Anterhaltungsblatt des Uorwäris Nr. 35 Dienstag, den 20 Februar ILM lNackdruck verböte».) Antev dem Srhutze des Gesetzes. Vo» Maria K o n o p n i ck a. I. Der Gefänflinswärter warf die Thür geräuschvoll ins Schloß und drehte den Schlüssel um. Sie aber sah sich nach allen Seiten um und zog das dicke Wolltuch, das ihr Haupt und Arme bedeckte, tiefer über das Gesicht. Die Straße war fast leer. Nur die Spatzen ließen ihr lärmendes Gezwitscher unter den Gesimsen des Gefängnisses hören, von der Ferne drang das Rasseln schwerer Sohlen- wagen, und der Hund des lvachthabenden Soldaten, dessen Herr vor seinem Häuschen mit gcschtlltertcm Gewehr auf und ab ging, wälzte sich im Staub, gähnend und nach Fliegen haschend. Bei dem geräuschvollen Schließen der Thürs wandte der Soldat den Stopf, betrachtete das Mädchen, in dessen Augen der Glanz erloschen war. und setzte seine Wanderung fort; dabei summte er leise ein Lied und spuckte öfter durch die Zähne aus. Die alte Jüdin, die dem Gefängnis gegenüber bei ihrer Krambude saß und eine Schüssel saurer Gurken»nd ein Maß Kürbiskörner feilhielt, zählte ihren Tageserlös, indem sie rostige Kupfermünzen aus der am Gürtel über der fettigen Schürze herabhängenden Lcdertaschc herauskramte und schnell mit ihren roten, wimpernlosen Lidern blinzelte. Es war schwül. Die Angustsonne brannte kräftig, wie vor einem Regen. Das Mädchen schritt langsam die Treppe hinunter, dann wandte sie sich nach rechts, und als sie einige Schritte die gelbe Gefäugnismauer entlang gegangen war, blieb sie stehen und lehnte mit dem Rücken gegen die Wand. Ihre Füße bebten, die Luft machte sie berauscht. Seit- dem sie dcil letzten Typhus überstanden, überfiel sie häufig ein Schwindel, während dessen es ihr in den Ohren klang, wie von einer Kirchcnglockc, und vor den Augen schwarz wurde, wie in der schwärzesten Nacht. Sie hatte eine Weile so dagestanden, als sich das Guck- fensterlein der Gefängniskanzlei klirrend öffnete und das blühende, von schönem Haar umrahmte Gesicht des Herrn Oberanfsehcrs zeigte. „Hanta I Hanta! Blacharzowna!" rief er mit klangvoller Stimme. Das Mädchen wandte sich um; dabei glitt ihr das große Tuch vom Kopfe und die gelichteten, dunklen Haare und das kleine abgemagerte Gesicht kamen zum Vorschein. „Komm doch nur etwas näher!" Hub der Herr Ober- aufseher fretindlich an. Sie bückte sich, erhob das unweit unter der Mauer liegende kleine Bündel und trat schtvcigend an das Fenster. „Heute noch wirst Du in Scnkotin anlangen, vielleicht in Tarczyn, und nwrgen zu Mittag mußt Du in Grojec*) sein. Jetzt ist Mondschein, man kann in der Nacht gehen." „Ich werde gehen, gnädiger Herr!" versetzte das Mädchen. „Daß Du mir aber auch unterwegs keine Dummheiten machst! Gott behüte! Merk Dir das. Du gehst direkt zum Magistrat und meldest Dich zum„Aufenthalt". Ich schicke Dich absichtlich nach Grojec, weil dort vieles Internierte sind, es wird Dir heimischer sein." „Ich danke, gnädiger Herr!" „Und daß Du den Zettel zum Magistrat nicht verlierst. Du übergicbst ihn dem Herrn Bürgermeister oder dem Herrn Sekretär. Das ist gleich. Dort wird man Dir ein Schnft- stück herausgeben. Deine Papiere sind schon abgegangen. Ich schicke Dich nicht mit einer Partie, denn D« hast Dich gut geführt. Na, und wie ist cS denn nüt dem Fuß dort? Thut's noch weh?" „Iii... nicht sehr, gnädiger Herr!" antivortetc das Mädchen. •)'(rin unweit von Warschau gelegenes Städtchen, wohin Sträf- linge verbannt werden. Der Fuß schmerzte sie freilich, als zwicke sie jemand mit glühenden Zangeil, aber sie war nicht sicher, ob cS sich schickte, davon zu sprechen. „Na. so geh' Deiner Wege, und Gott geleite Dich!" schloß der Herr Oberaufseher und zog sein Haupt zurück. Das Mädchen ließ sich auf die Erde nieder. Sic holte aus dem Bündel ein altes Tuch hervor, in dessen einem Ende der Zettel für den Magistrat eingewickelt war. und schob ihn tief in ihre Bluse hinein, wobei ihre kleinen Brüste und das grobleincne, wenig gebleichte Hemd sichtbar wurden. Dann erhob sie sich ruhig, blickte unmhig auf die Sonne, als wollte sie abmessen, wieviel Zeit ihr noch bis zum Abend blieb, und machte sich auf den Weg. Anfänglich ging sie langsani, dann inimer rascher, in dem Maße, als ihre an gleichmäßige und beschränkte Bewegungen gewöhnten Beine sich gerade richteten und in der Freiheit an Gcschnieidigkeit zunahmen. Ihre Kleidung war ärmlich. Ein verschlissenes Kleid von unbestimmter Farbe, am Rande stellenweise ausgefranst, hing an ihren schmalen Hüften herab; die Schürze wies eine Menge von