Ittterhaltlmgsblatt des Horwäris Nr. 2. Donnerstag, den 4. Januar. 1900 (Nachdruck verboten). Das HVeibevdovf. Nomon aus der Eifel von Clara Viebig. Ein lange nicht gekanntes Wohlgefühl durchrieselte den Burschen— so küßt doch nur der Schatz in der Heimat l Sein Blut, durch da? eilige Wandern und hastigen Trunk ohnehin erhitzt, schäumte über: nun war er es, der sie immer mehr hinein ins Dunkel drängte und gegen die Stallivand Preßte. Er erstickte sie fast. „Lorenz," ächzte sie endlich,„laoß l" Ein schmerzlich zitternder Senfzcr folgte. „Bäbb," flüsterte er zärtlich,„mei Mädchen l Elvcil sein cch Widder hei, cweil wolle iner onS Verlostieren. Dat gitt cn Pläsier! Komin"— er zog sie kosend dem Ausgang des Gäßchens zu—„komm ehs zom Ärumnischeidt, ech traktieren dech!" „Jao, jao,"— sie schmiegte sich fester an ihn und drängte ihn doch immer wieder tiefer hinein ins Dnukcl. „Nä, nä," flüsterte sie dann hastig und verlegen,„cch kann net chndcr mct Dir giehen, ech moß Dir erseht cbbes saon." „Wat dann? Waorom kannste net mct mehr giehn?" Er hielt sie von sich ab, etwas erstaunt! nun fiel ihm auch sein Berdruß von vorhin ein.„Waorom haste mech e su laug lauern laossen, dau sakramentsch Dingen? Wollste mech for en Naor Halen? Eweil es et schuns e su spät, cch han Hanger on Dorschtl" Von einein plötzlichen Aergcr erfaßt, rüttelte er sie:„Haste geschlaof?" „Nä, nä," sie drängte sich wieder ganz dicht an ihn— „ech wollten dech nor vorerscht cbbes saon.„Saog"— wie von einer dringenden Notwendigkeit getrieben, faßte sie seine Hand—„tvanneh wolle mir onsen Hillig(Hochzeit) haaleu?" „Waoroni?" fragte er Verlvundert und beunruhigt zu- gleich. Und dann nach einer Pause des Bedenkens: „Zu Christdag; weit sraogste? Wann ech Vormann gänn!" „Nä, ehnder," sagte sie rasch und küßte ihn heftig:„E su bal als mielich(möglich) l Ech moß der ebbes saon"— jetzt flüsterte sie. aber ihr Flüstern war eindringlich, jedes Wort hob sich deutlich heraus—„ech sein im sechsten Monat!" „Kreizdonuerparaplüi!" Es entfuhr ihm so wider Willen — daS kam zu plötzlich! Er stieß sie zurück und erhob die Hand wie zum Schlag.„Maach l—(Hott verzeih mer de Sünd— dau Ouglöcksmensch I" Sie fing an zu weinen. Stumm stand er neben ihr und schob den Hut von einem Ohr auf das andere. Auf der Straße war der Lärm verstummt, auch die Helle war weg, die Thüren hatten sich hinter den Glücklichen gc- schlössen. Kein Mensch mehr draußen, die meisten saßen im Wirtshaus. Jetzt tönte da der Jubel, bis in den dunklen Winkel hinter der Regentonne verirrte sich das Gläsertlüigen und Juchzen. Die Sterne waren aufgezogen, immer Möhr entfalteten sie ihren Glanz. Nachttan fiel, man hörte ihn in den Hecken tropfen, dazwischen klang leises Schluchzen. In dem ver- schleierten, bleichen und doch durchdringenden Licht, da? vom Himmel niederzitterte, sah Lorenz zum erstenmal deutlich die entstellte Gestalt seines Mädchens. Mit cincni„Dunnerkiel" fuhr er zurück, aber gleich darauf streichelte er die Weinende.„Kreisch»et, Bäbbchen", sagte er gutniiitig,„kreisch net e su, domm Dingen! Wat passiert es, es passiert, duh kann niemand neist dran ännern. Strnndag es Peter on Paul, dän crschten.Kinnsdag, onsen gaastlichen Hahr verkünn ons. ejn for allcmaolz hän es su ebbes gewehnt, nnuerc han aach schunS Malör gehatt. Mir niaacheu straks Hochzeid on dann"— er kratzte sich hintenn Ohr—„jao, dann es dän Urlanw zo End. Mir Bochumer hau zehn Dag, den annern von Dortmund on Steele han aoch net länger. Aewer nf dän Momang mösse mir redur komm. Kreisch net, Bäbb!" Er schlang den Arm um ihre Huste; langsam wandelten sie den Heckengang weiter. Rechts Garten, links Garten! Obstbäume hänge» ihre Zweige über dichte Weißdorn- und Wildrosenhecken, zuweilen wechseln sie ab mit morschen Bretterzäunen, die sich schief neigen und ihren modernden Holzgeruch(mit dem süßlichen Duft der Gebüsche mischen. Wie zwei Schatten schleichen die zivei Liebenden unterm Blätterdach dahin, von weißlichem Dunst in einer Wolke umschwebt. In dem nahen Wiesengrund erheben die Frösche ein leidenschaftliches Liebeskonzert— jetzt verstummen die auch — nichts regt sich, nichts lebt scheinbar rundum, und doch ist ein stummberedtes Fordern in der Frnhsommcrnacht, eine warme treibende Sehnsucht. Stärker und stärker fällt der Tau, silbrig glänzt er auf den Gräsern und auf den gesenkten Scheiteln. Wie ein feuchtes Tuch legt es sich um die heißen Gesichter, um die heißen Glieder: schauernd schmiegen sich beide Gestalten fest aneinander. Sie stehen still und küssen sich, im schmachtenden Sternenlicht scheinbar in Eins verschmolzen. H. Die Männer von Eifelschmitt hatten nie viel Zeit; rasch wurde geliebt, rasch wurde gefreit. Zweimal im