Intsrhaltungsblatt des Horwärts Nr. 2�7. Dienstag, den 19. Dezember. 1899 (NachdruS verboten.) G] Elfe. Von Alexander L. K i e l l a n d. Aus dem Norwegischen von Leo Bloch. IV. Der Verein für gefallene Weiber der St. Peter-Gemcinde war also in Wirksamkeit getreten, und die Polizeimeisienn war nicht wenig stolz auf ihr Protokoll. Es war ein dickes, feierliches Buch in gelbweißem Pergament mit rotem Rücken und dem Namen des Vereins in Goldbnchstaben. Ucbrigeus waren die Arbeiten des Vereins noch vor- bereitend, da die Mittel nicht stark genug waren, um eine eigene Stiftung nnt Gebäude und Verwaltung zu criichten. Außerdem ging es etwas zähe mit dem Einsammeln von Beiträgen: die Stimmung war nicht günstig; auch schien es nicht so leicht zu sein, die gefallenen Weiber der St. Peter- Gemeinde zu finden. Aber das war auch nicht die Sache des Sekretärs. Die s�rau Polizeimeisterin hielt vormittags von 10—11 in ihrem Wohnzimmer Bureau. Das Protokoll lag aufgeschlagen auf der ersten Seite, aus welcher noch nichts anderes stand als die Ueberschrifte» der Rubriken: Name, Alter, von wem empfohlen usw., daneben stand das Schreibzeug mit einer gemalten Feder zur Dekoration und einer netten Stahlfeder zum Schreiben. Aber es kam niemand, und die Frau Polizeimcister wurde oft etwas ungeduldig. Ab inid zu wurden Versamin- luiigen gehalten, oder der Kaplan kam zu ihr herauf, um mit ihr über Vercinsangelegenhciten zu sprechen. Es war so eine eigene Sackze, mit eitlem jungen Mann diese Dinge zu besprechen, und die hübschen Augen der Polizcimeisterin mußten sich oft schüchtern auf das Protokoll hinabsenken. Aber es war auch ein erhebendes Gefühl, daß man— wie der Kaplan sagte— mitten in seiner eigenen Reinheit doch Augen l>atte für die Sünden um sich und, was in menschlicher Macht stand, that, um die Gefallenen zu retten. Daheim in der Arche lebte man, loic man konnte, aber nicht immer wie man sollte. Der Mann mit den vielen Gesichtern hatte sich oft gezeigt,»lud mif diese Besuche folgte stets ciil allgemeiner Wohlstand inid ein gutmütiger Humor bei der mürrischen Wirtin. Die Triokonzcrtc blühten darum, und es ging nicht bloß über den seligen Fürstenau her, sondern auch Onslow und Kalliwoda— ja selbst Vater Haydn mußte sich darein finden, vom Ockouomen getrillert, von Jörgen Tambour getrommelt und vom alte» Schirrmcister, der wie ein Rasender spielte und wie ein deutscher Musikant trank, gehämmert zu werden. Christian Falbe hatte im Herbst eine seiner aller schliiiiutsten Perioden gehabt, und das beschäftigte die Schwester so sehr, daß sie nicht bemerkte, wie bleich und verändert Else geworden war. Madam Späckbom merkte es dagegen Wohl; aber sie lächelte mit ihrem sachkundigen Lächeln; wenn junge Leute verliebt waren, sahen sie sust so eine Zeit lang aus. Als sie Svend und Else zusammen sah, hatte sie sich gleich gesagt: daS wird ein Paar. Sie paßten so außer- ordentlich gut zu eüiander, das sah Madam sofort, und sie hatte in solchen Dingen einen sichern Blick. Als deshalb Svend an einem Samstag Nachmittag klotzig und verlegen erschien,»ahm Madam ihn äußerst freundlich auf und bat ihn, sich ans das Sopha zu setzen, während sie in die Küche ging, Else zu holen. Aber Else war nicht dort; sie war nirgends; sie zeigte sich erst, nachdem Svend endlich gegangen war. Madam schalt sie auS, lachte aber trotzdem verschmitzt; denn auch dieses Symptom kannte sie; gerade so thaten die Mädchen, wenn sie am allerernstesten interessiert waren. In den elften Tagen hatte Floh die Augen nicht aitfge schlagen. Sie beschäftigte sich sehr eifrig mit dem Haushalt und ging nie aus. Aber iit der Nacht weinte sie vor Scham und Äugst; jeden Morgen erwartete sie, daß alle Welt es wissen würde. Aber als Tag für Tag verging, ohne daß irgend eiwas lassierte, und als alles ging wie vorher, ohne die geringste Anspielung auf sie, begann sie zu denken, daß es vielleicht nicht so gefährlich wäre. Eine ganz neue Art von Aeugstlich- keit lag über ihr; sie konnte auch nicht mehr lachen wie rühcr; aber ihr leichter Sinn half ihr bald über das Schlimmste, und sie fand allmählich wieder ihren guten Nacht- 'chlaf und ihre klaren Augen. Aber Svend wollte sie nicht sehen. Sobald sie an ihn dachte, wurde sie glühend rot; es war viel schlinnuer, an ihn zu denken, als an den andern. Sie hatte den Konsul mehrmals in der Dämmerung am Hause Vorbeigehen sehen, aber sie bemerkte zu ihrer Freude. daß er nicht hereinzukommen ivagte. Dagegen kam sonst au jedem Abend, wenn Madam Späckbom aus war, eine ältliche Frau, die immer sehr freundlich lächelte. Sie lud Else ehr fleißig ein, sie zu besuchen; sie wohnte ganz in der Nähe, unten in der