I nlerh altungsbl all des Horwäris Nr. 28. Freitag, den 9. Februar. 1S00 (Nachdruck verdaten). Das ZVeibevdovf. Noinan aus der Eifcl von Clara Viedig. Zeih kostete einen vollen Triumph aus, rasch kehrte ihre gute Laune zurück; die Augen tanzten ihr ordentlich vor Ver- gnügen. Zärtlich streichelte sie über den verblichenen grünen Bezug des eingesessenen breitlehnigcn Sofas. Ihre naive Be- wunderung machte dem Alten das größte Vergnügen. Da- durch wurde es ihm erst so recht klar, was er doch eigentlich für ein verteufelter Kerl war, solch einen Besitz zu erstehen I Er fühlte sich ordentlich jung, und als sie in den Keller hinabstiegen, um den Platz anzusehen, wo das Moselweinfaß liegen sollte, nahni er auf der dunklen Treppe ihre warme Hand und patschte die und stieg so flink die steilen schlüpfrigen Stufen hinab und wieder hinauf, als wäre er sechzehn und nicht nahe sechzig, und als hätte die leidige Gicht ihm nie einen Knüppel gegen die Beine geworfen. Schade, schade, daß er die nicht immer hier haben konnte! Er fragte sie noch einmal wegen der Aufwartung, und sie be- richtete ihm haarklein den Vorfall des Morgens. Mußte der Miffert ein unangenehmer Patron sein! Er schimpfte weidlich, und Zeih's Zunge rührte sich auch munter— nä, ihr Pittchen war gar nicht mehr kommod, seit der geerbt hatte, war er alleweil kaprizig(launenhaft)! »Von wem hat er denn geerbt?" fragte Schmitz neu- gierig. »Dat waaß cch net," lachte sie.„Mir saon hei: Met Schweigen vcrrcdt mer sich net— hält saot neist." Schmitz sah sie verwundert an. „Iao, Ihr könnt et glauwen," fuhr sie wichtig fort,„dat Pittchen, dat es anen!" Ein geheimer Stolz auf ihren Mann regte sich nun doch in ihr.„Dän es schichtig(schlau), dän hört dat Gras wachsen. Dän saot neist. wat hän net saon will; net emaol, wann hän bcsoff es!" „So, so." Das zlveifelhaste Lob Pittchens interessierte Herrn Schnntz tveiter nicht, seine Meinung stand einmal fest: ein un- angenehmer Patron.— Von mm an fühlte es Pittchen, er hatte einen geheinien Widersacher im Dorf. Er hatte einen unbestimmten Haß gegen den Alten in der Eichelhütte, größeren Haß, als auf den schönen jungen Gendarm von Oberkail. Der Schmitz hatte einen verdammten Blick; sah er nicht den Peter mit seinen Schweinsäuglein so von der Seite an, als wollte er sagen: Ich weiß was!... Als sie sich in der Wirtssttibe beim Knnnmschcidt zum erstenmal getroffen hatten, war Peter beim Eintritt des Alten aus seiner Ecke aufgespnuigctr, scharrte einen Kratzfuß und setzte sich mit einem:„Met Verlöw" dem Herrn gegenüber an die Breitseite des Tisches. Zutraulich fing er eine Unter- lsaltuiig an, schwatzte hannlos und zutäppisch, aber er hatte kein Glück damit. Seine Blicke, die flink wie Wiesel umher- huschten, eiitdccktcit keinen Zug des Wohlwollens auf dem dicken, roten Gesicht gegenüber; Schmitz blieb zugeknöpft, das blühende Fett der Wangeit deckte jede Regung, die blauen Aeuglein verschlvanden ganz in ihren Schlitzchen. Er trank rasch aus. zahlte und ging; Peter blieb sitzen wie ein Dummer. Er fluchte in sein Glas hinein, fing dann an mit dem Wirt zu krakchlcn und schimpfte dabei auf den„alen Knick- sticwel", de»„Kalmäuser". das„Mastschwein". WaS die Zeih nur an dem finden konnte? Herr Schmitz blieb ihr zweites Wort. Von dem grünen Zitzsofa, über das sie einmal hatte streicheln dürfen, erzählte sie, als sei es lauter Sammet und Seide. Ganz beseligt kam sie heim, als der Herr Schmitz sie zur Veilchcnzeit in seinen Garten gerufen und ihr erlaubt hatte, für das Josephchcn einen Strauß Veilchen zu pflücken. Als ob es deren nicht auf der Flur unter den Hecken weit blauere und duftcndcre gäbe! Peter riß ihr die Blumen mis der Hand, zertrat sie und visitierte ihr dann die Tasche— hatte sie incht noch was anderes geschenkt bekommen? Er glaubte ihr nicht, als sie beteuerte:„Nor Veilcher, su woahr cch läwen, nor Veilcher I" Er riß ihr den Rock aus den Falten, kehrte alles an ihr um und trnt, und als er nichts fand, schlug er sie. Sie heulte, daß die Wände widerhallten; er schrie und lärmte wie besessen; zuletzt versöhnten sie sich. Noch einmal schien in Peter das frühere Pittchen zu erwachen; er schlug sich mit der Faust vor die Stirn, nannte sich einen „Wuodeswoor"(wilder, böser Mensch), umarmte die Zeih, bat ihr kläglich ab und küßte sie wild. Schnell versöhnt. gab sie seine Küsse zurück; einairder herzend und drückend, verabredeten sie auf den nächsten Tag, den Jahrmarkt in Wittlich zu besuchen. Zeih träumte die Nacht von eiuem Karoussel, von Buden und allerhand Herrlichkeiten, vom Oberkailer und von dem Herrn Schmitz, während Pittchen, den Ann um ihre Schultern gelegt, mit brennenden Augen ins Dunkel starrte und den Schlaf nicht finden konnte. So jämmerlich hatte er sich noch nie gefühlt. War er denn krank? Wohl zitterten seine Hände, wenn er ein