Jahr— im Winter zu Weihnachten, im Sommer zu Peter und Paul— kamen sie heim ins enge Salmthal. Sie. konnten da nicht ihren Lebensunterhalt verdienen: der Eriverb ist knapp in der Eifel. karg hängen die Aeckerchen an den Bergen, lang sind die Winter, kurz die Sommer. Irgend ein Agent hatte irgend einen Eifelschmitter hinaus« gelockt— man weiß nicht recht, wer der erste war— er kam zu Besuch heim, Geld in der Tasche; da zogen die anderen hinter ihm drein wie die Schafe hinterm Leithammel. Vater, Sohn, Gatte, Bruder, alles wanderte aus in den siebziger Jahren nach Westfalen und tief ins Rheinland, wo auf der meilcnweitcn Ebene Fabrikstädte sich wie. finstere Klumpen zusaninienballen und mit ihrem nie stockenden-schwarzen Atem aus Riesenschornsteinen den Himmel anfauchen. Die Luft ist dick vom Kohlenstaub, die reinen Wolken selbst sind au- gegraut: ewiger Rauch. Geprassel, Gerassel, Gekench, Geächz, Gestampf, Sausen von Rädern, Schnauben von Maschinen, Pseiscn von Lokomobilen, Pusten und Stöhnen von Dampf« kesseln. Kein Rasten. kein Ruhen. Zur Nachtzeit bricht lodernde Glut aus Riesenbauten, an den Oefen stehen Männer, nackt bis zum Gürtel, heiß und berußt wie Teufel. die Höllenscuer schüren, Schweißtropfen rinnen, Funken sprühen. Hier kann man die Eifelsöhne finden. Nmglüyt von Flammen, eingeengt von Mauern, mögen sie wohl sehn- süchtig des HeimathinnnelS gedenken. der sich rein und kühl über den Eifelkuppen wölbt: unter dem die wohnen, die ihnen das Leben gegeben haben; die auf sie warten, denen sie die Ehe versprochen oder die sie schon gefreit haben: wo die Kinder nach den Vätern verlangen. Aber der Eijclcr ist zäh, der hält was aus. Und dann die Heimkehr! Durchjubelte Tage, durchjubelte Nächte.-- Heute saßen sie alle bei einander im Wirtshaus. Der alte Krunimscheidt mit seinem vertrockneten Holzgesicht kom- maudierte hintenn Schanktisch, ein ganzes Regiment Frauen war zur Bedrcunng gedungen, mit lachenden Gesichtern, flink wie Wiesel, liefen die Dirnen ab und zu. Bald wurde die von ihrem Schatz gerufen, bald jene: dann setzte sie sich für zwei Augenblicke neben ihn, wohl auch ans seinen Schoß. trank ans seinem GlaS und ließ sich die glühenden Wangen streicheln. Die schmalen Holzbänke längs der gescheuerten Tische waren dicht besetzt. Mann reihte sich an Mann; Frauen waren wenige dazwischen, die kamen erst gegen Abend! wenn das Tanzeu losging und die Musik, wenn das Ver- gnngcn so groß wurde, daß der Boden dröhnte vom Stampfen der Füße, Bänke umpolterteu, Gläser in Scherben klirrten. Auf dem Platz vor der Kirche, um die paar Bude», drin Halsketten, Fingerringe, Rosenkränze. Lebkuchenherzen und Gerstcnznckcrstangen feil geboten wurden, trieben sich Kinder hemm, große Stücke Kirmeskuchen in den Händen, die mit Blaubeerenmus beschmierten Mäuler begehrlich gespitzt. Es hockten auch ihrer welche auf der Kircheiltreppe. bliesen in die neuen Trompeten oder zeigten einander die vom„Pappa" mitgebrachte Puppe. Noch Ivar die Stmßc feiertäglich still; hinter de» Neinc» Fenstern putzten sich die Weiber, das vom vormittäglichen Kirchengang her übers Bett gespreizte Sonntagsgclvand wurde einer eingehenden Musterung unterzogen. Wer noch ein besseres Kleid hatte, zog's heute nachmittag an; glücklich die, die was Neues anthun konnten, was der Mann oder der Schatz mitgebracht. Die Haare glänzten vom Strählen mit Wasser und Fett, die Röcke rauschten, die Gesichter waren blank gerieben, die Ohren rot. Die Sonne fiel schon schräg ins Thal und malte huschende, rasch verschwindende Goldkringel an die weißgetünchtcn Hans- wände. Die sich bauschenden Röcke sorgsam gerafft, spazierten jetzt Mädchen am Wirtshaus vorbei, immer hin und her. Kinder balgten sich um den besten Platz vor den Fenstern, schleppten Steine herzu und Schemel, krochen hinauf und drückten die Nasen an den Scheiben platt. Drinnen in der Schcnkstnbc. die zugleich den Kramladen des Orts vorstellte, war die Luft dick, durchwürzt vom Duft eines ganz infamen Knasters. An den geschlossenen Fenster- schcibc» krochen stimmende Fliegen und drehten sich oben an der Decke in surrendem Spiel. Man war noch ziemlich schlveigsam, der erste Kirmes- tag verlies immer am wenigsten stürmisch. Doch jetzt lautes Halloh! „Ha. Piltchcn! Helao, Pitlchcn! Iis Dein Spccielles, prost!" Peter Miffcrt war eingetreten: das linke Bein eilvas nach- ziehend, näherte er sich dem ersten Tisch. Sticht jeder reichte ihm die Hand: er schien das gar nicht zu bemerken, er hatte für alle daS gleiche halb gutmütige, halb verschmitzte Lache». Als sie zusammenrückten, liest er sich auf dem schmalen Plätz- che» am Ende der Bank nieder. Er sagte nicht:„Röckt noch ebbes"— er sagte:„Met Verlöw" und placierte seine Beine so bequem als möglich unter dem Tisch. „No, Pittchen", rief Niklas Denzborn, einer der Aelteren, der oben an fast,„wat schaffste� Dan gifst jao fett wie en Hamniel! Dat glaulvcn ech der. bau has jao aach cn Läwen wie onscn Hährgott in Frankreich!" „Spaor dei Red", schrie Thomas Laven, ein stämmiger Bursche mit einer Stupsnase,„dän kann dat Lälven jao bat net mich mantenörcn(ertragen)! Kncktelhci dat Pittchen!" Er brüllte, um sich in dem allgemeinen Gelächter verständlich zu mache», packte de» neben ihm sitzenden Miffcrt beim Handgelenk, streifte den Aenncl zurück und hielt gewaltsam den mageren Ann in die Höhe.