Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 22. Donnerstag, den I. Febrnar. 1900 (Nachdruck verboten). 22] Meibevdovf. Roman aus der Eifel von Clara V i e b i g. Die Hütte würde er ausbauen lassen: nein, eine neue kaufen. einen Bauernhof I Vielleicht gar die Eichelhütte, drüben gen Himmerod zu, deren schloßähnlicher Bau über die Eicheuwipfel ragte. Da hatte ihn sein Vater vorbeigeführt, alS er noch ein Knabe war: da hatten sie am Gitter ge- standen und neugierig in den Park gelugt. Ein reicher Herr hatte im Schlößchen gewohnt, der war längst tot. und der jetzige Besitzer wollte es verkaufen. Wenn er nun der Herr würde I... Wie die Zeih sich freiien würde! Was die da unten im Grab Ivohl dazu sagen würden I Er kniete nieder, legte sein Ohr an den Hügel und horchte. Tief, tief innen in der Erde glaubte er>vas zu hören, ein Summen und Rauschen, ein Flüstetn und Raunen: hohl wie aus einem Faß drang's an sein Ohr. Ein Schauder überlief ihn— das kam aus der Elvigkeit!----— „Wie mer sech bett', e su schläft mer," hatte so sein Vater «licht immer gesagt? Zitternd flüsterte Peter:„Sollen cch et duhn— sollen cch et nct dnhn?" Und die Stimme aus der Tiefe antwortete:„Du sollst I" Da sprang er auf. Der Kirchhof war leer. Hinter den Bergen verkroch sich schon die Sonne, lind im Säuseln eines Lüstchens flackerten die Gräberkerzen hoher. Von Schauern überrieselt ging Peter, die Füße waren ihn« wie gelähmt; langsam, ungewiß machte er Schritt für Schritt. Auf den« großen Kreuz, das.sich mit der Gestalt des Heilands in Lebensgröße inmitten des Kirchhofs erhebt, lag ein blendender Schein; gerade" auf die Inschrift fiel er, die sich in goldenen Buchstaben Über den mittleren Quer- ballen zieht. „A.mor me craci affixit* Was hieß das? Nie hatte Peter darüber nachgedacht, nun stand cr in Sinnen verloren. Er buchstabierte, und dann starrte er hinauf zu dem dorncngekrönteu Leidensantlitz, bis ihm die Augen übergingen. Plötzlich schreckte er zitsammcn. eiile Hand legte sich auf seine Schulter— ah. der geistliche Herr! Er riß die Mütze vom Kopf. ..Seh einer, der Misfert!" sagte der Geistliche wohl- gelaunt und schlug ihm«nit dein Brcvicrbüchlcin. daS cr stets bei dem täglichen Spaziergang«nit sich führte, leicht auf den Rücken.„Na, wie steht's mit dem Kronleuchter? Seid Ihr bald fertig?" „Nä, uä," stotterte Peter erschrocken, die gutmütige Stimme klang ihm wie die Posaune des jüngsten Gerichts.„Eweil fein cch noch net e su«veit, ech— ctvcil— äwrr bat— cch—" „Ach glaube es Wohl, das ist knifflige Arbeit I" Der Geistliche legte ihm selber die Entschuldigung in den Mund, Peter schnappte danach wie ein Fisch nach dem Köder. „Dat cS et, bat es et," beeilte cr sich zu versichern.„Ech arweidcn Dag on Nacht, älvcr—" „Ich habe es gehört," unterbrach ihn der Pfarrer freund- lich.„DaS ist brav, mein Sohn. Deme Arbeit wird schon wohlgelingcn; Maria Sohn selber"— er wies hinauf zum Kreuz, das sie hoch und breit überragte—„wird Dich in seine Fürbitte aufnehmen!" Ein Stich ging Peter durch und durch, cr fühlte, wie eine heiße Blutwelle ihm ins Gesicht schoß: scheu sah er hinauf zu dem verzerrten LcidenSantlitz. Der goldne Glanz vom Himnrel hatte sich gewandelt, rot tvie Blut>var cr geivorden und umspielte mit flammendem Schein die eingemeißelte Schrift. Sie flimnrerte vor seinen Arigen. „Dao sticht wat", stammelte cr»md zeigte mit dein Finger hinauf,„«vat heißt dat?" „�.mor me cruci aktixit— Liebe hat mich an'S Kreuz ge- schlagen", sprach der geistliche Herr und«vandtc sich zum Gehen. Er nickte noch einmal zraiick:„Guten Abend, guten Abend— ich komme in den nächsten Tage«! selber zu Euch, Miffert, und sehe nach Eurer Arbeit." Mit segnendem Gruß hob er die Hand. Sein Brevier murmelnd, tauchte er hinter den Hügeln unter. Einsam>var wieder der Kirchhof: so still war's um Pittchen, daß cr das eigene Atmen als lautes Geräusch hörte. Schwerfällig ließ er sich auf dem Sockel des Kreuzes nieder. „Liebe hat mich ans Kreuz geschlagen."... Aa, die Liebe( Seine Brust hob sich unter einem tiefen Seufzer— die war's! Eine große Erleichterung kam über ihn. Was cr that, that cr ja auch nicht für sich,.u«ir aus Liebe zu andern— da«varen die Zeih, das Josephchen und die andern alle— aus purer Liebe I Sein unsteter Blick tvurde ruhiger, er heffcte ihn fest auf das Bild dcS Gekreuzigten. Der da oben litt, und cr selbst litt auch.... Ja, leicht war's nicht, am Kreuz zu hangen! Aber die Angst, die Angst, die er hatte, war die nicht noch schrecklicher? I „Wann se mcch attrapicren, gänn ech vielleicht aach uf- geHang." murmelte er finster.„Nä. dat duhn se eweil net mich, üwer se sperren mcch ein, Ivllh Sonn on Mond net scheine««, wuh mer kein Luft kriecht, wuh«ner— ha!