Strandftraße. Aber zu gleicher Zeit legte sie ihr inständig aus Herz, Madam Späckbom nicht ein Wort von ihren Besuchen zu sagen. Aber eines Abends gab es eine furchtbare Sccne. Madam Späckbom hatte im Dunkeln draußen auf dem Gange eine remdc Maimesperson abgefaßt; und da sie sich nicht zu erkennen geben wollte, öfsucte Madam resolut die Thür zur Wohnstube, Ivo Else bei der Lampe saß. Ein einziger Blick auf das verstörte Gesicht des jungen Mädchens, als es sich zeigte, daß der Abgefaßte Konsul With war, war für Madam genug. Sie kannte den Konsul so lzründlich, daß sie sofort das Ganze verstand und Madam Späckbom hegte jedenfalls keine Ehrerbietung für ihn. Deshalb wurde er schleunigst mit einem tüchtigen Puff aus der Thüre gesetzt und von einem Sttom von Schimpfwortcn und Ver- wünschungen begleitet, welche der feine Mann mit aus- gesuchtem Anstand in die Tasche steckte— froh darüber, ent- schlüpfen zu können. Aber dann hielt Madam Abrechnung mit Else, was bannt endete» daß sie sie noch am gleichen Abend zur Thür hinausjagte. Denn— wie sie sagte— wenn es ein anderer gewesen wäre, zum Beispiel er— der Bursche von der Ziegelei, so würde sie nicht ein Wort gesagt haben, sondern ihnen sogar geholfen haben, damit sie zusammen kämen und einen Hausstand gründen könnten. Keiner sollte von Madam Späckbom sagen, daß sie mit der Jugend streng wäre. Wer sich wegwerfen an solch ein altes Schwein, wie den Konsul With l— nein, min! achtete Else sich nicht mehr als so. so konnte sie nicht unter Madam Späckboms Dach bleiben. Die sonst so gutmütige Madam war rasend, wenn sie erst einmal böse wurde. Und das hatte sie auf daS tiefste empört und gekränkt. Solch eine bodenlose Falschheit von Floh, sie mit dem Burschen von der Ziegelei zu narren— sie, Madmn Späckbom! welche einen so sicheren Blick in solchen Dingen hatte!— und dann der Konsul With l— Nein, hier konnte von nichts anderem mehr die Rede sein, als daß Else den schwärzesten Undank gezeigt hätte und ein ansspeknliert falsches und leichtsinniges Dings wäre. Floh stand auf der dunklen Straße, ehe sie recht zur Besinnung kam. Zuerst hatte sie geweint, aber min hörte sie auf, um zu überlegen. Ihre größte Angst war, ob Madam jetzt schweigen würde oder ob es alle ersahreu würden. Es war kalt, wo sie stand; der Wind blies, und sie war ohne Ueberzcug. Sie beschloß, zu einer Freundin zu gehen. welche in der Nähe diente, und abzuwarten; vielleicht könnte Madam sich bedenken. Floh schlief die Nacht bei ihrer Freundin, und am wichsten Morgen ging sie hinunter nach Madam Späckboms Haus. Aber Madam bemerkte sie auf dem Hügel und knallte die Thür vor ihr zu. Da erst ging es Else auf, daß sie Im Ernst fortgejagt wäre, und ihr Unglück kam mit einer plötzlichen Wucht über sie, die sie zerschmettern zu müssen schien. Sie schlich sich in die engsten Gassen am Sttand und ging schluchzend mit ge- senktein Kopf, ohne zu sehen, wo sie ging. Da begegnete ihr die freundliche Frau, welche sie mehrere» male besucht hatte. „Armes, kleines Elscchcn", sagte die gute Frau;„was hat man Dir gethnn? komm herein zu mir! Ich wohne dicht bei; da sollst Du es gut haben, und keiner wird Dir etivas thun— komm nur. inciii 5iind!" Es that Else so unsäglich wohl, diese freundlichen Worte zu hören, und sie folgte gern. Das Haus war ganz klein und lag zwischen zwei See» Häusern eingeklemmt, ivelche Konsul With gehörten. Die Frau führte"sie hinauf in eine niedliche, kleine Stribe, welche aus den Hafen hinausging. Von da ging es in ein noch kleineres, noch niedlicheres Schlafzimmer. „Hier kannst Du bleiben, so lange Dil willst", sagte die Frau und streichelte sie;„ich habe so lange erwartet, daß Du koninien würdest." Else war nicht sehr erstaunt darüber. An den Träumen, welche sie nach Schirnneisters Musik zu träumen Pflegte, ging es so zu und noch wunderbarer. Und die letzte Zeit nüt all' den starken Erschütterungen und Gemütsbewegungen hatte die Wirklichkeit selbst so bunt für sie gemacht, daß sie weder zweifelte noch fragte, sondern sich vom Strom tragen liest, froh und beruhigt darüber, erlöst zu sein von der grausame» Verlassenheit, welche sie eine Weile empfundeil hatte. Nur als die freundliche Frau ganz beiläufig Konsul With erwähnte, während sie ihr andere Strümpfe anzog— es lagen sogar Strümpfe in der Kommode bereit—, da erst fuhr es wie ein Stich durch Else; sie, erhob sich vom Sofa und wollte davonlaufen. Aber die Frau hielt sie zurück und schlvatzte so gerührt von dcnr gute» Konsul und erzählte so viel Schönes und Gutes von ihm: und übrigens, wo wollte sie hinlaufen? Floh legte sich auf das Sopha: und als die gute Frair /in weiiig später Käse, Eier und Weißbrot auf