bunten Flicken ans; die magern Hände verschwanden in den Aermeln der viel zu großen, stark abgetragenen Jacke; die bloßen Füße, deren einer bis über die Knöchel in einen dicken Leincnfetzen gewickelt war, steckten in niedrigen Schuhen; das große Tuch schien sie mit seiner Last zur Erde zu drücken. Die Straße, die sie ging, zog sich von Osten gegen Westen inmitten einer weiten Flucht von Häusern und Häuschen. Fern von den großen Verkehrsadern, hallte in ihr nur zu- weilen das Getöse der Querstraßen wieder, das bald kräftiger tönte und sich dann wieder in der Ferne verlor. Das einzige Gerassel, das man hier öfters vernehmen konnte, verursachten die kleinen Wagen mit schlechtem Obst, die von armen jüdischen Händlern in schmutzigen Kaftans gezogen wurden, und deren Inhalt von den daneben gehenden Gehilfen mit lauter Stimme ausgerufen wurde. Sobald sich aber ein Wagen zeigte, konnte man im voraus sicher sein, daß er vor denr Gefängnis Halt machen werde. Dieses Gebäude bildete in der That den Hauptpunkt der Straße, seine gelben Mauern warfen einen düstern Schatten auf sie. Das eiligen Schrittes dahingehende Mädchen schien auf seinem gebückten, von einem groben Tuch ein- gehüllten Kopf etwas von diesem Schatten mit sich fortzu- tragen. Sie ging, ohne den Blick von den grauen Pflaster- steinen zu erheben, immer westwärts, der Sonne entgegen, und trotz der sengenden Hitze zog sie das schwere Tuch immer tiefer über das Gesicht, als ob sie darunter verschwinden wollte. Ein vorbeilaufcnder Schlächterjunge versetzte ihr einen Rippenstoß, aber sie sah sich nicht einmal um, als ob das etwas ganz Natürliches wäre. Sie ging und sann... Ach dieses fürchterliche gelbe Haus! Wie das den Menschen von Grund aus umwandelt/ Als man sie abführte. wollte sie sich das Leben nehmen, wollte Hungers sterben, wollte sich den Kopf zerschmettern. Jetzt— es war. als wäre etwas in ihr umgetauscht. Sie fühlt weder Reue noch empfindet sie Freude, ganz wie dieser Stein auf dem Felde... Drei Jahre... runde drei Jahre... ... Ach, dummes, dummes Mädchen! Wozu hatte sie das gebraucht? Konnte sie nicht, wie andre Mädchen, ehrlich dienen? Wär'S nicht besser gewesen, heute, ohne die Augen niederzuschlagen, erhobenen Hauptes unter den Leuten in Ehren cinherzugehcn! Und da mußte sie sich in solch ein Hemdchen stecken! Die Hunde möchten über sie heulen, wenn sie sie wittern würden. Die Eltern möchten sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüßten, wie man sie durch allerhand Gerichte und Amtsstuben schleppte.„. ... Ach. wie viel Schande mußte sie über sich ergehen lassen, wie viel Schmach, wie man Wermut schleckt und bittere Kräuter... ... Ach, sie dununes, dummes, dummes Mädchen!... Ein schwerer Seufzer, der wie ein Stöhnen klang, entrang sich ihrer Brust, und ohne den Schritt zu verlangsamen. schüttelte sie das Haupt, als empfände sie tiefes Mitleid mit sich selber und der eignen Dummheit. Jetzt trat eine leichte Röte auf ihr schmales, braunes Gesicht. ... Pjetrck. �. Wo nur Pjetrck jetzt sein niochte?... Vielleicht hat er die rote BaSka geheiratet, vielleicht ist er schon ganz und gar ein großer Herr geworden. So, oder so, für sie ist er nun einmal für immer verloren. Gleich wie der Wind, der verweht, wie das Wasser, das versließt, ist er für sie verloren. ... Und schön war der Junge, wie zum Malen. Einen Nebcrzicher trug er, Cigarcttcn rauchte er, die Hände hielt er stets in den Taschen und die Gamaschen sahen ihm an den Schuhen heraus. Ganz wie ein Beamter, oder so ein Herr. Wäre ein Amt denn etwa was Großes für ihn gewesen? Gcnicindcschreiber wäre er ja gewesen, sagte er, im Edelhof saß er mit den Herrschaften bei Tisch,— aber dann haben sie ihn fortgejagt, weil sie nämlich so neidisch ans ihn waren. Als er anfing, zu ihr zu gehen, waren alle Mädchen im Hause aus sie wegen dieses Kavaliers neidisch. Aber er lächelte nur und drehte den Schnurrbart. „Jll) werde Dich heiraten, Hainichen, liebes Hannchei»", sagic er,„denn Du gesällst mir furchtbar". Sic versetzte:„Aber, wo werden der Herr Pjetrck mich heiraten, ich bin doch mir ein armcS Mädchen". Und er wieder:„Ach was. arm oder nicht. Das kann man noch gar nicht ivissen. Wenn nur Verstand im Kopf ist, kommt das Geld von selber. Brot in der Hand, Geld in der Tasche"... Ach, sie war ganz vernarrt in den Schlingel. Für ihr Leben hatte sie ihn gern. Und wenn er nicht die Schlüssel zu den Zimmern. sondern das Herzblut von ihr gefordert hätte, sie hätte es ihm nicht versagen können. So lieb hatte sie ihn gehabt. Schon ein Vierteljahr hatte sich die Sache hingezogen, da fuhren einmal die Herrschaften ins Theater und Pjetrck kam zu ihr.