Zlnterhaltungsblatt des Uorwäris Nr. 4. Sonntag, den 7. Jannar� 1900 (Nachdruck verboten). Das HVeibevdov?. Noman aus der Eifel von Clara V i c b i g. Mit sprühenden Augen und erhobener Faust stand Miffert; Nichts mehr von schläfriger Trägheit war an ihm, die mar abgefallen wie ein Totenhemd, der lebendige Mensch stand da mit rollendem Blut in den Adern, jede Muskel straff. In grimmiger Wildheit biß Pittchen die Zähne aufeinander und dann brüllte er:„Hal Dei Maul I" Seine erhobene Faust sauste nieder.„Dat es för dat„Luder"— on dat"— wieder hob und senkte sich die Faust—„dat es för dat „Saumensch"— on dat— on dat— onncrstich dech uoach ehs!" Wie der Hammer auf den Ambos', so sauste die Faust nieder— hierher, dorthin— hei, waren das Schläge I Da mußten Funken sprühen und Eisen in Stücke gehn. Kein Mensch hatte sich gerührt, starr vor lleberraschung standen sie alle. Aber jetzt brachs los, nnt Geschrei und Fluchen sprang man dem Mathes zu Hilfe. Pittchen wurde weggerissen, in eine Ecke gedrängt, wehrte er sich mit Händen und Füßen, Bänke stürzten um, Gläser klirrten zu Boden— Schimpfen, Lachen, Drohen, Schreien, Stanipsen, Fluchen, Toben— da— die Thür ging anf l Wie ersthrockenes Hühnervolk in die Ackerfurche, wenn aufscheuchende Schüsse knallen, so fiel es in die Stube ein mit Rauschen und Rascheln und Schwirren— die Weiber! Voran eine, die anderen durch ihre üppige Fülle alle in Schatten stellend. „Schkandal?" rief Lucia Miffert fragend. Entschlossen stieß sie die Vordersten beiseite, stellte sich dor ihren Mann und deckte ihn mit ihrer kräftigen Gestalt. „Was gitt et hier?" rief sie hell,„Rohig, Pittcr! Dao haste ebbes l" Sie teilte dem ersten, der wieder ans sie eindrang, eine Maulschelle aus, halb scherzhaft, halb im Ernst: jedenfalls zeichneten sich alle ihre fünf Finger ans der Wange des Getroffenen ab. „Dunnerkiel I" Der Mann fuhr zurück und rieb sich das Gesicht. „Kuckste", lachte sie heiter,„dat kömmt dervonl Laaßt Donimhaaten, heit wolle mir Pläsier haon, Ihr Manns- biller!" Ans ihren schönen runden Augen sandte sie einen vollen Blick über die ganze Gesellschaft, ihre weißen Zähne blitzten, ihre Stimme übertönte allen Lärm. „Jesses, die Mannsleid, e su ebbes I Haha! Hann sech wie die Könner— hähahaha!" Sic wollte sich ausschütten vor Lachen; ihre gesteiften Röcke raschelten, ihr braunrotes Sonntagskleid, das sich knapp über die volle Brust spannte, krachte in allen Näthen. „Hahahaha— I" Wieder das Lachen. Es klang so lustig, so leichtherzig; es wirkte ansteckend, die Mäuler zogen sich breit, alle Gesichter grinsten. Die geballten Fäuste thatcn sich auseinander oder versenkten sich in die Hosentaschen. Frau Lucia ersah ihren Vorteil; wieder sandte sie einen vollen Blick umher und wiegte sich lachend in den Hüsten. A» der Thüre standen die andern Weiber zusammen- � gedrängt, jetzt wagten auch sie sich heran; jede packte ihren Mann unter dein Arm, die Mädchen hingen sich an die Burschen.„Dauze.n! Danzcn!" Wie gerufen tönte in Ferne Musik. „Muhsik! De Muhsik l" Das waren die Musikanten von Manderscheid, fünf Mann hoch kamen sie eben vom Berg herunter. Sie spielten sich selber zum Einzug was auf. „De Muhsik kömmt! Helao de Muhsikl" Die Kinder auf der Straße stießen ein gellendes Freudengekreisch aus, pfeilgeschwind rannten sie den Fünfen entgegen, umringten sie und begleiteten sie hüpfend und jauchzend zur Wirts- hausthür. Unentwegt fidelnd und blasend zogen die Musikanten in die Schenkstube; man ließ ihnen kaum Zeit, einen Trunk zu thun. Mit starkell Armen schleppten die Männer die Tische auf die Straße, die Weiber rückten die Bänke längs der Wände— mlU war der Tanzsaal fertig. Der schwenkende Rheinländer Hub an. auf dem engen Platz drehten sich an die dreißig Paare ans einmal. Das war ein Stoßen, Drängen und Puffen. Jeder wurde ans die Füße getreten und trat wieder; noch keine halbe Stunde war vergangen, und die Luft war undurchdring- lich von Staub, man konnte kaum sehen, durch den Dunst schimmerten die glühenden Gesichter wie rote Flecke. Man öffnete kein Fenster, nur die Thür stand offen, in dem dunkelsten Hausflur tanzten auch noch welche. Lucia Miffert war eine begehrte Tänzerin; sie tanzte nicht leicht, man fiihlte eine volle Last, aber gerade das war schön, man wußte, was man hatte, und sie verstärkte das noch, indem sie sich recht fest ans den Arm ihres Tänzers lehnte. Und dabei war sie nicht stumm ivie die andern Weiber, die sich drehen ließen, immer mit dem gleichen feierlicken Ausdruck des Gesichts. Sie schwatzte uud lachte, ihre lustigen Augen blitzten nah in die des Tänzers, ihr warmer Atem kitzelte seine Wange; kein Wunder, daß die Männer sie immer fester und fester drückten. Von einem Ann ivänderte sie in den andern, ihre ge- steiften Röcke wurden