Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 1. Mittwoch, den 3. Januar. 1900 (Nachdruck verboten). � DAS Meibevdovf. Roman aus der Eifel von Clara Viebig. I. „Trapp, trapp"— hart klingen die Schritte auf der steinigen Landstraße. Männer, ein ganzer Trupp! Und nun noch ein Trupp, und etwas weiter zurück kommt noch ein dritter. Männer mit Schweiß auf den Stirnen, mit Staub auf den Stiefeln, mit der ganzen Glut des frühen Sommers und des hastigen Manderns auf den geröteten Gesichtern. Jeder trägt sein Bündel am Stecken über der Schulter, paarweise schleppen sie auch ein Äöffcrchen alle haben sie die Taschen der städtischen Sonntagsrvcke vollgestopft zum Platzen. Nun halten sie an auf der Höhe von Schlvarzcnborn und verschnaufen. Da unten liegt das Salmthal, schmal nnd grün und lieb- lich; die klare Salm schlängelt sich als Silberband, dort, an der letzten Krümmung, ragen die Ruinen vom Kloster Himmerod, schon verschleiert vom Abendduft, und da, dicht zu Füßen, scheinbar nüt einem Steinwurf zu erreichen. Eiset- schmitt! Daheim, daheim! Ein froher Schein glitt über die heißen Gesichter, ein tiefer Atemzug hob jedem der Wanderer die Brust unter dem zerknüllten Hemd. Da wurden rasch die Hüte vom Kopf ge- rissen und geschwenkt.„Hurra! Heloa! Derhäm!" Der Jüngsten einer, der schlanke Kerl niit dem Feld- blumensträußchen am Strohhut, fing ein Lied an; er schmetterte aus Leibeskräften, sein starker, etwas kratziger Tenor zitterte in mächtigen Schattwellen über die Bergrücken. unten im Thal erwachte ein Echo. Das machte ihm Ber- gnngcn; er hielt den einen Ton an. gleich stark, endlos, die Bänder am Halse schwollen ihm. sein Gesicht wurde blaurot, die Augen quollen ihm vor— immer noch! Die anderen bewunderten ihn:„Dän kann et!" Immer noch— da. knacks, der Ton brach ab I In ge- kränkter Eitelkeit versuchte der Bursche noch einmal, aber die Stimme gehorchte nicht niehr. „En Kriimmel in der Tröt(Kehle), saon se lao unnen zu Eöllen— haha— cn Krümmel in der Tröt l" Die Männer lachten. Der Sänger wurde zorucsrot und räusperte sich ge- waltsam. „Looß sin," sagte begütigend einer der Aelteren und klatschte ihn freundschaftlich ans die Schulter.„Hal Dei Maul Jong! Sei net so bnbsterzig(eigensinnig), de Stimme kann rner net kommandieren, se es ken Maschien on ke Framensch." Und dann augenzlvinkerrid:„Wat moanstc, Lorenz, ob Lenzen Bäbb heit Awend besser pariert?" „Dat Bäbbche? I Lorenz zeigte, schnell getröstet, die tadellosen Zahnreihcn.„Et gitt gäckig vor Freid. Se maancn all. mir kommen erscht morjen." Er patschte sich auf die Le»deu.M,Helao. da gitt ebbcs I Seit Weihnachten, en halw Jaahr ohn Schatz gesäß! Dat es net pläsierlich!" „Nä, nä, dat es et aach net!" Eine gewisse Rührung bemächtigte sich ihrer sämtlich: ein jeder dachte an die, die an seiner Brust liegen würde. Die Ehemänner dachten an ihre Frauen, die Lcdigen an die Mädchen, die sie beim letzten Be- such zu Weihnachten am heißesten geküßt, heiß geküßt im kalten Sckniee. Und jetzt war Somnier— die hatten lange fasten müssen l „Da gitt en Freid!" Man warf sich in die Brust, man brachte ja das Glück. Schnell noch einen Blick hinunter ins dämmernde Thal— da warteten die Hütten im milden Abendlicht, leichter Rauch kräuselte sich vom heimischen Herd. Da träumten die Wiesen und die Büsche am Waldsaum lockten mit verschwiegenem Dunkel. Es schwebte etwas herauf, es kam mit dem Wind und flüsterte ins Gras; die Luft koste leise und weich, Nebel- streifen wie winkende Brautschleier stiegen aus dem Grund am Bach, Bäume streckten verlangende Arme aus— jetzt— hier, da, dort glomin ein Lichtchen auf, blasse Sterne, sehn- süchtige Augen in einsamer Kammer. Niemand mehr aus den abschüssigen Acckcrchen— alles still, wie begraben. „Häh! Halloah! Gieht noach net schlaofen, cwcil sein mir elao! Halloah--- oa-- oah--!" Einer da oben hielt die hohlen Hände vor den Mund und tutete hinein; dann warf er lustig sein Bündel in die Höh:„Lorenz. Josef, Mathesen. Hanni, wän es dän erschien ounen? Hopp I Bonz onnen, Bonz olvcn(Kopf über, Kopf unter), voran gemaach!" Wie Pfeile schössen die Burschen bergunter, sie ver- schmähten die vielfach gewundene Fahrstraße, auf steilen Richtwcgcn schnitten sie die Serpentinen ab; polternd, prasselnd stürzte ihnen loses Geröll nach. Auch die gesetzteren Männer eilten sich, eine plötzliche Ungeduld hatte sie alle ergriffen, das Blut floß nicht mehr träge in den Adern, es kreiste un- ruhig