„Ich werde Dich heiraten. Hannchen, aber Du mußt mir behilflich sein. Wenn Du mir nicht hilfst, gehe ich sofort zur Baska".— Und Baska diente im dritten Hause. Wie sie auch flehte und wie sie bat, cS half nichts.„Entweder D» hilfst mir, oder Baska hilft mir. Giebst Du mir den Schlüssel, heirate ich Dich, giebst Du mir den Schlüssel nicht, geh' ich zu Baska." Schließlich gab sie den Schlüssel her. Kaum hatte er ihn, slugs war mein Pjetrck im Zimmer, sie schlich sich die Treppe hinunter, vor das Thor. Es litt sie nicht in der Küche. Sie stand vor dem Thor und lugte aus, ob die Herrschaften nicht heimkämen, das Fieber sck)üttclte sie. daß sie mit den Zähnen klapperte. Die Hausmeistcrsfrau kommt, spricht zn ihr, und sie steht, ohne sich zu rühren, die ausgedörrte Zunge liegt ihr wie gelähmt unterm Gaumen, in der Brust hämmert es, Hitze und Frost überlaufen sie ablvechselnd, und jedes Aedcrchen ihres Körpers zuckt, daß sie sich gegen das Thor lehnen muß, um nicht umzufallen. Es dauert nicht lange, da sieht sie, daß Pjetrck geht. Den Pelz des Herrn hat er an, den Kopf trägt er hoch, de» Hut seitwärts geruckt, eine Ctgarre zlvischen den Zähnen, die Hände in den Taschen— mit einem Wort, ein ganzer Herr. Nur sieht ihm clivas von der linken Seite unter dem Pelz hervor. Es dänunerte schon, aber sie erkennt gleichivohl, daß er eine Schachtel trägt. Sie klatscht in die Hände:„Pjctrek... Pjctrek." Er schiveigt. Geht stolz seinen Weg, als ob er sie gar nicht bemerkte. Sic hängt sich an seinen Aermel, er schüttelt sie nur so ab. Da, mit einem Mal, plunips, fliegt ihm ein silbernes Theelöffelchen ans der Brust. Sie bückt sich danach..... Um Gottcslville», Pjetrek, auch das Silber?"...„Marsch, geh Deiner Wege!" giebt er nur zurück, und geht weiter, mit den Zähnen knirschend... Sie vergaß das Haus, vergaß die Herrschaft, rannte ihm nach, wie besessen, von einer Gasse in die andre, bis sie ihn beim letzten Lateruenpfahl einholte, gerade als er die Schachtel von dem linken unter de» rechten Arm schob. Sie Ivar ohne Besinnung, ohne Atem, hatte ein Sausen in den Ohre», im Halse war's ihr trocken,, sie»vollte schreien:„Haltet ihn!"... Aber die Zunge war ihr im Munde erstarrt. Als sie ihn erreicht hatte, lehnte sie sich gegen die Laterne, verschluckte sich und brachte mühselig hervor:„Pjctrek, gehst Tu fort ohne mich?" „Mach, daß Du fortkonimst, Diebin I" knurrte er und drehte ihr den Rücke». Sie rang die Hände. „Ich bin also die Diebin?" „Nicht das ist der Picb, der stiehlt, sondern der den Dieb gewahren Mi." w „Um Gotteswillen, Pjetrek. lvas redest Du da? Was ist in Dich gefahren?'Wir sollten ja heiraten. Pjetrek!" Sie klammerte sich an ihn, sie stöhnte, sie jammerte, er brummte nur:„Mach daß D» fortkommst, Hundebrnt!" Darauf ein Fluch, ein Stoß mit der Faust gegen die Bnist, daß sie die Besinnung verlor und zu Boden stürzte.... Wie sie es fertiggebracht, sich zu erheben und nach Hause zu gelangen, wußte sie selber nicht mehr. Zuerst wollte sie gleich davonlaufen, aber es kam ihr vor, daß hinter dieser Laterne, wo Pjetrek sie stehen ließ, die Welt schon ganz auf- höre, und es nichts mehr gebe, wohin man sich verkriechen könnte. Sie blieb. Die Herrschaften kommen heim. ein Lärmen, ein Schreien... der Pelz fehlt, das Silber fehlt, das Geld fehlt. Man durchwühlt alles, sucht überall und entdeckt in ihrer Tasche das Theelöffelchen, das sie hinter dem Pjetrek aufgehoben hatte. Man fällt über sie her und schleppt sie vor Gericht. Ach. wie hat sie geweint, bitterlich geweint! Aber den Pjetrek hat sie. doch nicht verraten. So fest>var ihre Liebe zu ihm. Drei Jahre saß sie im Zuchthans, drei volle Jahre, und er hat kein Wörlchcn von sich hören lassen, keine Nachricht durch andre gegeben... Ganz als wenn sie gestorben wäre. Wie hat man sie gequält, wie hat man sie geplagt! Wo hast Du das Geld, Ivo hast Du daS Geld? Sie stand vor ihnen. wie ein Holzblock. So oft sie sich erinnert, wie er sie aus- geschrien„Fort. Du Hundebrnt!" wie er sie mit der Faust von sich gestoßen, schießt ihr das Blut zu Kopfe und das Herz wendet sich in ihr um, so daß sie nahe daran ist, alles zu gestehen Aber bald steht er Wiedels vor ihr wie lebendig, steckt die Hände in die Taschen, und ihr ist, als hörte sie ihn deutlich: „Hannchen, liebes Hannchen, ich heirate Dich," spricht er, und noch viele andre süße Worte, als kämen sie aus tiefstem Herzen. Und sofort erfaßt sie eine solche