Anterhaltungsvlatt des onunrfs Nr. 17 Doiinerstag. den 25. Janiiar. 1900 (Nachdru-k verboten). 173 Dois LVeiberdovf. Noman aus der Clfel vou Clara Viebig. Peler sah nicht rechts noch links; mit hängendem Blich den Kopf zu Boden gesenkt, mit schlaff baumelnden Annen und 'schlorrenden Fils;en ging er die Dorsstrasze hinunter. Er 'beachtete kein Gutentag und keinen Zuruf, er hörte auch nicht den Schrei eiucs neugebornen Kindes, der hell und kräftig über den Schncidcrschcn Hof gellte. Er dachte nach, er dachte, daß ihm der Verstand knackte und seine Stinr sich feuchtete. Ehe er in die Kirche trat, zog er in dem versteckten Winkel beim Wcihwasscrbccken rasch noch einmal den Thaler hervor. Sein düsterer Blick tvurdc Heller, tvie er den be- trachtete, falkenscharf. Ein trinmphtercndes Lächeln um- spielte seinen Mund und um seine Augen zuckten schlaue Fältchen; er stand ganz in Betrachtung verloren. Da, Tritte l Er fuhr zusammen, blitzschnell verschwand der Thaler in der Tasche. Pferdegetrappel, Räderrasscln; ein Wägelchen nahte, der Reisende fuhr vorbei, zum Dorf hinaus. Peter streckte den .struppigen Kopf um die Ecke und sah ihm init höhnischem 'Grinsen nach, dann timktc-er gemohuhettomäfzig den Finger 'ins Weihwasser, bekreuzte sich flirchtig und trat in die Kirche. Drinnen war der geistliche Herr. Die Hände überm Bauch gefaltet, aus dein guten Gesicht den Ausdruck ratloser Verzweiflung stand er vor den Trümmern des ehrwürdigen Kroickcuchtcrs. Mitten ins Schiff tvar der heruntergestürzt; viele, viele Fahre hatte er schon an der weistgctünchten Decke gehangen, seine tropfenden Kerzen hatten an hohen Feiertagen gebrannt, init ihrem zitternden Licht den Andächtigen geleuchtet und dein geheiligten Raum eine noch höhere Weihe verliehen. Wie ein himmlischer Strahlenkranz, clvig wie Sonne, Mond und Sterne. hatte er über der Gemeinde geschwebt; da war kein Mensch im Dois. der nicht mit Stolz zu dieser Hauptzierdc des Kirchleins hinanfgeblickt und bei besonderen Gelegenheiten eine Kerze in den Kranz gestiftet Hütte. Run lag er unten. Die Vergipsung an der Decke hatte sich gelöst, in einer Wolke von Staub tvar er niedergefahren. mit einem dumpfen Dröhnen aufschlagend; Schutt und Kalk kamen nachgeprasselt, ja, ein ganzer Mauerstein. Schreckensbleich eilte der Küster zum Pfarrer. Wer sollte den Schaden nun reparieren? Das Einmauern tvar nicht so schwer, aber der schöne Kronleuchter war arg zugerichtet; seine -zinnerne» Arme waren verbogen. die Stacheln, drauf die Kerzen gespießt wurden, und viele der flachen Lichttellerchen darunter abgebrochen. Der Pfarrer rang die Hände, der Küster jammerte— was würde das kosten, ließe'man �inen' Künstler, der das wieder herstellen konnte, koininen! Oder gar das kostbare Stück per Axe weit über die Berge schaffen! Immer wieder wischte sich der geistliche Herr mit dem Sacktuch über die Stirn, nahm auch eine Prise um die andere und trommelte nachdenklich auf der Schnupftabaksdose. Endlich sprach eines der Weiber, die sich neugierig vor ihre Thürcu gestellt hatten, von Pittchcn. Der konnte alles! Der einen hatte er cincn neuen Boden in den Milcheimer gesetzt, der andren die Wanduhr, die immer stehen blieb, zinn Gehen gebracht; dieser das platt- getretene und verbogene Amulettchen mit dcnheiligen drciKönigcn schön aufgehämmert; jener den in zlvei Stücke gebrochenen- Ehering so zusammengeflickt, daß ihm kein Mensch mehr was ansah..Ohrringel, Broschen und Kreuzchen, Uhren und Pinge -und Hansgerät, alles konnte der Peter ganz machen, wenn er nur wollte. Warum denn dies nicht? ..Pittchen, holt Pittchcn!" Der Herr Pastor drehte auf seinem Heimweg, den er trübselig angetreten hatte, noch einmal zur Kirche um. Und nun war der Peter da. Die Hände in den Hosen- taschen, mit gespreizten Beinen, das Maul schief gezogen, stand er und besah den Schaden. ,Iao, jao, e su es ct. Jao, jao, et es nau c su l" Er wiegte den Kopf und sah schläfrig drein, ohne jegliches Interesse. -..Könntet Ihr chas nicht, wieder reparieren?" sprach der Pfarrer. „Nä. nä, hat cS nct mein Metjä(Geschäft)!" „Seht einmal, Miffert!" Der geistliche Herr bückte sich und hob eines der abgebrochenen Stücke auf.„Ich denke. das ließe sich wieder anlöten. Das ist Euch gewiß leicht möglich. Mit Metall und so was hantieren, löten und hämmern und gießen und feilen, was weiß ich, das schlägt doch in Euer Fach!-" Einen raschen Blick von unten herauf warf Pittchcn auf den Geistlichen;' es war ein eigentümlicher Blick, ein schlauer Blick, in dem zugleich plötzlicher Argwohn dämmerte.„Wat beliewt?" fragte er lauernd.„Wie mannt dän gaastlichen Höhr bat? Ech haon ganz simpel Schlosser gelernt, inet sn cbbes Appartem haon ech iüe neist im Sinn gehatt. Nä. duh mößt Ihr bei euer anncrcn Duhr ankloppen! Lao kann ech neist bei manchen!" „Aber Ihr könnt es doch versuchen," bemühte sich der Pfarrer, ihn zu überreden.