und stieg ihnen zu Kops. Heller und heller flimmerten llnten die Lichtchen, sie warfen ciucil trauten Schein aus den engen Kammerfenstern — voran, voran! Süße Vogelstimmcn piepten im Nest— voran, quer durchs Brombeergestrüpp! Da saß schon eine weiße Hauskatze auf der Lauer, sie sprang nicht fort, sondern stieß den sammctwcichen Kopf schnurrend gegen die sie streichelnden Hände. Aber weiter, die warteten! Der Berg hang wimmelte von dunklen kletternden Ge- stalten; nun kam der letzte Absatz, man rutschte, man glitt, man sprang— nun lag das Dorf ganz nah, melodisch tönte das„Muh" einer Kuh, ein sehnsüchtig langgezogener Liebesschrei. Noch atemlos begann Lorenz zu schmettern, da war keiner, der nicht mit cinstimnitc: „Kommen wir i» dieser Nacht, �cin Liebchen, fei»! Seid Ihr tot oder lebt Ihr»och, Fein Liebchen, fein?'--- Da war schon daS erste Haus. „Will das Mädchen net obstohn» Fein Liebchen, fein! So ivollcn ivir's in die Blotz droh»(in die Pfütze werfen), Fein Liebchen, feint"--- Immer lauter wurde der Gesang, er schwoll an und wuchs und drängte: „Will das Mädchen sich net tummeln. Wollen ivir de Thiir ufftrnmmeln."--- Horch, ein heller Schrei:„Jcsses, die Mannsleit!" Die Thür des ersten HauseL war aufgeflogen, ein Weib in Unterrock und halbgeöffneter Taille stürzte heraus, mit einen: Satz stand sie mitten unter den Männern, wild sah sie sich um— wieder ein Aufkreischen— da, sie stürzte dem einen an den Hals. „Jesscs, Hubert, lao biste! Komm erein. Mahn, komm erein! Ech hnon uf dech gelauert! Dag on Nacht, onsen Hährgott woaß et— gelowt sei de Jongfra Maria!" Sie bekreuzte sich und ihn.„Könner, Könner"— schon sprang sie wieder zur Thür—„Könner, dän Vadder es elao!" Sie zog ihren Mann hinter sich drein, kaum daß sie ihm Zeit ließ, den 5tämeraden zuzunicken; sie hielt ihn so fest am Aermel. als fürchte sie, ihn gleich wieder zu verlieren. Die Frau mit dem schon faltigen Gesicht und den Zahnlücken zeigte die Glut einer Zwanzigjährigen. „Se sein hei, sc sein hei!" Nur dieser eine Ruf und alle Häuser waren plötzlich belebt, alle Fenster hell, alle Thürcn geöffnet. Kinder, in Hemden und barfüßig, wie sie aus dem Bett gesprungen, standen aus der Schwelle; Frauen und Mädchen eilten auf die Gasse. Der lveiche Sommernachtwind spielte mit ihrem halbgelösten Haar und den hastig über- geworfenen Kleidern. Laternen tauchten auf vor den Ställen, in den Höfen, im Wirtshaus wurden alle Lampen angezündet Peter Krummscheidt stieg eilig in den Keller und stach ein Faß an. Die Straße wimmelte von Menschen, wie mit Zauber- schlag waren sie alle erschienen, alle umringten die Ankömm- linge. Das war ein Gesumm, ein Lachen, ein Geschrei:„Se sein hei, sc sein hei I" Lorenz Schneider stand an der Ecke am Prellstein. Hier ging's hinein in ein duickles Gäßchen, erst zwischen Stall- wänden, dann zwischen Hecken— nichts rührte sich drin— ir.ib da Um- die Straße, hell vom Lichtschein, der ans den geöMrten Fenstern und Thnren fiel. Alle, die er kannte, standen da umher, aufgeregt, lachend und schwatzend; die Weiber hatten die Männer untergefaßt, die Mädchen begrüßten ihre Schätze. Immer wieder suchten seine Blicke, enttäuscht fing er leise an zu fluchen— Tnnnerkiel. wo war das Bäbb? Schlief sie schon so fest, daß sie den Lärm nicht hörte? War sie ihm untreu geworden?— Da mußte er doch lachen, war denn hier wohl ein Mannsbild gewesen, um das sich's verlohnte, ihn zu vergessen? Er ärgerte sich, warum kam sie nicht? Ob er nach ihr fragte? Vor dem Wirtshaus hatten sich die ganz jungen Mädchen, die Henrigen Hasen, in einer Reihe aufgepflanzt; neugierig und ein wenig neidisch guckten sie z», wie die älteren Schwestern und Bekanntinnen mit ihren Burschen abzogen. Tie Augen funkelten ihnen im Kopf, sie brachten die Mäuler nicht zu- sammeu. Sie stießen sich mit den Ellenbogen an und kicherten, als Lorenz nach ihnen hinsah. Den Schnurrbart aufdrehend, trat er zu ihnen— das Gekicher wurde stärker.„N'Aoweud, dir Mädercher 1" „Boschur, Lorenz," sagte keck die erste. „Tina?" sagte er erstaunt. Zu Weihnachten war sie noch halbwüchsig gewesen, und jetzt trug sie einen langen Nock und sah ihn an mit dreisten Augen.„Es bat Bäbbche net mieh hei, Tina?" fragte er hastig.„Lenzen Bäbb?