Mnterhallungsblatl des Borwäris 3tr. 18. Freitag, den 26. Jcumctr. 1900 -..'■■■!(Nachdruck verboten) 161 Dsis WVoibvrvovf. Roman aus der Eifcl von Clara Viebig. Das traf! Er fuhr in die Brnsttaschl' ilnd ließ seinen Thalcr um ein weniges l>cra»sblinkern...Knckfte eiveil, bat cch net c sn power bin. hä? Wann cch nor lvill. Aeiver—" er schüttelte verneinend den ftopf. drehte ihr den Rücken nnd ging»nt großen Schritten rasch davon! er lahmte heute gar nicht, er ging so aufrecht und forsch wie einer, der deu Sieg in der Tasche trägt. Mit offenem Mund sah ihm Tina nach.— Einen Thaler, so viel Geld?! Wie der Wind lief sie hinter ihm drein; als sie ihn erreicht hatte, faszte sie ihn am Rockschof;:„Ha, Pittchen, hä. wnher hastt dän Dahler? Sao't iner doch, Pittchen, mei liew Pittchen!" Er besann sich einen Augenblick, dann lächelte er vcr schinitzt.„GeeNvt", flüsterte er ihr ins Ohr.„Pst, pst. Maul gchaal I Dan darfst niemand ncist dervou saon, cch kriehn noch»lieh. Aelver"— er schlug sich selbst auf den Mund. „Ech saon»eist, lvaohrhaftigen Godds", versicherte sie. „Eweil Holste mech nach bei de Muhsit, gäl?" Sie schmeichelte ihm und zog ihn abseits zwischen die Hecken, die, obgleich entlaubti doch noch guten Schutz boten. Dort küszte sie ihn stürmisch. Ahm lvurde ganz duselig im.stopf, eine wilde Freude bc- niächtigte sich plätzlich feiner— alles konnte er haben, alles l Mit einen». Auschrei schlang er den Arm um Tinas gc- sihmeidigen Leib und liwste sie in die Höhe.— So sleissig wie diesen Nachmittag lvar Peter noch nie in seinem Leben gewesen. Ans alten Ecken stöberte er seine selten benutzten Werkzeuge auf. schimpfte laut, wenn ihm eins fehlte, und ruhte nicht eher, als bis er alles, ziisammeil hatte. An der Nnmpelkammcr neben der Stube, nur durch eine Luke drang spärliches Licht hinein, richtete er seine Werkstatt her. Ten Tisch schleppte er dorthin, die einzige Lampe und den Schemel. Lucia sah lachend zu; sie wnsite nicht, was sie davon denken sollte. Als sie den EiiNvand machte, da st er ihr das Beste aus der Stube wegtrage, kniff er sie zärtlich in die Backe und kitzelte sie unterm Min».' „Dan sollst et schnns kommod kriehni" brummte er und lachte in sich hinein; nahm dann einen Hammer und probierte ihn ans dem Tisch.„Ewetl noch net, ätvcr bal! Dän Pittchcn es en Filu. Gndendag. Dahlerpittchen"— er machte einen Kratzfnst„lvat kost' de Welt?!" Er richtete sich stolz aust svarf sich in die Brust und summte: ..Dahler. Dahlcr. bau motzt wannern itioii der aurn Hand zor minerii— Dingderlink, Dahlcr, bau-- Himmelkreizgewieder!" schrie er zusammenschreckend seine Frau an—„tvat willste hei? Wcibsbillcr haon hei»icist zo suchen!" Er schob sie aus der 5lamnier und schloß zu. Mit dem Kind ans dein Arm ging Lucia hinunter inS Dorf. Trotz des unlustigen Wetters stünderte sie an den Thum» herum und schwatzte. Diese»md jene rief sie herein; dann setzte man ihr einen Kaffee vor und ein Schmierchen und fragte sie auS nach Leibeskräften. Wie ein Lanffener hatte sich's im Dorf verbreitet: der Miffert hatte eine Erbschaft gemacht! Wer' 3 ausgebracht, wnsttc man nicht recht, aber man schwur darauf, wie aufs Amen in der Kirche. Lucia lachte harmlos daz», sie sagte nicht nein und nicht ja—-was wnsttc sie denn davon? Aber sie nützte die Gelegenheit, so'bereitwillig zum Geben waren ine Weiber»och nie gewese». Als sie wieder zur Hütte hinaufstieg, lvar sie schwer beladen, mit Kartoffeln, Brod und Speck; sie hatten für ein paar Tage genug daran. Satt und behaglich schlief sie ein. Erst lauge nach Mitternacht, die Hähne krähten schon den grauenden Morgen an. suchte Pittchen sein Lager ans. AnS dem Spiegelscherben neben dein Bett starrte ihn ein fahles, seltsames Antlitz an; so hatte der Peter noch we ausgesehen, er erschrak vor sich selber. Seme Lippen waren fest auseinander geprcstt. als hätten sie ein Geheimnis' zn verschltestcn; seine Angcp fuhren scheu lauernd uinhcr' wie die eiiicS Diebes, der Ueberraschimg befürchtet. Eine MauS kraspelte— er fuhr zusammen und löschte rasch daS Länipchen.. � Ein Mondstrahl stahl sich durch das verhängte Fcnsterchcu nnd malte helle,' runde Lichtfleckc ans die Thür zur Nebenkammer. Peter schlüpfte im Hemd, ans bloßen Füßen ans Fenster nnd zog den Lumpen fester vor, prüfte sorgsam, ob die Thür der Werkstatt verschlossen, und verbarg den Schlüssel hinter eurem losgebrochenen Stein des Herdes. Dann erst kroch er fröstelnd ins Bett. Aber er wurde nicht warm. Bon Schauern überrieselt, mit brennenden, weit offenen Augen lag er, von Zweifeln und Aeugsten boschlichen. Würde cS ihm mich gelingen? l——— Was hatte der Pfarrer gesagt? Die Himmclökönigin wird sich Deiner erbarmen.----— „Ech gelowcn der eu Kerz, c sn dick wie mein Arm; noch dicker", murmelte er.„Nä. zwa! Qu en Sllci&j von Seid. on Messen for de armen Seelen im Fcgfencr." Bah, was ging denn mit ihm vor? Er riß die gefalteten Hände auseinander— so rasch ein Betbruder geworden? Das sollte ihm fehlen! Seine Gesichtsmnskcln zuckten i>» einem hähnischen Grinsen— nur keine Furcht! „Wnn net lvogt, dö» net ivinnt» Won»et sucht, dän net findt" sagte er sich laut vor.