MnterhaltmgMatt de Nr. 37. Donnerstag, den 22. Februar. 1900 (Nachdruck verboten.) Tlnkev vem Srlzukze des Gesetzes. 3J Von Maria o n o p n i ck a. Man brauchte nur sein blatternarbiges Gesicht zu sehen, um zu erraten, ivie es in ihm kochte, ob jener populären Melodie, mit deren Summen der Chef den offiziellen Charakter der Kanzlei profanierte, wo von Rechts wegen alles steif und feierlich sein sollte. Leider hatte der alte Diensteifrige während der sechzehn Jahre seiner Dienstzeit oft Gelegenheit gehabt, sich zu überzeugen, daß hier die Dinge recht im Argen lagen. Das berührte ihn schmerzlich wie eine persönliche Beleidigung und ein persönlicher Schmerz. Sein Ideal war ein schweigender. unbeugsamer, strenger, stets, sogar nachts, bis an das Kinn zu- geknüpfter Bürgermeister. Der Herr Bürgermeister indessen war nicht einmal bei Tag bis an das Kinn zugeknöpft, die Juden klopfte er vertraulich auf die Schulter, ließ sich mit dem ersten besten in ein Gespräch ein, traktierte ihn, Maczuski selber, mit einer Prise; mit einem Wort, er war weit, iveit davon entfernt, ein Ideal zu sein. Maczuski fühlte, daß dies ihm die Jahre verkürzte, und jeden Monat ließ er sich einen Aderlaß geben, damit ihm nicht, Ivie er sagte, das Herz ob des Treibens in der 5tanzlei springe. Eine Viertelstunde schon stand Hanka an der Schwelle, als der Herr Bürgermeister die Zeitung beiseite legte, sich die Hände neb, die Brauen in die Höhe zog, einen Blick auf die vor ihm angehäuften Akten warf und sich rasch von ihnen abwandte. Dann blickte er aus das an der Thür sich drängeudc Häuslein. Cr erblickte Hanka, sah sie genauer an und rief: „lind was ist das?" ..Verschickt", beeilte sich Maczuski auf eigene Rechnung zu erklären. „Soooo?" fragte gedehnt der Bürgermeister.„Na, das ist was andres." Im Grunde genommen war das durchaus nicht was andres, denn jede Woche wurden ganze Partien Verschickter in die Stadt gebracht: aber eS schien ihm, daß er durch diese Bezeichnung etwas Abänderung in die graue Alltäglichkeit der Creignifie brachte. „Das Papier?" Das Mädchen trat ans der Gruppe hervor, näherte sich dem grünen Tisch, küßte die Hand des Bürgermeisters und reichte schweigend den Zettel hin. „Hm", brummte der Bürgermeister im Lesen und blickte abwechselnd auf daS Mädchen und das Papier, ,,hm... drei Jahre...! Das ist leicht gesagt... hm... was denken sie sich denn eigentlich in diesem Warschau?" Nachsinnend zupfte er sich den Bart, der sein Doppel- kinn unigab. „Ra, gut also," sagte er nach einer Weile hinzu. Der Herr Bürgcnncister war eine optimistisch veranlagte Natur, und liebte es, alles gut abzuschließen. Diesmal jedoch schienen sich Worte und Gedanken in der- jchiedenen Richtungen zu bewegen. Er versank in trübes Nachsinnen, er hatte gar zu viele Scherereien. In der Stadt hatten sich so viele Internierte angesammelt, daß sie hier eine wahre Diebskolonne bildeten, der gegenüber ihm die Macht ans den Händen glitt. Jeden Abend gab es Raufereien, jede Nacht Diebstähle, außerhalb der Stadt sogar Ranbanfälle. Die Stadtpolizei mit Fcdorenko an der Spitze konnte sich keinen Rat schaffen. Ein wahres Glück, daß dieses Gesindel immer wieder nach Warschau zurück- flüchtete... Der Herr Bürgermeister musterte das Mädchen von der Seite, wie um zu erraten, ob auch sie durchbrennen würde, dann trommelte er mit den Fingern ans die Tischplatte, räusperte sich cinigemal, beugte sich hinüber nach der zum anstoßenden Zimmer führenden Thür und rief: „Herr Alexander! Herr Kosicki!" Im Eingang erschien ein kleiner, schmächftgcr Mann mit blondem Haar, dicker Stumpfnase und geblähten Lippen. Zwischen seinen kurzgeschorenen borstigen Haaren wand sich noch der soeben dem Munde entstiegene Rauch der Cigarre, die er in den Fingern der herabgclnffcncn Hand hielt. Das war Herr Alexander Kosicki, der Burcausekrctär. „Ah?..." ließ er vernehmen; es klang wie daL Knarren eines nicht geschmierten Rades. „Lieber Herr Alexander," sprach der Bürgermeister rasch, „sehen Sie mal die Papiere der Blacharzonma nach, sie liegen wahrscheinlich irgendwo bei Ihnen. Man muß ihr einen Schein geben." „Interniert? Ah?..." knarrte der Herr Sekretär. „Interniert, gnädiger Herr," antwortete Hanka und trat näher, um ihn: die Hand zu küssen. Aber der Herr Sekretär zog die Hand schnell zurück. Mit feinem Takt fühlte er heraus, daß cS sich nicht schickte, in Gegenwart des Vor- gesetzten solche Beweise der Hochachtung entgegenzunehmen, zumal jener Kolleginlrat war. Indessen kehrte er noch nicht zu seinem Schreibtisch zurück, sondern stand immer noch mit weit anfgerisscnen Augen da, ohne von dem Mädchen einen Blick zu verwenden. Es war ein interessantes Augenpaar, das da in dein fahlen, wie krankhaft angeschwollenen Gesicht des Herrn Sekretärs leuchtete. Blitze flackerten in ihnen auf und erloschen; und als wüßte er davon und wollte es die Leute nicht gewahr werden lassen, bedeckte er die Augen sorgfältig mit seinen schweren