—" Tina zeigte lachend ihre weißen Zähne:„Ech waaß net!" Mutwillig blinzelte sie den Gefährtinnen zu, er fühlte seine Hand ergriffen, kräftig geschüttelt und dann festgehalten. In einenr Augenblick hatten ihn die Mädchen umringt; er stand uiit Tina in der Mitte, die anderen hopsten im Kreis, aus- gelassen wie junge Böcklein, um sie herum. „Dommhaaten! Laoß los I" Unwirrsch suchte er sich frei zn machen. „Autsch, autsch!" Tina schlenkerte ihre Finger, gleich darauf packte sie ihn aufs neue; wie ein Wall stenimten sich die Mädchenleiber ihm entgegen. „Schneidersch Lorenz, kucktelhei, Schneidersch Lorenz! Haha, hahahaha I" Sie lachten wie die Tollen; dem Burschen schwirbelte es vor Augen und Ohren, er wurde hin und hergerissen, von einer gegen die andere gepufft. Tina hängte sich wie eine Klette an ihn, er wurde sie nicht los, nirgendwo konnte er den Kreis durchbrechen. „Dunnerknippchen noachehs, wuh es bat Bäbb?" stieß er niit einer letzten Anstrengung heraus. „Bäbb hin, Bäbb här, „Bäbb, dat es en Zoddelbär— hahaha—!" Immer dichter umdrängten sie ihn, innner schallender wurde das Lachen, immer wilder das Drehen; er fühlte Tinas Hände an seinem Rock, sie streßte ihm seine beiden Arme fest an den Leib. Jedesmal, wenn sie aufhüpfte, kitzelten ihn ihre krausen Haare unter der Nase, ihr Gesicht kam dem seinen ganz nah— da, ehe sie sich'S versah, hatte er die Arme frei, er schlug sie ibr um die Taille, ein derber Schmatz brannte ihr auf dem Mund. Sie schrie hell auf und wandte sich zur Flucht; mit lautem Gekreisch stoben sämtliche Mädchen davon, er hinterdrein, hier suchte er noch eine zn fassen und da eine. Die Röcke flatterten. Jetzt waren sie, um das Wirtshaus herum, im Dunkel ver- schlvunden. „Verflixte Rotznaosen." schimpfte der Bursche und doch schmunzelte er dabei— die Tina war gar nicht garstig, noch schmeckte er ihre frischen Lippen. Er schnalzte mit der Zunge, sein Durst war erwacht— wo blieb die Bäbbi? Langsam kehrte er zu seinem Prellstein zurück, in ver- drosseuen Gedanken blieb er dort stehen. Da— er schreckte aus, jemand zupfte ihn von hinten am Aermel, Am Eingang des Heckengangs stand eine weibliche Gestalt. „Bäbbchen?" fragte er zweifelnd. Sie kam ihm so wenig schlank vor, Lenzen Bäbb war lang nicht so völlig gewesen. „Bäbb?" „Heihin!" Schon zerrte sie ihn hinein in das dunkle Gäßchen, es schien ihr noch nicht dunkel genug, sie schob ihn hinter die Regentonne an der einen Stallwand. Jetzt schlang sie die Arme um ihn und küßte ihn, daß ihm der Atem verging. Sie gebürdete sich wie närrisch, lachte und schluchzte und drückte ihn, ohne ein Wort zu reden; ihre warme Brust bebte an der seinen, schlver hing sie ihm am Halse. Immer wieder preßten sich ihre Lippen ans seinen Mund, sie saugten sich förmlich daran fest. (Fortsetzung folgt.) sDcts Wevminsjtnis. (Freie Volksbühne.) Die Halbwelt läßt die„Welt"»icbt ruhen. Immer wieder findet sich, ein Dichter, der die Frage mifwirft, ob nicht doch die Halbwelt schließlich anständiger ist, als die Welt, die den Anstand nickt nur gepachtet, sondern in ihrem eigenen Interesse auch erfunden hat. Die Halbwelt ist ein Gespenst der modernen bürgerlichen Gesellschaft, ein in seiner Art sehr lustiges Gespenst, das aber sofort furchtbar wird, Ivemi man ihm am hellen Tage begegnet. Die Gesellschaft hat gegen das Gespenst nichts cinzmuenden, wenn es in dem Dunkel bleibt, das einem rechtschaffenen Gespenst zukommt. Die Sache wird aber sofort unangenehm, wenn das Dunkel schwindet, und das Ge- spenst ans den abentenerlichcn Gedanken kommt, den korrekten Gentleman X.. auch Unter den Linden zu grüßen. Der aufrichtige Mensch ist in unserer Zeit der schlimmste Verbrecher und wird auch ganz logisch als Verbrecher behandelt. Es ist jedeiu gestattet, eine Geliebte zu haben; aber er wird zum Sünder, wenn er seine Geliebte— liebt. Er darf ihr eine kostspielige Wohnung mieten � Papa bezahlt's. Er darf ihr ein Koupee mit echten Gäulen stiften— die Mittel reichen. Was er immer an gewöbn- licher SinneSlnst zur Versügnng hat, er darf's befriedigen. Die Gesellschaft segnet den Bund, und man braucht sich nur an den nächsten Lrtspfarrer zn wenden, um einen Mann zn haben, der auch die Gesellschaft segnet. Ter Handel wird keine dramatische Handlung, so lauge er unsittlich bleibt. Die Gesellschaft hat, wenn mich keinen feinen Verstand. so doch einen feinen Instinkt. Die Unsittlichkeit nimmt ihr nichts und giebt ihr alles. Es ist daher vollkommen logisch, daß sie die Ilnfittlichkeit toleriert. Wenn sie sick bei dieser Fnügeisterei — wie üblich— auf Lessing beruft, begeht sie eine Frechheit, die man nn» ihrer Seltenheit willen entschuldigen