- Wer zuerst beim Weihwasser ist. segnet sich zuerst. Und hatte ihm die Heilige nicht selber den Weg gewiesen? Aa. ja— er bekreuzte sich nun doch unter der Bettdeckö — uusre Liebe Frau, gelobt sei sie! Die hatte das so gewollt; die war dein Pittchcn gut. Die hatte den Krön- feuchter stürzen lassen; die batte ihm das Zinn und das silberne Taufbecken in die/.in de gespielt; die hatte dem armen Pittchcn helfen üwckcn, oie würde ihn auch ferner nicht im Stick) lassen. Seine Aufregung legte sich allmählich, die fiustern Falle«» auf seiner Stirn glätteten sich. Allerhand liebliche Bilder kamen. Wenn er sich auch erst unruhig warf..ud stöhnte, daß die Zeih aufwachte und erschrocken den Arm um seinen HalS schlang, bald schlief er sauft. Er lag noch und schnarchte, als der Pfarrherr den Küster schickte und fragen ließ, wie dem Pittchen die Arbeit gelinge. vin,' Der alte Klummscheidt knallte mit seiner Peitsche, daß Krähen und Spatzen entsetzt aufflatterten und magere Häschen sich in den kothigen Ackerfurchen versteckten. Wenn die lange Peitschcnschiinr sich in den nackten Ebereschenzweigcn rechts und links von der Straße verfing, fluchte er und riß und zencke. War es ihm endlich gelungen, loszukommen,»veifclte er hin und her und setzte dann in Bogen»md Zickzacklinien seinen Heimweg fort. Er kam von Spang- Dahlem, da hatte er eine trächtige Kuh verkauft; ein gut Stück Geld trug er in» Ledcrbeutel, nntcrnr Mantel versteckt, um den Leib gebunden. Kein Wunder, daß er einen Kleinen sitzen hatte; in Oberkail»var er auch noch einmal eingekehrt. Als er zum Dorf hinaus war, stieß er auf Pittchcn; fast schien rS so, als hätte der da auf ihn gepaßt. Der kam auch von Oberkail, batte sich beim Maltrer dort ein Säckchen Gips geholt, eine recht reichliche Portion zum Eingipsen des Kronleuchters in der Kirche. Sie redeten dies und das. Der Krmumscheidt war sehr guter Laune und Pittchen ging ihm um den Bart, so gc- schmeidig wie eine schnurrende Katze um die Füße streicht. Zuletzt wurde der Alte vertraulich; wenn er gar so sehr schwankte, stützte Peter ihn. „Gud gelaodcn," lallte Krummscheidt und schlug sich ans deu Bauch, daß cS lieblich im Lederbeutel klimperte. Und dann blinzelte er von der Seite her dem andern dumm- pfiffig ins Gesicht:„No, bei Eich tverd et eweil aoch bal kliniper»,»vat? Saot?"— er flüsterte wichtig und spitzte ueu- gierig die Ohren—„mir könnt Ahv't eweil dreist anvcrdraste wän— wän"— der Schlucken stieß ihn,„wän habt Eich— ebbes— ver— bermaacht?" »Jongfra Maria I" Peter flüsterte auch und legte dann, sich scheu umsehend, dem Angetrunkenen die Hand auf den Mund.„Still, awer still, dat se't net hört! Dat haot se net gären. Wann nicr dervon redt, krieht mcr de Krankhaat I" „Wän?" Der Alte riß blöd die Augen auf. „Hei dän Däumerling," lachte Peter und streckte seinen Daumen in die Höhe. „O dan Filu l" Der Krnmmschcidt stieß ihn kichernd in die Seite—„Ihr spillt jao Kumedi! Ihr wollt et nor net saon I" „Kann sein, kann aach net sein l" Peter zuckte die Achseln.„Aewer, Krummscheidt, hört ehs"— er zwinkerte vertraulich—„seid eweil e so gut on lehnt ncer e paor Dahler, Stücker aacht oder zehn. Ihr krieht se möt Zönsen Widder, e su bal ech— no, Ihr waaßt jao schnns!— su bal ech ausgezaohlt gönn!" „Lehnen— Dahler?" Trotz seiner Trunkenheit wurde der Alte argwöhnisch; er hielt die Hände vor den Bauch, als wolle er so die Thaler schützen.(Fortsetzung folgt.) Ein Ehvenkag Vov Milizidee. Der jetzige Krieg in Südafrika ist nicht die erste Gelegenheit, bei der das englische Berufsheer Üble Erfahrungen macht mit der Leistungsfähigkeit von„Milizhorden", die jeder militärische Fach- mann so gering schätzt. Vor rund ein und einem viertel Jahrhundert begann der Krieg zwischen England und seinen nordamerikanischen Kolonien, der nach über siebenjähriger Dauer damit endigte, datz England die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten anerkennen mutzte. Hätte jemand in den ersten Monaten des Jahres 1775, als es klar wurde, datz es zwischen Mutterland und Kolonien zu Feindseligkeiten kommen werde, diesen Ausgang englischen Offizieren voraussagen wolle», er wäre als verrückt ausgelacht worden. Diese Fachleute waren todsicher, datz die bewaffneten Farmer, die der amerikanische Kongreß ins Feld stellen konnte, überhaupt nicht ernstlich mit den britischen Veteranen kämpfen würden; sie meinten, der Anblick einer Bärenfellmütze eines englischen Grenadiers werde ein ganzes amerikanisches Anneecorps in die Flucht jagen. Anstatt dessen zeitigte der erste bewaffnete Zusammenstotz, das Treffen bei Lexington. daS Ergebnis, datz die amerikanischen Milizen sich nicht nur mit größter Tapferkeit und Ausdauer schlugen, sondern sogar den Engländern eine vollständige Niederlage beibrachten, und zwar dies wesentlich durch eine neue Taktik, mit der sich die Lineartaktik der Engländer nicht messen konnte: Lexington ist der Geburtsort der zerstreuten Kampfesweise. Im Frühjahr 1773 standen in der Hauptstadt von Massachusetts, in Boston. 