leicht entzündeten Lidern und blinzelte nur zwischen den Wimpern hindurch. Nachdem er eine Weile so gestanden, winkte er Hanta mit dem Kopf, sie solle ihm folgen und trat in die Rauchwolke hinein, die über seinem Schreibtisch schwebte. Hier ergriff er hastig ein Aktenbündel nach dem andern, und während er den betreffenden Folianten suchte, bebten seine Hände, als zerrte jemand an deren Nerven herum. Endlich fand er das Gesuchte, stützte sich schwer gegen den Tisch, wie in einem plötzlichen Anfall von Ohnmacht, blinzelte einigemal mit den Augen und holte tief Atem. Hanka betrachtete aufmerksam sein Gesicht, um darin zu lesen, was sie thun oder sprechen sollte. Der Herr Sekretär trat ganz nahe an sie heran, während er abwechselnd seine blitzenden Augen halb schloß oder weit ausriß. „Anna Vlacharzowna? Ah?.. „Jawohl, gnädiger Herr!" antwortete Hanka. „Du willst Dir einen Dienst suchen. Ah?.. „Was weiß ich, gnädiger Herr, natürlich wäre ich froh, eine Dienststelle zu finden." „Hi... hi... hi.. lachte gedämpft der Sekretär. „Wer wird Dich in Dienst nehmen? Wer ins Haus lassen? Mit dem ersten Paß... Ah?" Hanka senkte das Haupt und schwieg. Das große Tuch warf tiefe Schatten ans ihr braunes Gesicht. Ihre Augen waren gesentt. Aus den Blicken des Herrn Sekretär schoß ein roter Funke. „Hm... ich möchte Dich nehmen.. ins HauS lassen... ich..." Ein nervöses Zucken lief über sein Gesicht, er drückte die Hände zusammen, und vollendete den Satz nicht. Hanka erhob den Kopf und blickte ihn an mit ihren bekümmerten, etwas stumpfen Augen. Sie verstand nicht recht, ob er Erbarmen mit ihr hatte, oder sie wirklich in Dienst nehmen wollte. Der Herr Sekretär verschluckte sich, wandte sich rasch gegen den Tisch um, setzte sich und schrieb eine kleine Weile. Dann streckte er die Hand ans. „Hier hast Du Dein Papier. Jetzt kannst Du einen Dienst suchen. Und wenn Du gefunden hast, mußt Du Dich melden. Und dann meldest Du Dich wieder. Bei mir hast Du Dich zu melden. Verstanden?... ah?..." „Ich habe verstanden, gnüdjcr Herr", antwortete daS Mädchen. „Und versuche nicht, irgend wohin zu entlaufen. Du hast hier in der Stadt zu bleiben... ah?». „In der Stadt, gnädjer Herr". „Jetzt geh, und nach drei Tagen mußt Du Dich melden". „Gut, gnädjer Herr". Sie war auf dem Wege zur Thür in die Mitte der Kanzlei angelangt, als der Herr Bürgernleister, den inzwischen einige Juden unter fortwährenden Verbeugungen und diskretem Lächeln belagert hielte», sie bemerkte. Einer der umstehenden Juden sehke ihni offenbar ein Geschäft auseinander, während die andren entzückt nut den Zungen schnalzten, wie um es dein„gnädigen Präsidenten" noch dringender zu empfehlen. Sei es nun, das; der gnädige Präsident in diesem Augenblick für seine eigenen strategischen Pläne einer Ablenkung bedurfte, sei es, daff dieses schmächtige braune Mädchen in der That seine besondere Aufmerksamkeit erregte, genug, als er sie vor- beigehen sah, rief er laut: „Dil... wie heißt Tu eigentlich... wart' nur eine Weile I" Erschrocken blieb Hanka stehen. „Maczucki P befahl der Bürgermeister, gegen die Thür gewandt. Aber Maczucki befand sich seit einigen Minuten in ent- setzlichcr Lage. Er blinzelte immer rascher mit seinen hervor- stehenden Äugen, während er mit vorgestreckter Brust da- stand, die Befehle erwartend. Von der Schwelle jedoch entfernte er sich nicht, konnte sich nicht entfernen, und das bildete eben die Tragik des Moments. Da war dieser kleine Bengel, der Wicek, sein Jüngster nämlich, bis hierher zu ihm gedrungen, hatte sich durch die halbgeöffnete Thür hinein- gestohlen, und zog ihm nun von hinten am Rock. „Vater, die braune Knh hat gekalbt." Maczuski fühlte, daß ihm das Blut in den Kopf schoß. „Mach, daß Tu fortkommst," zischte er durch die Zähne und führte mit der Hand einen Streich nach rückwärts, ohne zu überlegen, wo er treffen könnte. Aber er traf offenbar nirgends, denn gleich darauf flüsterte es wieder hinter ihm: „Vater, sie hat einen Bullen." lFortsehimg folgt.) Kulturgeschichtliche Studie von Heinrich Tannenberg. Das Fcstleben der Gegenwart ist uns in seinem Grundbestande aus graner Vorzeit Überkommen. Noch bei manchem der Feste be- künden die volkstümlichen Züge diesen weit zurückgreifenden Ur- sprung, und ihn: einsprechen uameutlich auch die»lanuigfaltigen Formen, die. mit der modernen Festfeier verbunden sind, für die sich aber in den Verhältnissen nnsrcr Zeit keine Erklärung findet. Um die Feste von heute und die Bräuche der Feier würdigen zu können, dedarf es sonach der Vcrgleichung mit dem festlichen Leben der Alten. Bei unfern Vorfahren findet sich, wie die Forschungen I. Lipperts dargethan, als hervorstechendster Charaktcrzng ein»rnmittelbaror Zusammenhang zwischen dem Festivesen und den Lebcnsgewohnhcitcn. Die Festformcii sind nichts als besondere Lebensformen. In erster Linie liefern wirtschaftliche Vorgänge den Inhalt der Feste, während die durch den Anlas; bedingteil Verrichtungen