—" Er holte tief und zitternd Atem, der Kopf sank ihm auf die Brust. Aber gleich darauf hob cr ihn«vicder. Die Gestalt des Heilands verschwamm schon iin Grau des rasch sinkenden Abends, nur mn das Haupt«vob sich noch ein flüchtiger Schimmer wie eine Glorie." Es schien sich zu neigen. Mit unterdrücktein Schrei streckte Peter die Hände aus— ja, der da oben, der verstand ihn l-Amor me craci affixit, der würde ihn nicht zu Schanden kommen lassen I Er«varf sich ain Fuße des Kreuzes nieder und betete. «me cr es noch nie gethan. Getröstet stand er auf: einen vertraulichen Gruß sandte er noch hinauf, ein Verständnis- volles Nicken. Festen Fußes schritt cr an den Gräbern entlang. Es«var fast dunkel, die Lichtchcn niedcrgcbra>«nt. nur hie und da flackerte noch eins wie ein Irrwisch mit a«lfzuckendem Schein. AlS cr das Gatter des Friedhofs schloß, pfiff er. Er fühlte sich so leicht, so vergnügt:' nun wußte er, tvas er zu thun hatte, nun wurde nicht länger gefackelt. Von der Eichelhütte her kain ein Wägelchen über die Chaussee, eS rollte dicht an ihm vorüber. Er erkannte den Besitzer der Eichelhütte, den Herrn van Beuren, darauf, der immer nur zweimal im Jahr ein paar Tage z«lr Jagd her- kain: der neben ih«n sitzende dicke Mann, mit einem Wollen- sha«vl vermummelt und Ohrenklappen an der Mütze,«var ihm freind. Wer war denn das? Neugierig sah Peter dein Gefährt nach. Dicht vorm Dorf stieß cr auf Kr«ll«rinscheidt. Donner- »vetter, der kmtt ja von seiner Hütte hernntergestelzt, was »vollte denn der oben? Aha— Peter lachte in sich hinein— der hatte wohl Angst um sein Geld?! Geschmeidig grüßte cr den Alten:„NÄVlvend, Vadder Krummscheidt!" Dieser hielt ihn fest.„Saot Pittchen,»vie sticht et ctveil met mein Dahlersch, hä?" Man merkte es dem Alten an, er»vollte es nicht gern mit dein Pittchen verderben: er suchte einen Vorwand.„Et duht mer laad, det cch ebbes dervon saon moß, äwcr cch— cch sein selwer in Oirvcrläjenhaat, cch haon ebbe? zo zaohlcn: et pressiert!" Pittchen lächelte. Krummscheidt deutete dies Lächeln falsch, die Angst übcrkänl ihn.„Ech moß mein Gäld haon," stieß er grob herails. „Tutsivit," sagte Peter gelassen.„Ihr könnt et jeden Momang haon.»vann Ihr»vollt. Kommt bei mech ernf, lao könnt Ihr se metholen, de Dahlersch!" „?iä,»«ä."... Der Alte traute nicht recht, cr fürchtete Prügel...„Kommt lielvcr bei»nech, dam» drinke mir e Schöppchc." „Nä l" Jetzt, wo cS zur That ging, bebte Peter doch plötzlich zurück, eine jähe Angst überfiel ihn, fein Herz hämmerte, daß er's bis in den Hals spürte.„Eweil kann ech net," sagte er hastig,, heit wi I Morjen— morjen l" „Morien— gewiß ou waohrhaftig?" Der Alte packte ihn am Rockschoß. „Morsen," sagte Pittchen gepreßt und entwand seinen Rock den knöchernen Fingern. Eilig rannte er heim; er fand die Zeih, in Thränen auf- gelöst, an der Wiege. Das Josephchen verdrehte die Augen, ballte die Fäustchen und zog die Beinchen krampfhaft herauf an den Leib. „Wann mir noren dän Höhr Dokter hätten I Wann ans Josephche dem sein Medezin einhole könnt, gäb et gesond! Josephche, mct Josephche, ech duhn mer e Lad an— stärw net, Josephche, mei Josephche!" Schreiend warf sie sich über das!lind. (Fortsetzung folgt.) Gpftvaims Vveike. (Karl Hauptmann.) Unser Dichte? ist der Bruder Gerhart Hauptmanns, was— titterarisch gesehen— nicht so ohne weiteres eine beneidenswerte Thatsache zu sein braucht. Der Dichter der„Weber" hat sich eine feste Position und eine Schaar von Anhängern erworben, die für ihn durchs Feuer geht. Es wird darunter manchen geben, der geneigt ist, in Karl Hauptmann nur den Bruder des Meisters. nicht aber einen selbständigen Dichter zu sehen. ES kommt noch dazu, daß der' Neigung durch eine Reihe von Aeußerlichkeiten Nahrung zugeführt wird. Karl Hauptmann schildert die schlesische Heimat— wie Gerhart; Karl Hauptmann läßt Bauern auftreten— wie Gerhart. Er bedient sich des schlesischen Dialekts— wie Gerhart. Und endlich ist auch sein dramatischer Stil im wesentlichen dem seines Bruders gleich. Trotz alledem habe ich aus„Ephraims Breite" den Eindruck gewonnen, daß Karl Hauptmann ein origineller Dichter ist. Soweit die Verwandtschaft mit Gerhart in Aeußerlich- leiten besteht, besagt sie überhaupt nichts und soweit sie tiefer liegt, ist sie durch gemeinsame Heimat und Herkunfl genügend erklärt. Gerhart hat Leistungen hinter sich, die ihm für immer unsre Ver- ehmiig sichern; aber Karl Hauptmann beweist in seinem letzten Drama, daß er sehr wohl neben seinem Bruder stehen kann, ohne zu verschwinden. Eine ergreifendere Fraueugestalt als die Weib- liche Heldin des Stücks hat auch Gerhart nie geschassen, und die tragische Stimmung des letzten Akts klingt so rein und tief, daß man schön nach den„Webern" greifen muß, um sie in Kraft und Fülle übertroffen zu finden. In der Berliner Presse ist eS von«Ephraims Breite" bisher merkwürdig still geworden. Ans Breslau ist die Meldung eines Er- folgcS gekommen� sonst hat man von dem Stück wenig gehört. Vor allen Dingen entsinnen wir uns nicht, irgendwo gelesen zu haben, daß eine Berliner