Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 5. Dienstag, den 9. Januar. 1900 (Nachdruck verboteu). 51 Das WVcibevdovf. Roman aus der Eifel von Clara Vicbig. Es dunkelte jetzt stark. Immer noch eilten Gestalten ins Wirtshaus; unter den Spätkommcnden waren auch Lorenz und seine Verlobte, die heute zum ersten und letztenmal Auf- gebotenen. Bäbbi sah verweint, aber doch strahlend ans; der Bursche weniger strahlend, mit einer gewissen gleichgültigen Energie geloappnet. Sie hatten hent einen schweren Stand gehabt, den ganzen Nachmittag hatten sie bei den alten Schneidcrsch uni die 5kamnier neben dem Stall gebettelt: da sollte die junge Frau wohnen, wenn der Mann wieder über alle Berge war. Noch schluckte Babbi an ihren Thränen, aber stolz er- hobcnen Hauptes ging sie an der Hand ihres Lorenz— wer konnte ihr jetzt etwas nachsagen? I In der engen Thür stiegen sie mit den MiffertS zu sammelt; etwas unsaujt prallte Pittchcn gegen die Braut. Sein Mund verzog sich, er zwinkerte pfiffig...Helao, bat Lenzen Bäbbi l Ech dachten, et war eu Luftballon l" Lucia kicherte. Lorenz schnob ihn wütend an:„Kehr vor Deiner Diehr! Duh nor net e su, als ob bat Zeih alteweil nf cm Extra- stichlchc gcsäsj Hütt. On Dan, Dan sollst et doch sälwer wissen. Schürzenhänker—" „Still biste I" Lucia legte ihm die Hand auf den Mund. „Net e su omnanierlich, mein Jong I" Ihre weichen, wenig verarbeiteten Finger drückten fest und warnt, jedes zornige Wort starb dem jnngen Mann auf den Lippen. „Neist for ongud," murmelte er.„Laofi los. Zeih l" „Ech gradelicren Der, Lorenz," sagte sie freundlich; und dann sich mit ihrem strahlenden Lächeln zu Bäbb wendend, schüttelte sie der herzlich die Hand:„Ech gradelicren Der, Bäbb— Dau sollst glücklich gänn l" „Merci l". Das Mädchen brachte den Mund nicht zusammen, die Gratulation machte ihr so viel Vergnügen.„Wir machen kein groß Hochzeit", sagte sie dann wichtig,„en Stöcker fünnef- zehn oder zwanzig, äwer wenn Dir forlief nehme wollt, et soll ons freien!" «Merci l" Die Miffert knixte zierlich.„Met Verlöw, mir sein gären von der Pardi!" Lorenz machte ein böses Gesicht— hatte der Pitter nicht auch einmal nni sein Mädchen hernmgcschnuppert? Die Bäbb hatte es ihm selber erzählt. Daß ihm das nicht eher eingefallen war! Wie lang wars her I Trane einer den Frauenzimmern! Er glaubte ein Vlickewechseln zwischen den beiden zu bemerken. Zornig rist er Bäbbi mit sich fort: „Komm doch!" Auch Peter sagte ungeduldig:„Komm!" Keine war doch wie seine Zeih l Er hatte mit ihr fort mögen, dahin, wo kein anderer Mensch war; keiner sollte sie sehen, keiner sie lachen hören l Als er mit ihr tanzte, preßte er sie, daß ihr der Atem verging. Rund herum wirbelten die Paare. Immer rascher wurden die Tanzlveisen, immer wilder schwenkten die Röcke, stampften die Schuh! die glattgeflochtcncn Zöpfe lösten sich, hier und da hingen einer schon die losen Haarsträhnen über den Rücken. Immer fester packten die Männer zu. Die kleine Tina hatte auch einen Schatz gefunden, der stupsnasige Laven hielt sie in den Pausen auf dem Schoß und ließ sie auL seinem Glase trinken. Heute nachmittag erst hatte sich das angebandelt. Tina hatte in ihres Vaters Garten gestanden und den Hals gereckt, als der Bursche vorüber kam. Ihre begehrlichen Augen zogen ihn an, er blieb stehen: die Anne auf den Zaun gestützt, sprach er zu ihr hinüber. Sie war im hellen Staat, Blumen hatte sie vor die Brust gesteckt. Lange hatten sie miteinander geschwatzt, sie schnippisch, neugierig und verliebt, er im Tone eines Eroberers. Nun war sie sein erklärter Schatz. Da konnten noch so viele kommen und mit einem Kratzstiß bitten:„Leih mer Dei Mensch!"— nur er tanzte mit ihr. Er war galant und be- stellte Wein, Bier und süßen Liqueur. Sie wank alles untereinander: zuletzt wußte sie nicht mehr, was sie sprach, was sie that, sie saß unbeweglich und starrte, mit- glasigen Augen vor sich hin. Da führte er sie hinaus. Das war kein Tanzen mehr, das war ein Rasen. Kein Takt, kein Schritt, kein Drehen mehr, nur ein wildes Durch- einanderhopfsen. Lenzen Bäbb war mitten dazwischen: der Lorenz war schwer betrunken, er wirbelte sie herum, daß sie gegen alles anstießen, gegen Menschen. Bänke, gegen den Schenktisch— zuletzt kam er mit ihr zu Fall. Kein Mensch half ihr attf: man stolperte über sie weg. Jeder hatte mit mit sich zu thun, keiner stand mehr fest auf den Füßen. Wer noch gehen konnte, stahl sich niit seinem Schatz zur Thür hinaus. Ein Paar nach dem anderen schlich um die Regentonne an der Stallwand, hinein ins dunkle Hecken- gäßchen. Horch! Im Dorfe der erste Hahnenschrei! Er klingt wie eine Fanfare, wie ein Trompetenstoß zum Beginn neuer Lust. Der zweite Kirmestag bricht an. III. Es ist früh am Morgen, die Sonne noch nicht auf« gegangen, nur über den Bergen im Osten rötet sich schwach eine Wolkenschicht. Grau liegt das Thal; von Frühnebel