Glas zum Mund führte, seine Beine waren oft wie abgeschlagen, aber krank, nein, krank war er nicht. Im Dunkel streckte er den Arm aus— mager, aber sehnig! Seine Finger spreizten sich— war das nicht eine Hand, recht gemacht, den Thaler auf den Tisch zu schleudern"und danach auszuschlagen, daß Flaschen und Gläser hoch sprangen? Wenn er nur mehr Freude davon hätte? Freude---?! Er unterdrückte ein Hohnlachen! bei allem, was er that, schlich ja etwas um ihn herum und tuschelte ihm in die Ohren, legte eine Hand auf seine Brust und drückte da, daß er nicht frei atmen"konnte. In Peter war der Wunsch aufgestiegen, sich einer Seele anzuvertrauen: ein paarmal war er wieder auf den Gräbern seiner Eltern gewesen, aber keine Stimme aus der Tiefe hatte ihm zugesprochen, vielleicht, daß sie böse waren, weil noch kein Denkstein stand. Aber so rasch ging das nicht. Alle Tage konnte er doch nicht einen harten Thaler wechseln, so dunnn waren die Bäuerlein am Ende auch nicht, und seit der Schmitz, der Schlauberger, in Eifclschmitt hockte, war ihm ein Aufpasser gesetzt. Einen immer weiteren Kreis mußte er auf seinen Wanderungen beschreiben. Wenn er sich der Tina anvertraute! Die war schlau. Wenn er mit der Halbpart machte? Rasch kant ihm der Gedanke, wie eine Erlösung— nur nicht allein sein mit der Angst! Aber ebenso rasch verwarf er ihn wieder.„Weiber haon lauge Röck, äwer en korzen Verstand."— Nein, das durfte er nicht wagen! Und zudem noch Halbpart machen? Er hatte ja nicht für sich selber genug; wie Butter unter der Sonne, so zerrann ihm das Geld unter den Fingern; er wußte nicht, wo's hinschwamm, die Hütte war kahl nach wie vor, und wenn sie auch nicht mehr hungerten, ein Hundeleben blieb'S doch. Zumal jetzt, wo er dem Frieden nicht recht traute. war's oft knapp. Und die zerrte an ihm und jene, die zog ihn hier und die dort— das mußte ein unversiegbarer Bronn sein, aus dem sie alle schöpfen konnten. Eine gewaltige Erschütterung kam über Peter, eine Todesmattigkeit. Der Kopf sank ihm vornüber, er hätte sich gern aufgerichtet— es war ihm so beklommen aber er konnte nicht. XII. Warme Tage waren über die Eifel gekommen. Früh« Sommertage. Die Sonne brannte aus die nackten Kuppen. die Felsen schleuderten die Strahlen zurück; Gewitter zogen jäh auf und gingen' jäh nieder, oft stand ein Regenbogen überm Thal, hier einen Fuß. drüben den andern. Was da gesät war, ging der Reife entgegen. Auf Bäbbis Acker stand der Roggen so hoch wie daS Lorenzchen war. Lukas Evangelist hätten den gern die alten Schneiderfch genaitnt, so war der Tag seiner Geburt im Kalender benamst, aber Bäbbi hat trotz ihrer Krankheit und Schwäche darauf bestanden, er mußte nach seinem Vater ge- taust werden. „Peter Paul Purzel, bricht dem Korn die Wurzel", sagt eine uralte Bauernregel. Sinnend schritt Bäbbi den Acker- rain entlang und ließ ihre Hand sacht durch die leis wogenden Aehren streichen. Wie" lange noch— drei Wochen kaum— dann war Peter und Patll, dann fing das 5kom an sich zu bleichen, und die Männer kamen heim! Der Lorenz kam? Mit einem Seufzer der Befriedigung sah sie über ihr Feld hin; das konnte sich sehen lassen I Gleich einer Bürste stand das Getreide und nebenan streckten die Kartoffeln, wohlgesetzt in Reih und Glied, ihre steifen dunkelgrünen Bäumchen. Wie eine Oase lag das Fleckchen in der Wüste der andren Aecker; kaum handhoch stand auf denen das Korn, und manch Kartoffelland sah aus, als hätten Wildschweine drin gewühlt. Mit der arbeitsrauhen Hand strich Bäbbi dem kleinen Lorenz die wehenden Löckchen aus der Stirne und sah, das Kind, das kräftig aufgerichtet auf ihrem Arm sab, liebevoll an sich drückend, mit selig verträumtem Ausdruck in die Ferne. Was würde er sagen, wenn er kam? Bald, bald! Ihr Herz klopfte stark vor Freude. Hierher wollte sie ihn führen, gleich am ersten Abend— kaum konnte sie's ja erwarten— was würde er für Augen machen, wenn er sah, wie gut alles stand I Sie ließ sich auf den Grasrain niedergleiten. Da saß sie still— heute durfte sie ja feiern am Sonntagnachmittag — und ließ die Augen auf der Landschaft ruhen. Bergland, so weit der Blick reicht. Armes Bergland, unter der mageren Erdschicht starrer Fels; winzige Aeckerchen dem trocknen Heideboden abgerungen oder dem Herzen des Waldes entrissen. Und doch liebte sie dieses Land. Mit tiefem Atemzug sog sie die herbe Luft ein, die ihr stark entgegenwehte. Wo gab's noch eine solche Luft?! Als könne sie nicht genug davon bekommen, öffnete sie die Lippen und schlürfte und schluckte wie ein Trinker köstlichen Wein. Sie faßte das Kind unter den Achseln und ließ es frei in der Luft schweben; es zappelte mit den Beinchen und jauchzte vor unbewußter Lust. (Fortsetzung folgt.) Hamlvk: Hamlet ist Prinz von Dänemark. DaS Schicksal hat ihm aber nicht nur eine königliche Geburt, sondern auch unendlich