Anterhaltungsblatt des Worwäris 3c.' 251. Soniltag. den 24. Dezember. 1899 Ein Weihnachten. Und wieder neigk zu Ende sich ein Jahr! Isi mir's doch fast, als hakt' es Kaum begonnen, Als war's nicht möglich, daß der Tage Schar Jin Lauf des Iahr's sich wieder abgesponnen! Und langsam reih! der Bilder bunten Rranz Erinn'rung auf... Ich sinne stumm und schreite. So still die Straßen. Nur der Kerzenglanz Bus kaufend Fenstern giebk mir das Geleite... Und all' der Rerzenfchimmer, all' das Licht Thuk mir so weh! Cs gleist, wie gold'ne Schlangen! Denn Liebe und Erlösung bracht' es nicht, Wenn such die Glocken tausendmal es fangen!... Und neben mir im fadenfchein'gen Kleid Schleppt müd' ein Rind» ein Mädchen, feine Schrille, Und schaut mich an, mit einem Blick voll Leid, Wie ich ihn oft geschaut» in stummer Bitte. Ich frage hin und her... Das scheue Rind Verliert die Furcht und drängt an meine Seite,— Und Work auf Work aus ihrem Munde rinnt Formt sich zum Lebensbild, indes ich schreite. Es war das alte Lied,— langst bannt' ich's schon! Doch war es mir, als hält' ich's nie vernommen So schmerzdurchbebk, so hoffnungslos im Ton Und so unsagbar traurig und beklommen! Mir war's» als wehte mir die Winternacht Ins tiefste Verz mit ihren Eisesschauern Und riß und zerrte drin mit wilder Macht! Und tausend Blicke sah ich auf mich lauern,— Es waren Blicke unter wirrem Haar, Geguälte Blicke, wie der Blick des Rindes... Und zu dem Ganzen xsiff nur manchmal klar Das Hohngelächter des Dezemberwindes. So schritten wir. Die Kleine sprach nicht mehr, Sie war mit einem Mal so stumm geworden. Hohl hallten hinter uns die Tritte her, Und Schatten lagen auf den Straßenborden. Das Hausgemäuer starrte schwarz empor, Erstorben war das lehte Weihnachtslreiben, Und gelbes Gaslicht lag wie Nebelflor Um der Laternen dunstbelauflnen Scheiben. Fern lag des Lebens lauter Lärm und Braus. Einförmig aufgetürmt, wie alle andern Stand abseits hier ein nüchtern' Vorstadthaus, Wo ein wir stellten unser Weihnachtswandern. Rein Wort zum Abschied. Lei« nur mit der Hand Strich ich die kalken, blassen Kinderwangen,— Und fühlte, wie die Thränen unverwandt Hernieder tropften. Dann bin ich gegangen.. Ich ging denselben Weg— doch nun allein. Jetzt schwieg der Wind mit feinem Sxölterlacheu. Rur der Laternen rötlich matter Schein Ruoll in die Nacht» wie Augen müd' vom Wachen. Nur hin und wieder noch gesxenstergleich Ein Menschenschritk.. Dann huscht es schnell vorüber.. Es knirscht der Frost; und Sterne groß und bleich Vom dunklen Winkerhimmel glitzern nieder.— Dann hebt es feierlich und langsam an Von allen Türmen Mitternacht zu schlagen: Es starb ein Tag— ein neuer Tag begann, Ein neuer Tag mit Not und Leid und Plagen. Und wie die Töne starben in der Nacht, Da ist es mir durch meine Brust gegangen: Auch heut' habt ihr Erlösung nicht gebracht, Obwohl die Glocken tausendmal e« sangen!— «. s«rr««. �Naitidruck uctfiotcn.) Else. 10) Von Alexander L. K i e l l a n.d. AuS dem Norwegischen von Leo Bloch. «Schlusz.) ES war ganz still in dem gros-cn. kalten SteiichauS Nur »ll> und zu— viuvrciib der Itacht. wenn einer von der Bande gefangen eingebracht wurde, gab es ein Thnrwerfen. Schlüssel- rasseln, Geschrei und Stimmen, welche sich in den langen Gängen verloren. Denn der Polizeinieister hatte in einem AnsaU von Energie beschlossen, das ganze Gindel z» greifen. welches so lange eine Schande für die tugendhafte Stadt ge- Wesen war. Trotzdem konnten sie den. den sie am meisten haben wallten, nicht bekommen Der Mechaniker war und blieb wie in die Erde versunken Und bei Lenepuppe hatte man nicht genug Gründe, um sie festzunehmen, denn schon»in sieben Uhr fand man lle i» ihrem Bett, den Schlaf der Gerechten schlafend. Als Svend eingebracht wurde, fragte er nach Else Aber als man ihm sagte, das? sie tot sei. flammte sei» Zigennerblut in einer wilden Schlägeroi mit dein Schließer und dem Polizisten ans. sodasz