Mnterhaltungsvlatt des Nr. 12. Donnerstag, den 18. Januar. 1300 (Nachdruck verboten). 12) Däs AVeibevdovf. Roman aus der Eifel von Clara V i c b i g. '„Autsch, reiß mech doch nct e su, schmollte Lucia, als sie ein Stück weiter weg waren. Sic blieb stehen und sah sich um.„Wat soll cweil dän Hahr Schandarin denken?! Jossas» laoß mech doch los!" Er hatte sie unsanft am Handgelenk gefaßt, sie machte sich frei mit Tränen in den Augen.„Autsch, cch giehn jao schuns allein! Laoß los! Ech haon e su als schuns schwer zo schleppen, et es mer net comod!" Schweigend nahm er ihr das Kind ab, dieses Bündel, ganz in ein großes Tuch gewickelt; nun trug sie nur noch ein Paket, das war verschnürt und sie trug eS mit besonderer Sorgfalt. „Wat haste lao?" brummte er. „Raod chs 1" Ihr Gesicht hellte sich schon wieder auf; ihre Augen glänzten vor Vergnügen.„O su cbbes Schienes, su cbbes Wonucrschienes! Waart, Pittchen, cch zeigen et der Lebhast kniete sie nieder, legte das Paket sacht aufs weiche MooS und begann es aufzuschnüren.„Dau sollst dein blau Wonner siehn," schwätzte sie dabei,„su ebbes EchicneS! Kuck ehs hei, Pittchen! tluck ehS!" Sie schlug die Hände zusammen in eitel Glückseligkeit und lachte wie ein Kind. Da lag ein schöner roter Flanellunterrock und schimmerte grell auf dem dunklen Moos. Und daneben eine Tändel schürze von schwarzem Seidenstoff, unten mit bunter Blumen- guirlandc bestickt. „Haste su cbbes schuns gcsiehn?" stammelte sie entzückt, und dann griff sie mit beiden Händen zu und hielt sich daS viel zu kleine Seidenläppchcn vor den starken Leib.„Wat lvcrden se saon!" Sic sauchzte förmlich. Er staunte auch über die Pracht, aber zugleich ergriff ihn eine plötzliche Unruhe, ein jähes Unbehagen. Wie kam die Zeih dazu? „Wuhär haste dat?" fragte er finster. Sie lachte fröhlich:„Geschenkt kritt!" „Geschenkt kritt?" wiederholte er.„Von dehn Taut dbch sicher nct, on Dein Modder haot sälwcr»eist!" Er sah sie lauernd von der Seite an. „Olau, von dänen— nä I" Nun lachte sie, daß sie sich schüttelte.„Von dänen su cbbes Schienes? I Hahahaha l" „Von wänl denn?" fuhr er sie an. „Olau, dau domm Pittchen"— noch immer lachend stieß sie es heraus—„von dem reisenden Hähr, von dein fremd- licht» Hähr! Von wäm aunerscher?" „Bifte doli!" Er sprang auf sie zu wie ein Rasender und riß ihr die Schürze vom Leib.„Gicf här!" Das Lachen verging ihr, jammernd suchte sie ihm die Schürze wieder zu entreißen.„Mein Schürz, Pittchen! Mein Schürz, mein schien Schürz!" „Dan Lappen, dän Dreck!" Er knäulte die Seide zu- sannnen und schmiß sie hin, auf dem roten Stock trampelte er Heruni.„Onnerstieh dech noch chs cbbes anzonähmen von Hährcn, von fremde Hühren! Ech schlaon dem Kerl ale Rippen im Leif dorch, cch schlaon hän kapot, cch schlaon hän dud— Dan Mensch, Dau liddcrlich Mensch, wat haot hän davor gckritt? Saog!" In seiner Wut gab er ihr einen Stoß, daß sie zu ihren mißhandelten Schätzen aufS Moos niederfiel.„Saog de Waorhaat— lüg net— wat haot hän dafor gekritt?" Sie suchte die Geschenke zusammenzuraffen, er schleuderte sie in weitem Vogen auf die schmutzige Straße. „Wat haot hän dafor gekritt— willstet an saon?" „E Küßche," wimmerte sie,„nor cn anzig Niißche!— For Rock zwoa! For de Schürz aus— na, aach zwaa! For- ivaor on enklich, ech saon de Waorhaat! Pittchen! Pittchen!" Sie hatte Angst bekommen. „Neist mich? Lüg net!" Er knirschte mit den Zähnen. „Dau kömmst net labendig hei ans cm Wald, waunste net de WaoHaat saost. Cch raoden der!" Er beb die Faust, jede Muskel seines hageren Körpers war angespannt; er war nicht so groß und kräftig gebaut wie seine Frau, aber in diesem Augenblick erschien er ihr ein Riese. „Hän haot mech uf dän Schoß geholt", stotterte sie scheu —„hän haot dat Josephe hinnen in et Chäschcn gelät— hän saot, hän tvollt mer noch ebbes vill Schieneres metbringcn, Ivan hän dat nächste Maol nao Eifelschmitt käm. O mein Schürz! Mein ruth Röckche! Mein schien Schürz!" Die hellen Thränen liefen ihr stromweis über die blühenden Wangen, jannnernd rang sie die Hände:„Ech arm Dier! Hätten ech doch nie geheiraod I Häte ich uf mein Vadder sälig geheert I Ech konnten en annern krichn! Duh sitzen ech ewcil zo Eifel in dem dreckige Loch— ke Gäld— kenen Pennig— mer waaß oft net, wat mer äßen soll! Dän Mahn stiehlt onsem Hährgott dän Dag af! Jni Winter friert mer sech zo Schanncn I Im Sommer haot mer net emaol en anstännig Kleid, um of de Kirmes zo giehn! Hei dat Fähnchen"— sie hob ihr verschoffcnes, an allen Enden zu knappes Kleid in die Höhe—,„dat dragen ech schuns e su lang mir verheiraod sein— zwaa Jaohr. On im Dienst zu Manderscheid haon cch et aach als drei Jaohr gehakt. Mer inoß sech schämen for d>»' Lcit!" Das Schluchzen erstickte sie fast:„Ech arm— arm Dier— ech deicrlich Fra!" Sie warf sich ihren Kleiderrock über den Kopf und saß nun ganz vermummt. Das Kind auf PittchenS Arm fing kläglich an zu schreien, cr warf es der Mutter in den üochoß:„Dao lieg, dau Bankert!" Aber gleich darauf