kann. Tragisch— im bürgerlichen Sin»— wirkt die Sache erst, wenn ein anständiger Mensch dazwischen kommt. Wenn so ein reiner Thor ans den Gedanken kommt, seine Geliebte als sein Weib zu behandeln, wird der Handel sofort unrein. Ein Duft von Sittlickkcit sieigt ans, der ein allgemeines Naserümpfen ver- nrsacht. Die Gesellschaft hat,«m es noch einmal zu sagen, einen feine» Instinkt. Es lebe die Unsittlichkeit, damit wir leben können I Ans Kreuz mit dem Schächer! Schliltzler, der die eben geschilderte Tragikomödie behandelt hat, konnte in der Freie» Volksbühne ans ein dankbares Publikuin rechnen und hat auch ein dankbares Publikum gefunden. Männer lind Frauen, die von der Korrektheit so lveit entfernt sind, wie etwa ein Geheimrat von der historischen Vernunft, nntßten seinem Stück ursprüngliche Sympathien entgegen bringen. Der Beifall, de» eS fand, kommt zum größten Teil ans Reckming der Tendeiiz. Menschen, die selbst gelitten haben, haben auch Mitleid nnd sie mache» von dieser Gabe keinen unwürdigen Gebrauch, wenn sie sie an ein Wesen Ivenden, dessen Ehrbarkeit von der ehrbaren Gesellschaft be- stritte» wird. Schnitzler hat sich nun freilich die Sache leicht gemacht, zweimal leicht sogar, wie wir gleich sehen werden. Er hat eine Dame zn seiner Heldin gemacht,' die schließlich auch nach bürgerlichen Begriffen ein dnrchans allständiges Weib genailllt werden muß. Seine Toni ist nicht nur eine brave Geliebte, die»in ihren Liebhaber in Sack und Asche trauert, sie ist daneben auch Mutter, nnd zwar eine sehr treue nnd alifopfernde Mutter. Daß aber ein solches Wesen unser Herz gewinnt, ist, selbst vom bürgerlichen Standpunkt ans, selbstversländ- lich. Schnitzler hat eine Frage gestellt, die gar keine Frage ist. Man ivird ihm gerecht, aber man spricht ihm auch sein Urteil, wen» »imi sein Stück ein Thesenstück nennt. Was er aber verficht ist keine These, sondeni ein Gemeiliplatz. Selbst die„Welt" hat immer ge- wüßt, daß es in der Halblvelt anständige Menschen giebt. Wenn Schnitzler ein Dichter und nicht ein poetisches Talent ge- lvesen wäre, hätte er die Frage anders gestellt. Dami hätte er luis die brave Toni geschenkt nnd hätte uns eine geschiniiikte Toni ge- geben, die schon in ihrem Aeußern die Negation aller Jungfränlichkeit gewesen wäre. Er hätte uns eine Toni gegeben, die wie ei» Mensch trauert, nicht aber wie eine Heilige. Er hätte>i»S eine Toni gegeben, die kein Kind hat nnd auch kein Kind wünscht. Kurz und gut: Er hätte die Frage Halblvelt nnd Welt offen nnd ehrlich ge- stellt. So aber bat er nur gefragt, ob nicht eine anständige Dame der Halblvelt mehr wert ist, als eine nnanständige BonrgeoiSsippe. Und das ist— ich bitte• sehr nm Verzeihnng— im letzten Gnnid Überhaupt keine Frage. Wohl aber liegt hinter der ganzen Affaire eine folgenschwere Frage. Ob die Daiileir anständiger sind, die sich mit einer angeniessenen Mitgift verheiraten, oder ob man den Dniiien die Palme reichen muß. die ohne Hoffnung auf irgend eine Milgift das Leben nehmen, ivie das Leben ihnen kommt— daS ist allerdings— ich bitte wiedermn in» Verzeihung— eine Frage. Eine Frage, die Schnitzler nicht beantivotten konnte, Iveil er nicht einmal das Talent hatte, sie zu stellen. Schnitzler aber hat sich, lvie lvir bereits andeuteten. auch in anderer Weise die Sache leicht gemacht. Wenn man imbariilherzig seiinvill, handelt es sich in dem Stück gar nicht um die Halblvelt, sondern mir um ein Vermächtnis. Schließlich erfüllt der sehr ehrenwerte Pro- feffor Losaili nur de» Wunsch seines sterbenden Sohnes, ivenn er die Toni in sein Ha»S anfniinnit. Der Konflikt zwischen Well und Halbwelt, der dem Stück seineir Sinn gegeben hätte, ivird hier wiederum zu Gunstcn eines anderen Konflikts ausgeschaltet. Zuerst also lieb unser Dichter die Halblvelt fallen, und nun läszt er auch die Welt fallen, insofern nämlich, als er eine Situation erfindet, in der selbst die„Welt" nicht wie die moralische Halblvelt handelt. Er hat sich's damit leicht gemacht. Die Tugend Tonis ist in diesem Zu- sammenhang ebenso leicht zu schildern, wie die Heuchele! der Bourgeoisie. Daß Schnitzler trotzdem Anleihen machen mußte, belveist viel gegen sein Talent." Der Professor Losatti, indem er die konventionelle Moral an den Pranger stellt, ist eine Kopie, um nicht zu sagen ein Plagiat. In Ibsens„Wildente" lebt derselbe Mensch als Photo- graph. Schnitzler hat ihn ins Oestreichische und Liberale übersetzt. Aus dem allgemein