AnterhaltungM Nr. 9.(Sonntag, d (Nachdruck verboten). � Das TVcibevdorf. Roman aus der Eifel von Clara Viebig. „Et es en Schand," rief die Denzborn,„bat Dir bat Tina half dud schlaon laoßt! 5lrieht hän beim Schlawittchen! Läßte los, bau infamichte Karnallij I" Sie zerrte den Jungen am Bein. „Laoßt hän nor", schrie die Steffes gegen,„kömmert Eich erscht om Eiren Jong l Dan Carl haot ganz rächt, bat Tina pisakt se Dag on Naacht. Wän onschulligc Könner schlät, es sälwer Prüjel wert. Eier Hanuickel soll mer nor kommen! Hän haot bat Hubertche geschlaon, bat cm ale Nippen Ivieh bhun— ech verklaogen em bei de Hähren vom Gericht, on Eich derzu. Eich scheinheilig Luder?" „Wat— wat" zeterte die Denzborn,„Ihr wollt noch räden?! Sri en Mensch, su en mannsdoll Mensch, sn en" — in der Wut versagten ihr die Ausdrücke—„bat zu de Mannsleib rennt, e subal als de Fra uet derhäm es! Pfui" — sie spuckte aus—„su en—" „Et es uet waohr, et es nct waohr", kreischte die Steffes; sie war blutrot im Gesicht und wirbelte wie ein Ball auf die große starkknochige Gegnerin zu.„Ihr seid nor neid'sch, ja, neid'sch— haha?" Sie lachte krampfhaft.„Ihr wollt sälwer gären. Ihr—" Die andre schlug ihr auf den Mmid:„Liegnersch I" „Ihr Ivollt sälwer gären— haha— aide Schatchk!" „Haha, aide Schatehk!" Wie einen Schlachtruf nahmen die jüngeren Weiber das auf. Die schlvarze Brun. die blonde Leis gesellten sich zur Steffes; sie hatten längst einen heimlichen Groll auf die Deuzborn, die allem nachschnoberte.„Anneniarei, dat eS rächt 1 Loop der»eist gefaalen, Aunemarei! Dat scheel Luder maant, et könnt hei kommandieren? I Su hanimer uet gcwett! Olau, Schatehk, alde Schatekh! Hahahaha 1" Ein nicht endeuwollendes Gelächter pflanzte sich fort. Die paar, die noch arbeiteten, erhoben sich auch von den Knien; in großen Sprüngen stürzten sie herzu, die Sickiel in der Hand schwingend, mit flatternden Ziöcken und Geschrei. Da wurden Haare gelassen I Kathrine Denzborn hatte Annemarie StcffcS am Schopf gepackt.„Dan niannsdoll Mensch, bau— saog et noch ehS— bau I" „Neid'sch. dir seid neid'sch! Alde Schatehk l" „Liegnersch!" „Wollst sälwer gären l" „Waart, ech will dech liehren!" Der Kampf wurde ernsthaft. Die große Gegnerin schüttelte die kleine wie ein Bündel Kleider; diese schlug mit Händen und Füßen ans. Ließen sie sich einen Augenblick los.»nu Atem zu schöpfen, gleich stürzten sie wieder auf- einander. Schreien, Schimpftvortc, Kreischen, Lachen, ohrenbetäubendes Geschnatter. Zwei Parteien hatten sich gebildet, Frau stand gegen Frau; so manche hatten heimliche»» Groll anszufcchten, es wareil nicht mehr die Denzborn»mb die Stesses allein, die auf- einander losgingen. Die Geschwister Pötsch waren vergessen; Karl, die Hände in den Taschen seiner zerlumpten Hose, sah grinsend dem Tumult zu; Billa lag heulend an» Boden. Tina»vischtc mit dem Handrücken das Blut von der Nase, bann schlich sie mit funkelnden Augen dem Weiberknäuel näher. Sie hatte auch ihre Feindinnen darunter— rasch der Steffes ein Bein gestellt!— warum hatte ihr die vorhin nicht bei- gestanden. Jini» steckte sie initten drin im Kampf. Die blonde Leis, das Büschen von der Steffes und Tinas gefährlichste Neben- buhlerin mit ihrei» goldenen Zöpfen— war sie nicht erst vor- hin ans Pittchens Thür geschlichen?— versetzte ihr eins. „Hol Dech in Aacht, Dan Schleckermaul!" zischte Tina hinter zusammengebissenen Zähnen. «Dan Rotznaos." schrie die Blonde verächtlich; sie war um ein oder zwei Jahre älter. 14. Jcmncir. 1900 „Dan öveifftännige Kwetjch(Zwetsche) I" „Dan anreisen Appel!" „Ech roppen der Dein rot Börschteu(Bürste) ans I" Tina griff kräftig in die goldenen Zöpfe. „Brun, Brun," rief Leis die Freundin zu Hilfe,„komm ehs här! Gief dem da ans hinnen önif, ech Halen der ver- liewlen Käß de Potent" „Hal Dau Dein Schnöß I Brun, form», bei mech," schrie Tina.„Ech saon der, dat Leis— Brun. Brun l— et eL heit beim Pittchen geivcst— et haot zom Pittchen gcjaot— et hält dech för en Naar— Brun, Brun!" „Wat? I" In einem Augenblick Patte sich das Blättchen gewendet, die Schwarze kehrte sich gegen die Blonde: „Beim Pittcheu geivcst? Mech sör en Naor Halen— O dau falsch Dingen!" Mit triumphierendem Lächeln sah Tina zu. wie die Freundinnen ans einander tosfuhren. Das war ein Spektakel I Ei» Lärrnen. ein Schiinpfen. ein Schreien. Vom Berghang tönte es nieder zum Thal, an Pittchens Hütte vorbei— der schlief ruhig»vetter— und brach sich schallend an der jenseitigen Höhenwand. Sie hörten alle nicht das Mittagsglöcktein; nur Väbbi. Die stand abseits»md starrte mit großen trauinverlorenen Augen ins Gewühl. Früher hätte sie auch jrischiveg am Kanipf teil- genommen— aber jetzt?! ES ivar alles untergegangen 1» der großen Sehnsucht. Als das Glöcklein lautete, bekreuzte sie sich; die Sichel entfiel ihr, langsarn sank sie auf die Knie und faltete die Hände--- Was that de» Lorenz ivohl jetzt? Dachte er jetzt auch an sie?