die Wiesen überwogt, wie von wallendem Wasser. Die Hähne schreien sich heiser, Hunde schlagen an. Ganz fern am Horizont blinkt noch ein Stern, ein schwaches Abbild früheren Glanzes. Drei Uhr. So früh ist man sonst in Eifclschmitt nicht auf den Beinen: heut klappen alle Tbüren, Weiber, notdürftig be- kleidet mit Hemd und Unterrock, eilen hinaus in den grauen Morgen zum Brunnen. Feucht geht es nieder, als hätte es geregnet: die niedrigen Scheiben der Fenster sind dick an- gelaufen. Aus jedem Schornstein kräuselt schon Ranch und steigt mühsam durch die fchwere Luft zum farblosen Himmel. Mit finster durchfurchten Stirnen stehen die Frauen am Steinherd und kochen den Ktoffee; unterm hängenden Kessel schwchlt das feuchte Reisig, der Dantpf beißt in die Augen, daß sie weinen. Die Küche ist kalt, das Herz schwer wie Blet. Drinnen im Ehebett liegt noch der Mann und wälzt sich in den Federn: er kann gar nicht herausfinden, der Kops ist ihm schwer vom letzten'durchzechten Abend. Er stöhnt und flucht. Wie Gespenster schleichen die Weiber herum, blaß, über- nächfig, hohläugig: die blühendste Wange ist heute bleich, der lachendste Mund schmerzlich verzogen. Langsam tappen.die bei der Kirmes müde getanzten Füße. Der letzte Morgen! Rasch, rasch, die Zeit vergeht! Noch haben sie weit zu' wandern, und die Eisenbahn wartet nicht. Mit vor Hast un- geschickten Händen hilft die Frau dem Mann in die Kleider: Zärtlichkeiten werden nicht mehr getauscht, die haben sich er- schöpft in den paar Tagen— und wozu auch? Er geht jetzt fort in die weite Welt, und sie bleibt sitzen im engen Thal — so ist's nun mal! Mit der gewöhnlichen Alltagsftrimpfheit nintmt man schon wieder sein Geschick auf sich. Die kleinsten Kinder nur schlafen noch, die größeren bringen Hnt und Stock und stecken dem„Pappa" noch ein Brot und ein Stück altbackenen Kirmeskuchen ins Bündel: sie wagen nicht zu sprechen, der Vater ist unwirsch, die Mutter haut beim geringsten Lärm zu. Still, still! Als wäre ein Toter im Haus, so schleichen sie: winselnd schnuppert der Hund herum und drückt sich dem Herrn an die Füße.— In der Kammer der jnngen Schnciderschen Eheleute brannte noch da? Lämpchen: es war so dunkel hier neben dem Stall, nicht, Licht noch Luft kam durch das schmale Fenslcrchcn. Bäbbi wankte vom Herd zum Tisch, vom Tisch zum Bett, vom Bett zum Schrank: immer vergaß sie noch etwas. Nackt und kahl engten die rohgetünchten Wände die dürftige Kammer ein, wirr glitt ihr Blick drüber hin, ein Granen kam sie an— und war's gestern nicht noch hier wie im Paradies?! Sie ivar das rasche Abschiednchmen vom Ehemann noch nicht gewöhnt, vor zwei Tagen war cr-st die Hochzeit gewesen; schluchzend sank sie aus den Schemel vor dem Tisch:„Wanneh kömmste Widder? I" Lorenz saß ihr gegenüber, die Ellbogen anfgestemnit, und stierte in seinen dampfenden Kaffecnapf.„Kreisch net, Bäbbi", sagte er endlich; aber es würgte ihm selber in der Kehle, seine Stinune war beklominen. Sie sagten nichts mehr. Die bunte Wanduhr in der Ecke tickte, der Zeiger rannte rasend schnell— schon zeigte er beinah' vier. Eine fahle Dämmerung schlich durch den düsteren Raum. Bäbbi pustete in das Lämpchcn, daß eS stinkend erlosch. „Eweil giehn ech" sprach er und stand ans. „Noch net!" Sie hängte sich an ihn, von einer verzweifelten Angst erfaßt.„Dan has»och Zeid, blcilv." Krampfhaft packte sie seine Hand—„blcilv uoach cbbes I" Sie schrie laut auf:„Nor ein Minut 1" „Nä"— er machte sich los—„de Aunercn waarten!" „Ech sichn dech gewiß»et Widder— Jesses Mari und Josef— ech graulen, wann ech starwcn moß!" „Dommhaatcn!" Mit verzogenem Mund versnchte er zu lache».„Hal Dech gesond, on schreilo bal, Hörste? I Adjcs, Bäbbi" Er setzte sich den Hut auf und griff nach seinem Bündel, mit dem freien Arm zog er sie au sich.„Jesscs, Bäbbchen, kreisch net a sn! Bäbbchcn, biste gäckig?! Bäbbche, nici lcw Bäbbche!" Wütende Küsse brannten auf scineul Mund, glühende Thräuen flössen auf seine Wange, zitternde Arme hielten ihn umklammert; mit Gewalt machte er sich endlich los. Ganz benommen taumelte er zur Thür— noch ein Blick zurück, noch ein Kopfnicken. Nun stolperte er über die Schlvelle nun war er fort. Sich aufbäumend stand das junge Weib in der Kammer. Da, horch I Noch einmal seine Stimme! Er nahm Abschied von Vater uud Mutter. Jetzt eilende Tritte— jetzt nichts mehr! Mit furchtbarem Schreien warf sie sich vor der Bettstatt auf die Knie und verbarg das Gesicht in dem noch warmen Kiffen.