„Sic sageil alle, Ihr seid so geschickt!" „Wän haot bat gcsaot?" Peter warf einen unruhigen Blick inn sich. „Nun, nun"— der geistliche Herr lächelte arglos— „das ist doch' keine BlAridtgung � Du bist zu bescheiden, mein Sohn:„Was Du zur Ehre der Kirche versuchst, wird Dir schon gelingen.''Die Heiligen wekden Deine Arbeit segnen, die allergnädigstc Himmelskönigin, wird, sich Deiner erbarmen." Er hob die Hand:„Sei ohne Furcht!" Und dann in minder salbungsvollem Tone:„Wir haben da vielerlei altes Zinngerät in der Sakristei, wir wollen einmal zuschauen. Miffert. ob Ihr davon nichts zum Ausbessern ver- ivenden könnt. Zinn schmilzt sich leicht— schön verarbeitet, ja, ja, kann man's von Silber kaum unterscheiden." Wieder die? seltsame rasche Aufblicken in Peters Augen. Er widersprach nicht mehr. . In der Sakristei war's kellcrig und rock, nach Moder und Weihrauch; Peter schloß die Thür hinter sich. Da hingen Chorhemden und Meßgewänder, ein in Leder gebundenes"Buch lag auf dein Tisch, lauter Requisiten- für den Gottesdienst. Peter jbesanu sich wohl, wie er als kleiner Junge sich hier einmal hineinqestohlen und mit andachtsvoller Neugier alles durchmustert hatte. Die Neugier war noch da, aber die Andacht war weg. Seine Blicke stöberten in allen Winkeln herum und blieben-dann auf dein alten Schrank in der Ecke haften. Da mußte das Zinngerät drin sein! Er hätte hinstürzen mögen, ihn aufreißen— Zinn, Zinn! Bald hielt vr's in der Hand. ein Metall, aus dem sich ivas formen und gießen ließi man mußte es nur verstehen. Seine Hand' tastete verstohlen nach dem Thalcr in der Brnsttasche— da war er noch! Er preßte die Hand fest da- gegen— nun drückte er ihn ans Herz. Umständlich rappelte der geistliche Herr mit dem Schlüssel- bitnd, endlich hatte er den richtigen Schlüssel gefunden; knirschend drehte der sich im Schloß, widerwillig gab das nach. so schwer sprang es auf. daß Wurmmehl ans der zerfressenen, dnnkelgebeiztcn Schrankthür stäubte. Da stand die Monstranz, verhängt mit weißem Mull« tüchlein, neben Kelch und Hostienschrein; und da, im aller- untersten Fach, verstäubt und zerbrochen, lauter altes Ge- rinnpel, darunter eine verbeulte Taufschalc; und hier, mit den gebrochenen Endeil hcrausstakend, ein paar in Stücke ge- gangene Altarleuchter. Der Geistliche bückte sich und kramte in dem Wust. Peter beugte sich über seine Schulter, den Mund offen, die Augen aufgeriffen, rasch atmend. „Da," sagte der Pfarrer und streckte ihm ein paar-Leuchter- arme hin,„nur Zinn, aber jetzt Goldeswert. Ist das genug zur Reparatur?" Peter hatte mit einem raschen Blick alles überflogen; auf die Taufschale sehen und sie i'lber die Schulter des andern weg. herauszerren, war eins.„Nä." sagte er schnell, wog die Schale einen Augenblick in der Hand und versteckte sie dann halb! hinterm Rücken.„Dat haon ech eweil aach noch nethig!»- „Nimm Dir nur! Nimm Dir nur, was Du brauchst, mein Sohn," schmunzelte der Pfarrherr', erfreut über Peters Will- fährigkeit.„Alles noch ans dem vorigen Jahrhundert, wert- loser Plunder; da mußte sich unsere Kirche zu ihren heiligen Zwecken armseliger Zinngefäße bedienen. Aber die Heiligen werden es in Deiner Hand segnen. Uff"— er erhob sich seufzend von den Knien und stäubte seine Hosen ab—„ist das eine Ungclegenheit! Hätt' ich das heute morgen geahnt, als ich so friedlich schlummerte! Nun geh', mein Sohn l" Erlegte seine Hand wie segnend ans Peters Schulter.„Du leihst Deine geschickte Hand zu gutem Werk, bonum felix faustumque sit! Hol Dir den Kronleuchter beizeiteu ab, der Küster wird Dir helfen." Peter antwortete nicht mehr; die Tanfschale vorn im Rock, die Leuchterarme, allen sichtbar, in der Hand, eilte er zur Kirche hinaus. Draußen gesellte sich Tina zu ihm; sie sah verfroren aus und drängte sich dicht an ihn, als suche sie Wärme bei ihm. „Biste mer bees, Pittchen?" „Nä," murmelte er zerstreut. Sie trippelte neben ihm her.„Pittchen, maachste am Sonntag met nao Oberkail? Se danzcn beim Pauly. Holste mech bei de Muhsik, dann"... Als er schwieg, funkelten ihre Augen; sie verzog spöttisch den Mund:„Oa lau, et es nor gud, dat dernaach de Mannsleider Widder kommen! Dau bis e su en power(arm) Luder, hast uet emol e Kastemänuche, om dei Mädche zu traktieren I" (Fortsehung folgt.) John VtisKin. Man schreibt uns aus London: In dem am Sonnabend verstorbenen John Rnskin verliert England einen Schriftsteller, der ans die Ideenwelt seiner Epoche einen sehr großen Einfluß ausgeübt hat und in dem die englischen Arbeiter einen wannherzigen Freund und Förderer ihrer Sache verehren. Unter den heute wirkenden englischen Socialisten befinden sich nicht wenige, die zuerst durch Rnskin auf den Weg zum Socialismus gebracht wurde», und namentlich in der Künstlerwelt und den litterarischen Berufen sind dem Socialismus viele Parteigänger durch Ruskins Lehren zugeführt worden. Der socialistische Dichterkiinstlcr William Morris war ein Schüler Ruskins, und seine Utopie„Kunde von Nirgendwo" atmet in vielen Punkten Ruskinschen Geist. 