schlaff, das dunkle Haar hing ihr ver- wirrt ins Gesicht. Ihr helles Lachen übertönte die Musik; wo sich in den Tanzpausen die Männer am dichtesten zusammen- knäulten, da stand sie. Dem Peter wurde zugetrunken:„Prost, dat Zeih soll käwen I" Mit verdrossenem Gesicht stand er hinter der Stubenthür und folgte ihr mit den Augen. Er tanzte nicht mehr; als ein besonderes helles Lachen die Musik überschrillte, shatte er mit einer heftigen Bewegung plötzlich seine Tänzerin stehen lassen, die er vorher, trotz seines lahmen Beines, mit viel Gewandt- heit geschwenkt. Die Männer tanzten mit der Cigarre im Mund, über die Schulter der Tänzerin paffend; durch den undurchdringlichen Qualm bohrte Peter die Blicke— lvo war sie? Mit wem tanzte sie? Gerade jetzt schwenkte sie der Bursche, auf dessen Wange sie vorhin ihre fünf Finger abgedrückt; es schien dem Peter. als schmiege sie sich besonders fest an den, als flüstre der ihr was Verliebtes ins Ohr. Mit einem Satz stürzte er sich auf das Paar— rechts und links im Gewühl Püffe austeilend— nun hatte er sie erreicht.„Gif Obacht, Zeih," sagte er halb bittend, halb grollend,„danz net e su vill, ons Josefche schreit sons de ganz Naacht!" „Laoß hän schreien," lachte sie und tanzte weiter. Sie hatte seiner nicht acht. Verzweifelt ging er vors Haus, er konnte das da drinnen nicht mehr mit ansehen. Auf dem Prellstein an der Ecke saß ein altes Weib mit einem fest eingewickelten Kind auf dem Schoß. „Kömmt sc noach net?" kreischte sie Miffert entgegen,„dat Könd gitt schnns ganz bla för Schrein!" Er beugte sich über das quiekende Bündel— die Augen hatte das Sechswochen-Kind geschlossen, aber das Mäulchen stand durstig offen, klagende Laute drangen daraus hervor. Finster sah der Vater auf das verquollene Gcsichtchen, langsam, in Gedanken, ging er dann zur Wirthshausthür zurück. Er schickte einen Knaben hinein.«Saog der Lucia Miffert, se soll ehs eranskommen. Aewer saoe net, wän naoch er schickt," schärfte er ihm-ein.„Saog: et pressiert!" Sie kam, die Wangen heiß gerötet, schnell atmend, mit wogender Bnist und geöffneten Lippen. Neugierig spähte sie aus. „Dan—?I Wat willste?" fragte sie verwundert ihren Mann. „Ons Josefche." sagte er nur vorwurfsvoll und wies mit dem Daumen nach der Ecke hinüber. Klägliches Schreien kam von dort her. „Jesses, ons Josefche! Dat hatt cch ganz vergäß! Mein arm Josefche!" Frau Lucia riß der alten Frau das Bündel vom Schoß, wiegte es tänzelnd hin und her, setzte sich dann auf den Prellstein, knöpfte ihre Taille auf und legte das Kind an die volle Brust. Das hungrige Josefchen war still; sie selbst lehnte den Kopf IjiiifcmiBcr an die Hmiswand. Mit geblähten Nasen- flügeln, schwer atmend, die Lider halb geschlossen, lauschte sie mit verzücktem Lächeln nach der Musik im Tanzsaal. Es war noch nicht dunkel genug, Peter sah die Weiße Haut schimmern, die so weich und sammetig war wie das Fell einer jungen Katze. Zärtlich murmelte er:„Zeih, danz ebs met nier!" „Gären, e su gären" flüsterte sie, schlug die Augen auf und sah ihn voll an. „Zeih— bau Frameusch— ech— ech sein gäckig naoch der" stieß er lauter hervor zwischen zusammengepreßten Zähnen. „Saog, dattste med) aach liev has— Zeih, soag et l" Sein nüßtrauischer Blick glitt zwischen ihr und der Wirtshausthür hin und her. Sie lachte so herzlich, daß das Kind wimmerte.„Ksch— ksch— hahaha!" „Laad) net l" Er stanipfte nut dem Fuß und sah sie von unten herauf unter zusammengezogenen Brauen an. „Festes Maria, wat michste för en Visasch(Gesicht)," sagte sie heiter.„Pittchen, ech sein ewcil e su fidel, dau wist mer doch net dat Pläsier vcrfumfeien(verderben)? Pittchen I" Sie streckte die Hand aus und zog ihn zu sid) heran. Ihre Augen baten.„Sei net unkommod. Pittchen, et es jao nor om en klaan Verännerung zo maachen— ech dauzen aoch met der!" „Su komm" drängte er,„komm!" Er ließ ihr keine Zeit mehr; lachend schob sie der Alten das Kind in die Arme, knöpfte ihre Taille zu. schüttelte ihre Röcke und hängte sich an den Arm ihres Mannes. (Fortsetzung folgt.) SonnkÄgsplsudvvei« Man kann unserer Zeit und unseren» Deutschland jeden Vorwurf anheften, nur den einen nicht, daß man sich übermäßiger Gefühls- Weichheit hingebe. Im Gegenteil: Die Aullage, wir seien ein Volk von Dichtern und Denkern, wird als die schlverste Beleidigung empsiulden. Energie ist alles, und die Gewalt der stärkeren MuSkcln— feien sie von Fleisch, Stahl oder Gold— regiert, den humanitätsduseligen Schlappiers zum Trotz. Wir achten nicht das Selbstbestimmungsrecht fremder Völker, sondern wir kultivieren fie mit Schnaps, Blei, Strick und Bibel. Wir vernichten unzähliges Leben, zertreten es in Not und Siechtum. Wir legen den fleien Geist an die würgeilden Ketten wirtschaftlicher Abhängigkeit. Wir beten zum Kleinkalibrigen und