— (Fortsetzung folgt.) Das Vüszttrnmävlszen. (Schauspielhaus.) Die Urteile der Berlin« Presse, soweit sie daS Schauspielhaus bclrcffc», leiden au einer gewissen Ilugerechtigleit. Natürlich nicht in Bezug auf die Premieren, die wir am Gcusdarmeuiuarkt mit Grausen erlebe» müssen, wohl aber in Bezug auf das gesamte Repcrtoir. Schließlich muß man doch eine Bühne nach ihrem Rcpertoir und nicht nur»ach ihren„neuen" Stücke» einschätze». Daun aber>vird das Schauspielhaus im allgemeine» unterschätzt. ES ist noch sehr die Frage, ob seine Shakespeare-. Hebbel-, Schiller- und Goethe- Äusführnngc» nicht litterarisch alles aufwiegen, waS zwischen Jahr und Tag an säinllichcn andern Bühnen an Novitäten geboten wird. Das«chanspielhaus könnte die Heimstätte des großen klassischen Stils sei» und wird es vielleicht auch werde», Iveirn es mit dem Plan jeine Richtigkeit hat, nach dem es in eine klassische und eine Lnjtspiclbühne zerfallen soll. Es rvird dann vcnnutlich ein Zustand eintreten, wie ihn etwa Heine schildert, wenn er meint, daß die Tugend der Bürgermädchen durch die Laster der Halbwelt geschützt»verde. Die litterarische Halblvelt der Lnjtspielbühue wird die Einnahmen znsninmenlningen, von denen der Luxus einer klassischen Bühne bestritten werden tan». Die Anfführnng des„ W i n t e r in ä r ch e» s" von Shakespeare hat uiiS 111111 freilich gezeigt, daß die Klassikervorstellnngcii des Schauspielhauses nicht immer so gut ausfallen, wie die unvergessenen Abende, an denen Judith, HerodeS und Marinmne, Coriolau, Julius Eäsar, Wallenstein und Tasso gegeben ivnrdcn. Im„Wintermärchen" ist die künstlerische Leitung einem Lasier zum Opfer gefallen, das schließlich ans einen! Vorzug stammt. Die glänzende Jlisceuicning der klassischen Dichliiugcii gchvi-t zu den' Vorzügen deS Schauspielhauses. Im„Winter- märchcn" aber überwuchert der Vorzug des Dekorationsmalers die nncki nicht zu verachtende» Vorzüge ShalespeareS in einer Weise, die den heftigsten Widerspruch herausfordert. In ciuzrlucii Sceucu wußte mau wirklich nicht, ob man eiurni Ans- statlinigsstlick oder einer unsteibkichen Dichtung beiwobnle. Die Bor- stellimg. Vir wir einst im„Schillcr-Tkcater" iahen, ivar besser, weil sie sich in den Grenzen der Einfachheit hielt, wobei freilich die Tugend nuS der Not gestammt haben mag. wie im Schauspielhaus das Laster aus dem Reichtimi stammle. Wir bedancin den Fehler «msv.uchr, als gerade das„Wiuicinuirchcn" in nuserer Zeit befruch-' tend wirken kann. Wir leben ja in den Tagen der vühnenmärchen und wir nnsercrscits glauben, daß in dieser neuen„Richtung" doch mehr als mir eine Mode steckt. Die Gründe fiir die Bühnen- Märchen liegen doch etwas tiefer. als die Gründe etwa fiir die neueste Jackcttfa?on. Von der Sehnsucht nach dem historischen Drama wurde bereits früher an dieser Stelle gc- sprochen. Diese Sehnsucht ist aber nur der positive Ausdruck für den negativen Wunsch, den Naturalismus los zu werden. Mit dem historischen Drama aber ist es eine eigene Sache. Es ist keine leichte Aufgabe, einen Menschen von historischem Belang ans die Beine zu stellen und so hilft Irtan sich mit dem Märchen, das ja auch eine Flucht vor dem Naturalismus ist. In dasselbe Gebiet gehören übrigens, beiläufig bemerkt, die symbolistischen Maske- rade». deren zeitgeschichtliche Bedeutimg ivir keineswegs verkennen, so sehr wir den Mitspielenden auch unsere Aiicrkcnimng versagen müssen. Vom„Winterniärchen" könnten unsere modernen Autoren vor allem lernen, daß auch im Spiel der Phantasie ein realistischer menschlicher Kern stecken muß. LeonteS und Herntione sind Menschen, die von grandioser Gestaltungskraft zeugen, und ihr Schicksal ist mir darum keine Tragödie, weil eS cbcii nicht tragisch, sondern märchenhaft phantastisch ausgeht. Im übrigen bclvcgt sich die Kunst, mit der es geschaffen und gestaltet ist, durchaus auf der Höhe der Tragödie. Genüsse moderne Dichter glauben, wen» sie„Märchcn" schreiben, von den Pflichte» cnt- blinden zn sein, die das strenge Drama dem Autor ans- legt. Ihre„Märchcn" stannne» nicht auS innerem Reichtum, sondern anS innerer Armut. Weil sie das Leben nicht packen und belvältigc» löinien. fliehen sie das Leben. Die blassen Schemen, die sie über die Bühne spuken lassen, geben sie dann für Märchcngestalteii ans. Es ist nun aber ein kindlicher Irrtum oder biclnichr ein noch schlimmerer(denn das Kind weiß es besser) als ob das Märchcn des Lebens nicht bedürfe. Es braucht nicht nur die kräftigen Farben, die das Leben auch braucht. eS braucht sie noch kräftiger und Ivänncr, da cS uns an Wunder glauben lassen lvill. Man sehe sich nur einmal die Bilder von Böcklin au. Auch er malt ja Märchcn, aber seine Fabclgestaltcii sprühen ein Leben ans, so hell und farbig, daß wir unS in der Wirklichkeit vergebens danach umschn. Aristoteles meint, daß es eines und desselben Mannes Sache sei, eine Tragödie und eine Komödie zu schreiben. So kann auch nur ein Märchen dichten, wer auch die Welt in gewöhnlicher Soiinenbelcuchtniig zu zwingen vermag. Das Märchen ist keine Zufluchtsstätte der Schwäche, sondern ein buntes Reich, in dem die Kraft sich in glücklicher Ungcbnndcnheit ergeht.