reiche Gaben des GeisieS und des Herzens verliehen. Er ist eine geniale Natur, mit allem Hohen beschenkt, das Menschen gegeben werden kann. Die Möglichkeiten eines grotzen und tiefen Glücks schlummern in ihm und da er an der Sonnenseite des Lebens aufwächst, erwartet die Welt, die ihn bewundert, daß sie zn einem reichen Frühling erblühen werden. Er kommt auch, dieser Frühling. Hamlet verehrt in seinem Vater den Helden, in seiner Mutter liebt er schwärmerisch die Milde und von der eigenen Herrscherzulmist her naht eine Ahnung von Größe und dauerndem Ruhm. Eine grandiose Natur, jung und stark, vom Glück gesegnet und vom Voll be- wundert— so verläßt Hamlet den dänischen Hof, um die Welt zu sehen und sich auf deutschen Schulen die Bildung der Zeit an- zueignen. Da, wie er im Ausland und mitten in seinen Studien ist, vcr- düstert sich plötzlich der Himmel seines Lebens. Aus dem schwarze» Gewölk zuckt jäh ein Blitzstrahl herab und laug und dumpf rollt noch der Donner, ivie eine finstere Klage, durch die Himmel. Hamlet erfährt die Nachricht vom Tode seines Vaters. Auf Schivingen. rasch wie Andacht, eilt er heim. Er tritt an die Bahre und findet eine Leiche, die durch einen häßlichen Aussatz entstellt und befleckt ist. Hier huscht der erste Schatten über Hamlets Welt. Zum ersten- mal verliert die Sonne ihren Glanz und die Erde liegt vor ihm, wie eine kahle Steppe im November. Er sieht den Tod, den schwarzen traurigen Keim, der in jedem Wesen schlummert. In allem steckt der Tod, selbst im Glanz und in der Macht deS Königs. Ob ein Mensch in Lunipen oder in Purpur geht: Die Würmer fressen ihn doch. Mit Würmern aber fängt man Fische und Fische kommen auf die Tafel. So kann also ei» König, im Wechsel der Dinge, die Reise durch die Eingeweide eines Trunkenbolds machen. Pfui, dreimal Pfui I Hamlet sieht all das Widerliche, das die Vernichtung begleitet, und fein Sinn umwölkt sich. Er sieht neben dem Tod aber auch das Leben und— er sieht es heut zum erstenmal— das Leben ist schlimmer als der Tod. Er sieht seine Mutter, die Traucrkleider angelegt hat, dabei aber schon brünstige Blicke mit dem Bruder ihres verstorbenen ManncS wechselt. Der Leichnam ihres Gatten ist noch nicht verfault, als sie schon diesen Bruder zu ihrem Gemahl und zum König macht. Die Lust wird schamlos, indem sie die Zeit der Traner unterbricht. Und wie unterbricht sie sie? Was ist das für ein Mann, um den die Königin ihren ersten Mann, den Helden, vergißt? Ein brutaler Geselle ist es, mit niederer Stinr und unreinen Lüsten, ein roher Patron, der nur von sinnlichen Trieben bewegt wird, ein Faun, ein halbes Tier. Und diesen Menschen nimnit seine Mutter, vor der er in Liebe gekniet hat— diesen Menschen nimnit sie in ihr kaum verwaistes Bett. Ist daS die Art der Frommen? Hamlet sinnt und faßt sich an die Stinr und ruft entsetzt:„Die Welt ist aus den Fugen." AlleS bricht zusammen, was Hamlet bisher glaubte. Hoffnung, Glaube, Größe I Das allcS ist mit der Leiche seines Vaters in Ver- tvesuiig übergegangen. Ueberdics beschleicht ein fürchterlicher Verdacht sein Herz. Die unanständig schnell erfolgte Ehe seiner Mutter legt ihm den Gedanken nahe, daß der Lnmpenkönig, der nun auf dem Throne sitzt, auch ein Verbrecher sein könnte. Hamlet, der vor wenigen Monden noch vor diesem Gedanken wie vor einem Abgrund zurück- gebebt wäre, glaubt jetzt alles, was den Namen„Gemeinheit" trägt. Und er hat recht. Das Grab speit selber das Verbrechen aus: sein verstorbener Vater erscheint ihm als Geist und verkündet ihm, wie er von seinem Bruder ermordet ward. Zum Tod und zur gemeinen Lust kommt also noch der Brudermord. Die Welt ist aus den Fugen. Und dann der Hof I Die pessimistische Weltverachtung, der Hamlet nun verfällt, wäre nicht vollständig, wenn er nicht auch die Art der Höflinge durchschauen lernte. Dieselben Leute, die das Bild seines Vaters auf dem Busen trugen, beugen nun das Knie vor dem neuen Linnpenkönig. In der schmachvollen Ehe mit seiner Mutter finden sie tiefste Sittlichkeit und für jedes Lächeln des Verbrechers danken sie wie für eine Gunst des Himmels. Ucberall Lüge, Heuchelei, Strebertum und Feigheit. Durch all' die Greuel und Verderbnis dieser schmutzigen Welt geht eine liebliche Mädchengestalt: Ophelia. Ophelia ist ein Kind, ein reines Kind, ganz arglosen Herzens und fromm. Sie ist, was Hamlet iv a r; sie ist naiv. In Ophelia sieht Hamlet den letzten Abglanz der Welt, an die er einmal glaubte und an die er nun nicht mehr glaubt. Er fühlt sich unrein dem reinen Mädchen gegenüber, unrein durch das bloße Wiffen der Verbrechen, mit denen die Welt erfüllt ist. Nichts ist rein, auch Ophelia wird es nicht bleiben. Hamlet begräbt seine Liebe, wie er den Glauben seiner Jugend begraben hat. Geh' in ein Kloster, Ophelia l Was willst Du Narren zur Welt bringen? Den Umstand, daß Hamlet