Wehmut, daß sie nur zur Erde blickt und kein Wort redet... Und da be- schreibt man sie in den Aemter», schleppt sie von einer Unter- snchnng in die andre, steckt sie i»S Zuchthaus, die Seele möchte man ihr anS dem Leibe reißen, wenn man's nur könnte... Bis sie endlich ihre Zeit abgesessen hatte... ... Ach, Pjetrck, Pjetrek, der hat ihr aber Verstand bei- gebracht, für's ganze Leben... Sie ballte krampfhaft die Hände, daß es in den Gelenken knackte, und erhob ihre bekümmerten, von einer tiefen Falte eingerahmten Augen zn der sinkenden Sonne. Gott mag es ihm verzeihe», aber er hat sie doch gc- schädigt, schwer geschädigt. Bei dein Gedanken, daß ihr schweres Unrecht widerfahren wäre, zog sie daS Tuch noch tiefer, seufzte schwer und setzte. ohne des kranken Fußes zn achten, ihre Wanderung in rascherem Tempo fort. Je weiter sie kam. desto seltener wurden die größere» und desto häufiger die kleinen Häuschen, in denen sich schmutzige Schänkcn befanden. Hier und da spielten kleine Gruppen berußter, ungewaschener Kinder. Hanta bemerkt sie. und im Vorbeigehen wendet sie de» Kops und lächelt sie an. Seit drei Jahren ist das ihr erstes Lächeln. Im Gefängnis hört man häufiges Lachen: ungezügelt, höhnisch, idiotisch, ab- stoßend, erschallt eS jede Stunde in den Zellen und auf den Korridoren. Aber ein Lächeln gehört dort zn den größten Seltenheiten; sogar die Kinder an dem Busen der Mutter haben es verlernt; auf den Lippen der Sterbenden erscheint cS nicht. Düster, erschrocken, mit dem Ans- druck des Entsetzens auf den angeschwollenen Ge- sichtern, erwachen sie, und so schlnmmern sie ein in ihren grauen Mäntelchen. Die Toten verlassen den Raum mit drohender, haßerfüllter Miene in den starren Zügen... Hanla sah zur Sonne empor und beschleunigte wieder ihre Schritte. Jetzt waren zu beiden Seite» der Straße nur noch mit Kalk bestrichene Bretterzäune, dann verschwanden auch diese, die Hintergäßchen erweitern sich zn breiten, auseinander- gehenden Plätzen, und obgleich das Pflaster zu Ende geht, bleiben doch die verstreuten, vorstädtischen Schänken, Gar- küchen und Schnapsbude», nur werden sie immer unsauberer. Das Mädchen war eben in der Nähe einer dieser Schnapsbuden, als die Thür sich mit Krachen öffnete und ans dem Innern zwei Weiber heransstürzten, beide hochrot in den Gesichter», indem sie die Tücher einander von den Köpfen zerrten, sich ins Gesicht fuhren»nd mit ihrem Lärm das sicllciide Piepsen einer Drehorgel übertäubten, die vor der Thür ein kleiner schwarzer Jude spielte, der seine Mütze ties znrückgeschoben hatte und mit weit auseinandergespreizten Beinen dastand. Tolles Lachen und das Getöse trunkener Stimmen drang aus dem Innern, und in der Thüre drängte sich ein Häuflein Männer, die sich über die zankenden Weiber amüsierten. Die Zankenden schwangen schon die Fäuste, und der Leiermann braelste auf seinem Kasten die dünnsten Töne her- vor, als durch die offene Thür ein junges hübsches Mädchen, fast noch ein Kind, herbeigelaufen kam und vor dem Leier- kästen zn tanzen anfing. Ihr schwer blonder Zopf löste sich zur Hälfte und fiel herunter, der Kopf wankte hin und her, das nicht ganz zugeknöpfte Leibchen ließ einen schlanken Hals sehe». Sie war offenbar nicht ganz nüchtern, denn die Augen waren umflort und die wirre Zunge stammelte mühevoll die Worte eines unflätigen Gasseuhaners, mit dem sie ihren Tanz begleitete. lFortsctzmig folgt.) Eugen d'Albeek. AIS kiust Richard Wagner in irgend einem Orchester ein Sliid anders dirigiert hatte, als l>is dahin n blich war, begann am nächste» Tag der ständige Dirigent seine Thntigteit mit den nngejähren Worten:„Nun, meine Herren, jetzt ivollcn mir dies wagnerisch nehmen." Wagner aber, der diese Geschichte erzählt, setzt hinzu: .Ja ja, meine Herren, es könnte noch manches.wagnerisch" gc- nomnren»Verden l" AIS anfangs Aouenrber 1898 in einem nnsrcr Sinsonie-Äonzerte die Konzerlsccne„Seejmrqfränlem" von Gm» und d'Albcrt aufgeführt war. ohne rechten Erfolg und mir mit dem Misterfolg, da st. die hiesige Mrisiktritil davor fast einstimmig durchfiel,»vär einer der Kritiker gaiiz besonders aufgebracht darüber, das; das Seejmigfränlein, ins Meer stürzend, unter ranschendem Harfcnklang erlöst wird, und spottete, bei den Wagnerianern gehe es nie ohne„Erlösung� ab. Dast doch Wagner damals noch gelebt hätte I WaS würde er sagen? „Ja. ja, meine Herren, es könnte manchem nicht schaden, wenn er erlöst würde!" WaS nun d'Albcrt betrifft, so blieb er auch weiterhin der all- belvnnderte Klävierliinstler nnd ersolganne Komponist. Unser