„Kncktelhei, Hand on Knochen, ke Halm Pündche Flansch 1" Peter strebte sich frei zu machen, aber ohne Gewalt, ganz sanft: sein hübsches Gesicht lächelte noch immer.„Laost de Dommhaatcn". sagte er gelassen. (Fortsetzung folgt) Dev JTafctifccniT. Ter letzte Tag des Jahres brach triibc imd regnerisch an. CS war, als wollte der Himmel an diesem Tage überall' die unerjiillte» Wünsche weinen, die das Jahr bei seinem Beginn von de» Menschen empfange» halle. Unten auf der Gasse spielten lärmend die Kinder. In raschem Trab kam eine Equipage die Slratze entlang. plötzlich wurden die Pserdc scheu: eine Knallerbsc war dicht vor ihnen explodiert: aber der geübte Kutscher beruhigte sie schnell und hieb dami krciizweis mit der Peitsche unter die.Stratzculindcr". datz da und dort eins ansschric und blaue Striemen znrürkbliebe». Drinnen im Wagen sag der Grotzfabrilant, dessen riesige Dia- schiiiciisabrik dicht vor der Stadt lag. Er war i» die Siadt gc- fahren, n»i Iieujnhrsgcschcnle»nd Fenerwerlssachen zn lausen,»ist denen er i» der Silvesternacht um 12 Uhr seine schöne junge Gallin und seine Gäste überraschen wollte. Lei dem imcrivarlctcn Ruck, de» der Wage» beim Znriickschcnen der Pferde bekam, fuhr der Fabrikant entsetzt a»S seine» Gedanlen ans, richlclc sich im Wagen ans und rief dem Kulschcr zu:„Fahren Sie schnell zu, damit lvir»och vor völliger Dmilclheit nach Hanse toniine» I" Lald waren sie anszerhalb der Stadt. Bald tauchten die grasten Schornsteine scincr Fabrik ans, ans denen noch dicker tzlauch quoll. Der Fabrikant wnstle, last die Arbeiter eine eilige Arbeit vor- baitcn. Die iicuc Maschine sollte beute fertig werden: da cS aber Silvesterabend war, wollten die vrntc eine Slunde früher auf- hören. Der Wage» rollte in eine» Scilcnweg hinein, der an der Fabrik vorbeistihrtc. einen Augenblick später fuhr der Fabrilant vor jeiiicr tlcgnnlcn Villa vor, die hinter der Fabrik lag. Ei» Diener eilte hinaus»nd össnele den Wagcnschlng, auch seine Frau kam ihm im Pestibnkc entgegen' «Na, Willhchcn, bringst Du uns Ucberraschungcn mit?" „Vielleicht, mein Schatz!" erwiderte er geheimnisvoll. „Ach, Alterchen, verrat' mir's doch I Nicht wahr, Du willst Dein kleines Weibchen mit dem herrlichen Zobclpelz erfreuen, den ich mir so gewünscht habe— und den Du mir ja auch versprochen hast. Was macht Dir bei Deinem Einkommen ein Renjahrsgeschenk von 5000 Mark für Dein Frauchen I Das verdienst Du ja in einen» Monat!" „Na, na, so leicht geht das nicht— aber last Johann die Sachen aus dem Wagen heraufholen I Ei» gutes Herz ivird ja immer besiegt! Aber mm mnstt Dn mich für ei» Weilchen entschnldigcn. Ich habe noch etwas Geschäftliches zu erledigen, nnd nnscre Gäste kommen bald!" Er verliest seine Fra»»md begab sich langsame» Schrittes durch seinen Park zur Fabrik. Als er in das erste Hanpleomptoir hineinkam, fasten Buchhalter und Comptoiristcii über ihre grostcn Bücher geneigt, eifrig beschäftigt, den JnhrcSabschlust zu machen: es war bestimmt, dast niemand Feierabend mache» dürfe, bevor nicht alles in Ordnung war. Das ganze Comptoirpcrsonal erhob sich nnd machte eine tiefe Verbeugung. Er durchschritt aber de» Raum, ohne den Grnst zu erwidern, nnd betrat sein Privatcomptoir. Hier zündete er sich eine seiner feine» Havannacigarrcii an, legte sich auf die Chaiselongue und versuchte, indem er mit dein Blick' die blauen Ranchringe verfolgte, selbst auszurechnen, ivie grost ivohl der Jahres- gewinn sein könnte. ES verdroß ihn sehr, dast im Anfang dieses Jahres der Lohn erheblich gestiegen war. „Wenn ich einmal einen Hanplschlag versuchte," murmelte er, „nnd de» Arbeitern erklärte, dast ich, ans Grund der großen Be- tricbSnnkosten, der MaterialprciSstcigcruiig»md der ivachscnden Konkurrenz mit ihren Schleiidcrangebote»... hin... hm",— er lnchclle behaglich vor sich hin. Dann sprang er ans seiner gemäch- lichcu Stellung ans, drückte ans einen elektrischen Stiiopf, worauf wenige Augenblicke später der erste Buchhalter eintrat. „Sind Sic mit dem Hauptbuch fertig?" „Jaivohl. Herr Chef!" „Na, lasse» Sie sehen, wie die Sache