nicht sofort die Blutrache am neuen König vollzieht, hat man lange mit sittlichen Bedenlen, mit einem allzu feinen Gewissen entschuldigt. In neuerer Zeit hat man diese unhaltbare Auffassung mit Recht fallen lassen. WaS Hamlet nicht zur That kommen läßt, ist ganz etwas andres. WaS liegt an diesem Lumpcnkönig? Vermöchte sein Tod etwas an dem ganzen Zusammen- hang der Dinge zu ändern: Hamlet würde ihn über den Haufen rennen und nicht mehr Gewissensbisse spüren, als wenn er eine Ratte vergiftet hätte I Aber es würde eben nichts geändert werden. Der König ist ein Schurke; aber die eigne Mutter ist eine Buhlerin, Poloiiiiis" ist ein Narr, die Höflinge sind feige Streber. Die Welt ist voll von Schurken und Narren. Was lvird geändert, wenn ein blutbefleckter Bube fällt? Das Schicksal seines Hauses ist für die geniale Natur Hainlets weit über den Rahmen eines vereinzelten Verbrechens hinaus- geivachscn. DaS Weltbild ist verändert. In diesem Zusammenhang, in dem die ganze Erde als ein kahles Vorgebirge begriffen wird, sinkt die Blutrache, das persönliche Moment, zur völligen Bedeutungslosigkeit herab. Diese Gleichgültigkeit gegen die eigne Familie und gegen die eignen Angelegenheiten teilt Hamlet mit jedem Genie. Eine tiefe Natur wird unter dem Eindruck furchtbarer Ereignisse an Welt und Menschen irre und fällt vor der Tücke der Gegner, bevor er sich mit dem neuen Gefühl, das ihm die Welt zeigt, abfinden konutc. Das ist nach meiner Auffassung der Sinn der Hamlct-Tragödie, und ich will dankbar bemerken, daß ich diese Auffassung den Schriften des Herrn Dr. Hermann Türk verdanke. Die„Freie Volksbühne" hat sich mit der Aufführung des Hamlet vor eine riesengroße Aufgabe gestellt. Wir wünschen ihr das beste Gelingen und einen nachhaltige» Erfolg.— Erich Schlaikjer. Kleines I�euillekon» J'oncr den Herd sprach M. Bartes in der letzten Sitzung des ,!ecui..s für Volkskunde". Nach einem Bericht der.Vossischen Zeitung" führte er in seinem Vortrage folgendes aus: Die Er- findung des Herdes, der Vorbedingung der Seßhaftigkeit und damit der Grundlage aller Kultur, war die notwendige Ergänzung der Erfindung des Feuers, dessen erhitzende Kraft man mutmaßlich bald zur Zubereitung der Speisen benutzen lernte. Wie jedes Ding hat sich auch unser heutiger so vervollkommneter Herd aus ureinfachen, rohen Formen entwickelt, deren Reste Ivir aber selbst gegenwärtig noch auch bei uns vorfinden. Der Herd ist jedenfalls älter als die Wohnstätte und die Kunst des Bratens älter als die des Kochens; den» das Kochen setzt die Anwendung von Geschirr voraus, das in der älteren Steinzeit noch nicht, vielmehr erst in der jungen austritt. Das Braten erfolgte anfänglich unzweifelhaft mit Hilfe des Bratspießes. Als solcher diente einfach ein zugespitztes Holz, bei größeren Fleischstücken bczw. ganzen Thieren ein geglätteter, beider- seits zugespitzter junger Baumstamm. Man kann dergleichen Vor- richtungen gelegentlich noch heutzutage beobachten, z. B. bei Volks- festen in halbkultivierten Gegenden. Als man Kochgefäße aus Thon machen gelernt hatte, mußte man bald darauf kommen, sie durch Steine zn stützen, damit sie beim Zusammensinken des Brenn- Holzes, auf dem sie standen, nicht umfielen. Ferner lernte man das Feuer vor unerwünschter Zugluft dadurch zu schützen, daß man es auf den vorn Winde bestrichenen Seiten mit Steinen umgab, die zu einer Wand aufgetürmt wurden. So entwickelte sich allmählich der Unterbau der Fcucrstclle, der — III— sich schließlich zum Herde ausbildete. Mau schützte das Feuer weiter vor Regen durch ein Dach; aber noch nachdem schon bedeckte Wohn- stätten erfunden waren, lag längere Zeit der Feuersgefahr und der Rauchbeläftigung halber die Feuerstclle noch außerhalb der Wohn- statt. Ueberlebsel dieser Einrichtung kann man z. B. in Ungarn sehen. Endlich änderte sich auch dies; der Vorteil, den die Heiz- Wirkung der Feuerstätte für den Wohnraum in der kalten Jahres- zeit bot, überwog die Bedenken; die Feuerstätte siedelte in die Wohnung über.' Dem Rauche überließ man, sich selbst einen Ausgang zu suchen. Noch bis in verhältnismäßig späte Zeiten gab es weder Rauchfang noch Schornstein. Das westfälische Bauernhaus kannte dergleichen bis fast auf die Gegenwart nicht, und einzelne sog. Rauchhänscr giebt es auch heute noch, zum Bei- spiel in Blomberg und Honr am Teutoburger Walde. Die Lage der Feuerstclle in dem westfälischen Hause niachte den Platz am Feuer zu dem bevorzugtesten; denn von ihm ans ver- mochte man nicht nur alle Wirtschastsrämne und Stallungen, sondern bei geöffneten Thorflügeln auch den Hof zu übersehen. Er gebührte also dem Hausherrn. Aber auch seine Wärme empfahl ihn, und der Gast durste sich deshalb zum Hausherrn setzen. Da man bald erkennen mußte, daß es bequemer sei, das Feuer in handlicher Höhe als auf ebener Erde zu haben, so