Mnterhaltungsblatt des Jorwüris Nr. 250. Freitag, den 22. Dezember. 1899 (Nachdruck verdaten.) Elfe. Von Alexander L. K i e l l a n d. Aus dem Norwegischen von Leo Bloch. Im Laden bei Ellingsen und Larscn war es ebenso ge- s chäftig; die, welche jetzt kamen, waren meist kleine Leute, welche nötige und unnötige Einkäufe zu Weihnachten machten. Ab und zu wurde hinten im Laden die schwere Fallthiire in der Diele geöffnet, und der jüngste Ladenbursche stieg hinunter. um neuen Vorrat von dem oder jenem zu holen. Floh und die anderen waren gerade zur Kellerthür hereingekommen, als die Fallthiire geöffnet wurde; die andern zogen sich im Nu zurück; aber sie blieb stehen— starr vor Schreck. Aber als sie die Füße des Burschen sah, während er herunterstieg, hatte sie doch noch Besinnung genug, um sich zwischen einige Mehlsäcke zu Wersen. Während sie still dalag, fast ohne Atem zu holen, fühlte sie sich vollständig vernichtet. Durch ihren Kopf jagte in schneidender Klarheit ihr ganzes Leben von Fall zu Fall, bis sie hier lag— erniedrigt zum Aeuffersten, zwischen Dieben und Schurken. Nun mußte sie sterben, sie fühlte es deutlich; leer und schwach wie sie von Hunger und bösen Tagen war, hatte der Schrecken sie gelähmt, sie fiel in Ohnmacht. Der Ladcnbursche mußte gewiß an der Thür etwaS ge- sehe» oder gehört haben; denn er sah die ganze Zeit dorthin. Aber da er nicht mutig genug war, stieg er wieder hinauf und schloß die Luke. Der Mechaniker rüttelte Else; sie blieb liegen. „Das dachte ich mir", murmelte er mit einem häßlichen Fluche;„was sollten wir mit der!" Er stand einen Augenblick ratlos; Svend und der Blech- schmied kanien auch herein. Plötzlich ergriff der Mechaniker eine Flasche von dem Regal, wo, wie er wußte, die Liqueure lagen, brach ihr mit geschicktem Schlag den Hals und goß Else ein paar Tropfen in den Mund. Sie erwachte— verstört, überrascht, darauf ergriff sie die Flasche und trank wieder. „So— da nimm jetzt eine Herzstärkung! Du mußt zwei Schinken für Lenepuppc unter Deine Schürze nehmen"; damit ging der Mechaniker seines Wegs und überließ sie Svend und dem Blcchschmied. Was war das, tvas sie trank?— Nie hatte sie so etwas gekostet, es war süß und stark wie die andern Liqueure, aber es waren Rosen,— Rosen waren es, was sie trank— Rosen, die sie seit ihrer Jugend begleitet hatten, die aber nun so lange fortgeblieben waren,— sie waren jetzt wieder zu ihr gekommen; sie trank in langen durstigen Zügen. Wie wanne Kleider legte es sich um ihre erfrorenen Glieder; sie wurde mit einem Male stark und satt und erhob sich, während ein behaglicher, lauer Strom sie durchrieselte. Eine maßlose Freude sprudelte in ihr auf; sie fühlte nicht, wo sie war, sie wußte nichts; aber es lag nicht der leiseste Schatten über der Freude, die sie empfand. Jedesmal, wenn sie trank, war es. als ob sie tiefer und tiefer in warme, duftende Roscnblätter sank, bis sie über ihrem Kopf zusammenschlugen und sie in hohen Bogen hin und her schwangen, wo Rosen klangen und Musik duftete in langen rosenroten Tönen, die ihr Elend kannten und sie zu trösten kamen. Aber die Kellerthür wurde von außen aufgestoßen, und der Oekouom zeigte sich bleich und atemlos. Der Laden- bursche mußte ettvas gemerkt haben, denn man hatte einen Boten auf die Polizei geschickt und zwei Polizisten waren schon an Madam Ellingsens Ecke. Der Mechaniker war mit einem Males fort, als ob er in die Erde gesunken wäre. Auch der Blechschmicd lief fort mit dem, was er hatte; der Oekouom folgte und dort an der Bankecke unter der Laterne schimnierten die laugen Beine von Jörgen Tanibonr, welcher verschwand. Aber Svend wollte nicht von Else fortgehen, welche mit der leeren Flasche in der Hand dastand; er zog sie mit sich nach dem Ausgang des Verstecks, der noch frei war. Plötzlich blieb sie stehen und drückte die Hände heftig an die Brust. Svend sah sie an: die Augen waren glänzender als je, die Lippen ivaren rot von Blut,— sie hatte sich an dem Flaschenhals geschnitten— und alle ihre Jugend- schönheit schien einen Augenblick in das kleine, feine Gesicht zurückgekehrt. Svend stand ganz verloren,— so schön»var sie nie gewesen. Aber dann sing sie an zu lachen, erst warm und munter — als ob sie Freunde wären und es gut Hüften—, dann stärker und stärker, bis es Flohs altes Lachen wurde, das, welches die Treppen hinauf und die Treppen hinunterlaufen konnte, direkt in die Herzen der Leute. Aber immer wilder und wilder lachte sie, so daß es ihm durch Mark und Bein ging. Svend ergriff sie. um sie zum Schweigen zu bringen, aber da drückte sie wieder die Hände an die Brust; das Gesicht wurde grau, und mit einem langen, bebenden Seufzer glitt sie aus seinen Armen und fiel mit dem Gesicht in den Schnee. Da kam schon ein Polizist gelaufen und Svend zog sie an den Beinen nach der entgegengesetzten Ecke.