Antsrkaltunasblatt des onuörfs 5Ji:. 252. Donnerstag, den 28. Dezember. 1899 (Nachdruck verboten). i] Attsivnnderrv. Novelle von Charles F o l e y. Autorisierte Ucbcrsetzung von Wilhelm Thal. I. Als er die Oper verließ, die er ohne seine Tochter. Madame Harpiot. oder Therese, seine alte Wirtf6)afteriii zu benachrichtigen, besucht, wurde Herr Pinchaud unangenehm von einem starken Schneefall überrascht, dessen Flocken sich wie ein endloser Faden weißer Wolle an den elektrischen Laternen hinuittergczogen. Es war ein Dczemberabend. der Himmel klar und kalt und ganz dazu geeignet, daß man sich in einem überheizten Theatcrsaale behaglich fühlen konnte. Dort hatte er gleich einen guten Platz im Parterre, ziemlich weit von der Claque. gesunden, und bei„Robert der Teufel" vier glückliche Stunden durch- lebt i bei seinen LieblingSmelodien hatte er mit dem Kopf gewackelt und die Arien vor sich hcrgesummt.»vährend sie gleichzeitig der Tenorist, die Altistin und der Sopran ans der Bühne sangen. Im letzten Zwischenakt hatte er. von einem so gleichmäßig köstlichen Abend entzückt. sich hintereinander zwei kleine Kelche Champagner geleistet- nur um sich die Stimme aufzufrischen, wie er sich selbst gestand, denn trotz der Aufforderung seiner Stachbarn. sich ruhig zu verhalten, hatte er die Partien„Roberts". „Alices" und„Bertrams" leise mitgeträllert. Das Terzett war an jenein Abend ganz wunderbar nach Wunsch gegangen, und deshalb empörte dieses häßliche Wetter Herrn Pinchaud wie ein Mangel an Rücksichten. ivie eine Unverschämtheit. Denn wenn sich Herr Pinchaud ein- mal heimlich ins Theater wagte. so zwang ihn nichts, sich gerade diesen Abend eher als einen anderen auszusuchen. Er war wohlhabend. Witwer, und wohnte in Antcuil, fern von seiner einzigen Tochter, die mit einem Gerbereibesttzer in Montrouge verheiratet ivar: es stand ihm also frei, sich den Zeitpunkt auszusuchen und sich die Sache erst genau zu überlegen. Hätte er die geringste Ahnung gehabt, daß die weißen Sterne und der klare Mond ein Schneegestöber im Gefolge haben würden, er wäre ruhig, behaglich in seine Decke eingewickelt, in seinem Sessel am warmen Ofen sitzen geblieben l Dagegen jetzt dieser Sturm! Und er hatte nicht einmal einen Regenschirm für seinen Claque und keine Gummischuhe für seine Lack- stiefcl, die noch von der Hochzeit seiner Tochter herstammten. Der plötzliche Anfall von schlechter Laune des friedlichen Rentiers läßt sich also begreifen. Indessen fügte sich Pinchaud nach diesem ersten Aorger, dank den beiden Champagncrkclchcn, ziemlich philosophisch in das Unvermeidliche, streifte seine Hose auf und wanderte dem Bahnhof zu. Die erbliche Sparsamkeit der Familie ver- nulaßte ihn, den Fiaker zu verschmähen. Als sich das Publikum rechts und links zerstreut hatte und die Wagen an ihm vorübergefahren waren, befand sich Herr Pinchaud ganz allein aus der Straße. Das war recht unangenehm l Durch die wirbelnden Flocken zuckten die blaffen Gas- flammen, als wenn sie im Sterben lägen. Die Boulevards erschienen wie ein nebliger Abgrund. Die schwarzen, kahlen Bäume, die düsteren Mauern, die sich von den weißen Dächern und dem hellen Erdboden abhoben, machten den Eindruck ungeheuerer Trauerbuchstabcn. Die Fensterläden, die Eisenstäbe vor den Geschäften, erschienen wie schwere Lider. die sich über den Augen toter Häuser geschlossen hatten. Diese Betrachtungen überraschten und erschreckten Herrn Pinchaud. Was dachte er da, er. der gewöhnlich so wenig dachte? Warum erregten diese Aeußerlichkeiten an diesem Abend düstere Vorstellungen in ihm. während er doch gcivöhnlich alleL Mögliche betrachten konnte, ohne daß deshalb der geringste Gedanken in ihm ivachgerufen wurde? Sicher- lich war es der Champagner, der ihm diesen Streich spielte. und in weiser Klugheit, da er für seinen Schlummer Be- kleinmnnge» oder gar Alpdrücken befürchtete, bemühte er sich seine Ansinerksanikeit ausschließlich der Erhaltung seines Hutes und seiner Lacksiiesel zuzuwenden. Doch der Champagner prickelte ihm im Schädel. stachelte sein Denkvermögen ans und trotz seines Claque und seiner Lackstiefel begann Herr Pinchaud zu überlegen. Aus allen diesen geschlossenen Wohnungen ersah er. daß die Städte, eine Gruppierung von Menschen, die sich zu dem alleinigen Zweck der gegenseitigen Verteidigung vereinigt hatten. infolge einer schrecklichen Uneinigkeit zu einer Anhäufung von Orten wurden, die schlimmer als die Höhlen der Urmenschen anzusehen waren. Welcher Bezirk verabscheute nicht den andern Bezirk, welches Haus suchte nicht seinem Nachbar zu schaden. welches Stockwerk war nicht der Feind des unteren Stock- Werkes? So kehrten die Städte, indcni sie sich civilisierten. zur Ungastlichkeit. zum wilden Egoismus zurück. Damit Herr Pinchaud zum Beispiel seinen Zug