Interhaltungsblatt des Horwäris Nr. 25. Dienstag, den 6 Februar. 1900 (Nachdruck verbotew- Das LVeibervorf. Noman aus der Eifcl von Clara Biebig. ..WaS ist denn loS?" fragte der Gendarnr unwillig. Bäbbi stotterte:„Eier Mahn leit draußen im Grawen, kommt, kommt I" „Laßt ihn ruhig liegen." sprach der Gendarm und strich sich den Schnurrbart auf. „Aewer hän kann sech den Dud holen, hän es eweil als ganz verklomm l" „Wat Ihr net saot!" Zeih horchte nun doch auf. sie lief; sich den Hergang umständlich erzählen, keinen Augenblick verlor sie dabei ihr vergnügtes Lächeln.„Im Grawe»— de ganz Nacht Jeß, bat arm Pittchen! Jao e su es hän, alleweil strawäht hän erum. Väbb, seid e su gud, weist mer de Stellt" Als die beiden Frauen die Hütte verlieben, kamen Tina, Leis und Brun daher; sie hatten die Bäbb so rasch laufen sehen. Ihre Augen funkelten neugierig.„Wat es passiert?" Zeih berichtete. „Dat Pittchen— im Grawen l Ha ha ha ha!" Tina krümmte sich vor Lachen und hielt sich die Seiten; vor Vergnügen jauchzend. warf sie den Kopf hintenüber, dajz ihre dunklen Haarsträhnen sich lösten. „Ha ha hg", lachten Brun und Leis und Zeih lachte mit. „Wir wollen hän hole giehn I Hole giehn, olau I" Im Laufschritt, ausgelassen kreischend. mit fliegenden Haaren und flatternden Röcken, sich neckend und jagend, swben sie hinter Bäbbi drein.— Es war nicht das erstemal, dag Peter betrunken nach Hanse kam. Er machte sich ein Gewerbe daraus, von Dorf zu Dors zu wandern und die Wirtshäuser abzusitzen. Seit er„geerbt", arbeitete er gar nichts mehr; nicht, dab er früher viel geschafft, aber er hatte doch wenigstens hie und da was gebastelt und mit der Reparatur des Kirchen- kronlcnchtcrs sogar ein Meisterstück geliefert. Der geistliche Herr hatte ihn auch öffentlich, von der Kanzel herunter, des- wegen belobt. „Eweil haot hän detArweiden net mich netig," sagte die Zeih und sah wohlgefällig an ihrem schönen neuen Kleid h erunter. Bald nach dem Tanzvergnügen in Oberkail war der Stoff gekonimen und der Peter hatte dem Postboten stolz acht harte Thaler auf's Fensterbrett gezählt; es waren noch dieselben alten Thalcr, die er vom Krummscheidt geborgt, Thaler mit verschiedenen Randschriftcn, wie:„Gott mit unS", „Gott segne Sachsen",„Gott— Ehre— Vaterland". Auf den Stücken, die der Alte wieder erhalten, waren Kopf und Schrift noch weniger deutlich: sie waren wohl schon durch sehr viele Hände gegangen, ordentlich fettig fühlten sie sich an, das Gekerbte an den Rändern war abgegriffen. Aber es waren vollgewichtige Thaler und schmunzelnd verschloß der Alte sie in seinem Spar- kästen, glücklich, so ohne weiteres Drängen zu seinem Gelde gekonimen zu sein. Eine seltsame Rastlosigkeit hatte sich Peters bemächtigt. ES gab Nächte, in denen er gar nicht heimkehrte, andre, in denen er wohl zu Hause- war, aber zu Zeihs größter Ver- wunderung erst bei Morgengrauen zu ihr ins Bett schlich. Sie gewöhnte sich an beides. In ihrer gedankenlosen Art fragte sie nun auch nicht mehr:„Saog ehs. Pittchen, wat «naachste'c su lang lao binnen in der Kanuner?" Er chatte fie ein paarmal angefahren:„Hal Dei Maul, schär Dech om D)ein Saachen 1" Jetzt räkelte sie sich bequem, wenn sie ihn drinnen noch, hantieren hörte, und drehte sich gähnend auf die andre Seite. Sie war immer guter Dinge: seelenvergnügt fiel sie ihm Am den Hals, wenn er ihr etwas bon seinen Wanderungen mitbrachte. Bald war er in Oberkail, bald in Spang- Dahlem: den einen Tag in Großlittgen, den andern in Ober-Oefflingen: heute in Mustveiler, morgen in entgegengesetzter Richtung, in Bettenfeld: diesscit in Landschcid und jenseit in Hupperath, immer die Kreuz und Quer, von Dörfchen zu Dörfchen. Bis nach Manderscheid lief er und gar bis gegen Daun: in der ganzen Gegend war er bekannt, im näheren und weiteren Umkreis'. Die. Wirte sahen ihn gern kommen, er hatte eine flotte Art, den blanken Thaler auf den. Tisch zu werfen: „Dao, zieht die Rechnung af I". Mitunter ließ er sich auch von einem Bäuerlein wechseln, das froh war, seine grütt- spanigen Kupferpfennige und abgeschabten Gröschchen ein- zutanschen gegen das blanke Silberstück. Sie litten keine Rot mehr, und doch sah Peter elend aus: so tief hatten ihm nie die Augen im 5iopf gelegen, scheu rmd ge- drückt schlug er den Blicke zu Boden,- nur nach ein paarGläsern Schnaps flammte der auf. Dann glühten die düsteren Augen wie hell brennende Kohlen, in wilder Lustigkeit schlug Pittchen auf den Tisch: �Mat kost' de Welt?!" Und dann trank er und trank, bis daß er sinnlos davontaumelte. Regen und Schnee ernüchterten ihn nicht, torkelnd zog er über die einsamen Land- straßcn und durch den nachtdunklen Wald. Dann sprach er wild vor sich hin: schrie, laut schinipfend, die Bäume an und focht mit den Armen wie ein Verrückter. Die Kleider schlotterten ihm um den Leib, sein Gesicht war abgezehrt und doch hingen die Weiber an ihm wie die Metten. Die Tina beherrschte ihn ganz. Sie war uncrsätt- lich, bald begehrte sie dies, bald das: eine Brosche, eine Schleife, einen Ring, eine Schürze, Zuckerzeug und wohl- riechende Pomade. Bald mußte er sie dahin führen, bald dorthin. Sie schmeichelte und trotzte, sie versprach und ver- sagte, und wenn er zuletzt gequält rief:„Laoß mech in Ruh. maach, dattste wegkömmst," lachte sie ihm ins Gesicht.