menschlichen Typus, in dem schließlich jeder Mensch sich bis zu einem gewissen Grade wiederfindet, ist ein Wiener Philister geworden, der uns zwar zum Lachen, aber auch zu nichts anderem bringt. Schnitzler hat den Typus, den Ibsen geschaffen hat, lokalisiert und verkleinert. Am letzten Ende ist sein Stück eine Frage der Halblvelt, die eigentlich gar keine Halbwelt ist, an die„Welt", die eigentlich gar keine Welt ist. Schnitzler hat, mn mit Jean Paul zu reden, den Aether mit Aether in den Aether hineingemalt. In der Vorstellung fesselte vor allem Frau Pank-Steinert. Ihr diskretes und doch zugleich ergreifendes Spiel ließ in uns nur den Wunsch aufkommen, sie auch an andern Buhnen in bedeutenden Rollen zu sehen. Herr Klein war als Professor Losatti sehr komisch, womit er Herrn Schnitzler gerecht wurde. Die Rolle hätte feiner gespielt werden können, aber schließlich kann Klein ja nichts dafür, daß Schnitzler Ibsens Figuren vergröbert.— _ Erich S ch l a i k j e r. Mleinos Fenilloton» — Volkskunst. Im Kopenhagen er„VolkshanL" spielte vor kurzem, wie die„Leipz. Volksztg." berichtet, Edvard Grieg, der auch in Deutschland wohlbekannte norivegische Komponist, in einem billigen Sonntagskonzert den Kopenhagener Ar- beiter» eigene Kompositionen vor und begleitete selber am Flügel eigene Lieder, die eine tüchtige Sängerin sang. Nach dem Konzert dankte unser Genofse, bei' Abgeordnete A. C. Meyer, dem Künstler in einer kurzen Ansprache, die begeisterten Beifall fand. Darauf nahm der schweigsame Meister selber das Wort und sagte:„Dieser Abend erscheint mir wie die Verwirklichung meines Jugend- tramnes, daß die Kunst, wie im alten Griechenland, zu allen den Weg finden solle, gerade deshalb, weil es ihre Aufgabe ist, von Herz zu Herzen Botschaft zu bringen. Möchten diese Arbeiterkonzerte blühen und überall Aachahinnng finden. Das ist des Volkes wegen zu hoffen und auch der Kunst wegen. Möchte die Kunst leben als Volkskunst!"— 8>r. Daö Geheimmö der Fakire. Die Londoner Oeenliisten sind über einen Artikel des„Strand Magazine" in großer Ans- regnng. Ein Mitarbeiter dieser Zeitschrift veröffentlicht nämlich darin das Ergebnis einer Unterredung mit Charles Bertram, der das„Dschadn", die Magie der Hindus, längere Zeit an Ort und Stelle studiert hat. Betram hat 176 Fakire, die wegen ihrer Heilig- keit und Geschicklichkeit berühmt waren, bei ihren Vorstellungen genau beobachtet. Er hat besonderen Sitzungen an den Höfen aller Radschahs im Indus- und GangeSgebiete, in Dekhan und auf Ceylon beigewohnt. Er hat sich in alle Feinheiten der Kunst der Beschwörungen, Aiirnfnngen und Elstafen einweihen lassen, kurz, er ist jetzt erfahren im„Dschadn-llallah". Sein Urteil über diese Wunder, die BlnvatSly, Oberst Oleott und Annie Besaut für das Ergebnis„latenter Kräfte" halten, lautet dahin, daß i» dem allem nicht ein einziger Trick vorkommt, den gute europäische Taschenspieler nicht ebensogut, iveu» nicht besser wie die hervorragendsten Fakire ausführen könnten. Die berühmtesten Experimente, die durch eine ganze Speeiallitteratur als die geheimnisvollste», die„astralsten" hingestellt wurden, sind die mit dem Seil und dem Mango. Man hat erzählt, daß der Fakir in einem Räume ein Seil schlendere, das ohne jede Stütze an einem der äußeren Enden in der Schwebe bliebe. In Wirtlichkeit hat nie- niand ein solches Experiment gesehen, sondern es handelt sich nm eine bloße Erfindung der Reisenden. Bertram hat sich bei 176 Fakiren danach erkundigt. Zum Teil hatten sie nie in ihrem Leben davon sprechen, zum Teil hatten sie es nur von Europäern erzählen hören. Diese haben augenscheinlich ein Kunststück falsch wiedergegeben, das eine außerordentliche Geschicklichkeit und lange Hebung erfordert, selbst wenn mau in Betracht zieht, daß ein dünner Eisendmht im Innern des Seiles vorhanden ist. Der Fakir hat ein Seil von 4—5 Fuß Länge, das er derartig schleudert, daß eS sich so stark als möglich spannt, und er spielt Ball damit. Oder, was»och viel schwieriger ist. er faßt es wie der Regiments- tambonr seinen Stab in der Mitte und läßt es sich drehen. Am überraschendsten ist aber der Trick mit dem Mango. Er besteht darin, daß fast augenblicklich ein Samenkorn in einen Strauch ver- wandelt wird. Die Blavatskh sagte:„Die Fakire lassen diesen, kraft ihrer latenten Kräfte, durch ein Freiwerden ihres astralen Fluidunis sprossen". In Wirklichkeit geht die Sache so zu: Der Fakir hält vor aller Augen ein