Linnen und Wolle, die Gläser und Basen, die Puppen und Bleisoldaten, die Bronzen und Bücher. Männer und Weiber und Kinder, in schmutzigen Kleidern, in Schweig und Staub gehüllt, sehen wir statt dessen an den keuchenden Maschinen arbeiten. Wolken von schwarzem Rauch und ekelhaft fadem Wasserdunst lasten über ihnen. Ans glühenden Lesen lodern Flammen empor, und giftige Gase quellen überall hervor. Zu einem wüsten rasenden Gebrüll ballt sich der Lärm der Maschinen ziisaiumen: Es hämmert, faucht, pfeift, zischt, knirscht, knarrt, dröhnt. Hier sinkt ein Mensch ohnmächtig nieder, ein anderer tritt auf ihn, und weiter braust der Spuk— endlos... glücklos... Die Weihnachtswanderer dranhen, die eben noch die lüsternen Augen in der Pracht der Schaufensterschätze badeten, suchen erschreckt zu fliehen, schaudernd vor der grausen Verwandlung. Aber das furchtbare Bild lähmt sie. Und siehe, jetzt sprengen die drinnen das GlaS, die fluten heraus auf die Strahe, die Maschinen erstarren, der Lärm verstnnnnt, die Erde bebt in den Angeln, der gewaltige Schaufenster-Dekorateur, der aus Hunger und Qual den biendeuden Tand erlogen, kommandiert seine Mannen, der Weltbrand hebts an... Blöde Gaukelei I Die Menschen drängen sich noch immer vor den leuchtenden Warenhäusern. an de» Preiszetteln die Billigkeit bestaunend. Der appetitliche Konditor und das adrette Maschine»- fränlein verkörpern innner noch allein die in das Schaufenster ge- triebene Arbeit. DaS Prineip dieses Anschauungsunterrichts wird nicht verallgemeinert.' Tie Ware herrscht im Glänze und ihr Schöpfer verkomurt inr Dunkel. Ich fahre heimwärts. An den Scheiben de-Z VorortszugeS glitzern die EiSblninen, und die kleinen runden gebuckelten Blech- fchilder, die unter den Fenstern sich befinden, sind mit einem zierlichen Reifhauch überzogen; selbst ein königlich preuhischer Vorortszug wird unter den, Zauber von Schnee und Frost poetisch. Wenn dranhen i» der Nacht ein Licht sich naht, leuchten die Eisblumen phantastisch auf: wie ein Sonnenlaud erhebt es sich aus dem Nichts, ein weit- Verästeltes Palmengewirr erschliehr seine Blätter, ein üppiger Tran», ans den, Morgenland. Mein Nachbar mag wohl kein Auge für die Pracht der Eis- blunien haben; erst versucht er sie mit dem Ate», aufzutaue», dam, kratzt er mit den Nägeln die schönsten Blüten ab: er will die Gegend erkennen, um nicht an der Station vorbeizufahren. Die zerstörten Eisblumen wachsen nicht wieder in den paar Minute». die ich noch i», Zuge verbleibe, lind weil ich sie nicht mehr sehe, philosophiere ich über sie, und die Eisblnine wird nur zum Gleichnis. Sind mcht all die schimmernden Blüte» unserer Kultur EiSblninen, Werke der tötenden Kälte, in der die Massen mit mühenden Händen die krystallene» Fäden fügen, zur Augen- weide für die, so drinnen in der Wärme geborgen sind?.. Joe. Kleines Feuillekon. Ii. o. Tic Rückkehr. lNachdrnck verboten.)