10 000 englische Soldaten, unter dem Befehl von General Gage, bestimmt, die in Empvrungszustand erklärte Provinz unter- würfig zu halten. Nach dem unfern von Boston gelegenen Städtchen Concord hatte der Provinzialkongretz von Massachusetts eine größere Menge von Waffen, Munition und sonstigem Kriegsmaterial schaffen lassen. Davon unterrichtet, beschloß General Gage sich der Vorräte zu bemächtige». In aller Stille wurde ein Zug nach Concord vor- bereitet, aber doch nicht heimlich genug, datz amerikanische Führer, die sich noch in Boston aufhielten, nicht Lunte gerochen hätten. Als darum spät am Abend dcS 18. April 1775 800 Mann Grenadiere und leichte Infanterie unter Oberstlicutenant Smith in Booten von Boston über den Mcercsarm nach Cambridge übergesetzt wurden, um von dort den Marsch auf Concord anzutreten, da trat auch Paul Revcre seinen berühmten Ritt an, um die Landbevölkerung von dem geplanten Handstreich zu benachrichtigen. So waren die Engländer noch nicht iveit ins offene Land hineinmarschicrt, als das Sturm» läuten der Glocken allenthalben und Signalschüsse ihnen kuudthaten, datz die Amerikaner um ihr Vorhaben wußte» und nicht mützig zu- zusehen beabsichtigten. Daher hielt Smith es für geraten, einerseits einen Posten an General Gage zu schicken nnt dem Ersuchen um Nachsendung von Verstärkungen, andrerseits aber einen Teil seiner Truppe unter dem Marinemojor Pitcairn als Avantgarde vorauszuschicken. Früh am Morgen des 19. April, als die Sterne allmählich ver- blaßten, kam die englische Avantgarde in Sicht von Lexington, einem kleinen Ort zehn Kilometer von Concord. Einige 00—70 Mann Amerikaner hatten sich dort in zwei Gliedern am Dorfeingang auf- gestellt und erwarteten die Annäherung der Engländer. Pitcairn lictz seine Leute laden, rückte dann in Geschwindschritt gegen die Amcri- lauer vor, die keine Miene machten, die Feindseligkeiten zu eröffnen, und rief ihnen, als er ganz nahe herangekomme» ivar, zu:„Zcr- streut Euch, Ihr Schurken I Ihr Rebellen, zerstreut Euch! Legt die Waffen nieder I" Die Amerikaner regten sich nicht vom Fleck. Da schoß Pitcairn seine Pistole ab und brüllte seinen Leuten zu„Feuer".', worauf erst ein paar vereinzelte Schüsse, dann aber eine Salve ans nächster Nähe fiel. Unter Zurücklassnng J?0".7, 2-0'en und 9 Verwundeten zogen sich die Amerikaner wegen der überlegenen Zahl ihrer Gegner zurück, und es fielen nun auch von ihrer Seite ein paar Schüsse. Ein herrlicher Frühlingsmorgen brach gerade an, als so das erste Blut in dein amerikanischen Frei- heitskrieg vergossen wurde. Eine halbe Stunde hielten sich die Engländer in Lexington auf; dann marschierten sie weiter auf Concord, wo sie gegen 7 Uhr morgens bei hellen» Sonnenschein eintrafen. Ohne Widerstand zu finden, zogen die Engländer in Concord ein, und nun vertrödelte Oberstlieuteiiant Smith den ganzen Vormittag daniit, den Ort nach den Vorräten abzusuchen, die aber zum größten Teil rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden waren. Inzwischen sammelten sich ganz nahebei einige 400 Mann amerikanischer Miliz und griffen unverweilt eine Abteilung von 100 Engländern an, die den Zugang zum Ort decken sollten. Die Engländer mutzten mit Verlnsi zurückweichen, und nun meinte Smith, datz es allerhöchste Zeit sei, an den Rückzug zu denken. Es war gegen Mittag, als die britischen Truppen Concord ver- ließen, um über Lexingtoir nach Boston zurückzukehren. Der Weg führte durch hügliges und stark bewaldetes Terrain. Die— nun schon stark ennüdcte— Kolonne war noch nicht weit gekommen, als die Amerikaner von neuem angriffen. Und was diesen Angriff furchtbar machte, das war, daß er in einer Weise geführt wurde, von der die Engländer, Soldaten wie Offiziere, nie etwas gehört hatten, gegen die ihnen ihr Drill kein Mittel an die Hand gab. Nicht in geschlossenen Formationen knmeir die Amerikaner nach den Vorschriften der Lineartaktik anmarschiert, um mit Salven oder schließlich dem Bajonett ihren Gegner zu bezwingen; sondern in langer, dünner Schützenlinie säumten sie beide Seiten der englischen Marschroute ein. Jeder nahm seinen Gegner aufs Korn, schob nur, wenn er des Treffens sicher zu sein glaubte, und hielt sich selbst gedeckt. Nach Aussage von Angenzenge» haben die Engländer in dem Gefecht nie mehr als zehn Amerikaner beisanimeu gesehen; und es waren auf amerikanischer Seite nie mehr auf ein- mal als 400 an dein Treffen beteiligt. Aber den regulären Truppen schienen sie unzählig, lieberall blitzte es ans den Hecke» heraus. hinter dcir Bäume» her, wo nur eine Decknug sich bot, da lag ein Schütze und sandte sei» todbringendes Geschoß m die Reihen der Truppen. Was sollten diese dagegen machen? Die einzige Auskunft, die den englischen Führern in den Sinn kam und konimeii konnte, war, mit kleineren Abteilungen