Maugokorn in der Hand, und in den Lninpen, mit denen er stets versehen ist, hält er verborgen ein ebenso großes Korn wie das erste, das jedoch schon Wurzelchen und einen Ansatz zum Stamm hat, ferner eine» Mango- schößling, der einige Finger hoch ist und ein Büschel Blätter trägt, und endlich einen andern, schon viel höheren Schößling, an dein ge- schickt ein oder zwei Früchte befestigt sind. Mit vier kleinen Bambus- stäbe» und einem dichten Stoff stellt er ein kleines, pyramidenförmiges Zelt her, das an den den Zuschauern zrigelehrten drei Seiten geschlossen ist. Er rechtfertig: das damit, daß der direkte Atem der Ungläubigen das Wachstum der Pflanze hindern würde, diese aber trotzdem etwas Luft braucht. Er borgt sieh eine Kupferschale. läßt sie von irgend einem mit feuchter Pflanzenerde füllen und wieder von einem andern das Samenkorn pflanzen. Dann beginnt er seine Beschwörungsformel». Nach einigen Augenblicken hebt erden Vorderteil des Zeltes und prüft die Schale. Der Samen ist noch nicht gewachsen, aber während dieser Manipulationen hat er das zweite Samenkorn gepflanzt. Unter dem Vortvande, die Pflanze zu begießen, stellt er sich dahinter und pflanzt den ersten Schößling. Ein nochmaliges Begießen erlaubt ihm, den ersten Schößling zu entfernen und den zweiten an seine Stelle zu setzen. Das ist der ganze Trick, zu dem durchaus keine„latenten" Kräfte, sondern nur eine Herborragende Geschicklichkeit notwendig ist.— Erziehung und Unterricht. — Eigensinn? Unter diesem Titel schreibt die„Kölnische Volkszeitnng": Eine häufiger auftauchende Erscheinung bei der KiuderweU ist die hartnäckige Abneigung gegen geiviffe Speisen. Es ist erwiesen, daß gewisse Menschen eine angeborene Abneigung gegen gelvisse Nahrungsmittel hegen. Die einen können keinen Fisch oder keinen Käse vertragen. Andere fühlen beini Genüsse gewisser Kräuter eine Bewegimg im Magen, welche der Seekrankheit verzweifelt ähnlich sieht, während ein dritter sich beim Genüsse eines Gemüses, ja sogar gewisser Früchte vor Ekel schüttelt. Wir kennen Leute, welche keine rohen Früchte ver- tragen, während ihnen jede gekochte Frucht sehr wohl bekommt. Ferner giebt es Menschen, ans welche der sonst so gesunde und an- genehm schmeckende Honig eine üble Wirkung ausübt, indes andere sich bleich und widerwillig von gekochten Hülsenfrüchten abwenden zum Beispiel von kleinen, weißen Bohnen, die in gedörrtem Zu- stände noch biel Nahrmigsstoff haben. Alle diese Anlagen dürfen und sollen bei idiosynlraiisch veranlagten Kindern mit weiser Rück- ficht behandelt werden, auch dort, Ivo vernünftig denkende Eltern und Erzieher sonst berechtigtenveise den Genuß sämtlicher ihnen vor- gesetzten Speisen von den Kindern verlangen. Es hält durchaus nicht schwer, in dieser Hinsicht das Richtige herauszufinden, indem nian bei der Weigerung der Kleinen verlangt, daß sie von der in Frage stehenden Speise nur eine ganz kleine Portion zu sich nehme». Beobachtet man, daß sie sich dabei einen wirklichen Zwang anthun müssen, so gebe man sich mit diesem kleinen tzllte des Gehorsams zufrieden. Ist Idiosynkrasie vorhanden, so wird selbst der kleinste Bissen schon irgend eine besondere Nachwirlinig hervorbringen. In diesen Fällen ist die angeborene Abneigung gegen diese Speise da, und Grausamkeit wäre es, das kleine Geschöpf durch fortgesetzten Zwang zu martern. Man könnte sogar eine Erkrankung des Kindes durch ferneren Zwang herbeiführen. Wird dagegen eine ganz kleine Gabe der angeblich widerwärtigen Speise vertragen, so wiederhole man daS nächste Mal die Verabreichung derselben winzigen Portion, worauf, falls keine üble Nachwirkinlg eintritt, beim drittenmal die Gabe ganz unmerklich vermehrt wird. In dieser Weise kann man die meisten Kinder dahin bringen, Nahrungsmittel, die bloß ihrem Geschmack nicht besonders entsprechen, zu genießen.-» Musik. — Im Berliner O p e r n h a n s e wurden im Laufe des Jahres 1899 62 verschiedene Werke aufgeführt. Darunter sind Richard Wagner mit 16, Lortzing mit 6, Morzart und Verdi mit je 5, Ander mit 3, Bizet, Donizetti, Kienzl, Meyerbeer, Rossini, Weber mit je 2, d'Albert(„Abreise"), Beethoven, Boieldieu, Chelius LHaschisch"), Chabrier(„Briseis"), Doebber(„Grille"), Flotolv, Gluck, Gonnod, Dittersdorf. Himiperdincl, Kreutzer, Leborne(„Mudarra"), Leoncavallo, MaSeagni, Nicolai, Smetcma, Strauß, Thnille(„Lobe- tanz"), Thomas mit je einem Werk vertreten. Von den aufgeführten Neuheiten haben weder d'Alberts„Abreise", noch EhabrierS„Briseis", Doebbers„Grille", Lebornes„Mudarra" oder LortzingS„Regine" im Spielplan festen Fuß zu fassen vermocht. An selbständigen Abenden haben Richard Wagner 58, Lortzing 32, Mozart 23, Boieldieu 12, Ander 11, Verdi 10, Weber 7 in Anspruch ge- nommen.