-- War' c» doch erst wieder hier— ach I--- „Steh uf!" schrie die alte Schncidcrsch sie an.„schläfste?" Die Alte hatte sich mich am Zank beteiligt, besonders»nit dein Mundiverk; sie hatte aber auch bald darin ihren Meister gefunden, mm ergoß sich die ganze angestaute Flut von Scheltworten über die Schwiegertochter, diesen Dorn in ihrem Auge. Mit eiiiem wilden Ingrimm fuhr die Alte auf sie los. Es»vnrde Bübbi nichts erspart; laut und gellend, vor aller Welt wurde ihr ihr Fehltritt vorgeworfen. Kein Mädchen war je so schlecht geivescn, so lninpig. so annselig und so be- rechnend dazu. Was hätte der Lorenz für Partien machen können, aber sie hing ih»n ja wie ein Klotz am Bein, merkte es gar nicht, daß er sie gern los geworden wäre— ja. er hatte sie satt, der Mutter hatte er's vertraut l Schwerfällig richtete such Bäbbi auf. stunun.»nit düsteren Augen hatte sie auf den Kampf der Weiber gestarrt— Heulen, Schreien, geschwungene Fäuste, verzerrte Gesichter, ein »vil deS Durcheinander erregter Gestalten— jetzt schien sich auch ihr Blick langsam darin» zu entzünden. Als die Schwiegermutter schloß:„Hän haot deich saai, saat bis zom Ekel, hän Ivönschl dech. rviih dän Peffer wächst"— flammte er auf. Sie kehrte sich gegen die Alte, raffte die Sichel auf. ihr Gesicht glühte, ihr Äuge glitzerte»nherntlich. ein irres wildes Lachen rang sich ans ihrer gequälter» Brust. Sie hob drohend die Sichel— aber. da. sie ließ sie wieder fallen, statt dessen schwang sie die Faust und schmetterte sie nieder auf den Rücken der Schtviegermntter. daß der Hören und Sehen vergiirg. Die Alte knickte tn die Knie, schützte den Köpf mit beiden Armen und schrie laut. Hageldichte Schläge. Die Alte duckte sich nnd ivand sich»vie ein ffiiirm Bäbbi stand über ihr gleich einer Rächerin, toteirbleich. die Lippen fest anseinander gepreßt. Sie schlug draus los mit einer Art von Befreiung, von Erlösung. „Hör auf," kreischte die Alte...ech zeihu dech an l Ech fluchen der!" Nnuiiterbrochcri fielen die Schläge. «Hör auf, ech saon et dem Lorenz?" „Lorenz!" Jammernb, beschwörend, bittend zugleich schrie Bäbbi den Namen nach; der erhobene Arm fiel ihr zur Seite, sie starrte verwirrt drein, als eiwache sie aus einem Traum. Ein Zittern, ein Rütteln ging durch ihren ganzen Körper, sie schwankte, die Füße schienen sie nicht länger zu tragen. Mit einem dumpfen Laut schlug sie die Häude vorö Gesicht. V. „Vimmel, bimmel, timmct," tont das Glöckchen der Kirche. Sein dünner, Heller Klang fliegt durchs Dorf und steigt an den Thalwänden in die Höhe; oben von Schwarzen- dorn antwortet ein anderes Glöckchen.„Bimmel, bimmel, bimmel." Vesper. Auf den Steinfliesen der Kirche lag Bäbbi. Ihr Gesicht war blaß, ihre Augen rot, vom Weinen dick verschwollen. Sie hob die Hände zu dem Marienbild, das in der Nische des Seitenaltars stand; weiße und rote Papier-Rosen um- kränzten die Heilige, ein paar dünne Kerzchen flackerten ihr zu Füßen. Kein Mensch ivar sonst mehr in der Kirche; die braunen Holzbänke standen leer; hier und da war ein Gebetbuch liegen geblieben, ein buntes Heiligcnbildchcn steckte als Zeichen darin. Derbe Lederschuhe hatten vom Kot der Dorfstraße mit herein- geschleppt; die ausgetretenen Fliesen vor dem Marienbild waren am meisten beschmutzt, da hatten die Weiber vorhin alle gekniet, die Stirn tief gesenkt, unablässig die Lippen be- wegend. Ein Gewitter war an: Nachmittag aufgezogen, rasch kam es, ungeahnt, ohne vorherige Anzeichen; schwarz war der Himmel, schwer wie Blei. Es drohte mit Hagel. Angstvoll schauten die Frauen aus— sollte das schon die himmlische Strafe sein für den heutigen Zank? Sic glichen heute alle blessierten Kriegern nadi der Schlacht; einen Kratz, einen Stoß, einen Schlag, einen Tritt hat jede wegbekommen. Mit funkelnden Augen waren sie vom Acker heimgekehrt, Schimpfworte, Verwünschungen auf den Lippen. Die Hüttenthüren wurden zugeschmettcrt, die Kinder ver- krochen sich scheu, die Schüsseln klapperten— manch eine ging heut' in Scherben— mit noch nicht gestilltem Zorn verzehrte man ein sehr verspätetes Mittagbrot, es schmeckte wie Galle. Da— krach— der erste Donner? Furchtbar rollte er im engen Thal; wie ein böses Tier im Käfig, das keinen Ausweg findet, so grollt er zwischen den Bergwänden. Krach, krach— Hall und Wiederhall. Und der Himmel so drohend, und die Blitze niedcrsausendc Schiverter. (Fortsetzung folgt.) Sonttfzmsplnudevei. Erziehung, das war seit Jean Jacqucö NousscauS Emile. der herrlichste» Dichtung weiser Menscheupslegc, einen, ewigen Werke befreienden Lichts.