nach beiden Seiten der Straße Bajonettangriffe zu machen, um die Schützen aufzustöbern. So gelang es in ein paar Fällen, allzu kühne Trupps von Ameri- kauern zu erwischen, die dann unbarmherzig niedergestochen wurde». Im ganzen aber waren diese Attacken ohne Erfolg' und verlustreich; die amerikanischen Schützen wechselten einfach ihren Platz und be- gannen das alle Spiel anderslvo von vorne. Es versteht sich, datz unter solchen Umständen die erschöpften Briten allmälig den Mut verloren. Sie gedachten fich des sie unablässig auf ihrem Marsch begleitenden amerikanischen Feuers zu entledigen, indem sie die Beine länger machte», und so kamen sie trotz der Bestrebungen ihrer Offiziere. sie in Ordnung zu halten, nachgerade ins Laufen:„wie Schafe wurden sie vor den Amerifanern hergetrieben", sagt ein englischer Augen- zeuge. Die völlige Vernichtung schien unabwendbar, zumal den Engländern ihre Munition auszugehen drohte; da erhielten sie bei Lexington, wohin sie gegen zwei Uhr nachmittags gelangten, an- sehnliche Verstärkungen. Auf Smiths Ersuchen in der vorhergegangenen Nacht hatte General Gage den Lord Percy mit einer Brigade Infanterie, ungefähr 1200 Mann, und zwei Geschützen abgeschickt, iim zu Smith zu stoßen. Sie trafen nun zusammen, gerade noch rechtzeitig, die flüchtigen Truppe» vor der Gefangennahme zu bewahren. Percy formierte seine Truppen in ein Viereck, und während die Geschütze die Amerikaner im Schach hielten, legten sich die Flüchtigen in den» Viereck zum Verschnaufen auf den Boden, wobei ihnen„die Zungen zum Hals heraushingcn, wie bei Hunden nach einer Hetze." Nach einer halben Stunde' Aufenthalt nahm Percy, dem klar geworden war, daß keine Zeit mehr zu verlieren sei, den Rückzug wieder auf, und nun begann mit der jetzt 2000 Mann zählenden englischen Streitkraft daS nämliche Spiel wie vorher mit Smiths Abteilung. Wieder begann das Feuer der amerikanischen Schützen von vorn, iin Rücken, von rechts und von links, und Lord Percy wußte sich ebenso wenig der Amerikaner zu entledigen wie vorher Smith. So wurden auch die neuen Truppen von der Demoralisation ergriffen, und die Gangart der Engländer wurde inimer beschleunigter. Nur der Umstand, daß ein amerikanischer Führer, Pickering, nicht recht- zeitig zur Stelle war, um den Briten den Weg nach Boston ab- zuschneiden, rettete sie vor der Kapitulation. So kamen ihnen grade noch rechtzeitig, gegen Sonnenuntergang, die ersehnten Türme von Boston zu Gesicht, und bei Änbnich der Dunkelheit waren sie unter dem Schutz der Kanonen von Boston vor ihren Verfolgern in Sicherheit. I» welchem physische» Zustand die geschlagenen Truppen ihren Kameraden in Boston vor die Augen kamen, liegt auf der Hand: waren doch die Leute Smiths feit 20 Stunden auf den Beinen und hatten sich binnen 6 Stunden nnter fortwährendem Gefecht 32 Kilometer zurückgezogen, während die Verstärkungen Lord Perchs in 10 Stunden 48 Kilometer hatten marschieren müssen. Wenn noch irgend ein Erfolg davongetragen worden wäre; aber der Zweck, zu dem die Truppen ausgeschickt worden waren, die Vernichtung der amerikanischen Vorräte, war nicht erreicht worden, und auf dem Rückweg waren die Truppen, obwohl an Zahl den Amerikanern weit überlegen, wie die Hasen gehetzt worden. Im offiziellen Bericht freilich, den die englische Regierung da- ntold in der„London Gazette" veröffentlichte, sieht die Affolre v»»' Lcxington ziemlich harmlos aus; da heißt es über den Rückzue: „Bei ihrer Rückkehr von Toncord wurden die Truppe» stark belästig' und verloren mehrere Mann Tote und Verwundete dadurch, daß die Rebellen hinter Mauern, Gräben, Bäumen und anderen Hinter- halten feuerten; als sich aber die Brigade unter dem Befehl von Lord Percy bei Lexington mit ihnen vereinigt hatte, mit zwei Geschützstiicken. wurden die Rebellen eine Zeit lang zerstreut: sobald aber die Truppen ihren Marsch wieder anfnahmen, begannen sie wieder hinter Mauern und Bäumen her zu feuern und unterhielten auf diese Weise während ihres ganzen Marsches von 15 Meilen ein zerstreutes Feuer, wodurch mehrere getötet und verwundet wurden; und so groß war die Grausamkeit und Wildheit der Rebellen, daß sie einige der Verwundeten, die ihnen in die Hände fielen, skalpierten und ihnen die Nase abschnitten. Es ist nicht bekannt, wie viele von den Nebellen getötet nnd verwundet wurden; aber es wird an- genommen, daß ihr Verlust sehr beträchtlich war." Was die angeblichen Grausamkeiten der Amerikaner betrifft, so find sie natürlich eine freie Erfindung des englischen Ministeriums. Dagegen hatten sich thatsächlich die englischen Söldner, als ihre Ver- lustc wuchsen und der Rückzug eiliger tvurde, schlimme Sachen zu schulden kommen laffcn, Harm- und wehrlose Leute abgeschlachtet und die Häuser geplündert. Die„mehreren" Leute, die nach dein offiziellen Bericht die Engländer verloren hatten, waren in Wirklich- kcit 273 Mann bei einer Gesamtstärke von 2000, während die Amerikaner im ganzen 89 Mann eingebüßt hatten. Alle