Hlnterhaltnngsblatt des Nr. 8. Freitag, den 12. Januar. 1900 (Nachdruik verbslen). ■** Dns AVeibevdoLf. Ao»m« aus der Eifel von Clara V i e b i g. ..GeNiaach. gemaach.'' sagte Peter! er war ärgerlich, die iuuge saubere Frau war ihui bei weitem lieber, als die stark kuochige ältliche. Eutriistet wandte sich die Kathrin gegen ihn:„Ech maß inech siehr Ivouucru, daß Ihr Eich met su aner iulaoßt! Duh es dat Zeih doch en auncr Pcrsohn, su alert an fremd sich an artlich(artig) im Onigaug. an de Schieustc weid ou brcid l" Sie lobte die Zeih über alle Maßen Peter war ganz verdutzt, er hätte nie geahnt, daß die da was von der Zeih hielt— im Gegenteil. Aber es schnicichelte ihm gewaltig, daß die angesehene Deuzboruerin seine Frau lobte. Er lächelte und strich sich den Schnurrbart.„Womit kann ech nfivanrte», Fra Denzborn?" Ihr Gesicht mit den breiten Backenknochen und der zu Leder verbrannten Haut schmunzelte.„Ech tvoltten Eich uor fraon. ob Ihr«et e sti gnd sein»vollt, on mer de Adreß an dän Denzborn schrcilven, ech haon nct c sn en schien Hand- schrilvt. On de anneren hei sein e sn ongcbildt, se können net emol ihren eignen Naomcn schreilpeu. dat mer hän läse kann. Hei!" Sie zog ein Brieskonvert ans der Tasche,- hinten sorg- sättig mit Siegellack verklebt; der Fingerhut hatte als Petschaft gedient. „Nä. wnt Ihr gcltehrt seid," sagte sie bewundernd, c'i er die Adresse schneb rind noch einen kecken Schnörkel unter das „Denzborn" zog.„Ihr könnts besser wie dan Hahr Lahrer zo Oberkail; äwer dän es aoch schunS e sn en Alden, de Äldcn sein för meist mich notz. Mat bin ech Eich schnllig, Pittchen?" „Pe ist, ncist," beeilte er sich zu versichern; er war immer galant, wenn er sich dabei nicht allzn sehr anzustrengen brauchte. „Merci, mcrci! Kommt doch af on ail on drinkt cu Dröppche; von meim Bruder nnncn an der Musel Hammer noch e Fäßchc im Keller." Sic drückte ihm die Hand nnd sah ihn dabei an mit sanften Blicken der sonst so strengen Augen, daß ihm ganz bänglich wurde. Er war erleichtert, als sie ging. Aber noch hatte er keine Nnh, da? Geläuf nahm kein Ende. Da waren noch mehrere gekommen, die schivarze Demi, die blonde Lcis, nnd zuletzt dem Mathesen Martin seine Iran, die Traut; die hatte über ihren Mann geklagt, daß sie der schimpfe und mit Eifersucht quäle, sie hatte geweint und ge- schluchzt nnd Pittchen an„früher" erinnert. . �. Mit der einen lachen, die andere trösten— und alle raressieren, das war ein bißchen viel verlangt l Prttchcn schwirbelte der Kopf, er war ganz abgemattet; kein Wunder, daß er nun vor seiner Hüttenthür saß und cinschlicf.— In der heißen Mittagsluft summten honigbeladcne Vieneit;'ein starker, fast strenger Geruch stieg von den Wiesen um die Salm auf; sie standen hoch im Gras, längst that ihnen das Mühen not. Auf den Acckerchen an den Hängen schimmerten weiße Kopstücher»vie helle Flecken auf blaßgelblichem Grund; da schafften jetzt die Weiber. Aber keine Sense blitzte und legte in laugen Schlvaden das Korn nieder; sie rutschten ans den Knieen und schnitten den Noggen mit der Sichel,»vie man Gras schneidet. Sie arbeiteten hart; der Schweiß rann in Strömen, das Hemd klebte, naß zum Anslvinden, aiu Leib, die braunen Beine, von den Stoppeln zerkratzt nnd zerstochen,- steckten nackt»mterm kurzen Rock. Kein Mann zlvischen den Arbeitenden; nur hier nnd da saß so ein Alter am Grasraiii; als Aufseher, nnd stopfte sich die Pfeife, oder ein paar halbwüchsige Jungen hetzten mit Hot und Hahrü eine magere Kuh, die mühsam de»» Pstng durch die Stoppel schleifte. Glühend heiß der Sonnenprall an die steilen Wände; mager, mager die Erdkrnme, darunter harter Fels. Erbärmlich das Getreide; in winzigen Mandeln aufgerichtet, stand eZ dünn im Stroh, gering m. der Aehre. Auch Bäbbi war bei der Arbeit.';, Joffes,.", sagte sie und richtete sich, schwer atmende aus ihrer..gebückten' Stellung aus. Die alte Schncidvrsch.-die hinter der Sckpvicgertochter das Korn raffte, keifte:-„Voran. genmach! Sei net e si» faul!" „Ech kann net mieh!" „Ech kann net mich," äffte die Alte näch.„Haminer Dcch dafor in de schiene Stuw einlofchiert? Hei gift net gefanllenzt! Mir haon ke'Gäld, om onnötze Mänler zo südern!" Bäbbi verbiß die Thränen. es»vollte sich ihr»vie ein Schrei ans der Kehle ringen:„Wenn das der Lorenz wüßt!" Aber sie sckpvieg. mit der Schwtegermutter war nicht gut Kirschen essen. Neulich, als der Lorenz Geld geschickt, hatte die es»vie selbstverständlich an sich genommen; der jungen Frau, die schüchtern ihr Teil verlangte,»vurde grob über den Mund gefahren. Lenzen Bäbb hatte keinen Anhang, ihre Eltern ivaren tot; der alte schwachköpfige Lenzen Ohm, bei dem sie halb als Tochter, halb als Magd gelvohnt, hatte ihr das,»vas er ihr vermacht hätte, zur Hochzeit ausgezahlt; mm war das verjubiliert, kaum für die notwendigsten Anschaffungen war »vas geblieben. „Wenn er doch hier tvärc! Wem» er bald»viederkäui l" Das war der Stoßseufzer, der sich stündlich von Bäbbis Lippvn tang; mit einer verzehrenden krankhaften Sehnsucht gedachte sie seiner Tag und Nacht! Schlvcr»vie die Bürde ihres Leibe?, schleppte sie ihr Leben hin.