— „Fröhliche Weihnachten I" sagte die Frau Polizeimcisterin. „Danke, gleichfalls!" antwortete Frau Bcntzcn. Die beiden Damen standen unter der großen Laterne vor Konsul Withs Thorweg. Es war eine Erweiterung der Straße— fast wie ein kleiner Platz— mit dem Haus des Konsuls auf der einen Seite und Ellingsen und Larsen auf der andern. Und da es ein Knotenpunkt für den Verkehr der Stadt war, sammelten sich hier nach und nach mehrere Damen, tvelche ihre Einkäufe und ihre Bescherungen beendet hatten,— selbst Frau With, welche gerade aus der Stadt heimkam, stieg ans ihrem Wagen und schloß sich der Gruppe an. um Weihnachtsgruße auszutauschen und über den Tag zu reden. Es waren nicht bloß Damen vom Verein für gefallene Weiber der St. Peter-Gemeindc, sondern von den verschiedenen Vereinen der Stadt und die Unterhaltung war äußerst leb- Haft— teils etwas komplimentierend, teils ein tvenig boshaft, wenn es galt, seinen eigenen Verein zu verteidigen oder herauszustreichen, wie viel der zu bescheren gehabt hatte. Aber die Stimmung war sehr wohlwollend; man war fcrftg und hafte ein gutes Gewissen. „Ja, Sie haben recht, es ist schön, fertig zu sein," sagte die eine. „Das war ein geschäftiger Tag, ich glaubte nie, daß ich mein letztes Kleidungsstück noch los würde; alle, alle hatten Kleidungsstücke bekommen; es gab dieses Jahr zn viel Kleidungsstücke." „Aber dann wissen wir auch, daß wir etwas ausgerichtet haben," erklärte Frau With an ihrer Ecke. „Sehen Sie doch Fräulein Falbe dort, wie sie läuft!* sagte die Fran Polizeiineistetin. „So ist es immer mit ihr." „Daß die nicht fertig werden kann,— das begreife ich nicht; wenig hat sie bloß und da?, was sie hat, wirft sie an den ersten besten fort." Frau With unterbrach mit ihrer gebieterischen Stimme: „Ich glaube, sie geht herum zu den Annen und redet schlechtes über uns." Verschiedene hatten das schon längst geglaubt. Die Armen wollten nie recht antworten, wenn man sie nach Fräulein Falbe fragte. Inzwischen hatte sich auch der Kaplau der Gruppe an- geschlossen. Er war sehr liebenswürdig und äußerst auf- geräumt infolge des Tages, und die Damen drängten sich um ihn, um ihn ein gesegnetes Christfest zu wünschen. „Fräulein Falbe ging gerade vorbei—" „Nein— da muß ich bitten," berichtigte die Frau Polizeimeisterin,„sie lief gerade vorbei. Es that mir weh, sie zn sehen; es war gleichsam kein rechter Wcihnachtsfricden über ihr." „Ach— nein— teure Frau!" antwortete der Kaplan still,„das will ich gerne glauben. Es kommt darauf an, in welchem Geiste man arbeitet. Wenn die Arbeit nicht vom rechten Geist geleitet wird, so fehlt der Segcii.",x�' „Ja.— darin fjat der Herr Pastor recht", brach Fra» Beutzen aus!..das ist gerade das Gesegnete an Weihnachten, daß man seine Pflicht erfüllt hat: geteilt mit den Armen. Heute kann keiner klagen, und es ist so schön daran zu denken, wenn man es selbst gut hat." „Und es ist nicht lvcniger schön, in sein Heim den Dank und Segen der Bedürftigen mitzunehmen", fügte die Frau Polizcimeisterin mild hinzu. Der Kaplan sah mit Bewunderung die hübsche Frau an, und in der gehobenen Weihnachtsstimmung, in der er sich befand, wollte er schließlich einige erbauenden Worte an den lauschenden Kreis der Damen richten, als gerade Doktor Beutzen über die Straße kam. Der alte Herr lächelte mit seinem häßlichen Grinsen. indem er sagte:..Fröhliche Weihnachten, meine Damen I— Großer Diebstahl drüben bei Ellingsen und Larsen. Die Polizei hat schon ein paar gepackt." ..Ei» Diebstahl I— Stehlen I O. mein Gott! Stehlen am Weihnachtsabend I— Unmöglich I— Wer?— Wer?— Kennt sie niemand V" „Das können nicht Leute aus unserer Stadt sein." erklärte das Plättbrett majestätisch. „Es ist die Bunde ans Madam Späckboms Arche." out- wartete der Doktor boshaft.. Die Bande— ja.. an die Bande hatte niemand gedacht: die abscheulichen Äieiischeii waren ja eine Schmach für die ganze Stadl. Das mächte einen sehr unbehaglichen Eindruck.