man ihm Eisen anlegte. Daraus wurde es wiedei ganz still in dem grossen, kalten Steinhaus und der Mond setzte seine Runde fori Er hatte lange bei Else verweilt. denn da war viel zu sehen. Es war gleichsam ein Auszug aus einen« ganzen Menschen- leben. was da lag. eine ganze Geschichte— übrigens eine alle Geschichte. ES fehlte nichts. es war allcS da. Sie hatte ihr Tuch, ihren Rock, ihre alten Stiesel und die Lumpen, welche ihr als Unterkleider dienten,— so in der Tasche hatte sie auch ihre braune Kindcrmützc mit den rosenroten Kinnbändern. Etwas ai«dcreS gehörte ihr nicht, von der ttindennütze bis zu ihren letzten Lumpen waren sie ihr getreulich gefolgt, was das Leben ihr von Fall z«i Fall gebracht hatte, hatte der Strom in einen Winket dcS GesängnisseS zusammen geschwemmt, ja — selbst Rosen waren da. der Frost zeichnete sie ans die Fensterscheiben hinter dein Gitter und ihn« zitterte dabei die Hand, als ob er selbst fröre, oder ob es wohl Mitleid sein inochte? 'Ein paar Mäuse bissen sich und pfiffen unter der Bank. da lies eine über die Diele und Verschivund. Die Uhr in den« Kirchturm schlug sünf, der Ton zitterte lange in der jlimmei»- den kalten Morgenluft. Aber der Mond zog langsam sei?« Licht über die Mauer und durch das Fenster und. iridrn» er ging, breitete er eine dicke und»vciche Decke von Dunkel und Vergessen über die jchlascnde Else... Und der Mond fuhr fort, seine kältet« und unbann- herzigen Augen über die Eide gleiten zu lastm. und die Nacht kroch zusammen in Schatten— aus Furcht vor ihren bösen HeimlichtViten. Aber schließlich wälzte sich die schwere, sleisgefiorene Erde wie in Schmerzen fort vom Mond, und die Sonne sing an. ans den Kirchenspitzen zu spielen. Und alle Kirchenglocken der Stadt läuteten und uer- kündeten den sest liehen Jubel des Weihnachtsmorgens über die ganze Geincinde. Und die Kinder sprangen im Hemd auf. um mit dem neuen Spielzeug zu spielen oder etiuaS Süs'.cs zu essen, für das sie geslcr» unmöglich Hutten Platz finden können. Aver alle Erwachsenen putzten sich und gingen in die Kirche. Deshalb war sie aiich ganz voll, und Pastor Martens mußte sich fönnlich zur Kanzel durchdrängen. Die Wintersonne spielte niunler mit den bunten Farben. welche sie auL den GlaSiiialerelen des großen EhorfensterL zog. schoß schräge Strahleii vorbei an den AUartisch und sandte rot. grün und braudgelb gefärbtes Licht iiber den Ehoi her- imter Es lag ei« festliches Läclidu über der ganzen Kirche, eine strahlende, gesegnete Weihnachtsstimiming. Und darüber predigte auch Pastor Martens. Das Ehrisc.-. fest war nicht bloß ein weltliches Freudcnsest, ein HerzcnSfest. ein Kinderscst; sondern es war zugleich— ja zuerst nnd zumeist ein religiöses Fest, wo jede Freude, jeder Genuß tieferen Grund und Wurzel halle. Und als er zum Tages- text überging, verweilte er besonders bei dem srommen Ein- druck des Weihnachtsfestes i» den Kinderjahrcn; und vor den Augen der Gemeinde entwickelte er die liebliche» Bilder vom Kind in der Krippe, von den Hirten und Engel» nnd J-/- opfernden Königen, während die Worte mild nnd herzlich wie in kindlichem Entzücken von der Kanzel fielen. Und wenn sich wirklich daS eine oder das andere Wort aus den donnernden Reden von Hölle und jüngstem Gericht hier iiud da hinter den Steinblnmen versteckt hatte— heute wurde cS gründlich hinausgefegt. Alle Bilder von der Religion des Schmerzes und der Entsagung wurden behutsam zur Seite geschoben und er. der da hing und mit Nägeln in Händen und Füßen zu Tode gegnalt wurde— er wurde zum lieblichen kleinen Kind, und ihn— ihn hatte man in die Krippe gelegt. Der gute Pastor Martens bekam Thränen in die Augen. und seine Stimme wurde thränenverschleiert: es lag etwas so unsäglich Rührendes darin. Und auch das, daß das in der Welt Geringe nnd Verachtete— daß das gerade die rechte Hoheit, die echte Majestät war— darin war auch etwas so unendlich Wohlthuendcs und Beruhigendes. � So hatte niemaild ein Recht über seinen Platz im Leben zu klagen,— ja, wer wollte daS thn». wenn das Niedrigste daS Höchste war— wenn die Geringen und Verachteten die Aus- erwähltenl waren l Wie beseligend— oh 1 wie beseligend. das z» wissen!