Mnterhaliungsblatt des Vorwärts Nr. 15.' Dienstag, den 23. Januar. 1800 (Nachdruck verboten). i5J Das MeMcvdovf. Roman aus der Eise! von Clara L i e b i g. „Acht lumpige Thaler— feien Sie doch nicht so un- galant!" „Hol mcch der Deiwel— här met dem Kleid!" Peter wußte kaum niehr, was er sprach.„Aewer uf Afzaohlung will ech net, mir sein kein Lumpenpaclasch! Här met dem Dreck I Wat kost de Welt, ech well se zaohlen!" „Ich werde unfereni Geschäftshaus Ordre geben, daß man Ihnen mit wendender Post per Nachnahme das Gewünschte zugehen läßt, Herr Miffert!" „Wohl, wohl," nickte Peter. Lucia hing an seinem Hals, ganz närrisch vor Freude. „Es't waohr, es't aach wirklich waohr? Kriehn ech bat Kleidche? O Pittchen, ech haon dech e su liew!" Das wars, worauf er gewartet hatte. Nun nrit ihr allein sein, nun sie heizen und drücken und sich betäuben an ihren Küssen! Er wollte sie zur Thür ziehen; willig wäre sie mit ihm gegangen, aber der Neiscnde vertrat ihnen den Weg. „Das wäre? 31e. Sie dürfen niich nicht hier mutterscelen- allein sitzen lassen bei dem abscheiilichen Wetter in diesem öden Drecknest! Habe ich Ihnen dafür zu dem Kleid ver- Holsen, schölle Zeih? kommen Sie, Miffert, wir trinken en Schöppchen!" Er pfiff und sang einen Gassenhauer.„Das Neueste vom Jahr, frisch importiert aus der Haupt- und Re- sidenzstadt Berlin. Ja, seit wir Siebzig-Einundsiebzig hinter uns haben, haben wir Pli gekriegt. So was kennen Sie hier noch nicht, was?" „Tat es schien!" Zeih riß begierig die Augen auf.„Sein Se so gud, noch ehs!" Als er den Singsang wiederholte, summte sie mit; sie hatte ein gelehriges Öhr. Und der Reisende gab Couplet auf Couplet zllm besten; sie konnte sich gar nicht satt hören; ihre Augen tanzten sörnilich, ihre Lippen bewegten sich, leis murmelnd. Pittchen hatte den Arm um sie gelegt; der Reisende hatte ihm eingeschenkt, nun ivirrde auch er fidel. Der Nachmittag ging schon in den Abend über, die frühe Däiiiinemng stahl sich ins Fenster, noch früher als sonst durch den finster uiuzogeneli Hiniinel und die regenschwangere Luft. Der Sninnnscheidt brachte schon wieder eine Flasche und zwar nicht vom schlechtesten; das war ein Mosel, der sich süffig trank, aber der's in sich hatte, er lief durch die Adern Ivie prickelndes, fröhliches Leben. „Spielen Sic auch Karten, Herr Miffert?" fragte der Reisende. Die hübsche Frau fing an ihn zu langweilen; da er doch nicht mit ihr allein war, was nutzte ihm da ihre Bewunderung.„Machen wir ein Spielchen!" Peter dachte an seine paar.Kupferpsennige— verflucht, wenn er jetzt Geld hätte! Die Eifeler spielten nicht gern mit ihm. sie schimpften ihn„Fauteler"(Betrüger), und wenn er gewann, gab's jedesmal Prügelei. Fatal! Nun hatte er so schöne Gelegenheit, seine Geschicklichkeit zu nutzen, und da mußte er nun kein Geld haben, nicht einmal den niedrigsten Einsatz I Geld, Geld I-- Seine Augen suickelten. Der Reisende warf einen Thaler ans den Tisch. Als hätte er Pittchens Gedanken erraten, sagte er:„Ich pumpe Ihnen. Was spielen wir denn?" „Sechsundsechzig. Hä, Wirtschaft, Kaarten! Licht!" Peter mischte; die verfetteten, vom Schmutz dick ge- wordenen Karten flogen durch feine Hände, als seien es Rosenblättcr. Und dabei wendete er keinen Blick von dem Thalerstück auf dem Tisch, wie ein Magnet zog ihn das runde Silber an— solcher Dinger brauchte er acht! Nem, noch mehr, mehr! Er hatte das Hungerleben satt! Unwillkürlich, fast wider seinen Willen, streckten sich seine Finger ans, er nahm das Thalerstück in die Hand und be- trachtete es. „So gut wie neu," sagte der Reisende,„und ganz echt! Unser Kassierer hat sich mal mit einem falschen anschmieren lassen, das haben wir ihm an die 5kasse genagelt.— Haha! Aber nu los; nu wollen wir seh'n, wer mehr Glück in der Liebe hat— Sie oder ich?" Er sah dreist die junge Frau an und lachte. Peter lachte auch; ein schlaues und zugleich grimmiges Lächeln verzog seine Lippen. Sie spielten. Den Reisenden amüsierte es, wie eifrig der arme Teufel bei der Sache war. Hätte man wohl einem hier aus dieser zurückgebliebenen, unkultivierten Gegend so viel Gewandtheit zugetraut? Und Glück hatte der! Immer bekam er die besten Karten; er gewann. Zeih sah dem Spiel zu, das heißt, sie blinzelte mit ver- schlafenen Augen drein, der ungewohnte Weingenuß hatte sie müde gemacht; sie lehnte sich hintenüber an die Wand,' Pittchen bemerkte nicht, daß der Reisende unterm Tisch ihr Knie drückte. Sie ließ es sich gefallen, sie rückte ihm näher, ihr Kopf neigte sich immer mehr zur Seite, bis er ihm an die Schulter sank. Sie hatte einen kleinen Rausch. Draußen>var es stockdunkel. Regen klatschte ans Fenster, ein starker Wind hatte sich aufgemacht und heulte mit wilder Stimme. Ungestüm stieß er gegen das Haus, die Läden klapperten, lose Riegel drehten sich kreischend— es war ein seltsames Pfeifen und Aechzen, ein unheimliches Wimmern in der Nacht. Peter war ganz beim Spiel, ans seinen Backenknochen zirkelten sich rote Flecke ab. Der Reisende schenkte ihm wacker ein, er trank wacker aus; er hatte einen unauslöschlichen Brand in sich, einen Durst, der gar nicht zu stillen war. Schon wurde sein Blick unklar, er sah alles doppelt.