und Veranstaltungen zu festlichen Formen werden. Derartige Gelegenheiten wiederholten sich alljährlich in einem festen Turnus. Wenn im Frühjahr der Schnee geschmolzen war und die Weide ivicder grünte, trat für die halbnomadische Wirtschaft eine bcdentsame Wende ein. Es galt, znui Aufbruch aus dem Winterquartier zu rüsten niid drauszen auf der SDialftätte die öffentlichen Dinge zu ordnen. Vielleicht auch muhten die lvchrhaften Männer zum Streite ausrücken, und dann war Kricgsrat zu halten. So kam nach der winterlichen Stille � Bewegung in die Dorfschaften. Wieder ins Freie zu ziehen J war für den Sohn der Natur an sich ein festliches Ereignis. Auf der Dingstälte traf er mit den Genossen zusammen, und das bot Gelegenheit zu geselligem Schmaus und Spiel, aber auch zu Tausch und Handel. Dabei ward nichl versäumt, den Göttern zu opfern, Gericht zu halten u.dergl. mehr. Das waren die hauptsächlichsten Momente des Frühlingslcbcns der Alte», und das Ganze nahm den Charakter einer festlichen Bcgcbenhcil an. Da bei alledem eine längere Frist verstrich, so ergaben sich mehr oder ivenigcr ans- gedehnte Fcstzeitcn, die noch dazu je nach der klimatischen Lage verschieden fielen. Dieses festliche Leben der Frühlingszeit ist zinii Teil in der Faschingsfeier ausgegangen. Fastnacht ist Ivieder eine der geräumigen Fcstperioden, wie die Kirmeszeit des Herbstes, und entspricht in ihrer Ausdehnnng ganz dein Bedürfnisse der alten Zeit, die sich nicht an feste iiild kurzbcnicsicne Termine binden konnte. Allerdings gehört der Fastiiachtstcnnin, seiner Zeitlagc entsprechend, als Datum des Frühlingsfestes von HanS aus südlichen Breiten an, Ivie auch gewisse Formen der Feier nicht deutscher Her- kunft sind. Den Ausgangspunkt bilden ivohl die römischen Luper- calien und Quirinalien, die recht eigentlich Feste der Bauern und Hirten waren. Sie wurde» im Februar gefeiert, bevor der Ackerbau wieder begann und der Viehaustricb stattfand. Mit den Zügen der Römer kam diese Festfeier auch nach Deutschland. Für einen der- artigen Zusammenhang spricht, dah gerade dic Rheiugegendcn zum Sitze deSKarncvals, der specifisch römischen Festsitte, geworden sind. Obwohl der Tennin für»nsre klimatische Lage zu zeitig fiel, fand er doch Eingang, und vom Weste» ausziehend, trugen ihn die Kolonisten auch in andre Teile des Landes. Ans deutschem Boden schloffen sich nun die heimischen Formell der Frnhlingsfeicr an das eingeführte Fest. Doch scheint dieser' frühe Teruii»,>vie Lippert nachgelviefeu, erst in christlicher Zeit allgemeiner aufgegriffen worden zu sein. Als nämlich die Kirche die Passionsperiode mit Fasten belegte, kamen diejenigen Gegenden, deren Frühlingsfeste in diesen Zeitabschnitt fielen, in Verlegenheit. Um beim Eintritt günstigen Wetters für die Ausnahme der Arbeit bereit zu sein, muhten die Dörfer solcher Landstriche jetzt ihre festlichen Veranstaltungen noch vor dem Beginn der Fastenzeit treffen. Von hier aus verbreitete sich dann die Fnfchingsseier auch in Gebiete mit späterem Frühjahrs- ansang, deren besondere Feste erst auf Ostern folgten und daneben bestehen blieben. In den Faschingsbränchen, die wir bei der Landbevölkerung finden, sind»och die Formen des alten Germanenfestes gewahrt. Die Veranstaltungen beginnen bisweilen schon mit Mariä Lilbvneh, lvo dieser Tag nicht etwa, wie im Norden, noch zu den Winter- terminen gehört und den Wcihnachtsfestkreis beschlieht. Das charakteristische Festleben der Fastnachtszeit drängt sich aber Vorzugs- weise in die letzte Woche und namentlich auf die drei Tage vor dem Ende der Periode zusammen. Mariä Lichtmeh. welche in den Dörfern der südlichen und West- lichen Marken den Festkreis der Fastnacht einleitet, trägt noch manche Züge der alten Frühlingsfeier. Das wirtschaftliche Moment tritt be- sonders in der Bedeutung des Tages als bäuerlicher Termin hervor. Mancherlei Leistungen der Höfe fielen auf Mariä Lichtmeh, und bis heute ist der Tag bei dem Bauern als Frist für Zins- zahlung und Rechnuiigsausgleich beliebt. Auch dah Lichtmeh in der Oberpfalz und in Belgien ein Termin des Dienst- ivechsels für daS Gesinde ist, läht auf die Beziehung zur FrühlingSlvende der Alten fchliehen. Denn gerade die Zeit des Auf- bruchcs nach den Weiden und zur Feldarbeit lvnr der rechte Moment für zu Aenderungen im Personalbestände der bäuerlichen Wirtschaft. In pfälzischen Orten beginnt daher noch immer um Mariä Lichtmeh als „Kälbaweil" eine luftige Zeit des Gesindes, das die Tage der Frei- heit bis zum Antritt des neuen Dienstes durch allerlei Vcr- anstaltungen feiert. Bei dieser Gelegenheit wird den Abziehenden daS sogenannte„Kälbelesbrot" mit ans den Weg gegeben, eine Sitte, die der Vcrproviantierung beim FrühliugSaufbruche unserer Vor- fahren entspricht. Ein Reflex des wirtschaftlichen Belveggnnides der alten Feste sind auch die mannigfachen Bauernregeln, die»och heute an der- artigen Terminen haften. Sie cntsprcchcn der seit Urzeiten