— Erziehung, das war der erhabene Begriff, zu dem sich die sittliche Leidenschaft der großen Weltreiniger, welche die französische Revolution vorbereiteten, als ihrem Ideal, erhob. Die 'Begeisterung fiir da-S schöne Menschentum, für Güte. Freiheit. Recht und Wahrhaftigkeit gesellte fich in Ronffean. dessen kranke Wer- berbniS sich i» der Schöpfung höchster Gesundheit eiitsnhute. z» der genialen Erkenntnis der psychologischen Vedingnugen und der tauglichen Mittel einer sicher wirkenden Pädagogik. Die Erziehung zur Individualität, die freie Entfaltung aller persönliche» Anlage» i» der Harmonie menschlicher Gesellschaft war da-Z Ziel der Roufleau- schen Lehre, und das sinnvolle Mittel, der Kunstgriff zur Errcichimg des. Zieles war die Anweisung an den Erzieher, die Notlvcndigkeit der Tugend mid der Tüchtigkeit mit der Wucht eines„ncntrinntmrcn Naturgesetzes auf den Zögling wirken z» lassen. Das Gute und Zwechmätzige war das Natürliche, und der Erzieher hatte mir nötig, imbcmcrtt die Bedingungen deS Daseins durch feine Nachhilfe so .jpnc Geltung kommen zu lassen. das; der Zögling wie von selbst aus eigener Einsicht sich der Notwendigkeit sittlichen Handelns hingab. Es war ein in Freiheit Sich-selbst- Erziehen, wobei der Lehrer leise und still, ohne daß sein Schüler die kbige List erkannte, die Vorsehung spielte und den, verwirrendei» und verziehenden Leben in der Weise nachhalf, daß eS zum'Guten leiten mußte. Seit Rousseau war cS da»» der höchste Stolz der aufgeklärten Weltbürger. Erzieher zu seilt. Die klassische Periode nnsmr deutschen Dichtkunst war im Wesen nnd in der Absicht der Künstler eine ästhetische Erziehnilg deS Meiischciigeschlechis. Natur und Humanität ward eines. Man glaubte an die Alliuocht vernünftiger Emwirtimg. »ud die Lehrer schwelgten in dem Bcivnßtsein ihrer Fähigkeit, durch ihre sinnst die ganze Erde in einen Garten freier, srendigcr. gnter und weiser Menschen zn verivandckn. Sie waren Philanthropen. Meiischenfreimde. die von der Vernunft die Durchsetzung jeden Zwecks erwarteten, den ihr Idealismus enoartctc. ES gab für sie kein Zwangsmittel der Erziehung, als das gütige., verständiger lleberredimg und Ucberzcngwig. Diese Erzieher, ans die, was wertvoll ist au unsere» heutigen NnlerrichtSinethodeii, zumeist zurückzuführen ist. waren zugleich die zornigen Anlläger der lebciivcrpestenden Zllstände ihrer Zeit. Niemals wieder hat ein Schriftsteller so kühne und gewaltige Worte wider die Tyrannei politischer und wirtschaftlicher Einrichltingen in die Mc' hheit geschleudert, niemals find revolutionärere Anklagen gegen die Urheber des socialen Elends mit solcher eigenartigen Kraft, so aus tiefster, qualgetriebener Seele hervorgebrochen, als bei unserem Pestalozzi, dem Miischöpfer der allgemeinen Volksschulpflicht. Getragen aber war dieser ganze Erziehnngsidealismus von dem Gedanken der weltumspannende» Humanität, sowohl dem Endzweck nach wie nach den zur Anwendung gelangenden Mitteln, und stets herrschte auch darüber klare Einsicht, daß eine Aenderung der Verhältnisse eine unvermeidliche Vorbedingung für die freie Wirksamkeit der Erziehuugskunst sei. Im 19. Jahrhundert, namentlich ii, seiner zweiten Hälfte, verebbte allmählich der Glaube an die Macht humaner Erziehung. Die Pädagogik verrohte in den Mitteln, wie sie im Ziel sich er- niedrigte. Wie die von den Philanthropen des 18. Jahrhunderts geächtete Prügelstrafe allmählich wieder in Theorie und Praxis zu Ehren kam, das zeigt allein schon der Weg einer Entartung. Und ebenso war der Endzweck der Erziehung vertauscht. Nicht mehr galt es, der freien Anfklärnng im Dienste des Menschheitsidcals zu dienen, sondern fremde, gemeine Zwecke wurden als Ziele der notdürftigen Iliilerweistmg aufgestellt; die Kinder sollten abgerichtet werden, wie es die Interessen der herrschenden Gewalten erheischen. Die Kirche legte die schwere Hand auf die Schule und verdarb sie zu jener entsetzlichen Unwahrhaftigkcit, in der das heutige Erziehnngswcse» schmachtet. Der Staat der Besitzenden trieb seine Sporen in sie hinein, daß sie blutete, und ans der reinen Bildung zur Menschenwürde ward die schmutzige Dreffur von willigen, geistig und sittlich verkrüppelten Arbeitssklaven. Die heurige Erziehung ist eine Karikatur ihres ursprünglichen Wesens. Es soll eine Industrie gebe», die Kinder gewaltsam verkrüppelt, damit sie Bettlern als niitleiderregendc Anreißer dienen. Die heutige Schule ist solcher Industrie nicht unähnlich. Was soll überhaupt die Erzichnng, die immer nur eine Erziehung zur Humanität sein kann, in einer Zeit, in der die berrschende Klaffe von der Zwangsvorstellung brutalster Roheit ergriffen ist, die in der Barbarei des Militarismus, in der Vergewaltigung anderer Klaffen und Völker den einzigen Lebenszweck sieht? Es ist ein Widersinn, Kinder erziehen zu wollen, indem man sie die Herrlichkeit des Krieges und der Zerstörung lehrt, iiidc», man sie gegen Menschen und Stämme