----- Da war das Thalerstück, nicht einmal, nein, zwei, drei. vier, fünf, sechs, siebenmal!— hundertmal l Hei, die Thaler! Das war schön, wenn die sich so mehrten. Thalcr— wie die sich in der Hand fühlten, glatt und rund l Thaler— die klapperten im Sack; herrliche Musik! Thaler— die machten den Knecht zum Herrn, das arme Pittchen zum reichen Peter I Thaler— Thaler--! „Ha I" Er schnalzte mit der Zunge und leckte sich die Lippen; der Gaumen war ihm trocken, sein Schlund war so ausgebrannt wie oben der Krater auf dem Mosenkopf. Mechanisch ergriff er sein schon wieder gefülltes Glas und trank es leer auf einen Zug. „Glück im Spiel— Unglück in der Liebe," lachte der Reisende und legte der verschlafenen Zeih den Arm um die Schultern.„Da. stecken Sie ein. Sie haben ihn geivonnen l" Er schob den Thaler über den Tisch. Peter faßte gierig zu und hielt dann das Thalerstück fest in der krampfhaft geschlossenen Faust. Er achtete es nicht, daß der Herr jetzt die Zeih küßte; all seine Sinne, sein ganzes Denken waren bei dem runden Silber. Es blinkte überall, auf dem Tisch, auf dem Boden, an den Wänden, es füllte den Raum von der Diele bis zur Decke. «Tha— lcr", lallte er. „Ehr— lich— ge— won— neu!" Jede Silbe kam zwischen einem Schlucken, der Reisende tvar auch nicht mehr ganz nüchtern. „Mei— mci Kleid." stammelte die Zeih. Es wurde, still in der Schenkstube, das Spiel hatte ein Ende. Der Reisende hielt die Zeih im Arm; sie staunte mit starr aufgerissenen Augen, in stummer Bewunderung, seine dicke goldne Talmikctte und die falsche Brillantnadel in seinem Schlips an. Peter saß am Tisch in seiner beliebten Stellung, beide Ell- bogen aufgestützt, den Kops zwischen die Hände geklemmt und stierte vor sich hin. In seiner Brusttasche brannte der Thaler, durch Rock und Hemd durch fühlte er ihn, bis auf die bloße Haut. Da schlorrte waS draußen an der Thür; nun wurde sie geöffnet, die alte Schneidersch wankte herein. Ein großes Tuch hatte sie über den Kopf gezogen, geblendet, wie eine lichtscheue Eule guckte sie darunter hervor. „Was ist denn das für ein Hutzelweib? Haha, nur herein, Hutzelweibchen," schrie der Reisende. Träumte der Peter, oder war er wach? Wie hinter einer dicken Mauer, die den Schall dämpft, hörte er die Alte sprechen. Horch! Sagte sie nicht, das Bäbb wäre tot und der Peter Miffert solle kommen, den Sarg zunageln?--- Heulen und Winseln draußen i.l der Nacht, gellende Schreie, Hilferufe! Er fuhr auf ans seinem Dusel, die scharfe Stimme der Alten zeterte nach dem Krummscheidt, und als dieser kam, verlangte sie Bmnnüucüi. ein halbes Mätzchen. „Tat Bäbb es schwaach gefaal(ohnmächtig geworden). eweil motz et ebbes Herzliches einholen." Sie kostete und leckte sich dann schmatzend die Lippen.„Do lverd et schuns noch ehs ufgerappclt gänn! Ah—!" „Reiwt er aach ebbes onner de Naos," riet der Wirt. „Sauft hün net onnerivegs aus," schrie Peter. Er wurde plötzlich so wiitend, daß er Miene machte, sich auf die Schneidcrsch zu stürzen.„Wat hat Eich dat armDier gedahn, bat Ihr et krepiere laoßt. lno hinnen im Stall— hä?" Er rüttelte sie.„Wuh es de Weis- Fra, hä? Dau sebandluse aide knahschtige(geizige) Hex!" Seine Hand hob sich zum Schlag, die Alte wich ans, daß Mätzchen wackelte, kippte über, der Branntwein flotz auf die Diele. Kreischend und schimpfend kauerte sich die Schucidcrsch nieder und stupste mit dem Finger den köstlichen Fusel auf; sie leckte und schleckte, am liebsten hätte sie die Diele mit der Zunge aufgewischt. Der Reisende wand sich vor Lachen— war dieses arme Volk urdrollig I Er lachte Thränen. (Fortsetzung folgt.) (Freie Volksbühne.) In dem Artikel, in dein wir Ibsens letztes Drama anzeigten, sprachen wir von einem„alten Jbscnproblem". Wir sahen das Problein in dem Kontrast, in dem zivci menschliche Typen zu ein- ander stehen. Die einen gehen ihrem Glück in die Arme, ciuai wenn sie über Leichen steigen müssen; die andern strecken sehnsüchtig die Arme ans, aber das Verbrechen hält sie zurück. So niacht Gewissen Feige aus uns allen, sagt Hamlet, der auf Ibsens Beschäftigung mit diesen Problemen am Ende nicht ohne Einfluß geblieden ist. Dieses alte Ibsen-Problem nun hat in„Rosmersholm" Gestalt gewonnen. Es spielt in niclc, in sehr viele Dichtungen des gclvisseus- .schweren Norwegers hinein. In„RoSMersholm" aber hat es seine sozusagen klassische Form gefunden. ES ist hier das Problem der Dichtung, nicht eines nnrcr manchen andern. Die Familie Nosmer ans Rosmersholm ist eine alte, vornehme Familie. Seit einigen Jahrhunderten. war sie für die ganze Gegend der Inbegriff aller gesellschaftlichen Tugend und Kraft. Die RosmcrS thaten nie