einem Brett mit weißem Tuche brachte, setzte sie sich hin zu essen und unter- hielt sich damit, die Boote draußen auf dem Wasser vorbei- rudern zu sehen. Und den Herbst irnd Winter über wohnte Else hier und hatte es gut. Sie gewöhnte sich nach und nach an den Konsul. Aus ging sie sehr selten, und es gab verschiedene unter ihren Bekannten, die zu treffen sie sich furchtbar schämte. Andere dagegen blieben stehen lind besahen und befühlten alles, was sie hatte, und ihr Neid war ihr wie eine Entschädigung. Aber vor Fräulein Falbe hatte sie solche Angst, daß sie davonlief, wenn sie sie in weiter Entfernung auf der Straße sah. Und bei allcnr hatte sie noch größere Furcht vor Svcnd. Sie wußte, daß er zur Stadt gekommen war, nachdem die Arbeit auf der Ziegelei im Herbst geschlossen war; und eines Abends merkte sie, lvie er ihr über die Strandstraßc folgte. Sic beeilte sich und schloß sich ein. Etwas später hörte sie ihn am Schloß hernmarbeiten und halblaut nach ihr rufen. Aber sie verhielt sich ganz still, und so ging er wieder. Aber ein paar Tage später stand er mitten in ihrer Stube, che sie es recht merkte. Else lief nach der Kammer- thnr, um sich einzuriegeln. Svend stand mittlerweile ganz still und sah sich um. Er war verändert. Sein Gesicht ivar nicht mehr so hübsch und braun wie im Sonimcr, und Floh konnte es ihm wohl ansehen, daß er in der letzten Zeit ge- trunken und gewüstet hatte. „Ich weiß alles, Else," begann er;„aber das kann gleich sein. Ich habe noch hundert Kronen von der Sommerarbcit übrig; willst Du jetzt schnell mit mir kommen, so»vollen wir uns"heiraten und zu meinem Onkel nach Arendal reisen; da habe ich Arbeit zugesagt." Else ließ das Thürschloß los. Jetzt hatte sie keine Furcht niehr; aber beschämt senkte sie den Kopf und sagte: „Nein, Svend. Darum sollst Du mich nicht bitren, denn das kann ich nicht. Aber Dank sollst Du dafür haben, daß Du es wolltest." Svcnd setzte sich ans den Stuhl an der Thür und als er sah, daß Else weinte, weinte er auch. So weinten sie eine Weile niit einander, jeder in seiner Ecke. Aber plötzlich fiel es Floh ein, daß jemand kommen könnte. Nasch trocknete sie die Augen und bat ihn zu gehen— so schnell er könnte. Schlvach und demütig ließ er sich davon jagen; aber er sagte, er würde Ivicderkonimcn. Und er kam seit der Zeit oft, wenn sie ungestört sein konnten. Sobald sie ihn sah, flammte die Scham wieder ans, aber immer etwas schwächer, bis sie lange mit ihm sitzen und reden konnte. Mit einem wunderlichen nervösen Interesse hörte sie, wie sein Geld abnahm. Sie fragte ihn eifrig über jcinc Kaiiiemde» ans. und als sie hörte, daß er mit einigen von der Baude zusammengekommen war, crkannie sie, daß es eine böse Wendung mit ihm nähme. Aber sie warnte ihn nicht; es schien ihr nicht, daß es so schlimm wäre. Es wäre viel— viel schlimmer gewesen, wenn er so hübsch und unschuldig geblieben wäre wie da- mnls, als sie ihn zum erstenmal sah— jetzt, da sie selbst so tief heruntergekommen war. An dem Tage, als er noch zwanzig Kronen von seinem Gelde übrig hatte, bot er sie ihr halb flott, halb demütig für einen einzigen Kuß. Aber Else fuhr furchtsam und zornig zurück; sie wollte um alles in der Welt weder ihn, noch sein Geld anrühren. Svend nahm das hin,— verlegen und zerknirscht, wie ein Hund, der Prügel bekommt. Aber als er zur Thür schlich, reute es sie doch, und sie küßte ihn für nichts. So ging der Winter hin. Aber als die Tage länger nnd heller wurden, im Febrnar und im März, begannen allerlei Gerüchte, welche in dem Winterdnnkel still gebrütet hatten, ihre Schwingen zu rühren, und eine neue Geschichte von Konsul With flog sausend von Haus zu Haus. Der Konsul griff zu dem üblichen Mittel und reiste in Geschäften nach London. Und eines Tages kam die freund- liche Frau zu Else herein mit einem ganz neuen Gesicht, in dem nicht die geringste Spur von einem Lächeln war, und verkündete kurz und gut, daß der Konsul nun wenigstens für ein Jahr fortgereist wäre und daß Else nichts mehr in dem Hause zu suchen hätte, sondern sich schnell fortpacken sollte und nichts mitnehmen. Floh war nicht mehr dieselbe wie damals, als sie von Madam Späckbom fortgejagt wurde. Sie erhob sich und schimpfte die freundliche Frau tüchtig ans, und es gab eine große Schimpferei, welche damit endete, daß die Frau befahl: Floh sollte das Haus verlassen, che die Sonne unterginge. „Sehr gern— von Herzen gern," antwortete Else; es wäre lange schon ihr Wunsch gelvesen; sie hätte das Ganze att. Und als Svcnd gerade die Treppe heraufkam, rief sie sihin mit funkelnden Augen zu:„Jetzt gehe ich mit Dir Svend!" Aber Svend sah eher bestürzt, als glücklich aus, und er flüsterte