— Auch diese Ungcbniidcnhcit ist nun freilich nicht ganz so im- gcbnndcn, wie manche zn glauben scheinen. Ein lünstlcrischer Organismus bildet sich ivie ein natürlicher nach bestimmten Gesetzen und auch das Märchen macht hiervon keine Ausnahme. ES kann mit Himmel und Erde schalten und walken, ivie cS mir immer will, aber wir müssen an seine Wunder glauben und in dieser Roi- wendigkeit liegt die Grenze. Wie ein Dichter miS zum Glauben zwingt, sehen wir nirgends besser als im„Wintermärchen". Die schließ- liche Versöhnimg zwischen Leontcs und Hennione wird durch eine Reihe der wunderbarsten Ereignisse hcrbcigcsührt, an der Bei- söhnnng selbst aber ist nichts Wimderbarcs. Shakespeare hat den Kvnfliil gleich so angelegt, daß wir vom ersten Augenblick an eine Auflösung erwarten müssen. Die Eifersucht des LeonteS erwacht so jäh und steigert sich sofort zn einer so nnheiinlichen Höhe, daß ein Ilmschlag n» bedingt eintreten muß. Herini oueS Keuschheit ist blüten- wciß gemalt, das Orakel spricht sie frei, das Boll glaubt an sie, ihr angeblicher Liebhaber ist der trencstc Mann von der Well: der Wahn des Königs konnte jäh entstehen, aber er muß auch ebenso jäh vergehen. Die Flammen der Leidenschaft konnten düstcrrot und riesengroß cmporschlagen, aber sie müssen ans Mangel a» Nahrung sterben. Die Gedanke» ichwciscn hier von selbst zin»„Othello" hinüber. Wie anders ist es hierl Welch eine nnversiegliche Quelle deS Mißtrauens liegt schon in dem Umstand, daß Oihello ein Neger ist. Im„Wintermärchen" aber ist nichts, das für immer und eivig den Sinn des»königS vcr- giften könnte. Die Versöhnung muß lommcn und io sind ivir auch nicht im geringsten befremdet, als sie nun wirklich kommt. Die viele» wunderbare» Zufälle, durch die sie schließlich herbeigeführt wird,_ sind einer vcrmmfl- gcmäßeu Psychologie mitergeordiict imd sind somit selbst in Psychologie aufgelöst. Wir glauben an die freundlichen Götier, die in die Hand- lnng eingreifen/ nicht nur weil wir sie menschlich wüiischcn, sondern weil wir sie»lenschlicki wünschen müsse». Dies ist cS vor allem. daS Herr Fulda in seinen Fabeleien nicht begreift. Daher sind seine Märchen auch nichts als— unmöglich.— Erich S cb l a i k j c r. Kleines Feuilleton» glr. Tic lieheiniat der Keriuauru. Die soeben cischitiiciic» „Neuen Jahrbücher für das lliissischc Alterlnm" veröffentlichen einen bemerkenswerte» Aussatz von Prof. Anglist Hcdinger, der sich mit den neuesten Forschmigen über die immer noch strittige Frage nach der Urheimat der Germanen beschäftigt. Bis vor kurzem glaubte man noch, daß die Germanen ursprünglich au de» llfcrn des schwarzen und kaspischen Meeres gesessen bnbe». Diese Annahme stützte sich vor allem nnf die Richlung der Züge der Bötterwande- vunfl, besonders Theodorichs Z»q mit den Goten von Konstmitinopcl über den Bolkau»ach Jstrie», Tirol und Siiddeutschland. Aver diese historische Thatsache ist für die U r h e i in a t der Germanen nicht vc- lveiskräftig genng. Hedinger sucht nachzinveisen. dnsz die Ablösung der Germanen von den Ariern erst spät erfolgt sein kann, dag die Ent- Ivilklnng der germanischen Sprach- Einheit aus der arischen an eine»r Punkt vor sich gegange» sein mnh, der aber weder daS Schwarze Meer, noch die Donau gewesen sei» kann. Wie ans dem gemcin-germnnischc» Wortschatz hervorgeht, kannten die Germanen schon in ihrer llrheimat Birke. Buche, Eiche, Esche. Ahorn, Fichte. Ulme und Weide, sie kannten Tiere, die nnr in Wäldern heimisch sind, wie Elen, Hirsch. Reh, Fnchs. Die Liebe zum Wald ist den Germanen eingewurzelt von Anfang an. In Siidriigland aber gab es weit und breit nnr baumlose Steppen. Auch andere im Wasser lebende Tiere, die den Germanen schon damals bekannt waren, wie Aal, Lachs und Walfisch kamen im Scklvarzen Meer nicht vor. Die Möive, das Reh, Elen, Lnchs fehlten im kaspischen Gebiet. An einemWcere mutz die Urheimat der Germanen freilich geivcsc» sei», darauf Iveist der gcmcin-gcrinanische Name für Walfisch, Seehund. Hummer, und Meer hin-, für das letztere existierten sogar mehrere Ausdrücke, ein Bclveis für die große Rolle, die das Meer im Leben der Ur- gcrmanen spielte. Dieses Meer aber kann nur die O st s e e gewesen sein. Die Nordsee ist ausgeschlossen, denn in den angrenzenden Gc- bieten konnnt die Fichte, die das arische llrvolk kannte,>vildivachsend nicht vor. Aber auch nicht in den deutschen Gebiete» ist die Urheimat der Arier zu suchen; es weist vielmehr alles darauf hin, daß die Bc- volkcrnug S ii d s l a n d i n a V i c» s älter ist als die der deutschen Ostsrcländer. Nach zahlreichen historischen Zeugnissen sind nicht nur die Goten, auch die Gepide», Hernler, Dänen. Franken u. a. ans Skandinavien gekomme». Die in Deutschland angesiedelte» Kelten wurde» durch die Germanen des Nordens verdrängt, denn alle Kelten- ziige zeigen zunächst südliche Richtung. Daß aber die prähistorischen Bewohner Skandinavieiis Arier ivarcn, geht ans einer Bergleichnng der heutigen Schädelform mit den ansgefnndeneu prähistorischen hervor. Mau kann den Thpns der heutigen Schtvedcn als den eigentlich arischen Typus ansehen; genau derselbe TypuS ist aber auch in dein prähistorische!