geht. Der Gewi»» ist sicher i» diesem Jahre sehr unbedeutend bei all den ivichligeu Umständen. Ich weist gar nicht, wie wir alles decke» sollen. Am ineisten liege» mir die Arbeiter am Herzen, ich möchte Ihnen gern soviel de- zahlen als ich tan», aber das wird immer schmieriger 1" „Ach, das ist durchaus nicht schwierig I" erwiderte der Buch- Halter. „Wie meinen Sic das?" rief der Fabrikant in erregtem Ton. „Ich inciiitc nur," stammeltc der Buchhalter, dast die Gewi»»- bilanz des letzten Jahres über 100(XX) Mark betragt!" „lieber 100 000— so... In, es ist gut! Sie kö»»cn gehe»! Auch das übrige Eoniptoirpersonal!" Eine Weile später stand der Fabrikant allein in den Eomptoir- räinnen. Er trat an eines der Fenster,- trommelte mit den Fingern an die Scheiben und sagte dabei zn sich selbst: „Es»»iß sich mache» lassen... Wir sind mitten im Winter... WaS sollen sie anfangen?... Andere Arbeit giebl es ja nicht für sie... und Esse» ivill doch jeder haben... Ihre„Einigkeit" ivird darüber Ivohl in Stücke gehen... Ja, ich ivill gleich hinüber imd ihnen ein frohes iicncS Jahr wünschen und dann... He. he. he!"... In dem grostcn, hellen Maschinensaal war noch Leben und Bc- ivegnng. Unter nnnitercm Gesang iviirdc von den ninskclstarkcn Armen der Hammer geschwungen, der Klang der schweren Hammer- schlüge laut, und das Raffeln der Eiscnplat»«» hallte ivrit über die Fabrikinancr» hinaus. Noch einige rasche Schläge, und die Arbeit war fertig. Das Feuer wurde ausgelöscht und daS Werkzeug ans seinen Platz gelegt. Dann versammelte» sich die Arbeiter um die ncn- gefertigtcii Maschinen, die mitten in der Halle standen und deren blanker Stahl im elektrischen Licht schimmerte. Voll Stolz standen sie da nnd betrachteten das Werk, zn dessen Volleiidimg jeder das Scinigc beigetragen hatte nnd das den Namen des Favrikaiilcn bekannt machen iviirde. Plötzlich trat der Chef mitten nntcr sie und sagte mit er- zwuugeiicr Freundlichkeit„Gilten Abend I" so laut, dast alle es hörten. „Eine feine Maschine!" rief er.„Aber leider wird sie in einer sehr schwicrigrii Zeit jcrlig. nnd cS wird mich grostc Sinnmen kosten, bis ich vollen Nutzen davon laben kann. Darum bin ich— zu meinem Bedauern gcnvligt— ro geschieht ja mir zu Eucrm Beste»— damit ich mit vollem Personal weiter arbeiten lami— den Lohn mit dem neuen Jahr herabziiietzen. Näheren Bescheid bekommt Ihr im Eomptoir!... Ich wünsche Euch ein sroheS neues Jahr I" Damit lvnndtc er sich um und ging. Ein furchtbarer Grimm bemächtigte sich der Arbeiter. Ihre Hände ballen sich hinter dem Fabrilaiiteu. Dann springt einer der ältesten Arbeiter ans den nächsten Ambost. „Kaiiicradcn i" ruft er.„Schmal haben wir es immer gehabt, nnd schwer ist es osl gewesen, siir Weib und Kind Essen zu bc- schassen— an sich selbst dachte man ja nicht so— aber mm will er. der reiche Fabrikant, uns noch iveiler niiscrcS elende» Verdienstes berauben, so dast unsere Lieben»im vcrh«mgeni müstten. Das war sein Neujahrswnnsch snr uns I Kameraden, icki schlage vor dast wir uns morgen um zehn Uhr versammeln und ihm unserii RenjahrS- grnst darbringen!" Als er von dem Amboh herodsprinqt, ertönt lnutcr Beifall. Dan» schieden die Arbeiter und verlieben schweigend die Fabrik, nm ihre Wohnungen aufzusuchen, in denen Mutter alles so hübsch aufgeputzt hatte, um Vater zu erfreuen, wenn er am Silvesterabend heimkehrte. Aber an diesem Silvesterabend ertönte kein Freudeulicd aus den kleinen Arbeiterhänscrn.... Es Ivar lange»ach Mitternacht. Die Gäste hatten die Villa verlassen. Der Fabrikant stand in seinem Privatkabinctt und über- dachte die Ereignisse des Tages. A»S seiner freudig erregten Stiminnng konnte man entnehmen, dab er äubcrst zufrieden mit sich selbst war. Das konnte er ja auch! Seine Gäste hatten sich in den schmcichclhaftestcu Worten über seine Silvcsterarrangemeuts aus- gesprochen, und sein Freund, der Geheimrat im Kirchenministerium, hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, daß sein Name höchste» OrteS ivege» seiner grobe» Mildthäligkcit genannt sei. Er hätte ja einen wcrtvollm Bauplatz zur Aufführung einer neuen Kirche geschenkt und ivürde ivohl infolgedessen bald den Titel Koinmerzicnrat er- halten... MeujahrSmorgen. ES ist gegen 1t Uhr. der Fabrikbesitzer ist noch nicht aufgestanden, aber jetzt erwacht er und hört ein seltsames Summen drauben vor dem Hause. Eilig öst'net er ei» Fenster und er erblickt seine eigenen Arbeiter, die unter Gesang ans die Villa zu marschieren. Noch kann er die Worte nicht unterscheiden, es mub ivohl ei» Nenjahrslicd sei». Die Arbeiter kommen näher und nun vernimmt er deutlich die Worte des Liedes, deren Inhalt ihm Schrecken ciuflöbt. Dem Fabrikanten wurde unbehaglich zu