— müssen wie uns nicht alle mit Äindergemüt an das Kind in der Krippe weudc«, dort in Bethlehems Stall. Pastor Martens sprach mit wahrer Bcg eiste rnng. In seiner schönen Stiniine schwirrte die ganze gespannte Erwartung eines Opfertagcs, und als er znm Schluß- nnd Kirchengebet kam. welches er auswendig konnte, beobachtete er genau die Einzelnen in der Gemeinde dort unten. E> fand sofort den reichen, alten Schiffer Randnlf. Konsul Withs Schwiegervater, welcher zuvorderst in den Reihen der Opfernden z» gehen Pflegte. Denn hier herrschte noch „der fromme und christlich-schöne Brauch"— wie Martens sagte— dafl die Gemeinde persönlich ihr Opfer für den Seelenhirtcn darbrachte. Und Pastor Marten? dachte an die großen, flachen EonvertL. in welchen nichts anderes sein komlte als Bank- note». ober auch an die bescheidenen Tüten mit Silber- geld— denn er verachtete auch das Scherslein der Witivc nicht, und selbst das ärmliche Kupfer bekam eine» gesegneten Klang, wenn es in Demut mif den Titsch des Herrn nieder- gelegt wurde. ES war eine der besten Predigten, welche man von ihm gehört hatte, und Pastor Martens hatte eine ancvkamite Stellung unter den hervorragendsten geistlichen Rednern des Landes. Die Gemeinde fühlte sich so unsäglich wohl, so linder- fröhlich, so weihi, achtsfröhlich. Die Frau Polizeimcisterin beugte sich herüber und sagte zu Frau Beutzen, daß sie ganz unten in der Kirche ciricn Hut mit schottischem Besatz sehen könne, den sie selbst genäht und zu Weihnachten verschenkt hätte— und das that ihr so wohl zu sehe». Frau Beutzen nickte lächelnd zurück.„Ich fühle mich so, als ob«vir alle eine große Familie lvärcn." F», zwischen sehte die gelbe Wintersomie ihr Spiel mit den bunten Strahlen fort Von St. Lukas' Ochsen nahm sie einen bnuten Fleck und kleisterte ihn in das Gesicht des Küsters, der in Gala-Andachl hinter dem kleinen, bescheidenen Tisch saß, ans dein sein Opfer niedergelegt werden sollte. lind weiter nach unten in der Kirche gingen die schrägen Strahlen und legten bald hier, bald dort um einen oder den anderen Kops eine» Heiligenschein. Aber es waren keine Heiligen unter ihnen, und das war gerade gut so. Alle hatten ihre Gebrechen und alle fühlten sie. Eher konnte es schon cincil oder den anderen geben, der sogar viele Gebrechen hatte, aber— Herr Gott! wer wollte an einem solchen Tag mit seinem Nächsten inS Gericht gehen. Jeder fühlte sich seiner so sicher, war so zufrieden mit sich nud so überströmeiid lieb und kindlich fromm. Man lächelte einander zu und drückte sich Zusammen auf den Bänken, damit alle sitzen konnten, es war reizend zu sehen, ivie der elegante, vornehme Konsul With sich erhob, um seinen Platz der alten Madam Späckboin zu überlassen. Es war wirklich ein rechter, Iviinderschöner WeihnachtStag. niid die Kirche war durchwärmt, so daß man nicht ciiliiial die Fuß- sacke brauchte. Und die Gedanken Verlvcilteil bei der langen Reihe von Festtagen nnd frohen Gesellschaften, welche jetzt vor der Thür stände». Man war gerade in der Laune, etwas zu unter- nehmen, einen langen Spaziergang in der frischen Winter- sonne zu machen und mit gutein Appetit heimzukommen. um den Duft von gebratenem Geflügel im Hansstur an- zutreffen. Und von den hohen, sonnenerfüllten Wölbungen senkte sich eine heilige Weihnachtsstimmung beruhigend, wie ein gutes Gewissen, über die ganze Gemeinde. Aber die Kirche wurde von brausenden Tönen erfüllt. der Organist spielte ein Festpräludium mit breiten, triumphierenden Harnwnien. Und als der Gesaug begann. stimmte die ganze Gemeinde freudig und jubelnd ein.— die meisten brauchten nicht einmal in das Gesangbuch zu sehen. denn es Ivar das alte herrliche Weihnachtslied: In der lieben Weihnachtszeit Soll man recht sich freue».