erwas, was gegen die herrschende Moral verstieß. Sie waren Offiziere, staatliche Würdenträger oder Geistliche und sie wußten, ivas sie ihrer exponierten Stellung schuldig waren. Das Gefühl der Verantwortung war seit Generationen in ihnen groß- gezogen und beherrschte sie ganz. Die frohen Götter der Lebensfreude hatten Rosmersholm seit langem verlassen. Der Gottesdienst der Freude war gestorben und statt dessen verehrte man streng und un- erbittlich ein düsteres Wort: die Pflicht. Die Pflicht, die bald„Ehre der Familie", bald„Wohl des Staates", bald„Ansehen der Kirche" hieß, schlang alles hinab. Tie Tochter ailf Rosmersholm lernten die Liebe nie kennen, denn sie heirateten den, den das Oberhaupt der Familie für sie auserlesen hatte. Das war ihnen im.Laufe der Zeit so in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie gar keine Leidenschaft mehr kannten. Treue und Gehorsam und strenge Korrektheit waren an ihre Stelle getreten. Die Söhne ans Rosniersholin hatten die Freiheit verlernt, wie die Töchter das Glück. Sobald sie auf der Welt vorhanden Ivaren, war. auch ihr Lebenslauf bestimmt. Sie wurden in der Ehr- furcht vor den„positiven Mächten" int Staatsleben erzogen und wenn sie erwachsen ivaren, bekleideten sie ein einflußreiches Aint. Seit Menschengedenken war es so gewesen und im ganzen Lande konnte sich niemand auch nur vorstellen, daß cS jemals anders kommen könnte. Auf Rosniersholm wohnte augenblicklich Johannes Rosmew Er war— nach dem Willen und auf Geheiß seines VaterS— Prediger geworden und seine Frau Beate hatte er nicht aus Leidciffchaft geheiratet(das Wort klang in den alten Zimmern von Rosmersholm fast wie llusittlichkcit)— er hatte sie geheiratet, weil sie eine Dame ivar, die in jeder Beziehung zu Rosmer stimmte. Die Ehe war zu Beginn insofern glücklicki,' als sie geordnet war, Ordnung war ja schließlich das einzige Glück, das man aüf Rosmcrs- Holm noch kannte. Dann aber trat ein verstimmendes Mo- ment hinzu. Es stellte sich nämlich heraus, daß Beate Rosmer kinderlos bleiben mußte.... Das traf den Prc- diger tief, wenn er auch als wohlerzogener Gentleman seinem Kummer keine Worte lieh. Der Familiensinn, der shstcniasisch in ihm großgezogen war, der ihn nicht nur aus- zeichnete, sondern ihn mi Gunide überhaupt ausmachte, war tödlich getroffen. Das konnte verschwiegen. werden, aber verwunden wurde es nicht. Die Ehe begann zu kranken. Ilm diese Zeit war es, daß Rebekka West auf Rosmersholm ihren Einzug hielt. Rebekka West auf Rosmersholm— es ivar, als ob eine landstreicheude Zigeuiierin in ein altcS Pfarrhaus verpflanzt werden sollte! Rebekka war nämlich in einer Weise eine Zigennerin. Sie war es insofern, als ihr Leben sich außerhalb aller gesellschaftlichen Regel abgespielt hatte. Ihre Gebmt war die Folge eines Ehebruchs. Ihre Mutter ivar durch ihren Beruf häufiger mit dem Distriktsarzt zusammengekommen und hatte mit ihm ihren Maun betrogen. Die Frucht des Betrugs ivar Rebekka West. Als ihre Elten« starben, nahm der A«„i, der ihr natürlicher Vater war, sie zu sich. Oben in Finnmarken wohnte sie bei ihn« und pflegte ihn bis an sein Ende. Der Arzt ivar ein intelligenter Mann, der die Fortschritte der Naturivisscnschaften und der inodernen Wissenschaft überhaupt mitgefühlt und miterlebt hatte. In der Einsainkeit Finmnarkeus wurde Rebekka seine Schülerin. Die Fesseln, die ihrem Geist von der Schule und der konventionellen Moral angelegt worden ivaren, wurden gesprengt. Rebekka sah das Leben mit neuen Augen an, mit den Augen einer Persönlichkeit, die beivußt und ohne Fmcht nach eigenem Sinn ihr eigenes Schicksal ordnen will. So sah Rebekka aus, als sie auf Rosmersholm ihren Einzug hielt. War es ein Wunder, daß Johannes Rosmer Eindruck auf sie machte? Er schleppte sich gedrückt einher, gebeugt durch eine un- glückliche Ehe. Er lebte gar nicht sein Leben, sondern das Leben der. Familie Rosmgr. In ihn« ivar kein eigner Wille thätig, nur der Wille seines verstorbenen Vaters, der noch über das Grab hinaus wirkte. Der Mann war eine ivandelnde Leiche, ivar es immer ge- wesen; er hatte n i e gelebt. Und doch— das sah Rebekka— ivar er eine reiche Natur, die in Verschivcnderischer Fülle Glücksmöglichkeitcn in sich barg. Rebekka sah das und gleichzeitig crivackite in ihr das Verlangen, das unstillbare similiche Verlangen nach Johannes Rosmer. Wie ein bleicher Schatten stand Beate zwischen ihnen, aber Rebekka hatte keine Furcht vor Schatten. Hier mußte zwischen zwei Leben gewählt werden; zwischen Beate und Johannes, zivischen einer bleichen, kränkelnden Frau und einem Main«, der noch aufblühen konnte, wriin er die Freiheit kennen lernte. Zudem kam ihr eigenes Glück in Frage. Stand das jenseits eines Verbrechens— wohlan 1 Der Mensch kann seine Ziele wählen, seine Wege nicht. Wohl regten sicki warnende Stimmen in ihr, aber über- mächtig lockte das Glück. In Rebekka West hat Ibsen n«it genialem