Mute. Wollten seine Arbeiter Revolution inachc»? Er zog in Eile seine Kleider an, jetzt kalten auch die Arbeiter die Villa erreicht und machte» Halt. Drei Mann traten hervor und kamen die Treppe herauf. Da trafen sie ans einen Diener, der sie zum Ehcf hincinsührle. „Wir kommen als Vertreter unserer Kameraden", nahm der eine das Wort,„um Ihnen mitzuteilen, dab unser Loh» schon jetzt so gering ist, dab'vir kaum auskommeu können. Wenn er noch ivcitcr herabgesetzt ivird, müsse» unsere Frauen und Kinder Not leide», und das wolle» wir nicht! Dann stellen wir die Arbeit ein I Alle Kamcradc» sind mit uns darin einig!" AIS der Fabrikant sah, das; selbst seine alten Arbeiter, die ein ganzes Mcnjchenaltcr in der Fabrik gearbeitet hatten, mit ihre» Kameraden grmciiisanie Sache machten, gab er bald nach. Als sie hinunter kamen, stand er hinter der Gardine am Fenster und hörte, ivie die Arbeiter ein Hoch ans die.Einigkeit" aus- brachten. lind dann zogen sie unter frohem Gesang von der Villa fort, um daS neue Fahr zu feiern.—(.Ar betet.") Kleines Feuilleton. — Der Kohlenwagen. Ein grobes, schwer bcladcnes Kohlen» fuhrwerk suhr aus dein Traimvahgeleijc, als eben ein Wage» der elektrische» Strajzeubah» daher kam. Der Kutscher deS Kohleu- suhrwerks sagte:.wüst, ahö, wüst" und suhr so lnngsain aus dem Geleise, als wäre die elellrische Bahn nur eine Sirabc»walze. Er bewerlstelligte mich, dag er gerade noch mit dem Hintere» Rade a» den Wage» stieb. Das Rad brach und der Kohlcuwagcu senkte sich krachend mitten i» das Geleise. „Du Rannncl, Du g'schcrter, kannst»et nanssahren?" schrie der Kondukteur. .Jetzt uiiinun. Du Riudvirch!" autwortctc der Kulschcr. Und er hatte ganz recht, denn eine Kohlcnsracht kam» ma» nicht nnf drei Räder» wegbringe». Der Kondulienr legte dem Fuhnnann noch einige Fragen vor. Sb er glaube, dag er das nächste Mal nnspasic» wolle i od er viel- leicht nicht anspasje» wolle und ob noch ei» solcher dummer Kerl Fuhrmann sei. Dies alles brachte den Kutscher nicht a»S seiner Ruhe. Er stieg ab und stellte fest, dag das Rad vollständig laput sei. Und da er in folge dieser Thatsnche die Mriimng gewann, dag sei» Aus- enthalt von längerer Dauer sein werde, zog er die TabatSpscise ans der Tasche und begann zu rauche». Erst jetzt snsste er de» KouduUeur näher i»S Ange, und als er ihn genug besichtigt hatte, rrtlärlc er dem sich ansammelnden Publi- km», dag er»ickn auspajjc. weder auf die Zramivay,»och aus de» Kondukteur. Und dann lud er die Altirngeicllschast, sonne deren sämtliche Bedienstete z» einer intime» Würdigung seiner Rück- seile ein. I» diesem Augenblicke drängle sich ein Schntzinann durch die Menge und stellte sich vor den Wagen hin. .Was giebt'S da? Was ist hier los?" fragte er. „A hinicrö Radl iS los," jagte der Kntjcher. .So? DaS wer'» wir gleich haben," erwiderte de» Schutzmann und ich glanbte. dag er ei» Mittel angeben wollte, wie man umgestürzten Wagen am jchncllstca ans die Räder Hilst. Ter Schntzinann zog ein dickes Buch ans der Brusttaschc. össiictc es und»»hin einen Blcistist heraus, der an dem Deckel steckte. Während er ihn spitzte, lai» wieder ein eleltrischcr Wage» angefahren. Der Lenker desselben inachte groben Lärm, als er nicht vorwärts lomite. und der Schassner Vlies heftig in jci» silbernes Pseifchen. .WaS ist den» das für ein nnverlchämteS Gepscise? Wollen S' vielleicht anshoren zu pfeifen?" fragte der Schutzmann nnd blickte den Schaffner diirchdringeiid an, während er den Bleistift mit der Zunge naß niachte. „So," sagte er dann,«»den» er sich wieder zu dem Kutschet wandte,„jetzt sagen Sie mir, wie Sie hciben thun." „Matthias Küchelbacher." .Mat— thi— as Kü— chrl— bachcr. Wo thun Sic gebore» sein?' .Ha»?" „Wo Sie geboren sein thun?' .Z' Lauterbach." „So? In Lau— ter— bach. Glanben S' vielleicht, cS gicbt blob ein Lantcrbnch? Wollcii S' vielleicht sagen, wo das Höft ist? Thiui S' ein bisset genauer sein. Siel" Juzivischen hatte sich die Menge, welche den Wagen umstand, immer mehr vergröbert. Ein Herr in der vorderste» Reihe unter- suchte mit sachverständiger Miene den Schaden. Er bückte sich und sah de» Wagen von unten an; dann ging er vor und sabte die lange Seile scharf ins Auge, und dann bückte er sich ivicdcr und klopfte mit seinem Stocke auf die drei ganzen Räder. Und dann sagte er, es sei blob eins laput, und wenn cS wieder ganz wäre, könne man sofort wegfahren. Die ilinstchcndcn gaben ihm recht. Ein Arbeiter sagte, man müsse versuchen, ob man den Wage» nicht wegschieben könne. Er spuckte in die Hände und stellte sich an das hintere Ende deS Wagens. Dan» sagte er:„öh ruck! LH ruck!" und schüttelte den Wage», und spuckte immer wieder in seine Hände, bis ihn die Schutzleute zurücktrieben. Diese