packte ihn die Reue, sie schluchzte so hcrzzerbrechend, so hatte er sie noch nie gesehen. Sonst war sie immer fröhlich. Die hörte wohl nie mehr zu weinen auf! Und hatte sie nicht recht, ging's ihnen nicht erbärmlich genug? Hatte er ihr nichts Besseres versprochen, als cr die schöne, lustige Zeih freite?! Er stand betroffen. »Zeih." sagte er sanfter, und dann räusperte cr sich. ..Zeih!" Wenn sie ihn auch nicht sah, nun wußte sie doch, woran sie war; sie schluchzte jetzt noch jämmerlicher und krümmte sich wie in unerträglichen Schmerzen. »Zeih," sagte er ganz kleinlaut und zog ihr den Rock vom Kops. Sie sah ihn gar nicht an, nahm daS Kind in den Arm und herzte cS unter Thränen;„O dau mein Josephche, mein arm Josephche l" Sie küßte es mit stürmischer Zärtlichkeit. Der Hnt war ihr vom Kopf geglitten, das Haar hing ihr lang und wellig von den Schläfen nieder, ihr lieblicher Mund zuckte wie bei einem Kind, daS sich ausgeweint hat und dem nur noch stoßweise ein letztes Schluchzen kommt. Die Lider hielt sie beharrlich gesenkt, ihr Blick ruhte auf dem Kinde; die goldig-branncn Wimpern ruhten auf den schwellenden Wangen, die die Somincrsönne nicht verbrannt. Mir mit einem pfirsichähnlichen Anhauch überzogen hatte. Keine war doch so hübsch wie sie— und alleweil so fidel!Z Peter sah unverwandt ans sie nieder.„.Haste de Waorhaat gesaot, Zeih? Schwör! Beim Josephche hei!" Er legte die Hand ans das Kind. Sic legte die ihre dazu:„Ech schwören!" Run hob sie den Blick und blinzelte ihn an:„Bistc mer bccs. Pittchen?" Ein Schluchzen stieß sie noch.„Ech kann doch neist dafor!" „Rii. nä, kreisch nor net! Kotzdonner, da» sollst net kreischen. Zeih!" Er stieß mit dein Fuß ans.„Ech haon et jao nct e sn dees gcmaont. Aeioer dau nivßt mer aach net ontreu gänn— Hörste, Zeih, nct ontreu! Zeih l" Er rüttelte sie schon wieder. „Nä, nä. O mein schien Röckche! Mein Schürz 1" Er ging schon auf die Straße und holte beides.„Dao, haste dän Dreck!" „O Pittchen!" Sic faßte seinen Kopf und zog ihn zu sich hermiter, beide Hände legte sie a» seine Wangen. Ganz zart flüsterte sie— es war schon wieder was von dem früheren vergnügten Klang in der Stimme.„Ewcil bifte mer Widder gut, gäl? On en anner Kleid kaafste mer aach— gäl? E sn ba! dän Hähr Reisenden Widder kömmt. Ech saän der. dän haot Kleider!" Schmeichelnd rieb sie ihr Gesicht an dem seinen.„Gäl, dau kaafft mer ans?" Sie wartete aus seine Antwort; als keine kain. warf sie den Kopf'zurück:„Tän' wollt mer ans schenken!" Er zinkte zusaminen.„Dau sollst kans geschenkt kriehn, ech leiden bat net, ech— jao"— er nickte und kratzte sich nachdenklich hinter den Ohren—„ech kaafen der sälwer ans I" Mit einem Freudenschrei risi sie ihn ganz zu sich herunter, preßte seine Lippen ans ihren MuNd und küßte ihn heiß. Er lag mit seinem Kopf neben dem Kind in ihrem Schooß i sie streichelte seine Haare und wickelte sie um ihre Finger. „Gäl, Pittchen, dau kaafst mer ans? Jesscs Maria, haon ech e Freid! Pittchen, ech haon dech su licw I" „On, dän Schandarm?" fragte er leise, noch einmal von einem diistern Argwohn beschlichen. Sie lachte hell ans.„Dän Lappes! Waaßte, wat dän niicht? Kuck hei I" Sie drückte die Augen heraus, warf sich in die Brust und zwirbelte an ihrer rosigen Oberlippe.„Alle- weil niicht dän e su! O dän— hahaha!" Er hatte sich halb aufgerichtet, auf den Ellbogen gestützt, sah er verliebt in ihr lachendes Gesicht. Sie strich ihm die Falten auf der Stirn glatt und kitzelte ihn mit einem Halm unter der Nase. Er mußte mit ihr lachen. sFortsetzung folgt.) N ttku v w i ffc n fch o ftl i Von Curt Grottewitz. Es gab eine Zeit. in der Pflanzen wie Tiere allein im Wasser kcbten. Damals bedeckte ein einziges Meer die ganze Erde. Es war ein ungeheurer Raum fiir die Entfaltimg der Lebewesen gegeben, aber nur die Tierwelt fühlte die Notwendigkeit, immer höhere Typen ans sich heraus zu entwickeln. Uebcr die ungegliederten Urtiere gingen die Schwämme und Korallenticre hinaus, über diese die Stachelhäuter und Würmer, den Krebsen folgten die Mollusken, bis in den Fischen und Amphibien die Meerestiere ihren Höhepunkt erreichten. Das Leben im Meere muß von Anfang an für die Entwicklung der verschiedenartigsten Tierformen sehr geeignet gewesen sein. Denn schon in den ältesten Zeiten finden wir alle großen Typen der Mcercsticre bereits vertreten. Und als das Festland aus den Fluten hervortauchte, blieb es ihm höchstens übrig. Spinnen und Insekten, Vögel und Sänger als neue Landtypen den zahlreichen Mecrestypen hinzu- zufügen. Ganz anders vollzog sich die Geschichte der Pflanzenwelt. Es muß ein sehr bequemes und allen Bedürfnissen genügendes Leben gewesen sein, das die Pflanzen im Meere führten. Sie hatten keine Neigung, differenziertere Formen anzunehmen. Sie blieben ewig ans dem Standpunkte des niedersten Pflanzentypus stehen. Ihr ganzer Körper bestand aus einer Zelle oder ans einem un- gegliederten plumpen Gesüge von Zellen. Man nennt sie des- halb Zellenkryptoganicn oder