1819 als der Sohn eines gläubigen WeinhändlerS(der nach ihm„ein durch und durch ehrlicher Kaufmann" war) und einer streng puritanisch gesinnten Mutter geboren, vertritt Rnskin die ent- schiedenste Opposition gegen den nüchternen, kommerziellen Militarismus, wie er in', dritten Viertel des neunzehnten Jahr- Hunderts England beherrschte. In vieler Hinsicht sich mit Carlhle berührend, von dem er stark angeregt wurde, ist er in seinen Folgerungen bestimmter und radikaler als dieser— radikal hier nicht im politischen Sinne genommen, denn politisch war Ruskin eher ein Mann der äußersten Rechten. Indes kann man ihn überhaupt nicht in irgend eine Parteirubrik unterbringen. Er konnte heute ultrarcaktionäre Ansichten äußern, um morgen seine Verehrer durch höchst revolutionäre Ausführungen zu überraschen. Er war eine Art Rousseau des 19. Jahrhunderts, ein Romantiker, der die Civilisation, wie er sie vor sich sah, haßte und viele Einrichtungen der Vergangen- hcit— des feudalen Mittelalters— hochpries, ohne sich doch zu verhehlen, daß sich dieses nicht wieder heraufzaubern ließ. Wie aus Rousseau, kann auch aus ihm der Reaktionär wie der Revolutionär Nahrung ziehen. Solche innen, Widersprüche find nicht selten, aber sie waren bei Ruskin tiefer und äußerten sich kräftiger, wurden von ihm schärfer ausgearbeitet als man es anderwärts findet. Er war eine zu ernste, zu aktive Natur, um es beim andächtigen Schwärmen bc- wenden zu lassen. Er hatte ein gutes Stück von jenem qnixotischen Zug, wie mau ihn gerade in England so häufig findet, als die natür- liche Reaktion gegen den alle Eigenheit ertötenden konventionellen Schliff, die Tyrannei der Routine. In dieser Rebellion gegen die uniformisiercnde Tendenz der Zeit wurzelt sein Haß gegen Eisen- bahnen, Maschinen, die Photographie, der sich so oft in absurden Protesten geäußert hat. Aus ihr erklärt sich sein häufiges Kämpfen gegen Windmühlen— richtiger eigentlich für Wind- mühlen, d. h. für die Erhaltung unrettbar verfallener und das Aufhalten unwiderstehlich vorschreitcnder Institute und Methoden. Aus ihr erklärt es sich, daß man in seinen, System die tiefsten Wahrheiten neben hofsnnngslosen verkehrten Ansichten, oder oft das Eine mit dem Andern in ihn, verkoppelt findet, daß er, der das Individuelle so überaus hoch stellt, den Liberalismus wie den Teufel zu hassen erklärte, daß er sich über den römischen Katholizismus in wegwerfendster Weise äußern und doch in Religion und Kunst sein Lied anstimmen konnte. Er konnte den extremsten Tory überbieten —„Carlyle und ich," erklärte er einmal,„kämpfen allein noch in England für Gott und die Königin" � und er konnte mit den Socialisten und Anarchisten in'Bermteilnng der Ausbeutung der Menschen durch Menschen wetteifern. Wie diese anscheinend unvereinbaren Widersprüche versöhnen? Run, indem wir als die Grundtendenz des Ruskinschen Wirkens die Bekänipfung des auflösenden, die Menschen nur als Käufer und Vev- käufer gegenüberstellenden Princips und das Strebe» betrachten, den Menschen über das Werkzeug zu erheben, die Hand über das auto- matifche Gerät zu stelle», dem Leben durch die Kunst einen höheren Inhalt zu geben. Die Kunst sollte das Leben aller durchdringen» der letzte Arbeiter sich in seiner Art als Künstler fühlen. Daher der Widerwille gegen die Mechanik in der Produktion, der Wunsch, sie auf die gröbsten Arbeiten zn beschränken, das Sträuben gegen die Mechanisierung dcS Reifens, wie es die Eisenbahn— dieser buchstäblichste Vertreter des„Fahrcns im vorgeschriebenen Geleise"— vertritt, die Abweisung der Lichtdrncknicthoden als unfähig, ivahrhaft künstlerische Äbbildnngcn hervorzubringen, und geeignet, das Verständnis für solche zn ertöten. An, Abend seines Lebens hat Rnskin sich von der Voreiligkeit mancher dieser Urteile überzeuge» müssen und auch ruhig seine Irr- tümer eingestanden. So als er vor einigen Jahren öffentlich zugab, daß die photochcmischen Vervielfältigniigcn Feinheiten in' der Schattierung wiedergebe» könne», die kein Kupferstich übertrifft. Damit ist aber nicht das widerlegt, lvas er wollte oder worauf es ihm ankam, sondern nur sein Urteil über ein bestimmtes Mittel, und das gilt auch von manchen seiner andern Vcrdonncrnngen, die uns heute nur noch als Schrullen erscheinen. Kein Protest hat die Verdrängung der Rnskin so liebwerten Postkutsche durch die Eisenbahn verhindern können, aber die Mechanik hat Mittel erzeugt, die auch Leuten, denen die Postkutsche zu teuer, ein Reisen außerhalb der Geleise möglich machen. Aehnlich mit seinen Versuchen, die Weberei auf de», Handstuhl wieder zn Ehren und Einträglichkeit zu bringen. All das ist entweder schon vergangen oder wird in der Form, wie er es einrichtete, vergehen, gerade wie seines Schülers Morris Handpresse. Aber von dem, ivas er in seinen kunstkritische» Aufsätzen gegen die verflachende Modemalerei geschrieben, was er in Schriften wie„Ünto tbis last"— bis zn diesem letzten sArbeitcr)— nnd„Fors elavigera" (die den Schlüssel führende Kraft) gegen die damals herrschende ökonomische Richtung ausgeführt hat, von seine» socialpolitischen