— Der Kaplan gab seine kleine Rede ans und seufzte nur kurz über „die Verhärteten", inoranf mau sich trennte, um heim zu eilen und zu versuchen, diesen Riß in der Weihnachtsfreude zu verwinden. Die Frau Polizeimeisterin sagte zu Frau Bentzen, als sie miteinander heimgingett:„Denken Sie sich, gnädige Frau, wie zerstreut ich bin. Als Ihr Mann sagte: Madam Späck- bamS Bande, hätte ich bei einem Haar gesagt: Sie meinen Fräulein Falbes Bande." „Da ist. weiß Gott, etwas dran." antwortete Frau Beutzen und sah die junge Frau mit Achtung an. Inztvischen lief Fräulein Falbe wirklich in der Stadt hernni. sie suchte Floh. Als sie um halb sieben heiin- gekommen war. umr Christian ausgegangen; daS ganze Haus leer und dunkel und Else nirgends zu finden. Das war eine bittere Enttäuschung für Fräulein Falbe: sie hatte sich so sehr ans diesen Abend gefreut, und es. fiel ihr gar nicht ein. daran zu zweifeln, daß Else kommen ivürde. wenn sie es so ernst versprochen hatte. Aber nun kam sie auf den Gedanken, daß Else möglicher- weise Punkt sechs nach der Arche gekommen wäre und wieder gegangen, weil kein Licht war. lind nun machte sie sich selbst harte Vorwürfe, daß sie sich bei der Frau in der Mühle hatte aufhalten lassen und daß sie überhaupt Floh hatte entschlüpfen lassen. alS sie sie gerade in die Hand bekommen halte. Die Straßen lvurden leer. Vor den Schaufenstern standen bloß ein paar arme Kinder und froren, die Läden schlössen mit Ausnahme der Hökcrcien. welche noch voll von Leuten ivareiü Als Konsul Mith gegen sieben mit Paketen beladen heim- ging— er hatte immer die kostbarsten Geschenke für seine Frau—. traf er drei Polizisten, welche etwas langes, schivarzes zwischen sich fingen. „WnS ist das Hansen," fragte der Konsul. „Ach. es ist Floh. Herr Konsul." „Hin— ist— ist sie tot V" „Bloß steif besoffen, glaube ich. Fröhliche Weihnachten. Herr Konsul I" „Danke, gleichfalls." antwortete Konsul With und ging weiter. Je stiller e? in den Straßen wurde, desto lustiger wurde es in den Häusern: und das Lachen und Schreien der Kinder drang hinaus in die kalte Winternacht, wo AAiulein Falbe noch immer hcrumlics,— indem sie sich jeden Augenblick ein- bildete, Flohs Tuch an der Ecke flattern zu sehen. Schließlich traf sie einen Polizisten, der auch jemanden zu suche» schien: er erzählte ihr. daß die Bande aus einem Diebs- zug gewesen und daß Floh dabei gewesen wäre. Müde und vernichtet ging Fräulein Falbe heim. Es war in Wirklichkeit nicht so selten, daß sie Enttäuschungen dieser Art erlebte: aber dies war ihr die schmerzlichste von allen; ße hielt so viel von Else. Als die Schwester nicht, wie verabredet, um sechs kam. Ivar Christian ausgegangen; aber er fand heute abend keine Gesellschaft; überall war es kalt und leer, so war er wieder heimgegangen, mürrisch und krakehlerisch. Die Schwester sagte nichts, sondern setzte die Grütze auf: sie stand fertig, man brauchte sie bloß zu wärmen. Während sie den Tisch deckte, plagte er sie mit Vorwürfen und bos- haften Witzen, und als sie mit der Grütze kam. war sie an- gebrannt, denn sie hatte vergessen sie umzurühren. Alles war so ungemütlich, als es nur sein konnte,— und sie hatte sich so auf diesen Abend gefreut! Eine Weile kämpfte sie tapfer, aber als. das Weinen siegte, legte sie den Kopf auf den Arm und schluchzte laut. Der Bruder saß eine Weile und sah sie an. So gebengt hatte er die starke Schlvester nie gesehen. Er fing an Reue zu fühlen und wollte etwas Tröstendes sagen: „Ja siehst Du, Auguste! So wie Du es anstellst, hast Du nie etwas anderes als Enttäuschungen und Kummer. Wenn Du Dich durchaus um diese Armen kümmern mußt, so mache es wie die anderen Damen der Stadt. Die haben ihre be- stimmte« Annen, denen sie helfen, und brauchen sich nicht um andere zu kümmern. Aber Du wirfst das Wenige, das Du hast, weg an alles mögliche Gesindel, dem nicht zu helfen ist; ja. Du stiftest gewiß mehr Schaden als Nutzen!" „Stein. Christian!