„Maach dau, dattste weg kömmst, lauf bei dein Zeih, lao kannste zu- kucken, wie dän Oberkailer et karessiert!" Sie hatte nicht die Unwahrheit gesprochen. Als er zum erstenmal den Gendarm bei der Zeih antraf, brüllte er in sinnlos eifersüchtiger Wut. Die geballten Fäuste schwingend, sprudelte er wilde Drohungen:„Eraus. eraus t Ech onschla Eich dud. ech— eraus, tutswit, eraus!" Der Gendarm ging schon, ganz gekränkte Würde, nur auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um und drohte mit dem Zeigefinger der»vildkeder- behandschuhten Rechten. „Nehmen Sie sich in acht I Beleidigung der Obrigkeit wird mit Gefängnis bestraft. Sie überhaupt— Sie—" er spuckte aus: es schien Peter, als hefte sich sein Blick durchdringend gegenüber auf die Kammerthür—„Sie haben überhaupt jar keine Ehre mehr, mitzureden. Bitte mir Achtung aus, werde Ihnen sonst mal auf die Bude rücken, Sie— Tappert." Rasch die Thür zuwerfend, verließ er schleunigst das ungast- liche Haus. „Wat maant hän dermit?" schrie Pittchen die Zeih an; seine Augen rollten hin und her. „Bis still. Pittchen I Bis still I" Sie war in Angst vor ihrem Mann. „Ech sollen mech' in acht holen— uf de Bud röcken? l" munneltc Peter. Und dann brüllte er:„Wat haot hän von der Kammer gesaot— wat? Antwort!" Sie sah ihn betroffen an und stotterte verlegen:„Mir— mir— hän haot gesaot. mir wollten lao crin giehn. on—" „Kreizgewieder I" Schwer fiel Peter auf den Schemel und stützte den Kops in die Hände. So saß er lange regungslos, wie ans Stein. Sein Schweigen machte sich Zeih zu nutze, nun hatte sie Oberwasser: mit großer Geläufigkeit, halb ärgerlich, halb lachend warf sie ihm seine Grobheit vor.„Och Jesscs, wann ech norcn dän kleinsten Diskurs niet jemandem haon, stracks bis dau e su schroh(heftig, böse)! Wat soll hän nau von ons denken, dän-Höhr Schandarm?! Mer kann nie wissen, wie ei'm e su alten tri(Isen(quälen, peinigen) on tribclicren kann, et es doch alleweil besser, mer haot kein Onverläjcnhaat met der Owrigkäat I" „Kein Onverläjenhaat met der Oivrigkaat." sprach er ihr»ach und schüttelte sich, als liefe ihm etwas kalt über den Buckel. Von nun an bckomplimentierte er den Oberkailer höflich wenn der Zufall ihn den in seiner Hütte finden ließ: sein blasses Gesicht trug dabei aber einen so verbissenen Ausdruck. daß der schöne Gendarm es vorgezogen hätte, die Zeih draußen im Freien zu treffen, wäre es nur nicht gar so kalt gewesen! Der Miffert war ihm riesig ungemütlich und eben so war er's dem Miffert: sie gingen beide um einander herum, vorsichtig schnuppen, d wie Füchse um die Falle. „Es muh doch mal Frühjahr werden, auch in dieser der- fluchten Gegend." tröstete sich der Gendarm. Dann gab der Buchenwald einen angenehmen Ort fürs Stelldichein, es saß sich gut auf dem weichen Moos. Er hatte noch keinen Eifel- Winter mitgemacht. und der dünkte ihn schier endlos. zum Sterben langweilig mit seinen ungeheuren Schneelasten, die das Bergland von jedem Verkehr abschnitten. ..Eweil mosi et bal Frühjaohr gänn," tröstete sich auch Pittchen. Dann war das Wandern von Dorf zu Dorf nicht mehr so beschwerlich, man konnte„connnodcr" über Land gehen und feinen Rausch gcniächlich im Wald ausschlafen.— (gortfchung folgt.) SMuck ttltbr Inu. (Deutscht« Theater.) Die Nelizen, in denen von Hauptmanns neuer Dichtung die Rede war. schwirrten bereit« seit Wochen durch die Presse. Die Welt wurde— wie auf eine grohe Ueberraschnng— nach und nach auf den Abend im Deutsche» Theater vorbereitet. Die Arbeit wurde wie eine Sensation ersten Range« insccniert. Bei einer Sensation aber kommt e« in erster Linie darauf an, die Oeffentlichkeit in Atem zu halten. Der Schleier darf nur langsam von, Geheimnis gezogen werden und jede Mitteilung muh de» Hunger nach neuen Mitteilungen wecken. Wir erfuhren also znnächst nur ganz allgemein, daß es sich um eine heitre Dichtung handelte, und erst, nachdem wir uns mit diesen, Faktuni genügend vertraut gemacht hatten, wurde uns als weiteres Reizmittel der Titel serviert. .Schluck rmd Jan" lieh aus eine derbe Dichtung von nieder- ländischer Farbenkrast schliefen, und sollte vermutlich auch daraus schließen lassen. Wir durslcu an Jean Stccn und seine farbenfrohen Wirts- hanSbilder denken. Wir durften hosfen(und sollten vermutlich hoffen) daß Hauptmanns Seele weit und tief genug sei, um»eben dem tragischen Mitleid auch die Freude an kraftstrotzender Ausgelassenheit zu bergen. Man ließ uns einige