Lehren, ist vieles unvergänglich, vieles heute schon zum Teil verwirklicht oder auf dem sicheren Wege der Verwirklichung. Allerdings«miß man hier inehr auf den Grundgedanken gehen, der seinen Vorschlägen zu Grunde liegt, als auf die'Fonn, die er ihnen giebt, und darf nicht vergessen, daß sie von eine», Mitglied der besitzenden Klassen (Ruskin ivar sehr wohlhabend) zn einer Zeit aufgestellt wurden— Unto tbis last erschien 1860— wo die englische Arbeiterbewegung ziemlich am Boden lag und die Masse der britischen Arbeiter»och geistig sehr tief stand. Vergißt man das und hält man sich an den Buchstaben, so wird Rnskin heute den meisten als ein Reaktionär erscheinen, als ein konservativer Staatssocinlist. Thatsächlich hat Rnskin mit seinen eindrucksvolle» Protesten gegen die ANHerrschnft des Dogmas vom Einkauf auf dem billigsten und Verkauf auf dem teuerste» Markt," mit seinen packenden Ennahnmigen, das Leben und nicht den Reichtum an die Spitze zu stellen und dem Leben auch des letzten Arbeiters einen Inhalt zu geben, den Arbeitern„bis auf den letzten", die gröbste Arbeit verrichtende» Arbeiter einen auskömmlichen Lohn zuzugestehen, die Lohnsätze ebenso von Angcböt und Nachfrage unabhängig zn machen wie die Besoldung der Staats- beamten, so daß die Beschäftigung lediglich von der Leistung ab- hängig gemacht wird, mit feinem Eintreten für die allgemeine und freie Volksschule, und ähnlichen Slcforn, Vorschlägen nur für deir socialen Fortschritt gewirkt, de» Parteien, die ihn ans ihre Fahne ge- schrieben, Argumente geliefert und viele tüchtige Leute zum Eintritt in ihre Reihen belvogeir. Er war vor allem der Prophet des Adels aller wirklich zun» Leben nützlichen Arbeit und des edlen Verbrauchs der Güter des Lebens. Er verivarf de» inhaltlosen Luxus und scheute sich nicht, von einem Straßenkehrer in deffen Kunst sich unter- richten zu lassen, selbst eine Zeit lang den Besen zu führen nnd seine Schüler in dessen Gebrauch zu unterweisen, oder, in Entrüstung üböv das Uebcrmaß von Zeit, das für den Sport aufgewendet tvird, un- bekümmert um allen Spott, mit seinen Anhängern unter den Studenten den Spaten in die Hand zu nehmen und eine Landstraße bis Oxford auszubessern, zu welchem Bchufe er bei cinenr Straßen- arbeitet' sich im Steineklopfen unterrichten ließ. Selbstverständlich Vertvarf er nicht jedes Spiel oder predigte er gar die Arbeit in der Art der Katechismen. Die Arbeit sollte erheben aber nicht erdrücken. In gewissem Sinn kann man sagen, daß er auf seine Art und in konkreterer Weise das vertrat, ivaS Schiller als die ästhetische Er- ziehung des Menschen bezeichnete. DieArbeit alsKnnst ausgeübt, das Ivar sein Ideal. Und das war mit dem ökonomischen Dogma, das in der Mitte des Jahrhunderts England beherrschte, unvereinbar. Daher feine flammenden Proteste.„Soweit ich die Geschichte kenne", schrieb er in Unto tbis last,„giebt es nichts, was dem menschlichen Geist so zur Schande gereicht, als die modernen Ideen,- daß das Princip„kaufe auf dem billigsten Markt nnd verkaufe. auf dem teuersten", ein geltendes Princip nationaler Oekonomie vertritt oder zn irgend einer Zeit vertreten könnte. Kaufe auf dem billigsten Markt? Ja, aber ivas machte euren Markt billig? Holzkohle mag zivischcn dem Gezimmer eures Daches billig sein, wenn Hans und Heim durch Feuer zerstört wurde., Nach einem Erdbebeis.mögen Bmistciiie in euren(sirofeen billig zu haben sein, aber werdet ihr deshalb sage», daß Feuer und Erdbeben nationale Wohllhaten sind, weil ihr»ach ihren Verwüstungen und Zerstörungen Dinge billig einkaufen könntet? Und desicn seid sicher, daß wenn ein Artikel billig ist,' ihr hinter ihm, wen» ihr nur den kommerziellen Schleier hinwegziehen könntet, Feuer der Zerstörung menschlicher Freude» oder Erdbeben der Erschütterung menschlichen Glücks erblicken würdet." Und an einer andern Stelle: »Die Kraft des Goldstücks, das ihr in eurer Tasche habt, hängt durchaus von dem Fehlen des Goldstücks in der Tasche eures Nächsten ab. Brauchte er es nicht, so würde es für euch von keineni Nutzen sein. Der Grad seiner Macht hängt gerade von dein Bedürfnis oder dem Bcrlangen ab, das er nach ihn, empfindet, und die Knust, euch Reichtum zu erwerben, ist in dem Sinn, den ihr die landläufige kommerzielle Oekononne giebt, gleicherweise und uotwendig die Knust, euren Nächsten arm zu erhalten." So predigte er seiner Gemeinde und erzog er sich in einer Zeit, wo der socialistische Gedanke in England brach lag oder vergebens nach Einfluß auf das nationale Lebe» rang, eine Anhängerschaft heran, aus deren Reihen die Männer hervorgingen, die Anfang der achtziger Jahre von nenem das Werk der Orgauisiernng einer soeialistsichen Partei aufnahmen. In der Welt der Arbeiter und Socialisten Eng« lands ist der Name Rnskins hochgeehrt. Von den Schriftstellern, die nicht selbst der Bewegung angehörten, stand keiner ihrem Herzen so nahe, hat keiner so sie zu packen und zu erheben gewußt als John Ruskin.