— SottttkÄg�plÄudcvei. Auf dem Arbeitstisäie des Herrn Chamberlain griint heute ein Mistelziveiglei». Sein Kammerdiener hat es ihm hingestellt; den» Herr Chamberlains Kammerdiener hat Gemüt und er hat das Be- diirfmS, den großen, grade jetzt viel besldästigtcn EtaatSmann daran zu crinuerv. daß heute Heiliger Abend fei. In der Küche wird ein besonders kiiiistlerisch angelegter Weihnachtspudding zubereitet: denn auch ChaniberlainS Koch hat viel Gernüt und hat den liebevollen Wunsch, seinem Herrn den Gram von der Stirue zn scheuchen. Eben beginnen auch die Glocken zn läuten; sie lassen das alte Gerücht wieder anfklinge», dast einmal in der Weihenacht stinimcu- begabte Engel das Märchenlicd von dem Frieden auf Erden ge- sungen hätten. Herr Chamberlain erhebt sich unwillig; da? Gekling draußen stört ihn in seinen dem Wohle des britilchcn Reiches gewidmeten Betrachtungen. Ein Staatsmann hat keine Feiertage, er sorgt selbst auch am Heiligen Abend fiir das Heil des Vaterlandes. Herr Chamberlain schreitet erregt in dem hohen und weiten Gemach ans und nieder. Sein Monocle ist ans dem rechten Auge verzweifelt entglitten. Der einsame Mann denkt weder an den Mistelzweig, noch an den Pudding, und daö Gebimmel draußen in der Stadt peinigt seine Nerven. Er will in den Klub gehen, und will wieder nicht. Er mag keine Menschen sehen. Ein Dichter ans der guten, alten Zeit, da man noch an ein Gc- wissen glaubte, vielleicht auch nnr, weil daS Gewffse» packende Tragödienmotive darbot, würde den unihigen Seclcuznstmid des Herrn Chambcrlain mit leichter Mühe auf eine eindringliche Formel ziehen. Er würde daS WeihnachtSgeivissen in dem Minister rumoren lasten und erschütternd darstellen, wie sich die Glockcnllänge des allirdischen Friedens für den Anstifter des Bocrcnkrieges in schlangen- haarige Furien verwandeln, er würde schildern, ivie er sich ei» parfümiertes Taschentuch gequält vor die Rase hält, um den eiü- setzlichcn Geruch zn betäuben, der ihn verfolgt: Er riecht— so würde der gute, alte Dichter sagen— überall Blut. WaS er ißt«nd trinkt, was er ficht und tastet— alles strömt VerwesmigS- dünste anS; selbst der WcihiiachtSpndding scheint ihm geronnenes Mem'chenblilt, und das Lachen der Kinder vcNvandclt sich ihm in das Wimmern von Sterbenden. Das würde, wie gesagt, der gute, alte Dichter behaupten, in der Sucht, Herrn Chambcrlain durchaus zu dein Helden einer GeivissenStragödie empor oder herunter z» bringen. Wie würbe dieser Poet in die Irre sich verlieren! G cwiß. der Minister ist aufgeregt, und begründet aufgeregt, aber er hat nicht die geringste Lust, die Kiudcrkomödie von dem am Heiligen Abend erwachten Gewissen anfzusnhrc». Warum auch? Im Lande Darwins weiß jeder Gebildete, daß der Kampf umö Dasein das grausam« Naturgesetz ist, daS alles Lebende hetzt, iuid die christliche FricdenSlegende muß vor der wisteuschaftlichcn Er- kemitnis weichen. ES ist überhaupt eine hübsche Erfiudmig um diese Naturgesetze, sie beiveisen einem alle Zweifel und Skrupel endgültig weg, und mau braucht sich nicht einmal mehr dem Teufel zu vcr- schreibcii, um allen inoralischcn Bedenken entnommen zu sein; die Erkeuntuis der Naturgesetze reicht völlig ans. Nein, es sind bcriiüustigere Ursachen. a»S denen sich die Auf- reguug des Herr» Chambcrlain erklärt, a» diesem Heilige» Abend. Erstlich hat ihn der Kurssturz der Goldmiuen-Aktien sehr erschüttert; wnrun! hat er nicht rcchtzei!igjverka>ift. Zweitens aber und vonichmlich hat er sich über die»nerhöric Taktlosigkeit seiner lieben Mitmenschen geärgert, die sich den Schliff' feiner Gesittung durchaus»icht anzueignen vermögen. AuS allen Teilen der Erde hatten sie ihm zum heutige» Feste Christmnskartcii geschickt, voll der genieiiistcn Bilder und infamsten Bcjchünpsmigeu. Zehntausend von' diesen Sudeleien hatten sich in seinem Arbeitszimmer im Laufe des TageS