gc» läusige» Uebung, aus bestimmten Erscheinungen Schlüsse auf die Zukunft und namentlich auf die wirtschaftlichen Aussichten des Jahres zu ziehen. Die Zeichen schrieb man den Geistern zu, und da die letzteren dem Menschen am meisten geneigt waren, wenn er sie zum Schmause lud, so muhte sich daS. Orakelwesen gerade auf festliche Anlässe konceutricrcn. Mariä Lichtmeh ist ein ganz bevorzugter Wettcrzeichcntag. So hciht es in Mecklenburg: Wenn an Lichtmeh die Sonne in den Schafftall scheint, so flehe kein gutes Schnfjahr bevor. Ist aber das Wetter hell und kalt, so gedeihen Schafe und Bienen, oder es giebt ein ertragreiches Flachsjahr. Nässe zu Lichtmeh deutet ans früheil Graswuchs.. Recht altertümlich klingt eine Vorschrift, nach welcher die Weiber am Lichtmchtagc beim Sonnenschein tanzen sollen, damit ihnen der Flachs gerate. Dem liegt Ivohl der Gedanke zu Grunde, die Götter, wie auch sonst üblich, durch Tanz zu erfreuen, und so ihre Gnnst für den Flachsbau zu gelvinne». Auch die kirchliche Feier ist von der alten Feslüberliefernug be- einflnht.. Insbesondere führt die Kerzenweihe, nach welcher der Tag benannt fft, in die heidnische Zeit zurück. Die Wachslichter im Kultbrauche sind eine Umformnna des Opfers der Honigwabe, und es ist anzunehmen,' dah in der Vorzeit namentlich zur Frühlings- frier den Göttern eine solche Spende dargebracht wurde. Wenn in Steiermark der Kircheupropst oder der Dorfrichter, der die Gelder zur Beschaffung der Kerzen sammelt, für die Geber den Segen des Patrons erbittet, so kann auch über den Sinn der heutigen Sitte kein Zweifel obwalten. Wie an Mariä Lichtmeh, so sind die Spuren der alten Früh- lingsfeier auch an den andern Festen wahrzunehmen, welche die Kirche in diese Periode verlegte, um das festliche Leben des Volks zu treffe» und umzubilden. Das gilt insbesondere von Pctri Stuhl- fcicr und St. Matthias. Vollständiger aber spiegeln die Bräuche der eigentlichen Fast- nachtszeit die Frühlingsvcranstnltnngcn nnsrer Voreltern wieder. Das Besondere war der Aufbruch in den Sicdelungcn und der Auszug nach den freien Plätzen. In dieses' Treiben führe» uns die fröhlichen Umzüge der Tiroler zurück. Da begegnen ivir dem„Faschingsritt" im Zillerthale. Ein Schalksnarr, dessen Pferd eine altertüniliche Glocke trägt, eröffnet den Zug. Ihm folgen, ebenfalls beritten, Sultane, französische Jäger. Mohren, Sennerinnen, Schäfer; zuletzt kommt eine Zigcunerfamilie mit Bärcntrciber, Eselsreiter usw. Vor dem Wirtslinuse, das an die Stelle der alten Trinkzelte aus der Malstalt getreten ist, wird Halt gemacht. Hier beginnt die Vorlesung des Faschingsbriefs, in ivelchem alles Lächerliche aus dem Gcmeindelcben des verflossenen Jahres humoristisch behandelt wird. In den Festzng hat sich gewih im Laufe der Zeit manches fremdartige Element eingeschlichen, aber im ganzen könnte es� wohl bei dem Aufbruche der Alten so hergegangen sein. Das Verlesen des Faschingsbriefcs ist nichts andres als eine Karrikatur der ürvätcrlichen Sitte, bei den Zusammenkünftcu auf der Dingstätte über die Vorgänge im Kreise der Genossenschaft zu bc- richten, was nicht immer ohne öffentliche Rügen abging. Im Entli- buch in der Schweiz, wo sich ein ähnlicher Brauck erhalten hat, finden wir dabei ein förmliches Lager auf der Malstatt. Alt und Jung vereinigt sich am Fastnachtsinontag um die Dorflinde, dieses uralte Wahrzeichen des DingplatzeS. Man ruht auf der steinernen Einfassung oder steht in Gruppen umher. Da trifft ein Herold der Nachbargemcinde ein. um coram publice ein Schreiben vorzutragen, dessen Inhalt dem Zfaschingsbrief der Zillerthalcr gleichkommt, nur noch mehr den Charakter einer öffentlichen Kritik' hervorkehrt. Der Bote ist für den Tag unverletzlich und wird bei gemeinsamem Mahle festlich bewirtet. Nach alledem scheint der Brauch das Eintreffen des Oberhauptes oder eines Vogtes auf der Dingstättc zu wiederholen. Für solchen Zusammenhang spricht auch, daff die Veranstaltung mit dem Hissen der Fahne vor dein Gerichtshause beginnt. Abgesehen von diesen charakteristischen Formen finden sich Um- züge der verschiedensten Art sonst noch häufig auf dem Lande. Sie trage» zuweilen ein lokales Gepräge, aber sie entstammen doch ihrer ersten Veranlassung nach derselben Ursitte. Selbst in den Städten sind als Erinnerung an das Frühlings- leben der Alten noch mancherlei Zunftfcste zurückgeblieben. Luzerner Gewerke ziehen am Donnerstag nach Fastnacht, nach Väter- an gewappnet und von Spielleuten begleitet, hiiuuis nach einer Halde. Dabei wird ein grosser Pokal mitgeführt, aus dem jeder- inann einen Trunk Wein erhält, genau wie die Altvorderen bei ihren Gelagen zu verfahren pflegten. Der„Schäfflertanz" der Münchner Böttcher und ein Mainfest, welches dieselbe Zunft vordem in Frank- furt veranstaltete, führen auf die gleiche Tradition zurück. Nicht minder das.Schönbartlaufen" der Nürnberger Schlächter und der .Metzgcrsprung" in München. Auch die Karnevalszüge