entwickelten jetzt eine grobe Thätigkcit. Sie gaben acht, dab die Zuschauer sich anständig bc- »ahmen und i» einer geraden Linie standen. Das war nichts leicht. Wen» sie oben fertig tvarc», drängten unten die Neugierigen ivicdcr vor»nd dcshalv liefen sie hin und her und wurden ganz atcinlos dabei. Noch dazu mnstten sie acht geben, dah jeder Schutzmann, der hinzu kam. seiuen Platz erhielt; wen» ein Vorgesetzter erschien, mnbtc» sie ihm alles erzählen, und wenn ein neuer Tramwaywagcu daher- fuhr, niubkcn sie dem Kondukteur ciuschärfc», dast er nicht durch die andere» Wagen durchfahren dürfe. Ich weist nicht, ivie die Sache ausgegangen ist, weil ich nach zwei Stuiideii zum Abendessen gehen»instte. Aber ich IaS am nächste» Tage i»it Bcfriediguug ii« de» Blättern, dost der Polizei- dircltor, der Minister des Fnnern und unsere zwei Bürgenncistcr am Platze crschieucii ivarcu.— Ludwig T h o in a im„SimplicissimnS'. — Eccbkbcn. Der in Batavia erscheinende«Java Bode' bringt folgende intercssautc Schilderung des Seebebens, das in der Rächt vom 20. zum AI. September v. I. eine ungeheure Flutwelle gegen die Südlüste der Insel Ceram oder Scram schleudcrte:„Die Nacht war still und klar, als wir plötzlich gegen l3/j Uhr durch eine starke horizontale Bewegung des ganzen Bodens, die etwa eine Minute dauerte, geweckt wurden; wie sich später zeigte, rührte diese Bewegung aller Wahrscheinlichkeit nach von einem Seebeben, dessen Cenirnm zwischen der Insel Ceram nnd den Bandn-Jnscln lag. her. Nach dem Stost. der zwar sehr stark, aber nicht heftig oder abrupt war. war es«ngefähr eine halbe Stunde lang vollständig ruhig, bis dann zu dieser Zeit eine mächtige Flutwelle i» die Bucht von Amboina hineinströmte, ohne indessen Schaden zu thun. Furchtbar sind da- gegen die Bcrwnstmigc», die die Flutwelle in den Provinzen Paulohy, Samasvro nnd Makarili anrichtete. Die crstcrc» beide» Halle» eine Bevölkerung von 1700 Seelen, und von diesen sind nur 40 nachgeblieben. Das ganze Land ist verwüstet und mit Leichen bedeckt. In der Elpapötih-Bai schlug dir Welle»nt voller Gewalt ans; sie ging Über hohe Biinmc glatt hinweg nnd rist alles mit sich vorwärts. Die Eingeborenen wisse» schreckliche Gcjchichlcii von den Scrne». die sicki abspielt«», zu erzählen: Einer fand ein« Leiche ans der Spitze einer Sagopalme, andere fände» Körper, die von Haifischen zerrissen. waren, wieder andere sahen viele Leichen ohne Köpfe und glaubten» dnst die Alsnrese», die als Kopfjäger bekannt sind, die Toten nach- träglich cilthanplctcii. Die Flutwelle führte groste Steine init sich und Halle einen ausgesprochenen starte» Schwefelgeruch. Die Panik unter den Eingeborene» ist furchtbar nnd die meiste» sind i» die Berge geflohen; wie grost der Verlust a» Menschenleben Überhaupt ist, lästl sich Heiitc»och nicht übersehen."— Musik. Brn. Es konnte Verdacht erregen, das; die Erstaussühriing der dreialtige»„Märchenoper" Koni g Drosselbart mi Opernhans« aus den Silvesterabend verlegt wurde. Denn es ist schon z» einer festen Traditio» der Intendanz grivordcn, das gemütlich veranlagte Publik»« dieses Abends zu benutzen, um mit seiner Hilfe solche „Novitäten" iiiii die.Preinierrn-Ecke" zu manövriere», für die von vorn herein stark ans„mildernde Umstände" plaidiert werden innsz. Eine ähnliche Vcfnrchtnng lag hier nrn so näher, als der Versuch, ein liebliches Slückchcn a»s Griniins Kinder- nnd HanSinärcheii z» einem— wenn auch nur nmsilali- jche»— Drama auszuweiten, a» seiner Vcdcnklichkeil»ichtS cingcbüjst hat, wenn auch Hinnperdincks cigenarligrS nnd starkes Tnlkiil mil„Häusel und Grelel" den Erfolg ans seine Seile ge- brach! hat. Die Textdichtnng von Axel D e I m a r ist a» sich auch »ich! gerade geeigncl. Vertraue» zn erwecke». Aber giebt es ein einziges Textbuch zn einem»«sikalijchen Werke dramatischer Gattimg. das jiir sich einem gebildelen lillerarische» Geschmack Genüge lhäte{ giebt eS l t Matigftufcit. Die N»f»ahmeg?Vi"ihr vciriiert danach von 75 Eiscn- stangen bis zu 400 Messingstäbeil. Die Zusammenkunft einer Egbo» Gesellschaft an einem Ort dauert oft viele Tage. Am„Messing- Egbo-Tag" wird an dem Hause des Königs eine gelbe Fahne gehitzt. und an jeder Thür werden Stücke von gelber Baumwolle befestigt. wodurch die Häuser unter dem Schutz der Egbo-Gesellschaft stehen sollen. Am neunten Tage der Zusammenkunft geht ein Mann durch die Stadt, als Geist verkleidet und mit der Vollmacht, jede», den er trifft, zu züchtigen, wenn er auf niedrigerer Rangstufe steht oder der Ge- scllschast gar nicht angehört. In der linken Hand trägt er ein Büschel von grünen Blättern und in der Rechten eine graste Hetzpeitsche. Vor dem Gesicht hat er ein schwarzes Visier, und der