ihr verzagt zu:„Jetzt habe ich keinen Schilling mehr." Da lachte Floh— sie lachte, daß es durch das Hans klang, die Treppen hinauf nnd hinunter; aber �Svend bekam fast Furcht. Und strahlend. als ob es der lustigste Triumph von der Welt wäre, nahm sie seinen Arm und ging an der Frau vorbei, die dastand und sie höhnisch auslachte. Sie gingen hinauf zu der Bande; an Fräulein Falbes Thür hielt Else an und wurde ernst, aber nur einen Augenblick. Die hübsche Frau Polizestileisterm hielt nicht mehr Bureau von 10—11. Sie hatte es satt. Diese vorbereitenden Arbeiten zogen sich ins unendliche; als der Kaplan den Verein gestiftet hatte, schien er sein Ziel erreicht zu haben; und das»vettere Gedeihen und Fortschreiten dcS Vereins mochte ihm nicht sehr am Herzen liegen. In der letzten Sitzung hatte er auch unter allgemeiner Zustimmung vorgeschlagen, daß die Sache vorläufig bis zum Herbst ruhen sollte; denn nun kam der Sommer; alle Gönner der Stiftung reisten ins Bad oder auf das Land; mau müßte sich darauf beschränken, in der Stille zu arbeiten— wie der Kaplan sich ausdrückte— und sich dann — so Gott»vill im— Herbst mit erneuten Kräften»vieder treffen. In der Stille arbeiten,»var nichts für die Fron Polizei- Meisterin. Im Gegenteil»vünschte sie sich auf die eine oder die andere Weise hcrvorzuthun, aber es gab keine Gelegen- heit, und schließlich ließ sie das Protokoll geschlossen auf dem Schreibtisch liegen; aber da ließ sie es doch liegen— es»var immerhin ein hübscher Gegenstand und alle Fremden fragten ja, was es wäre, An einem schönen Maienmorgen ztvischen 10—11 kam das Mädchen in das Schlafzimmer und meldete, daß Fräulein Falbe in der Stube lväre, um mit der Frau Polizeimeistcrin zu sprechen. Sie»vollte sich zuerst entschuldigen lassen; aber als sie hörte, daß es den Verein für gefallene Weiber der St�Peter- Gemeinde beträfe, machte sie in Eile eine kleidsame Toilette und kam herein. Aber sie»var doch ct»oas ärgerlich; das glich gerade Fräulein Falbe so zur Unzeit zu kommen. eLerlsktzunji folgr.) Dtts VÄkhchen Von Hcilbrott»». (Schiller-Theater.) In Hebbels Tngebücheni findet sich diese Stelle: O, wie mich das schmerzt I Käthchen, Du mein liebes Kätljchen von Heilbronn, Dich muh ich verstohen. Dir darf ich nicht mehr so gut bleiben als ich Dir wurde, da ich Dir, noch Jüngling, zum erstenmal in die sühen blauen Augen schaute und mir Dein rührendes Bild alles aufopfernder und darum vom Himmel »ach langer schmerzlicher Probe gekrönter Liebe, ich glaubte für ewig, in die Seele drückte I Wie ein Stern bist Du in einer trüben Zeit über meinem Haupte auf- gegangen und hast jene Seligkeit, die mir das Leben auch der- weigerte nnd nach der niei» Herz doch schon ungeduldig schmachtete, in meine Brust hiueingelächelt; Deine Schmerzen habe ich geteilt, denn mir war, als ob ich ebenso hinter dem Glück herzöge, wie Du hinter Deinem spröden Grafen, und auf Deiner Hochzeit war ich der fröhlichste, wenn auch zugleich der stillste Gast, denn ich glaubte fest, wie Du, an endliche Erhörung. Sie ziehen alle wieder au mir vorbei, die linden Früh- liiigs- und Sonimertage, die oft so schön waren, und die mir doch nichts brachten, als erhöhte Sehnsucht und zu- weilen erhöhtes Vertrauen; wie goldnc Rahmen kommen sie mir jetzt vor, die sich nicht um ein Bild, sondern um die leere Luft zusammenschlössen. Aber damals empfand ich das nicht so. ich schaute durch diese Rahme» hindurch in den Duft der Abendröte hinein, wo die Zanbergestnltcu tanzen rmd schtvcbc», die der Dichter schafit, weil die Natur sie nicht nnnüttclbar schassen kann, und von diesen Gestalten warst Du lange der Mittelpunkt... Ich sehne mich oft nach jener Zeit des unbegrenzten Verlangens nnd unbestimmten Vermögens zurück, aber nicht immer duften die Blumen nur, die ich ans den Gräbern meiner jugendlichen Freude» pflücke, nicht selten zerfallen sie vor meinem Finger, ja vor meinem Auge in Staub, und dann ist es mir, als ob sie nie gc- Wesen sind nnd ich verarme, Ivo man es für unmöglich halte» sollte, noch verarmen zu können. So. nein, nicht gerade so, aber doch anders, als ich gewünscht hätte, ging es nur auch heute morgen mit Dir, mein Käthchen, als ich Dich nach so langer Zeit wieder ans Kinn fahte nnd Dein Köpfchen mit den blonden Locken in die Höhe hob I Nicht Du hast Dich verändert, Du bist und bleibst eine rührende, mit dem Liebreiz hinnnlischer bluschnld ausgestaltete Gestalt, eine erstgeborene Tochter der Poesie, der die Mutter ihre eigenen Züge geborgt hat, aber die Welt, i» der Du Dich bewegst und die Dich hält und tragt, tvill mir nicht mehr Ivic früher, gefallen, ja nicht einmal ganz mehr, dies tvirst Du am