„War' er nur »vieder da l" In der Ecke ihrer Kammer machte sie:uit Rötel jeden Abend einen Strich an die Wand— wieder ein Tag vorüberl Noch 1.02 Tage, dann kam er! Die Sichel in der Hand, ans den.Knien liegei»d,� starrte daS junge Weib traumverloren in den blendenden Sonnen- flimmer. Nebenan auf der Stoppel pflügte die Tina Pötsch. Sie hatie ihre beiden jüngeren Geschivistcr, den Istjährigen Karl und die Ujahrrge Bill in den Pflug gespannt— nur wenige im Dorf konnten sich den leisten, die meisten arbeitete»! den Acker mit der Hacke um. Stolz schlvang sie die Peitsche, mit einer besonderen Wollust hieb sie sausend durch die Luft. Das Schnürende traf Billa am Hals, mit einem Aufschrei drehte die sich»im. Tina lachte. „Waart, dan frech Dingen," kreischte die Jüngere tvütcud. Tina lachte noch immer;„Hü. hott, ineinc PecrdchcS I" „Ech sein net dein Peerd!" Billa»vars sich in der Furche nieder. „Hü, hott,»villste zieh»!" Sie blieb halsstarrig in der Furche liegen, kein Peitschen- schlag trieb sie zum Aufstehen, aber als Tina hinter dem Pflug vorsprang nnd sie mit dem Fuß in die Weiche stieß, packte Billa z». Ihre Finger krallten sich in Tinas Wade, mit einem Aufkreischen riß sie die Ueberraschte zu sich nieder. Sie wälzten sich beide auf der Stoppel. Karl, nicht faul, nahm die Partei der jüngsten Schwester; es»var ihm gelungen. sich losznsträngen, mm»vars er sich über die beiden Mädchen, ans Tinas Rücken mit den Fäusten trommelnd. Billa, zu nnterst am Boden liegend, erstickte fast unter der doppelten Last. Das war aber alles noch Spaß, in das Gekreisch mischte sich Lachen: jedoch nun»vurde es Ernst, Tina hatte den Bruder ins Bein gekniffen. dafür riß er sie nun an den Haaren; mit der einen Hand zerrte er ihren Kopf in die Höhe; mit der andern Faust schlug er ihr ins Gesicht. Das Blut floß ihr aus der Nase, daS Waffer anS den Augen; sie schrie laut. Verschiedene kamen hinzu und umstanden die Wolke von Staub, in der sich die Drei wälzten. Die Meinungen Ivaren geteilt. „Dat schadt dem Tina»»eist,»vaiu» dat ordentlich»vat nf de Schnöß kriehl," sagte eine. „Iesses, hän haut se kapporeS(entzlvei)!" „Speck o«» Schivart sein von einer Art— die dilhn sech »«eist Ts'•..... ..Haal bcm Jong de Bein fest, hän trampelt dat Bill zo Schannen I" „Ae»vat. Onkraut dcrgieht net!" „Et blut jao!" „Hüls I Hüls!" kreischte Tina. Ihr Hülseschrei gellte weit über die Aecker. Von allen Seiten liefen jetzt neugierig die Weiber herbei. „Wat es passiert? Wän schreit e su? Kuckt clao I Jejjmarijnsep 1" lFortsetzung folgt.) 1317.».. im Wlonnt Mamafan. (Schlug.) Es hat i» letzter Zeit nicht an Leuten gefehlt, die sich unver- hohlen über diese Schandwirtschaft ausgesprochen haben— aber jetzt haben sie im Exil zu Taif in Arabien für ihre Unerschrockcicheit zu büßen. ES herrscht hier eine Autokratie, ivie sie dümmer nicht ge- dacht werden kann. Jeder freie Gedanke, wie hannlos er auch sein mag, wird unterdrückt. Leute, die verdächtig sind, daß sie solche hegen, werden scharf beobachtet. Es ist ganz selbstverständlich, daß unter solchen Verhältnissen der Presse und der Littcratnr alle Existenzbedingungen entzogen tverden und weder die eine noch die andere den cünuchcnhastcn Charakter, der ihnen aufgenötigt ist, zu überwinden vermag. Estendinns, der Padischah, weiß die unzufriedenen Mäuler zu stopfen. Entweder schickt er sie in die Verbannung, Iv e n n sie ehrliche Leute sind— oder wenn sie nur mit ihrer Entrüstung schauspielern, füllt er ihnen die Hände mit Goldliras und gicbt ihnen irgend eine Sinekure, die ihnen Zeit läßt, ihr Geld bei IiouKe-et- noir oder in Gesellschaft irgend eines weiblichen„krokesseur cku tisncais" in Pcra durchzubringen. Von letzterem Schlage find die meisten Mitglieder der jung- türkischen Partei, die einer nach dem anderen als verlorene Söhne in das Hans ihres VaterS am Bosporus zurückkehren, der ans Freude darüber manch„gemästet Kalb" schlachtet. Wozu sollen sie auch daS bittere Brot der'Verbannung essen, wenn sie sich sagen, daß sie eine Partei aus lauter Führern find, ohne den geringsten Anhang in» Volke? Man sehe doch dieses in Wahrheit bitter leidende Volk an, ob cS wirklich weiß, was ihm not thnt und ob es den Ernst der Lage begreift I Die Almosen, die ihm der Padischah von seinein reich besetzten Tische zugeworfen, verbunden mit der religiösci», durch das Fest hervorgerufenen Erregung, lassen es alle ausgestandenen Leiden vergessen und sich der Freudeil des Festes, soweit es der Geldbeutel erlaubt, hmgebei», worauf dann natürlich nach den» Bairam der Katzenjammer folgen und der Sarraf wieder an die Thüre pochen wird. Tie alte religiöse Gesellschaft des Islams, zu deren Glaubens- artikcl» auch