offizielle» Lügen konnten nichts mehr daran ändern, daß die Folgen des Treffens von Lexington bedeutende waren. Daß am 19. April Blut geflossen war, zwang den Kolonisten unwiderruflich die Entscheidung durch die Waffe auf. Daß dies erste Gefecht des beginnenden Freiheitskampfes ein glänzender Sieg der Amerikaner war, über englische Kerntruppcn davongetragen von eilig znsammengerafften Landleuten, die keinen Griff nnd keinen Parademarsch, freilich nm so besser das Schießen und Tiraillieren verstanden. daS mußte, wie es unvcnncidlich das Selbstvertrauen der englischen Söldner tief erschütterte, auf der andern Seite den Mut der Amerikaner heben und ihnen den zuver- sichtlichen Glauben an einen glückliche» Ausgang des nun ent- breiinende» Unabhängigkeitskrieges einflößen.— Kleines-Feuillekon» — Znsa»»»e»sct?ung und Nährwert der wichtigste» Fruchte. Dem alten Erfahrungssatze, daß die meisten Früchte schon ihres ungeheuren Wassergehalts wegen keinesfalls als Nahrungsmittel gelten können, fonder», trotz aller Anpreisungen der Vegetarier, nur Leckerbissen und Reizniittek darstellen, die nnsern Gcschmacksnerven durch Duft. Frische und Säure schmeicheln, hat nach einem Bericht des „Prometheus" Balland eine umfangreichere wissenschaftliche Begründung gegeben durch Untersuchung von Weintraube», Orangen, Granatäpfeln. Feigen, Bananen, Oliven. Datteln, Aprikosen, Mandeln, Hasel- und Wallnüsscn, Kirschen, Quitten, Johannisbeeren, Erdbeeren, Himbeeren, Mispeln, Pfirsichen, Birnen, Acpfeln und Pflaumen. Demnach enthalten alle Früchte in, Zustande der Reife 72—92 Proz. Wasser; der Wassergehalt wird selbstverständlich durch daS Trocknen ver- mindert, so daß er bei den mehr oder lvcniger getrocknet in den Handel kommenden Rosinen, Prünellcn, Feige», Mandeln und Nüssen selten mehr als 33 Proz. beträgt nnd bei den letztgenannten (Mandeln nnd Nüsse») sogar oft auf weniger denn 10 Proz. sinkt. Stickstoff enthaltende Substanz, die als vegetabilisches Eiweiß gelten kann, kommt in fleischigen Früchten nur i» sehr geringen Mengen vor. noch am reichlichste»(mit 1,45 Proz.) in der Banane, dagegen mit mir 0,25 Prozent in der Birne; reicher an ihr (15—20 Prozent der Trockensubstanz) sind Nüsse und Mandeln. Noch geringer ist im allgemeinen die Beteiligung der Fette und aller in Acther löslichen Stoffe(ätherische Oele, Harze nnd Farbstoffe), worin jedoch die Oliven, Mandeln nnd Nüsse mit 53— 68 Prozent Oel in der Trockensubstanz eine recht absonderliche Ausnahme, bilden. Sehr arm sind die Früchte auch an bei der Verbrennung hinter- bleibenden Aschensubstanzen, von denen die von Feigen, Birnen und Prünellen hinterlassenen Spuren Mangan erkenne» lassen, sowie an„inerter Cellulose", die nur in Quitten und Mispeln nachzuweisen Ivar. Im Säuregehalte stehen mit 1,25 Proz. die Himbeeren und Johannisbeeren an erster Stelle. Außer Wasser sind Hauptbestandteile der fleischigen Früchte der Zucker nnd die so- genannten Extraktivstoffe(Stärke, Dextrine, Pcctine, Gummis, ver- zuckerbare Cellulose, organische Säuren), und spielt der vollständig assimilierte Zucker die Hauptrolle bei der Ernährung, Ivährend die glcicherlveise wirkenden Extraktivstoffe weniger verdaulich sind; aber selbst der Zucker tritt mir in wenigen Früchten, wie Bananen, Datteln und Feige», in solchen Mengen ans, daß diese in Wahrheit als Nahrungsmittel auS der Klasse der Kohlenhydrate gelten können.— — Gin Vcrsuchökrokodil. Die Pasteursche Jmpfanstalt in Paris besitzt seit einiger Zeit ein junges Krokodil, das den Ivohl- klingenden Rainen Oskar erhalten hat. und eine seine Jahre weit überragende riesige Freßlust bethätigt. Wichtiger aber ist, daß es die stärksten, gefährlichsten Gifte verdaut, als wären sie die zuträg- lichsten aller Rahrungsmittel. Man konnte ihm so viel Gifte ein- inipfen, wie man nur wollte, Cholera wie Tuberkulose, nichts hat ihn« das geringste geschadet, Wohlsein und Freßlust sind ganz gleich gcvlieocn. Nur die Diphtheritis hat Oskar einen Augenblick ein bißcheil zu kitzeln vermocht. Dies ist längst vergessen, und Oskar schnappt stets sehr rasch und behende jeden ordentlichen Fleischbrocken auf,'ov: Vy.» geboten wird, und würde auch den Darbieter der Stücke in seinen»liigepWiVlV. Rachen verschwinden machen, wenii dieser einmal die unerläßliche Vorsrö/. vergessen sollte. Das Blut Oskars soll zur Herstellung von Gegengiften, HÄfrw»» gegen Cholera, Tuberkulose usw. dienen.— Theater. 0.0. Berliner Theater.„Der goldene Käfig.' Schauspiel in vier Akten von Felix Philippi.