schwerste» verzeihe». Dein Wetter vom Strahl, der Dich erst zu heiraten ivngt, nun Du eine Kaiserstochter bist. Was Hebbel mit diesen Worten sagen will, ist etwa folgendes: Das Käthchcu von Heilbronu siegt nicht durch ihre rührende Hin- gäbe, auch nicht durch die Magie ihrer Schönheit, vielmehr bekommt sie den Grafen vom Strahl schliesslich nur, weil sie eine uneheliche Kaiscrstochter ist und vom Kaiser zur Prinzessin von Schivabcn er- hoben tvird. Dag aber Kaiscrbriefe und Prinzessiuurntitel muviderstchtich sind, hat die Welt, wie Hebbel sehr richtig bemerkt, niemals bezivciselt. Was Käthchcu von Heilbronu beweisen sollte, beweist sie nicht: sie beweist vielmehr das gerade Gegenteil, das; nämlich selbst ihre Hingabe und Schönheit einen Mann nicht zu zwingen vermögen, wem, seine feudale» Vorurteile nicht durch allerlei Ncbeuumstände aus der Welt geschafft werde». Damit erhält das Stück allerdings einen sehr schweren Schlag: seine innere Geschlossenheit geht in die Brüche nnd was übrig bleibt, sind Bruchstücke, prachtvolle Bruchstücke. Bruchstücke eines unendlich schöne» Tempels, aber kein Ganzes. Es ist wie im dritten Akt des Stückes: die Brandfackel ist in die Vnrg geworfen, die Mauern stürzen ei», aber mitten im allgemeinen Zusammensturz steht frei und leuchtend Käthchen von Heilbronu und hinter ihr erhebt sich ein schürender Ehcrubini: die Poesie. Wir verzichten daraus, unser»« kritischen Einwand einen begeisterten Hpmnus folgen zu lassen, und zlvar verzichten wir ans denselben Gründen, ans denen auch Hebbel in seinen Tagebüchern darauf ver- zichtete. Es gicbt eben„Namen, die jedes ganz gehorsamste Adjektiv. das sich ihnen mit einem Nnuchcrfasz und einem Fliegentvedel zur Seite stellen wollte, verzehren würden, Ivic das Feuer den Kranz", nnd zu diesen Rainen gehört allerdings Heinrich b. Kleist. Die verfehlte Anlage, die nicht das hingebende Mädchen, fondern ihren illegitimen Vater zum schließlich siegenden„Priucip" macht, hat einen uuangcilchmen Fehler in der Form nach sich ge- zogen. Um die kaiserliche Herkunst Käthchcns glaubhaft zu machen, ivird die ganze romantische Traum- nnd Zaubergcschichte notwendig. die tief mit dem Stück verlvobe«« ist. Nun kaiin freilich ein Tranui in einem Drama sehr ivohl cinc Rolle spielen. Wenn die Dichtung so fest wie eine Burg gegründet ist. kann anch durch ibre alten Gemächer der Geist des Schlosses spuken, aber die Burg inust den Geist beglaubigen, nicht umgekehrt der Geist die Burg. In KleistenS Dichtung aber bildet der Traum schließlich die Unterlage des Ganzen nnd daS ist für ein Drama allerdings ein ctivaS lustiger Grund. Tie kaiserliche Herkunft KäihrbeuS hat aber noch andere, recht unangenehme Wirkungen, die von Hebbel nicht hervor- gehoben sind. WaS soll inail zu dem„ehrsamen und vielbckamrten Wassenschulidt" ans Heilbronn tagen, der schließlich bei einer Tochter unterkriecht, die nur dadurch entstehen konnte, daß seine Frau ihn zum Hahnrei machte? Die Nnterthanentrcne streift hier wirklich die Grenze» des Verächtlichen. Der Präsident in„Kahale nnd Liebe", meint zwar, daß jeder Mensch von Vernunft nach der Distinktion geizen müsse, niit seinem Landesherrn an einem dritten Ort zu wechseln: aber der Präsident ist eben ein Schurke. Trotzdem kann er einige Gründe ins Treffen führen, die nicht so ganz uneben sind. Schließlich will er, indem er ein oder vielmehr beide Augen zudrückt, den Fürsten nur um so fester an sich fesseln. Er bringt seine Ehre nicht ans schäbiger„Loyalität" zu Markte, sondern weil er politisch herrschen will, so daß in diesem Wandel der Fürst schließ- lich doch der düpierte Lüstling bleibt. Natürlich bleibt der Präsident ei» Schurke;— aber innerhalb dieses Begriffs kann man ihn« eine gewisse respektable Nuance nicht absprechen. Ganz anders steht es mit dem„ehrsamen Waffenschmied ans Heilbronu". Er hat eine Tochter, die er abgöttisch liebt und die er mit allen Segnungen des bürgerlichen Wohlstands umgiebt. Wie sich nun schließlich hcransstellt, daß sie seine Tochter gar»ich ist, sondern daß vielmehr sein allcrgnndigster Kaiser und Herr in einer huldvollen Laune ihr Vater geworden ist, verharrt er nach wie vor in der Ergebenheit, die einem treuen Unterthanen geziemt. Wie stimmt das zu dem„tvilden Kläger", der im ersten Akt geschildert ist? Es stimmt, meinen wir, gar nicht. Oder aber es stimmt und dann hätte Kleist die fatale Ansicht vertreten, daß auch ein aufrechter Bürger sich geschmeichelt fühlen muß. wenn sein Kaiser niit ihm an„einem dritten Orte" wechselt. Natürlich hat Kleist diese Halbweltsweisheit nicht vertreten und auch nicht vertreten wollen. Wir ziehen nur darum die Konsequenz so scharf, um eindringlich