Panzerschiff und erstreden nur ein Ziel: so stark zu sein, um völlig rücksichtslos sein zu dürfen. Das thim wir alles und schämen uns nicht. Lachend schreiten wir über die Leiber ui»d Seelen derer, die man im veralteten Deutsch der heiligen Schrift Nächste nennt, während fie für die rcalpolitische' Betrachtung Konkurrenten, Feinde find. Aber mitten auf diesem Schlachtfeld tobender Gewaltsncht wächst lieblich und zart, ein schmeichelndes Wunder, eme sanfte Idylle un- endlicher Liebesseligkeit. Eine starrende Dornenhecke schließt sie von dein Rauhen und Rohen der Außenwelt ab. Das ist eine Insel, auf der die Kreatur mit Schmetterlingsstaub und den» Hauch der reifen Weinbeeren bekleidet ist. und wo alles Sinnen und Mühen der Wesen sich darin erschöpft, das verletzliche Gespinnst ans Duft und Farbe in seiner Köstlichkeit unversehrt zu bewahren. Wer aber dennoch ab- fichtslos oder böswillig ein Gliycrschüppchen eines Mitlvesens abstäubt, den trifft gemeine Schande und schwere Strafe. Man wird dieses Eiland für die Ausgeburt eines Märchen- erzählers halten. Nein, nein I Dies Paradies blüht auf Erden, iin Jahre 1900, im Deutschen Reich, ja sogar in Preußen. Unter Kanonendonner und Schneidigkeitsparaden hat sich dies Land der Unschuld sein Dasein und seine Selbständigkeit zu bewahren ver- mocht; eS ist jene Insel mitten in unserem Reich des Brutalen, auf der man— f r e nr d e Gefühle schützt. Eine sonderbare Rückständigkcit in unserer Kultur I Man schändet das Leben, zerstört unablässig Glück und Gesundheit, knechtet den freien Geist und den stürmenden Gedanken, verfolgt U Überzeugungen und foltert ganze Rassen wegen des Zufalls ihrer Geburt'—»vo aber in eiuem frommen Geinüt ein kleines Gefühlchcn bescheiden schwält, da hegt nian es sorglich und iurhrt zornvoll fremden Angriffen— mit Polizei, Strafgesetzbuch, Staatsanwalt und Ge- fängniswärter. Und wehe dein Frevler, der das Gefühlchen auch nur von Ferne mit bösem Blicke ängstigt— hinein mit ihm in den Kerker, er mag bei Löffelerbsen auf harter Pritsche die Ehrfurcht vor den Gefühlchen seiner Mitmenschen lcnren. Freilich nicht alles Fühlen und Empfinden wird derart ge- schützt. Da sind Massen, die di»rchglüht sind von dem Gefühl der mcnschheitsciueiiden und welterhöhenden Huinauität. DaS ist kein schntzberechtigtes Gefühl. Man höhnt und hetzt es. und möchte es am liebsten mit Peitsche und Pulver austreiben. Da sind die An- dächtigen der Wissenschaft, die dem ungebändigten Gedanken dienen und den Geheimnissen der Natur und dcS geschichtliche» Werden? in bebenden Schauern und beglrickendem Entdeckerstolz nachgehen. Auch dieses Gefühl, dieses Siegesbewußtsein der freien Vernunft genießt keinen Schutz und brutal zwingt man die Kinder der Forscher, mit alten Schöpfungsmärchen ihr unreifes Denken zu verkrüppeln. Da ist ein Poet, der in zornigen Versen seinem durch furchtbare Frevel am heiligen Recht enipör'tcS Gefühl anstönt. Ein schutzloses Gefühl I Man schleppt den Mann vor das Tribunal, behäuft den Dichter, der sein volles und reines Gefühl in hallende Worte gegossen, mit krmikenden Worten und der Autor des Schandgedichtes wird— wegen Verletzung fremder Gefühle für ein halbesJahr dem Kerkermeister überantwortet, er. dessen ttcfcS Geftihl, der beleidigten Menschemvürde ein Ankläger und Rächer zu sein, mit Hohn und Schimpf gepeinigt wurde. Es ist eben kein privi- legiertes Gefühl, das für Wahrheit und Gerechtigkeit glüht I... Der Prozeß gegen den„Ulk" und den Verfasser eines satirischen Gedichtes über das Renneser Urteil hat nur ein gelindes, schnell sich wieder glättendes Rieseln in der öffentlichen Meinung hervorgerufen, obwohl das Verfahren wie das Urteil eine schwerste Bedrohung für das geistige Leben unseres Volkes darstellt. Das heuchlerische Zetern der Heuchler in der Mnckerpresse hat es zuwege gebracht, daß der klare Sinn eines auch im Geiste des Kirchenschutz-Paragraphen einwandfreien Gedichts völlig verdunkelt wurde, daß das Recht des Denken? und Gcstaltens ausgelöscht werden konnte. Tartuffe triumphiert: der Spiegel, den der Poet der Menschheit vorhält, ist, weil staatsgesähr- lich, zerschlagen. Die satte, liberale Bourgeoisie aber beugt sich feige dein Joch der Pfäfferei. Und dabei war das Gedicht, das dem Autor eine schwere Ge- fängnisstrafe eingetragen hat, wenn man es an den Satiren der Litteraturgcschichte mißt, außerordentlich behutsam und streng nach den Weisungen des Strafgesetzbuches dressiert. DerVerfasser hätte auch dann keine Strafe verwirkt, wenn er in der That redliche echte Ueberzengungen verletzt hätte. Die göttliche Frechheft und die erhabene Rücksichts- losigleit ist von Aristophancs bis Heine das Recht und die Pflicht der satirisch geißelnden Dichtung. In ihren Venen muß eS klirren von zertrümmerten Götzen: keine Institution, kein Glaube», keine Autorität darf ihrem Ansturm entzogen werden. In der lachend höhnenden Verzerrung strahlt die Wahrheit, und in den tanzenden Fratzen ringt die Befreiung und Reinigung der menschlichen Kultur. Das Starke fteilich und das Gesuirde vermag der Prüfung stand zu halten— nur das Niedrige. Schmutzige. Verwitterte und Morsche stirbt an dem Strafgericht ungebändigten Gelächters, und. darum verfolgen seit jeher die dem Untergang Geweihten, die Welt der Lüge und der Heuchelei die großen Reiniger der spottend anklagenden Poesie. Den Dichter aber, der seiner Mission getreu sein will, darf keine äußerliche Schranke beengen. Frei muß er aussprechen, was er denkt und fühlt, in lmgezähmtcn Worten und kraftvollen Bildern. Kein großer Satiriker der Vergangenheit, kein AristophaneS, Jnvencil, Luther. Rabelais, Mokiere, Shakespeare, kein Goethe, Beranger, Byron und Heine entspricht den Fordeningen emeS heutigen Pfaffenblattcs: sie alle haben die teuersten Empfindungen der Philister und Dummeir, der Anfgeblasenen und Heuchler tausendfältig verletzt, gefoltert, in den glühenden Silberstrom ihrer Leidenschaft getaucht. Welche grandiosen Cynisinen hat allein Goethe in den Werken gewagt, die er selbst veröffentlichte. Und welche noch viel geivaitigeren Eingebungen satirischer Bildkraft bergen seine Nachlaßschätze I Was das Goethe- Archiv in Weimar nur an Faust- Splittern zu Tage ge- fördert hat, genügte, um den Minister Karl Augusts dauernd in ein Gefängnis des 20: Jahrhunderts zu bringen. Niemals stirb fternde Gefühle mit so genialischer Verivegeirhert angegriffen ivorden. Jndeffen der Mann des„Ulk" gehört gar nicht zi» diese»» Höllen- stüruiern des Humors. Er hat keine kirchliche Einrichtung, keinen Glaubenssatz angetastet, die den Gefühlen der heutigen Menschheit, wie»nan sagt, teuer sind. Er hat nichts gethan, als daß er die Heuchelei heiliger Empfindungen ein»veiiig unsanft schlug, er hat den Kontrast des ruchlosen Thuns und der fromme» Geberda» nach altein Brauch gemalt, er hat nicht den Kirchenglnubei» entweiht. sondern gerade im Gegenteil die Entiveihnng des Kirchcuglaubens gestraft. Der Sinn seiiies Gedichts war etwa: Religion I— der Priester huldigt weihevoll dem Götterlvcib! Doch der Pfaff umschlingt nn Taumel einer Gasscndirne Leib I � Um nicht falsche Hoffnung«» der Mnckerpresse zu erregen: der Mann, der diese Verse schrieb, ist nicht mehr durch GefäiigniS zu zähmen, weil er den Vorzug hat, längst tot zu sein, Ivcil er in jenen besseren und freieren Zeiten lebte, da man es nur mit dein Censor und nicht mit dem Strafgesetz zu thun hatte. Der„Ulk"-Poet hatte nichts anderes in seinem Gedicht zun» Ausdruck gebracht, als der alte Anastasius Grün in jenen beiden Versen. Trotzdem»vard er peinlich abgeurteilt. So»vcit hat die schwarze Presse eS gebracht, daß man nicht nur nicht die frommen Gefühle der anderen antasten darf, sondern eS sogar eine Todsünde ist, die Heuchelei von Gefühlen zu verletzen' Moliöre würde wegen seines Tartnffe heute a»ls dem§ 166 verurteilt werden.. Durch das Gedicht des.Ulk" komite sich kein wirklich religio, eS Empfinden verletzt fühlen. Es liegt ein Tröstliches darin, daß trotzdem die Presse der Gescheitelten»nd Geschorenen in wüstes Lärmen ausbrach und einer Wollust des VerfolgenS verfiel, als gelte es nicht, einen Schrift- steller für einige Monate ins Gefängnis zu bringen, sondern den längst entbehrten Genuß einer Hexenvcrbreinnmg— einer jungen und hübschen Hexe— zu erhaschen. Dic-Z Geschrei aber war eine i sehr unvorsichtige Selbstbezichtigung. Fühlten die Frowinen sich durch die Geiselüng der Heuchelei verletzt, so bekannten sie sich selbst als Heuchler. Es ist leine unerfreuliche Erscheinung, daß die Wortführer einer innerlich überwundenen Weltanschauung sich derart als Lügner entlarvten. Dagegen war das Verhalten des bürgerlichen Liberalismus von einer abstöszenden Widerwärtigkeit. Man ist in der That fromm ge- worden. Wenn die Zeloten fluchen, so fluchen sie schnell mit. Die eigenen politischen Freunde des Dichters hcnckieltcn eine Entrüstung gegen das Gedicht, die nicht nur ihre Mannhaftigkeit und Ehrlichkeit, sondern auch ihre Intelligenz infam bloß stellte. Man fand das Gedicht, das zu den besten Erzeugnissen der TagcSiittcratur gehörte, geschmacklos, sehr geschmacklos, außerdentlich geschmack- los, und indem man die falsche Auslegung der Zeloten wider besseres Wissen unterstützte, bedauerte man thränen- selig, daß ihr Freund so verrucht gewesen, religiöse Empfindlichkeit zu verletzen. ES ivar eine lächerlich feige Flucht vor den erkünstelten Tiraden der schwarzen Presse. Das ganze Elend der satten Bourgeoisie, die keinen zahlungsfähigen Knuden kränken will, barst in dieser Posse des Bedauerns. Wenn Zeus den liberalen