Thallophyten. Hier war das Ans- tauchen des Festlandes von ungleich größerer Wirkung als für die Tierwelt. Es gab der stagnierenden Entwicklung den mächtigsten Anstoß. Denn erst auf dem Festland oder wenigstens in dem seichten Meeresboden der Küsten entstanden alle die weiteren Pflanzentypen, die wir heute meist im Sinne haben, lvenn wir von Pflanzen reden. Der Uebergang vom Wasseraufenthalt zum Festlandslebcn erfolgte in einzelnen Abstufungen, und diese scheinen aufS engste mit der Entwicklung der pflanzlichen Haupttypen in Zusammenhang zu stehen. Wenigstens hat R. v. Wcttstein in einem Vortrage, den er im letzten Sommer in der zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien gehalten bot. diese Anschauung vertreten. Je mehr sich eine Pflanze aus der Nässe heraus an die relative Trockenheit des Festlandes geivöhnte, zu einem um so feiner differenzierten Wesen wuchs sie empor. Ans den Thallophyten gingen zunächst die Moospflanzcn hervor, die bereits «ine feinere Gliederung ihres Körpers in Stamm und Blätter und einen Ansatz zu Gefäßen erkennen lassen. Jkoch heute sind die Moos- pflanzen Bewohner feuchter oder nasser Standorte. Ihr geringes Lichtbedürfnis, das sie mit allen in, Meere flottierenden Gelvüchsen teilen, ermöglicht es den Moosen, auch im Schatten zu gedeihen. Ja, ohne Zweifel suchen sie den Schatten auf, weil hier immer eine genügende Feuchtigkeit herrscht. An dnnkeln, feuchten Orten aber konnten die Moose leben, ohne daß ihr Gefäßsystem hinreichend aus- gebildet war. Das Wasser, das sonst die Gefäße ans der Erde in den Pflanzenkörper leiten, konnten die Moose mit ihrer gesamten Oberfläche aus der feuchten Umgebimg aufnehmen. Die nächste große Pflanzen- Abteilung, die Wedelpflanzen, zu denen besonders die Schachtelhalme und Farrne ge- hören,- sind ebenfalls Bewohner feuchter Orte. Aber schon haben sich diese Gewächse durch ihre feinere Ausbildung von Blättern, die das Licht reichlich verwenden, und von Gefäßen, die Wasser und Nahrung nach allen Teilen des Pflanzcnkörpers leiten, dem Leben auf dein Festlande besser angepaßt. Die Aus- bildmig von Sprossen, die de», Lichte zu und der Schwerkraft ent- gegenstreben, ist eine Entwicklung, die für die MeereSbewohner„och keine Bedeutung hatte. Eine noch höhere Stufe und noch weitere Entfernung von, Meeresboden bezeichnen die Gynmospermen. zu denen vor allem die Nadelbäume gehöden. Auch diese sind an die ? Feuchtigkeit der Bergabhänge gebunden und nur in den kühleren Ländern, in denen die Trockenheit nie zu stark ist, bevölkern sie in wenigen Arten auch die Ebene. Erst die Angiospermen, das heißt die Pflanzen, deren Samen von besonderen schützenden Hüllen umgeben ist, sind de», Festlande ganz und gar angepaßt. Zu ihnen gehören alle Blumenpflanzungen. und die Blüte ist es ja vor allem, die sich in voller Sonne entivickeln will. Aber die Blüte ist es auch, um deren willen die Pflanze in Verbindung mit aus- geprägten Landtieren, mit den Insekten bleiben muß. So sind denn die Angiospermen die eigentlichen kontinentalen Pflanzen. Die große Pflanzenabteilnug der Moose erinnert also in ihrem großen Wasser- bedürfnis»och jetzt an ihre ehemalige Heimat. Es ist damit natür- lich nicht ausgeschlossen, daß nun doch einige wenige Arten, auch auf Stein und Sand, überhaupt auf trockenem Boden' gedeihen können. Sie haben sich eben an trockene Standorte angepaßt, ohne sich doch deswegen zu einem höheren Typus zu entwickeln. Im großen und annzcn aber haben die Moose eine sehr stark ausgeprägte Neigung für nassen Boden. So hängt die Existenz der bekannten Torfmoose lediglich davon ab, daß der Untergrund ihres Stand- Platzes von stehenden, Wasser erfüllt ist. Die Torfmoose(Sphaguurn), die in, uifen, norddeutschen Mooren eine so charakteristische Vege- tation bilden und in ihren Ueberresten den Hauptbestandteil des Torfes darstellen, sind, wie Joh. Palacky kürzlich in den Sitzungs- berichten der Böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften ausführte, über die ganze Erde verbreitet. Sie bilden eine deutlich abgegrenzte Familie, zu der 230 Arten gehören. Es ist nicht allzu häufig der Fall, daß eine Pflanzenfamilie über alle Erdteile verbreitet ist, und je höher eine solche organisiert ist, um so enger ist gewöhnlich ihr Wohnkreis. Auch diese Erscheinung deutet darauf hin, daß die ersten Pflanzen sehr weit verbreitet waren und daß neue Typen erst dadurch entstanden, daß sich Gewächse immer mehr für einen bestimmten kleinen Standort specialisierten. Die Torstnoose sind jedenfalls noch heute eine kosmopolitische Familie. Natürlich ist aber ihrer Verbreitung überall durch trockenes Klima eine Schranke gesetzt. Nicht nur in Wüsten fehlen sie, sie sind auch in Ccntralasien, auf dem Sinai, auf den kanarischen und kap- verdischen Inseln nicht vorhanden. Auch in den Tropengegenden sind sie seltener, schon deshalb, weil hier das Wasser im Boden häufig verdunstet. So fehlen sie in der indischen Tiefebene, auf den Koralleninseln, aber