Tiefblick die diabolische Verschlagenheit der iveiblichen Verbrcchcrin geschildert. Mit so feinen und doch so sicheren Mitteln hätte kein Mann zu töteil gewußt. Ja, auch eine Frau konnte mit diesen Mitteln nur eine andere Frau töten, die zugleich ihre Nebenbuhlerin ivar. Rebekka West umstrickte zu- nächst die schwache Beate mit Liebenswürdigkeit und avußte bald die hcrrscheirde Macht in« Hause zu werden. Als sie es war, und als bereits Freundschaft zivischen ihr und Johannes bestand, ivechsclte sie die Taktik. Sie spielte Beate medizinische Bücher in die Hände, in denen unbarmherzig über die Fra» der Stab gebrochen iviirde, die kinderlos bleiben muß. Dann suggerierte sie ihr, daß Johannes unter ihrer Kinderlosigkeit zu Grunde ging und schließlich «nachte sie ihr kein Hehl daraus, daß Johannes Rosmer in« Begriff sei, ein Abtrünniger zu werde««. Als Beate aber immer»och nicht Iveichen«vollte, griff sie zu schärferen Mitteln. Sie sagte ihr, daß sie nun bald, sehr bald RosmerSholni verlasse«« müsse,«vohlgemerkt: verlassen müsse, lveiii« kein Skandal cnlstchen sollte. Sie ließ also einen unerlaubten Verkehr mit Johannes durchblicken, und das gab — wie sie erwartet hatte— der kranken Beate den Rest. Ihr Geist verivirrte sich und sie suchte dcii Tod in« Mühlbach. Rebekka aber wurde ihres Verbrechens nicht froh. Man lebt nicht ungestraft auf RoSmerSholn« und in Genlemschäft niit Johannes Rosmcr. Als sie schließlich an die Stelle Beatens treten soll, vermag sievs nicht. Ihre sinuliche Stärke ist durch sittliche Bedenken gebrochen. Ter Verkehr n«it dem Prediger hat ihre rücksichtslose Natur geadelt. Sie kann mit dein Beivußtsein ihres Verbrechens nicht mehr glücklich sein und auch Johannes, dem sie ihre Geschichte erzählt, vermag es nicht. Beide sind der Sisiiation nicht mehr«nächtig, die sie selbst geschaffen haben. Sie sind den» Leben gegenüber bankrott nnd so gehen sie gemeinsam den Weg. den anch Beate ging. Die selige Frau hat sie geholt, meint die alte Haushälterin ans Rosmersholm. Die Aufführung in« Lcssing-Theatcr bot eilten gute» Rektor Kroll, einen, guten lllrik Brendel, einen guten Mortelisgaard, einen leidliche««, etwas altmodischen Rosmer und eine«»«leidliche Rcbeika West. Es muß indessen erwähnt«verde««, daß die Darstellerin der Rebekka an ihrer eignen Leistung unschuldig lvar. Weil Rosa Berkens auf der Sccessionsbühne auftreten iniißte, hatte sie als Notbehelf eiilspriiigci« müssen. Tie Frage ist nur:'Warum mußte Frau Bertens die Freie Volksbühne im Stich lassen, um sich au ciuein Experiment der Secessionsbühne zu beteiligen? U, A.>v. g,— _ Erich S ch l a i kj e r. Nleittes �euillekmr» John NttSkin, der am Sonnabend ans. seinen« Landsitze Branlwood bei Eoniston(Lancashire) gestorben ist, hat nuf.. dgs Kuiistlebe«« Englands in den fünfziger und sechziger Jahren einen tiefgehenden Einfluß ausgeübt. Er hat ein Alter von' über 80 Jahren erreicht. In den letzten Jahren hatte er sich infolge eines schweren Leidens von der Oeffentlichkeit zurückgezogen. Sein Wirken ist eng verknüpft mit der Geschichte der Präraffaeliten, deren Auftreten in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre einen völligen Umschwung in der englischen Kunst herbeiführte. RuSkin hatte ursprünglich selbst Maler werden wollen, wandte sich aber dann schon früh der litterarisch-kritischen Thätigkeit zu; seine Laufbahn als Kritiker begann er mit einer Schrift, in der er den großen Landschaftsmaler Tunier verteidigte. In einein großen fünfbändigen Werke„Moderne Maler" und' in kritischen Briefen an die Londoner„Times" trat er für die neuen Anschauungen der jungen Maler ein. Er war der Wortführer der Präraffaeliten, er hat sie verteidigt, und in seinen Schriften zu einem ästhetische» System zusammengefaßt, was in den Werken der jungen „Bruderschaft" nach Ausdruck rang. Dante Gabriel Rossetti hatte diese im Verein mit Millais, Madox Brown, Holman Hunt, später Burne Jones u. a. begründet. An die Stelle der konventionellen akademi- scheu Manier, in die auch in England die Malerei in der Nach- ahmung der Venctianer und Niederländer verfallen Ivar, wollten sie strengste Einfachheit, Innigkeit des Ausdrucks und Wahrheit vor allein setzen. Das schien ihnen nicht niöglich im An- schlnß an die Kunst der Hochrenaissance, sie wollten beider ringenden Kunst vor Naffacl einsetzen, um von ihr aus eine neue Kunst zu entwickeln. Mit einem Radikalismus folgten sie ihrem Ideal, daß sie die strenge Forderung der Wahrhaftigkeit im Kunstwerk nicht anders erfüllen zu können glaubten als durch eine peinlich getreue Anlehnung an die Natur. Nicht ein Zug der Natur, kein Grashalm, keine Vlnme auf der Wiese, die sie darstellte», erschien ihnen zu gering, als daß sie sich nicht be- muht hätten, sie in das Bild mit hinüber zu nehmen. Und für diese Ideale kämpfte Ruskin mit der ganzen Macht seiner glänzenden Stilistik, als-ein fanatischer