— Die deutsche Vühnenindustrie entbehrt der Aktualitäten. Vielleicht wehrt die Censnr, wahrscheinlich aber fehlen die Köpfe. Die TngcSfrageii und die Tagesereignisse Ivcrdcn nicht theatralisch ausgebeutet, obwohl solche Ware den eigentlichen Grundstock der Ai'igcnblickslitteratur bilden sollte. Es braucht durchaus nicht immer Ewigkcitspoefie zn sein, ja überhaupt keine Poesie. Nur ein wenig Geist, das Ge- wiffeii einer sichern Technik und die leichte Haiid der Personal- gestaltnng inüßteii diese Journalisten der Bühne haben, die uns fehlen. Herr Felix Philippi, der sich seit Jahren in wiederholten Rück- fällen an die Enter seiner Muse flüchtet, ist sich möglicherweise dieses Mangels des deutschen Theatcrrcpertoirs beimißt geworden, und seine Wirksamkeit ist dein Ehrgeiz entsprossen, die Lücke auszufüllen. In der That, er folgte des öfter» lieffinnig de» Spuren der Welt- gcschichte. Er hat die Krankheitsgeschichte Kaiser Friedrichs, die Ent- lassnng Bismarcks und, tvenn ich nicht irre, auch den Fall Kotze ver- arbeitet, immer hübsch behutsam, daß ans der Aktualität nur eine dünne ängstliche Anspielung übrig blieb, noch eben deutlich genug, um die Vcrständnisinnigkcit des Publikums zu kitzeln. Leider fehlten ihm) nur alle die Fähigkeiten der Oberfläche, die gerade der aktuelle Theatraliker des Tages bedarf, und es wurden langweilige, geschmacklose, platte Rirgendwo-Possen, über denen sich der Geruch verstaubt modernden Papiers breitete, die»ichtsdeftolveniger sich in der Neigung unsres künstlerisch unerzogenen ThcatcrunvolkS erhalte» haben. Nachdem sich dergestalt Felix Philippi ällinählich in die höfische Welt heimisch gedichtet, wagte er sich in seinem neuesten seelenvollen Drama an das erschütternde Problem einer morganatische» Ehe. Die Weltgeschichte steuerte zu diesem Werk ein bißche» Johann- Orth- Stimmungen, bulgarische Thronschwierigkeite» und eine ReichstagSwahl bei. Im übrigen verließ sich der Verfasser ganz auf seinen unausrottbaren Hang zn tiefgrübelndcr Originalität. Ein Prinz, der jüngere Bruder eines deutschen Klein- staats-Scrcnissimns, fühlt sich in seinem goldenen Käfig unglücklich. Ihm fehlt,>vie Philippi so schön wie richtig bemerkt, das Lebensziel. Außerdem liebt er eine bürgerliche Maid, deren Vater noch dazu—- Philippi hat auch einen Hang für's Revolutionäre— ein grimmer politischer Gegner des Herzogs ist, ei» Volksinann, wie sie»nser Felix liebt, ein ehemaliger einfacher Weber, der viertausend Ar- bcitern„Brot giebt", und selbst nicht reich wird, weil er alles seinen Arbeitern spendet: Eine Seele, eine Seele von Mensch, nnd frisch ans dem Leben gegriffen, wie man sieht. Der unzufriedene Prinz Ivill nun erst seiner doppelt unebenbürttge» — der Geburt und der politischen Gesinnung nach— Liebe entfliehen, indem er eine aus einci») wilden Lande, wo der Dalmatiner Wem wächst, an ihn gelangende Thron- Offerte anzunehmen gedenkt. Schließlich verzichtet er auf diese Flucht ans dem goldnen Käfig, zu-, »ml das dortige Gottesgnadentmn mit Lebensgefahr verknüpft sei» soll. Dafür will er seine bürgerliche Demokratin heiraten. Selbst- verständlich widersetzt sich sein Bnldcr, der regierende Herzog, dem nngeheuerlichcu Beginne», daß der Prinz die Tochter seines Tod- feindcs heiratet. Doch die Herzogin- Mutter, gleichfalls eine Scele� von Mensch, ist vorurteilslos und iveiß den Herzog zu gleicher Vor- nrtcilslosigkeit zn verführen; er willigt ein in die morganatische Ehe. Jetzt aber kommt das Entzückende. das Ueberraschcnde, das das Publikum mit besonderem Jubel erfüllte, iveil es sich das gleich gedacht hatte nnd sich in seiner scharfsinnigen Vermutung von dem mildherzigen Dichter nicht getäuscht sah: der ehemalige Mcbcr will nichts von der Heirat wissen; er leidet nämlich an dem, in Deutsch- land ja besonders stark ausgebildeten. Bürgerstolz. Philippi über- Ivindct natürlich mutig auch diese Schlvierigkeit und der Prinz kriegt seine Demokratin. Alle diese spannende» Vorgänge sind in einer börseauisch lasierten Hofsprache vorgettagen, die von seimigen Drole» ric» strotzt. Und alle diese Menschen sind gut, edel, schön, stark, klug, gesund, vorurteilslos, mit einen, Worte— süß. Sticht einmal der in alten Zeiten übliche Kontrast- Bösewicht ent» weiht dicS Gefilde der Seligen. Eine einigermaßen civilisierte Gouvernante würde eine Beleidigungsklage anstrenge», wenn man ihr zumutete, derlei Poesie herzustellen. Felix Philippi aber hat's gclvagt I Das immer noch nicht hoffähige Preniiereu-Pnblikuin Ivar dem Autor sehr dankbar, daß er ihn, diesen Einblick in die noble Gesell« schaft gewährte nnd zugleich die Ueberlegcnheit des Erwerbs- vor dem Gcburtsadel betonte; es rief Felix Philippi wiederholt auf die Bühne. In die neutrale Darstellung brachte Herr Bass ermann, der den Herzog spielte, eine eigene Klangfarbe. Kunst.