augehäuft. Verbrecher. Mörder— das Ware» noch die gelindesten Anreden. die man ihm ividmete. Und dazu die Bilder! Hier wurde er als Schlächtermeister abgebildet, der einen kribbelnden Haufen ciiglischcr Soldaten zu einem englischen Beefsteack weich klopfte. Dort sah man ihn als Erzengel, der mit einer Glocke, auf der«Friede auf Erden" als Luschrift zn lesen ivar, rasend mnhertobte und mit dem heiligen Juslri! u/ut den Mensche» die Schädel cinschlng. Auf einer Karte ivar ein Mispelzwcig abgebildet und Herr Chamberlain spießte, als Nemilöter karikiert, auf jeden Dorn ei» paar Menschen. AIS Falsch- münzer sah mau den Minister. wie er ans Blut Gold prägt, und ein besonders niederträchtiger Bursche hatte eine Karte gesandt, ans der Chamberlain an einem Baum hing, anfgeknüpst am Hosenband- orde», der Leichnam steckte die Zunge heraus und diese Zunge war eine Goldmiiien-Altie. Eine andere Karte stellte dar, Ivie er eine Abordnung von Witwen empfängt, darunter die Worte:„Seien Sie stolz. Ihre Männer sind schön gestorben; sie nmßicn fallen, daiuii die Aktien steige n." Kurz, es war ein nichtswürdiger Unfug! Das Ruchloseste aber war. daß man ihm heute Morgen anj die Schivelle seines Haust S als Weihnachtsgeschenk eine Wachspuppe gelegt hatte, mit ver- stümmcltcm.Kops und durchlöcherter Brust, aus der ein roter Saft quoll. Er wäre beinahe über daS Scheusal gestolpert, alS er zur Königin sich begab. So war Herrn Chamberlain der Tag einigermaßen verleidet, und der Mann mit de» eilcnien Nerven flatterte niistät in seinem Arbeilsziinmcr. nicht viel anders ivie ein Huhn, das die Köckn» hnld- voll von ihrem Schoß entlasten, nachdem sie seinem Bcwcgungs- drang durch das Durchschneiden der Kehle einen heftigen letzten An- stoß vergönnt. Ja. Herr Chambcrlain empfand sogar sein Allein- sein als eine Störung seines Wohlbefindens, und es war ihm daher nicht unangenehm, als ein bescheidenes Klopfen einen Gast ver- kündete. Es war Mr. Reptil-Swinbnry, ein gelehrter und wohlerzogener Mann, der dem Minister als Sekretär diente. Chamberlain cinpstng seinen Sekretär mit einem Ivöhlwollcnden Händedruck und erkundigte sich nach der Ursache seines Kommens zu so ungewöhnlicher Zeit. DaS war eine rührende Ursache. Mr. Reptil-Swinbinch hatte nämlich in seinen Händen einen mächtigen Qnarlband, ein Wunder der dekorativen Buchkunst. Der Einband ans violettem Leder trug einen so künstlerischen Schmuck von bunten, sorgsam verhedderten Arabeslcn, daß das Ganze beinahe wie ein garnierter Heringssalat leuchtete. ES standen immer nur zwei Worte auf der Zelte,»nd acht Zeilen auf der Seite— das klebrige war Rand«nd Zierleiste. Ziemlich verlegen überreichte Mr. Reptil-Swinbnry die köstliche Gabe seinem Gviiiicr; cS sollte sein Weihnachtsgeschenk sein, und war die LuxusanSgabe des soeben erschienenen Geschichtswerks Chamberlain by Reptil-Stvinbury. Aber der Verfasser fühlte sich bedrückt, als er das Werk seines Fleißes den« Gewaltigen überreichte und er erläuterte sein Unter- fangen:«Ich gedachte Ihnen eine Freude zum Christenfest zu be- -reiten. Doch der Inhalt meines bescheidenen Buches patzt nicht niehr recht. Ich habe die Blätter niedergeschrieben— als— hm— als die Niiglücksnachrichtcn aus Südafrika noch nicht vorlagen. Ich koitnte nicht erwarten, daß es so kommen ivürdc--" Herr Chamberlain stampfte mit dem Fuße und blickt« wütend; der eingeschüchterte Sekretär fühlle sich bewogen, als fort- znfahren; „-- aber ich habe die feste Ueberzeugung. ich möchte sagen, den Instinkt, daß meine Darstellung nur den Ereignisse» voraus- eilt, daß sie noch ihre Sanltion durch die Geschichte selbst erhält." Der Minister riß gütig ein Blatt anS einem Cbcckbuch loS. händigte es ihm ein, oedaulte sich höflich für die zarte Aufmcrlsamkeit und entließ den Sekretär. Dann aber blätterte er m dem Buch, an- fangs zerstreut, bald aber mit immer stärkerer Spaunung und tieferer Bewegung. Es war ein