um kÄ Uhr 40 Minuten nicht versäumte, mußte er. da die Omnibusse nicht mehr fuhren und die Traniway- wagen i»S Depot zurückgebracht waren, um Auteuil zu er- reichen, ganz Paris zu durchivandern, in der beständigen Angst, in diesen öden Gegenden unangenehme Begegnungen zu er- leben. War daS nicht gräßlich und zeugte das nicht von einer socialen Gleichgültigkeit. die an die Urzeit erinnerte? Herrn Pinchaud stand noch das Aushilfsmittel der Hotels zu Gebote. aber tvürdcn ihm sich diese öffne»? Und dann, kannte er sie überhaupt? Konnte er nicht in ein zweideutiges Haus eintreten? Und er ein Mann, der einige Louisdors i» der Tasche hatte, konnte sich noch ans der Sache herausziehen, aber in seiner Aufregung stellte sich Herr Pinchaud ein schwaches Wesen vor. eine Frau, eine in der Großstadt verlorene Fremde, die von allem entblößt ivar. Was sollte sie hier in diesem un- geheuren Steinlabyrinth ansangen. zwischen diesen end- losen Mauern eines entsetzlichen Gesängniffcs? Ach, die Menschen ivaren doch eigentlich recht grausam zu den Menschen l Wenn zum Beispiel Herr Pinchaud vor Kälte umkam oder irgend ein Strolch ihn erstach, dann würden diese Menschen ruhig weiter schlafen; sie würden cS nicht einmal erfahren. Unerhört I Da war es doch tausendmal bester, einer durch die nackten Wüsten streifenden Horde, einem wilden Stamme anzugehören, der sich in den Wäldern aus- hielt, als in dieser gefühllosen Stadt zu leben, die ihre ehr- lichen Menschen den Schrecken der Nacht auslieferte,»vie man in dem römischen Cirkus die Märtyrer den Krallen der Raub- tiere hinwarf! Dieses kühne Bild ließ den dicken Mann erschauern. Und plötzlich kam ihm der wahrhaft außergewöhnliche Gedanke, daß er selbst jeden Abend in seinem wohligen, warmen Erdgeschoß ohne die geringste Unruhe in sein weiches Bett kletterte und dort gemütlich einschlief, ohne an die anderen zu denken, an die Obdachlosen, die in der Nacht herum- irrten. Und auch seine Tochter. Madame Harpiot, dachte nie daran, ebensowenig Therese, seine alte Wirtschafterin, noch sonst einer seiner Verwandten oder seiner Freunde. Und doch lebten alle so wie er, ruhig und ohne Gewisjensbisse. Warum'i Was hatte er, Pinchaud. gethan. daß ih» dieser Gedanke heute abend quälte'i Woher kamen diese plötzlichen Gewissensbisse eines schuldigen Egoismus'< Und ohne daß etivas diese seelische Katastrophe voraussehen ließ, rang sich in einem Ucbermaß des Schmerzes. des Bedauerns, der uu- klaren Zärtlichkeit ein höchstes, unerwartetes Streben saus seinem Herzen los: er ivollte gut sein. Das war in seinem Hirn sozusagen nur ein Aufzucken. das die sorgenvolle Beschäftigung mit seinem Nachtzuge Plötz- lich* wieder erstickte. Der Bahnhof war i» Sicht. Der erleuchtete Zeiger deutete ans tL Uhr 20 Minuten. Er dachte nur»och daran, sich sein Billet zu kaufen und wählte in seiner Westentasche, dann ivollie er langsam die Treppe hinaufsteigen, mu sich nicht zu erhitzen. Eine kalte Feuchtigkeit an den Füßen verstimmte ihn. doch er hoffte, es würde im Waggon wann sein. Da seine Wohnnng nur süus Minuten vom Bahnhof entfernt lag, so war nichts zu befürchten. Sobald er nach Hause kam, wollte er ein Streichholz in das Feuer stecken und den Tisch an die fröhliche Flamme heranrücken, um zu soupieren; im Büffctt stand nach ein kalter Hühnerflügel, ein Schüsselchen Gänsepasteten und drei bis vier Flaschen 1870er Saint- Jacques, ein recht warmer Wein, der nicht zum Denken cm'. p.fe; ganz im Gegenteil. Das alles Mikdc ihn vor bei ii Schlafengehen stärken v.ub seine bümnten Ideen verscheuchen. Diese heitere Aussicht stimmte ben armen Herrn Pinchaub nach und nach etwas fröhlicher, unb da seine beiden Kelche Champagner ihm den Schädel etwas in Ruhe ließen, so konstatierte er sogar mit einer gewissen Geuugthuung eine Neigung zum Schlummer, als er oben am Ende der Treppe in dem großen Wartesaal mitten in eine Schar Auswanderer hineinfiel. Von dem Menschengewimmel und dem schlechten Geruch unangenehm berührt, wich Herr Pinchaub unwillkürlich zurück unb suchte Umwege zu machen, um die Leute nicht zu streifen. Doch der Champagner begann von neuem ihm einen Streich zu spielen. Ein plötzliches Mitleid, das stärker war als sein Widerwille, hielt ihn zurück und trieb ihn dann zu den Aermsten, die im Kampf ums Dasein gestrandet waren. Sitzend oder liegend, zusammengekauert und aneinander gepreßt, schauderten die Auswanderer bei dem Eises- hauch, den ihnen die Trostlosigkeit der Außenwelt durch die geöffneten Thüren über die Haut jagte. Es waren fahle und welke Gesichter junger Mädchen, blasseKindeswangen, scheue, Schrecken einflößende Gesichter junger Männer; hier sah man Träumer- ftirnen, dort Kiefer, die eine ausgeprägte Grausamkeit an- zeigten. Und unter den Filzhüten, den Seidenmützen, den