Parteigänger, der vor keiner Konsequenz, die ihm durch sein Ideal geboten schien, zurückschreckte. Er hat die den jungen Künstlern zunächst schroff feindliche Stiimnnng des Publikums besiegt und ihnen zum Siege verholfcn. Noch heute steht die englische Kunst stark unter dem Einfluß der Ideen, die injenen Jahren entwickelt wurden. Rnski» war auch einer der ersten Schriftsteller in England, welche die wirtschaftliche Bedentnng einer großen Kunst- Produktion erkannten. Er hat dieses Thema in seinem 1857 er- schicnenen Buche„Die politische Oekonomie der Kunst" behandelt. Ruskin hielt auch populäre Vorträge zur Verbreitung des Verständnisses für die Kunst im englischen Volke. Im Jahre 1867 wurde er zum Professor der Kunstwissenschaften an der Universität Oxford ernannt; von dieser Stelle zog er sich 1884 seiner geschwächten Gesundheit wegen zurück,— Musik. „Sie lebt"—„sie lebt nicht"—„sie lebt"—„sie lebt nicht"— „sie lebt!" In dieser Weise geht es seit Jahren um die Operette zu. Die großen Namen dieses Konipositionsgebictes sind einer nach dem andern dahingegangen; einige Lebende werden gern gehört, aber von vielen doch nicht recht als vollwertige Nachfolger an- erkannt. Auf dein„klassischen Boden", in Wien, sind sowohl die Todcsklagen als auch die Verwahrungen gegen sie besonders üppig; jene im Anschluß au das Hinscheiden der Großen, diese mit dem Hinlveis auf Lebende. Unter diesen ist es wohl Richard Heu- berger, niif den die meisten Hoffnungen gesetzt werden; vielleicht ist ebenfalls er es, dem vorzugsweise die unaufhörlichen Witze von Wiener Blnlicrn über die Unoriginalität der gegenwärtigen Operettenkomponisten gelten. Hellberger sgeb. 1850), in früheren Jahren als Dirigent, in späteren als Musikrcferent von ziemlich konservativer Richtung thätig, im übrigen als Komponist von Chor- Werken und anderem, selbst von einigen Opern bekannt, ist in jüngster -Zeit mit zlvei Operetten hervorgetreten: im Jahr 1808, kani„Der Opernball" und im Jahr 18gg(zuerst 28. Januar im„Theater an .der Wien")„Ihre E x c e l l e n z". In Berlin hat sich das„Central-Theater" seit Jahren nach dem Rang eines echten Opcrettcn-Theaters bemüht. Anscheinend trotz aller günstigen Wirkungen nicht mit dem genügenden irdischen Erfolg: im vorigen Jahr hieß es, Direktor Fercnczy wolle diese Last nicht länger trugen, wolle sein Operettenpersonal cntlaffen und sich der Posse imd dergleichen widmen. Nun ist es ihm aber den- noch— vielleicht durch die Zugkraft der„Geisha"— möglich ge- worden, bei der Stange zu bleiben; und am Sonnabend führte er Hellbergers Ictztgeliannte Operette zum erstenmal dem hiesigen Publikum vor. Allerdings mit mehreren Aenderungen. Der Titel , lautet jetzt:„Die kleine E x c e l l e n z"— wie ich höre der zierlichen Vertreterin der Titelrolle zulieb; im Text sind manche Gesänge geändert(beispielsweise, wenn ich nicht irre, der lange Vor- trag der Fürstin im ersten Alt in ein knappes Lied„Kleines, kleines Schiffchen") lliid dein Dialog ein breiterer Raum zugeteilt, an- scheinend auch auf Kosten der nielodramatischen Partien, die doch sonst zur Eigenart dieses Werkes gerechnet werden dürfen. Die„Dichtung" geht auf ein prickelndes Werk zweier Franzosen, „N i n i ch e", zurück und stammt von zwei in dieser Thätigkeit be- währten Wienern: Leon und Waldberg. Sie ist ein Operetten- libretto altbekamiter Art; ob nun daS Verdienst, der Musik gut vorgearbeitet zu haben, größer oder geringer, das Gewebe der BerlvechÄnilgcn und Düpicrungen geschickter und lveniger geschickt, die Diktion mehr oder niindcr trivial ist als sonst, braucht»ns nicht eben, sehr bekümmern, llnd zur Kenntnis der„Handlung" dürfte lie Notiz genügen, daß die verschuldete Tänzerin und Lebens- "tüiistlcrin Rinichs einen reichen Fürsten geheiratet hat und intimer Briefe halber in ihr gepfändetes einstiges Heim zurückkehrt, wo denn das naheliegende— will sage»: fernliegende Durcheinander beginnt. Was nun solvohl die Musik selber als auch das von ihr und dem Text gebildete Gesamtlverk betrifft, so läßt sich die erwartungsvolle Frage, ob nun die Kunstgattung der Operette einen Fortschritt ge- ftlnden hat, ebenso schlechtweg verneinen, wie die Frage, ob Ivcnigstens eine vorläufige Fristverlängerung der alten Operette hergestellt ist, schlechtweg bejahen. Es handelt sich um ein Epigonenwerk im eigentlichsten Sinn des Wortes. Daß man fortwährend das Gefühl hat, Bekanntes zu hören, wäre noch nicht so schlimm, da ja dieses Bekannte— die tanzartige musikalische Lyrik Wiens— einer steten Fortsetzung der Bekanntschaft würdig ist. Aber, daß die Musik das einer solchen Fortsetzung nicht würdige Bekannte fortgesetzt hat, das verdient entschiedenen Protest. Ich meine: auch diesmal ist das gesamte Werk ein geschicktes Arrangement zu Gunsten einzelner. großenteils possenhafter Situationen nnd zahlreicher conpletnrtiger Mnsikstückchen. Von einem Hineinarbeiten der Töne