Publi- knni scheint im allgemeine» dem nicht zn trauen, der ans einem. Gebiet grast ist und nun auch auf einem andern Gebiet als grast gelten soll: es glaubt wohl, in allem wieder z. V. den Solovirlnosen sehen zu müssen. So ging d'Abcrts höchst feinsinniges musikalisches Lustspiel„Die Abreise" in» allen Opernhaus ohne nach- haltigen breiten Eindruck vorüber; sein ncnliches KoinposilionSkonzert schlug allerdings kräftig ein, objchon auch hier am kritischen Ver- ständnis»och manches zn fehlen scheint; und sein„Mnsikdrama in einem Rnfznge":„itain" ging am Sonnabend in der König- lichen Oper mit cinci» Beifall, der zwar intensiv, aber nicht breit und anscheinend sowohl von sachlich Begeisterte» als auch von persönlich Bcrclizten mühsam aufrecht gehalten ivar, in Seene und wird»nn vielleicht abermals die dmchschniNlicheu Kritiker vor eiloaS ihnen zu Hohes gestellt haben. Bon einem ivcnigstcnS, deffen Bericht ich laS, habe ich bereits genug. Dast sich gegen d'Alberts Kompositionen und Komposiiions- Ivcife vieles„einwenden" lästt, ist klar. Ilm dieses genügend ans- einandcrznsetzen, müstte man schlicstlich die ganze» Ervrternnge» über WagncrS Ännstweisc noch einmal nnsnehme» und daran eine Besprechung von d'AlbcrtS spccielle» Eigenheiten anschllesten. Wieder haben wir, i» den vokalen Werken, die strenge Unter- ordnnng der Musik unter die Dichtung und das beinahe fortwährende schnelle Hcrnnnverscn der Musik von Harmonie zn Harmonie, von Rtzthmns zn glhthmns, das namentlich einem weiteren Publikum so Ivenig musikalisch leicht Greifbares,..GchörSanschanlichcs", zukommen lästt. d'Alberts Knust ist»och lünsttichcr, noch weniger vollstiiiiilich als die lltichnrd Wagners sniit starkem Gegensatz gegen Siegsriev Wagner); sie ist»och»»ehr instrumental,»och weniger gesanglich angelegt als jene: mid sie gefährdet ihren Eindrucl noch mehr als jene durch ihren übcrüppigc» verjchlungenen Reichtum. Da'ür scheint sie mir allerdings mehr lyrische Süstigkeit und weniger dramatisch» charakteristische Herbigleit zu ciilhalteu. Ihre eigentliche Gröstc aber, die gewaltige Plastik des Ausdrucks änstcrcr und noch mehr seelisch- innerer Erscheinungen, mit der sie wie leibhaflig darstellt, was sie darstellen will, wird dadurch nicht geschmälert. So präsentierte sich uns in dem nenlichen Konzert schon der Anfang der Oper„G e r» o t"— ein Etsenstückchen elfigster Art, mit prächtigen Chören und einem Tanz, der aber mit knapper Not den Eindruck eines solchen macht und im übrige» unter all den innsika- lischen Schätzen gleichsam erstickt. Ei»„W a l z c r"-Klavierstück gar, das dann neven einem„Intermezzo" gespielt wurde, zeigt diese Eigenart so sehr, dast man es geradehin vorbeigelniigen nennen kann: kaum ist ein anschaulicher, einfacher Gnmdzng da. so stellt sich auch gleich wieder die Töneflut ein. die ihn vergräbt. Den reinste» und vielleicht originellsten, wenn auch nicht mibedingt den bc- deutcudsten Eindruck jenes Abends machte wohl das Konzert für Bioloncello: endlich eine Erlösung vor der beängstigenden Beschränktheit dieser Spcciallitteratur und vor dem Sologebniurncl. das darin vorherrscht. Die Themen sind schlechthin tvuudcrschön und sind anss intcresianteste durchgeführt, wenn auch von einer„Metamorphose" derselben zn spreche!,,>vie es in dem Programmbüchlein jenes Konzerts geschah, doch zn weit gegangen ist. Nickt vergessen werden darf, Ivos für den Konlponisteu damals der Cellist Hugo Becker, und noch mehr, was seine eigne Gattin H e r in i ii e d'Albcrt bedeutete: sie sang die Hanptpartien in den vokalen Werke» und einige Lieder; der Frau Herzog, die das„See- jinigfräulein" seiner Zeit gesungen hatte, steht sie immerhin nach, was die Leichtigkeit, Beweglichkeit der hohen Töne betrifft, giebt ihr aber an Weichheit der Stimme und an Wärme des Ausdrucks doch noch etwas vor. Und nun der„Kam I" H e i» r i ch sB n l t h a n p t hat die alte Mordgeschichte zu einem Drama gesteigert, das freilich verlangt, dast man es„kapiert". Der Hauptpunkt ist: dem lief seelisch leidenden mid Gott hcraiisfordcruden Kai» erscheint Lncifer. der sich ihm als der Befreier von des Paradieses träger Wonne, als der Bringcr vom Werden»nd vom Wechsel, von der Sünde und von der Erlösung, d. i. dem Tode, zeigt. Dieser Gedenke führt den Kain zur Erregung über Abels paradiesische Schwärmerei nnd zur Mordlhat, mit der er dem Binder de» Weliciierlöser, den Tod. bringen ivill. Als„der Mensch" zieht er hinaus in die Welt, be- gleitet von seinem Kind Hnnoch»nd seiner Frau Adah, in deren Seele