Prometheus andonnert, warum er das Feuer gestohlen hat, so sinkt er flehend auf die Knie und beteuert, er habe es gar nicht stehlen wollen, er habe es nur aus Versehen mitgenommen und sei bereit, es sofort dein Besitzer wiederzugeben; überhaupt sei man Nicht so geschmacklos, fremden Besitz anzutasten. Es wäre schlimm um den Fortschritt der menschlichen Entwick- lung bestellt, wenn dieser liberalen Bourgeoisie noch der Tenipelschutz geistiger Freiheit überlassen wäre. Der Liberalismus giebt alle seine Ideale preis, wenn es das Geschäft erfordert, und er verlätzt seine eigenen Kämpfer, wenn diese einmal mit ihren Idealen ernst machen. Liebe Deinen Feind; denn auch an ihm kann st Du verdienen! Das ist die hochgradig getaufte Christlichkeit unseres Liberalismus, der, um fremde Gefühle aus Geschäftsinteresse zu respektieren, seines eigenen Gefühle feige verrät.—.Joe. Kleines Feuillekon. b. Die Erforschung der Ntmosphärc, spcciell ihrer Bestand- teile, machte am Ende des 18. Jahrhunderts, und dann wieder ein volles Jahrhundert später, in dem abgelaufenen Jahrfünft, un- gemeine Fortschritte Professor Ramsa'y aus London, der zu den hervorragendsten Forschern auf diesem Gebiet gehört, betonte in dem Vortrag, den er am Freitag iit der Urania hielt, daß es jetzt sowie vor 100 Jahren englische Gelehrte waren, die dem vielbernfenen Landhunger ihrer Nation einen außerordentlich starken Lufthnngcr an die Seite setzten. Prie stle y, R u t h e r f o r d, B l a ck bezeichnen die Namen, die zur Erkenntnis der Bestandteile unserer Atmosphäre geführt haben. Im wesentlichen besteht sie ans Sauerstoff und Stickstoff, zivei farblosen, durchsichtigen Gasen, ivozu noch ein geringer Gehalt an Kohlensäure und Wasserdampf tritt. Vor 100 Jahren bereits be- hielt C a v e n d i s h, als er den Sauerstoff und Stickstoff entfernte, einen kleinen Nest, der nur Visv der ursprünglichen Menge betrug, den Cavendish jedoch nicht als ein noch lnibekanutes in der Atmö- sphäre enthaltenes Gas erkannte, sondern für zurückgebliebenen Stick- stoff hielt. Er hatte damals bereits das Argon in Händen. Aber erst l805 wurde es von N a i l e i g h und R a m s a h als ein Bestand» teil der Luft erkannt, von der es etwa 1 Proz. ausmacht. Bald darauf fand Ramsay das auf der Erde bis dahin un- bekannte Gas H e l i u in, das seine Existenz auf der Sonne den Forschern schon lange verraten hatte, woher ja auch sein Name rührt. Namsah stellte sein Vorkommen in vielen Mineralien fest, aus denen cS durch bloßes Erhitzen gewonnen lvird. Helium und Argon haben die Atomgewichte 4 und 40, und Nnmsay prophezeite auf Grund gewisser chemischer Eigenschaften im Jahre 1890 auf der Versamm- lung der britischen Naturforscher in Cauada, daß ein Gas mit ähnlichen Eigenschaften und dem Atomgewicht 20 existieren müsse. Nachdem er es überall gesticht, auf der Erde nicht nur, sondern auch in den Gestirnen, ohne eS zu finden, wandle er sich wieder dem Studium der Luft zu. Die Ver- flüssigung derselben und ihrer Bestandteile war vor 20 Jahren den beiden französischen Chemikern Caillctet und Pietet zuerst gelungen; in den letzten Jahre» hat dieselbe so große Forschritte gemacht, daß man bequem einige Liter flüssiger Luft erhalten und aufbeivahren kann. Diese neuen Methoden zur Verflüssigung der Luft im großen rühren von dem deutschen Professor Linde und dem Engländer t a m S d e n her. Als Si a in f a y gemeinsam nnt seinem Freunde ravcrs einen Liter flüssiger Luft verdampften, erhielten sie einen Rückstand, der sich als ein noch unbekanntes Gas in der Atmosphäre erwieS; Ramsay nannte eß K r y p t o n(das Verborgene). Aber das gesuchte GaS war es nicht, es ivar vielmehr schwerer als Argon. Nunmehr untersuchte er Argon, welches er nicht für rein hielt, sondern von dem er vermutete, daß das gesuchte GaS ihm beigemischt sei, genauer. Er stellte sich ein großes Quantum Argon her und verflüssigte es, etwa 18 Liter. Als die Flüssigkeit verdanipft wurde, da entivickelte sich in der That zunächst«in leichteres GaS als Argon, so daß der Forscher endlich nach jahrelanger Rtiihe das ge- suchte Element vor sich hatte und in einem Röhrchen sammeln konnte; er nannte es Neon ldas Neue). Aber gleichzeitig erhielt er noch einen bisher unbekannten Stoff. Als das Argon ver- dampft war, blieb ein fester Rückstand, der sich bei der näheren Untersuchung als ein weiteres in der Luft enthaltenes Gas erwies, das schwerer ist, als die übrigen; er uauule es T e n o n(das Fremde). Damit ist die Luft erschöpft, und ihre sämtlichen Bestandteile sind uns bekannt. Eine Frage wird sich dem Leser hier aufdrängen. Wie werden denn diese Gase als verschiedene Körper erkannt? Sie sind alle farblos und durchsichtig und haben alle im wesentlichen die gleiche Eigenschaft, nämlich nnt anderen