ganze Körper ist mit BambuSmatten bedeckt. Unter dem Jbibeo-Stanun wirkt diese Geheimgescllschaft als Gericht. Die zum Tode Vcr« urteilten werden von ihr hingerichtet, Frauen, die ihrem Gatten davongelaufen sind, init Gewalt wieder zurückgebracht, und Ivenn sie sich weigcnr zurückzukehre», getötet. Die Gesellschaft vollzieht da? Opfer von Tieren und tötet mit einem Stein jeden, der Damwurzel» stiehlt. Eine solche Egbo-Gesellschaft komnit zur Abhaltung des Gerichts„im Busch" zusammen. Eine Art Gottesurteil wird voll- zogen. Salbei und eine Salamander-Eidechse werden nüt etwa? Wasser in einem Mörser zusammengeschlagen. Der Priester trinkt zuerst ans dein Gottcsurtcil-Bccher und giebt allen Angeklagten zu trinken. Sind sie unschuldig, so geben sie den Trank ivicdcr von sich, die Schuldigen aber sterben und ivcrden in den Busch geworfen. Jede Egbo- Gesellschaft hat ihre Idole: gehörnte hölzerne Masken, Glocken, besondere Kleidungsstücke, schwarze hölzerne Klappern u. a. Einigen soll die Kraft iimewohnen, Fragen z. B. über den Verbleib von gestohlenein Eigcutnm zu bcmitworten. Bei einigen Masken wird der untere Kinnbacken durch einen verborgene» Strick in Bctveguug gefetzt. Meiste Masken ivcrden nur von denen getragen, die der ersten Rangstufe der Gesellschaft angehören. schwarze gehörnte nur von ganz Eingclvcihten. Frauen dürfen die letzteren bei Todesstrafe überhaupt nicht sehen. Unter den Jbibco-Gesellschaften sind auch Menschenopfer gebräuchlich. Sie siiide» bei den Begräbnisfeiern der Könige oder auch bei religiöseu Spielen statt. Bei dem Spiel Ajkon wird das Opfer, ein Sklave, meiste»? jugendlichen Alters, mit einem schnr-scn Plantageiunesscr in mehrere» Schlägen enthauptet. Jeder Teilnehmer am Fest kann mit einem kleinen Messer auf den Kopf des Unglücklichen schlagen. Die Gehirn- schale wird in das Haus dcö Königs gebracht. Ein Menschenopfer ist auch bei dein jährlich stattsiiidcnden Fest deS AiiSgrabeiis der Damwurzeln üblich. DaS Volk trägt rote Baumwollmützeu, die in das Blut des OpferS getaucht«verde».— Smnoristifches. — Ein neuer Weiser. Hauslehrer:„Wer war der bekannteste der sieben Weise» Griechenlands?" Schüler:„Dalles von M i l e t."— — Nur Geduld. A.:„Das einzige, was mir an meiner Braut nicht gefällt, ist. dast sie so klein ist l" B:„Hab' nur keine Sorge, die wächst Dir schon noch über den Kopf!"— — Litterarische?. Nachbar(ironisch):„Was war da? beim für eine lange Vorlesung, die Ihnen gestern abend Ihre liebe Frau gehalten hat?" Hausherr:„Das war der Text zu den drei Rciherfedern. die Sie heute auf ihrem neuen Hut sehen!"— („Meggcnd. hum. Bl") Und nun gar hier! Doch auf der Bühne hat der Komponist und die Dnrstellimg das entscheidende Wort:«»d deren Entscheidung hat unztveifclhaft für den Versuch gesprochen. ES gab einen völlig n n b e st r i t t e n e n E r f o l g, der nach dem zweiten Akte von einer innigen Erwärmnng der Hörer getragen, seinen Höhepunkt erreichte. Der dritte Akt nuistie etwas abfallen, so wie er einmal angelegt war. Der kurze zerfahrene Text bot keinen geschlossenen Charakter, und auch, wo das Einzelne hätte Wirkung machen können, in der Erkennungsscene, wo die Worte der Liehes-Osienbarung am Schlüsse des zwei tew Aktes wiederkehren, scheute die Musik vor der «rgiebuzcn Ausbeutimg einer Wiederholung zurück. Der Moment ging fiir die Wirkung zu schnell vorbei, und er wurde durch die burleske Fadheit deS„alten Königs" und einen überstürzten Schlust jäh unterbrochen. Die Musik Gustav KulenkampffS, eines nicht mehr ganz jungen und bereits erprobten Komponisten, ist durchweg von süstein Wohlklang und durch eine reiche, geschmackvolle und nirgend aufdringliche Instrumentation wirksam unter- stützt. Sie bietet keine gewaltig einschlagenden Höhenpunkte. Aber dafiir ermaugelt sie auch völlig bloster Füllstellen, über die man froh ist, hinweg zu sein. Kulenkampff hat eine„lyrische" Oper von seltener Anmut geschaffen, und wie es sich für eine solche ge- ziemt, den Nachdruck auf die Darstellung der Empfindung gelegt. Der erste Akt, der das Ivenige einer Handlung ähnlich Sehende in dem Vorgange enthält, die Spiele der Mädchen, die Parade der Freier und die gewaltsame Vermählung mit dem Bettler lästt aller- ding? vennuten, dast Kulenkampff auch für dramatisch zugespitztere Stoffe nicht unwirksame Töne zu finden wiffen würde. Auch zeigt er «inen liebenswürdigen und geschmackvollen Humor. Zu seiner ganzen Kraft aber entfaltet er sich in dem zweiten Akte, der wahrscheinlich ausreichend sein wird, die ganze Oper lebensfähig zu erhalten. Dieses zartere Gegenstück zu Shakespeares„Bezähmung der Wider- spänstigen", die ja auch— durch de» zu früh verstorbenen Götz— für die Opernbühne gewonnen