ins Dramatische ist so gut wie gänzlich abgesehen; niag vorgehen, was will, die Musik läßt sich in der Haupffache nicht ans der Fassung, aus dem gemütlichen Hin- und Herwicgcn bringen. Nun aber die andre Seite! In diesem Hin- nnd Herjagen ist eine Anmut, eine Grazie, eine Lieblichkeit, eine Lebensfreude enthalten. wie sie wohl auf anderem deutschen Boden als den« Wienerischen schwerlich gedeiht. Sie läßt denn auch auf einen mehr bloßen Unterhaltnngserfolg hoffen, lind in der ersten Hälfte des zweiten Aktes, in der die Niniche ihre Erinnerungen an das Einst genießt, erhebt sich diese Eigentümlichkeit, unterstützt durch eine glänzende Ansstattung, zu einem Tanmel von Lust und Lebcnsran'sch. Hier feierte auch die echte Soubrettcnkunst der Darstellerin Mia Werber, der excellenten Kleinen, prächtige Triumphe...„Champagnerdust, berauschend, Legt sich nm Kopf nnd Sinn...* Daß auch die übrigen Darsteller voll Eifer nnd Erfolg wirkten. bedarf nicht erst der Versichernng. Nur daß ein Zug des Gemachten durch das meiste ging, ein künstliches Strebe», die Leichtfüßigkeit der Musik auch im Spielen und Singen zu erreichen, konnte doch nicht verborgen bleiben. Wenn wir aber keine weiteren Namen nennen, keine Einzelurteile über diese und jene Leistungen bringen, so sei daniit gesagt, daß alles in allem die Gesamtheit der Darbietungeu verdienstvoll war. Am Prcniicrcn-Erfolg hat es denn auch nicht ge- fehlt, und so wird wohl die Zeit bis zu der nächsten Gelegenheit eines VorwärtsbringcnS der so vielberufenen Opcrettenknnst wenigstens leidlich ausgefüllt sein.— az. Physiologisches. — Ueber die Zirbeldrüse wird der„Leipziger Zeitung" geschrieben: Ein Organ des menschlichen Körpers, das von Laien kaum gekannt ist und von den Acrzten seit den ältesten Zeiten stets. gering geschätzt wurde, ist die sogen. Zirbeldrüse. Ihr lateinischer Name, Glarnlula. pinealis, ist nach ihrer tannenzapfenartigen Gestalt gebildet. Linns heißt nämlich Tanne. Dieses eigenartige Gebilde besteht ans grauer Hirnmasse nnd ist ein rätselhaftes Anhängsel deS Gehirns. Es liegt auf der unteren Fläche des Großhirns in dem sog. Türkcnsattel' zwischen den beiden Schenkeln der ans den Vierhügeln austretenden Sehnervenstämme. Mittels eines feinen, kurzen Stiele? ist das winzige Organ an seiner Unterlage befestigt, lieber Zweck nnd Bedeutung dieses Organs haben sich die Jünger Aesculaps viel Kopfzerbrechen gemacht. Eine Drüse im eigenartigen Sinne ist es nicht, da sie weder drüsigen Bau noch einen Ausführnngsgang hat. Sie kann also kein Produkt erzeugen nnd absondern, wie es die Leber, die Bauchspeicheldrüse u. a. thun. Dcscartes vermutete in der Zirbeldrüse, als dem einzigen unpaare» Organ des Gehirns, den Sitz der Seele; aber Philosophie und Piychologie sind über diese Hypothese sehr bald zur Tagesordnung übergegangen. Heute lächelt man darüber. Die Physiologen haben das Organ lange Zeit zur Gruppe der sogenannten Blutgefäß- drüsen gezählt, die den Mangel eines specisischcn Trüscngeivebcs genicin haben(Milz, Nebenniere, Thymusdrüse, Schilddrüse), Diese Reihe hat sich in den beiden letzten' Jahrzehnten säst voll- ständig aufgelöst, nachdem die moderne experimentelle Physiologie fast bei jedem dieser scheinbar unwesentlichen Organe eine Funktion desselben entdeckt hat. Ja, einzelnen dieser Drüsen scheint eine lebenslvichtige Aufgabe zuzufallen. Nachdem das Dunkel über die Leistungen der Milz, Schilddrüse und Nebennieren sich ge- lichtet, fängt es auch hinsichtlich der Zirbeldrüse jetzt an zu dämmern. Auch dieses winzige Organ scheint keineswegs be- deutungslos zu sein, sondern gleich seinen ungleichartigen Ver- wandten eine Nolle im Körpcrhaushalt, im Stoffwechsel zu spielen. In welcher Weise oder Richtung, ist ftcilich noch gänzlich nn» bekannt. Man hat bisher nur bei einigen auffälligen Er- krankungen des Gesamtorganismus, die erst in neuerer Zeit kennen gelernt oder genauer studiert worden sind, Veränderungen an der Zirbeldrüse festgestellt, die nach logischer Schlußfolgerung jene Erkrankungen hervorgerufen haben können. Man hat nämlich bei Personen, die an Akrömcgalie(krankhafter Riesenwuchs) oder an Myxödem(Schleimsucht) gestorben find, Geschwülste der Zirbeldrüse geftinden und zwar zumeist in auffälligem Gegensatz zu der Schrumpfung der Schilddrüse, so daß augenscheinlich Beziehungen zwischen diesen beiden Organen bestehen. Das Myxödem ist als die Folge einer Erkrankung der Schildrüse sicher nachgetvicscn. Man hat anfangs geglaubt, daß die Akrömcgalie in dem gleichen Verhältnis zur Zirbeldrüse stehe. Indessen so einfach scheinen die Dinge doch , licht zu Tiegen, und c§ wird jedenfalls noch vieler Arbeit bedürscii, ehe hier Aufklämng erzielt sein wird.