„Versnch's doch einmal, Versuches doch!" bat die Frau. Tie ging' ,nit dem wimmernden Kinde auf und ab, blieb vor dem am Fenster sitzenden Manu stehen, wippte ans den Fübe», um das Kind zu wiegen, und wiederholte:„Versnch's doch einmal... Bloh»och dies eine Mal... Rädels haben Dich doch immer als einen ihrer tüchtigsten Arbeiter gelobt. Du hast ja auch mehr Lohn bei ihnen gehabt, als alle die andern. Daran kannst Du doch sehen, das; sie Deine Kraft zu schätzen wüßten... Und was ist denn auch dabei, wenn Tu bei ihnen wieder um Arbeit fragst? Sie schenken Dir doch nichts. Und hier kriegst Du doch sonst keine Stellung weiter. Bei Hnrlin haben sie keine Arbeit mehr für Dich. Andere Schlossereien und Maschinenfabriken sind doch nicht in»»fern, Nest. Und wenn wir nun wirklich nach Berlin wollten— wir haben keinen Pfennig Reisegeld. Was haben wir denn»och zu», Verkaufen? Die. paar Möbel..»a. die möchl' ich doch nicht weggeben, lind Wäsche, Kleider— alles ist ja schon versetzt.. Du versuchst es wenigstens noch mal bei Rädels?" In ihren etwas ärgerlichen Ton kam ein wenig Schmeichelei. Der Mann blieb ruhig am Fenster sitzen, mit den geballten Fäusten an den Schläfe», Mit zusanimengelniffenem Munde sah er hinaus auf die Straße, Ivo Kinder mit rot gefrorenen Gesichtern um die Torfivageii jagten. Aus de», Gasthaus, vor dem die Wagen hielten, schallte das laute Gespräch der Bauern. Sie hatten den Markt hesucht und wärmten sich nun in der Gaststube. Ihr lautes Wesen störte die Stille der kleine» Stadt, die heute»ach dem Markt- lärm deutlicher hervortrat, als sonst. Der Mann hörte und sah jedockp nichts von allem; die Falten cluf seiner Stirn zogen sich immer mehr zusammen, seine Ailge» Llitten suchend mit leere», Blick über dje gegenüberliegenden Häuser. Die Frau hatte ihn still beobachtet. Sie trat einen Schritt näher und wiederholte wärmer und dringlicher:„Geh' doch mal. versuch' es wenigstens»och mal!" Er wendete sich um und schrie fast, die Hände zusammen- schlagend:„Ich.krieg'S»ich' fertig, ich krieg's»ich' fertig I" lind wie wenn ihn dieser jähe Ausbruch beruhigt hätte, sagte er, vor sich aus die Diele starrend:„Da Hab' ich ini erst gesagt, ich geh' nie wieder in die Bude, wo der Alte gegnatschl hat vö» Spitzbüberei und von, Verschleppen des Werkzeugs... Nee. nee! Ich geh auch nicht mehr!" Er atmete eine Weile schwer....„lind... und wo ich gesagt habe, er soll doch einen Bestimmten nenne», oder soll Haussuchung halten lasse»... er soll»ich' immer so in die Lust rnm schwatzen... was hat er da gelha»? Ja. solch. Skandal käme Uns wohl recht. Aber das paßte ihm gerade, aufs Gericht zu gehen. Wo er so erregbar sei und sich einen Schlaganfall holen könne. Ja, das möchte» wir wohl. Im übrigen könne sich ja jeder das zu Gemüte ziehet,. Er wolle keinen direkt beleidige». Das fiele ihm gar nicht ein. Ja, sagte ich. wenn er keinen nenne» könne oder wolle— dann hätte er eben auch keinen Grund dazu... Aber er hörte nicht auf mit seinem Gebrummel... Und in solche Bude soll ich wieder zurück? In solche Bude?... Nee, nee, Martha I Es geht„ich, es gehl»ich 1" Er machte wieder eine Pause, beugte sich vor und stützte die Ellenbogen ans seine Knie:„Da jeden Morgen so hinein- gehen mit dem Gefühl: Hier giltst du für einen Dieb, für einen Lumpen. Und fortwährend die Blicke und Redensarten! llnd wenn man z» Mittag gebt und Feierabend macht, wie sie einen dann mit den Augen so mißtrauisch betrachten, förmlich untersuchen mit den giftigen Blicken. Und da Slunde für Stunde arbeiten, am Schraub- stock steh» I Da soll man Lust haben zum Schaffe», da soll einem fo recht was gelingen.... Nee, nee, es ist ja gar nicht daran zu denken, gar nicht!" Er richtete sich auf und ging in den, schmalen Zimmer auf und ab. Sein Gesicht hellte sich' ans und sein gebeugter Rücken wurde nach und nacki grade.