Zeit, diesen Phantasien und Hoff- nunge» nachzuhängen. Erst dann ging man dazu über, uns das alte Motiv der neuen Dichwng mitzuteilen. Und auch das Motiv hatte etwas an sich, das den Hunger wach hielt. Es stimmte zu allem. was wir bereits wußten, zu Jean Steen und den Niederländern, zu satten Farben und zu derber Lust, und daneben regte eS noch die Frage an. tvie Hauptmann seine» großen Vor- gängern gegenüber bestehen würde. Das Interesse an der Dichtung und am Dichter war damit genügend geschürt, und somit erfuhren wir nun auch— tropfenweise natürlich— einzelnes über die Besetzung. Ein Nuger Mann sagt nie in einer Notiz, was er auch in zwei Notizen sagen' kann, und man muß es den Freunden Hauptmanns lassen, daß sie diesen Grundsatz praktischer Lebensweisheit mit einer nicht gewöhnlichen Intelligenz und einer nicht gewöhnlichen Un- erfchrockenheit zur Anwendung brachten. Endlich versiegen aber selbst die reichsten Mittel, und so kam auch endlich der Tag, an dem der Theaterzettel, wie jeder andere Theaterzettel, an den Litfaßsäulen prangte. Damit hatte die Sensation nun freilich keineswegs ihr Ende erreicht. Man mnßte schon zu den Bevorzugten unter den Sterblichen gehören, um für fünf Mark einen Platz im Parkett zu erwerben. Die Billetthändler standen haufenweise in de» Nebenstraßen des Theaters herum, und die zahlreichen Equipagen und Droschken vollendeten da« Bild einer sensationellen Premiere. All diesen Thatsachen gegenüber wirkte es recht wunder- lich, daß Hanptmann in einen, Prolog um mildernde Umstände bat. Er ersuchte das verehrte Publikum, doch um Gottes willen keine zu hohen Ansprüche an die Dichtung zu stellen und bat die Erschienenen, sich als Gäste eine? Schloßherrn zu betrachten.' der nach der herbst- lichen Jagd mit einen, fröhlichen Spaß erquickt. Die Entschuldigung stellte insofern hohe Ansprüche an die Phantasie der Zuschauer, als Sckiloßherrn im allgemeine» die Plätze in ihrem Saal nicht für S M. pro Stück zu verlaufen pflegen. Auch pflegt man für solche Jagdspäße die Reklame nicht in Anspruch zu nehmen und an, allenvenigsten läd man die Kritik ein, un, öffentlich darüber zu berichten. Die mildernden Umstände, um die Hauptmann bat, mußten also von von, herein verweigert werden. Er hatte seine Dichtung als ein sensationelles Ereignis angekündigt und mußte sich der jkritik stellen wie jeder, der etwas auf dem Herzen hat und den Kampf nicht fürchtet. Hatte seine Reklame den Eindnick einer über- raschendcn Unerschrockenhcit gemacht, so machte seine Entschuldigung den Eindruck einer überraschenden Feigheit. Am schlimmsten ist es aber schließlich, daß seine Dichtung auch vom Standpunkt eines derben SpaßeS aus eine betrübende Er- scheinung genannt werden muß. Wir unsrerseits hätten ihm nicht nur den Spaß, sondern auch die unerlaubte Reklame für den Spaß von Herzen verziehen. wenn nun wirklich ein Spaß, oder auch nur ettvas AehnlicheS herausgekommen wäre. Mit der Langeweile aber, die über»Schluck und Jau" lagert, würde Hauptmann selbst den sanftesten Gast verscheuchen, wenn er einmal auf den verwegenen und wenig einträglichen Gedanken käme, sie den Gästen seines Hauses vorzusetzen. „Schluck und Jau" ist ein armes, dürftiges, von allen guten Geistern der Kunst verlassenes Stück. Der brutale Beifall, den es von blinden Anhängern erhielt, war eine ästhetische und sittliche Roheit, die man als das einzige sensationelle Ereignis des Abends bezeichnen kann. Es kann jedem Dichter passieren, daß er ein schlechtes Stück schreibt; es wirkt sehr peinlich, wenn er dieses Stück mit allen Mitteln der geschäftlichen Reklame in» seeniert; aber es wirkt unerträglich, wenn er überdies noch am Abend vor dem Vorhang erscheint, um über den wüsten Lärm seiner Anhänger zu quittieren. Man hat seine ganze Objektivität nötig, um die Ehrfurcht nicht zu verlieren, die unsres Erachtens dem Draniatiker Hauptn, am» unter allen Uniständei, entgegen» gebracht werden muß. Hanptmann hat ohne Zweifel Verdienste, große Verdienste, schwerwiegende Verdienste, aber selbst das reichste Erbe der Vergangenheit kann von einer gewissenlosen und leicht- fertigen Gegenwart vcrthan werden. Wenn der letzte Abend im Deutschen Theater sich noch«inigemale wiederholen sollte, dürfte der Dichter mit Schrecken erleben, daß man seine großen Thatcn über seiner großen Reklame vergißt. Un, nun auf„Schluck und Jan" zu kommen, das in der ganzen Affairc das unbedeutendste Moment ist, muß zunächst die Wahl des Motivs anerkannt werden. Hauptmann hat sich in einzelnen Sceucn peinlich stark an Holberg angelehnt, aber immerhin hat er das alte Motiv selbständig geschaut und selbständig erfaßt. Es handelt sich bekanntlich um einen Vagabunden, den man bc- trunken in das Bett eines Fürsten legt, um ihm beim Erwachen ein» zureden, daß er ein Fürst geworden sei. Holberg benutzt diesen Vorwurf nun, um zu zeigen, wie