— E. B, Kleines Feuilleton» — Deutschland im Jahre Dem Jahrgang 1841 des »Telegraph für Deutschland" entnimmt die»Tägl. Rundsch." eine Reihe kleinerer Nachrichten und Mitteilungen, die ein Stückchen zeit- genössischer Kulturgeschichte darstellen: Die Leipziger treiben ihren Mnsik-Enthnsinsinns etwas weit. Eine Modistin verkauft Konzert- Baretts unter dem Name»: Mendelssohns Auge I— Bei Beck in Nörd- lingon ist eine Broschüre herausgekommen:„Das Fegefeuer von seiner lieblichen Seite bewachtet."— In der.Rollner Zeitung" fordern die Hans- franen den Theaterdirektor Spielberger ans, das Theater früher beginnen zu lassen, weil es ihnen sehr schwer würde, Schellfische und Kartoffeln für den Mann, der erst um 10 Uhr aus dem Theater käme, warm zu halten.— Vor kurzem wurde in verschiedenen Blättern die öffentliche Anspeitschnng einer Menge Handwerker in München erwähnt, die sich gegen ein willkürlich polizeiliches Verbot sollten aufgelehnt haben. Man machte sich Hoffnung, diese bayrische Maßregel näher beleuchtet und von oben herab gerügt zu sehen. Uns soll doch wundem, wie lange sich die Deutschen in Ohrfeigen und Stockprügel finden I— — Eine Straufienfarin im Kaplaud. Inder südafrikanischen Wildnis nördlich von Port Elizabeth ist, wie der»Kölnischen Volks- zeitung" ans Kapstadt geschrieben wird, von den Jesuiten-Misflonären eine Stranßenfarm angelegt worden. Vor 30 Jahren war die Straußenzncht»och unbekannt— Jäger erlegten die wilden Vögel, um ihre wertvollen Federn zu erlangen. Heute ivird der Strauß, anstatt getötet zu werden, in Einfriedigungen gehalten, und alle acht bis nenn Monate� wird ihm der kostbare Schmuck abgenommen. Dnnbrody, dies ist der Raine der Jesniten-Misfion, hat einen Flächenranm von 7000 AcrcS. Die Unmöglichkeit, diese im Ur- zustande Übernommene Länderstrecke ausschließlich landwirtschaftlich auszunutzen, veranlaßte die Jesuiten zur Einsührung der Stranßeii- znckit, zumal da nifolge des Regen», augels in der Große» Karoo leibst urbar gemachtes Land nur mit vielen Koste» und Schwierig- kcitcn»nler künstlicher Bewässerung nutzbar gemacht werden kann, während der Strauß selbst unter Wassermangel gedeiht und mit den wilden Büschen als Nahrung zufrieden ist. Dnnbrody hat 300 Strauße. die in verschiedenen hohen Eisendraht-Einznunungen untergebracht sind. Einige derselben sind sehr groß und enthalten 20—100 Vögel. Die Abteilinigen für die Züchtung sind bedeutend kleiner und nur für je ein Paar bestnnnit. Die Paare bedürfen der uieiften Pflege und sind in der Nähe der Missionsstation untergebracht: täglich werden sie mit Mais gefüttert und haben durchschnittlich dreimal im Jahre Junge. Das Nest wird im fandigen Gnnide vom männlichen Vogel init seinen mächtigen Füßen ausgekratzt. Wenn eine Henne bereit ist zu legen, so giebt sie dies durch einen eigenartigen Laut des Schnabels zu verstehen. Sollte das Männchen dies nicht verstehen wollen, so legt das Weibchen die Eier an irgend einem beliebigen Platz: diese Eier sind verloren, da kein Hahn auf einem Neste brütet, welches er nicht selbst bereitet hat. Wenn d� Hahn das Nest baut, drückt die Henne ihre Anerkennung aus, indem sie mit den Flügeln schlägt und mit dem Schnabel klappert; ist dasselbe fertig, so legt sie sofort das erste Ei und setzt dies jeden zweiten Tag fort, bis ungefähr 15 Eier gelegt sind. Im Brüten wechseln beide sich ab, der Hahn sitzt ungefähr von 4 Uhr nach- mittags bis 8 oder 0 llhr den folgenden Morgen. Erst nach sechs Wochen kriechen die Jungen ans. Dieselben werden sofort den Elten, abgenommen und in eiueu, bedeckten sehr lustigen Stall in die Missionsstation gebracht, wo sie mit Klee, pulverisierten Knochen und Sandkönichen ernährt werden. Eigentümlich ist, daß beständig ein Mensch bei ihnen sein muß; sobald sie allein gelassen werden, fressen sie nichts. Wasser verlangen sie keines. Nach einem Monat läßt man die Jungen unter Nnfsicht den ganzen Tag frei herumlaufen lind sich ihre Nahrung selbst suchen. Sie drehen sich häufig übermütig im Kreise herum, oft bis sie hinfallen,«in Vergnügen, das sie bis ins Alter treiben. JmDnrchschnitt werden 130 Strauße jährlich großgezogen. Die Hennen behalten eine freundliche Gesinnung für den Menschen, die Hähne jedoch entwickeln bald ein höchst mmngenehmes Tempera- ment, und schon der Anblick eines Menschen bringt sie in blinde Wut; sie rennen gegen die hohe, starke, mehrreihige Eiseiidrahteinsassung und fügen sich dabei nicht selten Schaden z». Mit ihren gewaltigen Füßen nnd den großen Zehe» schlagen sie so gewaltig zu. daß sie einen Mann leicht töten können. Dazu kommt ihre Geschwindigkeit; in einer Stunde kann ei» Vogel 50— 60 Kilometer zurücklegen. Einen großen Schaden fügen der Straußenfarm die Leoparden zu, die im vergangenen Jahre über zlvanzig erwachsene Vögel töteten. Auch die wilden Hunde, die in Rudeln herumziehen, greifen erwachsene Strauße an und töten sie. Die Schakale thun de» Eiern viel Schaden; sie rollen sie gegen einen großen Stein oder Baum. bis sie brechen, und saufen oder fressen