anch auf den n, eisten Bergen Astikas fast vollständig. Trotzdem iveist Brasilien, das Land, das in dem Formenreichtum seines Natnrlebeus von keinem andern über- troffen wird, anch an Torfmoosen die meisten Arten auf. Ihre Zahl beträgt dort 49, von denen 47 auf Brasilien allein beschränkt sind. Europa dagegen hat nur 38 Arten und davon besitzt eS nur 5, die ihm ausschließlich zukommen. Man nahm früher gewöhnlich an, daß der Reichtum an Krhptogamcn nach den Polen hin zunähme. Allein darin hat man sich durch den äußeren Schein trügen lassen. Die wärmere» Länder, in denen über- Haupt die Formet, fülle der Natur viel größer ist, als in kältere», übertreffen diese auch in ihrem Besitz an kryptogamischen Gewächsen. Diese treten in de» südlicheren Ländern nur nicht so auffällig Her- vor, die Arten sind dort in viel wenigen Individuen vertreten als in den kälteren Gegenden, Ivo ganze weite Gebiete mit Moosen, Flechten und Pilzen überzogen sind. Wie die Krchptogamen, so treten auch die Koniferen in kälteren Länden, in größerer und imposanterer Vergesellschaftung auf als in wärmeren Gebieten. Aber anch hier ist es nicht die Zahl der Arten, sondern die Zahl der Individuen, welche de» kälteren Ländern eigeiitüm- lich ist. Die Neigung, gesellig zu leben, ermöglicht es wohl überhaupt vielen Nadelbäumen, die ihnen und besonders ihrem Nachwuchs nötige Feuchtigkeit zu sichern. Denn ein solcher hoher geschlossener Bestand, in den hie Sonne wenig eindringen kann, ist an sich durch feuchte Luft und feuchten Boden ausgezeichnet. Selbst unsere Kiefer verdankt ihr gutes Gedeihen wesentlich der Eigenschaft, sich mit ihres- gleichen zu vergesellschaflcn. Immerhin ist sie so ziemlich der einzige Nadelbaum, der nnt recht trockenem Boden vorlieb nimmt. Sicher aber ist diese ihre Eigentümlichkeit keine ursprüngliche, sondern eine erst später erworbene. Gievt- es doch noch jetzt eine Form der ge- meinen Kiefer, die sog. Moorkiefcr, die auf dem äußerst nassen Boden der Torfsümpfe gedeiht. Es ist nicht so unwahrscheinlich, daß die Moorkiefer die Muttcrfonn repräsentiert und daß die gewöhnliche Form erst eine Abart von ihr ist. Die Torfmoore waren früher in Norddeutschland und Nußland noch viel verbreiteter als jetzt, über- Haupt war, wie die breiten, jetzt nur zum geringen Teil gefüllten Flußbetten zeigen, das nördliche Europa viel wasserreicher, es war also auch der Grundwasserstano ein viel höherer. Nun sind freilich beide Kiefernvarietätcn sehr schwer, und im fossilen Zustande über- hauyt kaum zu untepscheiden. Deshalb dürfte der paläontologische Nachweis über däs gegenseitige Verhältnis der beiden Formen nicht so leicht sein. Die lebenden Kiefern unterscheiden sich, wie Paul Graebner soeben in der„Naturwissenschaftlichen Wockienschrift" mitteilt, am' auställigsten in ihrem Wuchs. Die Moorkiefer gleicht in der Gestalt einigcnnaßcn der Fichte, indem alle ihre Zweige nicht schräg wie Hei der gewöhnlichen Form, sondern wagerecht vom Stamm abstehen und die unteren dem Boden fast anfliegen. Die Moorkiefer ist meistens nicht viel über mannshoch, selten u, ißt sie drei bis vier Meter. Ihre Zweige sind kurz und gedrungen, sie sind dicht mit starken blaugrüncn Nadeln besetzt, die nach der Spitze zu nicht schmaler werden, sondern meist breiter werden und erst am Ende plötzlich in eine scharfe Spitze BitSIaufen. Der Fruchtzapfen ist kaum halb so groß wie bei der gewöhnlichen Kiefer, ziemlich schlank und spitz kegelförmig. Jede der 'beiden Formen gedeiht nur auf dem ihr eutsvrechendcir'Boden.. Die gewöhnliche Kiefer, auf Moorboden versetzt, krüppelt und trägt keine Früchte. An der Ostsee freilich wächst die Moorkiefer auch auf trockenem Düuensaude. Hier kommt ferner eine, wohl zu der Moorkiefervarietät gehörige Form vor, deren sämtliche Aeste niedergestreckt auf dem Boden liegen. Es ist dies ohne Zweifel eine Anpassung an den windigen Standort am Meere. In gleicher Weise hat sich ja anch die sogenannte Kmmmholzkiefer, die auf den Hochgebirgen wächst, ihren: stürmischen Wohnplatz angepaßt. Sie ist zu' einem förmlich kriechenden Strauche geworden, obwohl sie sonst im Bau ihrer einzelnen Körperteile der gewöhnlichen Kiefer sehr ähnlich ist. Merk- Würdig ist nur, daß es eine solche Windform außerdem auch von der gemeinen Kiefer ebenfalls an der Ostsee giebt. Man sieht daran von neuem, wie sehr Pflanzen, die ihrer Abstammung nach von einander verschieden sind, durcb gleiche Lebensbedingungen einander ähnlich gemacht werden können. Wie außerordentlich befähigt der pflanzliche Organismus ist, sich den augenblicklichen Bedürfnissen anzupassen, davon giebt neuer- dings Vöchting in einer Abhandung„Zur Physiologie der Knollen- gcwächse"(Jahrbuch für wissenschaftliche Botanik, Band 34) neue interessante Belege. Die Georginen besitzen Knollen, in denen sie Neservcstoffe für das nächste Jahr aufspeichern. An jeder Knolle hängt nach unten zu eine dünne Fadenwnrzel. Wurde eine Knolle, die ebenfalls als Wurzel