Bühne das Stück zu geben gedächte. Hoffentlich haben wir die Ankündigung übersehen oder sie erscheint noch, falls sie bisher noch nicht erschienen ist. Es ist gewiß ein Vorzug, daß wir in Berlin die Hintertreppen-Litteratur von Philippi und Konsorten in so schöner Auswahl beisammen haben. Immerhin aber wäre es erwünscht, auch einmal einen Mann von Herz und Talent zu hören, wenn er natürlich auch keineswegs auf das Wohlwollen rechnen kann, das man in der deutschen Hauptstadt den Leuten voin Schlage des Herrn Philippi entgegenzubringen pflegt. „Ephraims Breite" ist ein Bauernstück. Gotthold Ephraim ist ein reicher Bauer. in dessen Haus es nilbt zun» besten steht. Der Sohn ist ein energieloser, schlaffer Mensch, den der aufrechte und tüchtige Vater verachten muß. Die Mutter ist eine Durchschnittsfrau, die in sentimentaler Liebe den Jimgen streichelt, wenn der Vater ihn gescholten hat. Einzig und allein von des Vaters tüchtige Art ist Breite, die Tochter des Hauses. Breite ist eine von den sonderbaren verschloffenen und zugleich tiefen Naturen, die auf dem Laude nicht selten sind.„Du denkst, ich war mich asu mit Redensarta abspeisa lo'n wie die andern," sagt sie ein- mal ihrem Liebhaber.„Ich bihn nee wie die andern. Was ich bihn. das bihn ich. Was ich ha, das will ich an alleene ha'il. Das war ich freilich mit kenner andern teele», daß Du's wißt." Breite fühlt den Gegensatz, der zlvischen ihr und den meisten andern Mädchen des Dorfes besteht.„Ich bihn nee wie die andern." In ihrer Natur steckt eine tiefe Schani. Sie gehört zu den Frauen, die sich nur einem Manne öffnen, die nur einmal lieben und den bloßen Gedanken eines Wechsels als unrein enipfinden. Es liegt in der Natur dieser Liebe, daß sie vieles verlangt, wie sie vieles giebt. Sie verlangt den Mann, von dem sie Besitz er- greift, ganz und ausschließlich. Breites Liebhaber darf keine andre kennen als sie. Ihre Liebe ist nicht lustig im gewöhnlichen Sinn, vielmehr ist sie ernst und schwer und mit dem Tiefsten ihrer Seele unlösbar verwachsen. ES ist nicht gut für Breite, daß sie so empfindet, den» ihr Liebhaber ist ein leichter Bnrsch und ein Zigeuner. Ein Zigeuner nicht nur In übertragener Bedeutung, sondern ein Zigeuner auch der Abstammung nach. Die alte Schindler, die im Land umherzieht und den Bauern auf der Harfe etwas vorklimpert, hat ihren Sohn Joseph zur Arbeit erzogen. Joseph ist wie ein rechter Zigeuner am Wege geboren. Seinen Vater hat er nie gekannt. Er ging bald mit einer Andern in die Welt. Die alte Schindlern aber will nicht, daß ihr Sohn auch am Wege sterben soll. Darum hat sie ihn zur Arbeit erzogen und so ist er als Großknccht zu Gotthold Ephraim ins HauS gekommen. Warum verliebte Breite sich in ihn? Vielleicht weil er ein tüchtiger Arbeiter war, vielleicht weil eine gewisse Schivermut über seinem Wesen lag, die ihn„anders" machte, wie sie selbst auch „anders" war, vielleicht auch nur, weil ihre Sinnlichkeit durch den fremdartigen und leide»schaftlick>en Mann erregt wurde. Aber sei dem, wie ihm wolle; Breite liebte Joseph und sie liebte ihn mit der ganzen Tiefe, deren ihr Wesen fähig war. Ein andres Mädchen hätte schwerlich den Mut gehabt, so gegen alle Bauenitradition zu handeln. In Breite aber steckte etwas vom Stolz und unbeugsamen Willen des Vaters. Es that ihr nichts, daß die Bauern das fahrende Volk verachteten. Auch den Vater fürchtete sie nur, wie man einen ebenbürtigen Gegner fürchtet. Die„Andern" mochten denken, was sie wollten. Sie war nicht wie die Andern. Sie liebt Joseph und darum heiratet sie ihn. Sie muß ihr Schicksal selber tragen, so will sie's auch selber schmieden. Die alte Schiudler» hat nunmehr erreicht, was sie wollte. Ihr Sohn sitzt warm in einer großen Banernwirtschaft und braucht nicht ver- lasse» am Wege zn sterben. Die alte Schindlern hat indessen die Rechnung ohne die Zigeunernatur ihres Joseph gemacht. Joseph hat sich nur mürrisch und mißmütig in das Ganze hinein- drängen lassen. Er liebt Breite, aber er liebt sie mit einer Liebe, die sie nicht einmal ahnen, geschweige denn verstehen Kskann. Er liebt, wie ein Zigeuner liebt. Die Liebe kommt>vic ein Sturm und geht vorüber wie eine Krank- heit. In diesem außerordentlich reizvollen Kontrast zlvischen leichtem Zigeuner- und schwerem Bancrnblut liegt das tragische Motiv der Dichtung. Ephraims Breite ist es, die tragisch untergeht. Als es sich herausstellt, daß Joseph seine Nächte bei einem schivarz- haarigen böhmischen Harfenmädel verbringt, geht das Weib in ihr z» Grunde. Aber auch im Untergang bleibt Breite immer noch Breite. Nicht in Thräncu und Klagen, mit einem Ruck wirft sie Mann und Glück von sich, um dann'mit herber Eutschlosseuheit an die Arbeit zn gehen. Man kann bei Beginn der Lektüre allerlei Bedenken hegen. Zwar fühlt man sofort den Dichter heraus; aber das Stück schreitet nicht vorwärts; es fehlt die dramatische Bewegung und Wucht. Der letzte Akt aber schlägt siegreich durch. Die herbe Größe der Bauern- tochter ivird schwerlich jemand vergessen, der sie auch nur halbtoegs empfand.