— das thue ich nicht, rief Fräulein Falbe bestimmt und hob den Kopf in die Höhe;„und ich will nicht meine bestimmten Armen haben. Mögen die andern ihr Gewissen loskaufen mit den Brocken, welche sie wegwerfen: mögen sie heimgehen— ruhig in dem Glauben, ihre Pflicht erfüllt zu haben, wenn sie ihr Herz auf einige wenige würdige Armen beschränkt haben, wo sie Segen sehen können— wie es heißt. Ich weiß, daß der große Abgrund nie auS- gefüllt Iverden wird, wieviel man auch hineinwirst; und diese Gewißheit ist der einzige Lohn, den Du siir Dein Mitleid erwarten darfst:— sie treibt Dich von Höhle zu Höhle zu den schlimmsten, den lasterhaftesten, wo Du weißt, daß Dich neue Enttäuschungen und neue Schmerzen erwarten. Denn nun weiß ich. was ich zu denken habe: Geld, Gaben und Almosen— alle zusammen thun wohl, und ich freue mich, wenn sie kommen. Aber das Gold von aller Welt füllt in dem Abgrund zwischen denen, die es gut haben, und denen, die es schlecht haben, nicht so viel wie ein einziger Tropfen warmes Menschenblut. Und wenn Du Ihnen auch nicht einen Fetzen zu geben hast, aber ihnen be- greiflich machen kannst, daß Du dieses Herzblut hast, dann sollst Du Enttäuschungen nicht fürchten, sondern von Höhle zu Höhle gehen, und Du brauchst Dich nicht nach dem Lohn zu richten. Deshalb will ich morgen zeitig ausstehen und da anfassen, Ivo ich heute aufhörte." Als sie das gesagt hatte, ging der Binder zu ihr hin. Zärtlichkeiten waren gewiß nicht häufig zwischen diesen Geschwistern. Aber jetzt nahm er sie in seine Arme und küßte sie. Und er stüstcrte ihr etwas ins Ohr. Sie hatte es so oft gehört— dieses Versprechen, und sie wußte, daß er nicht die Kraft hatte, es zu Haltens Aber djeses Mal glaubte sie ihm; sie sah mit dem wunderbaren Lächeln, das sie so hübsch mächte, zu ihm auf und dankte ihm. So setzte» sie sich wieder— lachten und weinten und schwatzten zusammen'— wie sie eS schon viele Jahre nicht gethan hatten: Die Grütze war angebrannt, das war nicht zu bestreiten; aber wie schmeckte sie trotzdem I VIII. Es war eine rechte WeihnachtSiiacht— still und rein. Weiße, leichte Wolken strichen vorüber an den blanken Sternen und dem Mond, welcher spät heraufgekommen war. und chimmcrten über den neuen Schnee und den dunkelblauen Fjord zum Meere hin. Ucbcr der ganzen Stadt schwebte ein leichter Dust von Gänsebraten und Punsch, und wie ferner Psalmensang klang ein mildes Schnarchen von allen denen, die rund herum chlicfen mit-überladenem Magen. Die Kleinen schliefen fest, ermattet von Glückseligkeit, und träumten von Zinnsoldaten und Zuckerzeug. . Die Großen schliefen unruhig und warfen sich hin und her und glaubten, es säße ihnen eine fette Gans ans der Brust und rieche ihnen Schmalz unter die Nase Aber Floh schlief am besten von allen. „Ich glaube, meiner Treu, in der Weihnachtsnacht könnte ich doch Frieden haben," sagte Doktor Bentzen ärgerlich, indem er aus dem Gefängnis kam;„ich konnte es im voraus sagen, daß sie sich tot trinken würde, und jedes Kind konnte es sehen, daß sie tot war. Ein ander Mal können Sie bis zum Morgen warten— Papa Hansen 1" „Entschuldigen Sie, Herr Doktor! aber ich habe Befehl, unverzüglich den Tod konstatieren zu lassen," antwortete der Gefängniswärter demütig; er stand wieder in der Thür, „fröhliche Weihnachten, Herr Doktor I" Der Doktor brummte etwas und beeilte sich durch die leeren Straßen nach seinem warmen Bett. Es war beißend kalt, ein scharfer Nordwind fuhr vom Hafen herein. Inzwischen zog der Mond Stück für Stück über Stadt und Land, besah alles mit seiiien kalte», gleichgültigen Augen — erst auf der einen Seite, dann auf der andern und wenn er fertig war, legte er einen schwarzen Schatten drüber und zog zum nächsten. So kam er auch zum Gefängnis, guckte schräge hinein durchs Gitterfenster und fand da Floh aus einer Bank au der Wand. Ihr Kleid stand auf der Brust offen, weil der Doktor auf den Herzschlag gehört hatte, und der eine Arm hing hin- unter ans den Boden. Der Mund war halb offen, und das Blut auf den Lippen machte ihn schwarz und groß. � Sic war häßlich, wie sie so verwelkt und ärmlich dalag in dem kalten Mondlicht. Ihre Schönheit hatte sie verloren und anderes dazu. Sonst hatte sie nicht groß was im Leben zu verlieren gehabt, und jetzt, da sie fortging, war auch sie kein Verlust für das Leben. Irgendwo stand zwar ein Teller mit angebrannter Grütze von Reisgries für sie, aber sonst gab es nichts, auch nicht einen Platz im Leben, der ihr gehörte, so konnte sie