Lapidarwcrk über das flaatSmännische Genie ChamberlainS. Dcrsüdasnkaiiischc Krieg war als Mittelpunkt und Höhe seiner Laufbahn geschildert. Chambcrlain habe den Schluß- stein zur englischen Weltherrschast gelegt. Auf jeder Seite fast tauchte das Wort«historische Noiwcndsglcit" aus und auf jeder zivciten las man etwas von„Realpolitik" und„prophetischem Weit- blick". Die intcrimiiouale Lage vor dem Krieg war düsler ge- schildert. Es war gezeigt, wie daS britisch« Reich am Abgrund hing. Da kam Chamberlain, der geniale Chamberlain, der Mann der uu- gebrochene» Energie und des starken Willens. TraiiSuaal mußte englisch werden, oder England woraus der Weltgeschichte gestrichen. Der Hammer- schlag müßte zur rechte» Stunde und mit rechter Kraft geführt werden, oder England war verurteilt, hinfort nur Amboß zn sein. Chamberlain wagte de» rettenden Schlag, die Bocren wnrden von der ersten blS zur letzten Schlacht schmählich besiegt, bis zuletzt der große Befreier, der Hammerschmied der britischen Umuersal, nacht auf goldgeschmiicktem Zelter triumphierend in Johannesburg einzog— unter dem Jubel der Bocren und Schwarzen.«Blut und Eisen ist der Jungbrunnen der Völker. Das hat auch Chamberlain tief erkannt und unbekümmert mn das Gezeter der empfindsamen alten Weiber in Hose» und Röcken hat er gcthan. WaS die historische Rotweiidiglcit gebot— zum Heile Englands und zur Festigung der Welt. So ist Chambcrlain in Wahrheit der Bismarck d'eS 20. Jahrhunderts." DaS waren die Schlnßwortc des Buchs. Als' Chamberlain zu Ende gelesen, zeigten seine Züge den Erzglanz eines Heiden nach dem Siege und sein Monocle strahlte. Er schalt sich leise, daß er in der Belohnung seines Sekretärs zu knickrig gewesen; dann fattete er fromm die Hände und flüsterte wie träumend:«Das Ivar eine schöne Weihnachtserbauung". In dem Augenblick fiele» seine Augen aiif die schimpfenden und höhnende» Christmaskanen. Die Wirklichkeit stand wieder vor ihi», grau und gransmn. Aber den Eindruck des Buches vermochten sie nicht mehr gcniz zu zcrsiören. und indem er sich straff aufrichtete, so weit es seine kleinen neuralgischen Zufälle gestatteten, rief er: „In der That! Was ivar denn jener, ivie ein Gott angebetete Bismarck mehr als ich! Liann ich dafür, daß sich seine ponimerschen Grenadiere besser schlugen als meine einfältigen Hochländer. Eine kindische Welt, die das bißchen Erfolg zum Maßstab des Werts erhebt— indeß, ob kindisch oder nicht — ich lv i l l den Erfolg"... Die Weihnachtsglocken tönten unablässig. Sie schiene» innner lauter, wilder, orgiastischcr zu klingen. Es war Ivie eine rasende Hetzjagd nach dem Frieden, wie eine Ekstase der heiligen Stille und der brünstigen Weltliebe, wie ein wahnsinniger Rausch der Ver- söhnnng und Verbrüderung. Herr Chamberlain ergriff die Feder und schrieb eilig ein paar Zeilen auf einen Aktenbogcn. Es war der Befehl, eine Million Soldaten nach Afrika zu senden. Die fromme Stimmung der Christnacht war über den Minister gekommen. Er kniete nieder, und betete lange, mit zuckende» Lippen immer dieselben Worte wiederholend: „Gieb mir den Sieg, gieb mir den Sieg, und wenn das Wasser von London bis Kapsladt vom Blute sich röten müßte."— Joe. lNachdruck verboten.) Vie Flüchtlingv- Erzählung von Iwan N a j a n s k i. „Raten Sie. wo ich im letzte» Jahre die WeihnachtSganS verzehrt habe," sagte Freund Konstantin und fuhr sich mit der Serviette über den weißen Bart, auf dem die Sauce in kleinen Tröpfchen perlte. Wir wußten, daß sich unser Freund damals in seiner Heimat, i» Nnßland. aufhielt, und deshalb antwortete ich: „Sie haben jedenfalls in Ihrer Fainilie eine schöne Weihnachts- ganS verspeist, die am Ufer eines Ihrer sibirischen Flüsse erlegt worden war. eines jener Flüsse, die breiter sind als unsere Meere." Konstantin schüttelte den Kopf. „Nein," sagte er.