— Erich Schlaikjer. Kleines �enillekon. am. Im Banne des Aberglaubens. Während die Dekadenten, die müden Erben einer alten Kultur, ihre verbrauchten Sinne im Teufelskultus mühsam aufpeitschen und spiritistischen Unfug mit großen Gebärden und tiefsinnig scheinenden Worten treiben, blüht draußen im Lande noch der grobsinnliche Aberglauben, der die blaue Himmelsivölbung als den Sitz des lieben Gottes und den Aufenthalt der zu Engeln geivordenen Menscheiiseelcn ansieht, während er in den Tiefen der Erde den glühenden Höllenpfnhl mit allen seinen Schrecken vermutet. Neulich hat in München ein Staatsanwalt den spottluftigen Thomas Theodor Heine beim Ohrläppchen genommen. weil er durch allzu realistische Ausmalung hiinmlischer Herrlichkeit grob„geünfugt" haben soll: Sinn hat eine solche Staatsanwalt- that nur in einem Milieu, in dein derartige Anschamnigen vom Dketaphysischen gang und gäbe sind— freilich nicht in der karikierten Form. Und thatsächlich stecken noch unendlich weite Schichten unsreS Volks in der betrübendsten Geistesfinsternis. Wir brauchen gar nicht pharisäisch auf die oft geschilderten Zustände in dem vennuckerten Tirol oder in den von Pfaffen zn Grunde gerichteten romanischen Nationen oder auf die halbbarbarischen russischen Mnschiks zu schauen: in unserm eignen Lande, dessen Volksschulverhältuisse mit ebenso kräftigem Phräsenschivall wie wenig Berechtigung fortwährend gc- nähmt werden, haben Ivir der dunkeln Gegenden noch gar viele. Von Zeit zu Zeit wirft einmal ein Prozeß ein grelles Licht auf fast unglaubliche Vorkommnisse, die städtische Presse, die sich auf ihre „Bildung" Ivos zu gute thut, macht ein paar lakonische Bemerknngen oder ein paar faule Witze dazu, und damit ist die Geschichte abgethan. An eine systematische Aufklärung der Beivohner zurück- gebliebener Gegenden denken die bürgerlichen Kreise um so weniger, als ja dort meist die sicheren Wahttreise der für Thron, Altar und Besitz schwärmenden Parteien liegen! Im Gegensatz dazu bemüht sich die Socialdemokratie in langsamer, aber sicherer Kulturarbeit nach Kräften, auch in den finstersten Winkeln Ansklänmg zu schaffen. Was uns aber noch zu thun obliegt, daS mag folgender Vorfall lehrcir. Im Jabre 1898 wurde in Kaufbeuren m Bayern ein geradezu unerhörter Schwindel aufgedeckt, den die Eheleute Wolfart und ihre Tochter Agnes an dem Bauern Kotterisch verübt hatten. Diese Agnes war krank und behauptete, sie stände mit der Mutter Gottes in unmittelbarem Verkehr; zum Boten für diese merkwürdige Nachricht an die Familie Kotterisch bediente sie� sich deren Tochter Josefa, eines fünfjährigen Mädchens, das infolge psychischer Aufregung erkrankte. Nun begann das Geschäft: die kranke Agnes sagte nämlich, sie sei bereit, der Mutter Gottes Opfer für die Genesung des kleinen Mädchens zu übergeben und ihre Heilung zu bewirken. Die wohlhabenden Kotterisch beeilten sich, ein Opfer, bestehend aus goldnen Ohrringen, ebensolcher Brosche und einem silbernen Lössel darzubringen die kranke Agnes nahm die Gegenstände in Empfang nüt dem Bemerken, das; sich die Mutter Gottes gewiß sehr darüber freue» werde. Ihre praktische Fran Mama versetzte freilich die wertvollen Stücke sofort in den, höchst profanen Leihhause. Nachdem der erste Versuch so überraschend geglückt war, nahm der Schwindel bald die unglaublichsten Dimensionen an. Wer sich für die Einzelheiten interessiert, den verweisen wir auf einen im Verlage von Scholl in Müttchen erschienenen genauen Prozcßbericht, der zu», Preise von vierzig Pfennigen zu kaufen ist und als Dokument menschlicher Dumm- heit seinen Wert besitzt. Hier wollen wir nur bemerken, daß durch Vermittlung der kranken Agnes Wolfart die Kotterischschen Eheleute Nachricht von der Vermählung eines ihnen gestorbenen Kindes i», Hinimel erhielten, daß ihnen die Mutter Gottes als Lohn für ihre starke Frömmigkeit nicht mir Bnefe schrieb, sondern auch Schinken und'Rauchfleisch aus dem Himmel schickte usw. Zehntausend Mark an Geld und Geldeswert hat das raffinierte Ganner- trifolinm seinen Opfern abgenoinme». ehe es durch Zufall entlarvt und vor dem Landgericht in Kemptei, zu mehrjähriger Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Das war im Oktober 1893. Man sollte nun meinen, daß ein solcher Prozeß, der das gewaltigste Aufsehen machte, obschon ihn natürlich die Kaplanspreise»löglichst zu vertuschen suchte, auf lange Zeit gleichsam wetterreinigend gewirlt hätte. Weit gefehlt I In demselben Kempten, das vor einnndeinemhalbcn Jahre leiten Prozeß mit ansah, wurde in diesen Tagen ein fast ganz gleicher un- verfrorener Schwindel aufgedeckt. Offenbar werden nicht nur die Dummen nicht alle, sondern auch die Abergläubischen sind schwer aus der