hetzt, indem man ihnen predigt, Ivi« in der größeren Gewalt alles Heil liegt. Was wir. sobald es ein einzelner thnt, als ruchloses Roheitsdelikt brandmarken, wird, sobald es die Gesellschaft, der Staat selbst, verübt, als kraftvolle Bl»i- und Eisenpolitik gefeiert, wofür man nenerdingS auch Wellpolilik sagt. Und dieser erziehmigSfcindlichc Unterricht wird in einer Zeit gewagt, wo ohnehin die socialen Zustände auch die Widerstandsfähigeren herabziehen und verderben. ES ist denn auch ein angemessener Ausdruck dieses Sachverhalts, daß mau sich heute zwar nicht mit der Verbesserung der Erzichnng gesetzgeberisch beschäftigt, dafür aber mit der ZwangSerzichump Die notwendigen Wirkungen des gesellschaftlichen Elends und die individuelle Bethätigung der allgemein herrschende» nnd verehrten Noheitsaiischanung solle» zwangsweise beseiligt werden, weil sie beginne», den eigentliche» Urhebern lästig zu werde». Eine nicht minder scharfe Kennzeichnung unserer Zustände liegt darin, daß es gerade das GcbnrtSparlmnent der Feudalen ist, daS sich für diese Frage der Zwangserziehung der verrohten Jugend interessiert, die- weil nichts so sehr zur Verwahrlosung beigetragen hat, als die Macht der Feudale», die in ihre» Arbeitern nur menschliche Werkzeuge sehe», bloße Mittel für die Herren, nicht Menschen, die sich selbst Zweck sind; denen die Schule sogar in iyrer hcntigc» kümmerliche» Gestalt ein Greuel ist, weil sie bislveilen stmnpfe Lasttiere sich auf ihre Menschenwürde besinnen lehrt. Das preußische Herreiibaus, das sich i» dieser Woche mit dem Gesetzentwurf über die Zwangs- erziehiiiig Minderjähriger etliche Mimrlen lang befaßt hat, glaubt zwar nicht mehr, wie Rousseau und seine Schüler, an die Allmacht der Erziehung zur Menschlichkeit, dafür aber a» die Allmacht des Zwanges, den sie für tanglich halten, menschliche Geschöpfe den Interessen ihrer Herren gemäß zu dressiere». Der Gedanke der Zwangserzichimg ist, abgesehen davon, daß er überhaupt eine Utopie ist, gerade das Gegenteil einer wirklichen Trzi n»g. Sic bedeutet nichts anderes als de» Versuch. Wirkungen unschädlich zn machen, während man die Ursache» fördert. Jndefscu unsere im Herrenhaus Kultur verbreitenden Jmcker sind von dem Heil des Zwanges überzeugt, und an der Vorlage des Herrn v. Rheinliaben, sowie an seiner fromme» Begriindunnsrede verdrießt sie mir eines, daß sie nicht durchgreifend genug ist. Gewiß ist die sogenannte Verrohung der niederen Jugend bisweilen eine lästige Störimg für den Arbeitskäiifer; auch die Verrohung der höheren, der harr» lose» Jugend bringt kostspielige Verdrießlichkeiten für die Väter mit sich, die sich entweder bereits aasgeiobt haben oder in den Aiisschwcisimgcn der Sprößlinge eine schädigende ilou- knneru fühlbar merken. Aber diese llcinen' Ziele sind doch nicht die .Hanplsirchc, rS sind winzige Zwecke, während die Anwendung des ZioongeS weit höhere Ausgaben zn erflillen vermag. AnS diesen Erwägimgen heran? wird die Kommission der HmeiihmlSfer den Entwurf Rheinbabcns so umarbeiten, daß er eine »»iversale Geltung erlangt. Die Zivangserzichimg soll daS Mittel werde», um wenigstens in Preußen jede» mündigen und unmündigen Staatsbürger zu der vom Junkertum offenbarte» Sittlichkeit zn veranlassen. Demzufolge werden die ersten Paragraphen des Rhein- babenschen Entwurfs in der Fassung der Hcrreichaus-Kouuiussion wie folgt lauten: 8 t. Jeder Einwohner Preußens, der incht unter einem Jahr und nicht über hundert Jahre ist. kann, wenn er nicht nach den Straf- gesehen dem Gefängnis oder Zuchthaus überantwortet werden muß. zur Zwangserziehung verurteilt werden. Zwangserziehung im Sinne dieses Gesetzes ist die Einziehung verwahrloster oder der Verwahrlosmig ausgesetzter Personen unter öffentlicher Aussicht und auf öffentliche Kosten in einer geeigneten Familie oder in einer Erziehungs- oder Besseruugsansialt. 8 2. WaS Verwahrlosung ist, entscheidet das Herrenhaus. 8 2. Die Ueberweisung zur Zwangserziehung sei es einzelner Personeu, sei es ganzer Kategorien von Personen, wird durch die vom Herrenhaus eingesetzten Vertrauensleute verfügt. Auf An- rufung der Belrofscuen entscheidet das Herrenhaus endgültig. 