den Inhalt. Nachdem die Hennen alle Eier gelegt haben nnd wenn die Vögel beständig brüten, ist die Gefahr der wilden Tiere geringer, da die brütenden Strauße mit ihrem dunkeln Gefieder von dein umgeben- den Boden kaum zu unterscheiden sind. Das„Pflücken" der Straußenfedern ivird in sorgsamer Weise zur bestimmten Jahres- zeit besorgt. Die Helmen werden hierfür«n eine besondere Ein- zäunung getrieben. Die Hähne einzufangen ist schwieriger. Der Züchter bedeckt stch mit einen, großen Zweige eines stachelichen Baumes, um den Hahn in Entfernung zu halten, streut dann Maiskörner dem Vogel vor, bis sie ihm derselbe schließ- lich aus der Hand frißt; er benutzt dabei eine gute Gelegenheit, um dem Hahn eine wollene Kappe über de» Kopf zu ziehe«. Sobald der Vogel nichts mehr sieht, kau» er gelenkt werden wie ein Kind, und mit einer besondere» Schere werden ihn, die langen Federn— die paar schneeweißen Schwaiizfedern des Hahns sind die kostbarsten— abgeschnitten Die Eichen und Wurzeln fallen von selbst heraus. Bewunderungswürdig stark find die Brnstknochen der Strauße. Wenn zwei Hähne kämpfen, so schlage«, sie sich mit ihren Füßen gegenseitig so stark auf die Bnist, daß man es gut eine Viertel englische Meile entfernt hören kann, und dabei fügen sie sich wenig oder keinen Schaden zu.— Theater. — Ein Minister über d aS VolkStheater. Bei der Beratung des Haushalts in der französischen Kammer nahm der UMerrichtsminister Leygnes zum Titel„Staatlich unterstützte Bühnen" das Wort und entwickelte seine Anschauungen Über die Auf« gaben der staatlich unterstützten Bühnen in einer Demokratie. Er führte ans:»Die Schöpfung eines lyrischen und dramatischen Volks- theaters halte ich für etwas äußerst Wünschenswertes. Wir müssen uns bemühen, Geist und Herz der Menge iinmer mehr zu erheben. Der Geschmack, das Gefühl, das Verlangen des Schönen schaffen einen Luftkreis höherer Sittlichkeit, der einer Demokratie nuentbehr- lich ist. Man kann dieses Ziel auf verschiedenen Wegen erreichen.... Die unterstützten Theater, meine ich, können und sollen am Werke der Volkserziehung mitarbeiten. Ich habe die Leiter dieser Bühne» versammelt und sie eingeladen, ihre Künstler an den ausgezeichneten Veranstaltungen mitwirken zu lassen, die man»Nbeiidvorlesungen", , Volkshochschulen" und»Gemeinsame Gedankenarbeit" nennt. Wir können von den Arbeitern nicht verlangen, daß sie zu uns kommen. Wir müssen zu ihnen gehen. Mai« kann von, Arbeiter nicht ver- langen, daß er abends eine weite Reise außerhalb seines Viertels mache. Das Theater, die Knust müflen in seine Gegend kommen. Wie aber? Indern Sie von Zeit zu Zeit, bei fest- lichen Anläffen, Künstler der Oper und Komischen Oper, der Comedie Franyaise und des Odson zu den Arbeitern schicken, die sich entschließen, nach harter Tagesarbeit von ihrer Abendruhe einige Stunden abzubrechen, wn sich zu bilden, un, von Wissen- schaft, Philosophie, Dichtung und Kunst sprechen zu hören. Die Künstler sollen vor diese» Zuhörern die schönsten Stellen der Ton- dichtuugen oder Bruchstücke der hervorragendsten klassischen und zeitgenössischen Bühnenwerke vortragen.... Lassen wir in die Arbeiterschaft einen Strahl' voi, Freude und Schönheit dringen, und wir leisten der Republik einen guten Dienst..'.. Die fast unbeschränkte Freiheit, deren wir uns erfreuen, legt uns die Pflicht aus, feste Gesinming, rechtschaffenes Urteil und stolze Herzen zu haben. Die reine und edle Kunst nun hat eine unvergleichliche erzieherische Tugend. Erheben und stärken wir Geist und Gemüt durch den vertrauten Umgang mit den, Schönen. Erziehen«vir die Menge zur Sittlichkeit durch den Anblick, das An- hören des Vollkoinmeiisten und Edelsten, was der Menschengeist hervorgebracht hat, statt unthätig zuzusehen, wie sie verderbt wird durch das Schauspiel ungesunder' Werke, die weder durch Geist noch durch Vorzüge der Form für die Niedrigkeit und Gemeinheit deö Inhalts entschädigen."— Kulturgeschichtliches. — Heber Schrift undSchreibgeräte verschiedener Völker und Zeiten hielt Dr. Naß einen Bortrag im„Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes". Nachdem der Redner als die ältesten Beschreibstoffe Stein und Thon angeführt hatte, ging er, Ivie die„Voff. Ztg." berichtet, zu der arabischen Schrift über, die in der heutigen Türkei angeivendet wird. Man schreibt dort all- gemein mit der Rohrfeder, dem sog. Kala». Eigentümlich sind die Behälter, die zum Tragen und Aufbewahren des Schreibzeuges benutzt werden. Sie stellen sich als ein Penal dar mit daran befestigtem Diuteu- twCiäUer. I»»«lerer Zeit sind sie»»? Mct.ilt i» glatter wie ge- prägter All4iMn»lg. ES wird mit itjuc» ein so grober Liir»S i» der Türkei getrieben, das; es Tinteiizenge bis zu 100 und darüber giebt. Die heutige» Metall- Tiutcuzeuge haben die Form eineS kleinen an die Seite gesteckten Dolches' Das Tintenfab. das an- gelotet ist. enthält einen Banmtvollcubansch mit flüssiger Tusche, der bei der Benutzung mit Wasser Übergossen wird, wo dann der 5talan