das Furchtbare nicht die Liebe zum Unseligen nnterdrückeu kann. Und nicht, tveil der Komponist noch ein Orchcsicrnachspicl bei offener Seene braucht lwic in der Zeitung sieht), sonder» weil der Dichter ein volles Bild der Lebciiscnltvicklinig braucht, die Knill durchmachen mnst bis zum Tag der Erlösung, deswegen steigt er mit den Seinen langsam, sehr langsam in die Berge... An diesem springenden Punkt hat d'Albcrt das Drama mnsikalisch »>it fester Hand angepackt. Nicht der Gegensatz von Gut und Böse. von Hell imd Finster n. dgl. mehr in den Brüdern, sondern die Bcr- icinigimg von diese» Gegensätzen»nd von Unheil und Erlosmig lja, ja, meine Herren!) in dem Schicksal KainS: das ist das Reue, Graste, so ganz nnd gar Künstlerische, das da vor u»S steht. Es giebt nicht bald süstere Töne als die, mit denen Lnciser dem Kam den ewigen Schlaf schildert, nnd die dann Kain gegenüber Abel wiederholt:„Er netzt uns die Stirn mit dem Mohn des LergcsscnS..." Neben diesem innsikalisch-dramatischen Treffer ist, waS sich sonst über die Musik sagen lästt, nur mehr Ergäuzimg. Die manchmal etwas ciiilönige Dellamatioii, die über den zanberhast reichen Fluten des modernen Orchesters dahinschlvebt; das als Quartett ivicderholte Gebet Adams; der auch im Vokalen hervorragend schöne Dankgesaug Abels; sei» langsamer, wiedermn den Segen des Wclterlöscrs zeigender Tod; dann der„die Stimme des Herrn" darstellende Chor; der Gegensatz des Schmerzes und der Liebe im Gesang Rdahs; die Orchesterlniist der Ratiirschildermig, welch' letztere immer ans dein Verlauf deS Ganzen heraus glaubhaft Ivird; endlich die charalteristischeii Wandlungen des Lcitiiiolivs Kains— das alles sind schliestlich nur die richtigen Konsequenzen davon, dast einer, der was versteht und lau», die Hauptsache erfastt hat. Die Dmstellimg war alles in allein würdig und schön, die scenischen Bilder sehenswert. Tie scheinbare Kleinigkeit, das; jene Stimme deS Herrn vorne seitlich, statt ans der Höhe ertönte, sollte aber sofort verbessert werden. Der Sohn Kains tFran Gra dl) erschien als ein etwa t'»jähriger Bursche, seine Mittler(Frl. R o t h a n s e r) 29 jährig und seine Grostmutter Eva misreiwillig übertrieben. Die Rolle Lncifcrs lHerr M ö d l i n g e r) sei ob ihrer mannigfache» Schwierigkeit noch eigens, genannt. Gesang und Orchester— dieses unter Dr. M u ck— waren auf ihrer Höhe. Und mm wieder weiter zum Alltag Nitsrcs OpcrutebeiiS,„dein lockenden Trug, dein bunten, deS Seins.. l«. Mleines Feuilleton. — Ruflernzucht im Adriatische» Meer. ES dürste ivenig bekannt sein, so schreibt die„Wiener Abendpost" nach den Mit- teilnngeit ans dem Gebiet des Seewesetis, das; die Zucht der ivohl- schmeckenden adeialischcn Auster sOstrea. e du Iis) an der Küste der östreichischcn Adria systematisch und mit sehr befriedigendem Erfolg betrieben Ivird. Die Küstcubewohner beschränken sich noch iiimicr darauf, an seichten Punkten Pfähle oder stärkere Aeftc der Steineiche in den Grund zu treiben, an welche sich im Frühjahr die schwinnnende AnsteAibriit anheftet. Die Auster ivird nach Erreichung der gewünschteir Größe ohne weitere Behandlung dirett auf de» Marlt gebracht. Drei Jahre brauchen diese Austern, um mnektsähig zn»'erden. Rationell aber ivird die Ansternziicht von dem östrcichische» Verein für Seefischerei mid Fischzucht seit dem Jahre 1891 betrieben Vornehmlich kommt die Anstalt hinter der Sanddüne S. Pielro d'Orio in der Lagune von©ratio in Betracht. Das hierbei angewendete System ist teils das sranzösische, teils das in Taranto übliche. Es lvurden Dachziegel, die mit einer diiiineii fmlkschicht iil'evzoge» siub, teils Pyramiden, teils (tnffclfönnig über einander geschichtet auf hartem und sandigem, mit niedriger Algen- Vegetation bedecltm Laglinenboden iii einer Tiefe von 0,'8 Meter(bei Ebbe) gelagert. Gleich im ersten Jahre hatte sich eine Menge Ansternbrnt angcsannneit, so dah im darauf folgenden November die Junganstcrn abgelöst und nach französischer Art in 5tistchen ans verzinltcm Eisendraht gebettet werden konnten. JcdeS Niftcheii enthielt ungefähr 1500 Junganstcrn. Wurde beim Ablösen der Jungaustern die Schale mitunter verletzt, so blieb dies doch für die Entwicilung des Tierchens ohne Schaden, da sich die verletzte Stelle nach Ablauf von drei Monaten wieder zu verdichten ■pflegte. Die iu Frankreich als„Loissoas chambnlaneo" bezeichneten Drahtkistchcu ivnrde» sodann nach dem im östlichen Teile der Lagune gelegenen Kanäle bei Moreri geschafft und dort an eigens hierzu in den Boden gcranimtcn. mit Drahtseilen