„ich hatte meine Verwandten bereits verlassen und fuhr seit einer Woche auf dem Wege nach Europa dahin. Ich reiste im Schlitten, um Jrkntsk, die Daurpfschisfe und Eisenbahnen zu erreichen. Wir hatten ausgerechnet, daß wir in der Stadt am Abende vor Weihnachten eintrcffcn würden, und gedachten, uns eine Woche dann aufzuhalten. Doch die Wege waren schlecht und der Schnee blendete unsere Pferde so stark, daß wir gegen 7 Uhr einige Kilonieter vor Jrkntsk vor der ersten Jsba(Haus) eines kleinen Dorfes ausspannen mußten, das den Namen Zitina(Winter) führte. Wie fast alle sibirischen Dörfer ist auch„Ziliva" eine lange Straße, die nach Europa führt. Unsere Pferde hielten von selbst vor dem ersten Lichtstrahl, der über den Weg fiel. Die Nacht war so schwarz, daß wir ohne dieses Licht an dieser Jsba vorüber- gefahren wären. Doch mein Kutscher, den der Lichtschein erweckt, sprang zur Erde und klopfte an die Thür. „Heda! Ist die Herberge in der Nähe, Onkelchcn?" fragte er eine» Muschik von sehr ehrwürdigem Aussehe», der in seinem roten Hemde, mit einer Lampe in der Hand, auf der Schwelle er- schienen war. „Weshalb suchst Du die Herberge auf?' fragte der Greis,„mein Haus steht für den Wcihnachtsgast offen, und mein Stall für seine Pferde". „Ich habe aber einen Reisenden bei mir!" „Auch er ist willkommen I" Bei diesen Worten setzte der Muschik seine Lampe hin, trat aus der Jsba, näherte sich dem Schlitten und lud mich in äußerst höflichem Tone ein, abzusteigen. Ich sah sogleich, daß unser Wirt ein Bauer der wohlhabenden Klasse war, und der Anblick der Jsba bestärkte mich in dieser Meinung; das Gebäude war nach deni landläufigen Gebrauche durch eine» ziemlich breiten Gang in zwei sehr große Stuben geteilt; rechts die ,. Görnitz»", das heißt die Stube für die Feste, das Zimmer, in dem die schönsten Möbel stehen und die Bilder hängen; links befand sich die Küche, in die wir eintraten. Bei unserem Anblick erhoben sich die Frau des MiischikS und seine beiden Töchter, um uus zu begrüßen, und der Großvater stieg vom Ofen herunter, von dem aus er das Drehen dcS Bratspießes beobachtet hatte. Ich erinnere mich, daß er ein sehr alter Mann war; er lachte laut, als er uns die Hand gab, wie jemand, der seineu Verstand nicht mehr beisammen hat. „Dremja," sagte unser Wirt, sich an seine älteste Tochter wendend,„überlaß Deinen Platz den Reisenden, auf daß sie sich wärmen." Das junge Mädchen nahm mir mit vieler Anmut meinen Pelz ab; sie trug'den roten Saraphan der heiratsfähigen Mädchen, und ihre in einen einzigen Knoten geflochtenen Haare deuteten darauf hin, daß sie noch nicht verlobt Ivar. «Ich wünsche Dir einen Man» nach Deinem Herzen." sagte ich und setzte mich auf den Holzstuhl, den man mir ans Feuer ge- schoben hatte. (Sie errötete mid' verließ das Zimmer. Der Großvater hatte sich fast zu meinen Stiefel» uicdcrgekauert. Seine Augen schienen das Geflügel zu verschlingen. Von Zeit zu Zeit sah er mich an und lachte noch immer. Man hätte wahrhastig glauben können, unser Wirt habe mir auf diesen Zuwachs von Gäste» geivartet. um sei» Wcihnachtsmahl zu teile»; es standen n» jenem Abend alle Leckerbissen auf der Tafel, die ein sibirischer Muschik sich nur einmal im Jahre zusammen leisten kann; erstens die vorschriftsmäßige Kohlsuppe, der„Tschi", dann Käse mit Butter, dann Rindsleisch, dann die berühmte» gebratenen Gänse und endlich Ccdernüsse. um uns die Kehle und Zunge vom Fett zu reinigen, während das Ganze mit„Kwaß" und Branntwein angefeuchtet wurde. Das Mahl war in der Feststnbe aufgetragen worden, die man uns zu Ehren geöffnet hatte. Wir ivnrcn im ganzen etwa zehn Personen bei Tische— mein Kutscher und ich, wir saßen ganz oben, auf dem Gastplatzc. Als ich i» diesen großen Saal eintrat, hatte ich am Fenster einen kleinen Tisch bemerkt, auf dem eine angezündete Lampe, ein Topf mit Kwaß und Brot standen; jedesmal, wenn eine neue Schüffel anfgetragen Ivnrde, erhob sich die älteste Tochter und legte eins der besten Stücke auf diesen Tisch.