hiueingetancht lvird. In Indien Ivird ebenfalls seit alter Zeit her mit der Nohrfeder geschrieben,»ud zwar ist die Schrift eine Farbschrist� Die Ritzschrift. bei der man in Palmenblätter mit einem Stahlstift Zeichen einritzt, ist in Indien verschwunden, wird dagegen bei den Laos auf Siam noch geübt. Sonst ist Siam eigentümlich eine 5!reidcfchrift, indem anf Papier mit Speckstein in lveiher, grauer und gelber Farbe geschrieben wird. wobei Papier und Bücher natürlich schwarz sind. Sehr originell ist Zie Schrift der Chinesen und Japanesen. Hier ivird ebenfalls mit Farbe ge- schrieben, und daS einzige Schreibzeug ist der Pinsel, dessen Handhabung zw solcher Vollkommenheit ausgebildet ist, das; man das Schreibe» dort zum Kunstgclvcrbe rechnen' kann. Eine schlechte Schrift, wie bei im?, giebt eS in China fast gar nicht. Die kleinen Chinesen lernen schreiben, indem man ihnen zuerst einen riesengroße» Pinsel in die Hand giebt. mit dem riesige Buchstaben entstehen'-, dieShat den großen Vorteil, daß die Zeichen jede Eigenart der Schrift, aber auch jede kleine Abiveichnng und jeden Fehler klar erkennen lassen. Die Schriftzeichen geben in China ganz bestimmte Begriffe, nicht Silben wieder wie bei uns. Europäer können daher auch chinesische Bücher lesen, ohne die Sprache zn kennen, tven» sie nur die Vedentimg der Zeichen erlernt haben. Sonderbar muten uns die chinesischen Visitenkarten an. Sie sind geschrieben, nicht etiva gedruckt, längerund breiter wie eine menschliche Hand und stets aus feuerrotem Papier. Wer ganz nobel sein will, läßt die Karte durch einen Diener in einer kleinen Visitentasche neben sich hertragen. Auch in Japan tvird anf vorzügliches Schreiben so hoher Wert gelegt, daß der Japaner im Staatsexamen eine besondere Prüfung im Schönschreiben ablegen innß. Für die chinesische>nnd japamsche Schrift werden in neuerer Zeit von einer Berliner Firma auch mödernr Stahlfedern mit gutem Erfolge, hergestellt. Nachdem der Redner sodann Aegyptens.' mit. seinen Papyrus und seinen Schreibkästen gedacht hätte, ging er anf Europa über, Ivo die Griechen und Römer sich zuerst des Rohrp inscls der Papyrusstandc «nd des Ztalans der Acgypter bedienten, die letzteren daücben aber aitch die niit Wachs überzogenen Tafeln hatten, in die mit Hilfe des Stilo. eines aus Eisen, Knochen oder Holz gefertigten Ritzers. Ailfzeichnungen eingeritzt wurden. Der Kala» der Römer unterschied sich von dein indischen durch seine hohle Form, wodurch es möglich tvurde. schöne und vollkommene Schriftzüge zn schaffen. Redner zeigte dann, wie aus der Rohrfeder, dem Kala« sich ganz allmählich. in Anpassung an das Bcdürfuis, die heutige Stahlfeder entwickelt habe. In Gegenden, in denen der für den Kala» erforderliche Roh- stoff nicht zu beschasien war, griff man bald zur Vogelfcder«ud zwar von Anfang an vorzugsweise zur Gänsefeder, zuweilen auch zur Adler- rmd Schwancnfedcr, die dancrhaster waren. Mit der Steigerung der Schreibkniist infolge der Vennchrung der Volk bildung und Verkehrsentwicklnng wurde die liiuständlichkeit der Selbstbereitung des Schreibiiistrmnents immer drückender empfiniden, und so waren dann lange vor Herftellmig der Stahlfeder schon Schneidewerkzenge im Gebrauch, welche zur rationellen«nsertiguug von Schreibfedern dienten. Im Jahre 1308 kam der Schreiblehrer Bürger in Königsberg i. Pr. auf die Idee., die Fedcrpofe in zwei Stücke zu zerschneiden, jede? Stück vokn zuzllspitzen tind mit einem Spalt zu verschen, es war dies die Methode. die- wir heute anwenden. wenn tvir- unsere Stahlfedern in die Federhalter stecken. Gr beabsichtigte auch die„Federschnäbel", wie er. sie nannte� aus Metall auzufertigen. Die Stahlfeder wurde jedoch nachit>eislich zuerst. 1803 in Virmingham von Samuel Harrison angefertigt. Als die Stahlfeder bei mis bekannt wurde, ging die Entwicklimg jedoch viel schneller vor sich als in England. Nachdem 1852 oder 1853 die Spiudelpresse in T>cntschland bekannt geworden, baute Blanckcrtz in Berlin die ersten derartigen Maschinen zur Stahlfederfabrikation. and'im Oktober 1356 wlrrdeu' die ersten deutschen Stahlfedern fabrik- «ästig hergestellt. Physiologisches. t. Die Pupille des menschlichen Auges ist häufig für die ärztliche Beoliachtnng höchst bedeutsam, da sie das Vor- Handenseiii mancher Krankheit zunächst allein anzeigt, die sonst ganz verborgen bleiben würde. Besonders trifft dies zu für gewisse sehr gefährliche Krankhcitsznstände im Gehirn. Wenn z. B. eine akute Eutznudmig im Gehirn oder den Gehirnhäuten begonnen hat.»venu sich eine Gehirnblutung vorbereitet, oder wenn endlich eine Ge- schivnlst in der Entstehung begriffen ist, su.ckästt sich die Gefahr zn- nächst daran erkennen, dast sich die Pupille des Auges zusanntien- zieht. Zn der glerchen Erscheinung sührt ein übennästigcr Gebranch gewisser.Stoffe, �z. B. bei chronischer Tabäkvergiftung findet sich -ebenfalls eine Zasannpeiiziehung der Pupille ein. Damit ist aber die Vielseitigkeit der Erscheinung noch nicht er- schöpft. Eine