Strohhüten, den Blusen, den Gehröcken, den Schafspelzen, den Lumpen aus Sammet oder Seide, erriet nian die Land- streicher, die Bäuerinnen und Dirnen. Auch klägliche, leichen- fahle Greise waren darunter, die sozusagen in einer grauen Todesdämmerung schwebten. Alle Städte Europas hatten hier in diesen kalten Winkel des Wartesaales ihren Ueberschuß an Laster, Elend und Unglück abgelagert. Bestürzt, sich um sich selbst drehend, ging Pinchaud furchtsam um diese Unglück- lichen herum, wie ein Schiffbrüchiger, der Klippen zu ver- meiden bemüht ist. Er bemerkte, daß die stärkeren, die Männer, sich der Stühle bemächtigten, sich ausstreckten, um auf den Bänken zu schlafen, während die Frauen rauh zurück- gestoßen wurden und es nicht wagten, ihnen näher zu kommen. Diese flüchtigen Episoden, diese heftigen Seenen tvegen eines Lagers auf einer Bank oder eines Hauches Wärme boten ein so klägliches Schauspiel, daß Herr Pinchaud, von neuer Angst erfüllt, stehen blieb und dieses ganze menschliche Elend mit stummen Blicken betrachtete. Plötzlich aber wurde er noch heftiger erschüttert. Vor ihm stand eine junge Frau in Schwarz, die sich an die Wand lehnte und einen kleinen Jungen von sechs bis sieben Jahren mit einem dünnen Shawl bedeckte. Auch sie blickte in stummem Entsetzen auf die düsteren Gruppen. Er begriff, daß die Frau sich in diesem Wartesaal von jenen abgesondert hatte, daß sie aber trotzdem mit ihnen ging und zu ihnen gehörte. Die er- greifende Blässe ihres Gesichts, die starreu Blicke ihrer thränenleeren Augen, ihre gezwungene Haltung drückten ein solches Entsetzen aus, daß Pinchaud unwillkürlich näher an sie herantrat. Sacht und behutsam zog er den Shawl bei- seite, um den Kleinen besser zu sehen; es war ein feiner und hübscher Kopf. Die Frau ließ ihn ge- währen, sie war wie tot, wie eine(Leibeigene, die sich selbst nicht mehr gehört und jedem Menschen das Recht giebt, sie anzurühren, ohne daß sie mit der Wimper zu zucken wagte. Als sie sah, wie dieser gute, alte Herr ihr Kind streichelte, rollten zwei Thränen— vielleicht die letzten— aus ihren ausgetrockneten, großen Augen, und wieder leuchtete es vertrauensvoll in ihren blauen Blicken auf. Pinchaud war verwirrt; er reichte ihr Geld, Silberstücke. Sie lehnte mit langsamem Kopjschütteln ab und deutete auf andere Augen in der Umgebung. die Pinchauds Bewegung beobachtet hatten. Nun senkte er die Stimme. soweit er konnte und sprach zu ihr. Durch Zeichen gab sie ihm zu erkennen, sie verstehe ihn nicht, dann sprach sie eben- falls in unbekannten Worten, doch ihre Stimme blieb har- monisch, voll klagender Melancholie. In verständigen Be- wegungen bemühte sie sich zu erklären, daß sie von weit her- komme und weit hinginge, daß sie niemanden unter diesen Leuten kenne. daß sie nichts hinter sich zurückließ, nichts erwartete, und so seit Tagen und Tagen, ge- stoßen, eingeengt und gequält, in dieser Horde von Auswanderern lebe. Sie gab ihm das zu verstehen, oder wenigstens lieh Pinchaud ihrer rührenden Mimik diese Bedeutung. Und ans ihrer Haltung, ihrer ärmlichen, aber anständigen Kleidung, ihrer Stimme, ihren Blicken schloß er, daß sie anständig, feinfühlig und ehrenhaft war, und daß sie irgend ein phantastisches, romantisches Drama, wie es das wirkliche Leben noch zuweilen bietet. hierher geschleudert hatte. Und Pinchaud dachte nicht mehr au seine kaltherzige und geizige Tochter, noch an die mißtrauische und brummige Wirtschafterin, noch an seinen Claque oder seine kalten Füße. Er sah nur diese beiden gebrochenen Wesen. Und von neuem schoß ein Blitz durch sein Hirn; es zuckte in seinem Haupte auf;„man mußte gut sein." Ein glühendes Mitleid erfaßte seine Seele. und zum erstenmal erschien es ihm als das wahre und einzige Ziel des Lebens:„Geben und helfen!" Die Uhr zeigte indessen bereits zwölf Uhr ftinfunddreißig Minuten. Pinchaud bestand einen letzten Kampf gegen die erbliche Kleinlichkeit seiner Familie und gab der Frau und dem Kinde ein Zeichen, sie möchten ihm folgen. Sie zögerten überrascht und sahen einander an, um dann wieder Herrn Pinchaud anzusehen. Was sie in seinen Augen lasen, be- stimmte sie, ihm zu trauen. Sie folgten dem alten Manne. Er ging schnell, so leichtfüßig vor ihnen her, daß er nicht mehr glaubte, der Pinchaud der alten Zeit zu sein, sondern sich für einen ganz andern, einen freien Pinchaud hielt, der einen wahren Himmel im Herzen trug, und dessen Gewissen von einer Menge schwerer Ketten und bleierner Vor- urteile sich befreit hatte. Er glaubte, eine düstere, er- niedrigende, demütigende Existenz zu verlassen und in der großmütigen Aufwallung seiner ursprünglichen Seele sich selbst zurückgegeben zu sein. Er erkannte recht wohl, daß die beiden Kelche Champagner zum Teil dabei mitwirkten, und doch fühlte er, daß er