erhöhte»»an allmählich den steinernen Unterbarl. Auf der Millenniumsausstellimg in Budapest sah man alle diese älteren Herdformen in den einzelnen Häusern des ethnographischen Dorfes, das vorzügliche Gelegenheit zum Studium des betreffenden Entwicklungsganges bot. Der Herd rückte aus der Mitte des Wohnraums schließlich an die Wand, wurde zur Be- seilignng oder Minderung der Rauchplage nach oben hin durch eine Schutzivand abgesperrt. Von dieser führte man einen Bretterschlot zunächst nur bis zum Boden, dann durchs Dach hindurch ins Freie, bis schließlich das alles durch den steinernen Schornstein und den zu ihm führenden Nauchfang ersetzt wurde. Andrerseits wuchs der Herd zum Ofen aus, der auch in die Wand zwischen zwei Stuben gesetzt wurde, um beide zu heizen. Es schloß sich die Entwicklung des Back- ofens, sowie die Ausbildung des Herdes mit den vertieften Feuer- löchern und den» erhöhten Stande des Kochgeschirrs bis zur Ein- führung der heutigen eisernen Ringelplatte a». In gleicher Weise .entwickelte sich das Kochgeschirr. Die ursprüngliche Terrinenform mit halbkugeligem Boden wich den Formen mit flachem Boden, mit Airsätzen zur Erzielung festen Standes, Ansätzen, die zu wirk- lichen Füßen auswuchsen und endlich sich in Gestalt des Dreifußes vom eigentlichen Geschirre ganz loslösten. Anfänglich wurde der Kochtopf mit einer Art von Gabel erfaßt und bewegt. Dann versah man ihn oben mit ausladendem Rand, um den sich eine Schlinge legen ließ. Da konnte man ihn schon über das Feuer hängen. Es folgte die Anbringung von Henkeln, Stielen»stv. Schon in Hissarlik fand Schliemann Gesäße mit drei Füßen(Grapen); diese Forin ist also beiläufig 5000 Jahre alt. Auch bewegliche Kochherde, aus Brettern und Lehn» hergestellt, kounnen schoir früh und konunen heute noch bei Naturvölkern vor.— — Die blaue Farbe der reife» Wachholdcrbecrcn, d. h. »licht die durch den sogenannten Reif, einen Wachsüberzug, hervor- gebrachte, sondern die innere Farbe, soll, wie der„Prometheus" einer Arbeit von Dr. Ncstler in Prag entnimmt, die in einer der letzten Versanimlungen der Deutschen Botanischen Gesellschaft vor gelegt wurde, eine eigentümliche Entstchuugsursache haben. Als Nahrinigsmittel-Chemilcr hatte Nestler amtliche Veranlassung, eiii Mittel ausfindig zu machen, um Wachholdcrbecren in gestoßenem Pfeffer zu erkennen, zu dessen Verfälschung sie angcivcndct werden. Es zeigte sich, daß in den blauen Wachholderbeeren stets ein Pilz s-AspsrAillus- Art) vorhanden ist, der in den grünen Beeren fehlt. Als nun Nestler grüne Beeren init blauen unter einer Glasglocke zusammenbrachte, wurden erstere in kurzer Zeit ebenfalls blau, während sie für sich belvahrt, ihre grüne Farbe behielten. Sie wurden also von den blauen Beeren angesteckt und es steht zu vermuten, daß der Pilz das infizierende Eleinent ist. Da grüne Beeren, die mit einer sterili- sierten Nadel angestochen tvcrden, sich rings um die Wundstelle bläuen, und da andrerseits die Oberhaut der blaue» Beeren sich als völlig abgestorben erweist, so nimmt Nestler an, daß die Bläuung auf Tötring der Oberhautzcllcn durch den Pilz beruht.— Volkskunde. a. Hufeisen und böser Blick. Dem Hufersen wird bei uns vielfach eine Glück bringende Bedeutung zugeschrieben, und da die Ursache dieses Glaubens nicht völlig aufgeklärt ist, so erscheint es un» so mcrkivürdiger, daß auch andenvärts mit dem Hufeisen die gleiche Idee verbunden wird, in Tunis nämlich. Dort ist, wie übrigens in allen Mittelmcerländcrn, die Furcht vor dem bösen Blick ziemlich allgemein verbreitet. Eine Person, der man die Eigenschaft des bösen/ d. h. Unglück bringenden Blicks zuschreibt, wird in einer Weise gcrnicden, die der schliminsteir Boykottierung oder Verfehmung nichts nachgiebt. Doch glaubt man, daß gewisse Amulette dem, der sie bei sich trägt, Schutz gegen die Wirkung des bösen Blicks verleihen. In Tunis nun gehören zu den kräftigsten Amuletten Hühnereier, an denen mittels kunstvoll angebrachter Nadeln drei kleine Hufeisen aus Blei befestigt sind. Sobald eines der drei Hufeisen verloren geht, verliert das Ei-Amulett nach dem Glauben der Tunesier seine Schutzwirkung gegen den bösen Blick, so daß man in der That erkennt, daß das Hufeisen dort, wie bei uns. Glück bringen soll,"bei uns freilich Glück im Allgemeinen, dort auf ein ganz spccielles Gebiet beschränkt.