Verengung der Pupille ivird mich zu Beginn eines Anfalls von Hysterie oder Epilepsie beobachtet. Die direkte Veranlassung ist stets in einer'Lähninng der Muskeln zu suchen, die die Ansdehming der Pnpille bewirken. Bei Uhrmachern und Goldärbeitern, die dnrcki ihre Arbeit genötigt werden. Gegenstände fortdauernd aus einer sehr geringen Entfernung zn betrachten, pflegt sich die Pupille ebenfalls nugeivöhnlich zn ver- engen, in diesem Falle als Folge der Geivohuheit. Ei» amerika- nischer Arzt Dr. Robcy erörtert im„Boston Medicnl Journal" die Frage, in ivelchem Anstände sich die Pnpille Ivährcnd des Schlafes befindet. Eines Tages wurde cm schlafendes Kind zn ihm gebracht mit dem Benicrkc». dast es vorn Tisch gefallen ivärc, sich den Kopf geschkagen hätte und darauf in einem Zustande der Beivnsttlosigkeit geblieben wäre. Eine Untersuchung der Pupille zeigte, dast diese dicht zilsfliiimcngezygeii ivar und zünäcbst schlost der Arzt daraus. dast eine Gehiruvrrletznng vorläge. Während der weiteren Unter- snchmig jedoch erwachte das Kind und alsbald kehrten die Pupillen zn ihrer natürlichen Größe zurück. ES ist daraus der Schlns; zn ziehen, dast die Pupillen der Augen sowohl während des Schlafs als während einer Ohnmacht znsainrncngezogen sind. Diese Thatsackie ist wichtig, da die Zusammeliziehmig der Pupillen während eines Schlaf- oder OhmnnchtS-Znstmides sckon manche» Arzt irregeleitet hat, besonders iveil sie sich auch dann nicht ausdehnen, ivenu das zwangsweise Ivährcnd des Schlafs geöffnete Auge vom Licht getroffen ivird. Sobald aber der Patient erwacht, so stellt sich die gewöhnliche Bewegung der Pnpille ei», vermöge derer sich daZ Auge dem Lichte anpaßt.— HmnoristischeS. — II ii g l ü ck. F re u n d:„Worüber bist Du denn so ver- zlveifclt?" — Arzt:„Ich schickte Fräulein Eiilalia ein Rezept zn gegen ihren Husten, und da hat sie so-lange imm'rrnnstudiert. bis sie aus meiner etivaS schiver leserlichen Handschrift eine Liebeserklärung herauslas und»nn schreibt sie mir, dast sie meinen Heiratsantrag angcnoulmcn habe."— — Schönes Wort. Schauspieler:„Wenn ich jetzt nicht bald höhere Gage kriege, komme ich-in Wut." Direktor:„Aber so mätzigen Sie doch Ihre Gagerage." — Vereinfach u» g. P h o t o g ra p h:„Warum spitzen Sie denn den Mund so?" Herr(der sich AnsichtS-Postkarten Nlit Photograt'hie machen läßt):„Ach. die Karten.sind für meine Braut bestimmt»nd da brauche ich dann nichts weiter dranfzuschreiben l"— („Meggend. hnin. Bl.' s Notizen. — Eine graste internationale K u n st a n S st e l l«n g in Berlin wird nach finlfjähngemjZwischcnranm ivieder im nächsten Jahr-e stattnnden.— — F c y d e a u s Schivank„Madame de chez Maxim" ist von der D r e S d e n c r Cenfnr verboten ivorden.— — Das deutsche K linstg e iv c r b e anf der Pariser Welt- a n S st e l l n n g wird wesentlich untpr dem Zeichen des in ad e r n e n Stils stehen.' Wie da?„B. T." erfähtt,' ivevden ausstellen: von den Berlinern: E ck in a n n(Möbel, Bucheinbände. Tapctenj, Melchior L e ch t e r(Sonderausstellung, besonders Glasfenster. Möbel. Teppiche),' 5köppiikg(Ziet-lfläsSr): die.„Küiistterkolouie D a rin st a dt" kollektiv(Peter Bchr'ells, Obrist»nd Christiansen): von den Münch c» er» die Gruppe„Kunst«nid Handwerk", vor allem Immanuel imd Gabriel Scidl, Nicnicrschinicd: auch die D r c s d c n e r und das b a d i s ch c KnNstgcivcrbe ivcrdc» in Sonder- auSstellnngen vertreten fein, ebenso die P o r z c l l a»- M a n n- fakturen von Berkin. Meisten nud Nyinphenbürg.— — Das Pariser Theätre lyrique de la Renaissance giebt Glucks„Iphigenie in T a n r i s" n»d hat damit einen vollen künstlerischen Erfolg erzielt. In nächster Zeit ivird an der Seine erst- malig Mozarts„Jdoinenens" aufgeführt werden.— — Leo T o l st o i ist von seiner Krankheit vollständig genesen und hat seine littcrarische Thätigkcit wieder aufgenommen.— — Eine bäuerliche Operntruppe hat die Witwe de« Openikomponiften S s e r o w in R n st la n d zusammengestellt und ausgebildet, die russisckie Opern, in erster Reihe die ihres ver- storbeiien Gatten, anffnhre» soll. Mit der in Nnstland sehr be- liebten Sscroivschen Oper„ R o a n e da" soll der Anfang gemacht werden.— — DaS„astronomisibe Datum". Die Pariser Stern- ivarte ivird vom I.Jaunar lllOO ab in alle» ihren Veröffentlichungen den Tag incht mehr ivie bisher von Mittag bis Mittag, sonder» in Rrbercinstniminng mit der bürgerlichen Zcitrcchninig von Mitter- nacht zn Mitternacht rechnen, dabei aber die.'St»»den von 0 bis 24 durchzählen, also statt 1 Nhr nachmittags 13 Nhr setzen und so fort. Die übrigen französischeil Sternivarten iverden sich dieser Nenening wohl bald nnschliesten. Sie ist übrigens in den englischen astronomischen Jahrbüchern bereits seit zehn Jahren in Gebranch. In den übrigen Ländern, insbesondere anch in Deutschland, ivird vorläufig noch ziemlich allgemein an der Zählung von Mittag zu Mittag festgehalten. Veramwontlcber Sieoacieur:. Paul Job»-in-Berlin. Droit uno-Vertag von Mar Boving in Bertm.