die Lehre von der unbedingten Autorität des Khalifen gehört, wird nur langsam in eine politische Gemeinschaft uingcwandclt. Aber die Umwandlung vollzieht sich trotz aller Hindernisse, die inan ihn» in den Weg legt. Man ist zlvar jetzt in Stanibul ungeheuer fro»nm, aber nur iveil es der Hof ist und lveil inan sich vor den vielen Spionen fürchtet, die einen Atheisten gleich daran erkennen Ivürdei», daß er nicht fastet und die fünf täglichen Gebete nicht rentiert. Die Schulbildung, um deren Ausbreitung »nerkivürdigerwcise der jetzige Sultan ein wirkliches Verdienst hat, dringt immer tiefer ein in Volksschichten, die bis jetzt nur An- alphabeten zählten. Ein gutes Zeiche» dafür, daß das Licht sich Bahn bricht trotz alledem, ist der zunchnlende Geschmack für lvirklich gute Litteratur in den Mittelklassen. ES gicbt eine Reibe von Schriftstelleni, die sich bemühen, die famosen Werke von Tavier de Montepiu, Ponson di» Terail und Konsorten, deren llebersetzungcn»nassenhaft angefertigt»vurden und den Markt überschwemmten, durch eine gute, nationale— zumeist nicht chauvinistische!— Litteratur zu ersetzen. Man nennt ihre Produkte:„Midi Roman", den nationalen Roman, und allen» An- schein nach haben die Leute ihren Zweck erreicht: Der Verkauf schlechter französischer Litteratur ist bedeutend zurückgegangen. Die Vertreter dieser Litteratur sind keine großen Geister; solche würden sich in den engen Grenzen, die ihnen die Censur zieht, nicht wohl fühlen: aber doch gicbt es einige gute Talente unter ihnen, »vie die Tochter des Geschichtsschreibers Dschevdet Pascha, F a t m a Ali« Hanum, deren letzte Novelle„Udi"(Die Lantenschlägerin) hier ziemliches Aufsehen durch lebensivnhre realistische Schilderungen aus dem orientalischen Frauenleben erregt hat; lvie Ahmed Mid'hat Effcndi, der zur Othodoxic bekehrte Reformtürke, Wcdschihi, Ahmed Sühdi und andere, aus deren Mitte vielleicht zu der Zeit,»venu die den Geist einschnürenden Fesseln fallen tverden, derjenige hervor- gehen tvird, der der jnngtürkischcn Litteratur ein lvirklich bedeutendes Werk schenkt, und der vollendet, tvaS Männer wie Kcmal Bcy, Schinasi und andere schon unter Abdul Medschid begonnen haben, die Gründung einer türkischen, nicht durch persischen, höfischen Schwulst verunreinigten Nationalliteratur, als eines würdigen Gliedes der Weltlittcratur. Die unteren Klassen sind, in den Provinzen ivenigstcus, noch von keinem Sirahl westlicher Intelligenz erleuchtet. Ihre geistige Nahrung bilden archcr den» Koran und religiösen Schristen Volks- tümlichc poetische Werke, die sich über der Märchen- und Sagellstufe nicht erheben. Es sind zumeist lithographische, mit groben Jllustra- tionen versehene Drucke, die überall, wo es türkische Bauern giebt, auf den Bazaren zu Erzerui»», Sivas, Angora, Snihrna und sonstwo, aber namentlich in Anatolien, selten in Ruinelien, massenhaft vcr- karstt werden. Die unbekannten Dichter find auf der Landstraße zn suchet», wo sie aus ihrem Klepper oder auf Schusters Rappen dahin traben: eine hohe Mütze auf den» Kopf, ii» laugen» filz- gefütterten Mantel, daS Saitenspiel, das„S»s" in der Hand, sind diese„AschhkS", so heißen sie, eine ganz mittelalterliche Er- scheinung, deren Tage gezählt sind. Noch erklingen ihre Lieder m den Hans und Kaffeehäusern der anatolischen Städte, wo sie namentlich jetzt zur Ramasanzeit, sich mit den» Meddach, dem Märchenerzähler, in das Geschäft teilen, die Gäste zu unterhalten. Sic iniprovisicrcu gewöhnlich den Text ihrer Gesänge, oder sie reproduzieren die Lieder der oben erwähnten Volksbücher,»mter denen der Aschhk Garib und der Aschyk Kerem die beliebtesten sind. Unter diesen Liedern befindet sich manche tvilde Rose tief empfundener VolkSlhrik, die mehr wert ist als alle gekünstelten Gasclen»lud Kassidcn der orientalischen Kunfipoesie. Mit dem Vordringen der europäischen Kriltur in Kleinasien hinein wird der anatolischc Bauer, ehrlich und unverdorben wie er ist. hoffentlich nur den s e g e>» s r e i ch e n Einflüssen der westlichen Gesittung unterliegen. Auch dieser hat nicht tvenig unter dem groben Unfug zi» leiden, den die herrschenden Klassen von Stambnl„Regie- rnng" nennen. Er hat Siniern zu zahlen für alle möglichen Zwecke, wie zun» Beispiel für den Wegebau, der von ungeheurer wirtschaftlicher Bedeutung für ihn ist, da er ihm Anschluß an die Bahn- linien verschaffen würde,.,?ara, vei-iris, zol jok sagt er resigniert. „Geld geben wir, aber Wege baut man nicht!" Und wie mit den Landstraßen, so ist es mit andern Dingen, mit Schulen, Hospitälern, Polizei usw. Das Geld fließt alles nach Stmnbul, Ivo man es sehr, sehr nötig braucht I„Wozi» nützt dem Bauer das Geld? der ist zufrieden»nit einer Handvoll Pilav, ciucm Schluck Wasser und seiner Cigarette..." Aus auatolischcm Baucrngeschlechte stammte jener Börüklüdsche Mnstnpha, der in» Anfange des 15. Jahrhunderts in der Umgegend von Smyrna