8 i- Unter den geeigneten Familien, welche sich zur Aufnahme von ZivUligszöglingen erbieten. trifft eine vom Herrenhaus ernannte Kommission die Auswahl. Den Zuschlag evfiSTl in der Regel ein Großgrundbesitzer. Die Zlrnmgszvglimze sind gehalten, jeb-�eit ohne Entlohnung ihre Arbeitskraft den geeignet»» Familien zur Verfügung zu stellen. Dka» erkennt schon ans diesen Bestimmnugen die Tragweite der vom Herrenhaus umgearbeiteten lax Rheinbaben. Diese Zlvangs- erziehimg wird mit einem Schlage der rasenden Entsittlichung des Volkes Einhalt thu». die namentlich seit der Aufhebung der Leibeigen- fchaft und der Beseitigung deS Herreurechts der ersten Nacht um sich gegriffen hat. Zwangserziehung macht alles— in dieser Form ver- jüngt sich die pädagogische Schwärmerei der gründlich überwmidene» Menschenfreunde. Weder wird eL künftig eine Socialdcinokratie geben, noch eine Lentenot in Ostelbien; denn natürlich werde» die Mirbach und Kanitz die Familicn sein, die geeignet sind, durch Zwangs- erziehimg und Zwangsarbeit die Umstürzler der junkerlich geläuterte» Sittlichkeit wiederzugeben. Eine ganz besonders heilsame Wirkung aber versprechen sich die Herrenhäusler von ihrcni Entwurf hinsichtlich der Gesandung der inneren politischen Verhältnisse. Man weih, wie weit die grauen- Haft« Zersetzung der altprenhischeu Sittlichkeit in der inneren Politik vorgeschritten ist. Bereits haben es im vorigen Fahre preustifchc Minister gewagt, aller frommen Scheu lcdig, sich der Autorität des preußischen KimkertinnS zu widersetzen; ja bii.• Auftösuug aller menschlichen und göttlichen allpreuhifcheu Bande gewann solchen «rschrrckendcn Umfaiig, daß diese Beamten es gewagt habe», mit dreisten Drohungen rm den Feudalherren, allerdings vergrvliche, Einschüchternngsversuche zu»nternehiuen. Gewiß, die Flerker haben ixzunschc» ihr Unrecht eiwseschen und Besserung gelobt. Aber wer gavaiUiert, daß solche Aussclweitungen nicht wiederlehrci»? Dieser Gefahr gegenüber, dieser Erschütterung der Autorität, aus der AltprcnhenS Größe beruht, nach dem Jnnkertmu gesetzlich ein Abwehnnittel in die Hand gegeben werden. Ist die Familie Liittbnrg-Stirmn nicht durchaus geeignet, zum Beispiel den ver- tvahrkvsien Wrsten Hohenlohe in ein paar Jahre» liebevoller Zwangs- erzichnng dmiernd zu besseru?— Joa BUeines IseuilleZo-n. fe. Niiki dem Leben eines Bandevillisten. Enwst Blum erzählt:„Ich bin nicht gerade unmäßig, aber ich gehöre auch nicht zu den ivütcnden Temveirnzlem, mid einmal habe ich mich sogar ordentlich bezecht. Ich war jnng und nicht gelvölntt an gute Weine. Ein Freund. der einen fetten Prozeß gewvnntn, hatte uns ringe- laden, dieses glückliche Ereignis durch ein extrafeines Diner zu feiern. Ich hatte von allem geirmiken und gegessen und hielt nach nicht mehr ans den Beinen. Siebzehnmal hatte ich meineui Tischnachbar die Geschichte meines Lebens erzählt. und dieser weinte, und dann weinten wir beide und Ingen ei-mmder in den Armen. Mein Tischnachbar war ein guter Junge, inib ich hatte ihn im rechten Angenbkick so lief gerührt. bch', er sagte:„Höre, Du bist wirklich eine schöne Seele! Willst Du meine Schwester heiraten?" lind in der Begeisternng. in der sich meine Seele befand, anttvortetc ich:„Ich will eS?" Mein Rachtwe überlegte einen Augenblick und sagte dann:.Ich habe nämlich keine!"„Daun Ivette ich»•arten, bis Du eine liast!" Und dann erzählte ich iimi zmn achtzehritennialc die Geschichte meines Lebens. Man siebt daraus, in welchem Zustand w ir lvarr«: aber das alles war nock, gar nichts! Dm nett s wurde gevttde ein Einakter von mir im Varietes gespielt, und plötzlich schlug ich allen Gästen vor,— eö waren elwa zehn,— ich luvtlt ihnen nicht nur sreien Eintritt für den Saal verschaffen, sondern»c auch Imtter die Eöulsise» sichren. Anlürlich stinnnten sie begeistert zu und wir zogen nach dem Biwwtös. Wir lmnni zum Theater, und so berauscht ich war, ich Überlegte doch, iv!e ich »win Vorsprechen halle» sollte. Ich hatte nun eine geniale oder auch tnuikme Idee— das ist sa ungefähr dasselbe— und sage:„Der Direktor ist nicht da. löst Billetts an der Kasse, und invrgen lasse ich Euch das Geld zurück geben. Inzwischen gehe ich hinter die Coulissen. um das Nöthige zu veranlassen: in fünf Minuten hole ich Euch. Sie lösten alle ihre Billetts und erwarteten mich im Saal. Aber sobald ich hinter den Couliffen war, hatte ich in meiner Trunken- heit alles vergessen und war nur noch von dem Gedanken beseelt, meine Lebensgeschichte zum zwanzigstenmal zu erzählen, und zwar dem versammelten Publikum. Man spielte gerade ein Vaudeville. dessen Schauplatz die Boulevards waren. Die Gelegen- heil war günstig. Eine junge Schauspielerin war ans der Bühne und erwartete ihren Geliebten, mit dem sie ein Stelldichein verab- redet hatte. Sie saß aus einer Bank und sagte nichts. Mir schien der Augenblick geeignet und ich trat auf... Großes Erstaunen aus feiten der jungen Schauspiclertn, des Orchefterdirigenten. des Souffleurs und der Clnque. Ich hielt mich aber mit solchen Kleinig- leiten nicht auf, sondern trat vor und sprach zum Publikum: „Meine Herren! Von armen, aber ehrlichen Eltern geboren.. Ich kniiii nicht fortfahren, ein domieriider, von nieiiien Freiniden ausgeführter Beifall empfängt mich. Die junge Schau- spielerin nierkt, in welchem Zustande ich bin, verliert aber den Kopf nicht, sondern thnt als ob sie mir ein Geldstück tu die Hand drückt und sagt:»Hier, und liun betteln Sie nicht mehr!" Dann stößt sie»nch sanft an den Schultern hliiaiis. Ivo der Regisseur und die Maschinisten mich vor die Thür setzen. Das Puvlikimi hat nie- inals erfahren, zu welchem Zweck ich gekommen war, und meinte, dieser Boulevard-Bettlcr sollte dein Werke Lokalkolorit geben... Nachdem ich dann 15 oder 16 Stunden geschlasc» hatte, eiilschuldigte ich mich am audercii Tage beim Direktor und allen Angestellten. Meine Freunde aber waren»ach meinem Erscheinen auf der Bühne eiiigeschlase» und mußten nach Schluß der Vorstellmig geweckt und aus dem Saal gebracht werden, sonst wären sie vielleicht iwch darin."