verbundenen Holzpfählen auf- gehäugt. So konnte schon im nächsten Herbste ein namhafter Teil der Jungaustern marktfähig gemacht werden, und es wurden 25 000 Stück sofort an die nngrischc Sccbchörde in Finme, teils an verschiedene inländische Ansicrnzncht-Anstaltcn übergeben. Noch günstiger ge- stalteten sich die Versuche nach dem in Taranto üblichen System, welche? darin besteht, das; man ans Reisern des Gummi- banmS kleine Bündel verfertigt und im Frühjahr als Brntsaminler versenkt; die Zweige werden in ebenso viele Stückchen zerschnitten, als derselbe Junganstcrn trägt. Die Teilstücke aber werden in eigne, anS Kokosfnsern geflochtene Seile gesteckt und in ähnlicher Weise wie die weit kostspieligeren französischen Kassetten anfgehäiigt. Im ganzen werden in der Lagune von Grado jährlich 200000 bis 000 000 Stück Austern gezüchtet, Ivelche teils in Trieft, teils in Venedig auf de» Markt komme». Ans der Bucht von Mnggia werden jährlich 100 000 Stück in Verkauf gebracht; der Preis dieser Austern ist ein relativ hoher, da bei direktem Bezüge das Dutzend mit 00 Krenzern, ja mit einem Gulden bezahlt zu»verde» pflegte. Gute Absatzgebiete für die vstreichischc Auster sind in letzter Zeit Ungarn, Bosnien und die Herzegowina geworden.— Litterarisches. t\v. E y s e n. Deutscher Adel«IN 1900. Roman in 2 Bänden von Georg Frhr. v. O m p t e d a.— F. Fontane«. Co., Berlin.— Die Zahl jener schriftstelleniden Militärs, die den Degen init der Feder vertauschen und nun den deutschen Büchermarkt mit einer Specialliteratur von militärischen Kriegs- und Wachtstuben-Abentcuern, Soldatenroinanen ä laHackländer und Eschstruthiaden ans den exklusivsten Kreisen der Bourgeoisie versorgen, mehrt sich mit jedem Jahr. Das ist kein Vorteil für unsre Litteratur. Diese schriftstelleniden Offiziere pfropfen ihren Standesdünkel und ihre Lilasseiwonirteile auf gegebene Verhältnisic und produzieren so unwahre, verzerrte Bilder unsrcS Gesellschaftslebens. Wie ein formloser Brei wälzt sich diese Litteratur über den deutschen Büchermarkt und erschwert dem wirklich Guten, seinen Weg zu finden. Auch Georg v. Ompteda gehört zu den schriftstelleniden ehemaligen Militärs; indessen darf man ihn mit dem gclvöhnlichcn Masze nicht messen. Turmhoch erhebt er sich über das Gros seiner Schule und ein Buch von Ompteda findet immer ernsthafte Betrachtung im Littcraturteil der Presse. Vor ivohl zehn Jahren brachte er zuerst ein Bündchen:„Von der Lebcnsslrasie und andre Gedichte" heraus. Dem ist dann eine lange Reihe Romane und Novellen sotvie eine feinsinnige llebertragnng MaupasiantS gefolgt. In feinem neusten Werk: E y s e n, will der Verfasser ein Zeitgemälde des Adels an der Jahrhundertwende ent- werfen und das Schicksal einer ganzen Gesellschaftsklasse zeichnen, indem er aus einem ivcitverzlvcigtcn Geschlecht die einzelnen Typen des Adels herausgreift. An und für sich ein interessanter Borivurf. Diese Klasse der ,', Edelsten der Nation" schleicht nicht nur wie ein komisches Gespenst durch die moderne Welt, sie liegt auch mit ihren veralteten Anschaunngeu und Privilegien lähmend und hemmend auf«nserm politischen,»virtschaftlichen und geistigen Leben. Bei dein vorwärts dringenden Proletariat kann ein Dichter, der diese Klasse mit ätzendem Griffel zeichnet, auf einen interessierten Leser- kreis rechnen. Wie hat Ompteda nun seine Aufgabe gelöst? OinptedaS Roman verfolgt keine dem Adel feindliche Tendenz. Die Schilderung der Familienschicksale derer von Eysen und Ley ist lediglich eine Buszprcdigt an den Adel, der zu ernster Arbeit aufgefordert wird. Ompteda ist weit entfernt, aus de» Anschauungen seiner Klasse herauszugehen. Von dem General, der den jungen Eysen, am Schlus; des Buches, die grotze Familien- Büßpredigt hält, heißt es: Er hatte ein Gefühl, als dürfe er nicht schulmeisteni. Sie waren alle freie Leute, Freiherren und freie Herren, zu t h u u und zu lassen was sie wollte it. Derselbe General ivendet auf seine AnSführnngen das Vischersche Wort..Erzürnte Liebe" an und erzürnte Liebe ist es auch, die dem Verfasier des Romaus über den Adel die Feder in die Hand gedrückt hat. Das Buch wird deshalb auch dem demokratisch und proletarisch fühlenden Arbeiter nicht zu Herzen sprechen, aber es ist dennoch ein gutes Buch, dessen Lektüre einen hohen litterarischen Genuß bereitet. Die Familiengeschichte der Eysen ist mit köstlichem Humor und charakteristischer Sprache geschrieben. Ompteda zeichnet den adligen Landjunker, der auf seine»! Rittergut in der Priegnitz ein zweckloies Dasein führt