— Physikalisches. — Tnh das Pfeifen in einem Tuftver dichteten Ran m erschwert ist und von einer gewissen Grenze der Verdichtung a» unmöglich werde, wußte man schon lauge; eine ausreichende Er- klärnng war aber, obschou sich in letzter Zeit mehrere Forscher mit dieser Erfahrung beschäftigt haben, noch nicht gegeben. A. Loewy und N. du Bois-Ncymond haben nun, wie der.Globus" berichtet, auf experimentellem Wege die Frage aufzuklären gesucht. In dem pneumatischen Kabinett des jüdischen Krankenhauses zu Berlin, welches Drucke bis zu zwei Atmosphären herznstellcn gestattet, haben sie an verschiedeneu Pfeifen den Druck festzustellen gesucht, mit welchem die Pfeife angeblasen werden umß. damit sie in dem luft- verdichteten Raum einen Ton gebe, und zivar bestimmten sie jedes- mal den kleinsten Druck, der hierfür erforderlich ist, indem sie einer- scits von zu schwachen, anderseits von zu starken Drucken ausgingen. Hierbei ergab sich ein gesetzmäßiges Verhalten: in allen Fällen, bei Lippen- wie bei Zungeupfeifen. mußte bei doppelten: Atmosphären- druck der zur Erzeugung des Tones notwendige Ilcberdruck doppelt so stark sein, woraus sich ergiebt, daß das ll-laßgebende für das Ansprechen der Pfeife die Geschwindigkeit ist, mit der die Luft durch die Pfeife dringt. Da nun die Bedingungen für die Tonerzeugung im menschlichen Kehlkopfe dieselben sind wie in den Pfeifen, so muß auch, wenn in verdichteter Lust ein pfeifender Ton erzeugt werden soll, die Luft mit entsprechend höherem Druck aus der Lunge aus- gepreßt werden. Zu dieser stärkeren Austreiigung der Auöatmungs- muökeln kommt noch eine weitere Schwierigkeit, daß die Zusammen- zichung der Lippenmuskeln eine dem Ausatmungsdnick ciitsprechcnde sein uiid das richtige Verhältnis zwischen der erhöhten Thäiigkeit der beiden Muskelgruppen, der Ausawuings- und der LippeimiuSkeln, erst erlernt werde» muß. Diese beiden Umstände dürften die Echtvicrigkeit des Pfeifeus in verdichteter Luft ausreichend erklären.— Technisches. LS. Eine Petroleumleitung von über 200 Kilo- meterLänge wird demnächst ihrer Bestimmung übergeben werden. Sie soll die berühmte Petroleumstadt Baku mit dem wichtigen Ausfuhrhafen Batum am Schlvarzcn Meer verbinden und die Erdöl- aussiihr aus dem abgeschlossenen Becken des Äaspischcn Meeres fördern, da die zwischen Baku und Batum bestehende Transkaukasische Eisenbahn den Transport nicht zu bewältigen vermag. ES handelt sich dabei um ein ebenso großartiges wie durchaus neues Projekt, von dessen Ausfiihrnng.Dinglers Polytechnisches Journal" eine genauere Beschreibung bringt. Schon Ende der achtziger Jahre stellte es sich heraus, daß die Leistungsfähigkeit der Transkaukasischen Eisenbahn mit den» Wachstum der Petroleum- Produktion im Gebiet von Baku nicht Schritt zu halte»» vermochte. Damals wuchte daher der Plan auf, zwischen Baku und Batum eine Rohrleitung für Naphta oder Petroleum zu legen, und nach viel- fachen Erwägungen entschied man sich für eine Peiroleumlcituug, deren Ansfiihruilg dem technische» Leiter der Transkaukasischen Eisen- bahn, Jngemeur Wendniejew, übertragen Ivurde. Die Kosten über- nahm die russische Regierung, und die Arbeiten konnten im Sommer 1897 begonnen werden. Die Leitung geht von Michailowo ans und verläuft mit Zwischciistationc» in Ssamtredi und Ssupsa bis Battun, die Gesamtlänge beträgt 216 Werst oder etwas über 200 Kilometer, also fast so»veit wie die Entfernung zwischen Berlin und Hamburg in der Luftlinie. Eine Verlängerung bis Ag-Taglia ist in Aussicht genommen, aber wegen großer Terräinschivierigkeiten»och nicht zur Ansföhnmg gekommen. Die Leittuig soll die Fähigkeit erhalten, jährlich 60 Millionen Pud oder 980 Millionen Liter Petroleum zu befördern. Für die Be- rechmmg wurde angenommen, daß die Leitung in jedem Mcmat nur während 28 Tagen im Betrieb sein würde, so daß an jedem Tage rund SVe Millionen Liter hindurchfließen müßten. Ilm den nötigen Druck herzustellen, find in Michailoivo. Ssamtredi und Ssupsa Pump- stationen angelegt ivordeu, deren Wirkung auf der ersten Strecke zwischen Mchailowo und Ssamtredi durch ein bedeutendes natürliches Gefälle erleichtert»vird. Die Röhren haben einen inneren Durch- messer von 8 Zoll erhalte»». Zur Beförderung der veickangten Menge von Petroleum ist ein Druck uotwendig. der bei'Michailoivo 47 Atiilosphärei» und bei den späteren Stationen 40 Atmosphären betrage»»»»»iß. Da Petrolemn ivahrscheinlich noch etivaS leichter durch cme Leitung fließt als Wasser, so»vird die Leisinugsfähigkeit wohl»och größer sein, als es i» der Berechnung augenonnnei» ist. Die erforderlichen Eisenröhren sind ausschließlich bei russischen Werken bestellt»vorde»», sie müssen bei der Prüfung einen Druck von 120 Atmosphären aushalten. Zunächst entsprachen die Liefe- rimgei, nicht den Ansprüchen und man hat lange hin und her probieren müssen, ehe»»an die richtige Art der Rohrlcgung gefunden hatte, wobei ein Lecken airsgeschlossen»var. Die Leitung folgt auf der ganzen Strecke dem Verlauf der Eisenbah»», in deren Damm die Röhren gelegt wurden»md zwar etlva einen Fuß nnter der Ober- fläche. Bei