Stoffen keine chemischen Ver- bindungen einzugehen, so daß sie nirgends anders als in der Luft zu finden sind. Wie also erkennt man sie als verschieden? Hierfür besitzt die moderne Chemie ein leichtes und sicheres Mittel: sie werden glühend gemacht; dann strahlen sie ein Licht aus, daS für jedes Gas ein besonderes, ihm cigentiimliches ist. Eine elektrische Entladung durch das Gas geführt bringt es zum Leuchten. Herr Ramsay' führte das vor, und auch ohne spektrale Zerlegung des Lichtes konnte jedermann an der Farbe des Lichtes erkennen, daß man hier thatsächlich verschiedene Stoffe vor sich hatte. So hat uns denn das 19. Jahrhundert kurz vor seinem Erde die Lufthülle der Erde in ihren Einzelheiten entschleiert.— Mnsik. Bin. Moritz Maher-Mahr, der am 2. Januar im Beethoven-Saal ein Konzert veranstaltet hatte, verdient Auerkeimung für die Selbstverlrngmmg, mit der er im Programm hinter seinen Mitwirkenden zurücktrat, und eS wird über ihn als Pianisten erst nach seinem demnächstigen.Klavierabend" zu urteilen sein. Das Hauptinteresse seines ersten Konzerts nahm Professor Hermann Ritter aus Würzburg mit seiner fturfsaitigeu Altgeige(viola, alba) in Anspruch, auf der er mit dem Konzertgeber zwei Sonaten, eine in B-inoII von Rubinstein und eine in G-inoll von Philipp Scharwenka, vortrug. Es ist ein Wagnis, über RitteS Altgeige zu sprechen, da er, eine sehr streitbare Natur, in seinen bisherigen Veröffentlichungen Donner- keile gegen alles schleudert, was nicht wie Anerkennung seiner Er- findung klingt, und man sich also in die Flugbahn seiner Geschosse begiebl. Doch ist es Pflicht, der Wahrheit ohne Scheu zu dienen. Ritters Aktion zur„Weiterentwicklung der Streichinstrumente" zerfällt in drei Teile, die keinen notwendigen Zusammenhang mit einander haben, also einzeln zu betrachte» sind. Erstens hat er den Körper des gewöhnlich„Bratsche" genannten Instruments vergrößert; 2. hat er seiner so entstandenen„Altgeige" eine Saite mehr gegeben; und 3. will er auch das Violoncello und die Geige mit einer solchen fünften Saite beglücken. Zu 1. sagt er: Die Bratsche sieht eine Quinte tiefer als die Geige; folglich müßte sie sich m ihren Abmessiurgen zur Geige ebenso verhalten wie zwei gleich beschaffene und gleich gespannte Saiten, von denen die eine den Grundton und die andere die Quinte giebt, d. h. wie 3: 2. Unsere Bratsche ist aber nur weuig größer als die Geige. Deshalb befriedigt ihr Ton nicht. Nun brauchte aber ihrer Tonlage wegen die Bratsche überhaupt nicht größer zu sein als die Geige; denn ihre drei oberen Saiten stimmen mit den drei unteren der Geige überein, und für ihren tiefsten Ton c bekommt sie eine zweite, stärker überspomicne Saite, die ebenso bei gleicher Länge eine Quinte tiefer als das über- sponnene Violin' x klingen kann, wie die starke ck'-Saite beider Instrumente um so viel tiefer als die dünnere a'-Saitc klingt. Alan baut also überhaupt die Bratsche nicht ihrer tieferen Lage wegen größer als die Geige, sondern weil man von ihr zugleich auch eine andere Klangfarbe wünscht. Wie viel Bergrößcrting des Körpers hierzu nötig oder ausreichend ist. kann nicht berechnet werden, sondern ist Gegenstand des Experiments. Ritter hat aber auch sein Instrument gar nicht nach dem angeblich maßgebenden Verhältnis vergrößert, sondern nur im Verhältnis von ca.' 32: 43 (statt 48). Es klingt aber frappant, wie das Cello in höheren Lagen, nur schwächer, während eine gute Bratsche von einem vorzüglichen Musiker gespielt(man vergegenwärtige sich Oskar Redbal vom böhmischen Quartett!) einen mächtigen und sehr eigenartigen Ton hat. 2. und 3. lassen sich zusammen erledigen. Da die modernen Komponisten viel mehr als die ältere» die höchsten Lagen der Strcichiiistrnmente in Anspruch nehmen, diese aber unbequem'spielbar sind und gequält llingeii, so soll jedem Instrumente eine siinfte Saite zugelegt werden: dem Kontrabaß nach der Tiefe in Kontra-e (das beiläufig in Veethovenschen Partituren mehrfach vorkommt), den anderen nach oben, und zwar dein Cello sivaruni?) nur um eine Quart fä'j, der Bratsche und der Geige um eine Quint so" bczlv. b"j höher als ihre bisherige höchste Saite, Diese Wohlthat ist illusorisch. Die Tondichter wollen ver- mutlich nicht bloß die Höhe, sondern auch den Klang der Töne, die sie vorschreiben; und wenn die Instrumente fünf Töne höher hinauf reichen, tvird auch dieser Tonumfang bald ebenso wie jetzt der bisherige ausgenutzt werden. Am ehesten würde— vom Kontrabaß abgesehen, den die Kontra-E-Scite nicht hindern würde,— das Cello die fünfte Saite vertragen, da der Cellist fünf Finger zum Greifen bemitzen und mit der Hand völlig über das Griffbrett gehen kann. Für die Geige würde sie der Tod ihrer jetzigen Beweglichkeit sein. Ein näheres Ziisammcnlcgcn der Saiten ist nicht möglich; und die Verbreiterung des Griffbretts würde das Spiel ans der x-Seite enorm erschweren(es oder gar e in der evftcn Lage, bei Aceoidgiisfen, nckrde nicht niehr eiicichbar sein).