„Siehst Du, Martha", sagte er, und es lag wieder mehr Mut und Zuversicht in der Stimme;„siehst Du, das wäre doch kein Leben. Da würde ich nie recht froh sein und... hier zu Hanse... na. das würde denn schließlich auch nicht mehr lo bleiben, wie es jetzt ist." Während er sprach, hatte sie sich auf dem Stuhl am Fenster niedergelassen. Jetzt sagte sie fast weinend:„Und was soll denn aus mir»iid de» Kindern nnterdeß werden, wo Du fort bist? Weißt Du denn, ob Di« in Berlin gleich Arbeit bekommst? Und Rädel braucht doch jetzt Leute. DaS hat' Dir doch gestern sein Schivager gesagt." „Aber ich Hab' doch geschworen, nie wieder in die Bude zn gehen!" antivortete der Mann verzweifelt. Er blieb muten in der Stube stehen.„Begreifst Du dein, gar nicht, IvaS es heißt, wenn ein Mann sein Wort bricht, das er sich selbst gegeben hat?... Ach, ich müßte mich ja anspucken, verachten, anspucken!"_ stieß er zwischen de» Zähnen hervor und wanderte wieder im Zimmer auf und ab. „Ach was! Geschworen!" sagia sie wegwerfend.„Was haben arme Leute z» schwören? Ueberhanpt... in solchen Sachen kann man nicht immer hallen, was man schwört Kiib sagt. DaS wird auch gar keiner verlangen von Dir." „Aber ich verlange eS von mir. Ich I" „Und was wird anS rms dabei?!... Und D» kannst ja auch gar nichts verkaufen. Silbermaims lassen doch kein Stück Möbel ans dem Hause, Ivo Du ihnen noch zivei Monate Mete schuldig bist... Und dann sitz ich hier... mit den Kindern. Sie klagen so schon, daß sie immer nicht satt werden. Wenn ich doch wenigstens was arbeite» könnte. Aber... meine Brust... ach, das thnt so weh..» innner vom Nähen." Sie hustete und weinte leise. Ter Mann stand ihr gegenüber an die Wand gelehnt„Arme Martha; arme Martha I" flüsterte er leise. Und als sie sieb nach einen» Weilchen die Thränen aus den Rasenwinkeln wischte, ging er zu ihr nild strich ihr mit zitternden Händen über das Haar. Sie lehnte ihren Kopf gegen seine Hüste und wiegte auf den Knien das Kind, das sich heiser geschrien hatte. Dann ging er wieder auf und ab. Sein bleiches Gesicht sah gespenstisch ans' den, Hintergrund des Zimmers, in den, die rötliche Dämmerung des klaren Wintertages erlosch. Und als er seine Frau wieder weinen hörte. sagte er mit zer- rissener Stimme:„Ich geh' schon— ich geh' schon." Seine Schritte tapsten schwer über den Steinflur. Sie wunderte sich, daß es in ihr gar nicht licht und froh werden wollte, als sie. ihn dahingehen Hörle. Sie empfand gar leine freudige Genngthnung, daß sie ihren Willen durchgesetzt hinter Erschreckt blieb sie ans dem Stuhl sitzen, als sie ihn hastig die Straße hinab eilen sah.-- Musik. Wen» man versnchie, alle musikalischen Kpnzerte— abgesehen von den UnterhalvmgSkonzerten— zusammenzuzählen, die jetzt zu Berlin siattsiiiden, mittagliche wie abendliche, weltliche wie kirchliche, so würde man voraussichtlich einen wöchentlichen Durchschnitt von gut SV Aiifsührmige» herausbekommen. Sie alle zu besuche», ist für einen einzigen Mnsikrefepentei, selbst dann»»möglich, wenn er nicht auch»och„Oper hat", und ivemi er den so häufig beivährlen u»d manch,»Ol doch hinivtder als gefährlich erlvteseireirGnmdfatz befolgt» 984 sich Sei den inciftcn kouzctten mit e!n paar Prograntmmimntcrn zu begnügen und durch dieses Mittel an einem Abend in drei Konzerte