bilden einen Nachklang urtümlichen Volkslebens, nur sind sie durch das über- wuchernde Maskenivesen ins Burleske getrieben, wenngleich der Mummenschanz selbst auf eisgrauer Ueberlieferung beruht. Bemerkenswert sind die zahlreichen Bräuche, welchen das alte Gericht auf der Diugstätte zuni Vorbild dient. O. v. Reinsberg- Düriiigsfeld hat uns' darüber einige recht lebendige Schilderungen hinterlassen. In der Gegend von sSchluckeuau in Böhmen wird ein Mann, der als Wilder vermummt ist, ain Tage vor Fastnacht von der Volksnienge durch niehrcre Strasse» verfolgt, bis er m eine Gasse kommt, welche durch einen Strick gesperrt ist. Dort stolpert er über das Hindernis und wird von seinen Verfolgern gefangen genommen. Der Scharfrichter eilt herbei, durchsticht mit seinein Schwert die blutgefüllte Blase, welche der Darsteller um de» Leib gebunden hat, und der Wilde stirbt, während ein Strom von Blut die Erde rötet. Daun wird er auf einen Schlitten oder eine Bahre gelegt und fortgeschafft. An» nächsten Tage putzt man eine Stroh- puppe wie einen Wilden aus und bringt sie unter Begleitung einer zahlreichen Menge auf einer grotzen Trage an eine» Teich. Hier hält der Scharfrichter eine Rede an das Volk und wirft dam» den Wilden ins Wasser. In Schwaben wird aus Stroh ein Fastunchts- bär hergestellt, den» man ein Paar alte Hosen anzieht und in den Hals eine frische Blutwurst stxckt, damit beim Kopfabschlagen das Blut wie bei einer wirklichen Hinrichtung fließe. Denn der Bär wird augeklagt', eine blinde Katze getötet zu haben, und dieses Verbrechens wegen in aller Form- zum Tode verurteilt. Bevor die Hinrichtung stattfindet, werden dem Katzen- mörder zwei Geistliche beigegeben, die ihn trösten müssen,»»nd nach derselben wird der Geköpfte in einen Sarg gelegt, um an» Ascher- niitjw.och nach der Kirche begraben zu werden. In ähnlicher Weise wird in Oldenburg nnd Westfalen auch durch das„Hahnenschlägen" eine Gcrichtshaudluug parodiert, wie in Dänemark das„Ratzeuwerfen" auf denselben Ursprung zurückweist.(Schluß folgt.) KlvLues FeuMekon. Ter Spiegel. Spiegel nennen wir die glatle und glänzende Oberfläche eines Körpers. Ivelche durch Reflexion Bilder erzeugt. In den ältesten Zeiten des Meiischeiigeschlechws hat die ruhige, hellglänzende Oberfläche des Wassers als natürlicher Spieszel dienen müssen. Kunstsptegel werden im Altertum zuerst im zweiten Buche Moses erwähnt, wo sie als Schmucksachen israeli- tischer Frauen bezeichnet werden. Es heißt nämlich:„Und er (Moses)»nackte das eherne Waschbecken und sein ehernes Gestell aus den Spiegeln der Frauen." lieber die Beschaffenheit der Spiegel lveiß man, daß sie meist Händspiegel und nur selten Wand- spiegel lvarcii, daß sie auch als Schmucksachen benutzt wurden, und daß sie aus Metall gegossen Ware». Letzteres geht auch aus den Worten Jobs hervor:„Kannst du wie er(Gott) den Himmel aus- breiten, der fest ist, wie ein gegossener Spiegel?" An andren Stelle»' spricht die Bibel von Spiegel», welche die Neigung haben „blind" zu werden, von Spiegeln, die mit Rost überzogen sind, von unbeschmutzte» Spiegeln, von solchen, die gc- knetet,'bearbeitet und poliert werden; man bedauert die Mailgelhaftigkcit ihres Reflexes und die Ungenanigkeit des zurück- geworfene» Spiegelbildes. Alle diese Ausdrücke beiveisen klar und deutlich, daß die«spiegel von Metall wären. Diese Aussagen der Bibel finden wir in den Nachrichten bestätigt, ivelche andre Schriften des Altertums über die Spiegel der Assyrier, der Egypter, Griechen und Römer geben, wonach diese Völker fast nur Metallspicgcl benntzten, die aus Kupfer, Bronze, Silber oder Gold hergestellt waren. Die antike Form des Handspiegels hat sich bis heute erhalten. Die �Spiegelfläche ivurde nicht nur oval, sondern auch rund, vier- eckig und vieleckig gestaltet, mit einein mehr oder minder reich verzierten Nahmen aus Holz, Elfenbein oder Metall eingefaßt. Die für die Toilette der Frauen bestiinmten Handspiegel des Altertums wurden am Griff häufig reich verziert, und die Rückseite der Scheibe Ivar mit Schnitziverk und Relicfarbeit künstlerisch ge- schniückt. Dieser Schmuck bestand bei den Griechen und Römern meist aiis eingravierten mythologischen und genreartigen TarsteNungcn. Solche antike Spiegel sind in großer Zahl in den verschütteten Vcsuvstädtcii und in Gräbern aufgefunden Wörden. Glasspicgel kannte das frühe Altertum nicht; in keiner alten Schrift werden sie genannt und auch nirgends vorgefunden. Nach Plinius haben erst die Phönizier Spiegel aus einer'undurchsichtigen schwärzen Glasmasse mit glatter, polierter Oberfläche hergestellt. Jedoch wurden die Metallspiegel dadurch nicht verdrängt. Im Orient und Persien werden sie auch heute noch verfertigt und gebraucht und den Glasspiegeln noch vorgezogen weil sie nicht so ze»'brechlich sind und sich in dem trocknen, heißen Kliina besser als das Amalgam der gläsernen Spiegel erhalten. Ii» Europa»verde» erst in» 12. und 13. Jahrhundert