also gehen, ohne jemand zu stören. (Schluß folgt.) lNachdrulk verboten). Mrn'kvns MoihttKchksclbcnv. Nach dein Dänischen deS I. V. Jensen. Auf dem Hofe Jngvar Hansens begann es zn dämmen», ob- gleich die Uhr nicht viel mehr als vier sein konnte. Die Magd, die ein»vollciics Tuch»Iber den Kopf gebunden hatte, holte Wasser. Der HäuSler kam von der Dreschtenne her, er stand in der Thür und las die Spren ans seinen wollenen Aermcln. Hierauf zog er den Nock an und schritt quer über de» Hof dem Wohn- hause zn. „Dn konntest nur beim Wassertragen etwas helfei», Mörlen," sagte die Magd und guckte ein wenig aus den» schivarzcn Tuch hervor. „Das koiinte ich wohl," antivortete Morien und lächelte über den Scherz; dann ging er in den Korridor, säuberte die Holzschuhe und hob die Klinke der Stnbenthür. Das Zininicr war warn» wie eine Badcstnbe und es roch nach Wohlstand; all die Jahre hindurch war gut gegessen worden da drinuc». Die Frau stand an» Tische»i»d rührte den Pfann- knchenteig. „Es ist Morten." sagte sie zur Schlasstnbcnthür hinein. Jngvar Hansen erschien in Blusciiärnicln und großen Binscnschnhcn. „Wolltest Du etwas, Marten? fragte er und sehte sich gähnend an das obere Tischende. Ja, Marten war nun fertig für heute— so und so viele Garben. Er hatte übrigens gedacht... Jngvar Hansen rauchte seine Pfeife»nd ivartete. Morten ivollle um das bitten, was er zu gute hatte. „Wir pflege» ja ain bcstimniten Wochentage zusamnienzurechnen," sagte Jngvar Hansen. „Run— ja, das thatcn Sie ja auch, das stimnite I Ja, dann..." „Aber Du kamist gern Deinen Lohn für die vier Tage be- konnnen," sagte Jngvar,„da soll nichts im Wege sein." Jngvar ging ins Schlafzimmer und klimperte da drinnei» mit cinein Schlüssel. „Ja. denn ich hatte daran gedacht, in die Stadt zn gehen," sagte Mörlen laiit und befreit aufatmend—„um Medizin zu holen." Jngvar kam zurück und begann das Geld ans den Tisch z» zählen.„So, bitte schön!... Es ivird ein Ocre fehle», aber ich habe nur einen Ziveivre; kannst Du den ivechseln?" Das konnte Mörlen nicht, er schlvieg, überzählte das Geld und steckte eS ein. „Kannst Du ihn nicht wechseln? ja, dann kannst Du eine» Oere zn giite haben." „Ack>!" Morten lachte— das war doch einerlei. „Ich werde mir doch keinen Oere von Dir schenken lassen," sagte Jngvar etwas barsch und schob den Zlveiore hin.„Dann kann ich bei Dir einen zu gute haben." Morten war das unangenehm, er schwieg und stand inrmer noch da, die Mütze in der Hand. „Wenn Du in die Stadt kommst," sagte Jngvar,«dann kannst Du zun» Kaufmann Möller hineingehen»nid etwas für mich mitnehmen. Sie»vissen Bescheid. Wenn Du doch den Wejf machst..." „Das werde ich," sagte Morien erleichtert. „Ja, das werde ich schon besorgen, Kaufmann Möller... ja." Es war nicht Martens Absicht gewesen, noch an» selben Abend in die Stadt zu gehen, aber jetzt beschloß er, es zu thun. Er stand einen Augenblick und schaute umher. „Nun will ich ein fröhliches Weihnachisfest wünschen l" „Fröhliches Weihnachtsfest. Morten!" sagte die Frau. Dann setzte Morten die Mütze auf»md entschloß sich endlich zimi Gehen. Der Zwciöre war auf dem Tische liegen geblieben. Jngvar nahm ihn und legte ihn in den Geldschrank zurück. Morien»mißte erst nach Hanse, un» sich frei z»» machen. Es ward fünf Uhr. bevor er sich ans den Weg machen konnte; die Stadt lag zwei Meilen entfernt, wenn er sich beeilte, konnte Morien gcgc»» zehn Uhr zurück sein. Es war ziemlich dunkel, aber der Schnee leuchtete. Morten erreichte die Chaussee und schritt schnell dahin; er hatte den Wind im Rücken. Es war sieben Uhr, als er die Stadt erreichte; es hatte leise zu schneien begonnen. Morten besorgte seine kleinen Einkäufe, er war in der Apotheke und er kaufte ein Viertelpfund Kaffee, Zucker und andere Kleinig» leiten. Auch für zehn Oere Brnstzucker kaufte er— das sei für dg, kleine Mädel, erklärte er. Dann ging er hin, um die Sachen für Jngvar Hansen zu holen. Kaufmann Möller wollte gerade fchließei»„ als Morten kan». Der Koniniis häufte die Sachen auf dem Tische a»lf, es wäre»» mehrere große Pakete— alles in allem etiva zehi» Pfund. Mortei» ergriff die Schnur und probierte das Geivicht, das ging an. „Aber was sagen Sie zu dieser hier?" fragte der KommiS und warf eine große, zusammengerollte Zinkplatte auf den Ladentisch. Morien