worden ist, bietet Momente von entzückender Feinheit, in der Situation wie in der Musik, die hier überall vollkommen auf der Höhe ihrer Aufgabe ist. Die Entgegen- setzung ihres verscherzten Glückes an der Seite des verhöhnten Königs„Drosselbart" und ihrer jetzigen Lage, die Phantasie der Rosaunmde am Brunncnrand, der fortschrciteudc Umschlag der Stimmung durch die Hungerkur, die Begegnung mit ihrem sie nicht erkennenden Hof- fräulcin und die Befreiung' aus den Armen deS königlichen Jäger- lburschen durch ihren„Bettler", bis zu dem vollen Dnrchbruch der Liebe, die Hingabe an ihr Schicksal und der schmelzende Abschied von dem nunmehr Geliebten mit dem begeisterten Ausblick auf den „Feiertag der Liebe", Iveu» die Magd des Hofkoches nach über- ftandcner Wochenarbeit am Sonntag in die arme Waldhtttte zum Besuch kommt,— das alles bildet eiue ununterbrochene Reihe von Stimmungsbildern köstlichster Art. Der Stil der Musik hat wenig von Modernem. Sie befleistigt sich,— von einzelnen kaum heraus- fallenden Wendungen abgesehen— des natürlichen Melodien- und Harmoniciiflnsscs der guten Spieloper. Ensemblesätze sind häufig, aber von wenige» Stelle» abgesehen, ist der Text rein durch- komponiert. Mit der Aufführung durfte der Komponist sehr zufrieden sein. Kran Herzog als Rosamunde und Herr H o f s m a n n als König Drosselbart waren in Spiel und Gesang vortrefflich und so frei. als ob es sich um ein alte? Repertoirstück handelte. Nur im ersten Akte klang die Stimme des letzteren etwas spröde. Eine Aiustcrleistung seiner und graziöser Komik bot Herr L i e b a n in der wandelnngsvollen Rolle des Pagen Rittersporn. Er wider- ßtand mit künstlerischem Takt allen Versuchungen zu Ilcbertreivungen und unziemlichem Hervortreten: während leider dasselbe nicht von errn S t a m m e r als„altem König" gesagt werden kann. Er rikierte ganz überflüssigerweise, und brachte dadurch. namentlich in den Schlust noch einen stärkeren Mistklang, als es in der Situation selber liegt.— Völkerkunde. K. Geheimgesellschaften in West-Afrika. Neber die merkwürdigen StannncSorganisationen in West-Afrika, die unter dem Namen Geheimgesellschasteu bekannt sind, macht Fitzgerald Aiarriot in dem soeben erschieneucn„Journal of tl.o Anthro- pological Institute ot Great-Brituin" interessante Mitteilungen. Diese Gesellschaften haben zum Teil gesetzgebende Kraft, zum Teil find sie nur mystisch-rcligiöse Körperschaften. Daneben existieren «och zwei andere, die nicht als Organisation eines Stammes an- zusehe» sind. Die eine ist die„Poro-Assoziation" an der Sierra Leone-Küste, die andere nmfasttdie Mord- oder Leopard- und Alligator- Elesellschaften, die vou Sierra Leone zum Niger und»ock weiter Mach Afrika hineinreichen. Sie>r>crdcn von den meisten Eingeborene» Gefürchtet und verabscheut. Die Gesellschaften an der Goldkiiste sind geheime religiöse Brüderschaften. Die Katahwiri ist eine Gesellschaft «ur für Mämicr. die in dem mystifche» Kult und Tanz unterrichtet »erden, die Katahwiriba eine ähnliche Gesellschaft imr für Franc». 8m Nigergebirt find die Geheiingesellschaftett als Egbo oder Jgbo ikannt, ein Name, der ursprünglich Tiger oder Leopard bedeutet. Die wichtigste ist die von Alt-Kainbar, ans die auch die Regierung tzer Eingeborenen gegründet ist. A» der Spitze steht der Abliw-Esit, v e r b u n g e n des vergangenen Jahres eröffnet.— — Die Leitung de? Leipziger Carola- Theaters überuehmeu vom Jähre IVOS ab Aiitou Hart m a u n und William B ü l l e r.— — Siegfried Wagners nene Oper wird den Titel . K o n r a d i n" führen. Die Geschichte des letzten Hohenstaufen bildet den Inhalt des Textbuchs.— — In dem Nachlasse Karl MillöckerS wurde nach der „Boss. Ztg." eine Operette„Der Nordstern" gefunden. Der Komponist hintcrliest ein Vermögen von 300000 Gulden, wovon. wie verlautet, ein namhafter Teil Stiftimgen für arme Musiker zugewendet wird.— — Eine moderne Galerie. ähnlich wie die neue Pinalothek äii Miuichen, die Nationäl-Galerie in Berlin, soll in Wien geschaffen Ivcrden. Di« dortige Seccfsion widmet statuten- gcmäst einen gewissen Teil ihre« Reinertrages für den Ankauf von Kuujtwrrkcn. die für diese moderne Galerie bestimmt sind.— — Der Mitdirektor der Pariser Grasten Oper. Eugene B e r t r a u d» ist im Aller von 66 Jahren g e» st o r b c n.— — Eine Versicherungsgesellschaft gegen die Eensnr haben die Journalisten in Finnland gegründet. Der Schaden, den die fimiläudischc Presse durch die russischen Mastregelungen erlitten bat. wird auf WA»(XX) M. geschätzt.— — In M e x i k o soll ei» grosses elektrisches Bahnsystem von 650.Kilometer Länge eingerichtet werden.— Verantwortlicher Rtoactntr: Paul John in Berlin. Druck und Berta» von tUrar Bavin» in Berlin.