ein geknechteter Mann in der Freiheit zu», Tyrannen wird, und zwar zeigt er bei dieser Gelegen- heit, wie die Tyrannculaster in den Sklaventugenden wurzeln, so daß er schließlich nicht die Freiheit, sondern vielmehr die Herrschaft trifft. Hauptmann faßt sein Motiv anders. Der Vagabund bleibt bei ihm als Fürst ein harmloser Spaßmacher, der seine eingebildeten Untcrthanen nicht hängen läßt, sondern fidel. wenn auch taktlos, mit ihnen kneipt. Dafür aber hat allerdings Hauptmann dem Motiv eine andre, sehr schätzenswerte Seite ab- gewonnen. Sein Vagabund suhlt sich schließlich, auch als er alS Vagabund wieder erwacht, immer noch als Fürst. Er vergleicht sein Landstreicherdasein mit seinem Fürstentranm— und kommt schließlich zu dem Resultat, daß auch ein Fürst nur eine Kehle und einen Magen hat. Damit ist das Motiv Holbergs allerdings in eine neue Beleuchtung gerückt, aber die Beleuchtung ist leider so dürftig und kümmerlich, daß man das Motiv nicht sieht, obwohl eS doch von Gold ist und somit eigenen Glanz hat. In der ganzen Dichtung tritt eine geradezu erschreckende Armut zu Tage, was un, so schlimmer ist, als der Dichter eine zweifache Gelegenheit hatte, seinen Reichtum zu zeigen. In der Schilderung des Fürsten und der Fürstenburg konnte er alles geben, was feine Seele an Kraft und Pracht zu geben hatte. Er gab uns aber keine Burg, sondern eine nüchterne Villa, die für einen klein- bürgerlichen Rentier nach einer verbrauchten Schablone gebaut ist. In all' den Versen, die wir hörten, war nicht einer, der Glanz und Farbe hatte. Wir bekennen offen, daß wir uns in so hohem Grade nur in den Theaterstücken gelangweilt habe», mit denen Paul Hehse gelegentlich seine dramatische Ohnmacht beweist. Hauptmann blieb uns aber nicht nur den Fürsten und die Fürstenburg— er blieb uns auck) den Vagabunden und die Vagabundenfröhlichkeit schuldig. Er veriagte in der Gestaltung seines Motivs eben vollständig. HolbergS Lustspiel ist meeresticf und meeresweit;„Schluck und Jan" ist ein schaler Tümpel, in dem sich nichts spiegeln kann, es fei denn die Eitelkeit, die mit jedem Spiegel vorlieb nimmt. Was schließlich am schwersten zu tragen bleibt, ist der Rückschluß, den der unbefangene Kritiker auf HauptinaunS Talent thun muß. Es hat inimer Leute gegeben, die Hauptmann für einen bedeutenden Kopisten, nicht aber für«inen bedeutenden Dichter hielten, es hat auch immer Leute gegeben, die gegen diese Meinimg kämpften, und wir gehörten bisher immer zu den letzteren. Wir räumen aber gern ein, daß unsre Position bedrohter ist, als sie es je», als lvar.— Erich Schlaikjer. Kleines Ieuillekon» — Ein origineller Theaterzettel der„Räuber" aus dem Jahre 1789. de», Jahre, in welche», Goethe seinen„Faust" in Leipzig zur Ostermcsse brachte, findet sich in den, Kalender»20. Jahr- hundert". Großes bürgerliches Trauerspiel. Mit gnädigster Erlaubniß wird heute Sonntags den 4tel, Ok- tober 1789 von der W... Gesellschaft deutscher Schauspieler ein vortreffliches hier und aller Orten sehr berühmtes von dem berühmten Herr Schüller neu bearbeitetes, mit Verzierungen und schönen Ab« wechselungen versehenes großes bürgerliches Tranerspiel in 5 Aufzügen auf vieles Nachfragen aufgeführt werden, genannt: DER FALL DES RkÖORJSCHEN HAUSES oder DIE RAEUBER. Nach dem Personalstand NB. Mcs. wc>S in einem großen Tranerspiel Vergnügen. Mitleid. Belmmdenmg eNvecken kann, was man großes, schönes und moralisches in vielen Stücken einzeln findet, ist in dem heutigen allein ent- halten; das Laster nimmt den Ausgang, der seiner würdig ist, der Verirrte tritt in das Geleitz der Gesetze und die Tugend geht siegend davon: es treten dabei über Lg Personen ans, die vielen Hunde, die aber an Stricken gebunden und geführt werde», die lebendigen Pferde, worauf die Räuber geritten kommen; wo sie ihre Kameraden von dem Galgen befrcyt, der Räuberberg, die Räuber- höhle, das in Brand gesteckte Schloß,»nd andre Verzierungen des Theaters, werden heut ein herrliches Tranerspiel vor Aug. Herz und dem Geist vorstellen.— — WaS wird ans einer Cigarre beim Rauchen? Die Frage, welcher Art die Ranchprodukte des Tabaks sind, ist von her- vorragender hygienischer Bedeutung, zumal der Tabak giftige Stoffe enthäit, über deren Verbleib beim Rauchen bisher wenig bekannt war. Eine eingehende chemische Untersuchung dieser Frage unternahm nach der.Naturwissenschaftliche» Wochenschrift" Prof. Dr. Thoms. Zwanzig Cigarren, die eine» Rikotingehalt von mehr als 1 Proz. hatten, wurden künstlich verraucht; der Ranch und die Asche lmirden gesondert aufgefangen. Letztre betrug ungefähr 20 Proz. und cuthielt äußer Kohle verschiedene Kalk- und Kalisalze. In dem Rauch ließen sich vor allem Nikotin, Ammoniak und Pyridien nachweisen, ferner Kohlen- Oxyd und ein ätherisches Oel, das den Geruch des Tabaksrauches bedingt. Besonders wichtig sind die Untersuchungen über den Nikotin- gchalt der.Cigarrenstnminel". Prof. Thoms konnte nämlich feststellen, daß der Rikotingehalt in diesen ungefähr viermal so grotz ist, als in der verrauchten Cigarrenmasse. Es ergiebt sich hieraus der wichtige Schluß, datz eine ziemliche beträchtliche Menge Nikotin beim Rauchen in den„Stummeln" zurückgehalten wird. Schließlich ließ sich nachweisen, datz der Nikotiugehalt für die Güte und Stärke eines Tabaks keine Handhabe bietet, vielmehr ist die Zunge deS Kenners der sicherste Wertmesser für eine Cigarre.