... Theater. Schiller-Theater. Freudvoll und keidvoll. Bolls- stück in 4 Aufzügen von Louis H e r r m a n n. Musik von G ii st a v Steffens. Ob das Volksstück noch eimnal zu neuem Leben erwachen wird? Niemand kann es mit Bestimmtheit sagen; wohl aber kann man mit Bestimmtheit sagen, daß es in der gegen- wärtigen polflischcn nnd wirtschaftlichen Silnation nicht zur Herr- schaft gelangen kann. Die Weit des VolksstiickS ist durch imd durch kleinbürgerlich. Der einfache Schlosser avanciert zum Komme rztenrnt und als solcher sind ihm Treue und Ehrlichkeit mehr wert, als selbst das beste Geschäft. Sein Hausdiener ist zugleich sein Ver- trauter imd die einflußreichste Person der Handlung. Daß der Koinmerzienrat auch eine Schwägerin vefitzt, die an Jahren so reich wir an LiebeSbedürsnis ist, erwähne ich nur nebenher. Eigentlich versteht es sieb ja von selbst. Srtn Sohn ist brav und gut. Er liebt cm armes Mädchen, das ebenfalls brav nnd gut ist. Und mm erst der Bater des Mädchens! Er gehört zu den Liihiienerschciiniiigen. die tmanSrottbar find, eben weil sie einen historischen TypnS darstelle». Er ist natürlich brav, so ent- setzlich brav sogar, daß er beschränkt wird. Seine Starrtöpsigkeit ist uns heule unerträglich; aber freilich: als der Reichwm anfing, die Welt zu erobern und alles inner sein Scepter beugt«, mag diese Starrköpfigkeit wohl eine kleinbürgerliche Tugend gewesen sein. Natürlich will der kleiiibiirgertiche Starrkopf dem Sohn des großbürgerliche» Kimrinerzienrats seine Tochter nicht geben, aber das Vvlksstiick sorgt selbstverständlich dafür, daß sie sicki doch kriegen nnd daß am letzten Ende dir seindltcheii socialen Typen m einer schönen Gruppe beisammenstehen. Das ist im allgemeinen der Verlaus eines Bolksstücks und im besonderen ist eS die Inhaltsangabe des Stücke?, das von Louis Herr m a n n im Schiller- Theater aiifgefiihrt wurde. Die Zeil ist längst vorüber, in der die Schlvsicrmesster hoffen durften, Koinmerzienrat zu werden. Solange die Hofsmmg vorhanden war, konnte auch die optimistische Stiinmnng vorbanden sein, die das Volks stück braucht. Heute aber ist verzwckfektrtc PrssiiniSmuS dic Stgncttur des Klciüliürgcrtmns nnd somtt ist das BokkSstück tot. Demi daß es von den proletarischen Arbeite en nicht getvagcu iverden kann, versteh: sich von selbst. Das VolkSstück sst tot: aber die Forui, die eS darstellt, kann sehr wohl wieder lebendig werden. Der Wert der Form darf über den kletnlnirgerlichen Inhalt nicht vcrgesirii werden. Das Volksstück ist vor allem naiv imd kann nur gedeihen, ivenn die Zeit wieder naive Lebensfreude gestattet. Der Kapitalismus hat die Naivität ausgerottet und uns. dafür den foiTJtptcu Witz nnd Blmnenthal ge- gelnu. Vielleicht daß in einer Zrtt, in der die Wunden der Gesell- schasl nicht mehr so blittig klaffen, mich dic naive Freude wieder bei den Menschen einkehrt imd drirrn lami am Ende auch für ein nenrs Vvlksstiick eine uene Periode deS Glanzes kommen, Unter den Bühnen, die litterarisch zählen, giebt eS in Verliii nur zivei, die das akle Vollsslück gelegentlich ihrem Publikum bieten löimeii, das„Berliner Theater" mimlich nnd das„Schiller-Theater". Das„Berlnicr Theater" hat eS vor einiger Zeit bereits izechan und »im holt es das„Schiller-Theater" nach. Daß c3 sich hierbei nur mn die Neubelebmig akter, ganz alter Typen handelt, zeigt bereits »iffere Inhaltsangabe. Das schlimmste aber ist, daß Hrrrniann für die alten Typen keirl? nennt Spaße erfunden hat. Der Kalauer inuß allzu oft die Stelle des Humors vertreten, mid sst mal ein leidlicher Einfall dti, wird er miS so oft serviert, daß wir schließlich doch dankend ablehnen. Kalauer, Worllmtze mid dergleichen können verblüffen, aber erwärmen können sie nicht. Die heitere Stiinmnng, die im Hanse war, kommt auf Rechimnq S ch m a f o>v S»nd seiiit-Z Couplets Die Soill'rctte war vom Autor ungewöhnlich spärlich ausgestattet worden, ein Fehler, der auch durch die beste Darstellung nicht hätte ausgeglichen werden können. Frl. Harting that, was sie kouute. aber Ivo nichts ist, kann eben nichts herausgeholt werden. Im übrigen teilten sich Eyben, Röstlin, Th urner, Grete Meyer und Agnes Werner in die Ehren der guten Ausführung.