— fr. Ei« bisher unbekanntes Skizze nblatt von Raphael wird in dem soeben erschienenen Heft der„Gazette des Braux-ÄUK" zum eiftcmtwl»«offenUufit. E? f'chubct sich iii ftucti: fiiofecit Bnudo bev»Vien sind zwei andre, die sicher von Rophn?,� Hnnd herriilsre», dieher so gut wie gor nicht beuchtet'w'uX'»- Sie suid ganz besonders ivertvoll. iveil es Gludien sind zn dein bernhinten Wundgeniülde Nos'hnelS, der �Disputation über dns Sytruinent", das die„Canrera dclla Seguatnr�a' sin Vatikan, diesen klassischen Saal-der itnlisnischen Reiutissanxe. fchmiieft. In diesen Zeichnungen ist die erste Idee Raphaels über die Stellung und Anordnung der Figuren seiner .Disput«' verkörpert. Das Skizzenlsintt enthalt je eine Zeichnung ans der Vorder- und Rückseite. Es ist 31 Centiineter lang inib 20 Centi- ineter breit. Das Papier ist dick und vergilbt. Auf der Borderseite ist die Atadonna skizziert, die Rapbael später ans den Wolken thronend ihalte, zur Rechten Christus. Von allen Raphael-Biographien erwähnt nur Passavant diese erste Studie und bezeichnet sie alS„Gewandslndie" zur Madonna in der i.DiSputa". Es scheint aber, das; Raphael niehr die Stellung der Madonna als das Gewaitd studieren uwllte. Die Gestalt der Madointa ist mit großer Frische und llrspriinglichkeit gegeben, das Getvnnd fällt in breiteren, fließenderen Falten herab als ans dem späteren Wandgemälde, auf dem kompliziertere Gewaudmolive fiiuznkotttnieii. Der Reiz der Zeichnung liegt gerade in der Vor- einfachnng aller Linien. Die Skizze ans der Rückseite des Blattes . stellt in einfachen Federkvntonren die Gestalten Gottes, Christi, der Madonna, Johannes des Täufers und andrer Heiliger dar. Gegen- über der späteren Ausführung im Fresko zeigen sich erhebliche Ab- Iveichungrn: aber mich hier wollte Raphael in de» Grundzüge» einen Teil der„himmlischeil Gemeinde" gebe»,— Kulturgeschichtliches. dg. E i n eigenartiger S cki l ä ch t e r st r e i t bewegte 1574 die Gemüter von Dmizig. Die Meister der alten Ostseesladt hatten im Laufe der Jahre die üble Getvohnheit angenommen, das Fleisch.nicht mehr. nach Psiuiden, sondern in ganzen Stücken, Vorder- und Hintervierteln zn verkaufen. Natiiilich wurde der ärmeren Be- völkernng die Erwerbung von Fleischnnhrnng durch dies Verfahren sehr erschwert, lim dem'abznhelfel!. erließ der Rat voll Dmizig esiien Befehl, das Fleisch pfundiveise zn verkanfen. Die Fleischer iveigerten sich. dem Befehl zn gehorcheit, nnd beriefen-sich ans ihre Privilegien, die sie aber nur noch in Abschriflen Voilegen konnten. Als die Behörde trotzdem auf ihren Befehl bestand, schlössen sie einfach ihre Scharren. Als Antwort ans diese Halsstarrigkeit, erließ der Rat eiiien weiteren Erlaß, nach wekchern de» Fleischern jeder Verkauf untersagt wurde. Zugleich wurde Vieh anfgekanft. durch Gerichtsbeainte geschlachtet Und dann an die Bevölkerung im kleinen verhandelt. Das lvar den Schlüchtern natürlich toieder nicht recht, sie zettelten eine .förmliche Bersckwöning an. Nach allen tunliegenden Orten .»bürden Boten gesandt, die die Viehhändler veranlassen sollten. dem Rat kein Schlachtvieh zn verkanfen. Der Plan i wurde indessen verraten, der Rat ließ die Verschwörer festnehmen und in den Kerker werfe». Dort konnten sie, achtzig an der Zahl, ein Jahr lang darüber nachdenken, was es beißt, de» Armen die Nahrung z» verteuern, Sdnr gegen das Versprechen, Ruhe zu halten nnd zn gehorchen, ließ man sie endlich frei. Eine nach- trägliche Beschwerde beim König von Pole» Ivnrde abgewiesen, und so bequemten sich die Herren Fleischer denn endlich 1575. das Fleisch in Pfnnden zn verkaufen.— Riediziuisches. is. Die Entdeckung der Trichine. Im Fahre 1-833 entdeckte der am vorletzten Tage des Jahres 189S verstorbene James Paget, der daniäls Student• in seinem ersten oder zweiten Jahre war, bei der lliitersiichmig von Muskeln kleine kalkige Körper, die er als Fremdkörper erkannte. Er zeigte den Fund seinem Lehrer Worhald. und dieser sandte einige Proben davon an den berühmten Naturforscher Richard Owen, den Begründer der vergleichenden Anatomie, mit folgendem Schreiben:„Lieber Owen l Ich fvnde Ihnen etwas, was ich für eine Art von organischem Wesen halte, da? sich in de» Muskeln eine? unter der Seklion befindlichen Individuums im Bartholomäus- Hospital gefunden hat, und' da ick' lveiß. daß Sie ans Parasiten von Krebstieren abwärts erpicht sind, so sende ich Ihnen die beigeschlossene Probe zur llntersnchmig." Owen nahm die kleinen Kalkkörner unter ein Milroskop nnd entdeckte darin mm den Wurm, dem er den Rainen Piiobin,', spiralis gab. I» der Zwischenzeit- aber hatte Paget, der kein Mikroskop besaß, mit einer Taschenlnpe bereits die- selbe Entdeckung gemacht, nämlich daß jene Kalkkapseln Würmer enthielten. Er machte drei Tage nach jenem Brief an Owe» am 6. Februar 1835 vor einer wissenschaftlichen Gesellschaft in London eine Mikteilung über seine Entdeckung. Am 24 Febniar hielt dann Owen einen Vortrag vor der Zoologischen Geseslsckiaft, Worin er den Wurm bereits genau beschrieb nnd klassifizierte, im übrigen aber dem Verdienst deS' jungen und un- bekannten Studenten volle Gerechtigkeit ividerfnhren ließ. Nachdem so die Oestentbichkeit mit der Thatsache einer Entdeckung von großer Trngiveite bekannt geworden war, stellte sich bald heraus, daß schon früher ähnliche Körper in menschlichen Muskeln beobachtet - LelcmtwonUaie. Reoaeie«:. Paul Joh» m Berlti I U'ftbeit tvaren, ohne daß man ihre Natur erkannt hatte. Aber auch j iittfj den wichtigen Fnndeii von Paget nnd Owetl hat es lange ge- Hanert, bis die ganze Lebensgeschichte der Trichine aufgeklärt