Nürnberger Glasspiegel zuerst genannt, und in» 14. Jahrhundert wurden in Venedig die ersten Tafeln aus Spiegelglas mit Zinnamalgam angc- fertigt und in den Handel gebracht. Venedig blieb auch fast 200 Jahre hindurch im alleinigen Besitz des Geheimnisses ihrer Herstellung; vcne- tianische Spiegel durften in keinem vornehmen Hause fehlen. Von Venedig ging diese Kunst»ach Böhmen»nid Bayern, wo Nürnberg sie vorzugslv'eise betrieb, und spater nach Frankreich, Ivo diese Industrie lange Zeit hindurch Privilegium einer einzigen Gesellschaft, der Compagnie von St. Gobain, bildete. Bis löS8 wurde» die Spiegel ausschließlich aus geblasenem Glas hergestellt. Da gelang es den» Franzosen Lukas de Nchou in Paris, gegossene Glastafeln herzustellen, der bedeutendste Fort- schritt, de»» diese Industrie z» verzeichnen hat. Die geblasenen sowohl wie die gegossenen Spiegelplatten»»»üsscn vor ihrer Ver« Wendung noch geschliffen und' poliert werden. So lange man nur kleine Spiegelscheiben kannte, geschah dies mit der Hand; gegenwärtig benutzt man dazu Maschinen. Welche Fortschritte diese Fabrikation gemacht hat, ersieht»nan aus den Preisen, die für die Platten bezahlt wurden. In» Jahre 1702 kostete eine Glasplatte von 4 Quadratmeter Oberfläche 2160 M., heute nur etwa 1 M. Damals war eine Spiegelplatte von 4 Quadratmeter noch ein Wunderwerk; in unsrcr Zeit stellt nian solche von 20—33 Qriadrat- meler Oberfläche her. Die Herstellung der Spiegel niit Ziuu'aiüälgan»,' der ans ekwck 73 Teilen Zinn und 22 Teilen Quecksilber besteht, ist wegen der beständig sich etilwickelndei» Qnecksilbcrdämpfe sehr gefährlich und erfordert weitgehende gesundheitliche Maßregeln, um Quecksilber-Vergiftinigen vorzubeugen. Dazu kommt noch, daß' der Quecksilberspicgcl. eine bleichere, ins Grünliche spieleude�Gcsichts- färbe zeigt, als die Wirklichkeit,»vähreud der in neuerer Zeit gebränchlichcr gewordene Silberspicgel ein frischeres, rötliches Bild »viedergiebt, luohlfcilcr in der Herstellung ist und verfertigt werden kann, ohne die Gesundheit der Arbeiter zu gefährden. Spiegel- glas auf der Rückseite zu versilbern ist erst seit 1343 in Gebrauch. Man vcrfertijst auch Platiiispiegel, für die das Glas»»»r auf einer Seite geschliffen werden nluß. Da das Platin an der Luft»ficht an- läuft, so halten sich diese Spiegel sehr gut., Zur Reiiaissaneezeit trugen die Damen Handspiegel ain Gürtel» In» Mittelalter kamen auch Taschenspiegel und Waudspiegel auf; letztere»vurden seit den» 16. Jahrhundert immer größer und habe» sich gegcnivärtig zu den vom Fußboden bis zur Ziiinnerdecke reichenden Trumeaus eniwickelt. Die Einrahnnnig der Wandspiegel »vnrde ein besonderer Ziveig der Möbeltischlerei. Doch»vurden früher nnd werden zur Zeit noch in Venedig Wandspiegel»w-, Rahmen aus geschliffenen» und geblasenem Glase angefertigt. In unfrei» Tagen ist die Spiegelfabrikation an» bedeutendste» in der Rheinprovinz, in England und Belgien, nainentlich aber i» Frankreich, das am meisten Spiegel erzeugt, aber auch den größte« einheimische» Bedarf hat.—'(„Köln. Volksztg.") Theater. L e s s i n g- T h e a t e r. D e r A t h l e t. Schauspiel in 3 Auf» ziigcn von Hermann Bahr.— Warum schreibt Herr Bahr eigentlich die Stücke, die»vir von Zeit zu Zeit aiif Berliner Bühnen sehen müssen? Ganz leicht ist die Antlvort nicht. Der Mensch kann aus den verschiedensten Gründe»« ein Theaterstück schreiben. Beispiels- weise um Geld zu verdienen oder uin seiner Schivieaerniutter eine Freude zu machen oder um zu beiveisen, daß er ebenso geistreich ist »vie Bfimiciilhal. Er kann eS sogar aus iiinerer Notwendigkeit thnii»,»vie die sogenäninen Dichter, die indessen ininier mir Vereinzelt auftauchen imd den» übrigen Schwärm gegenüber kaim»_ in Betracht kommen. Mit voller Sicherheit läßt sich»iiir sagen, daß Herr Bahr picht zn den Dichtern gehört. Es liegt in dieser Zugehörigkeit auch ein kom- promitticreudes Moment. Man ist»vie eine veraltete Erscheinung imnittcn einer modern gekleideten Gesellschaft. So ein Hans der Träumer hat im realpolitischcn neuen Stcich iin Grunde nichts zi» suche»» und Herr Bahr giebt zu viel auf die Mode, um sich in einer lächerlichen altfränkischen Tracht zu zeigen. Herrn Bahrs letztes Stück ruhte bekanntlich auf einen» in feiner Art recht geistreichen Einfall. Es zeigte im großen N,'.Poleon den kleinen Lielihaber und fesselte bis ctiva in die Mitte der Handlung, wo dem Autor der Witz ausging nnd er sich ans allerlei Kapriolen verlegte, die mit dem eigentlichen Motiv nichts zn thnn hatten. Herr Bahr hätte ans diesem Wege immer noch zu der besten litterarischen Existenz kommen können, die ihm nberhaupt beschicden ist. Er hätte der Litterat des geistreichen Einfalls, der neuen These, des ver- blässenden Tricks ioerden können, nnd ich glaubte in, Grnnde, daß er es tverdcn wollte. Als ich daher den Titel seine? neuen Stücks las, erwartete ich zrim mindesten ein neues pikantes Milieu. Ich glaubte, Herr Bahr