scharssichtig, verständig, urteilsfähig und mehr als je Herr seines ganzen Willens war. Am Schalter ver- langte er, obwohl er sich sonst begnügte, in die zweite Klasse zu steigen, zwei Billets erster und bezahlte den Ueberschuß ohne Murren. Im Waggon schloß er sorgfältig die Fenster, über- zeugte sich, daß die Frau ihre zerrissenen Sohlen auf das warme Kohlenbecken legte, und fragte geschwätzig, mitteilsam, glücklich, sich die Hände reibend, wohl zehnmal: „Ist Ihnen jetzt warm? Na, jetzt geht's besser, wie? Sie haben vielleicht Hunger? Nur Geduld, wir werden schon essen; ich habe in meinem Büffet noch einen Rest Huhn, ein Schüsselchen mit Gänseleberpastete, und wir drei werden ein Fläschchen Saint Jacques austrinken, und wenn das noch nicht genug ist, werden wir eine zweite entkorken. Er hüpfte auf seinem Platze förmlich hin und her, zappelte mit seinen kleinen, kurzen Beinen, und war so fröhlich, als wenn er alte Jugendfreunde wiedergefunden hätte. Dabei schwatzte er und schwatzte und schwatzte, für sich selbst, nur für sich selbst, ohne sich darüber zu ärgern, daß man ihm nicht verstand. Die junge Frau fühlte sich ob so vieler Rücksichten einigermaßen verwirrt, und wenn ihre Blicke ans Pinchaud fielen, perlten in ihren Augen kleine flüchtige Thränen. lim sie dann wieder zum Lachen zu bringen, bückte er sich zu dem kleinen Jungen, und uni ihm anzudeuten, man würde es sich gut schmecken lassen, zeigte der alte Mann mit seinem Finger auf den Mund, und zwar mit einer so drolligen Grimasse, daß alle Drei in lautes Lachen ausbrachen. lFortsetziing folgt.) JbfVns dvamsttifchrv Epilog. (Wenn wir Tote erwachen.) Die Dichtung gehört nicht zn denen, die ihrem Urheber Welt- rnhrn eintragen; sie ist aber trotzdem von gewaltiger Kraft und Tiefe. Ällerlei dunkle Schatten spuken hinein, die man am Ende Schalte» des Alters nennen darf. Die Dichtung ist in einer Weise ein Mysterium, aber freilich in einer Weise, die nnt den kindliche» Ver- inunuinmgen in unserer symbolistischen Spätdeeadence nichts zn thun hat. Ei» ergreifendes Menschenschicksal lebt in ihr, ein Schicksal, das gerade darum so groß ist, iveil es von so viele» getragen wird. Dann und wann aber, während wir die Handlung erleben, schwindet die Scene, Schatten sinken herab und die Dunkelheit belebt sich mit mystische» Gesichtern. Ahnungen wehen uns an und auch ein Grauen kann uns packen. Wir sehen tief in die Tiefe der Nacht, wie man etwa in einen dunklen Abgrund sehen mag, der sich jäh vor unseren Füße» aufthut. Das Dunkle da unten packt uns und bannt uns i wir müssen hineinschauen, ob wir wollen oder nicht und gerade weil unsere Seele und unsere Sinne gefangen genommen sind, vermögen wir nicht zu sagen, was uns eigentlich packt. Der Unterschied zwischen dem großen Ibsen und den kleinen Symbolisten wird am besten durch ein Gleichnis klar. Bei unfern Jüngsten sehen wir in ein verworrenes Schattenspiel. Schatten hasten vorbei, ohne Sinn und Gestalt und ohne etwas anderes zu hinterlassen, als den bescheidene» Stimnmngs- wert, den Schatten immer hinterlassen, eben weil sie Schatten sind. Bei Ibsen wandern wir durch eine dunkle Nacht im Herbst. Der Sturm treibt mächtige Wolken am Mond vorbei. Fern, Ivo der Wald sich lichtet, schimmert eine alte Burg durch die Stünime. Die Ungewisse Beleuchtung läszt sie nicht deutlich erkennen, mitunter verschlingt die Nacht sie ganz, aber dann taucht sie wieder in der silbernen Dämmerung auf und den Umrissen sieht man es an, das; es eine feste Burg ist, die den Jahr- Hunderten trotzt. Ibsen hat seine neue Dichtung selbst einen„Epilog" genannt, was nur als ein Nachwort zu seinem ganzen dramatischen Schaffen verstanden werden kann. Er hat damit selbst dem Buch den Charakter einer Beichte gegeben, nicht in dem allgemeinen Sinne, in dem jede Dichtung eine Beichte ist, sondern in dem besondern, dag es ein Bekenntnis ist. siir das man ihn persönlich in Anspruch nehmen darf. Sehen wir uns daher zuerst den Mann an, der hier beichtet. Er beichtet— und dae- eben kennzeichnet ihn— vor der ganzen Welt. Die norwegische Aus- gäbe, die vor mir liegt, teilt mit. das; gleichzeitig mit den beiden Originalausgaben(der norwegischen und der deutschen) eng- lisch«, französische und russische Uebcrsctznngen erscheinen, die vom Dichter autorisiert sind. Etwas später folgen dann holländische, ungarische, böhmische, polniiche und italienische llebersctzungen. Das ist eine Wcltstcllung, soweit ein Dichter eine solche nbcrbaupt er- ringen kann. Ibsen hat die Gewissen wachgeriittelt, wie nur ein Dramatiker sie wachrütteln kann. Er hat den Blick sür die mensch- licke Psyche verschärft, er hat Gräber nnfgerisscn, er hat moderne tziigcn verlacht und hat an moderne Institutionen das kalte Messer seiner Kritik gelegt; und das