— Die Schaiwenika-Sonate, ein gesangicickie-Z,»vohsklingendeS Solo für die Bratsche, wurde vortresslich zu Gehör gebracht. Auch mit zwei Liedern des Komponisten, die der kgl. Kammersänger P a» l . Buls; vortrug, halte er so vie! Erfolg, daß er wiederholt persönlich erscheinen mnszte. An dem Bnlgschen forcierten Sprechgesange ist nur die vortreffliche Aussprache sympathisch.— Ei».französisches Konzert" von C h. M. TZ i d or nnd I. Philipp führte uns am 4. in die Philharmonie. Der erstere dirigierte seine Sinfonie in E-inoll für Orgel und Orchester. Es verdient Nachahmnng, wenn ein Werk einen aussprechbaren Gedanken hat. ihm wie hier ans dem Programm eine Er- länternng beizugeben. Das feinsinnige, foringewandte und brillant instrumentierte Werk fesselte durchweg. ES wurde von den Philhaniwnikern mit Vegeisternng nnd gelvohnter Sicherheit interpretiert. Auch in dem folgenden Klavier-Konzert mit Orchester zeigte sich Widor als ein würdiges Mitglied jener Schule, über der noch immer der Geist nnd— das Wissen eines Chenibini schürend schwebt. I. Philipp spielte dasselbe, man darf lvohl sagen: vollendet. Ebenso viel Lob verdient er für den Vortrag einer Phantasie von Emile Bernard. Aber die Komposition gehört zu jenen, die ebenso gut eine halbe Stunde früher aufhören, tvie noch zwei oder drei Tage weiter dauern können: eine Freiheit ' der Aneinanderreihung beziehungsloser, einzeln ganz angenehm klingender, aber kaum je sich über die allgemeine Phrase erhebender Bnichstücke, wie sie selbst der.Phantasie", ivenn sie eine künstlerische Form sein will, nicht zu verstatten ist.— IZm. Aus dcm P flanzen leben. -- Australische Salzgräser in Kalifornien. Während einer längeren Reihe von Jahren hat man auf der Kalifornischen landwirtschaftlichen Versuchsstation einige Versuche über die Anpassungsfähigkeit der australischen Salzmelde HÄtrixlex semibaccata) an das Klima nnd den Bode» Kaliforniens vorgenommen. Es scheint, lvie der„Globn?" mitteilt, daß die Pflanze auf streng alkalischem Boden gedeiht, dost sie sich zu Weidezivecken und zur Fnttergewinnung gut eignet und daß sie sogar auf nicht alkalischem, hochgelegenem Boden fortkommt, wo Brunnen erst in 60 Meter Tiefe Wasser geben und die jährliche Negenhöhe weniger als 125 Millimeter beträgt. Das Salzgras kann zu schwere Sommer- regen nicht vertrage», ebenso wenig feuchte Lust: es dürfte sich daher besonders zur Anpflanzung in Wüsten und Einöden mit alkalischem Boden eignen.— Meteorologisches. — Bon einer seltenen Naturerscheinung berichtet das.Nene Wiener Tagblatt":.Am sogenannten Kalenderiveg auf dem Liechtenstein bei Mödling in Niederöstreich gab es Sonntags. am Silvestertage, in den ersten Morgenstunden, einen heftigen Schneefall. Der Schnee aber, der zur Erde fiel, war von einer ganz besonderen Art, schwarz gesprenkelt, wie wenn man einen Sack Mohn auf diesen Schnee ausgeschüttet hätte. Und als dieser Schnee zur Erde gefallen war, wurden diese Millionen schivarzer Pünktchen lebendig und hüpften und sprangen munter einher. Ein Bürger von Mödling, der gegen 10 Uhr vormittags den Kalenderweg passierte und die'ien.hüpfenden schwarzen Schnee" sah. nahm einen Ballen davon in ein Tuch nnd überbrachte dieses.Naturwunder" Professor Gaunersdorfer in Mödling, der sofort erkannte, daff er es hier mit .Gletscherflöhen" zu thun habe. Der Gletscherfloh lDworia glacialis Nie.) ist eine von Desor auf dem Maegletscher entdeckte Art von Springflöhen i er lebt unter den Steinen der Moränen und an' Felsen bis zu 3000 Meter Höhe. Er ist schwarz, viel kleiner als ein gelvöhnlicher Floh. jedoch ganz hannlos, das heifit ohne die bekannten Floh- Unarten. Man findet ihn auf der Montblanc-Gruppe, auf dem Monte Rosa nnd am unteren Aarhorn in grofien Schivännen, auf anderen Bergspitzen der Alpen mitunter ebenfalls, wen» auch nicht in solchen Mengen. Gaunersdorfer erklärt nun mit aller Bestimmt- heit, daß die bei Mödling gefundenen Gletscherflöhe aus dem Alpen- gebiete, nnd zwar aus der Montblanc-Gruppe durch einen Schnee- stürm auf den Liechtenstein verschlagen worden sind. Das Studium der Lilftbewegtmgen der letzten Tage wird wohl die Annahme be- ftätigen.— Hnmoristtsches. — Vom Mund genommen. Eine Dame kommt aufgeregt und atemlos, gerade als sich der Zug in Bewegung setzt, auf die Station. In ihrer Aufregung hascht sie V e r g e b ejr L nach Atem und Worten, um ihrem A e r g e r Ausdruck zu verleihen. In diesem Moment stürzt auch ein ältlicher Herr schweißtriefend und keuchend auf den Perron..Hätt' s' jetzt nicht noch eine Minute »varten können"— ruft er, dem abfahrenden Zuge nachblickend und seinen Handkoffer wütend auf den Boden schleudernd—.die Malefizbaude, die elendel' Dame(erfrent):.O, ich danke Ihnen sehr, gerade das wollt' ich eben selbst sagen!"