— Aus der Vorzeit. K. Die älteste Bevölkerung Rußlands. Die Untersuchungeir über die Spuren einer prähistorischen Bevölkerung Rußlands haben bisher nur zu der Feststellung der jüngeren Stein- zeit, der ncolithischen Periode, in Rußland geführt. Die Frage, ob auch die ältere paläolithische Periode der Steinzeit in Rußland existierte, blieb unsicher. Die neuen Forschungen von Nefedow in» Gebiet der Wetluja haben nun, Ivie Professor Dr. Ssicda in dem soeben erschienenen„Archiv der Anthropologie" mitteilt, zu Ergeb- nissen geführt, die das Vorhandensein der älteren Steinzeit in Ruß- laiid zu beweisen scheinen. Nefedow hat am Ufer der Wetluja im Gouvernement Kostroma Kurgane, prähistorische kreisrunde Grabhügel, und Spuren von menschlichen Niederlassungen gefunden. Von einem solchen Fundort bei einer alt- heidnischen Begräbnisstätte erzählen die Bauern, daß ehemals eine Kirche dort gestanden habe, die in die Erde gesunken sei. Im Altertum hätten hier viele Räuber gewohnt und fremde Völker, Agababen und Kelten. Die Erinnerung' an die Kelten hat sich noch im Namen eines Sees Keltischkschclvo erhalten, der 4 Kilo- meter von dem vorgeschichtlichen Fundort an der Wetluja entfernt liegt. Die Bauern erzählen auch, daß die Räuber hier viele Schätze hinterlassen hätten, die aber niemand im stände wäre zu heben. An einer Stelle des hoher» Bergnfcrs der Wetluja auf einem Bor- spnmg entdeckte Nefedow eine prähistorische Fabrik von Stein Werkzeugen. Unter der ersten Schicht von schwarzer Hunruserde lag eine zweite von festem Sand. während die tiefste Schicht Asche und verbrannten Sand enthielt. Hier wurden S Herdstellen, Kohlenschichten, Aschenanhäufungen und verbranntes Holz gefunden. Auch die Sandschicht enthielt 5iohlcn, Tier- knochcn und Feuerstein- Werkzeuge. In der ausgedehntesten Aschen« sammlnng befand sich ein ganzer Haufen von Steinwerkzeugen, Gcfäßschcrbcn und angebrannten Tierknochc». Die Steinwerkzeuge waren unvollendet und Feuerstcinsplittcr lagen daneben. Das Material zu den Steinwcrkzcngen lag zwischen den Feuerstellen: Feuerstein. schwarzer Schiefer und Sandstein. Feuerstein und Schiefer aber gab es nicht an der Wetluja selbst, sonden» mußte vom Fluß Unsha herübergebracht werden. Alle andren gefundenen Stcinarten dienten nicht als Material, sondern zur Bearbeitung. Die einzelnen Stücke waren sehr primitiv und von gelber Farbe. Die Pfeilspitzen und Nadeln waren nicht poliert, das Geschirr grob, offenbar ohne Töpfer- scheide gearbeitet, Knochemverkzeuge wurden fast gar nicht gefunden, wohl aber in der Sandschicht Knochcnrcste von Eleim, Hasen, Fluß- biber und in der Nähe auch Manunutknochcn.—- Geographisches. — Die tiefste Depression des M'e eresbodens. Die im Jahre 1874 von der„Tnscarora" a>n Rande der Kurilen- Inseln gelotete occanische Tiefe von 8513 Meter ist seit Ende 1896 durch beträchtlich größere Tiefen im südlichen Stillen Occan über- troffen. Als der britische Vermessungsdampser„Penguin" im Juli 1395 östlich der Tonga-Jnseln in 8900 Meter de» Meeresboden nicht fand, wurden dort, wie Otto Krümmel in einer Besprechung der tiefsten Depression des Meeresbodens in der„Geographischen Zeit- schläft" mitteilt, planmätzge Lotungen vorgenommen. Es wurde der Meeresboden erreicht:' 1896 bei nördl. Breite 20. Dezbr. 23» 39.4' 20.„ 23° 39,4' 30.„ 28° 44,4' 31.. 30° 24,7' bei östl. Länge 175° 4.2' 175° 4.2' 170° 4.0' 170° 39,0' in Tiefe von 9034 Meter 9184, 9413„ 9427. Bei den erste» beiden Lotungen gelang es nicht, Grundproben zu geivinncn, dagegen wurde bei den beiden andern ein roter Thon gehoben.' Er bestand aus äußerst feinflyckigen Mineral- tcilchen, zivischen denen man Bimsstein und andre glasige Vulkänprodnkte, gemischt mit grünen Augitkrystallcn und rotcnr Palagonit erkannte. Reste von Kicselorganismen waren fast nicht oder gär nicht vorhanden. Seitdem sind»nehrere tausend Lotmrgen in dieser Gegend vorgenommen worden und gestatten ein Bild des Seebodcnreliefs nördlich von Ncn-Sceland. Das Plateau von Ncu-Sccland setzt sich submarin»ach bl.NO über die Kermadcc- Jnseln bis zu den Tonga- und Fidschi-Jnseln fort, nicht aber bis zu den Samoa-Jnscln, die davon durch eine 4500—5000 Meter tiefe Bodenpression getrennt sind. Unmittelbar und scharf am Ostrande dieses Plateaus zieht sich eine siefe Rinne hin. Sie beginnt nahe am Ostausgange der Cookftraße und verläuft von da in nordnord- östlicher Richtung fast 3000 Kilometer bis zu den Samoa-Jnseln. Ihre Tiefe niinnrt nach Norden rasch zu. Durch drei An- schwellungen des Bodens, über denen das Meer eine Tiefe von 4000 bis 0200 Meter hat, ist sie in ihrer Streichrichtuiig in vier Mulden geteilt, von denen die südlichste 7400 bis 8010 Meter, die beiden mittleren 8000—9427 Meter und 8000 bis 9184 Meter, und die nördlichste bis zu 8286 Meter tief sind. Bei einer Höhe des Gaurisankar von 8840 Meter würde jetzt also der größte Spielraum der Höhenunterschiede der Erdoberfläche 8340+ 9427= 18 207 Meter betragen. Doch liegen die größten bekannten Höhenunterschiede zwischen den höchsten Landerhcbnngen mtf) den tiefsten benachbarten Sccbodcnsenbmgen nicht hier, wo sich der höchste Punkt auf der Insel Naoul nur 525 Meter hoch erhebt. sondern' an der Ostküste der Insel Desso, wo der Fujinoyama 37S0 Meter hoch, die unvollendete Lotunq der.Tuscarora" 8513 Meter tief reicht, und an der Westküste von Chile, wo am 13. Grad slld- licher Breite 6366 Meter gelotet wurden und der Sajama 6415 Meter ansteigt, und wo südlich davon am 26. Grad südlicher Breite der Meeresboden in 7635 Meter Tiefe gefimden ist. der Gipfel des be- nachbarten Llullaico die Höhe von 6660 Meter erreicht, also ein Höhenunterschied benachbarter Punkte von 14� Kilometer vorhanden ist.