alles hat er unter den Augen und dem Beifall der ganzen civilisierten Welt gethan. Als er seinen 70. Geburtstag feierte, erschienen von allen Kullurnationcn angesehene Vertreter, um ihm zu huldigen. Was hat nun dieser Mann zu beichten? Er bekennt, dag er erst jetzt zum Sehen er- wacht ist. lind was ist es, das er nun sieht? Er sieht, dag er nie gelebt hat. In diesem Bekenntnis, das kurz und hart ausgesprochen ist, liegt eine ergreifende Tragik. Die menschlich-persöiiliche Wirkung ist in diesem Fall tiefer, als die eigentlich dichterische. Da der wortkarge Ibsen aber sein Drama ausdrücklich als einen„Epilog" bezeichnet hat, liegt in diesem Umstand nichts, das ästhetisch zu rügen wäre. Das menschliche Moment muff sogar mehr hinein- spielen, als es sonst bei Dichtungen Brauch ist. Wenn man die Tragödie unabhängig von ihrem Dichter betrachtet, könnte es auf de» ersten Blick scheinen, als enthielte sie wenig Besonderes. Freilich nur auf den ersten Blick. Eine oberflächliche Betrachtung könnte in dem Ganze» nur eine Behandlung des alten Konflikts zwischen Pflicht und Neigung sehn, was ungefähr dasselbe wäre, als wenn man im Hamlet nur eine Darstellung von Unglück- seligen Familienverhältnissen sehen würde. I» der That handelt es sich um ein Problem, das einem alten Jbsen-Problem nahe vcr- wandt ist, ohne ihm doch wiederum gleich zu sein. Wer Ibsen kennt, kennt auch die Hainletiialnrcn, die ihr Glück nicht zu um- armen wagen, weil das Gewissen sie feige macht. In dem neuen Drama„Wenn wir Toten erwachen", handelt es sich um etwas Aehnliches. Professor Rubeck, ein Bildhauer, hat sür sein Meisterwerk, das weltberühmt geworden ist, ein junges schönes Weib als Modell gehabt. Er hat in seinem ganzen Leben eigentlich nur dieses eine Modell gehabt; sie war im Grunde mehr Ursprung als Modell seiner Kunst. Als sie ihm bis zur Vollendung seines Werkes„in voller freudiger Nacktheit" gedient hat, verläfft sie ihn eines Tages und verschwindet spurlos. Nach Jahren erst sehen sie einander wieder, als beide inzwischen durch das Schicksal gebrochen sind, das sie zu tragen hatten.„Waninr", fragt Nubeck, „gingst Du danials fort von mir?" Ilnd sie antwortete:„Weil Du ei» Verbreche» an mir begangen hast. Ich stellte mich vor Dich hin, nackt und bloff, dannt Dn mich beschautest— und nicht ein einziges Mal berührtest Dn mich." Nubeck sagt:„Ich war Künstler", worauf sie mit einem Anstrich von Hohn erwidert:„Das ist es eben. Erst das Kunstwerk— dann das Menschenkind." Hier stehen wir vor dem Problem: Nubeck hat sein Glück nicht uniannt, aber nicht aus sittlichen Bedenken, sondern weil er es nicht sah. Er ivar Künstler— oder besser, sagt seine Dame— Dichter, denn in dem Wort liegt so etwas Schonendes und Mit- leidiges. Etwas von der Schonung, mit der man Menschen behandelt, die seelisch nickt ganz nornial sind. Das Leben hat in Sonnenglanz und Schönheit vor dem Dichter dagelegen; aber er muffte bis an das Ende seiner Tage in einem kalten, feuchten Loch sitzen und ninhte sich mit Lehmklmnpcn und Steinblöckcii todmüde arbeiten. Hier sehen wir in die Tiefe der Dichtung und in daS Schicksal der Menschen, die in der Idee leben, während andere ihnen das frische, pochende Leben rauben. ES handelt sich hier gar nicht um die individuelle Seele Rnbecks, auch nicht einmal um die des Künstlers im allgemeinen, es handelt sich um einen ganzen Typus. Dieser Typus hat allerdings im Künstler Rubeck mit brennender Anschaulichkeit und tiefer Psychologie Gestalt ge- Wonne» und ein Künstler, ein Dichter, war auch am geeignetsten, ihn zu vertreten. Man sieht: bei einem so tiefen Probien» bedurfte es gar nicht der menschlichen Erinnerung an Ibsen, um ergriffen zu werden. Daff man aber trotzdem immer an den alten Meister denken muh, gicbt dem Buch allerdings einen ganz besondern Wert. Mit Rubeck und seiner Gelicbien kontrastiere» Frau Rubeck und ein urwüchsiger Gutsbesitzer. In Fran Rubeck ist das kleine sinnliche Wesen, das im Grunde ihren Mann verachtet, mit g.offcr Kraft lebendig gemacht. Der Gutsbesitzer ist recht plump und äuhcrlich ausgefallen. Wir bemerken hier gleich, daff nnher diesem Mann uns auch manches andere im Stück mifffällt. Nur daff wir an dieser Stelle die kleinen Mauiriertheiten hinter das groffe Probien» zurücktreten lassen wollen. Aufferdem überwiegt auch in den Einzelheiten schliefflich doch das Gute. Der Dialog ist (wenigstens in» Norwegischen) von eherner Festigkeit und ehernem Klang. Die Symbolik ist oft von einer wunder- baren dunklen Pracht, und die Kunst, mit der hier tiefe Psychologie in ergreifende Scenen umgesetzt ist, ist geradezu staunenswert. Alles in allem: wenn auch in der specicllen Diskussion vieles zu sagen sein wird— das Buch macht mit Recht seinen Weg durch Eriropa. Der alte Bergadler wird wohl kaum wieder die Schwingen spannen, um von Norden her über die Welt zu fliegen. Mit um so gröfferer Ehrfiucht wollen wenigstens wir diesen» letzten dramatischen Fluge zuschauen.