— E. S, Kunst. •hl. Die Akademie hat in ihren Räumen llnter den Linden eine A n S st e I l u n g von Gemälden nud Zeichnungen von Ludwig Knaus veranstaltet, zur nachträglichen Feier seines 70. Geburts- tagcS. der in den Oktober des vorigen JahrcS fiel. Die Ausstellung unifaszt über hundert Gemälde,— vom Jahre IftSO an sind fast ans jedem Jahre größere Werke voihandc», und das letzte trägt das Datum 1900 1— sie gestattet daher einen selten voüsläudigen llebcrblirk über das Lebenswerk des Künstlers. Knaus ist freilich bekannt wie kaum ein anderer deutscher Maler, wenn nicht durch seine Werke selbst, so durch die zahllosen Reproduktionen, die in Zeitschristen erschienen sind. Auch die.Reue Well" hat Bilder von Knaus gebracht. Einzelne Bilder iiachzuerzählcn. ist daher hier nicht nötig. Die Stellung von Knaus in der Geschichte der deutschen Malerei scheint schon seit langem festgelegt: er war der erste, der wieder auf eine gute malerische Technik Gewicht legte, der Be- leuchtuiigsproblemen nachgegangen ist und seinen Bildern malerische Haltung zu geben bestrebt war, und er ist der beste der deutschen Erzähler gewesen. Die Entwicklung der Malerei ist weiter ge- gangen, die Ziele sind andere, strenger lünstlerische ge- worden; aber die jüngere Schule betrachtet Knaus als einen Vorläufer, nud es ist bezeichnend, daß der Jubilar selbst in der Antwort, die er auf die vielen Ansprachen bei der Ansstellnugs- Eröffnung am Freitag gab. sich gerade an die jüngere Künstler- generation wandte und, mit einem Ausdruck der Resignation, von dem Sturz des Alten und der Veräiidernng der Zeiten sprach. Er ist den neuen Bestrebungen immer mit regem Interesse gefolgt; er fühlte wohl, daß hier sich vollende, wonach er selber, und in seiner Zeit selbständig, gerungen. Man sieht in der Ansstelluiig in den jüngeren, weniger bekannten Werken mit einigem Erstaunen, wie der schon bejahrte Künstler in seinen eigenen Werken, in h ganzen helleren Farbeiigebung noch unter den Einfluß der neuen Joeen ge- kommen ist. Freilich scheint eS. daß mau wohl weniger auf diese als auf seine frühere» Werke sich beziehen dürfte, wenn einst von seinem Schaffen die Rede sein wird.— Sehr wertvoü für die Erkenntnis der Kunst von KnanS sind die zahlreichen Zeichnungen und Studien, die neben den Gemälden zur Ausstellung gebracht sind. Sie zeigen seine Art, künstlerisch zu sehen. ES sind nicht uubc- fangen« Studien»ach der Natur, diese prächtigen Bauerntypen aus dem Schwarzwalde; sie sind vielmehr immer schon in einer gewissen Pose, mit einem bestimmten Ausdruck gegeben. der Künstler legt seine Absichten schon in die Studie hinein, er giebt dem Modell eine besondere Haltung, er schafft von vornherein einen Typus. Obwohl der Künstler gerade in diesen Köpfen einen individuelle» Eharakterzng hat herausarbeiten wollen, haftet allen den Studien etwas eigen- tnmlich Starres an. Völkerkunde. — Die Mädchen auf Samoa und die Moden. In der.New Dork Tribinie' wird in einem Bericht über Land und Leute auf Samoa folgende Schilderung der samoanische» Schönen gegeben: Da» samoanische Mädchen ist eine geborene Kokette, dabei voll Romantik und natürlicher Grazie. Ihr gewöhnliches Kostüm besteht ans einem Halsband von Haifischzähnen, einigen metallenen Ohrringen und einem kurzen Rockchen. Die Zahl der Haifischzähne ihre? Halsbandes ist der Maßstab für ihre Beliebtheit bei ihren Anbeten,, je mehr Zähne, desto mehr Verehrer.!«)» der Zeit ihres zehnten Lebensjahres an kokettiert sie hinter einem der zierlichen und geschmackvollen landesüblichen Fächer mit freimdlichen Blicken. Wie alle Kokelten ist sie unbeständig bis zum äußersten und höchst romantisch. Ihre Natur ist ebenso stolz und ungebärdig, wie die der samoonischen Krieger, und sie ist körper- lich ebenso gut lvie jene geübt. An Körpcrkraft steht sie dem Manne nicht weit ncich. DaS samoanische Mädchen hat in den letzten Jahren die Welt kennen gelernt: Touristen auS aller Herren Läirder haben Samoa besucht, und die Schönheit des samoanischcn Mädchen» wird allmählich durch ihre große Eitelkeit verdorben. Sie verschwendet nicht mir viel Zeit darauf, sich zu verschönern, sondern sie erfindet auch die knhiistcn und fürchterlichsten Kleidcrziisammenstcllungen: ein Matteuschurz und darüber eine seidene Balltaille, da? Haar k 1 Empire frisiert und zur Vervollständignng des Ganzen noch das unvenneidliche Haifisch- zahn-Halsband um den bronzefarbciien HalS, ist so nnzcfähr die letzte Mode der Schönen von Samoa. Arme und Beine bleiben nackt! Schuhe kennt sie wohl, aber sie liebt sie nicht. Sie lehnt auch Strümpfe ab. ganz im Gegensatz zu dem samoanische» Krieger, der, wie erzählt wird, beim Manch in den Kampf stolz ein Paar lange seidene Opernstrümpfe trug, deren Sohlen vollständig