und seinen Besitz zwischen den Händen zerrinnen sieht; de» leichtsinnigen Offizier, der auf allen Reniiplätzen zu finden ist und. vollständig heruntergekommen,»vie das so üblich ist. den Weg nach Amerika antritt, um bankrott nach einer neuen Existenz zu suchen, da hier das �standesgemäße" Leben einmal unmöglich wurde, den bürgerlichen Emporkömmling, der sein Lebensziel darin sieht, in die Kreise dieses verkommenden Adels ciiizudringcn; auch den Deklassierten zeichnet er, der Ivohl die Schwächen seiner Klaffe erkennt und sie verachtet, aber auch nicht stark genug ist, ans dem Eignen sich eine Existenz zu schaffen und durch die Pistole endet. Das Auf und Nieder diese? ehemals berühmten Geschlechts ist außer- ordentlich fesselnd und packend geschrieben, aber man hat am Schlüsse des Buches das Gefühl, als werde bei konsequenter Weitercntlvicklnng des Stoffes das Gegenteil dessen eintrete», was der Verfasser durch- blicken läßt. Auch die Arbeit wird nicht die Rettung der Eysen sein, weil sie nicht arbeiten könne n. Durch die E r z i c h u n g in Klassen- Vorurteilen und 5tlasiendünkcl sind sie ein dem Untergang geweihtes Geschlecht.- Kulturgeschichtliches. — Von A n n o d a z u in a l Folgender Erlaß der Kreis- hauptmannschnft Bozen voni Februar 181V ivird dem„Tiroler Volks- blatt" zur Verfügung gestellt: Dem Hochwürdigen Pater Guardian der Franciskancr dahier. Es find mir mehrere Beschwerden zugekommen, daß einige Ihrer Patres an Sonntägen vor dein Hochamte bei der Be- sprengnng des Volkes niit Weihwaßcr ziemlich unvorsichtig sich benehmen und durch übermäßiges Ausspenden desselben die Kleidungen der Anwesenden ganz beschädigen, was vorzüglich am gestrigen Tage stattgefunden hat. Da die Besprengung des Volkes mit Weihwaßcr wohl mehr ein Zeichen dieser Funktion sehn soll, als eine Bewäßerung, und daher nicht in der Menge dcS auszusprengende» Waßers bestehen kann, so finde ich Euer Hochwnrdc» aufzufordern, daß Sic Ihren Patres Hierinfalls mehr Umficht und Bescheidenheit für die Zukunft einflöße». Bötzen, am 8. Febr. 1819. L. R. v. Hauer, k. k. Krhptm. HumoriftislffeS. --Eine U e b e r r a f ch n n g.„Himmel, was seh' ich I Der gestrenge Herr Amtsvorstand und Du, niein teures Weib!" „Kaltes Blut, mein lieber Meier, ganz unschuldige Geschichte, Familienfest! Feiern soeben Ihre dcmnächstige Beförderung!"— („Simplic.") — Hyperbel. Chef(zum Kommiss:„Wie, d a S nennen Sie einen Mahn brief? Da brauchen Sie ja nur noch:„Mit Gruß und Kuß" drunter zu schreiben, dann ist's ein Liebes- brief I"— — A u ch d a s n o ch l F ö r st e r(erzählend):„Sie mögen's glauben oder nicht, mein Dackel versteht jedes Wort, das ich spreche. llnterhalte ich mich da neulich mit einem Jagdfrennd in meiner Stube— als plötzlich durch eine» Windstoß die Thiire des Zimmers meiner Frau ausfliegt, und was sieht sie: Steht der Tropf vor meiner Thür und— horcht!"— Notizen. — D a u d c t s„D i e L ii g n e r i u" hatte bei der Erstaufführung im Wiener Deutschen Volkstheater Erfolg.— — P a r i s ch e r Marmor ist neuerdings nach Deutschland tn größeren Mengen eingeführt und von verschiedenen deutschen Bild- Hauern an Stelle de? kararischcn verarbeitet worden.— — Für mehr als 4 Millionen Franks hat Frankreich im Jahre 1899 A n t o m o b i l w a g c n exportiert.— — In englischen Zeitschriften Ivird darüber geklagt, daß die e n g l i f ch c n Z e i t n n g s k o r r e s p o n d e n t e n im Aus l a n d immer weniger Nenigkeiten und immer mehr Ansichten— eigne oder fremde— ihren Blättern berichten.„Das Amt eines ans- ländischen Korrespondenten eine? englischen Blattes." heißt es.„Pflegte in früherer Zeit darin zu bestehen, daß er thatsächliche Vorkommniffe ans deni Lande, in das er geschickt wurde, zu berichten hatte. Die Ansfassuttg scheint nun aus der Mode gekommen zu fein. Die ausländischen Korrespondenten geben uns Meinungen. Diese Meiimngen werden iimner im Hinblick auf die politische Richtung der betreffenden Zeitung ausgewählt. So wird der aiisländischc Korrespondent englischer Blätter ein bloßer Nachtretcr des Leitartikel- schreibers oder eiii mechanisches Echo seiner Ansichten."— — Eine Hygienc-AnSstellung soll Mitte April in Neapel eröffnet werden. Eine pompcjanische Abteilung wird Modelle alträmischer Bäder bringen.— Nach Otto Ludwigs bekannter Novelle„Die Heiterethei" hat Hrch. Walker ein würdiges Volksstück geschrieben, das am Berliner Schaiispielhanse zur Auf- führimg gelangen wird.— Veiainwortliaier Revaciear: Paul John in Berlin. Druck unv Verlag von Star Babing in Berlin.