würde rms mit allerlei Jntinntäten ans dein Cirkrislebcn aufwarten, würde uns nnt Degenschlnckcn,, hübschen Reiterimie», Klowns nsw. zusammenbringen. Das hätte eine ganz amüsante Sache werden kömren, wenn mich natürlich keine Sache von poetischem Belang. Es kam aber leider anders, ganz anders, wie wir gleich sehen werden. Die Bezeichnung.Athlet" ist bildlich gementt. Herr Bahr bezeichnet damit einen Baron, der über Riesenkräfte, eine lockere erotische Moral und ein offenes frisches Gemüt verfügt. Sein Binder ist ein Beamter, der eine sehr korrekte Moral nnd gar kein Gemüt besitzt. Im ersten Akt ist viel von einem verkommenen Lumpen die Rede, den der Baron bestem will, wofür er von seinem Bruder hämisch begrinst wird. Einen Augenblick dachte ich wahrhastig, daß Herr Bahr sich mtt einem ehrlichen Problem in ehrlicher Weise ab- finden wollte. Ich dachte, er ivollte uns den starken naiven Idealisten(den„Athleten") zeigen, im Gegensatz zur grämlichen Hoffnungslosigkeit der nüchternen Mittelmäßigkeit. Ich kam indessen' bald auf andre Gedanken. ES wurde immer klarer, daß die Sache ans den ewigen Ehebruch hinaus sollte und zwar schien es, als ob die Fran hinter die kleinen Abstecher ihres Manns gekommen sei. Es kam aber wiederrm, anders, ganz anders. Es zeigte sich, daß der verkommene Lump, ans den man zunächst einige kitterarische Hoffnungen setzen durfte, mit dem Stuck in gar keinem inneren Znsamrneiihäng stand. Er war nur eingeführt, weil er vor längerer Zeit durch einen Zufall Zeuge eines Ehebruchs geworden war, den sich— die Frau hatte zu Schulden kommen laffen. Damit is! natürlich das Interesse vennchtet nnd die ganze Handlnng sinkt zu einer gewöhnlichen Jntrique von Phillipi herab. Der Rest ist bald erzählt. Ter Baron erfährt das Bergchen und verzeiht— nach einigem Sträuben— seiner Fran insofern, als er iveiter mit ihr in genicinschaftlicher Arbeit zusammenleben ivill, um schließlich ganz das Lorgefallene zn vergessen. Da?>väre alles nnd das ist leider nichts. Herr Bahr hat in diesem Stück selbst ans den nenen Trick verzichtet und hat eine willkürlich erfunden« Geschichte in der Weise eines gewöhnlichen Theaterstücks erzählt.— E. S. Hygicmschcs. I. Wovon hängt die Heizfähigkeit uusrer Zimmer ab? Diese Frage wurde von Meidinger in der„Bndi- scheu Geiverbczeittlng" eingehend behandelt. Obgleich die Heizfähig- kett einer Wohnniig im wesentlichen von der Bauart des Hauses und dessen llmgebnng abhängig ist, so daß die Bewohner selbst wenig Einfluß auf deren Vcsscrung haben, so ist es doch gewiß für jeden' interessant, zu erfahren, wie sich die Heizrmg eines Zimmers vollzieht und von welchen Umstände» die erzielte Temperatur abhängig ist. Z, mächst ist zu beachten, daß bei der Heizung die Temperatur jedes Zimmers anfangs_ schnell ansteigi, dann immer langsamer, bis»ach einigen Stunden ein Beharrmigszustand eintritt. Die dann noch n>citcr durch den Ofen erzeugte Wärme geht durch die Wände, die Decke nnd den Fnßboden, die'Fenster und die Thnren mich außen fort, nnd eine »vettere Steigerung der Wärme tritt nicht ein. Der Fußboden er- wärmt sich am langsamsten, und hier dauert es infolgcdesien auch am längsten, bis die höchste erreichbare Temperatur erzielt ist, über die hinaus die Wänne durch den Fußboden hindurch noch außen tritt. In jedem geheizten Zimmer jedoch siud die Temperaturen in den verschiedene» Teilen recht verschieden, und zwar siud sie an der Decke stets höher als am Boden, weil die»varmc Lnft dauernd die Neigung hat, in die Höhe zu steigen. Je stärker das Zinnner' geheizt wird, desto größer wird der Tcmpcratunmten'chicd zwischen Decke nnd Boden sein, desto geringer übrigens, je höher das Zimmer ist. Zuweilen kann der Unterschied in der Temperatur au der Decke und am Fußboden über 10 Grad Recmmur betragen. Es ist ferner selbstverständlich, daß bei strenger.gälte die Temperatur- unterschiede im Zimmer größer sein werden als bei mildem Wetter, da in elfterem Falle inchr künstliche Wärme erzeugt werden muß, dainit in Kopfhöhc, in der gelvöhnlich das Thermometer augebracht tvird, die uns angenehme Temperatur von 15—16 Grad meickit wird. Die Form des Ofens hat wenig Einfluß auf die Teuiperattirniiter- schiede in verschiedenen Höhen des Zimmers, irwiiigstens in der Luft- schicht zwischen uuserm Kopf und dem Fußboden, d. h. also in der Region, in der ivir Menschen uns gelvöhnlich aufhalten. Die Steigerung der Temperatur durch einen bcstinmtten Betrag von Wärme-Entwicklnug im Ofen hängt hauptsächlich von zwei Hin- ständen ab: einmal selbsiverstäudlich von der Größe des Raums und zweitens von der Beschasfeiihcit seiner Wände einschließlich des Bodens nnd der Decke. Bei den Wände» kommen wiederum zwei Eigenschaften in Betracht, ihre Dicke und die Würinelcittmgsfähigkcit des Materials, ans dem sie erbaut sind. Daß ein Zimmer um so wärmer ist, se dicker seine Wände sind, wird sich jeder selbst sagen; diese Thatsache ist darin begründet, daß