dein» Kap Karaburun eine konimunistische, über den Rcligionci» stehende Gemeinde sammelte. Sie unterlag den Jaiiltscharen Snltai» Mehmeds I. und wurde gransam nieder- gemetzelt. Ein Geist hoher Sittlichkeit und Toleranz muß ihren Stifter beseelt haben. Seine Anhänger hingen mit fanatischer Liebe ai» ihm. Als er zuletzt in Ephesns an das Kreuz geschlagen wurde, sagten sie: Er ist nicht gestorben, sondern er lebt. Hoffen tvir auch, daß dieser Geist der Menschenliebe nicht mit Börüklüdsche Mustapha untergegangen ist, sondern daß er noch lebt; daß er eines Tages ivieder belebt werden wird, wenn am Bosporus einmal das alte römisch-bhzantinische Raubsystem untergegangen sein tvird. Bis dahin tvird aber noch viel Wasser durch den Bosporils fließen und Wunder tverden geschehen müssen— wie sie selbst der Prophet nicht vollbracht hat.— Mleines Feuilleton. w. Aufgegriffen. ES war das erste Mal, daß ihn seine Mutter so lange alleii» ließ. Sie hatte ihm Scmrncl und Kaffee gegeben und gesagt, er solle nur unterdessen spielen, zur Zeit wäre sie schon wieder da. Zun» Anfang ging cS auch ganz gut. Er trank seinen Kaffee und spielte dann ii»it den Stühle», der Fußbank und der Kohlcukistc, die er alle hintereinandcrbaute— als Eisenbahn. Nachher war wieder die Fußbank sein Pfcrdchcn— oder sein Wagen... Aber»nit einen» Male»vollte cS nicht weitergehen. Die Dinger hatten ja kein Leben, und cS Ivar so still in der Keller« stube, daß er jäh erschrak. Er blieb noch ein Weilchen auf der Fußbank sitzen. Dann lief er rasch zum Fenster— da ging eben jemand über den Hof. Wenn's seine Mutter wäre I... Aber es Ivar nur ein Dienstmädchen ans den oberen Stockwerken. Und nun war es wieder still ivie zuvor auf den» Hofe deS herrschaftlichen Hauses. Er drückte sein Gesicht an das Fenster und sah an der gegenüberliegenden Wand hinauf. Die Küchenfenster tvaren alle geschlossen. Hu, es war draußen»vohl so kalt; es zog scharf durch die Fcnstcrritzen. So stand er schon lange, lind imnicr noch kam die Mutter nicht. Sic hatte ihn» befohlen zu spielen— aber so lange Ivar sie noch nie geblieben. Vom ZeitunganStragen kan» sie doch iinmer wieder, ehe es ganz hell war. Er schlief dann»neist noch. Und die Aufwarte- stellen dauerten auch nie bis Mittag. Meist kam sie doch ivenigstens auf ein paar Minuten herein, brachte ihn» einen Apfel oder eine Scheibe Wurst, die sie sich vom Frühstück erspart hatte. Und weni» sie nur kam, um nach ihm zn sehen, die Einkaufstasche au» Arn», auf dem Weg zum Schlächter oder zum Geinüsehändler— aber sie kam doch: sie kan» doch!... Und plötzlich fing er an zu wimmern. Es war schon Mittag — die Kinder vom Baumeister kamen mit der Schulmappe über den Hof. Er saß hier so allein.„Mutter. Mutter!" schluchzte er. Als er sich selbst hörte, verstummte er. Es hatte ihn noch un« glücklicher gemacht. Wqrum sie nur so lange blieb?... Wenn sie überhaupt nicht ivicderkan»? Er lief rasch zur Thür. Aber die war fest verschlossen. Er war früher ei» paarmal hiiiaiisgelaufen und hatte sie weit aufgelassen, so dasz die Stube ganz durchkältet war. Auch fürchtete die'Mutter, daß ein Fremder die Gelegenheit benutzen Zvinie, die Bcttslücken, das letzte Besitztum, fortzutragen. Run stand er wieder ratlos. Da überkam es ihn. Das Fenster! Einen Stuhl dabor, die Fußbank hinauf, den Riegel hcrumgedriickt— es ivollte erst gar nicht gehen— da holte' er sich den Feuerhaken und schlug da- gegen. Und das Fenster ans, hinaus, hochgeschlvnngen auf das Hofpflastcrl... So, nun stand er auf der Straße. Da hinunter ging seine Mutter immer zur Aufwartestelle. Lustig rannte er vorwärts, barhäuptig und in Filzschuhen. Bald hatte er sie.... Und wie schön das auf der Straße war. Unter Menschen. So viel gab'S zu sehen, so viel.... Aber war denn das auch die richtige Straße? Ja, das Hans da drüben sah so aus, wie das, in der seine Mutter die Stelle hatte. Aber als er davor stand, sah er, daß es doch nicht das richtige tvar. Und daö Haus dort war cS auch nicht— und das auch nicht. Er wurde unsicher, lief hastig und stand sinnend an den Ecken. BiS er an das Wasser kam. Er lief noch über die Brücke. Aber mitten darauf sah er hinab durchs Geländer und das schwarze, stille Wasser jagte ihm ein solch plötzliches Grausen ein, daß sich seine Furcht und Bcrwirrimg in lautes Weinen löste. Da stand er, schrie und winselte, ging ei» paar Schritte und blieb ivicdcr stehen. Schon sannneltcn sich Frauen und Männer um ihn. Ihre Fragen erschreckten ihn noch mehr. Er wurde ganz blaß und konnte nicht sprechen. Nur ab und zu schrie er nach seiner Mutter. Die Menschen wußten nichts mit ihm anzufangen. Er hatte in seinem Entsetzen auch seinen Namen und seine Wohining ver- gcssen. So brachten sie ihn d«nn zur Polizei. Da saß er still in der Ecke und sprach kein Wort. Gegen Abend ging die Thür auf— er hörte seine Mutter sprechen. Da hatte er schön ihren Rock umklammert. Eins nur störte seine Freude: Der Wachtmeister fragte, warum der Beugel nicht besser beaufsichtigt würde. „Ach, ich habe heute eine neue Stelle angetreten— und da dauerte es so lange." entschuldigte sich die Mutter. „DaS ist gar keine Entschuldigung. Für so'» Jöhr m u ß Bc- aufsichtigung da sein. Gewöhnen Sie'» doch dran, daß er ivarten muß. Wenn maii's nich' anders kann I Was ist denn dabei?"