blickte sie bestürzt an und hob sie auf, sie wog etiva ein» einhalb Ließpfund. Er sah sich um. „Sollten Sie nicht einen alten Strick haben, den ich kriegen könnte?" Morten begann die Pakete zu verteilen. „Jatvohl!" Der Kommis band ein dickes Tan»im die Zinkrolle und half Morten auf die Schulter. Der Gehilfe beeilte sich, ihn los zn iverde». und als Morten ans der Thür schritt, stand er schon. mit der Eisenstange in der Hand da, um die Thürs zu schließen� damit nicht noch sonst jemand herein käme. Morten war schtver beladen, als er herauskam. Erst als et außerhalb der Stadt ans der freien Chaussee angelangt ivar, merkte. er, wie steif der Nordwind blies, der ihm gerade' entgegen kam. Und dabei schneite es. Es würde eine stramine Tour»verden mit all! den Paketen. Mörlen schritt rasch weiter; der beißend kalte Wind stemmte sich ihm entgegen und pfiff mit seinein Frostschnee gegen seine Aiigeu »nd an seinen Ohren vorbei. Der Wind heulte ordentlich in beide»» Enden der Zinkrolle. Es Ivar abscheulich, wie schwer sie war. Morten hielt inne und legte sie auf die andere Schulter. Wieder schritt er wacker aus, konnte aber wohl spüren, daß er den Hinweg schon gc- »nacht hatte, seine Beine ivare» steif. Inzwischen hörte es ans zn schneien, eS hellte sich auf, der Wind mber nahm noch an Stärke zu. Es ward Schneetreiben, der frischgefallenc, feine Schnee fegte am Grabenrand entlang und eiltie über die nackte Chaussee. Draußen auf den öden Brachfeldern spielten lauge Schneestrieinen mit dem Wind, leichte Schleier fegtcn dahin, hinter jede kleine Scholle lögte sich der Schnee. Morten schritt weiter, der Wind leistete heftigen Widerstand, er mnße sich vornüberbcuge» und ihn, jeden Schritt abringen. Der Frost schnitt ihn» ins Gesicht, besonders Nase und Ohren litten darunter. Morten hielt inne und legte seine Pakete hin, während er durch Reiben den Schmerz iir den Ohren zu lindern suchte. Dann schritt er wieder weiter. Der Strick, der di» Zinkrolle zusammenhielt, schnitt ihn» in die Schulter. Er hatte schon so oft geivechselt, daß beide gleich heftig schmerzten. Hin und wieder kam ein HauS am Wege in Sicht, aber meistens lag derselbe nackt da. vom Winde reingefegt und jiart wie eine Diele. An einigen Stellen des Weges legte der Schnee sich fest und bildete Flecke, welche nach der Windrichtung länglich� warenr In der scharfen Winternacht hörte nian keinen Laut außer den» feinen Geriesel des Schnees über die Felder hin, ein Laut gleich inhalts- losem Flüstern, die einförniige Melodie desSchnecstanbesmid des WindeS leise Berührung eines Strohhalms, der steil aus dem Schnee empor- ragte. Der Himmel war hoch und klar im Norde», die Wolken lösten sich; eS ward sternklar. Der Himmelswagen leuchtete wie eine Brosche aus sieben zitternde»» Steinen, einige andere Sterne glitzerten bläulich in der klaren Nacht. Der Horizont lag tief unten, wellenförmige, lose Schneeschleier schleppten sich hächelnd und spielend an den Grabcnivünden entlang. Im Schutze der Böschungen bildete de» Wind-einen Wirbel und einen leeren Fleck, wo der Schnee sich dann hinlegte häuften sich Schneewehen. Wo Anhöhen oder Durchstiche waren, fnhr der Schnee mit Hast darüber hin und rieselte in feinen Schichten ans die unten liegenden Schneewehen. Der Wind spielte in der toten Kälte, der Wind fegte und strich über das verlasiene, öde Land. Als Morien den halben Weg hinter sich hatte, war er todmüde. Der Wind gab nicht nach; er' mußte sich ununterbrochen dagegen anstemmen,' und die Pakete lvurden innner schwerer. Vor allen Dingen die Zinkrolle— Morien tnig sie eine Zeitlang unter dem Arm, um auszuruhen, er trug sie vor sich her auf beiden Annen wie ein Wickelkind. und schließlich lud er sie wieder ans seine schmerzenden Schultern. Aber es war jetzt fast gleichgültig, ivie er es anfing, es schmerzten ihm sogar alle Glieder. Morien setzte die Beine und beugte sich vornüber, der Wind ivehte seine Bein- kleider gegen die knöchernen Beine. Es war ihm. als ivürde der eine Hoizschnh so flach unter dem Absatz— sollte er etwa den Be- schlag' verloren haben? Morien stand still und zog den Holzschnh aus, stand auf einem Bein und ließ den bcstrumpften Fuß in der Lust baumeln. Ja. er hatte den Absatzring verloren— das war schlimm; das Holz würde bald anfschleißen ans dem harten