« Material nachzuweisen, das man besonders in neuerer Zeit in Skandinavien gefunden hat. Die am meisten hervortretenden Kennzeichen der Arier: die Dolichokephalie sLanglöpsigkeits und die helle Kvniplcxion treten bei nenn Zehnteln der prähistorischen Bcvölkel'iing Schivcdcns ans, während nnr ein Zehntel der brachykephalcn. lappischen Rasse angehörte, deren Heimat ii« die asiatische Hochebene zu verlegen ist. Derselbe Typus findet sich in ganz Skandinavien von der jüngeren Steinzeit an durch die Bronce- und Eisenzeit hindurch. Bei den alten Schädel» verhielt fich die Lange wie 1000: 731. bei den heutigen wie 1000: 771. Auch die helle Komplexion ivar in Skandinavien am häufigsten. Wenn man mm annehmen mnß, wie aus den Gräberfunden hervorgeht, daß die Eimvandcrung der Bevölkerung in der jüngeren Steinzeit vor sich gegangen ist. so steht doch nach Hcdinger anderer- scits fest, daß diese Bevölkerung noch nicht als Ger in a n e» «ingeioandcrt sein kann, da die Trennung der germanischen Grnnd- spräche von der arischen erst später hier erfolgte. Im 13. Fahr- hundert ist z. B. noch zwischen den» Isländischen und Rorivegischcn kein großer Unterschied. Da nun die Steinzeit in Dänemark und Sndskandiimvien als direkte Fortsetzung der paläolithischcu Periode in West- und Mitteleuropa erscheint, so folgt von selbst, daß die Vorfahren der späteren Arier in den ivest- und mitteleuropäischen Ländern zu suchen sind. Hier findet man auch wstllich schon die charaltcristischen Merkmale der arischen Schädclsorm, die ans den dortigen klimatischen Verhältnissen der Glazialzeit zu erklären sind. Hier beruhte die Kultur ans dem Ren. Mit diesem zog auch der Mensch nach Norden, Ivo das Aussterbe» deS Rens das Ende der paläolithischc» Kultur herbeiführte.— — Mokka Kaffee. Der amerikanische Konsul in Aden bc- handelt in seinem letzten Bericht eine Frage, die schon sehr oft n»f- grioorfc» iviirde, nämlich, ob die europäischen und anicrikanischen Märkte thatsächlich jemals echte» Mokka-Kafiee erhalten, oder aber, ob das Produkt, das unter diesem Namen verkauft und teuer be- zahlt ivird, irgendivo anders gewachsen und nur in Mokka zusammen- gemischt worden ist. Der Konsul sagt, daß diese Aimahme voll- kommen falsch ist, den» die Bücher seines eigenen Konsulates in Aden und die der Konsnlaragenliir in Hodeida zeigen, daß über fünf Millionen Pfund Mokka-Kafiee allein im letzten Jahre von diesen beiden Plätzen nach de» Vereinigten Staate» geschickt ivnrden, von den Quantitäten, die nach Europa gingen, gar nicht zu sprechen. Es ivird behauptet, daß dieser Kaffee, obwohl er thatsächlicki von arabischen Häfen aus verschifft ivird, doch anderswo gewachsen und lediglich nach Aden transportiert ist, um als Mokka wieder auS- geführt zu werden. Diese Annahme ist ebenso falsch, ivie ans einer Feststellung der englische!« Behörden in Aden hervorgeht. Es ist'wahr, daß erhebliche Mengen von Kaffee von Java, Singapore und anderen Plätzen in Aden gelandet werden, aber diese Sendungen »verde» in besonderen Warenhäusern in Maala, die unter behördlicher Kontrolle stehen, untergebracht. Wenn die Eigcuthüiner dieses importierten Kaffees denselben weiter zu verschicken wünschen, so »vird ihnen ein Beamter beigegeben, in dessen Begleitung und unter dessen Aufsicht sie die geivünschten Mengen aus dem Waren- banse holen und verschiffen können. Ohne Beamte hat keiner der Kanflciitc. die Waren in diesem Depot lagern lassen, das Recht, dasselbe zu betreten. So ist— theoretisch wenigstens— die Einfuhr der minderwertigen Bohnen mniiöglich gemacht. Der Konsul fügt hinzii, daß anS den Zolldeklarationen ersichtlich ist, daß diese sremden Kaffees fast alle ivieder exportiert iverdcir«nid nach Aden mir zum Zwecke der Umladung gebracht Iverdcn. Die Vorsichtsmaßregeln, die man in Türkisch- Arabien getroffen habe, nm das Vermischen von Kaffee unmöglich zn machen, seien außerordentlich scharf. Diese Zuversicht ist trotz alledem nur bedingt berechtigt, denn ivenn die scharfen Vorschriften in Mokka, Aden und Harrar vielleicht die Vcrmischnng der echten Bohnen mit minder- ivertigen Sorten zn hindern soiveit im stände sind, daß der europäische oder amerikanische Importe»! ziemlich sicher sein kann, reinen Mokka zn taufe», so ist damit doch noch lange nicht gesagt, daß der Kon- snmeilt mm auch immer diesen reinen Kaffee erhält. Es ist längst bekannt, daß die Mokka-Bohncii in Europa und Amerika nachträglich häufig mit minderwcrtigem Kaffee vermischt werden. UcbrigenS ist auch der reine echte Molka-Kaffee für den üblichen Preis wohl kam» zn liefern. Es werden jährlich ctiva 7»/z Millionen Meterccntner Kaffee verbraucht, und die Gcsamtprodnktioi» des arabischen Kaffee» soll noch nicht 50 000 Meterccntner betragen. Von dieser Prodnltio« aber geht das meiste nach Konstantinopel, sodaß siir Europa und Auicrila recht ivcuig übrig bleibt.