— n. Ei» Apparat der Chemie im Altertum. ES kommt vielfach vor, daß Mischungen oder einzelne Körper, die von den Chemikern bei ihren Untersuchungen erhitzt lverdcn müssen, die jähe Hitze des direkten Feuers nicht vertragen. In solchen Fällen hilft sich der Chemiker dadurch, daß er daS Gefäß, in dem sich die zu erhitzende Substanz befindet, in ein anderes Gefäß stellt, welches im übrigen mit Sand oder Wasser, in besonderen Fällen wohl auch niit Ocl gefüllt ist. DicS umhüllende Gefäß wird dann auf die Flamme gestellt, das in ihm befindliche Wasser oder der Sand erwärmt sich da- durch und teilt die Wärme der chemischen Substanz mit, die auf diese Weise allmählich und gleichmäßig erhitzt wird. Das fort- schreitende Studium der Kultur des Altertums hat nun ergeben, daß schon in der klassischen Römerzeit solche Sand- und Wasserbäder im Gebrauch waren, freilich nicht, ivie heut, zu rein wissenschaftlichen Zwecken, sondern im Dienst der Küche. In einem ans dem zweite» Jahrhundert v. Chr. Geb. stammenden rönnschen Kochbuche, den sogenannten Pandekten des Apicins Coelius wird ein eisernes, mit Asche gefülltes Gefäß empfohlen, daS den Namen Thcrmospodium führt, in welches man die Speisen bringen soll, um sie dann in diesem Aschenbadc über dcni Feuer fertig zu kochen. Auch der ältere Barro erwähnt in seinen etwa aus dem Jahre«Ov. Chr. G. stammenden Schriften ein Wasscrbad, daS bei der Zubereitung einer Speise aus Gctreidebrei, bei der jähe Erhitzung vermieden werden muß, unentbehrlich sein soll. Die Chemie ist also in diesem Falle, wie in manchen anderen, bei denen sie sich hanswirtschaftliche Er- fahnmgen zu gute kommen ließ, in der Küche zur Schule gegangen— allerdings in der als raffiniert bekannten Küche der Römer.— Kitnst. — D i e R ä u m e für d c u t s ch e K n n st auf d e r P a r i s e r Weltausstellung 1900. Für die Vertretung der deutschen Kunst auf der diesjährigen Pariser Weltausstellung sind dem Reiche große Flächen im ersten Stock des„Grand Palais des Beaur Arts" zur Verfügung gestellt, ivelchcs an Stelle des alten Jndustriepalaftes in den Chanips ElysecS errichtet wurde. Diese jetzt noch leeren und ungeteilte» Räume für ihren Zweck würdig und behaglich aus- zustatten, das ivar die Aufgabe, welche auf dem Dclcgiertentag der deutschen Ättiistgenostenschaft in Uebereinstimmung mit dem Rcichskomniissar Dr. von Richter in Berlin dem Miinchencr Architekten Professor Emanucl Seidl übertragen ivnrdc. Die Pläne für diese Einbauten und Dekorationen find nun allseits genehnngt und mit ungeteiltem Beifall aufgenommen worden. Vor kurzem wurde auch der definitive' Vertrag des Künstlers mit dem Haiiptvorstande der Delegierten, A. v. Werner in Berlin ab- geschlossen. Es lag in der Natur dieser Aufgabe, daß sich der Künstler bestrebte, seinen Entwürfen einen möglichst großen Zug in vornehmer Einfachheit zu verleihen, bei reicher Abivechslnng eine Steigerung in der Raumwirkung zu erzielen und doch nirgends zu Gunsten der Architektur die zur Betrachtung der Kunst« werke nötige Ruhe zu stören. Den eigentlichen Bilder- sälcn liegt eine Längsgalerie mit Seitenlicht vor, in welche der über die Aufgangstreppe kommende Beschauer zunächst tritt. Dieser Raiini' wird nach Möglichkeit den Charakter eines Vestibüls erhalten, in dem vor rauhverputzten Pfeilern plastische Kunstwerke aufgestellt werden. Ein Säulenrondell-Einbau bildet den llebergaug in den ersten großen Saal. Die Säulen, mit Kiesel und schwarzer' Mosaik inkrustiert, wirken konstrastierciid zu dem goldenen fignrcugcschmückten Gebälk, den zierlichen, doppelt durchbrochenen Portalen und den umlaufenden, reichverzierten Wandgesimscn, welche eine dominierende, grau in grau gemalte Hohlkehle aufnehmen. Die Wände sind mit einer Nachahnumg von rotem Damast in originellem Muster bekleidet, der in koloristischer Harmonie zu dem Mattgold der Architekturteile und dem weit vorspringenden Marmorsockcl als günstiger Hintergrund für die Bilder wirkt. Ein grauer Bodenbelag stimmt hier, wie im zweiten Saale fein zu den übrigen Farben. Dieser letztere, als eine Art von Eliteraum gedacht, wird mit echtem Golddamnst bespannt. Seine Portale mutieren schwarzen Marmor, ein plastischer Fries, darstellend einen Festzug der schönen Künste, läuft über den Wänden hin. Eigenartige, reiche Baldachine sorgen in diesen Räumen für die richtige Beleuchtung. Durch ein großes, in tiefer Schrägung fitzendes Portal, dessen Ausschnitt starke Silhouetten- Ivirknug hat, tritt man von hier in eine mit