durchgetreten waren: ohne Zweifel hat ihm ein europäischer Reisender damit ein Geschenk gemacht. Obwohl das samoanische Mädchen eigentlich keine Kleider trägt, lernt sie doch in frühester Jugend nähen nud sticken. Die Haarnadeln, die sie trägt, find kleine Kunstwerke für sich, sie werden ans KokoS- ' holz gemacht und zeigen hübsche Gravierarbeiten. Schon als Babys lernen die Mädchen schwimmen und tanzen. Die Snmoaner lieben den Tanz, den sie mit viel Annint vollführen, über alles nud au ihren Festen tanzen sie Tag und Nacht. Sie lieben auch die Musik sebr und lieben Jiistrnmeute. auf denen sie eine eigentümlich rhythmische und iveiin auch nicht schöne, so doch harmonische Musik niachen. Die Verheiratung des sainoanischen Mädchens wird von ihren Eltern besorgt und sie selbst bat nicht die geringste Entscheidung dabei. Die Samoanerin ist anmutig, liebenswürdig und freundlich, wenn sie sich in der ursprünglichen Form zeigt und das Wesen ihres Volkes rein bewahrt, aber sobald sie anfängt, die fremden Danien, die das Land benichen. nachzuäffen, verliert'sie ihre Einfachheit, ihre Schönheit und ihre Naivität.— Humoristisches. — DieForster-Henne..... Sieh'nial nach. Mann— die Henne wird ein Ei gelegt haben I' .Die hat kein Ei gelegt!" .Aber hörst Dn denn nicht das bekannte Gegacker?" „Ach, deswegen ist's doch nicht wahr, das ist ja die Henne, die nns der Förster geschenkt hat!"— — Kolossales Geschäft. ,... Das ist noch gar nichts l W i r habe» in nnserm Geschäfte allein 10 Kommis, die den ganzen Tag nichts zu thun haben, als die Gläubiger zu vertröste» l"— — Viel verlangt. Zum Polizeikommissär kommt ein alteS Wciberl und hält ihm einen Hafen unter die Nase..Ach, bitf schön. Herr Kommissär, schlecken S' 1" .Was soll ich thun?" .Nur e' bisserl schlecken l... Wissen S', mei' Nachbarin hat mir da-Z Eingemachte g'schickt und da mein' ich halt alleweil, eS föiuif vergift't sein 1"—(.Flieg. Al.'j Notizen. — Die G e n e r a l V e r s a m n» l ii n g des Deutschen Bühne n Vereins, die dieser Tage in Ha n n o V e r tagte, hat e i Ii st i m in i g eine Resolution angenommen, in der es niiter anderem heißt:.Der Beschluß vom IS. Mai IMS auf obligatorische Einführung deS Theater-Hansgesetzes wird dahin abgeändert, daß dessen Beibehaltung in das Belieben jedes einzelnen Bühnenleiter» gestellt wird." Damit ist daS.Hansgesetz" so gut wie beseitigt!— — DreyerS.Probekandidat" scheint noch auf lange Zeit hinaus das Repertoire de» D e n tf ch e n Theaters zn be- herrschen. Vierzig«ufführungen hat das Stück bereits erlebt, in diesen erzielte eS 131 000 Mark Einnahmen!— Der.Hans" desselben Autor» fand dagegen im Wiener Vurgtheater keine gute Aufnahme.— — Prof. Carl Emil D ö p l e r d. A e l t. hat von der Verlags- bttchhniidlung Schuster«. Lösflcr den Antrag erhalten, seine S e l b st» Biographie zu schreiben.— — Die große Gesamtausgabe von I o h. S e b. Bach» Werken ist jetzt, nach einer Arbeit von fünfzig Jahren, znin Abschluß gebracht.— — Richard Strauß' Tondichtung.Tod und Ver» k l ä r u n g" wurde im Leipziger Gewandhause zum erstem, ia(e aufgeführt und erzielte einen durchschlagenden Erfolg.— —.F e d o ra", Oper von Umberto Giordano, hatte bei der Ausführung in Hamb u r g einen großen Erfolg.— — Eine Sammlung der sämtlichen Werke von Hektar B e r l i o z wird im Berlage von Breitkops u. Härtel erscheinen. Wcingartuer und Malherbe, der Archivar der Pariser Großen Oper, besorgen die kritische Revision der Partituren.— — Der Bildhauer Ferdinand v. Miller ivnrde, zunächst ans zwei Jahre, zum Direktor der M ii n ch e u e r Akademie der bildenden Künstler ernannt. Unter den Akademie-Professore» herrscht« wenig Neigung zur Ueberuahme dieses Postens.— — Ein Einakter von Theodor Herzl ,1 love you" errang im Wiener Burgtheater einen starken Erfolg.— — Ibsen» Dichtung ,W e ii ii wir Toten e r Iv a ch e n" soll am Wiener B n rglheater in Scene gehen mit K a in z in der Rolle des Bildhauers Nnbek.— — Mit dem Aktien-Kapital von 230 000 Lire ist in Mailand eine nach dem Maestro P e r o s i betitelte Gesellschaft zur Aufsührnug kirchlicher Musik ins Leben getreten. Die Gesellschaft hat für 93 000 Lire die alt« geschichtlich wichtige Kirche von Santa Maria della Pace erworben. Diese wird zu einem großen moderne« Mnsiksaal nnigedaut.— — Der Maler D i e f f e n b a ch hat sich mit seiner Kolonie i» C a p r i niedergelassen.— — Der für die Heidelberger Sternwarte bestimmte neue Apparat zum Photographieren von Himmels- körper», den Prof. Brashear in PittSbnrg angefertigt hat, ist vollendet. Bei Versuchen auf der Alleghany-Sternwarte wurden damit Tausende von Sternen, die bisher mit anderen Apparaten nicht erreicht werden konnten, ermittelt.—_ Verantwortlicher Rcoacieur: Paul John in Berlin. Druck un» Verla» von Maj Badin» m Berlin.