— Völkerkunde. — Ueber seine Reise nach den Markesas-Jnsekn sprach Prof. Karl von den Steinen im Leipziger„Verein für Erd- künde". Von den zwölf Inseln sind sechs bewöhnt. Die Sitten der Eingeborenen sind, wie der Redner nach einem Bericht der„M. Allg. Ztg." ausführte, stark europäisiert, selbst der Baustil. Nur die weit im Südosten gelegene Insel Fntuiwa machte von dieser Regel eine Ausnahme; hier hatten die Leute noch nicht alles vergessen. So kannten sie noch die alten Tätowier- und Schnitzmnster und tanzten noch ohne Rnckficht auf den französischen Festkalender. Hier fand der Forscher noch alte Knotenschnüre, deren sich die Tiihuka, die Wissenden, bedienen, um die Genealogien und alten Lieder besser im Gedächtnis zu behalten, also völlige Analoga zu den peruanischen Quipus. Darauf gab der Vortragende eine eingehende Erläuterung und Beleiichtima des Tapn-(nicht Tabu-) Begriffs.' Tapu ist bekanntlich jene den Polynesiern und Mikro- — 4— itcficnt eiqcntiiniliche rcliciivs-politische Einrichtung, vermüge drik» jedes Ding, sei es Person oder Sache, in einer Art Bann befangen ist oder aber in einen solchen gctkan tvcrden kann. ES geschieht dicS vennöge einer besonderen göttliche» Kraft, die zunächst den Göttern und allein, lvaS niil ihnen in Bcrbindnng steht, dann aber auch den Bornehincn. bei den Frauen aber nur den allervornchnistcn, inneivohnt, und die sich aber nur darin änbcrt, dah die Dinge, in denen jene Kraft von selbst liegt, ohne lveitercS dein Gebrauch de? Menschen entzogen sind, ivährcnd daS Tap» nach dein Willen der Vevorrcchtigtc» jeder- zeit auf alles übrige gelegt iverden kann. Das Tap» ist bei den Markesanern trotz aller Neneningen noch heute in voller Kraft? eS durchdringt alle Verhältnisse und ist zil einer niigeinciu viclsciligcn Ausbildung gelangt. Tapn ist daS Marae, die Steinterrasse init deii Gräbern der Priester; Tapn sind verschiedene Tiere, Ivie Üloche» und Makrelen; Tapn ist jeder Häuptling— Tapn ist eben überall, ist alles. Neben dein gcivöhnltchcn Tapn, nnter deni besonders da? iveiblichs Geschlecht zu leiden hat— in Gestalt von Speiseverboten usw.— gicbt es einen„grojzeii Tapn", der bei besonderen Gelegenheiten in Kraft tritt; es gicbt ferner einen„Kopftapn" und einen„Marco- Tapn", und es gicbt ichlieschich auch einen„Tnnia-Tapil". Für den ersten ist charakteristisch die ungeheuere Bedeutung des kindlichen Kopfes, die es z. B. der Mutter verbietet, das Haupt ihres Kindes auch nur zu berühren. Der nach dein Hüftentuch tinarco) der Frauen benannte Tapn verfolgt den Zlveck, die Rechte des iveiblichen Geschlechts nach jeder Richtung hin zu beschneiden. DaS Tania- Tapn endlich, das Tapn des heiligen Sohnes, konceutriert sich ans die Bevorzugung eiiicr bestimmte» männlichen, jugendlichen Person, die sich thatiächlich alles erlauben kann. Rur eines fehlt dem Jung- ling, die Unvcrletzlichkeit, die dem Priester eigentümlich ist.— Technisches. — D i e Nennyacht., Shamrock". Für den Bau schnell- laufender Segelyachtcn wurde bisher das Holz zur Herstellung aus technischen Gründen bevorzugt, aber Ivie ans so vielen gelverblichen Gebieten, hat sich auch hier bereits der Stahl den Eingang er- zwungen. Eine Werft zu Chiswick hat, ivie„The Engineer" kürzlich mitteilte, die Rcnnyacht Shamrock von IVO Tonnen Wasser- Verdrängung, 38,S Meter Länge über alleS und 27,2 Meter Länge in der Wasserlinie fertiggestellt, deren Qnerjpantcn ebenso wie die innerhalb derselben angebrachten, zur Längsvcrstcifnng dienenden Längsspanten aus Winkelstahl bestehen. Um zur Förderung der' Schnelligkeit die Reibung der Schiffswäude im Wasser .ruf das geringste Mas; zu beschränken, ist der SchifsSbodeu bis zur Wasserlinie durch Ausnieten von Blechen ans Manganbronze von der Zerreißfestigkeit dcS Stahls hergestellt, deren Aupeuslächc poliert ist. Diese Bronzeblcche sind dünner als die v.