zu zeigen, wie unangenehm sich die kaiserliche Herkunft Käthcheus rächt, eben weil sie mit der eigentlichen Idee des Ganzen nichts zu lhnn hat. Wir sind übrigens nicht die einzigen, denen der loyale Hahnrei sdcr ja im ersten Akt eine prachtvolle Gestalt ist) aus die Nerven fällt. Auch Ticck hat gefunden, daß sein„herzliches Gefühl" durch die kaiserliche Thäterschast „ziemlich verdunkelt" würde und hat sogar so tief unter dem Ein- druck dieser Thatsache gestanden, daß er eine Umarbeitung des Stückes begann, die den fatalen„Vater" ausmerzen sollte. Aber noch vor der Vollendung sah er ein, daß es„eine gewagte Unter- nehmnng sehn dürfte, diesen wnndcrbaren duftigen Strauß neu zu ordnen und zu binden, ohne etwas von dem zarten Vlumcnstanb zu ver- wischen oder den frischen Morgentau zu verschütten". Uebrigens hatKlcist selbst eingeräumt, daß er im Käthchen dem TheaterKonzessionen gemacht hat. Ob er damit die romantische Abstnnminng sdie für daS breite Publikum allerdings ihren besonderen Reiz hat) meinte, wissen wir nicht. Jedenfalls aber können tvir ihm beipflichten, wenn er von Mißgriffen spricht, die man„beweinen möchte". Ans den ersten Blick könnte es scheinen, als ob die Dichtung in einem ganz besonderen Sinne„modern" Iväre. Dieser Graf vom Strahl, der nach der Peitsche greift nnd trotzdem abgöttisch geliebt wird, bringt Gedanken an Nietzsche herauf. Man darf ja nach diesem fragwürdigen Philosophen die Peitsche nicht vergessen, wenn man zu Weibern geht. Das gicb! den ersten Sceuen einen eigentümlichen prickelnden Reiz nnd wir würden den Darsteller verstehen, wenn wir ihn anch tadeln müßten, der hier etwas in die Gestalt hineintrüge. daS nicht hinein gehört. Daß cS nicht hinein gehört, zeigt die Dichtung in ihrem weiteren Verlauf ganz klar. Schließlich ist es ja doch der Graf, der zwar nicht unter die Peitsche kommt, aber doch einem rührend schönen Mädchen ins Garn gerät und so ans seine Weise zun« Sklaven wird. Zum Ueberfluß hat der Dichter selbst in einem Brief an eine Freundin ausgesprochen, daß Käthchen durch ihre gänzliche Hingebung mächtig sei nnd hat somit das Weib zur treibende» Kraft der Dichtung gemacht. Käthchcu von Heilbronu tvird in der deutschen Littcratur lebendig bleiben, wenn auch das Drama, dem sie den Namen giebt, nicht zu den großen deutsche» Dramen gehört. Eigentlich ist es überhaupt kein Drama, sondern ein Bühnenmärchen oder doch eine romantische Bühnencrzählung von der Art Shakespeares. Als solches wird es von inffereu Bühnen immer wieder und immer wieder gegeben werden können. Es kann nicht veralten, da ihm Kleist den ganzen Glanz seiner großen Seele gegeben hat. Augenblicklich hat in Berlin das S ch i I l e r- T h e a t e r die Dichtung in seinen Spielplan anfgenomme». Die Darstellung, in der Frau E y s o l d t, G r e g o r i und P a t e g g hervortreten, ist gut.— Erich Schlaikjer. Mleiues �euillekon« r. Christbauinschmnck. In einem ciigen Thale des Thüringer Waldes liegt das Dorf Lauscha, der Sitz einer eigenartigen Glas- indnstrie. Hier werden nuter anderem auch die blitzenden, bunten Glassacheu angefertigt, mit denen wir seit Jahren gewohnt sind, unsere Weihnachtsbäume zu schmücken. In der Mitte des Ortes be- findet sich eine alte Glashütte, die schon im 16. Jahrhundert von zwei aus Böhmen cingewandcrtcu Glasmachern gegründet worden ist. Im Innern der Hütte lodert in einem großen Ofen ein mächtiges, durch Holz- scheite gespeistes Feuer, und inmitten der Glut stehen große„Hafen", an- gefüllt mit geschmolzener, dickflüssiger Glasmasse, lieber jedem Hasen ist eine Oeffnung in der Ofcnivand angebracht. Der Glas- macher taucht ein langes, mit einem Mundstück versehenes Eisenrohr, die„Pfeife", in den Hafen. Am Ende der Pfeife bleibt ein birnen- großer Tropfen der glühenden Masse hängen, den der Glasmacher dnrS Hineinblasen die Pfeife vergröszert. Durch iviedcrholteS Eintauchen in de» Hafen wird der glühende Klunipen noch erheblich vergrößert, nnd durch Hin- und Herrollen auf einer Eisenplatte erhält er annähernd die Forin eines Blumentopfes. Nun fetzt der Glasmacher die Pfeife an den Mund, hebt das untere Ende mit der weichen Masse empor, ein Hilfsarbeiter kommt mit einer Eiscnstangc, an der ein abgeplatteter Klumpen glühender Masse steckt, stößt diese mit dem an der Pfeife hängenden Klumpen zusammen, der Glas- rnacher senkt die Pfeife nach unten, bläst hinein, beide Arbeiter gehen in entgegengesetzter Richtung rückwärts, ziehen dadurch die weiche, glühende Glasmasse in die Länge, und auf diese Weise cutsteht eine lange Glasröhre, die nach dem Erkalten in Stücke von 1— IV2 Meter Länge gebrochen wird. Diese Glasröhren, die in der Hütte in den