der Ueberschreitimg von Brücken»vurde die Leitung eirttveder neben der Brücke oder auf deren Bohlenbelag überführt. In» Fall daß einmal durch irgend»velche Ratureinflüsse eine llntcr- brechnng oder Verstopfung der Leitung erfolgen sollte, wurden in den Röhren in Abständen von 2 bis 4 Kilometer Ventile angebracht. Die Beaufsichtigung der Leitimg wird den gewöhnlichen Bahnwärtern übertragen»verde»». Die Pumpen sind aus den Vereinigten Staaten geliefert worden. In Michailowo werden gegenwärtig drei große Behälter für je 2 Mllioiie», Liter Petroleum gebaut, und auch die Ztvische», stationen sollen je drei ebeirso große Reservoirs erhalten. Der interessauteste Teil der Anlage»vird sich au der Endstation in Batum befinden, wo zunächst elf Behälter für eine Gesamt- menge von 25 Millionen Liter geschaffen»Verden. Von der Station aus gehen 2 achtzöllige Rohrleitungen nach der Mole»md weitere Ztl'eigleitungen nach den einzelnen Fabriken. Durch die ersteren Leitungen kann das Petroleu»» direkt ii» die Tankschiffe gestillt »Verden, die FüNnng eines Schiffes von 4000 Tonnen würde in »veniger als 10 Sttulden geschehen. Nachdem seit Begiin» der Arbeiten im Jahre 1897 das erste Jahr mit Versuchen hiiigegcingen»var, dürste die Leitung gegeulvärtig ziemlich fertig sein, ebenso die Kessel- und Pumphänser. Der Betrieb sollte noch im Laufe dieses Winters beginnen. Eine technische Schlvierigkeil besteht vorläufig noch darin, daß in die Leitung nur Petroleum von gleicher Qualität eingeführt »verde» darf, da in andern» Fall durch die Veruiischuug ein minder- wertiges Gesamtprodukt entstehen würde.— Humoristisches. — Wichtiges Ereignis.«Weißt Du noch, wie der Storch mich brachte, Mamacheu." «Gewiß, mein Kind!" „Existiert darüber keine Ansichtskarte?"— — Allgemeiner Frendentag. Fremder:„Warum fn»d heilte denn hier so viele Häuser beflaggt?" Einheimischer:„Der Graf Pnmpheimer heiratet heut eine»eiche Erbin und da haben seine Gläubiger Fahnen heraus- gesteckt."— — Wilmersdorf will Stadt tv erden. Der Dorf- schnlze sseiue Rede schließend): Und imn frage ich. wer Ivas da- gegen hat: Erst will mer'sDorf, nachher tv i l I m e r'» e S t a d t I-(«Lust. Bl.") Notizen. — Die„Secessionsbühne" führte an» Sonntag in eurer Matinee in» Nene»» Theater Gabriele d' A n» u» z i o s Tragödie„Die Giocouda" auf. lieber das Stück selbst ist von uits bereits in einem Feuilleton berichtet worden. In der Auf- fnhrung erzielte es bei den» zahlreichen Publik»»,» nach dein zlveiten Akt stärkeren Beifall; gegen den Schluß hin schie»» die Wirkung»ach- z»llaffeil.— — In» Berliner Opern Hanse wurde am Sonntag das Publik»»» bei»» Betreten des Hauses durch grüne Zettel überrascht, die für die bevorstehende„Lohengrin"- Anffühnmg nicht weniger als vier Rollen um besetz» ngei» anzeigten. Die eigentlich bcitinimten Darsteller hatten»vegen Krankheit abgesagt.— — DaS Berliner Theater geht,»vie das„Verl. Fremdbl." in Erfahrung gebracht haben»vill, nach Ablauf des Kontraktes mit dem jetzt bestehenden Konsortiuu», also in zwei Jahren, in den Besitz der Aktiengesellschaft Siemens n. Halste Über» die das Ge- bände niederreißen»md auf dem Terrain Fabrikgebäude errichten lassen Ivill.— — Im Victoria-Theater findet am Donnerstag die Erstausführluig der AuSstattnugSposse„Berliner Bilder" von Ve iino Jacobsoi» mit der Musik von Franz Wagner statt.— — JmVronzesaal des Berliner Antiquar in m S ist seit einige»» Tagen eine neue wertvolle Erwerbung ausgestellt. Es ist eine etwa 25 Ceiltiiueter im Durchmesser gehaltene flache Schale aus d»i n ii e in Bronzeblech, von schönster blauer Patina überzogen, wie»»au sie nur sehr selten findet. In der Mitte der Schale ist eine knopfartige Erhöhung von unten herausgetrieben. ein sogenannter Omphalos,»velcher dcu Zweck hatte, das Ausgleiten der Schale zu verhindern, wenn man sie beim Spenden auf der flachen Hand trug. Den Mittelfinger der rechten, unter die Schale gelegten Hand steckte man in daS Innere dieses Knopfes. Die jetzt erworbene bronzene Opferschale ist bisher da« einzige Exemplar ihrer Gattimg. Durch sorgfältige Treibarbeit ist ein Blütenoriiament in großem Maßstäbe riugs»lin das Rimd der Schale hervorgebracht.— —„Fata M Organa", sinfonische Dichtung von Karl G l e i tz.»vnrde in Kassel nnter Leitung des Komponisten auf- geführt»itd errang stürniischen Erfolg.— — Eine neue Operette von H e n b e r g e r,„Der S e ch s n h r- z u g". fiel im Theater a n d e r W i e n bei der Erstaufführung ab.— — An Stelle des verstorbenen Bertrand soll Victor C a p o ,» l Rkitdirektor der Pariser Großen Oper»verde»». Caponl»var in den siebziger Jahren der gefeierte Heldentenor der Koiniscben Oper und»vnrde durch Konzert-Reisei» i» fast alle» europäi- scheu Großstädten bekannt. Zuletzt hat er in Neiv Jork ei» Kouser- vato-'-mr geleitet.—__ Verantwortlicher Rcoacteur: Paul John in Berlin. Druck uud Vertag vor. Max Boving m Balm.