rasen zu können. Also bleibt nichts übrig als aus jenen 3 bis 4 Dutzend eine enge, unter Umständen durch Opern- besuch noch mehr verengte AuStvahl zu treffen. Das führt aber schon eine erste schwierige Aufgabe berbei:, die. von allen jenen Konzerten sich vorher in Kenntnis zu setzen— was denn auch mit Hilfe von Inseraten-, Plakaten- und Schmifensterstudium geschehen muff, freilich ohne Garantie der Vollständigkeit. Nun aber die ztveite Schwierigkeit: voranszuahncn, welches balbe Dutzend ans jener Fülle sich eines' Besuchs und eines Referates würdig erweisen wird. Würdig— auch Schlechtes muh mitgenommen werden, sofern es charakteristisch ist. Und dann: wie weit verdienen die reifen, un- zweifelhast wertvollen, erfolgsicheren Leistungen, wie weit Hinwider die unreifen, zweifelhaften, nach Erfolg ringenden und darum einer Rücksicht erst recht bedürfenden Leistungen, daß sie zum Anhören ausgewählt werden? Man hat endlich die Wahl getroffen', geht hinein und bedauert schließlich, sich darauf eingelassen zu haben. Man überträgt aus irgend einem Grunde ein Konzert einem guten Freund, und siehe da: er bringt gute Knude heim. So ging's mir in den letzten Tagen: e r traf auf einen grünen und ich auf einen halb dürren Zweig. Er tvar in dem Konzert von Else Moest-Schoch und ich in dem von Emmh Palmar. Dort soll— wie ich nun als der halb Hereingefallene zu hören bekam— die Sängerin den erreichten Beifall redlich verdient haben: Ein umfangreicher Mezzosopran (keineswegs Sopran), der jedenfalls eine gute Schule aufzuweisen ihabe. Kleine Mängel. Ivie eine nicht immer richtige Atmung und ein Hinaufziehen deS Kehlkopfes, wodurch wohl auch manche hohen Töne gequält herauskommen und die llnausgeglicheiiheit einzelner Töne der Mittellage seien bei der'Intelligenz der Säugerin | noch leicht auszugleichen; vielleicht müßten sie der Aufgeregtheit zugeschrieben lverden, in der sich die Sängerin— zumal am An- ifang— befand. Mein Gewährsmann ist überzeugt, daß sie uns durchaus noch nicht„ihr Ganzes" gegeben hat— hoffentlich thut sie es bald. Vortrag: ivarm und temperamentvoll und frei von aller '„Mäche". Mehrere? mußte wiederholt werden, darunter Hans P f i tz n e r s so fein stintnitrngSvdlle Lieder„Frieden" Und„Frühlings- ' ahnnng". Herr Pfitzner begleitete alle Lieder mit künstlerischem ! Empfinden und poesievoller Feinheit. Eine mitwirkende Geigerin, Katharina Victor, zeigte zwar manches technische Können und gute musikalische Veranlagung, aNein nicht daS, was man für ei» öffentliches Konzert beanspruchen kann i bei ihrer großen Jugend sei jedoch noch vieles zu erhoffen/ Mir blieb, wie gesagt, der Hereffifall. Man ist längst daran gewöhnt, daß die meisten von unseren Sängerinnen in der Höhe . schrill fingen. Emmy Palmar thut dies ganz besonders, bis zum Kreischen: und namentlich einige Vokale, wie namentlich das e und auch das ü, sind im forte schier unerträglich. Ihr piano ist beträchtlich besser; hier klingen auch schivierige Vokale ivie das i selbst in der Höhe gut. Auch»urnhig sind die Töne in der Höhe, zumal wenn die Sängerin lebendiger oder gar dramatisch lverden ivill. Dagegen ist die Tiefe recht'wohlklingend, die ganze Stimme recht biegsam, die meisten Vokalansätze weich. die Aussprache gut, der Ausdruck des Duftigen. Heiinlichen(besonders in einigen Liedern von R. Strauß) anerkennenswert. Ein