— Theater. Berliner Theater..Libusfa". Trauerspiel in fünf Aus« zügen von Grillparze r. Im Berliner Theater hatte man ansnahms- weise einen Dichter hereingelassen. Natürlich konnte er nicht die Vordertreppe passieren. Er wäre hier womöglich mit einem der stolzen Herren zusammengestoßen, die im allgemeinen das Theater niit ihren Fabrikaten versorgen, und die Begegnung hätte leicht peinlich werden können— für den stolzen Herrn natürlich, der nicht gewohnt ist, mit schäbigen Schlnckern in einem Hanse zu verkehren. Der änue Grillparzer wurde also vorsichtig— wie ein heruutcrgckoinincnes Familienmitglied— durch eine kleine Hiuterpforte hereingelassen. In einer NachmittagS-Vorstellung zu ermäßigten Preisen durfte er seine„Libussa" reden lassen. Dem Berliner Theater soll ans diesem llmstand kein Vorwurf gemacht werden. Nur die Situation, in der sich heute ein Dichter thatsächlich befindet, wollten wir an einen« dcut- lichcn Beispiel klar machen. Das Berliner Theater verdient vielniehr Dank, daß eS überhaupt die Dichtung zur Aufführung brachte. Das Publikum freilich wird schwerlich dankbar fein. Der Durchschnitt der Theaterbesucher konimt bei„Libussa" nicht nuf seine Rechnung und auch die Kritik kann sich leider nicht mibediugt der Dichtung freuen. Spukhafte Schatten huschen über das Stück. EtivaS von der alten und modrigen Kunstromantik, die miste Großväter und mehr noch nnsre Großmütter entzückte, ist in die Handlung hineingeraten. Hier und da stört auch ein philiströser Zug. DaS be- glückte Volk, das Grillparzer uns unter der Herrschaft Libufias zeigt, ist beispielsweise in entsetzlich süßen und sentimentalen Scenen ge- schildert. Auch das eigentliche Motiv ist nicht mit elementarer Kraft zum Dnrchbruch gekommen, was allein schon aus dem Umstand erhellt, daß die Gelehrten sich noch heute nicht über den eigentlichen Sinn des Stückes im klaren find. Trotz alledcin ist die Aufführung der Dichtung natürlich ein Verdienst..Die Sprache ist von be- strickendem Reiz und in einigen Momenten hat die Handlung auch wirklich dramatische Größe. In der Königstochter Libussa kämpfen zwei feindliche Gewalten. Die übernatürliche Sehergabe, die sie voin Vater geerbt hat, reißt sie von allem Irdischen fort. Dann aber sehnt sie sich nach Menschen und Meiischenglück; denn Libussa ist nicht nur Seherin, sondern auch ein fühlendes und bangendes Weib. In der Ehe mit ihrem Gatten strahlt ihr eine Weile die Sonne menschlichen Glücks. Dann aber rächt sich die unterdrückte Prophetennatur, in dem sie noch einmal zum Durchbruch kommt und die schwache, menschliche Libussa im Sturm der Inspiration dahinrafft. Die tragische Mischung von Mensch- lichem und Uebermenschlichem«nußte mit der tragischen Vernichtung schließen. Das erschienene Publikum nahm die Dichtung beifällig auf. In der Darstellung traten W e h r l i n und Marie Frauen- d o r f e r hervor. Dem mittelmäßigen Spiel des Herr» M o n n a r d sollte die Regie einige Fessel anlegen; es wirkt gelegentlich un- erträglich.— E. 8. Kulturgeschichtliches. c. Geschäftskniffe in alter Zeit. Eine Schrift vom Jahre 1468, die den Titel:„Allerhand Hantierungen für junge Leite, sich der Krämerei und Handl befleißen tun, bei Kauf, Verkauf und Tausch, bei Hautz und Jarmark" führt, enthält eine Reihe von Rat- schlägen für Krämer und deren Lehrlinge und Gehilfen, die zeigen, daß auch die„guten Alten" sich sehr ivohl auf das Geschäft ver- standen und aus alle mögliche Weise einen Profit zu machen suchten. Der„Bär" führt daraus folgende„Reguln" an: Frumbheit ist die erste tugendliche Aigenschaft eines Krämers, doch hast Du auf Dein Nutzteil zu Hautieren. Bei Maß und Gewicht sain allerhand Kunst zu machen, wa» Du fir 2 Pfennige Kinunel messen tust, halte das Mäßlein fein krinnp, als hellest Du das Reißen in Deiner Hand, mit der andern Hand fille ein, und es fol ist stirze es der Kunde in« Topf.— So Du Honig auf die Wag gibst, gebe Steine als Gewicht so. daß Dein tiefer steht, sonst hast Du kam Gevin.— Wiegest Du mit der Hanttvage Pfeffer über 3 Pfennige, so schnelle mit dem langen Finger der linken Haut das Züngelein so, datz man glauben thut, es ist niehr als man verlangt.— So Du eine Elle Haiifbendelei» oder Waiszeug messen tust, so halte den Daum der rechten Hant mit der Jlaischseite auf das Bändelein, bei abschneiden aber über- biege Dein Daumlein bis zur Ragelwurzel, so gewinnest Du bei jeder Ele eine Nagellängc.