um so iveniger Wärme in be» stimmterZcit durch eine Wand hindurch d.h. für dasZim'mer verloren geht, je dicker sie ist. Was das Material betrifft, so ist Sandstein nnd Kalkstein in dieser Beziehung am ungünstigste», da sie die Wärme am besten nach außen tciten,' etwas vorteilhafter ist die Anwendung von Backsteinen nnd noch empfehlenswerter die der am Niederrhein verarbeiteten leichten Tuffsteine von weißer Farbe. Holzwände sind den letztgenannten Steinen in der Wärmeleitungsfähigkeit gleich. Noch viel besser halten lockere Füllungen der Wände, z. B. Stroh, Spreu oder Torf die Wänne zurück. Die verschiedenen Zinnncr eines Hauses haben je nach ihrer Lage auf die Himmelsgegenden und in Bezug ans die Nebenräume eine Verschiedeue Hcizsähigkeit. Wem» ein Zimmer nach einer Seite an eine freie Wand des Hauses stößt. so heizt es sich bekanntlich schwerer und ist der Dllrchkältnng mehr ausgesetzt als ein Raum, der zwischen zwei andern Zimmeni liegt. In ungeheiztem Zustande könne» Zimmer, die gerade über Thorwegeik liegen nnd auch nach den Seiten an ungeheizte Räume anstoßen, der außen herrschenden Temperatur z. B. 0 Grad sehr nahe kommen, während in Zimmern, die zwischen niideni Zinnnern liegen, gewöhnlich eine Temperatur von 10 Grad über der Temperatur der Änßenlnft herrscht. Weit verbreitet ist die Meinung, daß ein die ganze Bodcnfläche bedeckender Teppich für die Warmhnltung eines Zimmers von großem Werte ist; leider zerstört Meidinger auch diesen guten Glauben. Ein durchweg mit Teppichen belegtes Zimmer heizt sich, wie durch Versuche in der Landes- Gewerbchalle zn Karlsruhe festgestellt worden ist, durchaus nicht deffer, als wenn der Teppich nicht da wäre. Die Erlvärnmng eines Zinnners am Boden kann nur dadurch Ivirksam gefördert werden, daß das darunterliegende Zimmer geheizt wird. Es gicbt allerdings noch ein andres Mittel, eine gleichmäßig« Temperatur durch die ganze Höhe des Zimmers zn erzielen, nämlich die Anbrrmnmg von Heizkörper« in der Nähe der Decke. Wenn z. B. die Flammen eines Kronleuchters angezündet werden,, so strahlt die von ihnen erzeugte Wärme von der Decke zum Boden ans und bc- wirkt die wünschenswerte gleichmäßige Erwärmung anch der untere« Luftschichten des Zimmers. Die ein wenig übertrieben klingende Bc- hanpttmg, daß ein Teppich in solcher Beziehung gar nichts nützen sollte, ist allenfalls dahin zn verbessern, daß der Teppich die Empfindlichkeit nnsrer Füße gegen Kälte etwas mildert, indem nuseni Fußsohlen die ihnen innewohnende Wänne durch die Be- riihrung mit einem Teppich veniger schnell entzogen tvird als durch die Berührung mit einer imcktcn Holzdiele oder einer Mctallplatte. Im übrigen ist es aber für die Wärme nnsrer Füße ganz gleich- gültig, ob»vir da? ganze Zimmcr, in dem ivir nns aufhalten, mit einem Tcppich belegen, oder ob»vir ans einer nackten Diele mit Filz- schuhen gehen, da eben der Teppich auf die Temperatur am Fuß- toben im allgemeinen keinen Einfluß besitzt. Es ist in letzter Zeit von hhgienischcr Seite viel gegen die Teppiche gesagt worden, weil sie als Staubfänger in gesund'hettsschädlichcin Verdachte stehen, und cS ist sogar die Erloartniig ansgcsprochc» worden, daß man sich in späterer Zeit nach cincr»'eiteren Anerkemnmg der gesundheitliche,» Forderungen von den Teppichen iibcihanpt ganz lossagen wird.— Humoristisches. — Eivigkeit macht st a r k. Herr(zu eniem dicke» Ehe- Paar):„Sic siud aber beide recht korpulent geworden." Ehemann:„Ja, sehen Sie, wir zwei waren immer einig nnd — Sic wissen ja— Einigkeit»nacht stark."— — ES scheint so. A.:„Die Fran Kommcrzienrat besucht jedes Fahr drei bis vier Luftkurorte!" B.:„Da leidet sie also an L u f t»v e ch s e l f i e b e r'." — Und o b I„Ist die Fran des Hauses auch musikalisch?" „Na, die sollten Sie nial hören, wenn die ihrem Manne— den Marsch b l ä jt!"—(„Bieggend. Hirn». Bl.") Notizen. �—„Der Leibnlte", Komödie in drei Akten von Lothar Schmidt, ist von der S e c c s s i o n s b ii h n e angenommen worden.— —„Die Masken" von Pietro M a s c a g n i sind soweit Vollender, daß sie im Frühling in R o m ihre Eiftauffiihrniig erleben können.— — Das Ballett„Aschenbrödel" ist von de» Stranß- scheu Erben vom W i e n e r H o f o p e r n h a n s, Ivo es im Herbst aufgeführt werden sollte, zurückgezogen worden.— — Wagners„Siegfried" ist in R o»i e n zum erstenmal auf einer franzvfischen Bühne ausgeführt worden.— —„Schuster Jan", eine Oper in rineni Akt von G n st a v v. N ö ß l c r, lvurde nnter Leitung des Komponisten in Frankfurt a. M. mit Erfolg zum erstenmal aufgeführt.— — Hartlebens„Die Erziehung zur Ehe" wnrde kurz vor dem Beginn der Vorstellung im Stadt-Thcatcr zn Hannover, wo es von der Heinc-Gcsellschast dargestellt werde» sollte, von der Polizei verboten.— _— Die Ludwig K n a n s- A n s st e l l u n g im Aladcmic- gebäudc bleibt bis znm 1. März geöffnet.— itoi tuinrnmliojei Stedacieur: Paul John in Verl'.». Druc uiw Beria» von Max Bndiiig tu Berlin.