* Neugierig fragte ich den Muschik: „Ein Gast, der Dir teuer ist. scheint das Fest versäumt zu haben? Oder hast Du einen liebe» Verwandten im Hause, der krank darniedcrliegt?" Alle schwiegen, und die Blicke der Gäste wandten sich unserem Wirte mit so augcnschciulichcr Verlegenheit zu, daß ich ganz ver- wirrt ivnrde; doch er erwiderte, ohne sich den geringsten Zwang aufzuerlegen, mit ernster Stimme: „Dieses Brot, diese Lampe und dieses Getränk werden tagtäglich in unsen« Häusern für die hingestellt, die man nicht sehen darf." Nach dieser Auskunft fing man wieder zu trinken an und sang dazu ländliche Melodien. Ich hatte die Antwort des MuschikS nicht recht verstanden, daher benutzte ich eine Sekunde. Ivo man in der Fröhlichkeit des auf- steigende» Rausches auf mich nicht»nehr acht gab. um meine Nach- barin zu fragen: „Wer sind die, die«nan nicht sehen darf?" „Die Brodiadji", erwiderte das junge Mädchen, und legte einen Finger auf die Lippen—„die Flüchtlinge I" ' Daran hatte ich thatsächlich nicht gedacht; das Dorf Zitma ist eines der ersten auf der Landstraße nach Europa, wenn«nan von NjerlschinSk konlmt, wo sich die Minen von Kara befinden, in denen die Sträflinge arbeiten. Da dieses Zuchthaus das grausamste von allen ist. so entfliehen die Verurteilten in jedem Jahre z» Hunderten. Wohlverstanden brechen sie mit Vorliebe im Frühling a»S. Doch man wählt sich«licht immer die Gelegenheit zur Flucht, man ergreift sie. Ivenn sie sich bietet. Kommt sie in« Winter, so kann man'nicht daran denken, sofort Europa zu erreichen, man versucht, sich etwa hundert Meilen zu entfernen und sich für Obdach und Wohnung bei Bauern zu verdingen, llebrigcns können die Flüchtlinge von« Innern Sibiriens bis zum Ural nur von Almosen leben; Ivenn sie Geld besäßen, so waren die Gasthöfe nicht für sie sicher. Sie wandern in der Nacht vereinzelt, und können sicher darauf rechnen, auf ihrem ganzen Wege daS erleuchtete Fenster zu treffen, das sie nur anfzu- stoßen brauchen, um das Stück Brot und das Glas Kwaß zu finden. daS ihrer harrt. Man hilft ihucii, denn„es ist Gottes Wille, der ihnen die Thür zur Flucht geöffnet hat". Doch man will sie nicht sehen,«in» nicht in Versuchung zu geraten, ihr Erscheinen den sie verfolgenden Soldaten anzuzeigen... Während das junge Mädchen»nir diese Einzelheiten mit leiser Stimme berichtete, veranlaßte uns ein leiser Schlag an das hinter uns befindliche Fenster,«nS schnell umzudrehen. Sofort verstummte Ivie niit einen« Schlag der Gesang der Trinker, und aller Auge» wandten sich dem kleinen Fenster' zu, das, von anben aufgestoßen, halb offen stand. Gleichzeitig sprach eine Stimme, die miS der Nacht, ans dein Schnee kam. die Worte: „Gott sei«nit Euch!" „Mit Dir ebenfalls!" erwiderte der Muschik. Er erhob sich und fuhr, doch ohne seinen Platz zu verlassen, fort: „Wir erwarten Dich; Deine Mahlzeit ist aufgetragen I" Draußen unterschied man ein Geräusch, als wenn jemand auf den Schnee stampfte, dann knarrte das Fenster, öffnete sich noch mehr»md eine Hand erschien; sie tastete einen Augenblick, ergriff daS Brot und kehrte i» die Stacht zurück. Wir hatten uns ebenfalls erhoben, dem Beispiele unseres Wirtes folgend. Niemand sprach. Nur der Großvater lachte noch immer.... Und zum zweitem«»»! erschien die Hand und ergriff die Flasche. „Nimm sie mit", sagte der Muschik, ohne den Kopf zu Wendel«! „es ist Weihnachten. Willst Di« sonst noch etwas?" „Betet für mich!" sprach die Stimme. Man hörte das Stöhnen des Mannes, der in langen Zügen trinkt, dann von neue»» ein Geräusch knirschender Schritte, die sich auf dem Schnee entfenitcn.... «• Konstautin schwieg; er starrte vor sich hin; seine Blicke schweiften wie verloren nach jenen ferne» Lampen der Muschiks, die vom Innern Asiens bis zur Schwelle Europas in der sibirischen Nacht den Weg derer beleuchten,„die«nan nicht sehen darf."—__ Verantwortliche-. Redacreur:� Paul John i» Berlin. Trink«mv Benag von Dtar Badinz m Berlin.