bloßeS Fortsetzen der Stimm- Jchnlnng lvird hier allerdings nicht genügen: es nniß in der Haupt- ache von vorn angefangen werdest:""d die paar Fälle von unreiner Intonation. die anstrengnngSreiche Atmung und die IIn- bollkomnienheit des Trillers verlangen ebenfalls gründliche Korrektur. In dem. überhaupt interessant zusmnmengestellten Programm fielen auf: eine Arie deS alten Pai'siello anS seiner Oper„Proserpina", beachtensivert durch ihre Vereiuigimg von Melodik und dramatischem Ausdruck und durch ihre iveilen Jutervallsprünge: dann drei alt- brcto nische Volkslieder, schlvenniitig, aber auch von aus- drncksvoller und charakterisierender Lebendigkeit. Bei de» neu- französischen Texten und bei der vorliegenden Bearbeitung ist freilich daS eigentlich VolkSliedmnßige nicht verläßlich genug herauSzu- finden.— s�. Psychologisches. ' st Zur Psychologie des L a ch e n S hat der französische Gelehrte Dr. Ranlin eine Reihe von interessanten Untersuchungen angestellt, deren Ergebnisse sich folgeiiderntaße» zusammenstellen lassen: Das Lachen entsteht durch eiii Nebermaß nervöser Energie, die. um sich auszugleichen. gewisse GesichtsmuSkeln, insbesondere den großen JochbeinmnSkel.' ztisammenzieht. Diese MnSkeln sind nur beim Mensche» deutlich ausgebildet, aber auch die Katze, der Hund und nach Bnffon auch das Pferd, scheinen im Spiel und um eine gewisse Zärtlichkeit auszudrücken zn lachen. Darwin hat beobachtet, daß ein junger Schimpanse mihorbar lachte, wenn man ihn kitzelte. Bei den neugeborenen Kindern sind die Lachmuskeln noch nickit sehr ausgebildet. Erst nach 45 Tagen fangen die Kinder an zu lächeln, das untere Augenlid faltet sich,' das Auge glänzt und die Mnndtvinkel verkürzen sich. Indessen drückt dieses Lächeln noch nichts ans, erst später wird eS eine Sprache und wird zu einem Ausdruck der Zärtlichkeit, die beim Kinde nach der Furcht und de«! Zorn in die Erscheinung tritt. Erst wenn das Selbstbewußtsei» sich entwickelt, drückt das Lachen rein das Vergnügen aus, das aus den mannigfachsten Gründen entstehen kann, dann aber immer aus einem lleberfluß an Kraft entspn'ngt. Oft bedeutet aber das Lachen auch gar nichts, sondern tvird zu einem bloßen Reflex ohne Beteiligung der Seele. Es kann durch Elektrisieren, Kitzeln usw. hervorgerufen' tve'rden. Wenn Davl) Lachgas eingeatmet hatte, brach er jedesmal m einGe- lachtet ans. Die Opiumrancher haben ein idiotisches Lachen auf den Lippen. Die Haschischesser brechen in die lärniendstc Freude ans, sie sprechen mit großer Geläufigkeit, begleiten ihre Reden mit schnellen Gesten und lautem Gelächter. Das Lachen ist auch daS erste Symptom der allgenteinen Lähmung. Es zeigt sich in untvill- kiirlichen Anfälle bei einseitiger Lähmung, und es ist ebenso mit der Hysterie verbunden. Was die Epilepsie anbetrifft, so ist die Aehnlichkeit der Anfälle mit einem Lachanfall derart, daß letzterer nur eilte abgeschwächte Form der ersteren zu sein scheint. Ebenso ist das Lachen charakteristisch für die verschiedenen Forme» des Wahnsinns. Der akttte Wahnsinn ist durch ein idiotisches Grinsen bezeichnet, der chronische Wahnsinn durch ein glückliches Lächeln. Sogar die Melanckioliker haben Krisen tollen Lachens.' Die chronisch Tobsüchtigen winden sich in unwillkürlichem, nicht zu unterdrückendem Lachen, und der Idiot kommt ans den Pnntt