Wege. Worten belud sich wieder mit den Paketen und wandte sich gegen den Wind. Er zog die Kalte in seine ivarme Rase ein und blinzelte mit den Augen, die vom Wetter heftig schmerzten, obgleich er sie säst geschlossen hielt. Worten wechselte abermals die Lage der Zinkrolle. Jetzt trug er sie zur Abwechslung ganz unten auf der Hüfte. Er hatte noch drei Viertelstunden zu gehen, es war eine lange, nackte Strecke Weges. In der Ferne zu beiden Seiten schimmerten einzelne rote Lichter, überall feierten sie jetzt Weihnachtsabend. Worten tonnte nicht warm Iverden, kalter Schweiß brach hervor. seine Beine waren stelleutveise wund und eiskalt. Er mußte sich ivohl beeilen, aber vielleicht tvar es auch einerlei, möglicherweise war es gleichgültig. Er schwankte vorwärts und trug Ivieder die Zinkrolle in beiden Armen vor sich her. Hin und Ivieder stand er stille, um auszuruhen; aber er legte seine Bürde nicht ab, denn es kostete so viel Mühe, sie wieder aufzunehmen. Welch' lange Nacht dies war und welch ewiges Wandern diesem beißendest Wind entgegen, und die Kälte durchdrang die Kleidung und kroch an der nackten Brust empor. Morien dachte einige Male. daß er es gut gehabt und in der Wärme geschlafen hatte, das würde nie wieder sein, nie wieder sollte er schlafen dürfen, so schläfrig er auch war, so schläfrig... Der Schnee fegte dahin wie weißes Leinen, der feine Staub rieselte über den Weg, es sah aus, als ob er in weißen Streifen dahinströme.-- Als Worten die Lichter des OrteS zu Gesicht bekam, siand er still und wiegte sich im Winde. Er sann nach und eS war ihm, als sei er sozusagen schon„hinüber' gewesen. Ohne es zu wissen, war er wohl nahe daran gewesen. auszugleiten und umzusinken. Die Leere hatte die Arme' nach ihm ausgestreckt und ihm ins Ohr ge- flüstert, wie schön es sei, auszuruhen, wie herrlich... Worte» war ängstlich und schritt vorwärts mit Aufbietung seiner letzten Kräfte. Der Schweiß brach aus feinem feuchte» Körper hervor.' Die letzte Viertelstunde ging Worten mit kleinen steifen Schritten. fast ohne die Knie zu beugen; er hielt sich ganz vornübergebeugt und trug die Ziukrolle mit beiden Annen gegen den Leib gepreßt. Er konnte eS nicht unterlassen, hörbar zu atmen. Es lvar nach elf Uhr. als jemmid bei Jugvar Hansen in den Flur trat und nach dem Thürdrüm» tastete. Es war Morten. Das Gesinde saß noch da und spielte um Pfefferkuchen. Morteit! löste die Pakete und legte sie auf den Tisch. Zuletzt ellte er die Zinkrolle hin und blickte in die Höh'. „lind dann noch diese hier..." „Diese!" sagte Jugvar Hansen,„die ist für mich." „Ja, sie ist," sagte Marten, als hoffte er. daß sie für Jugvar sei; verwundert schaute er sick um. „Nein, das ist wohl ein Mißverständnis, davon weiß ich nichts; Kaufmann Möller muß sich verschen haben." Morten schaute mit einem Ausdnick vor sich nieder, der sie alle zum Lachen brachte. „Das ist eine stramme Tonr für Dick, gewesen," sagte Jngvar, „Deine Ohren haben die Kälte spüren müssen." Ja, Morten hatte Blasen an den Ohren. Am Weihnachtstage blieb Morten vor Müdigkeit im Bette liegen. Aber im übrigen nahm er keinen Schaden.— Kleines Feuillekon. Musik. Seit jeher wies die Pflege der Künste mancherlei Beziehungen zu den Jahreszeiten auf. Ganz unmittelbar erscheinen solche Be- liehungen z. V. in dem sommerlichen Rhythmus von Gemälde-Aus- stellnugen und in dem winterlichen Rhythmus der Saison für ständige Theater und Konzerte. Vermittelt erscheinen hinwieder solche Be- Ziehungen durch religiöse Kultusfornien. Insbesondere tvar dies der Fall bei ganz oder teilweise dramatischen Aufftthrmigen mit Musik, wie sie schon von den Aeghptern und Indern gepflegt, dann von den Griechen unter dem Namen„Mysterien" übernommen lvurden und schließlich unter demselben Namen als christliche Kirchenschauspicle tvicdererschiencn, d. i. etwa seit dem achten Jahrhundert. Aus ihnen entwickelte sich mit dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts das uns bekannte Oratorium. Wenig verschieden von ihm war die direkte neuzeitliche Fortsetzung jener alten Mysterien. Sie ging gleich dem Oratorium mehr ins Lyrische als inS Dramatische. War früher die Fastenzeit die dafür bevorzugte Zeit(„Passionen"), ergänzt durch die Marientage mit ihren„Marienschauspiele»", so wurden etwa seit dem 17. Jahr- hundert