— _ Erich S ch I a i k j e r. Kleines Feuilleton. es. Weihnachtsbescherling im Walde. An de» Kiefern dcS Grnncwalds blüht der Schnee; in der Mittagssonne taut er in leisen Tropfen herab und malt dunkle narbenartige Tupfen in die »veiffe Decke, die sich über den Boden breitet. Ein paar dürftige Halme erheben sich über den Schnee, der auf den Heerstraffen von Menschcnsiiffcn zerwühlt ist. während er weiter im Innern nur von de» zierlichen Fährten des Wildes gemustert ist. Das ist köstlich, in dieser milden Winterfrische durch den verschneiten Wald zu waten, da gicbt es für die ticfeinsinkenden Füffe erfrischenden Widerstand zu überwinde». Die Ermattnng von den Zimmerfreuden dcS heilige» Abends»»d des ersten Weihnachtsfeiertagcs beginnt in den Mühen der Schneewanderung zu schwinden, und überinütig wälze ich mich mit meinen» Buben in den kühlen Flocken— bis das Tanwassor am Hals die warme Haut hinabgleitet... Man darf wieder einmal hell lachen und sich am Thörichtcn srcucn... Nur wenige Menschen wagen mit uns diese Wald- Wanderung am Vormittag des zweiten Feiertages. Ei» Esel- schlitten gleitet gcinächlich an uns voiüber, die Grautiere lassen sich Zeit, lieber die Felder, die den» Walde vorlagern, huschen Hasen, Krähen bringen tiefschwarze Schatten in die lichte Luft, eine stille, Lbersonnte Windinüble ragt am Horizonte. Drinnen nn Wälde" taucht jetzt das Wild ans. Rudel von Hirschen und Rehen kommen hervor, in den» Schnee scharrend. Die Tiere drängen sich dicht an die Wildgatter und suchen die Nähe der von Meuschen belebten Straffen in der Erlvartung, daff ihnen von ihren Todfeinden Nahrung konlmen»nöchte. Drei stattliche Hirsche schreiten langsam über unseren Weg, die zwei kleineren verschwinden bei mrsercm Nahen aus der anderen Seite des Waldes, der dritte, der stattlichste, ein Vierzehnender, bleibt in der Mitte des Weges stehen und erwartet uns. Er läfft sich ruhig von uns' berühren. Da gedenken wir unseres Pfcffcrkuchenvorrats in unseren Manteltaschen. Wir wissen zwar nicht, ob das Wild solche Weihnachtsnahrung zu würdigen versteht. Indessen wir versuchen es. Begierig und nn- mutig zugleich nimmt uns der Hirsch das erste angebotene Stück ans der Hand, und so verfüttern wir allmählich alles, was wir be- sitzen. Dann tvandern wit weiter. Der Hirsch aber bleibt auf den» Wege stehen und schaut mit seinen schvnci»..innigen Augen in die Richtung, aus der wir kamen. Er schliefft von uns auf andere Spaziergänger nnd auf weitere süffe Nahrung— der König nnscrer Wälder durch Schnee und Frost gebändigt— zum Bettler am Wege... Theater. Weihnachten in den Theatern.(Berliner Theater. Lessin g-Theater. Schauspielhaus.)— Das Präludium hicff„F l o t t e n»» a n ö v e r" und wurde von den Herren K r a a tz und S t o b i tz e r gespielt. Es sollte ein lustiges Präludiun» sein, glaube ich. Wenigstens stand„Schwank" auf dem Zettel nnd es ist ja eine weitverbreitete Anschauung, das Schwänke lustig sind. In der That lachte das Pnblikum aiich und somit ist— für die Autoren wenigstens— die Frage in aller Form erledigt. DaS Stück ist in seiner besonderen Art eine Reklame sür die neue Flottenvorlage. Es liegt»nir sehr fern, den beiden Dramatikern nachzusagen, daff sie eine Satire auf die Flottcngegncr schreiben wollten. Zu einer Satire gehört Verstand, und bei unseren Dichtern wundert man sich geradezu, wie es möglich war, eine so kleine Portion dieses Artikels»och auf zwei Menschen zu verteilen. Die ganze Sache ist ei» Gemengsel der ältesten und schalsten Possen- scherze. Ei» sächsischer Philister, der gegen die Flotte ist. weil Sachsen keine Küsten hat, reist nach Helgoland, um seine Tochter an einer Heirat mit eincin mittellosen Journalisten zu hindern. Da vor Helgoland Flottenmanöver abgehalten werden, laufen ans der Insel allerlei„schmucke" Sec-Ofsizicre und Seckadcttcn herum. Die hübschen Uniformen stiften natürlich Liebes- erklärnngen, Verlobungen usw. und schliefflich wird auch der sächsische Philister von der allgemeinen Backfisch-Begeisterung ergriffen. Von der Flottcnvorlnge, die in den» Stück diskutiert wird, verstehen die Autoren etwa soviel wie Schweinburg. Sie haben begriffen, daff sich mit der Sache Geld verdienen läfft. Wir habe», lote man sieht, ntt dein Prälichlnin cinigeS atis- zusetzen. DaZ aber soll»tus nicht hinderin den einzigen Vorzug hervorzuheben, den eS wirklich hat: eS war eine durchaus an» gemessene Einleitung zu der Theatermusik, die in den Feier- tagen folgte. Zunächst begann der Dichter S I o w r o n n e k zu singen. Er scheint insofern zur älteren Generation zu gehören, als er die