zurück, wo das Lind angefangen hat: er lacht immer und ohne Veränloffung. DaS Lachen ruft jedoch seinerseits die Freude hervor. Die Wahnsiniiigen lverden glücklich durch das Lachen, und die Zeit ihrer Krankheit ist für sie die schönste Zeit ihres Lebens. Darum kann das künstliche Lachen als Heilmittel diene». Haschisch beruhigt die Zornanfälle der Tobsüchtigen: bei diesen stellt sich nach seinem Genuß Lachen ein, die Kranken verbergen ihren Kopf in de» Händen, um„von ganzem Herzen lachen zu können" und schlafen ruhig eilt. Daraus kann man also aucki praktische Folgerungen ziehen. Man sollte für Wohnräume nur heiter stimmende Tapeten tvähleu, am wirksamsten ist rot.— � Hmnoristisches. — Gewissenhaft. Der Chef tritt aus seinent Arbeits- zimmer ins Coniptoir.„Blast", sagt er z« dem Ausgeher,„gehen Sic sofort zn Herrn Konunerzienrat Meier und sagen Sie cinen schönen Gruß von mir..." In diesem Augenblick tritt ein»ober Gcschästsfrennd ein. mit dem der Chef eine wichtige,, mehrere Stunden in Anspruch nehmende Konferenz hält. Darüber vergißt er völlig auf die Botschaft an Meier, der am anderen Ende der Stadt ivohnt.— Plötzlich— eS ist schon gegen Mittag— kommt Blast ganz erschöpft daher. „Ja. wo waren Sie denn den ganzen Morgen, Blast?" fragt der Chef.„Sie sind ja schrecklich cchäuffiert!" „Sic haben mich doch zu Herrn Kominerzienrat Meier ge- schickt—" „Ich Sie?" fragt der Chef verwundert....„Ach so." fällt ihm dann plötzlich ein,„aber eS war ja noch zu gar keinem Auftrag g e k o m m e u— ich hatte Ihnen ja erst cinen schönen Gruß anempfohlen—" „Ja." nickt Blast lebhaft mit dem Kopf,„d e n Hab' ich auch ausgerichtet!"— — Auch ein Trinkgeld. Arzt:„Was Hab' ich zn zahlen, 5kellncr?" Kellner:„Eine Mark!" A r z t(in sein Portemonnaie sehend, für sich):„Donnerwetter. jetzt Hab ich nur mehr eine Mark, und ich muß doch ein Trinkgeld geben... Na...(zum Kellner) lassen Sie'mal Ihren Puls fühlen!... Ganz normal l... Ihre Zunge!... Auch alles in Ordnung!... Vollkommen gesund!... So, für die K o n- s u l t n t i o n haben Sie nichts zu zahlen— das ist Ihr Trinkgeld!"— — Unerwartete Kritik. Kapellmeister Streicher hält mit den ii eu engagierten Musikern die erste Probe. Erteilt die Rote» einer eigenen, eben vollendeten Komposition ans.„Wir werden das erst'mal durchspielen!" sagt er und hebt den Taktstock.— DaS Stück wird tadellos und ohne Pansen durch- gespielt.— Streicher ist entzückt über die Fertigkeit seiner neuen Kapelle und ergeht sich in Lobsprüchen.„Aber das war ja nicht schwer." wehrt einer der Künstler ab,„sind ja lauter bekannte Sachen!"—(«Flieg. Bl.") Biicher-Einlauf. — CäsarFlaischlen, AnsdenLehr-undWander- jähren des Lebens. Gesammelte Gedichte, Brief- und Tage- bnchblätter aus den Jahren 1884 bis 1899. Berlin. F. Fontane u. Eo. 3 M.— — Johannes Schlaf. Das dritte Reich. Ein Ber- liner Roman. Berlin, F. Fontane n. Eo.— — GeorgFreiherr vonOmpteda: Eysen. Deutscher Adel um 1900. Roman. Berlin, F. Fontane u. Co. 2 Bände. 10 M.— — Georg Hermann. A n s dem letzte« Hans e. Ein neneS Skizzeubüch. Berlin, F. Fontane n. Co.' 3 M.— — Emil Roland, G e f ii h l s k l i p p e n. Novellen. Berlin. F. Fontane u. Co. 3M.— — Klaus N i t t l a n d, Rur Weib. Novellen. Berlin, F. Fontane u. Eo. 5 M.— Rerantwortktiyer«esaclenr: Paul John in Berlin. Druck und Bertas von Max Bading tu Berlin.