— So Du Baumehl messest, tuhe das Zimcnt lange abtrausen lassen, gcuße aber schnell das Ehl in Deiner Kunde Töpflcin, un henge Dein Zimentlein im Stander, so wirst Du zu was kommen.— Ist Dir an aine Kundin was gelegen, so mache Dich geselig, sage datz sie schönlaibig sein, und Du vollgefallen an ihr findest, sie wird geblendet sehn und kannst auf vorteilhaften Verkauf sicher sehn, auch iveun die Waiber hätzlich und narbig sind tuhe ihnen schön, es pringt Nutz.— Aus dem Tierleben. — Ein in Deutschland aus st erbendes Nagetier. Kaum ein anderes Tier hat sich so rasch vermindert wie der'Biber. Der WohukreiS dieser geschätzten Nager reicht zwar noch heutigen Tages durch drei Erdteile hindurch und erstreckt sich über alle zwischen dem 33. und 68. Grad nördlicher Breite liegenden Länder; in Amerika ist ihre Zahl aber durch unablässige Verfolgung schon sehr zusammengeschmolzen und unter den Länden« Europas sind sie häufiger nur noch in Oestreich, Nutz- land, Bosnien und Skandinavien, nainenllich Norwegen anzutreffen. In Deutschland gingcgen, wo ihre einstige Iveite Ver« breitung sich aus den zahlreichen'Orts- und Flutzuamcn ergiebt, die auf sie zurückzuführen sind, findet man sie gegenwärtig allein noch an der mittleren Eibe, etwa von Wattenbmg oberhalb Wittenberg an abwärts bis gegen Magdeburg, und besonders in den Revieren der Oberförstercien Steckby und Tochheim, soivie Grüne- Walde und Lödderitz. Der Biber wird in alle» diesen Stand- orten angrenzenden prcutzischcn Staatsforsien streng geschont; das gleiche hat die herzoglich- anhaltische Forstverwaltung angeordnet. Diese Relikteukolonien der Biber an der Elbe hat nun neuerdings Dr. H. Friedrich in Deffau zum Gegenstand eines gründlichen Studiums, namentlich was die Lebcnsiveise und die Dammbauten der Tiere anlangt, gemacht und in einer besondere» Schnft alles zusammen zu fassen gesucht, was wir über die letzten deutsche» Biber wisicu. Trotz der Schonung werden sie auch hier mit der Zeit aussterben; Friedrich zählte bei seiner Untersuchung iin ganzen nur noch 108 bewohnte Baue mit etwa 160 Bibeni. Bon besonderer Wichtigkeit ist, daß er auf ihnen flohattige Schmarotzcrkäfer uachgcwiesen hat, die man bisher nur vom kanadischen Biber kairiite, der sich von dem europäischen durch das dunklere Fell, die mehr gewölbte Gesiöhts- linie deS überhaupt schmäleren Kopfes und andere Eigentümlichkcrten des Schädels unterscheidet. Jener Käfer ist auch an den letzten Bibern an Petit-Rhüne gefunden worden, und es ist damit ein Be- weis für die Artübercinstinunung des amerikanischen und deS europäischen Bibers erbracht, während die Attsclbftändigkeit deS erstere« bisher nicht angezweifelt wurde.—(„Mutter Erde.") Aus dem Pflanzenleven. — Neb er die Pflege der Obstbäume schreibt Gatten- inspektor Meinhardt in der illustrierten Wochenschrift„Rerthus: Wie oft habe ich schon von Gartenbesitzern die Klage gehört:„meine Obstbäume tragen rein gar nichts mehr". Sah ich mir dann die betreffenden Bäume an, so fand ich in den meisten Fällen, datz die Krone stattlich gewachsen und üppig verzweigt ivar, was zlvar ganz hübsch aussieht, aber bei Obstbäumen ganz verkehrt ist. Um Ernten zu erzielen, mutz mancherlei beachtet werden, vor allem aber ist darauf zu sehen, datz die Bäume möglichst licht gehalten werden. d. h. daß das dichte Gewirrs von teils dürren, teils im Absterben begriffenen Zweige» beseitigt wird, zu Gunsten der gesunden«nd kräftigen Schößlinge. Eine lustig gehaltene Krone mit kräftigen Aestc» tvird stets einen größeren Fruchtansatz zeigen, weil Licht und Luft ihren belebenden Einfluß beffcr geltend machen können und die Kraft mehr zusammengehalten wird. Beim Ausschneiden der Aeste sollte jedoch der Anfänger gar recht vorsichtig sein und lieber einen grötzerenAst entfernen, als viele kleinere ausschneiden. Größere Zweige sollen sich nie- mals so dicht kreuzen, daß sie sich berühren, also bei Wind reiben, der schwächere muß beseitigt werden. Die Aeste müssen dicht an der Stelle, wo sie sich vom Stamm abzweigen, mit der Säge schräg ab- geschnitten werden(nicht bei starkein Frost) und zlvar so, datz die Schnittfläche sich auf der Unterseite dem Stamn« etwas nähert. Es ivird dadurch verhindert, daß im Laufe der Zeit das Wasser— weil es gleich abfließt— den gebliebenen Stumpf zerstören kann. Die Wunde ist sodann mit einem scharfen Meffer glatt zu � schneiden und zum Schutz gegen Kern- und Holz- faule mit Vamilwachs. Oelsarbe oder dergleichen zu bestreichen. Grotzcn Einflutz ans die Tragfähigkeit eines Bauines hat auch die Beschaffenheit der Rinde. Alle abgestorbenen Reste derseiben müsse» entfernt werden»nd mit ihr alle Flechten und Moose, die Baum- scharre und die-bürste müssen hier fleihig benutzt werden, damit der Stamm atmen kann und