geistige» Finsternis zu befreie», um so schwerer, als bei ihnen die Grenze zwischen dem offiziellen katholischen Christenglauben und den Ausgeburten ihrer eigenen pseudoreligiösen Phantastik nur sehr schwer zu ziehen sind. Schon vor Jahren machte in Kempten die jetzt 4S Jahre alte Fran Victoria Lciprecht an sich selbst die Entdeckung, daß sie ungewöhnliche Eigenschaften besitze und mit den,„Jenseits" in Verkehr zu treten vermöge. Wie sie diese Fähig- leiten ausnutzte, mag man daraus ersehen, daß sie ein fönnliches „himmlisches K o r r e s p o n d e n z b n r e a n" eingerichtet hat, dessen Porto- und Spesensätze durchaus nicht niedrig lvaren. Die Ver- Mittelung der nach der Poststation: Himmel adressierten Sendungen übernahmen dort zwei gefällige Geister, nämlich die verstorbenen Schwestern eines bei der Lciprecht wohnenden ManrcrS Namens Dreß. Dreß soll bei den Geistern in hohen, Ansehen gestanden und mit der Zeit eine wahre Virtuosität in dem Herbcibriiigcn nach himmlischen Neuigkeiten Lechzender enttvickelt haben. Es dürste interessant sein, zu erfahren, wie sich die.Himmelskorrespondenz" ab- wickelte. Erhielt z. B. der Sendbote Dreß davon Wind, daß irgend eine harmlose Seele— eine andre konnte man da nicht brauchen— gerne über die Zustände und Begebenheiten im Jenseits oder über das Befinden lieber Augehörigen dortsclbst etivas erfahren, Höchte, so wies der Biedermann die Wißbegierigen an die Adresse der Frau Lciprecht. Diese soll sich dann, nachdem sie den Himmlischen ein Opfer gebracht, in eine», stillen Gemach in einen schlasartigen Zustand versetzt und den ihr erschienenen Geistern ihre» Wunsch geoffcnbart haben. Nach kurzer Zeit kamen die Nach- richten aus allen, selbst den ciitferntcste» Teile» des„Himmels" berbei und lvnrden durch die bekannten zwei Geister prompt der Frau Lciprecht. die sich mediumistische Veranlagung und Eigenschaften zuschrieb, in die Feder diktiert. Das Geschäft tvar offenbar recht einträglich: der Frau Lciprecht wenigstens hat es ein Haus in Kempten eingebracht! Die Polizei war schon längere Zeit auf das Treiben aufmerksam gemacht worden, weil die Kundschaft gar zu groß wurde. Aber es gelang erst in diesen Tagen, den schlauen Betrügern beiznkommen. Was wird nun die Folge sein? Ein neuer Prozeß wird gemacht werden, die In- habcr des„himmlischen Korrespondenz-Bureaus" werden ins Ge- fängnis wandern... Aber dreihundert Jahre nach Giordano Bruno wird der Aberglaube weiterblllhen und zahllose unglückliche Opfer in seinen Banden halten, bis es der unendlich schtveren Aufkläniugs- arbeit gelungen ist, hier ein Erlöserwerk zu vollbringen.— Theater. Schiller-Theater:„ A m p h i t r y o n." Ein' Lustspiel nach Moliöre von H. v. Kleist.— Der ganze Glanz meiner Seele liegt in dem Stück, schrieb Kleist einmal von seiner„Penthesilea". Er hätte das Wort auch von seinen,„Amphitrhon" sagen können. Auch diese Dichtung ist mit dem ganzen Glanz seiner reichen Seele gesegnet. DaS hohe Lied von der schönen und keuschen Alkmene ist in gewissen Momenten von pricsterlichcr Weihe. Nie strahlte bei einem Dichter die sinnliche Liebe reiner und Heller als hier bei Kleist. Die erste Scene, in der Alkmene von dem Geliebten Abschied nimmt, wirkt in ihrer Glut so berauschend, daß man etwa einen, antiken Gottesdienst, einem Fest der Schönheit beizuwohnen glaubt. Dazu kommt, daß die Dichtung von Klcistens Seele nicht nur den Glanz, sondern auch viele andre Güter geliehen hat. Von allen Grazien ist„Amphitrhon" beschenkt. Die Hoheit hat das Stück gesegnet und Frohsinn und Laune haben es mit einem holden Blütcnrcgen bedacht. Wie ein Märchen, das aus Neichtuu, und Glanz gclvobcn ist, zieht es über die Bühne, die an diese», Tlbend eine weite und frohe Welt bedeutet. Die Fabel des Lustspiels liegt im Altertum. Amphitrhon, der Feldherr der Thebaner, befindet sich in der Schlacht, aus der er eben' als gekrönter Sieger Heimzukehren gedenkt. Als er nun Theben er« reicht und in die Ärme seiner Alkmene zu eilen gedenkt, findet er in seinen, Haus und in AlkmenenS Armen einen ander»— Amphitrhon. Niemand anders als Jupiter, der heitere Göttervater, hat Amphitryous Gestalt geborgt, um in der Liebe Alkmenens die Schönheit seiner eigenen Schöpfung zu genießen. Merkur, der seinen olympischen Glanz ii, der niederen Gestalt des Dieners Sofias verborgen hat, bcgle,tet ihn, um über den glücklichen Ausgang des' luftigen Abenteuers zu wachen. Natürlich kommt es, als der wirkliche Feld« Herr mit seinem verschmitzten Diener heimkehrt, zu tollen Verwechs» luugeu und Sccnen von grotesker Komik. Dann und wann aber wird die wilde Jagd verwegener Situationen unterbrochen, die Ruhe kehrt in die Dichtung ein und die Poesie läßt ihre stille Opfer- flamme leuchten. Ms endlich die Verwicklungen den Höhepunkt erreicht haben, läßt Jupiter die irdische MaSle fallen und zeigt sich unter Donner und Blitz in der leuchtenden