Tonnengewölbe überdeckte Säulenhalle und hat dann von ihr aus rechts und links Einblick in zwei niedriger gehaltene Kabinette für Kunstwerke intimeren Charakters. Der Säulengang führt in den letzten, den Rotundensaal, vor dessen Pfeiler-Architektur tvieder Plastik aufgestellt werden soll, ivährend die Bogeuflächen für die Bilder bestimmt sind. Von dieser Rotunde ans gelangt man in die crlvähnte Seitenlicht- gallcrie zurück, und ztvar zunächst in den Teil, der an seinen Wänden und auf Gestellen die Werke der Schwarzweißkunst aufzunehmen bc- stimmt ist. Besondere Sorgfalt ist allenthalben der Möblierung, überhaupt der behaglichen Ausgestaltung der Räume zugewendet, in welchen der Besucher gern und möglichst lange vcrlveilen soll.•—* «Völkerkunde. — Ueber die Indianer von Arizona sprach P. Ehren« reich in der Januarsitzung der Berliner„Gesellschaft für Erdkunde". Nach einem Bericht der„M. A. Z." führte er folgendes ans: Die Stämme, die in dem wildzerklüsteten Felsgebirge des Colorado- River heimisch sind, haben eine uralte Kultur bewahrt und leben noch hente in ihrer alten Genfilorganisation. Sie gehören zu den Pucbloftämmen und haben ihre mehrstöckigen festen Häuser in den Thälern und auf den Plateauterrassen der Gebiete, die der Colorado- River durchströmt, bis zum Salado hin. Am treuesten haben die M o k i« I n d i a n e r im oberen Colo- rado- Gebiete die alten Stammessitten und den reli- giösen Kult belvahrt. Ihre Wohnsitze liegen aus drei PlateanS oder Mefas, die durch natürliche Brücken untereinander und mit dem Hanptplateau in Verbindung stehen. Die mit gelbem Sandstein bedeckte Trias-Sandsteinformation ist durch den Colorado abgetragen und in Tafelberge zerschnitten, die zum Teil wie Forts vor dem Hauptplateau gelagert sind. Die Landschaft ist in eine Ivunder- bare Farbenglut getaucht und die Erscheinung der Fata rnorgana entzückt den Reisenden. Auf der östlichen Mesa des oberen Colorado- gebiets liegt das Felsennest Walpi, in dem heute noch wie in dem be« nachbarten Oraibi die um die Zeit der SommersonneiNvende üblichen ceremoniöscn Maskcntänzc der„Schlangenpriestcr" und der„Anti- lopciipricstcr" beobachtet werden können. Die Kulttradition der Moki-Judiaiier hängt mit der von Alt-Mexiko zusammen, und man ninlmt an, diese selbst seien mit den Belvohuern des alten Mexiko auch stammverlvandt, während die Navaho-Jndianer, die ihnen be- nachbart sind und sich durch Textilarbeitcn und großes Geschick im Herstellen von Silberschmuck auszeichnen, mit den Stämmen von Alaska zusammengestellt werden müssen. Von 1340 bis 1980 haben spanische MissionSpatrcS hier ihre Wohnsitze gehabt. Sie haben den Eingeborenen Knlturpflanzen. solvie Pferd und Schaf gebracht, doch machten diese selbst der ihnen unerträglich gewordenen religiösen und socialen Bedrückung durch die Vertreibung der Fremden 1680 ein Ende. Die Moki leben in Phratrien und Clans geteilt, von denen jeder Clan seine eigene Schöpfungslegende und sein ihm allein zugehöriges Totem besitzt. Aus einer Erd- öffnung sind sie ihrer Stainmessage nach auf der Maisstaude empor- gewachsen. Ihr religiöser Kult dient in der Hauptsache dazu. Regen von den Göttern und den zahlreich verehrten Dämonen zu erbitten. Als geschickte Ackerbauer wissen sie ihre Pflanzungen gut gegen Sand- stürme zu schützen, auch sind sie sichere Jäger auf Präriehunde; daneben treiben sie eine kunstvolle Keramik und verstehen sich gut auf Weberei. Die Götterpuppen, deren die Moki zahlreiche besitzen, werde» den Kindern als eine Art Katechismus in die Hand geben, um sie in die Stammessymbolik einzuführen. Die amerikanischen Forscher haben schon seit längerer Zeit die Cereinonien studiert, die in Walpi und Oraibi zur Zeit dcS Sonnen- solstitiums von den Schlangenpriestern und Antilopenpriestern aus- geführt werden. Eine sociale Klasse bilden diese Priester nicht, viel- mehr rekrutieren sich die Bruderschaften aus allen Klassen des Stammes. Besonders geschickt wissen sie bei den religiösen Tänzen die Schlangen, die das Symbol des Blitzes darstellen, mit dem der Frnchtrcgen verbunden ist, so zwischen den Zähnen zu halten, daß sie die Tiere zugleich init einer Feder.znr..Be*. lvegunq reize», ,»» sich dadurch vor einem Bisse der Giftschlangen zu schiitzeil. dein sie von den in Ruhe befindliche» Reptilien anögesctzt sind. Der Maistanz»nid der Flötentanz Wechsel«»nit den Schlangen- tänzcn alle zwei Jahre ab. Der Redner konnte seine Darlegnnge»» durch eine reiche Sammlung von Photogrammen illustrieren, von denen viele die ersten Originalanfnahmen jener selten beobachteten Ltulthaudlnngen dieser nordamerikonischen Eingeborenen sind, die neuer- dingS durch den anicrikanischcn Forscher Prof, Varto» James genauer studiert Ivorden sind. Thpen beider Geschlechter, verschiedener Altersstufen, in Kriegsriistniig und Cereinonialschmnek, daS Innere ihrer Wohnungen und Ansichten ihrer Götterbilderzogen vor dem Angc des Zuschauers anf der ivcistcn Tafel vor dem Projektionsapsuirat vorüber. Zugleich gab der Vortragende Bilder von jener gewaltigsten vulkanischen Schlucht der Erde, als die sich der Colorado-Eaiwn darstellt, der in einer Länge von 380 Kilometer und in einer eine bis ändert- halb deutsche Meilen betragenden Breite sich vis zu 0000 Meter Tiefe in das Gebirge eingewühlt hat, so dajj hier alle geologischen Formationen der ganzen Erdgeschichte gleichsam wie in einem Naturarchiv dem Geologen an den ihn umgebenden FelSwandungc» aufgeschlossen erscheinen, Bon der Station Flagstast ans ist ein Zu- gang zu den tiefsten Teilen der Schlucht möglich, auf deren Grund der Flust sein warmes Wasser daherranschen läfit.