— Litterarisches. „Die junge Welt". Komödie in d r e i A n f z ü g e n von Frank W c d e l i n d. Man könnte mitimter ans den Gedanke» kommen, daß gerade die schivächstcn Talente sich am Theater zu- samnicnsindcn. Vergleicht man den Premicrendurchschnitt. unserer besten Bühnen mit den Diirchschnittserzengnissen auch nnr der Presse zweiten RangcS, ergicbt sich zu Gmistc» der Presse ein beträchtliches Plus. Trotzdem ist die Aimahme. die ivir im ersten Satz ans- sprachen, ein Irrtum. Fast jedcS Talent, das irgcndlvic dramatisches Können in sich fühlt, beivirbt sich heute in» die Bühne. Daß dabei so erschreckend mindenvertigc Leistungen herauskommen. selbst ivenn ein allgemeines poetisches Talent vorhanden ist, ist in der Eigenart des Dramas begründet. Das Draina ist die höchste Klnistförin, cS stellt mithin die höchsten Fordekniigcn und so muß folgerichtig ein mittleres Talent im Drama mehr schuldig bleibeu, als etwa iu der Novelle. Wolzogcn und Bahr können sehr wohl ein humoristisches Gedicht oder ein charmantes Feuilleton schreiben, aber sie schreiben fast regelmäßig schlechte Stücke. DaS Draina verlangt einen Sinn für Totalität, den nnr weiiige besitzen. Es verlangt feiner gebieterisch, daß die jeweilige Situalion erfaßt und erschöpft Ivird. Es gicbt hier keine Abwege in intereffantc Betrachtungen und poetische Schilderungen hinein. Es gicbt nur den graben Weg der psychologischen Entwicklung; cS giebt nnr oder doch fast mir die Reize der Eharaktcristik. Wer dem nicht gerecht zn werden vermag, leidet unerbittlich Schiffbruch. Jede Vcr- Zeichnung wii-d durch die Bühnciilampen grell beleuchtet, und eben weil sie nnS durch den ganzen Apparat deS Theaters zum Bewußtsein gebracht wird, wirkt sie so entsetzlich peinigend. Wir sind also der Meinung, daß minderwertige Premieren mit einem gewissen allgemeine» Talent sehr wohl vereinbar sind. ES ist die strenge dramatische Kniist, die sich an dem rächt, der ihr nicht ganz gewachsen ist. Ans den Gründen, die wir eben cntivickclt haben, gehören wir auch nicht zu den Lcntcn, die in den Thcateraichivc» ungeahnte Schätze vermuten. Wer die Seltenheit des ivirllichen dramatischen Talents kennt, wird diesen romantische» Kvhlcrglanben nicht leicht teile». Immerhin aber sind nnscre Direktoren keine' weg? über de» Verdacht erhaben, die dramatische Litteratur nicht zn keiuie.l, und so empfiehlt es sich für die Kritik allerdings, auch die dramatische Buch- litteratur mifmertsam zu beachten. In F r a n k W c d c k i n d s.I n n g e r W c l t" fanden wir nun leider bestätigt, waS wir in der Einleitimg anSführtcn. Wedckind ist ein amiisanter Schriftsteller, dem mau in«„SimplicissimuS" sehr gern begegnet. Seine Komödie aber ist ein misertigcs, unreifes. verworrenes und verwirrendes Etwas. Einige junge Mädchen haben im Pensionat gelobt, für die Befreiung deS Wcibcs zu arbeiten und nicht z» heiraten. Schließlich heiraten sie natürlich doch und noch dazu eine ganz mcrklvürdige Kollektion von Männern. Ein Assessor vertritt die brave Mittel- Mäßigkeit— und da Wcdclind nicht satirisch sein kann, ohne daß er zugleich absurd wird, verlritt er sie natürlich so konsegnent. daß er seiner Fran»erbietet, jemals über etwas nachzndcnlen. Gelesen wird im Hanse nicht. Dafür badet und schwinnnt man, um sich jung zn erhalten. Bon ähnlicher oder vielmehr von noch geringerer LcbciiSivnhrhcit sind auch die übrigen Charaktere des Stückes. Besonders ein sogenannter„moderner" Dichter. der geradezu an Gehirnschwund leidet, ist eine entsetzlich abschreckende Karikatur. Vielleicht wollte Wcdckind die unklare, wilde Gedankenwelt schildern. in der sich die moderne Jugend herumtreibt. um dauu schließlich doch in irgend einer bürgerlichen Stellung mitcrzn- kriechen. DaS wäre an sich kein unebnes Motiv; aber Wcdckind gehört leider selbst zn dieser Jugend. Seine Komödie zeigt ihre ganze Ikiircife und Ohnmacht, nnd so ist die Nnklarheit zwar wieder« holt, nicht aber persifliert worden.— E. 8. tvesniidhcitöpslcge. — Kalte Füße sind ein sehr weit verbreitetes Nebel: manche Menschen können sicki dieselben kaum im Bette erwärinen. Sie sind ein Zeichen von Blutmangel in diesen vom Herzen entferntesten Körperteilen nnd von einer schwachen Blntcirlnlation, zivar an und siir sich nicht gerade gefährlich, aber geeignet, zn ganz gefähr- titficn Krankheiten die Ursache zu werden. Das beste ist freilich Berhiihuig derselben schon im voraus, dadurch, das; man diesen Gliedmaßen auch die gehörige Berücksichtigung zu teil werden läßt. Das erste ist Verhütung von zu engem Schuhlverk. Es ist zlvar allgemein bekannt und eigentlich selbstvcrstnudlich, das; EinPressung die Blutcirkulatio» hemmt, doch richtet man sich iuWirklichkeit wohl nach keinem Grundsatze so wenig