verschiedensten Stärken und Farben angefertigt werden, bilden das Material, aus dem die hansindiistriellen Glas- bläser allerlei niedliche nnd kunstvolle Sachen anfertigen. Fast in jedem Hause in Lauscha habe» wir Gelegenheit, die staunenswerte Geschicklichkeit dieser Arbeiter zu bctvimdcrn, und zugleich die äußerst dürftigen Verhältnisse, unter denen sie leben, keimen zn kernen. Treten wir in die Behausung eines Glasbläsers ein, so sehen wir, daß die Werkstatt auch als Wohnstube und Küche dient. Neben diescin Raun», nicht einmal durch eine Thür von demselben getrennt, befindet sich eine enge Schlafkammcr. In der keincsivcgs ge- räumigen, niedrigen Werkstatt ist jedes Plätzchen besetzt, teils durch arbeitende Personen, teils durch fertige rmd halbfertige Ware. An den Arbeitstischen brennen vier Gasflmnineir, in denen die Glasröhren geschmolzen werden, auf einem großen Petroleumlocher wird zur Arbeit erforderliches heißes Wasser gehalten, und im Ofen brennt Feuer, auf dem die Hausfrau das Mittagessen bereitet. Nach alledem kann man beurteile», ivie die Atmosphäre in diesem Raum befchafsen ist, tvährcnd draußen die Mittagssonne sengende Glut in der stanbigeu Straße verbreitet. Sehen ivir nun zn, wie hier die bunten Glaskugeln für den Weihnachtsbaum entstehen. Der Arbeiter hält eine Röhre von gewöhnliche»! weißen Glase in die sausende Stichflamme. Ein Augenblick, und das Glas ivird an der Stelle, wo es die Flamme trifft, glühend und weich. Dcr� Arbeiter bläst in die Röhre, und, wie an dem in Seifenlösung ge- jauchten Strohhalm eine Seifenblase, so cutsteht am Ende der Glas- röhre eine Kugel, deren Größe der Arbeiter durch stärkeres oder schwächeres Blasen genau bestimmen kann. Die auf solche Weise entstanden« Kugel ist sogleich tviedcr abgekühlt nnd hart gctvorden. Letzt hält sie der Arbeiter so. daß die Stichflamme nur einen Punkt der Oberfläche der Kugel trifft. ES entsteht ein glühender, kreisrunder Fleck, der sich durch Hineinblasen halblngclförmig ausbuchtet. Wenn der Arbeiter, anstatt zu blasen, an der Röhre sangt, so wird der glühende Fleck zn einer halbkugelförmigcu Vertiefung. Durch diese Mauipulation weiß der Arbeiter mit pauncuswertcr Geschicklichkeit. und viel schneller als eS hier beschrieben tvird, ein ivohlgeordnetcS Muster von erhöhte» und vertieften Punkten auf der Oberfläche der Kugel anzubringen. Nun gilt es, dem aus der Hand des lunst- fertigen Bläsers hervorgegangenen Werk Glanz und Farbe zu geben, eine Arbeit, mit der die Frau nnd zwei Töchter des Meisters beschäftigt sind. Zunächst wird die Kugel„ge- spiegelt". In daS Innere derselben werden einige Tropfen einer Lösung salpetersanreu Silbers geschüttet, die Glaskugel wird in heißem Wasser erwärmt, hin und her geschivcnkt, ein Niederschlag von Silber überzieht die Innenwand der Glaskugel und diese hat uun den sill'rigen Schein eines Spiegels. Jetzt wird die in der vorhin beschriebenen Weise gemusterte Kugel mit durchsichtigem Lack verschiedenfarbig angemalt, Punkte, die mit weißer Farbe aufgetupft werden, verschönern und vervollständigen daS eingeblasene Muster und der Gegenstand ist fertig. Schließlich werden diese Glasfachen in Kartons mit Watte verpackt, und so in vollkomnic» vcrsandfähigem Znstande dem Großkaufmann abgeliefert, der sie an seine Kunden verschickt. Die Kaufleute nehmen von den Lauschacr GlaSware» den Löwenanteil des GetvinnS für sich in Anspruch, während die Wer- fertiger der kunstvollen Sachen mit wahren Huugerlöhnc» vorlicb nehmen müssen. So werde» beispielsweise die reich verzierten Kugeln, deren Herstellung tvir oben beschrieben haben, in Berliner Geschäften im Einzelverkauf mit 20—25 Pf. pro Stück abgegeben, Ivährend der Verfertiger derselbe» vom Großhändler in Lauscha für daS ganze Dutzend 50 Pf. erhält. Dabei muß der Glasbläser sein Material: Glas. Silber, Lack, GaS, Verpackung selber beschaffen und bezahlen. Auch in Lauscha herrschen alle die Mißstände, die eine bon ein- zelucii Großhändlern vollständig abhängige HaiiSiiidustvic für die Arbeiter im Gefolge hat. Ilm sich über die arbeitslose Zeit der Winternionatc hinwegzuhelfen. haben sich einige Gruppen von Ar- bestem in Lauscha gebildet. die ihre Christbanmartikel direkt an die Konsimicnten versenden. Auch unsere Parteigenossen in Lauscha bilde» eine solche Gruppe, die ihre Fabrikate in Berlin zum Vcr- kaufe stellt.