Majestät seiner Gött« lichkeit. Der ganze irdische Handel wird von der göttlichen Er- habeuheit verschlungen, und das leichtfertige Abenteuer verwandelt sich an, letzten Ende in eine göttliche Huldigung der Schönheit. Es soll nicht verschwiegen werden, daß die Wirkung des Schlusses durch Kleist ein wenig getrübt ist. Nachdem Jupiter sich enthüllt und alles Irdische ans dein Handel verschwunden tvar, führt Kleist uocheinmal— sozusagen mit Gewalt— die Ge- danken ins Irdische zurück. Amphitrhon muß den Wunsch anS- sprechen, daß Alkmene dem Jupiter einen Sohn gebären soll und damit kommt etivas Familiäres in die Dichtung, das dem modernen Bewußtsein doch peinlich ist. Es mußte für Kleist alles darauf ankommen, daS allzuinenschliche Abenteuer Jupiters vom Glauz und der Allmacht des Gottes verschlingen zu lassen. Nachdem er das auch in großartiger Weise gcthan hat, reißt er uns in eigensinniger Weise tvieder ins kommuue Leben zurück, indem er von Kindergebärcn und ähnlichen nichts weniger als göttlichen Dingen zu reden beginnt. DaS„Schiller-Theater" sollte zu dem großen Verdienst, die Dichtung auf eine öffentliche Bühne gebracht zu haben, noch ein weiteres fügen. Nach den Worten des Amphitryon: Im Staub I Du bist der große Donnerer Und Dein ist alles, was ich habe— sollte es den Vorhang fallen lassen. Dann hat er meines Er- mesiens die wertvolle Dichtung nicht nur für sich, sondern über« Haupt für die deutsche Bühne erobert. Bisher ist nämlich das frische und anmutige Lustspiel noch von keiner öffentlichen Bühne in Deutschland gegeben worden. ES hat also etwa 100 Jahre alt werden müssen, um aufgeführt zu Iverden. Die Ausführung gehörte zu den besten, die das.Schiller-Theater' überhaupt geboten hat. Der schwierige Stil deS Stucks, in dem Hoheit und ausgelassener Scherz so dicht neben- einander liegen, wurde von allen Darstellern gut getroffen. Ju erster Linie sind Frau Wiecke, Schn, asow und G r e g o r i zu nennen, die in führenden Rollen drei ebenbürtige Leistungen schufen. Frau E y s o l d t war im Spiel intelligent und sein; ihr Organ reicht aber für den ganzen Ton des Stücks nicht anS. Herr P ä sch I e war als Merkur sehr lustig, während Patry als Jupiter zu sehr moderner und zu wenig göttlicher Bonvivaut war. Schließlich gab es noch den„Zerbrochenen Krug", in dem T h u r n e r als Dorfrichter eine lebensvolle Leistung bot.— L. 3. > os. Das Carl Weiß-Theater fährt fort, sich dem SluS« stattungSstück der schauder- und mitleiderregende» Richtung zu opfern. Die Direktion mag ihr Publikum keimen. Während die auf größere Zahlungsfähigkeit der Besucher gegründeten Schautempel in ihren Darbietungen mehr auf Ballett und Fleischschau halten, geht es auf der Bühne des Ostens nicht ohne schivere Verbrecherthate» ab. Der Kerl mit der unglaublich schwarzen Seele stiehlt in der als realistisch bezeichneten Neuheit„Die Jagd nach dem Glück" ivie ein geivicgtcr Finanz, er, wirft dann auf einem Dampfer des ostasiatischen Lloyd mit dem Mute der Kaltblütigkeit einen Familienvater über Bord, erkühnt sich, in Japan dessen reiche Erbschaft anzutreten, stürzt auf dem Vesuv seine Frau in den Feucrschlund und führt endlich in Verlin, angeblich zur Beschwichtigung sciues erwachten Gclvisfeus eine ebenso reiche ivie unschuldige Jungfrau an den Altar. So etwas kann erklärlicherweise nicht gut gehen und daher bricht dann spät, aber um so nachdrücklicher das Verhängnis über den Bösewicht herein. Alle Opfer des abscheulichen Menschen habe» selbstverständlich durch eine wunderbare Fügung des Dichters ihr Leben gerettet, spielen am Schlüsse des Stückes„Wenn wir Toten erwachen" und jagen de» Intriganten durch ihr plötzliches Aufmarschieren so in Angst, daß er sich aus dem Fenster der dritten Etage kopfüber auf das Berliner Straßen- Pflaster hinabstürzt. Ein Drama von so kosmopolitischer Allgeivalt wäre an sich schon eines rasenden Beifalls sicher� um wieviel höher muß es vom Keunerpublikum des Ostcnd-Theaters eingeschätzt werden, nachdem es mit einer Schiffsdekoration, einer japanischen Landschaft, ciuein originell brennenden Leuchtturm, einem leib- haftigen feuerspeienden Berg und am Schlüsse noch mit einem lebenden Bilde ausgestattet ist! Wir lvaren erschüttert, als wir bei dieser Gelegenheit von neuem sahen, tvie cS mit dem Kunstempfinden weiter Vevölkeruugsschichten heutigen Tages noch bestellt ist!-?