ö Millimeter dicken Bleche aus einer Alumininmlegierung, die oberhalb der Wasserlinie die Schiffslvände bekleiden. Das specifische Gewicht der Legierung soll das des reinen Aluminiums nicht übersteigen, dagegen ist ihre Festigkeit eine fast doppelt so grostc, 22 Kilogramm aus 1 Qnadratmillimeter, so das; man an Magnalium denken könnte; ihre Zusammensetzung wird jedoch geheim gehalten. Auch das Deck besteht ans Blechen von dieser Legierung, die aber mit Segeltuch bekleidet sind. Border- und Hintersteven nebst Ruder, welches sich durch große Oberfläche auszeichnet, sind aus Bronze gegossen. Der bis zu 6 Meter Tiefe in das Wasser hinab- reichende Kiel aus Blei hat ein Gelvicht von 80 Tonnen, der Hälfte des Gelvichts des ganzen Fahrzeuges. Er soll dem Winddruck gegen die große Segelfläche von 123k> Quadratmeter das Gegengeivicht halten. Der Mast besteht in seinem unteren Teile von 50 Ceuli« Meter Durchmesser bis zu einer Höhe von 22,4 Meter über dem Kiel aus dünnem Stahlblech, die aufgesetzte Stange, die»och 9 M etcr höher hinaufreicht, ist jedoch, ivie die anderen Rundhölzer, aus Oregonfichte hergestellt. Durch die Verivendung von Stahl statt des Holzes zum Mast soll ein Gelvicht von etwa lölXI Kilogranu» erspart lvorden sein, das bei seiner Höhenlage die Neigung zum Uebcrkrängen der Segel verstärken würde. DaS stehende Gut der Takelage ist aus dünnen Drahtseilen hergestellt.— („Prometheus.") Humoristisches. — Von Serenissimus. Auf einer Reise durch die Schweiz bemerkt Serenissimus in einer Poststation, wie an den abgehenden Postlvagen ein drittes Pferd angespannt lvird. Erstaunt fragt er: „Aeh, Kindermann, äh, sagen Sie mal, lvaruin spaiinen die Leute da ein drittes Pferd zu?" „Der Weg führt hier steil auf den Berg hinauf, Durchlaucht", meint Kindermaun.„herunter fahren die Wagen nur mit zwei Pferden". „So, so. äh, sehr interessant", erlvidert Serenissimus,„aber, da müssen sich ja im Laufe der Zeit da oben auf dem Berge recht viele Pferde ansammeln."—(„Simplic.") — LiebeSantrag eines zerstreuten Gelehrten. Geehrtes Fräulein! Schon längst lvolltc ich Ihnen die innersten Gefühle meines Herzens enthüllen, und erst heute finde ich Kraft und Mut dazu. Seit ich Ihre werte Bekanntschaft machte, Hab' ich zum ersten- male in meinem Leben das empfunden, lvas man Liebe nennt. Und lvie Hab' ich es empfunden! Gleich in der M a xi m a l- D o f e. Hier kann man bei den Kandidaten sich nicht strenge genug zeigen. Ich empfehle daher der hochivohllöblichcn Regicrung, die Prüfungs- Kommission anzmvcilcn. jeden Kandidaten durchfallen zu lassen, der in den Maximal-Doseu nicht absolut sattelfest ist— gleichviel lvie seine sonstigen Leistungen auch seien. Mit vorzüglicher Hochachtung ergeh enst Professor Knise.— ■ Notizen. — DaS Schiller-Theater bringt als erste Novität im neuen Jahre ein B o l k S st ü ck von Louis Herrmann.— — E i n französisches Theater lvird, lvie das„B. T." nnttcilt, im kommenden April und Mai im Friedrich» R i l h c I m st ä d t i s ch e n Theater in Berlin spielen. Das Ensemble soll sich ans den ersten Kräften der besten Pariser Bühnen zusammensetzen und jede Vorstellung durch„Conferences" französischer Schriftsteller eingeleitet werden.— — Für die Große B e r l i n c r K n n st a u s st e l l n n g 1900 lvird eine umfangreiche kunstgewerbliche Abteilung ge- schaffen.— — Das P r i n z- R c g c n t c n- T h c a t e r in München soll am 12. März 19ul mit den„Meistersingern" eröffnet Iverden, Die Hoftheater-Jntendanz hat das Theater ans zehn Jahre gepachtet und sich das AnkanfSrecht vorbehalten. Die jährliche Pachtsumme beträgt 55 000 M. Der Bau, der nahezu zlvei Millionen kosten nud das Bayreuther Theater in jeder Hinsicht übertreffen lvird, soll sofort in Angriff genommen Iverden. Jeden Sommer iverden darin 30 Wagner- Vorstellungen stattfinden. außerdem an Sonutagiiach- mittagen hauptsächlich billige Bolks-Borstcllnngen klassischer Werke.— — In M ü n ch e n soll auf Beschluß des Magistrats ein neues Mario nette n- Theater erbaut werden.— — Der Komponist K a r l M i l l ö ck c r ist am Sonntag in Baden bei Wien g e st o r b e n. Er ist besonders bekannt geworden durch die Operette„Der B e t t e l st u d e n t", mit der er im Jahre 1832 einen durchschlagenden Erfolg erzielte. Auch„Der Feld- Prediger",„Der arme Jonathan",„Gasparone" und viele seiner Lieder— darunter„O du himmelblauer See" nnS dem„Vcr- n'imschcncn Schloß"— habe» seinen Namen populär gemacht. Millöckcr hat ein Alter von 58 Jahren erreicht.— —„Vor sacrurn", das Organ der Wiener„Secessivn", erscheint vom Januar ab im eigenen Berlage der Bereinigung. Die Zeitschrift lvird jetzt monatlich ziveimal hcransgcgcben.— c. Ein Geschenk von fünf Millionen Franks hat die Universits ck