Lieutenants, ohne die ein deutsches Lustspiel nicht denkbar ist, noch immer auS dem Landheer nimmt. Vielleicht entloiekelt er sich in dieser Beziehung, um so mehr, da er eS in irgend einer andern schloerlich thnn tuird. Sein Talent kann sich nicht steigern, da er keinS besitzt, und ebensowenig braucht man zu befürchten, dasj er sinken wird. Er ist schon unten. Er war— und das will bei der Konkurrenz, die ihm gemacht wurde, immerhin etwas sagen —, der traurigste Dichter der Feiertage. Die humoristische Idee seines Stückes brauchte er freilich nicht zu stehlen, da derartige Dinge als herrenloses Gut auf der Strage liegen. Man kann also ohne Zögern einräumen, das; ivenigstenS die Idee sein rechtinäjziges geistiges Eigentum ist. Betrachten toir sie näher. Ein Lieutenant wird durch die Ansprüche einer hübschen Berwandten von der Erbfolge auf seinem väterlichen Gut ausgeschlossen. Er heiratet die Verwandte und wird dadurch wieder Gutsbesitzer. DaS wäre die Idee. Natürlich giebt es daneben noch allerlei anderes. Beispielsweise einen fidelen Jimker. der gern kneipt, dann eine fromme Taute, die Temperenzler ist und endlich den beliebten„dummen Diener", der in feierlichen Momente» das Publikum durch seine rührende Treue ergreift. Im„Schauspielhaus" kam der alte L' A rr o n g e mit einem alten Stück zu Wort. Daß er selbst„Otto Lang mann W w e." für ein neues Stück hält, kann mich in meiner Auf- fassmig nicht beirren. Es ist dieselbe kleinbürgerliche Tiirstigkeit und dieselbe kleinbürgerliche Beschränktheit, die ivir von jeher an ihm kennen. Das Haus„Langmaiin Ww." wird durch die modenien Warenhäuser ruiniert. Die stolze Wilive lernt die svgeummte„ehrliche Arbeit" schätzen und der Hauptvertreter der besagten Arbeit— ein Elektrotechniker— bekommt die Tochter des vornehmen Hanfes. Wir begreifen, das; L'Arrouge sich zu diesem Stoff hingezogen fühlte. Er selbst ist ein Opfer der modernen Industrie. Als Litterat ist er der notleidende Handwerker, der noch etivas auf seinen Stand giebt. Blumenthal ist der geivissenlose Groffkapitalist, der das Theater bis zimt völligen Stuin ausbeutet. Aber Blumenthal hat gesiegt und»rnsjte siegen. Die Firma Langmami-L'Arrong« ist bankrott für immer.~ � � Musik. Der Geburtstag Beethovens am IG. Dezember regt dazu an, die vorweihnachtliche Konzertzeit mit mehrfachen Anssührnugen seiner trotz allem immer wieder so populären Werke ansklingen zu lassen. Herr Weingartner z. B. dirigierte am letzten Freitag ein ausschließliches Beethoven- Konzert; er ivar dabei so recht in semein Element, ließ in die Pauken d reinhauen und in das Blech dreiiitnten, was Zeug hielt, und machte wieder die Frauenzimmer beifallstoll. Ein verhältnismäßig ivenig bekannter Nummeriiteik war das Adagio ans der, von der Ouvertüre her allbekannten Musik, die Beethoven zn einem Ballet„Die Geschöpfe des Prometheus' geschrieben; es gab unserem Konzertmeister vom Cello, Herrn D e ch e r t wenn ich nicht irre, Gelegenheit zn erfolgreichem, solistischem Hervortreten. Der eigentliche Solist des Konzertes war Professor H a l i r, der das Violinkonzert spielte. Man bekommt nicht häufig einen so erfreulichen Gegensatz gegen das Äirtuosenhafte zu hören ivie hier, so sehr das Können des Künstlers auch d e m gewachsen wäre. Es ist der Meister schlecht und recht, der nicht unter der Meisterschaft bleibt und nicht über sie hinansgeht. der ivarrn spielt, der aber doch den akademischen Professor nicht ganz ver- leugnet. Hatten wir im vorigen Jahr über manche Darbietungen des Quartettes, das denselben Künstler an der Spitze hat, llagen müssen, so hat uns der neuliche ziveite H a l i r- Abend sehr angenehm eut- täuscht. In der Wedergabe von Beethovens C- raol!- Quartett war nichts von der akademischen Temperameutkosigkeit zn spürn. die sich etwa erwarten ließ, obscho» die. B ö h m e u" (über deren neulichen Beethoven� Abend mit den drei Quartetten opus 59 mir ein Freund voll Entzücke» den Kopf heiß machte) wohl noch anders in? Zeug gegangen ivären; sie hätten, wie immer, so z. B. auch im Trio deS dritten Satzes den unteren Stimme» iveit mehr ihr Recht gegeben, als es Halirs Genoffen thaten. Aber sonst alle Achtuiig. zumal angesichts der Frische und der beseelten Be- weguug, mit denen das Finale herauskam! Derselbe O.uartettabend brachte eine noch ungedruckte Neuheit, ein Streichquartett von Hans Hermann, einem jüngeren Komponisten, der bereits durch einige Vokalsachen günstig bekannt ist. Das Stück ist„über den Namen Begas" geschrieben. Das heißt: es baut sich auf Motiven auf, gebildet zunächst von Tönen, deren Notenbezeichiurngen eben jenen Namen zusammen- setzen. Ein solcher„Witz" ist in der ernsten Musik längst mich durch klassische Beispiele legitimiert; Namen wie Bach, Asch, Abegg, Belaieff sind in dieser Weise motivisch ver- wertet worden. Dem diesmal gewählten Namen hat der Komponist mehrere intereffaiite Tonkombinntionen. zum Teil für verivickelte Verannvrriltcher AZdactear: �Paul John in Berlii Fügungen, entnommen. Im ganzen ist das Werk jedenfalls sehr dankbar für die Ausübenden sowohl wie auch für die Zuhörend«»; es enthüll manche hübsche Melodik und zeugt von Herrschaft über die Form, wenngleich der erste Satz nicht recht einheitlich wirkt. Im übrige» ivird ja ivohl niemand weder den Anspruch erheben, daß vier ein geschichtlicher Fortschritt angestrebt sei, noch anch, daß im älteren Nahmen etivas besonders Bedeutendes geleistet sei.