wie nach diesem. Dann ist nötig die erforder- liche trockene Warmhaltnng der Fritze. Die Neigung zu kalten Fritzen, die bei vielen jungen Personen vorhanden ist, zeigt sich im unangenehmen Grsiihl des Kakiscins, das sich beim Sitzen ein- stellt, eher als bei anderen Personen. Jetzt ist die richtige Zeit der Vorbeugung. Die letztere kamt noch ans dem einfachsten und natürlichsten Wege geschehen, nämlich durch Nötigung des Blnt- znflusses nach diesen Teilen. Dies geschieht durch Bervegnng. Man dreht den Futz kreisförmig im Knochengeleiii nach beiden Seiten, nian steht aiif den Zehen, man macht auf diesen methodische Tritt- bewegllngen und geht spazieren. Weitere natürliche Mittel sind kurzes kaltes oder erst warmes und darauf kaltes Futzbad mit folgendem trockenen Frottieren vor dem Schlafengehen. Wenn man hiermit zeitig genug beginnt, so kann bei diesem natürlichen Ver- fahren, das nie nachteilig werden kann, der Erfolg lue ausbleiben.— Meteorologisches. — Der Winter am Eigergletsckier. Der Inspektor der Jnngfraubahn, Wrnbel, schildert in einem Buche„Ein Winter iir der Gletschcrwelt" den vorigen Winter, den er mit den Arbeitern i» der Höhe des Eigerglctschers(2360 Meter) verbracht hat. Die„Tag- liche Rundschau" teilt daraus u. a. folgende Stelle mit:„Die Bewohner des Eigergletscherö geuictzen den Sonnenaufgang im Winter erst gegen 11'/» Uhr. da sie sich in einer Mulde befinden und das Eigermassiv gegen Osten eine Wand bildet: aber wenn erst ihre kleine Kolonie im Lichtkreise liegt, dann steigt die Temperatur auch antzer- ordentlich rasch. Oft können sie mitten im Winter auf dem leuchtenden Schnee zu Mittag speisen und ihren Kaffee auf der Veranda trinken. Auf der Südseite ihres Hauses zeigt das Thermometer dann nicht selten -k- 40 Grad Celsius in direkter Sonnenstrahlung, während sie auf der Nordseite des gleichen Gebäudes im Schatten zu derselben Zeit— IS Grad Celsius ablesen. Wenn sie also von der einen Seite zur anderen gehe», müssen sie unter Umständen eiuen Temperaturunterschied von 60 Grad Celsius überlviudeii. Der Gletscher ist für die Ingenieure der Jurabahn und ihre Arbeiter ein ganz zuverlässiger Wetterprophet. Wenn die Eisklötze in verschiedenen Abstufmigen blau leuchten, dann löiimu sie mit Sicherheit auf„anhaltend schönes Werter" rechnen. Verlvandelt sich aber die Farbe in helles, mattes Grü». dann wisse» sie, datz starker Schneefall(im Sommer Rege») bevorsteht. Eintöniges Weiß der Gletscher dagegen kündet anhaltenden Nebel an, und wenn sich von Süden � her über das Jnngfrauioch eine feine weiße Wolke legt und wie ein Schleier ans der Nordseitc des Joches an Firn und Gletscher langsam herunterzieht, dann wissen sie, datz ihr schlimmster Feind inr Hochgebirge, der Föhn, im Anzüge ist. Und wenn er über sie mit seiner furchtbaren Gewalt hiuwegbraust, dann ist es ihnen, als zöge da? wilde Heer der deutschen Sage mit lärmenden, Wutgeschrei vorüber.„Das Haus erzittert in seinen Grundfesten, als sollte es im nächste» Augenblick i» die Tiefe hinabgeschleudert werde». An den Fenstern rüttelt der Sturm mit einer Macht, datz manche Scheibe in Trümmer geht. Durch alle Ritzen der Doppelfenster pfeift der Wind und' treibt feinen Schneestaub ins Zimmer. Trotzdem die elektrischen Heizapparate in Funktion sind, ist die Temperatur nicht über-+- 7 Grad Celsius zu bringen. Bei diesem Brausen und Tosen de? Föhns müssen alle Feuer und Lichter gelöscht werde», mit Ans- itahmc der eleltrischc». Aber gerade der elektrische Strom erzeugt nun ei» prächtiges Schauspiel. Der Sturm bringt die drei Drähte der Starkstromleitung in schwingende Bewegung, oft peitscht er sie gegen einaiider; wo sich aber zwei Drähte berühre», wird ein Kurz- sch'lutz erzeugt und in demselven Augenblick springt ein Blitz zm» Himmel hinauf. Wahrhaftig, es ist ein geradzu unbeschreiblich schöner Anblick: die vielen Hunderte von Blitzen, die unter de», Geheul des cutfesselte» Föhns aus dem Rebelmeer zum klaren Sternhimmel emporzucken."— Technische?. — Pretztorf für Lokomotivfeuerung in Kanada In Stcatford, Grafschaft Pcrth, in der kanadischen Provinz Outario, wird nach Scientific American aus einem über 16 000 Hektar großen und 0,3 vis 6 Meter mächtigen Torfmoore Torf gewonnen, der, gepreßt, mit Erfolg zur Lvkoinotrvhciziuig und zu anderen industriellen Zwecken verfeuert wird. Der gestochene Torf wird an der Luft getrocknet, mechanisch zerrisse», i» ein Stahlrohr von 51 Millimeter Weite und 33 Centimeter Länge gebracht und darin zu 72 Millimeter laugen Torfcyliudern gepreßt, die fast die Festigleit von Anthracitlohlen haben. Der Kubikmeter dieses PrctzwrfcS wiegt 1315 Kilogramm. Frei von Schwefel»ud Schlacken gebenden Mineralien, verbrennt der Torf ohne Rauch-, Ruß-, Stand- und Schlacken-Euffvickluiig mit langer, beller Flamme und starker Hitze. 