> Archäologisches. — A u S der Heimat des SophoklcS� Der..Frlf. Ztg." wird geschrieben: Die griechische Archäologische Gesellschaft hat hei der Kapelle des heiligen McletioS, eine halbe Stunde außerhalb Athens, die Begräbnisstätte des alten attischen Demos Kolonos gefunden. Die Kapelle liegt nördlich von der Stadt inid nördlich vor dem Hügel KolouoS. Sophokles, der in» Demo? KolonoS geboren war, liegt daselbst an der Straße nach Deleleia begraben. In seinem„OedipuS auf Kolonos" hat er der Heimat das schönste Denlmal gesetzt in der Schildernug jenes mit der Lieblichkeit eines südlichen Frühlings nbcrklcidetcn HaincS der Erinnhen, in dein der blinde, greise, dem Tode nahe OedipnS rastet und stirbt. Schlegel identifiziert diesen Hain von KolonoS mit der Sophokleischen Poesie, welche ein heiliger Hain der dunklen Schicksalsgottinncn sei, worin Lorbeer, Oelbämne und Weinreben grünen und die Lieder der Nachtigallen unaufhörlich tönen. Die Möglichkeit, daß an? de» Gräbern von 5kolonos Sophokleische Eriinlerungen zinn Vorschein kommen, ist nicht nnSgeschlossen. Denn der große Dichter wurde dort nach seinem Tode als Gott verehrt. Die Vascrifunde vorerst sind jedoih schlvarzfigurigen Stils, also aus der Zeit vor Sophokles.— Kulturgeschichtliches. — Zur Geschichte der Kartoffel wird der„Leipz. Ztg." geschrieben: Die Klartoffel ist 1649 von Holland her nach der Mark gebracht worden. Die erste Stelle, an der diese»cne Frucht in Brandenburg angebaut wurde, war Berlin und zwar hier der Lust- garten bei dem Schlosse. Diesen Lustgarten, der 1573 angelegt, im SSsährigen Kriege aber wieder verkommen war, hatte der Kurfürst Friedrich Wilhelm wieder neu anlegen und durch seinen Gärtner Michael Hauff zu einem Lust- und Gemüsegarten einrichten lassen. Von diesem Garten gingen wichtige Anregungen für den Obst- und Gemüse- bau in der Mark äuS, hier wurden auch 1649 die ersten Kartoffeln in der Mark angepflanzt, deren Anbau von hier ans in die nach dem Muster des Lustgartens angelegten Gärten vieler märkischer Adliger überging.. Der Arzt Dr. Elßholz, welcher 1657 eine Bc- schreibling der in dem Lustgarten seit 6 Jahren gezogenen Pflanzen alffertigte, nennt darunter:„Tartoffeln ans Holland. Loloaum tuberosum esculontum, Nachtschatten init knolligtcn Wurzeln, zur Speise dienlich.sGrnblinge, Erdbirneu). allhier muß man nicht verstehen die Erdmorcheln, lvelche'silid ohne Stengel und Blätter, als welche von den Welschen auch Tarluffel» genannt lverdcn, sondern sie gehören unter da? Geschlecht dcr Nachtschachtcn." Man kannte übrigens damals mir die.roten" Kartoffeln, während die weißen erst niehrere Jahre später aufkamen. 1657 nennt Dr. Elßholz die Kartoffel noch als »Lifftgartenpflanze", 1664 bezeichnet er sie schlechthin als Küchenwurzel, 1684 unterscheidet er bereits zwischcii einer weißen und roten Art, und in seinem 1632 erschienenen„Diätikon, oder newcn Tischbuch" sagt er von der Kartoffel:„Man ißt aber diese Tartusfeln teils zur Lust und Vcr- Lnderung, teils als eine nährende Speise, weil sie nunmehr ziemlich ge- mein bei uns worden." Ei» wirkliches VolkSnahrungSmiUcl war damit die Kartoffel freilich noch nicht geworden, noch im 18. Jahrhundert bc- gegnete man ihr auch vielfach mit unverhohlenem Mißtrauen. Einer der fanatischten Gegner der Kartoffel war der berühmte oder besser wohl berüchtigte Hclmstädtcr Professor, Vielwisser und Charlatan Gottsried Christian Beireis(1730—1369). In Wort und Schrift eiferte Bcireis gegen den Genuß der Kartoffel, die er als die Ur- fache aller möglichen und unmöglichen jirankhciten und sonstigen Uebel bezeichnete. Daß der Herr Professor diese vcr- derbliche Pflanze natürlich auch äußerst übelschineikend fand. liegt auf der Hand.. Eines Tages jedoch sollte seiner Allcrwcis- hei't ein übler Streich gespielt werden. Dein zu einem Gastmahl geladenen Herrn Professor mundete ein ihm bisher unbekanntes Gericht ganz besonders. er Ivußte seiner Befriedigung über diese Leistung der Kochkunst gar nicht genügenden Ausdruck in alten er- denklichen Lobpreisnngen zu geben, bis ihm schadenfroh die Auskunft erteilt wurde, da� von ihm so über alle Maßen gelobte Gericht sei aus der von ihm bisher so artz geschmähten Kartoffel hergestellt worden. Aber Beireis verlor keinen Augenblick seine Fassung, er schlug sich vor den Kopf und rief emphatisch:„Da sieht man wieder tinmal deutlich die Wirkung dieses verderblichen Gewächses, fein Genuß hat mich so verwirrt, daß ich nicht einmal mehr einen guten von einem üblen und ekelerregenden Geschmack zu unterscheiden iveiß. Einige Rezepte für die damals gebräuchliche Anrichtung der Kartoffel giebt uns Dr. Elßholz vom Jahre 1664. Er schreibt:„In den Küchen werden fie(die Kartoffeln) vorncmlich auf vielerlei Art zubereitet. Erstlich siedet man sie im Wasier mürbe, und wenn sie erkaltet, so ziehet man ihnen die auswendige Haut ab. alsdann gießet man Wein darüber und läßt sie mit Butter, Salz. Muskatenblnnreii und dergleichen Gewürz von neuem kochen, so sind sie bereit. Darnach kann man sie mit Hühnern, Rind- oder Kalbfleisckibrühe kochen und ab- würzen, oder sie auch an Rind- und Hammelfleisch thnn. Oder nia» schneidet die abgekochten Tartnffeln in runde Scheiben und bratet sie in der Pfanne. Oder viertens man schneidet Ztviebcl und Essig daran und lasset es also durchbratcn."