anzusehen ist, nun so tief in die Erde ge- steckt, daß bloß der untere Wnrzclfaden in den Boden zu liegen kam, so bildete sich an letzterem eine neue Kiwlle dicht unter der oberen. Nach mehrjährigem Auspflanzen konnte Vöchting auf diese Weise vier Stockwerke von Knollen über einander hervorrufen. Die an der Luft befindlichen Knollen dienten der Pflanze offenbar als Stengel, und sie fühlte deshalb das Bedürfnis, immer neue als Wurzeln fungierende Knollen zu erzeugen. Eine andere Pflanze, der dickstenglige Sauerklee, bildet ebenfalls Knollen, doch ist es hier nicht die Wurzel, sondern der Stengel, der als Neservcstoffbchälter dient. Es gelang, diese Pflanze dadurch, daß man die Knollenbildung anderswo verhindert, zu zwingen, ihre Rcservestoffe in de» Blattstielen abzulegen, also diese knollenförmig anschwellen zu lasten. Es. ist keine Pflanze bekannt, bei der die Stiele der Blätter als Knollen fungierten. Der Sauerklee entwickelte also dieses Merkmal ans sich heraus, ohne eine erbliche Prädisposition dafür zu besitze::. Er wußte sich Nat zu schaffen. Da die Aufspeicherung der Rcservestoffe an keiner andern Stelle möglich war, wurde eben der Blattstiel dazu ver- wendet. Ein solcher lcbcnszähcr, in allen Sätteln gerechter Orga- »iSmus ist der Körper der Pflanzen, der Lebewesen. Wäre er es nicht, wie hätte dieser Formenreichtum in der Natur entstehen können I— Kleines Feuilleton. k. 30 000 Fnff über der Erde. Der englische Lnftschiffer E o x w e l l, der seit Jahren zurückgezogen bei London lebte, ist gc- storbcn. Sein Tod erinnert an die berühmte Auffahrt, die er am 5. September 1862 zusammen mit den: Meteorologen James Giaisher von Wolverhampton ans unternahm, bei der sie die größte Höhe erreichten, zu der je kühne Lnftschiffer gelangt sind. Uebcr die Fahrt und die Empfindungen während ihres Aufenthalts in der Höhe be- richtet Glaishcr:„Unsere durch ungünstiges Wetter verzögerte Auf- fahrt begann um 1 Uhr 3 Minuten nachmittags. Nach kurzer Zeit kamen wir in 1000 Fuß dicke Wolken, die ich aber nicht Photo- graphieren konnte, da der Ballon zu schnell stieg. 4L Minuten nach 1 Uhr waren wir schon fünf englische Meilen hoch und hatten eine Lufttemperatur von—5 Grad. Bis dahin hatte ich leine UnbeqnenUich- kcit gespürt. Als wir jedoch eine Höhe von 26(XX) Fuß erreichten, konnte ich die Quecksilbersäule und Skala der Instrumente nicht mehr sehen, es wurde mir sogar schwer, Coxwcll zu sehen. Infolge der ständig rotierenden Bewegung des Ballons war die Stcuernngsleinc verwickelt, er mußte sie in Ordnung bringen. Nachdem ich fand, daß meine Sehkraft gelitten hatte, verlor ich auch die Macht über meine Anne und Beine und konnte nur meinen Körper bewegen. Tann fiel anch mein Kopf auf die Schulter, und endlich fiel ich rückwärts, sodaß der Stücken gegen die Gondel lehnte und der Kopf auf dem Rand lag. Ganz undeutlich unterschied ich Coxwell im Ring und versuchte zu sprechen. aber es ging nicht, und dann umfing nsich völlige Dunkelheit; meine Sehkraft war ganz verloren. obgleich mein Gehirn thätig war und ich das Bewußtsein behielt. Ich hielt mich für scheintot. lieber das Gehör kann ich nichts sagen, denn in dieser Höhe erreicht kein Ton das Ohr. Um 1 Uhr 54 Minuten machte ich in einer Höhe von 2g 000 Fuß die letzte Beobachtung, nach zwei bis drei Minuten verließ mich das Bewußtsein. Dann aber hörte ich wieder die Worte„Temperatur" und„Beobachtung" und wußte, daß Coxwell in der Gondel ivar, zu mir sprach und sich bemühte, mich zu erwecken. DaS Bewußtsein war mir also zurückgekehrt, und ich hatte wieder das Gehör. Ich hörte ihn nunmehr eindringlicher sprechen, konnte»sich aber weder bewegen noch reden. Dann hörte ich ihn sagen:„Versuchen Sic es doch!" und nun sah ich undeutlich die Jnstrnmcntc, darauf Coxwell, und kurz nachher sah ich alles dentlschi Ich stand von meinen: Sitz auf, sah um mich, als wen» ich von: Schlaf erwacht« und sagte:„Ich hatte lein Gefühl mehr." Coxwell antwortete;„Ja, und nur ging es beinahe so." Dann zog ich meine Beine an, die ausgestreckt vor mir lagen, und nahm einen Bleistift zur Hand, um meine Be- obachtungeu zu notieren. Coxwell teilte mir mit, daß er den Ge- brauch seiner Hände verloren hätte; sie sahen schwarz aus und ich goß Brandy darüber. 