— sz. Aus dem Tierleben. — Zur„Meckert he orte" d e r B e ka s si n e." Jin An- schlnß an die im„Prometheus" mitgeteilte, von Rohwrder in Husum ans Grund lünstlicher Erzeugung des Meckertons durch Blase- balg und kurzes Aufschlagen mit dem Finger auf die Flügel einer ausgestopften Beeassine aufgestellte Theorie wird an derselben Stelle darauf biugelviesen, daß H. Precbt in der„Deutschen Jäger-Zeitung" seine Bedenken gegenüber dieser Erllärnng ausgesprochen hat, wenn er mich zugeben muß. daß dieselbe durchaus niethodisch und als scharssinnig bezeichnet werden muß. Er verlangt, daß anch das Gegenteil, nämlich daß sich dieser Bteckerto» durch dasselbe Mitiel an ausgestopften Doppelschnepsen, Regenpfeifern oder Totanus-Arten nicht hervorbringen lasse, bewiesen werde. Schon die Voranssetznng Rohiveders, daß der Meckerten der Bekassine durch die äußersten Sloßfeder» der Flügel infolge schneller Vibration hervorgerufen werde, sei eine irrige, was P recht durch folgende Beobachtung zu beiveise» sticht: „Es war in den ersten siebziger Jechreu, als ich, damals schon ein eifriger Oruithologe, zur Psingstzeit die heimatlichen Fluren meines GebnrtsdörschrnS Bellen in» Kreise Rotenburg in Hannover aufsuchte. An einem schönen, tenchtwarmen Morgen durch- streifte ich, gedeckt durch Erlengebiisch. die anmoorige Niederung. Da auf einmal hörte ich den Bnlzrnf der Bekassine, scheinbar in der Nähe, aber kürzer, ich möchte jagen hcimlicher, als ich sonst gewohnt war. Ich säumte in die Höhe und sehe endlich den Vogel: er stand auf einem dürren, etwa 2 Meter hohen Erkenstnmpf, und ich sah und hörte wiederholt, wie der Vogel bei vorgestreckten» Halse den Balzton hervorbrachte. Die Entfernung betrug höchstens 40 Schritt, so daß ich die Bewegimg genau sehen lonnte. Um mich besser zn überzeugen, ging ich noch naher heran und brachte den Vogel zum Ab- streichen. Es war wirklich eine Beeassine, welche sich in bekannter Weise schräg aussteigend erhob und das Balzen in der Lust fortsetzte. Dasselbe klang jetzt kräftiger und wurde etivas länger angehalten, was sich sehr»atmlich durch die stärkere MnSkelsbaunung während des Fluges erklären läßt." Danach scheint es also, das; der Batzlant, das sogenannte„Ticken", durch den Stecher, also im Kehlkopf, erzeugt, dagegen das Trommelu durch die Flügel hervorgerufen ivird, letzteres dann, wem» das Männchen beim Umkreisen des Vrutplatzes des Weibchens die Bogen»ach untei» schlägt.— HmiroriftiscsteZ. — Im Hotel. Gast: Herr Wirt, was ist da? eigentlich, in meinen, Ziimner fällt der eine Fensterflügel immer a u f." Wirt:„Das ist allerdings auffallend." Gast:„Und der andre fällt imuier z n." Wirt:„DaS ist Z u f a l l."— — Anch ein Motiv.„Dn hast Dich also gestern verlobt? Wie ist das nur so ans einmal gekommen?"— „Ich hatte nämlich für gestern gerade zwei Freibillets ins Theater."—(„Lust. Al.'j — Politik in der Liebe. Prinzipal:„Waö bilden Sie sich ein, um die Hand meiner Tochter anzuhalten. Aus der Verbindung ivird Nichts!" C o m in i s:„Oho, Mäunecke» I Verbindnngsverbot— det»s »ich mehrl"—(„Siidd. Postillou."). Notizen. — Von Heinrich Schulz- Benthe» gelangt in kurzem am Theater des W e st c n s eine Oper„Aschenbrödel" zur Aufführung.— — Ei» zweites ständiges Theater steht für N ü r n- b e r g in Aussicht. Der Magistrat hat die Konzession dafür de»» Direktor Meßthaler in München, dein Begründer des dortigen Deutschen Thealers, erteilt. Das neue Theater will in erster Linie die moderne dramatische Lilteratur berücksichtigen.— — Die Stadt Baden-Baden bat eine Gemälde- g a l e r i e nnd K n n st s a m ni l n n g als Geschenk erhallen, deren Wert auf 300 000 M. geschätzt ivird.— — Auf dem S e ni in e r i n g will der Wiener Architekt Relimann ein Sommertheater erbaue».— — Agnes S o r m a errang bei ihrem ersten Auftreten als „Nora" im Pariser Theätre de la Renaissance einen großen Erfolg.— — Neben Fritz von Uhdes„Bergpredigt" ist auf der Berliner Versteigermig in der vorigen Woche auch Wiihelms Leibis„Mann mit dem Krün" für das neue Budapest er„Museum für die bildeiiden Künste" erworben worden.— Druck und Verlas von Max Bading m Berlin.