den vielen Obstschädlingcn die Bersteckc für sich und ihre Eier genommen werden. Aus diesem Grunde ist es auch weise gehandelt, wenn die. abgestorbene Rinde sorgsam gesammelt und verbrannt wird. Der Stamm»nd die stärkeren Aesie find sodann mit einer 1— Lprozcutigen Kupfersodabrühe zu bestreiche» oder der ganze Baum mit einer Sprozentigeu Kupferkalklösuug zn bespritzen. Mit der Pflege des StainnreS und der Zweige hat auch die Pflege der Wurzel» Hand in Hand zu gehen, denn oft ist auch Mangel an Nährstoffen im Boden Schuld des geringen Ertrages. Man macht deshalb in den Boden mehrere Reihen Löcher rings um den Stamm und füllt diese wiederholt mit Stall- jauche, der SuperPhosphat oder Thomasmehl beigegeben ist. Gut verrotteter Stallmist untergegraben thiit auch vorzügliche Dienste, ist jedoch nicht immer zur Hand und»unstäudlicher zu verivenden. Zn beachten ist, dah der Dünger nicht in der Nähe des Stammes, sondern soweit davon unterzugraben ist, wie die Ztvcigspitzc» von demselben entfernt sind, denn die Nahnnig wird nur von den Wurzel- fasern aufgenomnien, diese aber streben in ihrem Wachstum in dein gleichen Verhältnis wie die Krone nach seitwärts hin. Eine Düngung im Frühjahr schafft einen üppigen Holztricb, im Juli vorgenonnncii, kräftigt sie den Fruchtausatz. im September und Oktober aber' schafft sie einen reicheren Ansatz von Fruchlknospeu. Zum guten Gedeihen der Obstbäume ist ferner ein alljährliches Lockern der Baumscheibe durch llmgrabe» unbedingt nötig, damit die Lust gut in den Boden eindringen, die Pflanzcnnährstosfe zersetzen und den Wurzeln die Atmung ermöglichen kann. Durch daS Um- graben der Baunischeibe vernichtet man ferner eine graste Anzahl der in der Erde verpuppten Schädlinge, die als Raupe oder Insekt im Spätsoinmer den Baum verlassen haben, um unter dcinsclbcit in der Erde ihren Winterschlaf zu halten. Wie jede andre Pflanze ver- braucht auch der Obstbaum in seiner Vegetationsperiode ein be- trächtliches Mast Feuchtigkeit. Enthält der Boden davon zn wenig, so mnst künstlich»achgeholfen werden, will man nicht daS Laub vorzeitig abfallen und die Früchte verkümmern sehen.— Meteorologisches. — Die Erforschung der höhern Luftschichten. Das meteorologische Institut bei Berlin ist im Begriff, einen.Dienst" für die systematische Erforschung der hohen Schichten unsrer Atmosphäre mittels besonderer Vorrichtungen einzurichten. Wie Professor Ast- mann mitteilt, sollen auf dem Gelände des Aeronautischen Observatoriums am Tegeler Schiestplatze mit Drachen und Drachenballons möglichst Tag und Nacht fortgesetzte Registrierungen der atmo- sphärischen Zustände in Höhen von 3—0000 Meter ausgeführt werden. Die Registricrapparate, die den Luftdruck, die Temperatur, Feuchtigkeit und'Windgeschwindigkeit in jene» Höhen autonmtisch aufzeichnen, werden von einem Drachenballon getragen. Dieser, nach dem System Sicgsfeld und Pcrscval hergestellt, wird an einein Klaviersaitendraht in die Höhe geschickt. Der Ballon hat 37 Kubikmeter Rauminhalt und wird mit Wasscrstoffgas gefüllt seine Steigkraft ist genügend, um 1500 Meter Draht mit emporzuheben. Ist der Auftrieb des Ballons kompenfiert. so wird, bei günstigen Windverhältnissen, an da? untere Ende des Drahtes ein Drachen von Hargravcscher Konstruktion und 2—3 Quadratmeter Fläche befestigt. Dieser Drachen kann seinerseits 500 Meter Draht mit emportrage», an diesen Draht wird ein zweiter Drachen be- festigt, daran ein dritter usw.. bis der Ballon 4000 oder nach Be- darf mehr Meter Höhe erreicht. Selbst nnt Drachen allein, ohne Ballon, sind bei genügender Windstärke schon Höhen von 4300 Meter erreicht Ivorde». Das Auflassen und Einholen der Drachen geschieht mittels elektrisch betriebener Kabelivinden. Nach den bisherigen Er- fahrungen bei gelegentlichen Drachencxpcrimenten dürfte die regcl- mästige Untersuchung' der hohen Luftschichten auf diesem Wege zu bedeutungsvollen Ergebnissen führen.— Technische?. — W i e ein Gummiball entsteht, wird in einem Fach- blatt in folgender Weise beschrieben: Auf langen gewölbten, mit Zinkblech beschlagenen Tischen liegen die zur Zusanrmeusetzung der Bälle erforderlichen einzelnen Teile. Diese werde» ans den ver- fchiedenen Mischungen des Rohmaterials, das ivieder je nach der Gröste und Art de? Balles verschiedene Stärken aufweist, mit Schceren ausgeschnitten und von den Arbcitcrinnen mit grostcr Ge- schwindigkeit zu Bällen vereinigt. Bevor die Bälle geschlossen werden, wird eine kleine Menge eines EhemikaliurnS hiueingethan, dann iuwendig der Berschluhpfropfen von nicht schivcfclhaltigem Kautschuk angebracht. Das Schneiden der einzelnen Teile erfolgt, wie bemerkt, mit Hand und Scheere über einer Schablone, und zwar mnst dabei jeder Teil auf jeder Seite andern Schrägschnitt aufweisen. Mit dem erwähnten Schrägschnitt werden die Teile übereinander gelegt und haften ver- möge