auch Weihnachten, Ostern und Himmelfahrt Termine solcher Mysterien. Für uns wohl das wichtigste ist der Ilnistand, daß es sich hier ursprünglich— ganz abgesehen von sonstigem Wert oder Unwert—»m Veranstaltungen handelte, die den Gefühlen des Volks in aufrichtiger und wohl auch lebhafter Weife entsprachen. Und der musikalische Künstler, der all diese Ausläufer der„My- slerien" wohl in der großartigsten Weise beherrschte, Johann Sebastian Bach, schuf denn auch mit aller Treue aus einem Fühlen heraus, das dem des Volks wohl inniger entsprach, als es uns heute scheinen mag. AuS jenen Zeiten hat sich bis heute die Gepflogenheit erhalten, Wendepunkte des Jalires durch entsprechende musikalische Ans- ftihriingeil zu markieren. Rur eines hat sich in« wesentlichen nicht erhalten: die Verwandtschaft dieser Werke und dieser Anffiihrungen mit dem Fühlen des Volks. Darauf deutet schon sowohl der Ilnistand hin, daß solche Darbietungen meistens anS dem Leben der Kirche Heraiis in die Isoliertheit dc-Z Konzertsaales getreten sind, als auch der Ilmstand, daß ivir dabei von alten Schätzen zehren— die gegenwärtigen Kompositionen dieser Art sind spärlich und sind weder recht Kirche noch auch recht Wclt. Ob Herrn Philipp Wolfrums neues„Weihnachtsmysterinm" mit seinem Anknüpfen an„Spiele des Volkes", welche Komposition iiiiS in dieser Wcihnachtswoche vor- geführt werden soll, darüber hinausgeht, wird sich ja zeigen. Vorläufig wird die Pflege jener alten Ueberkieferungen herbor- ragend geübt von unserem konservativsten Musikinstitut, von der nun bald elf Jahrzehnte alten„Singakademie". Zu ihren reget» mäßigen Beranstaltnngc» gehört die weihnachtliche Aufführung von Bachs„Wcihnachtsoratorinin", einem der unserem heutigen Hören nächstliegenden, wenn auch nicht allerreichhaltigsten unter Bachs Hauptwerken. Die(im ganzen 17.) Darbietung durch die Sing- akademie und durch die zugezogenen Kräfte, ivie»vir sie an» Witt- »voch hörten, erinnerte an das vorhin skizzierte Verhältnis jener ganzen Art von Vorführnngen zu nnserer Zeit. Man kann sich nicht eben über llngehörigkeiten beklagen; ans einzelne Unreinheiten, z. B. bei den gerade hier in hohen Lagen angestrengten Blechbläsern, kommt es nicht so sehr an. Allein i»n»ns dieses fast drei Stunden dancnide Werk und speciell die vielen Wicderholnngeii innerhalb vieler seiner R»»»n«ern tiefer zu Gemiitc zu führen, dazu»nüßtc die zieinliche Eintönigkeit dieser Wicdn'gabe(auch ganz abgesehen von der Frage nach Wohlklang der Chorstinnncn) durch ein weit plastischeres Gestalten überwunden »vcrden. Mit den vier Solisten stand eS ähnlich. Sie waren in» ganzen nicht schlecht, reichten aber doch nicht nns, zumal nicht dort, wo eS galt, über reichliche Figuren Herr zu sein, statt von ihnen abhängig zu bleiben. Am wenigste» galt dies ivobl von dem nicht eben die »vichtigste Partie tragenden Bassisten G. Rolle(der freilich Ivieder mehr ein Baryton lvar); am meiste» galt es wohl von der Sopranistin Anna Münch, deren Stimme anscheinend durch Be- sangcnheit recht„nrnhig»var. Schöne, echte Tenortöne und eine rühmenSivürdigc Modnliei-fähigkeit besitzt Emil P»»» k S; fcknvierigere Figuren gaben ihn» mm doch zu viel zu thlln, vielleicht infolge einer Indisponiertheit. Am interessantesten lvar die Leistung der— von uns schon mehrfach gewürdigte»»Iii» seither ersichtlich weiter cntwickeltcn— Altistin A n n a Stephan; dock» auch ihre sympathische und tüchtige Stimme(die vor allem noch größer nnd- in» Sinne ciueS richtigen Altes„dicker" sein müßte) reichte für einen Eindruck, ivie er hier möglich»väre, nicht ans; das idyllische Schlaflicd Nr. 1!) hob sich dadurch nicht so heraus, ivie es der Schönheit dieser Episode entspricht.— sz, Humoristisches. — Ein Geschäftsinann.„Haben Sie den jungen Herr» Pcmüller noch immer als Verkäufer»>» Afrika?" „Gelviß! Den lasse ich auch nicht mehr loS!" „Macht er denn anch gute Geschäfte mit den Negern?" „Der? Mit den Sk c g e r n? Ich sag' Ihnen, der macht sogar Geschäfte mit den Schimpansen!" — Wie die Alten s n n g e n zc.„Du»varst gewiß noch nicht auf dem Volksfest, Lieschen?" „Nein— so Ivo hin gehen»v'i r überhaupt nicht I Wir gehören zu den o b er e>» Z e h u l a u s e n d l'—_ Beramwortllcvcr öiezacwur: Paul John in Berlin. Druck und Benag von Max Bading in Berlin.