7 Minuten nach 2 Uhr nahm ich meine Beobachtungen wieder auf. Ich vermute, daß 3—4 Minuten verflossen während der Zeit, Ivo ich die Worte„Temperatur" und „Beobachtung" hörte bis zum Augenblick, wo ich meine Beobachtungen wieder begann, alsdann wäre ich in: ganzen 7 Minuten gänzlich bewußtlos gewesen. Coxwell sagte mir, er habe einen Augenblick gedacht, ich hätte mich zurückgelegt, um zu ruhen, und zu nur ge- sprochen, ohne eine Antwort zu bekoinmen. Dam: hatte er bemerkt, daß meine Beine vorstanden und meine Arme an der Seite schlaff hernnterhingcn. Auf meinen: Gesicht hatte er, ehe er in den Ring ging, einen heiteren und milde» Ausdruck, ohne jede Aengstlichkeit bemerkt. Da kam ihn: der Gedanke, daß ich bewußtlos sein könne. Er wollte sich mir nähern, konnte es aber nicht mehr, denn er fühlte, daß auch bei ihm die Empfindung zu schwinden drohte. Er hatte nur den einen Wunsch, das Ventil zu öffnen, konnte es aber nicht thun, da er den Gebrauch seiner Hände verloren hatte. Schließlich gelang es ihm dadurch, daß er das Tau mit de:: Zähnen ergriff und zwei bis dreimal den Kopf senkte. Unsrer Bewußtlosigkeit folgte keine weitere Beschwerlichkeit. Als wir niedergingen, kamen wir in ein Land, wo wir keine Hilfe irgend welcher Art bekommen konnten, so daß wir 7 bis 8 Meilen gehen mußten. Ans unsren Beobachtungen vor und nach der Bewußtlosigkeit ergiebt sich, daß wir wenigstens eine Höhe von 36 000 bis 37 000 Fuß erreicht haben."— — Der letzte„Weltnntergang" in Brasilien. Je tiefer der Bildungsstand eines Volkes, un: so größeren Schrecke» hat die Prophezeiung von den: auf den 13. November v. I. angesagten Welt- Untergang erregt. So schreibt der Berichterstatter der„Kölnischen Zeitung" aus Rio Grande vom 28. November, daß die Furcht vor dem Ende unseres Erdenlebens in allen Gegenden Brasiliens geradezu Verwüstungen angerichtet habe. In einigen kleinen Orten der Campanha von Rio Grande wurden viele Frauen krank vor Auf- regnng, und als der schreckliche Tag immer näher kam, hörte man nur Schluchzen und Klagen. In Santos stand die Frau eines Kauf- manns noch am 14. November so sehr unter dem Einflüsse des Schreckens, daß sie gegen Mittag Plötzlich weinend ihrem Manne un: den Hals fiel und dann bewußtlos wurde. In dieser Ohn- macht lag sie sechs Stunden lang; der Arzt stellte nach eingehender Untersuchung fest, daß kein inneres Organ verletzt oder krank sei, und doch starb die Frau um 8 Uhr abends. Der Totenschein besagte: Tod infolge Schreckens. In Porto Alegre ereignete sich am 21. ein ähn- sicher Fall. Hier hatte der Radfahrcrvercin ein Fest veranstaltet. Abends stieg ein Ballon auf und ließ aus der Höhe einen küust- lichcn Funkenregen fallen. Eine Wäscherin, schwarz von Farbe, die in einer abgelegenen Straße wohnte. sah zufällig zum Himmel und bemerkte den feurigen Regen. Sie rief ent- setzt ihre Zimmernachbarin in den Hof hinaus.„Der Sternenregen I" schrie sie außer sich. Die Nachbarin holte ihren Lebensgefährten, während Eva, die Wäscherin, sich in ihr Zimmer ver- kroch. Der Mann erkannte gleich, daß der Sterncnregen aus eiiwn: Ballon kam, und nun wollten die beiden Eva beruhigen. Aber Eva konnte schon nicht mehr laut sprechen. Ihr war die Kehle wie zu- geschnürt. Man gab ihr Wa-sscr zu trinken. Aber bald darauf fiel sie in Krämpfe und starb am folgenden Morgen. In andern Orten machte mancherLeichtgläubigeseinTestament, ohne zu erwägen, wieüb«r- flüssig ein solches Thun unter allen Umständen war; andere verschleuderten ihre geringe Habe, da ja doch die Welt zu Grunde ging. Der Münster für Industrie, Verkehr und öffentliche Arbeiten muh diese Gemütsver- fassung des Volkes vorausgesehen haben. Er ließ drei Tage vor dem angekündigten Zusammenstoße mit den: Kometen in sämtlichen Zeitungen folgendes Telegramm veröffentlichen:„Durch die Berechnungen, die der Direktor des Observatoriums in Rio soeben beendet hat, ist es bewiesen, daß der Zusammenstoß der Erde mit dem Kometen Viele ganz un- möglich ist. Der Komet wird sich an: 13. mehr als 400 Millionen Kilometer von der Erde entfernt befinden. Die Prophezeiung hat keine Begründung. Diesen: Telegramm soll die größtmögliche Ver- breitung gegeben werden, indem mm: es sofort den Zeitungen mit- teilt.(Gezeichnet) Severino Vieira, Minister der Industrie usw." Gerade diese Bekanntmachung aber brachte doppelt mißtrauische Leute auf den Gedanken, die Sache sei sehr ernst, da sogar der Minister es unternehme, das Volk zu beruhigen. Man wolle vielleicht nur die Menschen einschläfern, damit sie plötzlich und unvorbereitet von: Kometen überfallen würden. Nim erst recht also die Vor- bereitungen zum Sterben gemacht!— Ans den» Tierreiche. SS. Der elektrische Fisch des Nilstromes bildete den Gegenstand eines Vortrages von Francis Gotch vor der Royal Institution in London. Der merkwürdige Fisch ist ein Bewohner der nord- und westafrikanischen Flüsse und führt in der Wissenschaft den Namen Mnlapterurus eleclricus, die deutsche Sprache nennt ihn ge- wöhnlich Zitrcrwcls, die arabische bezeichnet ihn als Raasch. Der Zittcrwels gehört in der That zu der Familie des gewöhnlichen Wels und im besonderen zu der Gruppe der auf Kopf und Nacken mit Knochenstücken gepanzerten Nagelivelse, er ist aber vor alle:» seiucil Verwandten durch die Fähigkeit ausgezeichnet, mit seinem Körper elektrische Schläge auszuteilen, worauf übrigens auch der arabische Name hindeutet, der mit dem Worte Donner zu übersetzen tväre. Die körperlichen Eigenschaften und das Leben des Zitterlvels sind allerdings erst in neuester Zeit eingehender untersucht worden, aber bekannt ist das Tier seit undenklichen Zeiten. Schon in dem ägyptischen Grabe von Ti, 5000 Jahre bor unserer Zeitrechnung