der Klcbfähigkeit des Kautschuks fest zusammen. Besondere Sorgfalt mnst bei der Herstellung der Tennisbälle vorherrschen, bei denen in der Gröste sowohl als im Gelvicht peinlichst genau einzu- haltende M.iste vorgeschrieben sind. Deshalb hat hier jede Arbeiterin Verantwortlicher Redacreur: Paul John in Berlb eine Wage vor sich, durch die.sie daS Gewicht der Bälle kontrolliert. Durch eine Thür treten wir ans diesem Saal in einen Raum, der für den ersten Augenblick tvie ein« Cyklopen-Werkstatt anmutet. ES rasselt und kracht in diesem Raum in nervencrschiitternder Weise: tvir sind in der Ball-Bulkanisierung. Der Vorgang bei dieser Arbeit ist folgender: Die Bälle werden in eiserne, aufeinander passende Formen, die haargenau kugelförmig ausgeschliffen sein muffen, ein« gelegt und diese Formen zu je drei mit starken Schrauben zusammen- gezogen: dann eriastt ein Krahn die Form, hebt sie empor, schwingt sie in bestimmter Richtung, und krachend saust das mehrere Centner schwere Gewicht in einen grasten, in die Erde eingebauten, über inauushohen Kessel, deren drei vorhanden"find. Wenn der Keflel gefüllt ist, wird er geschloffen und Dampf zugelassen. Unter der Hitze, die den Kautschuk vulkanisiert, dehnt sich das vorhin erwähnte Chemi- kalium gasförmig a»S und prestt den Ball an die Wand der Fornr fest an. Nach vollendeter Vulkanisation wird die Form geöffnet und die nuinnehr festen elastischen Bälle aus derselben entnommen. Sie gelangen nun in einen weiter« Raum, Ivo sie durch den unvulkani- sierten Verschlustpfropfen mit einem Pfriemen durchstochen iverden und da? darinnen befindliche Gas herausgedrückt wird. Dann wird der Ball durch diesejbe Oeffnung auf eine hohle Nadel gesteckt, der unter drei Atmosphären Druck beständig Luft entströmt und die den Ball nun voll und straff mit Luft aufffillt. Nach dem Abziehen Ivird rasch ein ivcnig Kantschnklösung in das feine Loch gedrückt und der Ball ist fertig. Tennisbälle werden vorher»och durch Schablonen gezogen und in der Gröste genau reguliert. Der Ball ist nun fertig, aber noch nicht verkanfsfähig. denn in der Naturfarbe iverden Bälle ja nur wenig gehandelt. Er kommt deshalb in die Ballmalerei, wo er von Franeuhändt» mit den Farben, Mustern und Bildern bemalt wird.— Humoristisches. — B ö ser Z u sta n d. A.:„Mein Gott, was ist Ihnen den«? Habe» Sie Bcrdrnst gehabt?" B.:.Ach, ich sage Ihnen, ich bin in einer Verfassung— die mecklenburgische ist Gold dagegen I"— — Lokal Patriotismus. Fährer:.Schau'n Sie, jener hohe Berg dort ist die Jungfrau." T o u r i st:.Aber ich Vitt Sie, die ist doch nicht in Bayern, die ist doch in der Schweiz!" F ü h r c r:.Ja, moänen's,'s gcb' nur oan' Jungfrau auf der Welt?"— — Scherzfrage. WaS kann man niemals mit Worten ausdrücken? /ulluvach'Z luttvu uzuiZ" (.Lust. Bl.") Notizen. — Hermann Sudcrmanns neues Schauspiel„Johannis- f e n e r" tvird im Herbst mit Agnes Sorma in einer Hauptrolle im Lessing-Theater in Sceue gehen.— — I» L e i p z i g soll ein n e ü e§ deutsches Schauspiel- hauS errichtet werden. Eine„Leipziger Schauspielhaus-Gesellschaft" hat sich gebildet, die bereits das zum Bau erforderliche Terrain er- warben hat. Als künstlerischer Leiter des lliitcruchmens ist der Direktor des„Jl'sen-Thcaters", Amselm Heine, auserschen. DaS klassische und das moderne Drama soll in gleicher Weise ge« pflegt Iverden.— — In Frankfurt a. M. fand I b s c n S„Wen n wir T o't e n erwachen", einem Bericht der„Frank. Ztg." zufolge, nach den ersten beiden Aufzügen lauten und wiederholten Beifall, nach dem letzten wurden vereinzelte Acustcruiigen des Wider- spruchS hörbar, die aber in dem allgemeinen Beifall sofort verdeckt wurden.— —„Die ASPHaltblume", Lustspiel in drei Aufzügen von HanS B r e n n e r t, wurde vom Thalia- Theater in Hamburg zur Aufführung erworben.— — Im' Wiener„Deutschen Volks-Theater' ge- langen zur Aufführung: Daudets„Die Lügnerin". Hermann Vahrs Komödie„Wienerinnen" und Fritz A d a m n s' von uns im Vorjahr besprochenes Drama„Familie W a w r o ch".— — GrillparzerS„Jüdin von Toledo" ist von dem spanischen Komponisten Thomas Breton für eine Oper „Rahel" benutzt worden, die bei der Erstaufführung in Madrid grostcn Beifall gefunden hat.— — Das zum Druck der Pariser Zeitung„7.e Petit llon rnal" jährlich verbrauchte Papier stammt von 120000 Bäume», die zu Papierbrei verarbeitet wurden.— t. E i n riesiger Vogelkäfig wird gegenwärtig im neuen zoologischen Garten in N e w- A o r k errichtet, der den Vögeln jeder Gröste eine Bewegung in freiem Flüge gestatten wird. Die Voliere ist aus Stahlrohren erbaut und mit Drahtnetz eingedeckt. Der ganze Bau ist 152 Fnst laug, 72 Fust breit und 55 Fust hoch. In seinem Innern befinden sich 3 Waldbämne von beträchtlicher Gröste, ei» 100 Fust langer Teich und eine Menge einzelne Hecken und Ge- sträuchc.—_ ;. Druck und Benag von Max Baving m Berlin.