— Aus dem Tierleben. Die Regenbogenforelle ist heimisch in den Ge- wässern Kaliformens, die dem grossen Occan zufließen. Etlva bis zum 24. Grade nördlicher Breite herab erstreckt sich ihr VerbreitungS- gebiet: sie bclvohnt also noch Gegenden, deren Teniperatnrv erhält- insse das Gedeihen andrer Salmoniden vollständig ansschlicssen. Die Fähigkeit', in hoher Temperatur sich noch giuistig fort- entwickeln zu können, und noch weiter nicht zu unterschätzende Eigen- schaften, die wir nachstehend aufführen, sicher» dieser Forelle eine ganz hervorragende Stelle als Teich-Znchtfisch. Im Teich hat man die Regenbogenforelle stets in der fHand, im offene» Wasser da- gegen scheint sie. so weit sich dies bis jetzt durch gemachte Versuche zu bestätige» scheint, sich fast immer nur gar zu bald zu verabschiede», um an den verschiedensten Orten wieder auf- zutauchen. Den Namen verdankt die Regenbogenforelle ihrer Farben- Pracht. Die Laichzeit fällt, entgegen der andrer einheimischer Forellen, nicht in den Winter, sondern ins Frühjahr sMärz bis April). Zahlreiche Brutanstalten in allen Teilen Deutschlands, der Schweiz und andrer Läirder beschäftigen sich mit der künstlichen Ausbrütnng der Eier mit nachfolgender Aufzucht der Brutfischchen. Die Rachstage»ach Setzlingen hat sich bis heute von Jahr zu Jahr gesteigert. Die Dauer der Bebrütung der Eier dieses Fisches' ist verhältnismäßig kurz zu nennen, am 20. Tage schon erscheinen die Augen, am 36. bis 33. Tage schlüpft der junge Fisch aus. Der Dottcrsack ist nachher m iveitcren zwei bis drei Wochen aufgezehrt. Die Jungen entwickeln bald einen großen Appetit, sie wachsen darum auch infolge ihrer großen Gefräßigkeit sehr rasch heran. Fischbrut vom Jtini zeigt bei richtiger Fütterüngsweise im Frühjahr des nächsten JahreZ eine Lauge von 25 bis 28 Centimeter bei entsprccheildem Gewicht. Jährlinge haben nach weiteren vier bis sechs Monaten häufig ein Gewicht von 0,3 Kilogranun und darüber erreicht. Trotz der Wännczunahmc des Teiches bleibt die Gefräßigkeit von Groß und Klein stets dieselbe, ein Umstand, der sie vor allen andern Fischarten besonders auszeichnet. da die meisten Fische in der Regel bei vermehrter Waffcrwänne in der Aufnahme von Nah- rung ganz merklich nachlassen. Die Forelle ist stets auf der Suche nach Nahrung und durchstreift den Teich nach allen Richtungen; sie verschniäht durchaus nichts. Reben Wassertierche» aller Art nimnrt sie auch Gctrcidckörncr, Brot. Eingeweide von Tieren und Kartoffeln auf; als besonderer Leckerbissen scheint ihr der Wurm zu munden. Sie beißt darum an der Wurmangel sehr gern, aber auch sehr vorsichtig an, weshalb ihr Fang mit dieser nicht so reichlich ist. Da- gegen geht sie geni in die Reuse und wird mit dieser zu Hunderten gefangen. Während nian früher die Brut zum Einsetzen für sehr geeignet hielt, ist man neuerdings zur Einsicht gekommen, daß ein- und zwei- jährige Setzlinge iveit mehr Erfolg sichern. Dabei muß man selbstverständlich für Abhaltung andrer Raubfische, wie der Hechte. Barsche, Aale u. dgl. mehr Sorge tragen, wenn nian nicht in Gefahr laufen will, daß binnen lvenigen Wochen durch die Anwesenheit dieser jene bis auf das letzte Exemplar verschlvinden.— In neuerer Zeit bringt man die Rcgcnbogen-Forelle auch hauptsächlich in Karpfenteichen unter; auf 100 Karpfen rechnet man 25 Stück. Doch ist hier die Tiefe, die Güte des Wassers und ein stetiger Zu- und Abfluß von ganz besonderem Einfluß mif die gedeihliche Entwickelnng.— t,.HanL, Hof, Garten".) Technisches. — Tre i b s e ile aus Papier. Nachdem daZ Papier schon zu verschiedene», im ersten Augenblicke für dieses Material wenig geeignet erscheinenden Zwecken, wie für Radreifen, Schornsteine, Oel- fässcr, Zähne usw. erfolgreich angewendet ist, hat jetzt, wie die Wochenschrift„Mutter Erde" mitteilt, eine englische Firma in Wolver- hampton Treibseile aus Papier hergestellt, die sich im praktische» Gebrauche bewährt haben. Die Seile werden aus drei oder besser ans vier Hanptlitzen gedreht, die ihrerseits wie bei Hanfseilen aus einer Anzahl von Schnüre» bestehen. Diese werde» auS fortlaufenden Papicrbreistrrifcn gewunden, denen man eine bestimmte, gleichbleibende Fadenstärke giebt. Der Papierbrei wird durch kochendes Oel wasserdicht gemacht. Die Papierseile sollen sehr gleichmäßig aus- sehen, haben neu eine hellrehbraune Farbe, fühlen sich weich an, wenn auch nicht so weich wie Bannnvollseile, sind etwas leichter als diese und bleibe» auch