— Technisches. — Baustoffe filt Berliner Hänserfronten. DaZ Baumaterial, welches zu den Berliner Neubaute» verwendet wird, ist, wie»vir der.Thoiiindustrie-Zeitung" entnehmen, immer reich- haltiger geworden, und wer die im Entstehen begriffenen Häuser uuistcrt, wird eine wahre Musterskala von neuen Materialien finden, mit deren Hilfe den Fronten ein schmuckeres Aussehen als den älteren Fassaden verliehen wird. Dem Verblendziegel und dein Fassaden- putz ist schon seit geraumer Zeit ein gewichtiger Konkurrent im Sandstein erwachsen, wie denn überhaupt Sändstciufassaden bei unsren Mouumcntalbauten stark bevorzugt werden. Neuerdings gelangen auch für die Verblendung der' Fronten vielfach tveiße Porzellansteine zur Verwendung, die' sich recht sauber ausnehme» und dem Pntzbau bei weitem vorzuziehen sind. Früher hat man sie mit Vorliebe zur Verblendung der Hoffronten benutzt, dann aber hat man gcsiuidcn, daß sie sich auch in den Straßenfluchten recht gut ansnehincn. Zuerst sind die weißen Steine in England hergestellt Ivorden, dann auch bei«ms, so daß sie jetzt weit billiger als früher zu beziehe» sind. Das Bemalen der Fronten mit ornamentalen und figiiralcn Kompositionen in wetterbcstmidigen Farben hat verhältnismäßig weiiig Anklang gefunden. Auch das in Italien vielfach zur Auwendung gebrachte Sgrassito hat sich nicht eingebürgert uiid ist nur auf eiliige wenige Bantcn beschränkt gebliebe». Eine besondere Vorliebe bringt man jetzt der Ausstattung der Dächer entgegen. DaS Dach mit seinen Schornsteinen ist jetzt mehr als früher in Front- Wirkung hineingezogen, iiidem man vor allem als Material der Deckung bunt glasierte Ziegel oder wenigstens solche von roter Farbe wählt. Die roten Dachziegel, zu denen meist die alte Form von Mönch und Nonne gewählt wird, sehen cllvaS schreiend aus und bedürfen längerer Witternngscinflüsse. um einen niildcn ansprechenden Ton zu erhalte». Bei alledem ist die Eindachnng mit deutschem und englischem Schiefer iiocb innner flolt im Gange. Beim inner» Ausbau hat sich in jüngster Zeit für Scheidewände der Kortstein Bahn gebrochen, da er ein leichtes specifischcS Gewicht hat und ein sehr gutes Wärme und Schall isolierendes Mittel ist. das zudcin bei einem Brande nicht in hellen Flammen brennt, sondern nur verkohlt. Obenan stehen aber »ach lvie vor die tragfähigen Rnbitzschen Drahtputzwände und ganz besonders die Monier- Wände. Cementputzdrahtwände von großer Feucrsicherheit und gleichfalls großer Tragfähigkeit.— („Tech«. Rundsch.') Humoristisches. — Anders gemeint. Reisender(enttäiffcht):„So. Herr Meier befindet sich auf der Hochzeilsreise? Das bedanre ich sehr I" Wirtschafterin:«Nicht wahr... der arme, junge Herr I"— — V o r n e h m e A b st a m m n n g.«... Ist jener Herr wirk- lich von so vornehmer Abstammung?" „Und ob 1 Ich glaube, der ist schon mit Podagra auf die Welt gekommen."— — Jägerlatein. Sonntagsjäger:„Ich habe zu Hause einen Fuchs, der mit seiner Fahne Staub wischt... F ö r st c r:„Da? ist noch gar nichts— ich besitze daheim einen za hure n Eber, den ich zum Z e i t u n g a n s s ch l i tz e n abgerichtet habe 1"—(„Meggeud. hum. Bl") Notizen. — Die Aiffführnngdes„König OedipuS" von Sophokles in der llebcrsetzuug Willauroivitz- Möllcndorff, die der akademische Verein für Kunst und Litteratur plant, ist für Sonnabend, den 24. Februar, nn Berliner Theater angesetzt. Der Vorstellung wird ein sccuischer Prolog von Hugo v. Höfuranusthal vorausgehen.— — Im R e m b r a n d t- Z i m m c r des B e r l i n e r M u s e u m s ist für einige Tage ein hervorragendes Gemälde von Rem brau dt auS dem Besitz des kunstgelchrten BrcdiuS ausgestellt. ES ivar in zwei Teile zerschnitten rurd ist jetzt restauriert. Dargestellt ist „David vor Saul".— — Für den Siuion-PrciS hat die Berliner Akademie der Wissen- schaften eine Geschichte der Autobiographie im strengsten Sinne(mit AnSschlnß aller Meinoireiilitteratur) als Aufgabe gestellt. ES sind zwei Preise von 5660 und 2566 M. ausgesetzt. Das Urteil erfolgt in der Leibniz-Sitzung deö Jahres 1905.— — Aug« st B u n g e r t hat dem Dresdener Hoftheater einen neuen Teil seiner„Odysseus-Tctralogie", die„ R a u s i k a a" eingereicht. Das Werk soll noch im Mai herausgebracht Iverden.— — Joseph HellmeSbcrger tmrd e r st c r Kapellmeister der Wiener Hofoper und zugleich Kapellmeister des Burgtheaters. Stella Hohenfels scheidet aus dem Verbände des Burgtheaters und folgt ihrem Gatten, Baron von Berger, an das Haiuburger Stadtthcater.— — Die Kammersängerin Marie Renard wurde bei ihrer Abschiedsvorstellung in der Wiener Hofoper mehr als h u n d e r t f ü n f z i g m a l gerufen. Bei der Heimfahrt wollten junge Leute die Pferde ausspannen sie wurden nur durch das Eingreifen von Schutzleuten daran gehindert.— — Ein Schubert-Denkmal von dem Wiener Bildhau L T r a u tz l tvird in G a b l o n z(Nordböhmen) errichtet.—_ Berainwortlicher ReOactcur: Paul Joh» in Berlin. Druck uno Beriag von"Stat Bading in Berlin.