ivorden lvar. In: Jahre 1847 erst fand ein amerikanischer Anatom Joseph Leidy die Trichmeitkapseln im Gewebe des ScknveinefleischeS, und es verging noch ein weiteres Jahrzehnt, bis' deutsche Forscher. unter ihnen hanptsiichlich Lenckart. Virchoiv»ud Zenker»achiviese». daß der Schmarotzer durch de» Geiiiiß von krankem Schtveinefleisch in den menschlichen Körper gelangt nnd dort bestimmte.Krankheits- erschrimmgrn her-vorrnft. die man bisher aks Rheumatismus. TqphnS nnd andere Leiden angesprochen hatte. Nunmehr beschäftigte sich die ganze medizinische Welt eifrig mit der Erforschung der Trichine. eS folgte die Anordnung in Dentschkand z»r mikroskopischen Fleisch-. beschnn und in Frankreich z. B. wurde die Einfuhr von aineritaui-! schein Schweinefleisch gänzlich verboten.— Hnnioristisches. — Feine Familie. Hauslehrer:„Ihr habt mir die zwei Pflanzen gebracht. Die eine ist der nacktsteilglige„Bauern- senf" nnd die andre der„gemeine Hundslviirger"." F r a» von Meier:..Aber Herr Jnstr ilktor. ich möchte mir denn doch verbitten, daß Sie meinen.Kindern derartige Roheiten beibringen l"—(„Jugend". j — Die R e p n t a t i o n d es Dichters. Der„Pester Llolid" erzählt: Die Repulatio» ist bekanntlich etwa?, worauf man recht, acht geben muß. auch dann, wen» man ein Poet ist. Oder vielmehr dami erst recht. Denn auch heute noch pflegt die Reputation den wesentlichste» Teil de? Vermögens der Poeten auszuiiiacheii und gar oft ist ihr einziger Schatz der Ruhm, den ein Poet in Ungar» nach dem bekannten Worte des Dichter? Vajda mit zlvaiizigtansend Kollegen teilen nlnß. Folgendes hat sich in einer größeren ungarischen Swdt zn- getragen. Fragliche Stadt hat vier Zeitungen, aber wie es schon zn sei» pflegt, weitaus mehr Dichter, die in diesen Zeitungen »nter dem Strich um die Palme kämpfen nnd ans den Parnaß streben. Einer von ihnen schrieb eiii G e d i ch t: das. Poem lvar syrisch. dafür aber lang. Dieses Gedicht erschien in eiiiem der Blätter, hatte auch Leser, aber keilten einzigen, der daraus klug Ivnrde, Schändliche Drllcksehler hatten s eiiien Sinn eiitstellt. und zn allein lleberfluß waren fünf Zeilen- ausgeblieben. Der Poet lvar höchlichst erbittert. Am nächsten Tage erschien das Gedicht in einem anderen Blatte, darunter mit der Bemerkung:„Dieses Gedicht ist. iiu Tagblatt erschienen, aber so voll Druckfehler, daß ich es im Interesse meitier Amputation nocknualS publizieren niilß. Der Autor." Außer Druckfehlern ähnlicher Sorte waren diesmal n e n n Zeilen ausgeblieben. Das Ilnglücksgedicht mnßte in das dritte Blatt. Dort. sollte ihn; nnd seinem Dichter Recht werden. Akit brennender Ungeduld sah der Poet dem Morgeublatte und seiner Rehabilitiermig entgegen. Aber welche Enttänschnng I Es fehlten dreizehn Zeilen.' Jetzt gab eS der Anne ans, sich weiter mit de» Setzern nnd seinem Geschick hermiiznschlagc»; er nahm resigniert Abschied von seiner Vaterstadt nnd seiner Familie. da ihm seine Resnitalio» nickil erlanlcke. das Gedicht in einem vierte» Blalle znr Veröffentlichiing zil bringen.— Notizen. — Der Febr.nar scheint besonders fruchtbar an Theater- Ereignissen zn werden. Gleich ain 3. wird das„Berliner Theater" nackimittags in den Sondervorsteklungeu Gri llparzers „Libnssa" bringen»iid am Abend das„Deutsche Theater" „Schluck nnd Ja»" von Gerhart Hanptmamr, mit Rittner Und Hans Fischer in den komischeu, im Dialekt geschriebenen Titelrolle». Das Schauspielhaus folgt in wenigen Tagen mit Jugend von heute" von Otto Ernst nnd am 13. nachmittags bringt— vielleicht im„Berliner Thealer", der junge Akademische Verein für Knust nnd Wissenschaft den ,. Oedipns".— — I a f f« s„D r e i v i e r t e l w e l 1", die im L e s s i n g- Theater aufgeführt werde» soll, hat in einem Teile nicht die Villigiing der Censnr gefunden. Das einleitende Lustspiel„D e r Außenseite r" ist nach Ansicht der Behörde ans„allgemeinen ordmingspolizeilichen Gründe» nicht zur Anfführnng geeignet". Das Verbot wird angefochten. Einstweilen geht das zweite Stück der „DreiviertelSivelt", das Schauspiel ,.F a st n a ch t" i» Seene. Vorher wird Hartlebens„Die sittliche Forderung" gegeben.— — Der Nachlaß Friedrich Overbecks, des bekannten „nazareniscken" Malers, der in Rom gestorben ist. soll jetzt. 30 Jahre nach dem Tode des Künstlers, in Dresden ausgefniiden sein. Nach den„Dr. R." nnifaßt der Fiiiid in einem dortigen Alttvarenhandel 10 Tagebiicher, viele Briefe n»d über 100 Zeichnungen.— — Im Pariser Thsätre Antoine wurde eil» neues Stück von Jean 3t i ch e p i n,„La G i t a n e". entschieden abgelehnt.— — Der Sänger Ladislaus Mi erzwiuski hat bei einem privaten Mupkabeiid in Paris, bei dem Fragmente der Oper ,. Re- g i n a" von L o r tz i n g zur Anfführnng gelangten, die Tenorpartie gesungen. Der„B. B.-E." teilt mit, daß er vielleicht in kurzem z« einein Gastspiel in B e r l i n erscheinen lvird.—__ Die nächste Nummer des llnterhaltungsblattes erscheint am Somitag. den 28. Jannar. .. Druck uno Beriaz von Mar Boving m Berlin,