bei 35 Millimeter und mehr Durch- messer schön geschincidig. Ein 25 Millimeter starkes Seil war bereits 18 Monate im Gebrauch und trieb eine Maschine von der über 27 Meter entfernte» Hanptwelle aus mit einer Geschwindigkeit von rund 210 Meter in der Minute. ES jLeranrioortliche: Redacteur: Panl John in Berta sah glänzend poliert ans, war geschmeidig geblieben und zeigte keine' Spuren der Abnutzung. Das gleiche galt von einem rund 40 Millimeter starken, 32,5 Meter langen Papicrseil, das die ganze .Kraft einer Maschine von 6 Pferdekräften auf die Welle übertrug und seit Anfang Februar 1899 lief. Sein Weg führte durch einen Raum, in dem sich häufig kondensierter Wasscrdampf befindet, doch war eine Wirkung davon am Seil nicht sichtbar. Ein drittes. 21 Meter langes Seil verband mit noch 4 Hanfseilen das Triebrad einer Maschine von 20 Pferdestärken mit der Hanptwelle und bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von über 600 Meter in der Minute. Obwohl es schon seit fiinf oder sechs Wochen lag, sah es ans. als wäre es erst wenige Stunden in Arbeit. Nicht so günstig stellt sich der Gebrauch der Papierseile zum Zug, weil ihre Zugstärke nicht die der Manila- seile erreicht.— Humoristisches. — Neues von Serenissimus. Durchlaucht waren im Konzert und sprechen dem Pianisten gegenüber große Bewundcning aus;„Fabelhafte Technik; habe gestaunt! Hm— ja! Freut mich besonders, daß Sie beim Spielen so ruhig sitzen.— Aeh— ja, war neulich im Orgelkonzert; war ein Mensch da— spielte sonst gut, hat aber so gräßlich nnt den Beinen gestrampelt!"— — Z n r A u s h i l f e. Für den Fall, daß der Reichstag auf- gelöst und eine Neuwahl zum deutschen Reichstag nötig werden sollte, hat die Reichsregierung beschlossen, die„ L i t t c r a t u r g e s ch i ch t e des 19. Jahrhunderts" von R i ch. M. Meyer wegen ihrer Vollständigkeit als Wählerliste zu benutzen.— („Jugend".) -»Aus f r ü h e r e n Z e i t e n. D o r f- V a d e r(zum Bauer): „Also rasiert willst sein und Aderlässen auch?" Bauer:„Raster mich nur erst, vielleicht ist daun'S Ader- lassen gar n et uötigl'— Notizen. -» Im Berliner Schauspielhause lvird nach Otto Emsts „Jugend von heute" als nächste Novität„Die Tochter des Erasmus" von Wildenbrnch, alsdann eine Ncueinstndierung von Shakespeares„Heinrich V.", und als drittes ein— Schwank von Moser und Trotha„Der wilde Reut- hingen" zur Aufführung kommen.— — Ein Wiener„Soubretten-Ensemble" unter der Leitung von Gotthof Grünecke gastiert gegenwärtig in den rheinischen Städten. Das Damen- Enscnible briiigt kleine Operetten und Schwänke zur Aufführung, u. a. auch ein Offeubach- sches Singspiel„Die überlistete Scharwache" usw.— — Bei einer Vorlesung moderner Lyrik in der M ü n ch e n c r „L i t t e r a r i s ch e u Gesellschaft" hatte Richard Dchmel auch Gedichte von Alfred Mombcrt auf da? Programm gefetzt. Als er aus den„Stimmen ans der Schöpfung" dieses Dichters vorlas, kam es zu einer Sceue, die dem„B. T. wie folgt geschildert wird:..Erst ging ei» leises verstohlenes Kichern durch die Reihen der Zuhörer; aber dieses Kichern wuchs zum Lache», das sich immer lauter und freier Lust machte. Und zwischen den Lachstürmen tönte» grelle Pfiffe. Dehmel merkte erst nicht. was um ihn vorging, so sehr»vor er in die dunkle Symbolik seines Freundes Monibert versunken, ganz Prophet und Hohepriester. End- lich sah er ans von den freien Rhythmen mid starrte fassungslos auf das lachende Auditorium. Aber nur einen Augenblick; dann runzelte er die hohe Stim, klappte die„Stimmen n»S der Schöpfung" zu und verließ mit einer nnnachahmlichen Geste der Verachtung das Podium, um es nicht wieder zu betreten."— — Otto G u m p r e ch t, der langjährige Musikrefercut der „Natioual-Zeitniig", ist im Alter von 77 Jahren in Mcra» einem Schlagaufall erlegen.— t. Ein Buch übet«Internationale Geographie" wird demnächst in dem Verlage von Appleton in New Jork er- scheinen. Nicht weniger als 70 Gelehrte ans Europa und aus Amerika sind an der Herausgabe des Werkes beteiligt. De» Ab- schnitt über Deutschland hat Professor K i rch h o f i- Halle verfaßt. Sonst sind»och hervorzuheben: Fritjof Nansens Abhandlung über Nordpolargebiete, Sir John Murray über Südpolargebiete. Das Buch ist mit fast 500 Karten besonderer Herstellung ausgestattet.— — I» der Verwendung der Brieftauben zur Benach- richiigmijl des Arztes auf dem Lande hat ein französischer Arzt eine wesentliche Verbesserung eingeführt: Er verwendet einen Tauben- schlag, welcher so eingerichtet ist, daß ihm die Rückkehr jeder Taube automatisch angezeigt wird. Besonders bemerkenswert ist es, daß es ihm nicht allein gelnngen ist, durch Brieftauben Depesche» zu empfangen, sondern solche als Antworten zurückzugeben.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 11. Februar._ . Druck und Verlag von Max Boving tu Berlin.