100 Kilogramm Pretztorf haben den gleichen Heizwert wie riuid 05 Kilogramm Steinkohle. Die Provinz Outario hat rund 40 500 Hektar Torfmoore, die vorzugsweise in den Grafschaften Perth, Wel- land und Essex liegen. Da die bisberigc Holzvergeudung auf die Dauer nicht durchzuführen ist, die Kohlen aber teuer— 25,50 M. für 1000 Kilogramm— sind, so verspricht die Ausbeutung der Torf- lager von großer N'irtschnftlicher Bedeutimg zu werden, zumal die TorffabrikatiouS-Gescllschast hofft, die Tonne Torf bei vollem Be- triebe zu 2,55 M. liefern zu könne».—(„Prometheus".) Hnmoristisches. — Opferwillig. SerenissimuS:„Sagen Sie. Marschall, Wie viel soll die neue Flotte eigentlich kosten?"— Marschall:„Achthundert Millionen."—©er:„So, so. wie viel bekommt denn da.'on mein Ländchen zn tragen?'— Mar- schall:„Wenigstens l.rniderttauseud Mark, die durch neue Stenern anfgebrachit werden miinen."—-Ser.:„Da werden die Leute gewiß wieder murren."— Marschall: ,.O. keineswegs, Hoheit, das Voll ist ja so opferwillig, es spart sich die Bisse» vom Munde ab, wenn es sich um einen patriotischen Zweck handelt."— Ser.: „Bravo, das höre ich gern. IlebrigenS. ivemi das Volk so opfer- willig ist. könnte ich mir ja bei dieser Gelegenheit gleich meine Civil li�te erhöhen lassen!"— — Ein feines Präsent.„Du, Ede, waS hast Du denn zu Weihnachten jekricgt?" „die Schmirrbartbiude." „Du hast ja aber gar keeue» Bart." „Ja. sie is ooch kaput."— — Rate mal. Frau:„Sieh mal, loa? ich da für eine wundervolle Stickerei gekauft habe: und wirtlich auffallend billig."— Gatte:„Sehr nett! in der That reizend! was hast Du denn dafür gezahlt?"— F r a u:„Rate mal."— Gatte:„Ich denke, so— sechs Mark?"— Frau:„Da sieht man. datz Du gar nichts davon verstehst. Das ist doch keine Maschmenarbeit! alles mit der Hand gestickt, und so sauber und geschmackvoll: und dann bedenke doch auch die Größe: tvirklich. Du verstehst gar nichts davon."— Gatte: Also sagen wir: zwölf Mark.— F ran:„Fünfzehn Mark ist die Stickerei wert: gehe nur mal in ein Geschäft und erkundige Dich. Ich uatür- lich kenne die Quellen und habe tveuiger dafür bezahlt."— Gatte: „Also wieviel denn eigentlich?"— F ran:„Sechs Mar k."— („Lust. Bl") Notizen. — Die„ Neue Freie B o l k S b ii h n c" bri:.st am 14. Januar nachmittags im Thalia-Theater da? Lustspiel„Freund Fritz" von Eck m a n n und C h a t r i a n zu• Aufführung.— — Im Berliner Theater soll allmonatlich eine Sonder- Vorstellung von Stücken von litterariscber Beden. ung veranstaNet werden, gegen deren Aufnahme in daS regelmäßig- Repertoi- Be- denke» obtvallen können. Zunächst find in Aussicht genommen: „ L i b u s s n" von G r i l l p a r z e r,„ A m p h i t r h o u" von Kleist- Molii-re,„ U e b e r unsere Kraft" von B j v r»so».— —„Gevatter Tod", ein Märchen von der Menschheit von Eberhard König, das im Berliner S ch a n s p i e I h a n' e zur Aufführung gelangt, ist bei S. Fischer, Berlin, als Buch erschienen.— — Eine„Berliner Stadt o per" soll nach dem„Kl. I." im Entstehen sei». Ihr Programm wäre, vornehmlich Werke lebender K o m p o n i st e n zur Aufführung zu bringen.— — Im Salon Gassi r er wird eine Sammlung von Werken der e Ii g l i ich e ii M a l e r e i des 13. JahrbnndertS aus- gestellt. Sie enthält Werke aller Hauptiiicister. vor allem vierzig Landschaften von Coufiable, ferner Werke von Gaiiisborviigh. Bmiimstoii, Repnolds. Bcechey. Hoppner, Jackson, Latvreiicr, Lee, Morland, Ltaeburiv und Romney. darunter einige berühmte Haupt- lverke.— — Im Breslau er„ L o l> e- T h e a t e r" erzielte Karl H a ii p l in a ii n s Schauspiel ,. E p h r a i m s B r e i t e" bei der ersten Aufführung riueu starken Erfolg.— — Born Kultusministerium wurde ein Preisausschreiben von 3000, 200N und 1000 Mark für eine malerische Ausschmückung des Sitzungssaales in dem R a t h a u s e z» St. Johann a. d. Saar erlassen.— — Eine neue Operette ,.J a d w i g a" von Rudolf Del- l i n g e r gelaugt im Februar im„Theater au der Wien" zur Auf« sühriiug.— — Von dem russischen Koiiipouisten R i m S k i- K o r s s a k o w wird demnächst eine neue Oper„Die Z a r c n b r a u t" am Petersburger Mtarien-Theater aufgeführt.— — Eine Gesamtausgabe von A u g u st T t r i n d b c r g S Schriften erscheint in autorisierter deutscher Ncbertraguiig von Emil Schering. Die Ausgabe ist auf sechs Bände berechnet. Eine dreibändige Arbeit über den Dichter aus der Feder des Uebersetzers wird gleichzeitig vorbereitet.— — Der Botaniker Walter Götze ist auf einer ForschungS» reise in D e u t s ch- O st a f r i ka dein Schlvarzwasser- Fieber er- legen.— t. In Guadalajara(Mexiko) bat sich auf einem wegen seiner Schwefelquellen berühmten Hügel plötzlich unter starken Detonationen ein S e e von s ch lv e f l i g e in s a n r e m W a s s e r gebildet, der einen Umfang von einem Kilometer und eine Tiefe von 12 Metern besitzt.—___ itzeranrwortlicher Revacleur: Paul John in Berlin. Druck im» Verlag von Max Badina in Berlin.