— — Unverfroren. Sammlerin(zum Radfahrer, der beim Sturz in eine Gartenlvirtschaft fliegt):.Bitte mein Herr, für die Musik!"— — Zeitgemäß. Lehrer(das vierte Gebot erklärend): .. Später werden die Kinder groß und verlassen das elterliche Hans. Aber auch dann müssen sie ihre Eltern noch ehren... In welcher Weise kann das wohl dann noch geschehen?"— Schülerin:„Man schickt ihnen eine Ansichts-Postkartel' (.Flieg. Bl.") — Der Maler Paul Meherheim ist zum Mitgliede des Senats der Akademie der Künste als Nachfolger Wilhelm Ambergs gewählt worden. Im April d. I. wird eine Ausstellung seiner Werke im Akadeiniegebäude veranstaltet.— — Ein Orient!) and clSrnus cum Ivird im Laufe deS Januar zu B e r l i n im Hauptgebäude des Lehrter Bahnhofes er- öffnet werde». Das Museum wird offizielle, im Auftrage der be- treffenden Regierungen zusammengestellte Sammlungen der Landes- erzeugnisse der Türkei, von Griechenland, Serbien, Bulgarieir und Rnmänieu soivie daiteritde MusteriuiSstclluugen von Privatausstellern umfassen.— — Karl Neufeld wird am 12. Januar im Architekten- Hanse einen öffentlichen Vortrag über seine Erlebnisse halten, der durch originalphotographifche Aufnahmen und Momentbitder illustriert werden soll.— — Agnes Sorma wird in Paris während der Welt- ailSstellnng nicht spielen, sondern erst im Mai 1001 zu einem längeren Gastspiel dorthin zurückkehren. Im April gastiert sie im Lessing-Theater zu Berlin: sie erhält für den Abend 1200 M., mit der Leitung des Hamburger Stadt-Theaters hat sie für 1901, 1902 und 1903 je 20 Vorstellungen abgeschlossen, nnd zwar gegen ein Honorar von 72 000 M.— — Richard Heuberger hat eine neue Operette„Der Sechs llhr- Zug" geschrieben, deren Libretto Leon und Stein nach Meilhac?„Dscoroe" verfaßt haben.— — Max Halbe hat die„Jugend"„ins Pro- t e st a n t i f ch e übersetzt", um durch Wegsall alles dessen, was für den katholischen Klerus anstößig ist. die Aufführung im Wiener Deutschen Vvlksiheater möglich zu machen. Der Dramaturg dieses Theaters ist der frühere Theaterkritiker der„Vossischen Zeitung" F e l l n e r.— — Hermann Vahrs Wiener Stück„Das Mädi" ge- langt im Februar am Wiener Deutschen Volks-Theater zur Auf- führung.— — Eine neue Operette:„Die Diva", hat Charles W e i n b e r g e r in Wien vollendet. Das Textbuch stammt von Bernhard Buchbinder.— — Die Gesellschaft der Musikfreunde i» Wien hat für das Jahr 1900 einen Ko m p o s i t i o n s p r e i s im Be- trage von 1000 fl. ausgeschrieben für die beste Komposition einer Oper, eines Oratoriums, einer Kantate, Sinfonie, Sonate oder eines 5tönzertes. die bis zum 15. September 1900 an die Direktion der Gesellschaft der Musikfreunde eingesendet ivird. BeiverbungSberechtigt sind alle Tonsetzer, die, gleichviel in tvelchem Fache, dem Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien angehören oder innerhalb der dem Tage der Ausschreibung vorangegangenen zehn Jahre angehört haben.'— — S l a i i n Pascha ist von Wien nach Kairo abgereist, um eine Expedition zur Erforschung und wirtschaftlichen AnSbentinig des Sudans, die von Naturforschern, Geologen, Ingenieuren, Landwirten und Industriellen gebildet ist, zu leite».— — Der nächste deutsche Aerztetag findet am 22. nnd 23. Juni ds. Js. in F r e i b n r g i. Br. statt. Als VerhandlniigS« Gegenstände sind die Sonderheime für Genesende und die Be- deutimg der Samariter-Vereme, Nettuugs-Gesellschaften und verwandter Einrichtungen für den Aerztestand in Aussicht genonnnen.— Notizen. — DaS Berliner Opernhaus soll, tvie der„B. L.-A." erfährt, vom Frühjahr 1901 ab auf mindestens ein Jahr zum Zweck eines völligen Ilm bau es geschlossen werden: die Opern- bühne bei Kroll soll interimistisch an seine Stelle treten. Hiera» knüpfen sich Zlikunftspläne, die sich in erster Linie auf die Errichtung eines„Königlichen Wagnertheaters" in Berlin und auf die E r>v e i t e r u n g des N e u e n O P e r n t h e a t e r s(Kroll) zu einer„Volksbühne", in der für volkstümliche Preise Muster- aufführnngen guter Werke veranstaltet werden sollen, richten. Die Verwirklichung dieser Projekte würde alsdann die Verlvendung des umgebauten Opernhauses für die Spieloper und das klassische Drama großen Stils und endlich die Umwand- lung des Schauspielhauses zu einer Lustspielbühne nach sich ziehen.— Abwarten!— — Die Knaus-Aus st ellnng im Akademiegebäude Ivird am 12. Jainrnr eröffnet. Sie wird über hundert Originalgemälde von Knaus ans alle» Perioden seines Schaffens vereinigen, ferner etwa zweihundert Zeichnungen.— Verantwortlicher Redaereur: Paul John in Berlin. Druck und Berta» von Btax Boving m Berlin.