finden sich Bilder eines Fisches, die nur auf den Malapterurus zu deuten sind. Das elektrische Organ, durch dessen Besitz der Fisch seine Berühmtheit erlangt hat, liegt in der Haut über dem ganzen Körper und besitzt, unter demZ Mikroskop gesehen, eine schöne und eigenartige Zusammensetzung. Es besteht gleichsam aus vielen einzelnen galvanischen Elementen, die wieder aus Reihen einzelner Abteilungen gebildet werden, diese haben das Aussehen eines zusammengcfältctcn Blattes mit einem nach hinten und aufwärts gerichteten Stiel. In jede Abteilung des elektrischen Organs treten besondere Nerven ei» und endigen in den hervor- stehenden Stielen. Durch diese Nerven können die elektrischen Schläge das Organ erreichen. Diese gleichen einem starken elektrischen Strome, der die' ganze Haut des Fisches vom Kopf bis zum Schwanz durch- fliestt, sie vermögen kleine in der Nähe befindliche Fische zu betäuben und können auch vom Menschen deutlich gefühlt werden, wen» man die Hand in die Nähe des Fisches bringt; die Empfindung ist die eines leichten Stoßes von den Fingerspitze» bis in die Schultern hinein. Durch ucue Jnstru- mente ist eS gelungen, die Stärke der elektrischen Schläge und ihren Verlauf genau zu' messen. Der Vorgang spielt sich dabei in ähnlicher Weise ab Ivie die elektrischen Veränderungen im Nervengewebe berm Durchgang eines Nervenreizes. Jedoch hat der Fisch in seinen elektrischen Nerven noch sein Besonderes. Wenn jene nämlich gereizt > verde», so erfolgt fast nie ein einzelner elektrischer Schlag, sondern eine ganze rhythmische Reihe solcher, die in vollkolmnencr Regelmäßigkeit je nach der Temperatur in Abständen von 1/100 bis 1/300 Sekunden aufeinander folgen. Diese Erscheinung kann nicht anders erklärt Iverden als durch die Annahme, daß der Fisch sich nach einem einmaligen Reiz von außen her selbst mehrfach ,n Erregung bringt wie jemand, der sich über einen ihm zugefügten Aerger bei einer einmaligen Reaktion nicht beruhigen kann. Man braucht daher auch nur ein einziges Glied des elektrischen Organs zu berühren, damit eine elektrische Welle durch die Haut des ganzen 33ms hindurch geht. Dadurch erhält der Fisch, dem seine elektrische Begabung ursprünglich zur Waffe gegeben ist, das Wesen ciucr sich selbst ladenden und entladenden automatischen Kanone. Das ganze elektrische Organ ist aus nicht weniger als 2 Millionen Elemente zusammengesetzt. Die Nerven des Fisches sind von einer außerordentlich feinen Verzweigung, denn alle Nervenenden einer Körperseite, die doch also eine Million kleiner elektrischer Elemente zu versorgen hat, gehen von einer riesigen Nervenzelle am Kopfende des Rückenmarks aus. Hat der Fisch feine elektrische Ladung abgegeben, so dauert es etwa eine zehntel Sekunde, bis er zu einem neue» Schlage fertig ist, ist er aber durch einen laugen Kampf erniüdet, so braucht er schon mehrere Sekunden zur Erholung seiner elektrischen Kraft. Dieser llmstmid mindert die Gefechtsbereitschaft der elektrischen Waffe natürlich herab, aber der Mangel wird mehr als ausgeglichen durch jene eigentüm- liche Fähigkeit' der Selbsterregung, die es dem Fische ermöglicht. nach einem einmaligen Reiz in schneller Folge nacheinander eine ganze Reihe von Schlägen auszuteilen.— Aus dem Tierleben. »- Von seinen Beobachtungen über die F u ß h a I t n n g fliegender Vögel teilte O. H e i n r o t h in der letzten Sitzung der.Deutschen Ornithologischen Gesellschaft" folgendes mit. Während die Singvögel ihre Beine ivährcnd des Fliegens anziehen, pflegen die meiste» audercn Vögel dieselben»ach hinten anszustrccken, lvenigstens war dies bis jetzt die allgemeine Ansicht. Es hat sich aber gezeigt, daß je nach den Umständen davon erheblich Ab- weichunge» vorkommen können. Bei großer Käste schützen die Mövcn und einige Strandläufer ihre mibefiedcrten und daher gegen Frost empfindlichen Füße im Fluge dadurch, daß sie dieselben unter das Bauchgefieder ziehen und so vor den Blicken des Beobachters vollständig verstecke». Bei scharfen Wendungen des Vogels Iverden dann die Beine, scheinbar um das Gleichgewicht zu halten, auf Augenblicke hervorgestreckt und rasch wieder eingezogen. Bei den hochläufigen Schnepfenarten, z. V. der Kampfschnepfc, erscheint durch diese abnorme Fußhaltuug das Flugbild natürlich ganz verändert. gerade für diese Vögel haben die sonst weit nach hinten gestreckten Beine etwas ganz Charakteristisches, das nun natürlich vollkommen wegfällt. Die hierauf bezüglichen Beobachtungen siud voni Vortragenden an Möwen sowohl in der Freiheit als auch in der Gefangenschaft, an den Kampfschnepfen dagegen nur in dem großen Flngkäfig des hiesigen zoologischen Gartens gemacht. In der sich daran anschließenden Besprechung dieses Themas wurde darauf hingewiesen, daß die Haltung der Fäng'c fliegender Raubvögel unter gewöhnlichen Verhält» iffen als sicher- gestellt anzusehen sei, alle Beobachter sind darüber einig, daß bei dieser Vögelgruppe die Füße stets nach hinten ausgestreckt getragen werden, leider findet man immer noch eine Menge von Darstelliingen, welche dieser Thatsache nicht Rcchming trage».