— Volkskunde. c. D i e Sprache der Glocken im Volks munde. Wie das Volk Hirten und Honnsten häufig Worte in den Mund legt, so schiebt eS auch den Glocke, tönen einen Text unter, der ihre charaktc- ristische Eigenart auszudrucken sucht. Einige interessante Beispiele dieser Art, die in Brauuschlvcig gebräuchlich sind, werden in der soeben erschienenen„Zeitschrift des Vereins für Volkskunde" wieder- gegeben. Am häufigsten ivcrdcn die Worte„Bim-bnm-bälam" dem Glockengeläuren untertegt, und man erweitert sie z. B. zn folgendem Vers:„Bin, bam bälam. In Bolzen is en Mann dot. De heit Sparbrot, Slang sine Frn mit der Küle dot." In Rümmer tönt der Klang der Glocke ivie„pemperlempem, pcncherlempem", in Wein- Dahlum hallt die kleine Glocke„Link Bein", die große„Lahm Bein". In Lelm spricht die große Glocke„Min Dum".' die mittlere„Min Ellbogen", die kleine„Min Knie". Aehnlich hört man in Wolfen- büttel ans dem Gebimmel der kleinen Glocke„Lüt je Finger" heraus. „Man Mauren, mau Mauren" fängt die kleine Glocke in Offleben zu läuten an, die große aber setzt mit de» drastischen Worten ein„Jk will Klump". Ebenso ruft die Glocke in Warderg«Mareik, Rind- fleisch". Einen eigenartigen Sinn qiebt das Volk dem Glockengeläut in Denstorf, nämlich„Heute mir, morgen Dir".— Meteorologisches. is. Der Ranch eines Vulkans als Wetterfahne. Die in Washington erscheinende„Mouatlicbe Wetter-Revue" hat von einem Herrn Lyons aus Honolulu eine interessante Mitteilung er- hnlteu, die sich auf den jüngsten Ausbruch des Bullaus Mauna Loa auf der Hauptiusel der Hawaii-Gruppe bezieht. Jedem, der sich zu Schiff de» Inseln näherte, muß sich ein imposanter Anblick dargeboten haben. Es stieg nämlich während des Ausbruches vou dem Vulkan eine Rauchsäule gen Himmel, deren Höhe auf etwa 30 000 Fnß über dem Meeresspiegel geschätzt wurde. Für die Meteorologe» war dies eine erwünschte Gelegenheit, sich über die Luftströnuuigen in den hohen Schichte» der Atmosphäre belehren zu lassen. Freilich konnte mau nichts anderes erwarten als eine Bcstälignng des durch die Theorie bereits Vckanntc». Während ans der Erd- obcrflächc unverändert der Nordost-Passat blies, zog der Rauch des Vulkans in der entgegengesetzten Richtung, nämlich mit einem Südioestlvinde, der ihn in einer ganz wagerechte» Schicht mit sich führte. In einer Entfernung bon etiva 600 englischen Meilen von Hawaii sank der Rauch dann zum Meere nieder, wurde in de» unteren Schichten lviedernm von dein Nordpassat erfaßt und nach den Inseln zurückgetragen, so daß alle Haivaii- Inseln noch 14 Tage nach der Ernprion in einen dicken Rauch gehüllt waren, der jedoch nicht direkt vom Vulkan herabgekonmieu war, sondern bereits eine Reise bon 2000 Kilometer gemacht halte. Das Dampfschiff „Mariposa" traf ans seiner Reise von Sa» Francisco die Rauchivolke in der oben genannten Entfernung bon Honolulu. Zunächst befand sie sich gerade über dem Schiff, dann aber bedeckte sie nicht nur alle Gegenstände auf dein Dampfer, sondern auch die ganze Ilm- gebung.— Humoristisches. — G e wisse 11 Sfrage. Advokat:„Ich kann den Fall aber nur übernehmen, wenn Sie mir die volle Wahrheit sagen!" Klient:„Ja, was soll ich Ihnen zuerst sagen?" Advokat:„Zuerst sagen Sic mir mal genau, wieviel Geld Sie haben!'— — DaS Aller modern sie. Gast sin einem Alpcnhotel): „Herr Oberkellner, wer ist denn der Herr dort mit dem idealen Ans- sehen, dem alle Gäste so andachtsvoll znhörcu?" Oberkellner:„DaS ist unser„ A 11 s i ch t S k a r t e n v e r s e- Improvisator!"— — Diagnose.„Ich weiß nicht, Herr Doktor, was ich hier in der Magcngegend habe, ich empsinde da fortgesetzt so ei» Drücken, und mir ist so, als ivenn da irgend was bald steigt, bald fällt." „Sie werden doch nicht etwa einen Thermometer verschluckt haben?"—(„Lust. Bl.") Notizen. — Im Lessiiig-Thentcr geht am ersten Weihnachtsfeier- tage Richard S k 0>v r 0 11 11 e k S neues Lustspiel„Der Tugend- Hof" zum erstenmal in Seene.— — DaS Metropol»Theater bringt als Wcihnaibts- Nobität eine von Julius Freund nach dem Französischen bearbeitete Burleske-Operelte„Eine verrückte Welt".— — Nach dem soeben erschienenen Neuen Theater- Alma nach für 19 00 giebt es in Berlin zehn„Freie Bühnen", wobei die neu begründete„Seccssionsbühne" noch gar nicht mitgerechnet ist.— — Eine Sammlung von Gemälden und Studien Fernand Kbnopffs nns Brülicl ist gegenwärtig im Salon Schulte in Düsseldorf ausgestellt und wird spärer auch in anderen größeren Städten Deutschlands zn sehen sein.— — Im Wiener Volks-Theater erzielte ein Stück von K a r I>v e i s„Onkel Toni" eine» durchschlagenden Erfolg.— — Die Wiener Statthalterei untersagte die geplante Bildung eines Vereins„Freie B ü h n e".— t. D i e Universität Chicago hat ivährend des letzten Jahres rund 180 000 M. für den Druck und die VeröffeiNlichnng von Büchern ausgegeben, ivährend sie daraus au Einnahmen nur die Summe von 70 000 M. bezog.— Beraurworlliaicr Reoacxeur. Paul John in Berlin. Druck uno Verlas vou Ptax Bading in Berlin.