— Hygienisches. — S a u e r st o f f im R e t t n n g s w e s e n, Nm Menschen für längere Zeit in Räumen mit nicht ätembaren Gasen verioeilen zu lassen, hatte zuerst die Fenertvehr Geräte erfunden, die in ihrer ein- fachsten Form Atemfilter darstellten: sie enthielten mit chemischen Stoffen sEssig nsw.) getränkte Schwämme. Als die Tanchergerätc eine geiviss« Vervollkommnung erreicht hatten, lag es natürlich nahe, auch diese im yiettnngswesen der Feuerwehr, in den Bergwerken, wo ja häufig, Entflamnmngcn, Brände usw. Hunderte von Menschenleben gefährden, zu verwenden. In den Taucherbelm wie in den Rauch- Helm wird die einzuatmende Luft von an gen. durch Schläuche zn- gepnmpt, Nenerdings ist mm. wie die„Tägl, Rundschan" berickilet, eine dritte Art in Gebranch gekomnicn, bei der die zu atmende Luft in einem Rehälter mitgeführt wird. In diesem Zweig des RcttnngS- Wesens hat man durch vordichteten Sauerstoks sehr Nvertvolle Erfolge erzielt. Mit einem gehörigen Sanerstoffvorrat ausgerüstet, tau» jemand in einer vollkommen»natembaren Lust mehrere Stunde» verweilen und während dessen Menschen, die bereits bewnsttloS ge- I Vörden und halb erstickt sind, die erste Hilfe leisten»nd sie ans vcr- qualmten Wohnungen, Schächten nsw, fortschaffen. Bon den verschiedenen „Pnenmatophoren" ist der von Wcrlchcr- Gärtner- Benda wohl am bekanntesten, der in Bergwerken sich auch schon betvährt hat, jedoch noch manche Nachteile besitzt. Diese hat der Berliner Branddirektor Giersberg bei seinem Ranchschntzgerät zu vermeiden gesucht. ES besteht nn ivcscntlichcn ans einem Beutel, der auf der Bnist liegt. und der durch eine Naht in zwei gasdichte Teile geteilt ist. Durch ein biegsames Rohr und ein hufeisenförmiges Ansatzstück wird Saucr- stosf in die Nase geführt: der Träger hat also den Mund zum Sprechen frei. Der Mensch verarbeitet von eingeatmetem Sauerstoff im Mitttcl 4 Proz. zu Kohlensäure. Da man jedoch in einer Minute 55. Liter Gas ein- und ausatmet, so tvürdcn 100 Liter Sauerstoff in lö Minuten verbraucht sein, ohne das; sich in dieser Zeit daö Rettnugs- gcschäft beenden ließe. 90 Proz. scheidet er unbcnntzt mit der Ans- atmungsluft wieder aus: diese Menge wäre für die Atmung immer noch verwendbar,»venu man sie von der Kohlensäure befreite. Das geschieht durch Aetzalkalien, die ja gierig Kohlensäure nn sich reißen. Aus der einen Hälfte deS Giersbergschen Beutels atmet der Träger Sanerstosf— der verdichtete Sanerstosf tvird in einer Sauerstoff- Bombe mitgeführt— die Ausaimungöluft tvird durch eine Trommel mit grobkörnige», Natron- kalk geleitet und dort von der Kohlensäure befreit. Der gereinigte Sauerstoff geht dann in die zweite Hälfte des Beutels und von diesem in den ersten und tvird so wieder der Atmung zugeführt. Mit 100 Liter Sauerstoff kann ein Mensch anf diese Weise in ranchiger Luft usiv. L'/z Stunden lang arbeiten, Ist nun ein Netter bis zu einen» Erstickten vorgedrungen, so hat Giersbcrg noch ein kleines ÄturungSgerät hergestellt, das der Netter bei den» zu Rettenden an- ivendct, indem er ihm bei gleichzeitiger Anwendung von künstlicher Atmung dm Sauerstoff durch die Rase geradeutvcgS in die Lungen ciusührt.— Technisches. — KokS ose ngaS a l s Leuchtgas, Von de» anf den Destillatiouskokereieu gewouuene. von Thcer, Aunuouiak und Veuzol befreite» Gasmengen bleibt nach Abgabe des für die Heizung der Koksöfen nötige» Gases meist ein Ucber-schuß an Gas verfügbar, der oft zur Dampfkeffelheizung. zuweilen zmir Betriebe von GnS- Iraftniaschinm»md nur ganz vereinzelt, wenigstens in Denisch- land, zn Veleuchtungszweckeu veruwndt wird. In Amerika dagegen tvird, wie der„Promethrnü" nack» einer Mitteilung.Karl Schmidts berichtet, die Stadt Halifax bereits seit März 1897»nit den Abgasen einer DcstiUationskokerci belcnchtet. D,' das in» An- stmqe des DestillationSprozefseS entwickelte Gas die höchste Lencht- traft besitzt, so»vird das zuerst überdestillierende GaS in einem be- sonderen Gasometer anfgcfaugm und zur Beleuchtung der Stadt benutzt. Bon den in zehn Oese» binnen 94 Stunden ans 37000 Kilo- gramm Kohlen erzeugten 8770 Kubikmeter Gas»verde» 32..'