— Humoristisches. — Volk. Lange Jahre waren sie schon beisammen. Sie hatte sich redlich um das tägliche Brot plagen muffen, hatte den ganzen Tag Wäsche gewaschen lind war den Abend über in einigen Stellen als Aufwärterin thätig. Doch hätte sie sich mit ihrem harten LoS zufrieden gegeben, wenn e r nur nicht fo schlecht gewesen wäre. Er war meistens— wie man so zu sagen pflegt—„v o I l*. Allabendlich, wenn sie in das Zimmer trat, fand sie ihn im be» sagten Zustande unter dem Tisch. Er war gefürcktet»ud verhaßt bei allen, die ihn kannten. Längst wäre sie schon ihren Qualen erlegen, weim ihr Sohn— der Redaltionsdiener war— ihr nicht treu zur Seite gestanden chatte. „Trenne Dich von ihm, Mutter," sagte er immer zu ihr,„Du hast ihn doch gar nicht nötig." Das brachte sie nicht über ihr Herz. Was wurde dann aus ihm werden? Eines Abends, als sie in das Zimmer trat und Ivie gewöhnlich unter den Tisch blickte— war er fort. Schon glaubte sie sich von ihm befreit, da bemerkte sie ihn plötzlich in einer Ecke und— voll. Eben trat ihr Sohn ein. „Fritze," rief sie ihm entgegen,„er ist wieder—' „Boll!" ergänzte er traurig. Dann schleppten sie ihn hervor, den verhaßten und gefürchtcten — Papierkorb.—<„Meggendorf. huni. Bl.") Notizen. — Kapellmeister Franz Schalk teilt Berliner Blättern mit, daß er in dem Juterview. von dem wir berichteten, von der Beschränkung seines eigenen Wirkungskreises gesprochen und dies nicht„Aeiivralitor" auf alle Kapellmeister der Oper angewendet habe.— — Die„Neue Freie Volksbühne" veranstaltet heute, Donnerstag, den 13. Jaimar. abends 8 Uhr, in Cohns Festsälen einen Plattdeutschen Vortragsabend. Zinn Vortrag komme» Gedichte von Fritz Reuter, Klaus Groth usw. Lortragender ist Herr Max Laurence.— — Der Verein Berliner K ü» st l e r hielt am Dienstag- abend seine Hauptversammlung ob. Anton v. Werner wurde mit starker Majorität zum ersten Vorsitzenden wiedergewählt. Die Jahresbilanz schließt mit rund iVe Millionen Mark in den Aktiven und Passiven ab. Das HanSkonto allein verzeichnet 1 300 000 M. Gesamtkosten; eingetragen sind auf das.Künstler- haus 700 000 M. Hypotheken. DaS Vcrciusvermögen betrug am 31. Dezember 775 050 M. und hat im letzten Jahr eine Steigermig um 30 093 M. erfahren. Es wurde ferner beschlossen, die im vorigen Jahr mit einem Posener Cyklus begonnenen W a n d e r- auSstellungen auch in andern Provinzen künstig fortzusetzen.— — Die A u S f ch in ü ck u u g s k o m m i s s i o n d c S Reichstags hat nach Vereinbarung mit dem Reichsamt de? Innern be- schlössen, die R c st f o r d e r u n g Stucks für den abgelehnten Decken fr ies für die Vorhalle der Präsidialränme in der Höhe von 0000 M. zu bewilligen; Stuck hatte auf seine Arbeit bereits mehr als 20000 M. Vorschuß erhalten. Der Fries bleibt nacki wie vor Eigciirum des Fiskus und befindet sich zur Zeit in cineni?kebeiigelaß des RcichstagS- gebändes. Der Fiskus hegt die Absicht, wenn sich ein Verkauf des FricseS an einen Privatmann nicht ermöglichen lassen sollte, ihn eine in Muse u m zum Geschenk z u mache u.— — Die Importeure der F i r m a B l u in e n t h n l u u d Kadelburg verlangten von den Direktoren des„Mthichencr Schauspielhauses" für die Einfiihr des Schwauks„Als ich wieder- kam" die Summe von 12000 M. A u f f ü h r u n g s h o n o r a r. Als Direktor Stollberg einwand, er könne das Stück höchstens vier- bis stinfmal auftischen, da erwiderte man ihm:„Dann zwingen Sie das Publikunr, indem Sie das Stück unentwegt zwei Monate laug auf dem Rcpcrtoir führen. Man muß eben verstehen, ein Stuck in S ch w u n g zu bringe n." Herr Stollberg cNvidcrtc: „Danke für die Belehrung und das Stück. Auf diese Art bringt mau in München kein Stück, wohl aber den Direktor sehr bald in Schwung."... So berichtet Wilhelm Mauke in der„Bresl. Ztg."— — Ein Schwank„Die Goldgrube" von Laufs- I a c o b y fand bei der Erstaufführung in Mainz Beifall.— — Ein neuer, nach dem T n r b i n e n s y st c m gebauter eng- lischcr To rpedozcr störer„Viper" hat bei der Probefahrt die Geslbwindigkeit von 35'/« Knoten in der Stunde, also fast 01 Kilometer, erreicht!— — Wie man vor hundert Jahren sich Verlobte'. zeigte die Anzeige eines Privatsekretärs Kleinert ans Groß-Schöncbeck. Er meldete am 5. Januar 1800 seine Bcrlobtmg„mit der Demoiselle Augustme Freischcidteu, Tochter des verstorbenen Stadtchirurgus zu Tcmpli», allen seinen und ihren Venvandten gehorsamst." Dieser Anzeige fügte er aber noch hinzu:„Die genaueste Sympathie unserer Liebe. der reinste Einklang unserer Gefninung und die uns beiivohncnde Genügsamkeit und Zufriedenheit mit jeder Lage unseres Schicksals, sowie Anhänglichkeit an die Grundsätze der Tugend toird uns unser künftiges Eheglück auf immer sichern, daher wir jede Bezeugung von Glückwünschen verbitten."— Leranrivorllichcr Reoacieur: Paul Joh» in Berlin. Druck uns Bertas von Max Bavrng m Berlin.