! Proz. als Leuchtgas abgesondert. während die übrigen 07.7 Proz. als Heizgas bleiben. Auch für Boston soll dieses Be- lmchtnngSverfahrm eingerichtet werden. Der Bau von 400 sogenannten Otto- Hoffmaiin- Oese» ist begonnen. nm Boston mit Koks, Heiz- n»d Leuchtgas zu versehen. Auch hier soll daS sich zuerst entwickelnde GaS als Lenchtgns gesondert aufgefangen weiden, Poraussichtlich nürd. man dieser Verwendung de? KokSofeugase.S bald häufiger auch iu Deutschsaud begegne». Nach ucuereu, auf der ivestfälijchen Zeche.„MachiaS StinucS" bei Earuap gemachten Bersucheu erscheint eS nämlich tvahrscheinkich.: daß auch, auf de» DestillatioNs- Kökcreieil des Ruhrgebietes' die im Slnfauge der Berkoknug sich bildende« Gase,»nit Vorteil getrennt abgefangen »md zn Bcle.nchtlnigszwcckcn verivcndet werde» köimen,— Hninoristislyes. — Alles w a S recht ist, Jan:„Djä. Hein. Dil mags NU seggcn vii» de Engländers tvat Du»vullt: dat eene n»uß Du jenr doch loten: B u r e n f ä n g e r s sünd se n i ch." Hein:„Ne, Jan. dät sünd se nich,"— — Die freundliche Bedienung,„WaS. noch a Semmel niöcht der Herr—»nd zlvei hat er schon g'oficn. Wärns doch lieber gleich zum Bäcker'gangen und hättcus Jhueu Ihr schund igS Q n a r t c l Bier'nüber hole» lasten l"— — E i ii lieber Bnb. �Helene, ist Bob noch nicht an? der Schule zurück „Doch, gnädige Fra». Gesehen habe ich ihn ztvar noch nicht, aber eben ist die Katze imtcr'S Büffelt geschlüpft."— („Jugend".) Notizen. — Die Direktion deS S t a d t t h e a t e r S in L ii b e ck soll neu vergeben werden. Das Theater erhält eine Snbventiou von 20 000 M. für sechs Monate von der Stadt, ferner freies Gas bis 3000 M Verlangt wird außer großer Oper,'Spielos>er, Schauspiel auch.gutes Lustspiel.— — Masrag ni hat sich durch die Kritiken der deutschen Blätter derartig verletzt.gefühlt, daß er sich weigert, in Berlin wieder als Dirigent vor das Pnblikmn zn treten, heißt eS.— — Dem.Kieler M n> e n»» wurde ein P e r I e n f n n d ans ciiteni Grabhügel zu Sysiclby in Angeln ilvenviesen. Diesci! Fund liefert den Beweis, daß eine eigenartige Technik bei der im Orient heimischen Fabritation der Email- und Glasperlen dort schon nm mindestens 1000 Jahre vor Christi bekannt und geübt tvorden ist, weil sie mit anderen Handelswaren bereits um etwa 800 Jahren vor Christi den Norden erreicht hatte» und hier von einer vor- nehmen Dame als Schmuck getragen waren.— — Der Technischen Hochschule in Karlsruhe wurde das Recht verliehen, nach Maßgabe der in der Proinotiviisordnnng festzusetzenden Bedingungen 1. anf Grund der Diplomprüfung den Grad eines D i p l o in- I n g c u i e u r S zn erteilen: 2, Diplom- Ingenieure anf Grund einer weitere» Prüfung zu Doktor- Ingenieuren zn stromobieren; 3. die Würde eines Doktor- Ingenieurs auch Ehren halber als seltene AnSzeichninig an Männer. die sich nm die Földcrnng der technischen Wissenschastcn hervor- ragende Verdienste erworben haben, zn verleihen.— t. E i»i a m e r» k a n i s ch e r ll n i v e r s i t ä t S- K o n g r c ß soll in» Februar in Washington gehalten werden. Der Zweck dieser Versa, nmlnng ist eine Enlschcidnng über die Frage des ainerikanischen D o k t o r- E x c» in e n S.— t. Die bedeutende englische natnrwissenschafttiche Zeitschrist „Natural Science" hat sich genötigt gesehen, ihr Erscheine« cinznstcllc». Sie kündigte diese Thalfache mit folgenden Sätzen au: „ES ist eine der Vorbcdingnngen für fortgesetzte kräftige Thätigkcit eines Organismus, daß die Einnahme der Ausgabe mindestens gleich ist. Und dasselbe trifft für Journale zu. Die Thätigkcil auch dann noch aufrecht erhalten zn wollen, wem» diese Bedingung nicht erfüllt ist, ist ein nicht nninteresjanter Versuch, der aber nicht über die Grenzen der Möglichkeit hinaus fortgesetzt werden kann. Wir be- dauern sagen zn'ninffei», daß wir diese Grenzen erreicht haben. Wir bringen also den» Vorgang der natürlichen Auslese unser Opfer dar."— t. E i it SB a l hat sich als Renjahrsgast an der Käste der N o r m a n d i e unfern von Havrc eingefunden. Er wurde von einer Fijchcrbarke aufgebracht, die ihn a» dem saudigcn Ufer gestrandet fand. Das Tier hatte eine Länge von 8 Meter»md eine Breite von 2 Meter, sein Gcivicht erreichte rund 70 Centner. Es gehörte z« der Fanlilie der Glatttvale, deren Hauptvcrtreter der bekannte Nord» oder Grönland-Wal ist.— —- 0300 Mark kostet ein S ch u ß mit dem ncilestei» von Krupp hergestellten, 34-Eeii!inici'-.Kalil'er-Gcschittz. und zwar kommen ans daö Geschoß selbst 2000 M,, anf die Ladung Pulver von 48ü Kitograinoz 700 M, und ani die Abnntznng des Geschützes 3440 M., in Summa 0800 M, Die Herstellung eines solchen Ge- schützes lostet einschließlich dbr nicht unbeträchtlichen Montagekofte» 329 000 M,: mit dem 93, Schuß wird eS ulibranchvar,—_ Die nächste Rümmer des Nnrerhaltnngsblattes erschein! am Soimtag. den 14, Januar. Beranrivortliaier Revacreur: Paul John in Berlin. Druck uns Verlaii von Btax Badiug»n Berlin.