Anlerhaltungsblatl des vorwärts Nr. 39� Soimwg. den 25� Februar. 1900' (Nlicbdruck verboten.) Ankev dem Schutze des Gesetzes. &I Noii Maria Konopnicka. ..Still, Ihr Vcngcl!" donnerte sie Maczuski an, der sich limgewandt hatte. Aber bald darauf vertiefte er sich in ein Gespräch mit dem phleginatischen Fedorenko, der. ein Kleinrusse, jedes Wort wie Pech anScinanderzog; während seine Hand mit der Prise, die ihm der Magistratsdiencr angeboten, ans halbem Wege zur Nase innehielt... Hanka ivar eS. als müsse dies in alle Ewigkeit so bleiben. Sie schloß halb die Augen und zog die Arme in die Höhe, wie um sich vor dem Hieb eines Beils zu schützen. Ihr braunes Gesicht wurde in diesem Augenblick noch brauner. Inzwischen schlug es zwölf, und aus der nahegelegenen Schule drang ein Haufe lärmender Kinder. Sofort hatten sie erraten, was hier vorging, und die Knaben schlössen sich ohne Zögern dein von Wieck improvisierten geräuschvollen Chor an, während die Mädchen am Rande des Trvttoirs mit auf- gesperrten Mäulern stehen blieben und Hanka unverwandt anstarrten. Sic machten über sie Bemerkungen, lachten, stießen einander mit ihren mageren Ellenbogen au und suchten sich gegenseitig auf den Fahrweg hinabzudrängen. Hanka stand inmitten dieses Lachens und dieses Lärms, gebückt unter ihrem großen Tuch. Sie fühlte, daß an ihr gleichsam etwas erstarrte und zu Stein wurde, dann wieder war es ihr, als ob sie in die Erde hineinwüchse. Sic wollte sich bewege», aber ihre Beine waren schwer wie Holzklötze. Ohnehin durfte sie nicht fort, sie wartete auf ihren roten Paß, den Maczuski und Fedorenko kommentierten, indem sie ihil mit der vom Herrn Sekretär ausgestellten Schrift ver- glichen. Endlich faltete der Polizist den Paß zusammen, reichte ihn dem Mädchen und bedeutete ihr, daß sie sich cutferuen könnte. Noch immer in gebückter Haltung wandte sie sich um und ging das erste Gäßcheu entlang, daß sie traf. Die länneudeu Kinder liefen noch eine Zeitlang hinter ihr her. dann wurde der Lärm schwächer, bis er in der stillen Luft verklang. Sie aber ging und ging, bis das Gäßcheu sie in das freie Feld hinausführte. Dann blieb sie verwundert stehen. Wohin? Zu wem? Wozu? Das wußte sie nicht. Sie batte die Ohren voll Sausen und einen zerrütteten, schlvcren 5kopf. Bald aber erlangte sie das Bewußtsein ihrer Lage wieder. In der Stadt mußte sie bleiben, beim Magistrat sich binnen drei Tagen meiden und dann einen Dienst sinhe».... Sic drückte in der Hand ihren ersten Paß. Wer lvird sie mit einem solchen Paß nehmen»vollen? Wer ins Haus lassen? Auch zum Waschen wird mau sie nicht nehmen, denn sie könnte ein Kleid mit Besatz stehlen und Strümpfe.... Hieran blieben ihre Gedanken haften. Das Denken war überhaupt für sie eine schwere Arbeit. Dann reckte sie die Glieder unter dem Tuch, sie verspürte Hunger. Sie griff in den Busenschlitz. In dein grauen kleinen Tuch, das sie dort verwahrt hatte, waren noch einige Dreier gclvickelt. Im Kerker hatte sie beinahe nichts verdient, sie lag krank, die Krankheit verschlang alles, Ivos in dem Buch angeschrieben ward. Bier Gulden�) hatte man ihr ein- gehäudigt, als man sie entließ. Sie blickte sich um, niemand ivar da. Sie holte einige Knpfermünzeii hervor, wickelte den Paß ein und kehrte langsam in die Stadt zurück. „Liebe Frau." hob sie schüchtern und ängstlich an, vor einer Bäckerbude stehen bleibend, wo sie einige Semmel bei der dicken Verkäuferin einhandelte,„liebe Frau, könnten Sie mir nicht irgend eine Dienststellung empfehlen?" „Warum nicht, mein Fräulein? Einen Dienst kann man immer finden. WaS ist das? Sind Sie soeben von einer Krankheit anferstanden? Sind Sie nicht von hier?_ Was?" .„Nein." ') 1 Gulden--- lö Kopeken, ctn>a 30 Pfeiniige. „Von wo denn?" „Ich... ich bin aus Warschau." Die Verkäuferin streckte den Kopf ans der Bude heraus,. und musterte das Mädchen aufmerksamer. „Sie sehen aber sehr jämmerlich ans. Was verstehen Sie denn zu machen?". „Ich kann kochen, waschen..." „Haben Sie hier keine Familie, oder WaS?" Die grauen Augen der Verkäuferin drückten Argwohn aus. „Vielleicht aber... man kann ja nicht wissen, und wer sich selbst behütet, den behütet Gott, vielleicht sind sie gar verschickt?" Hanka senkte den Kopf. „Ei, mein Fräulein, wenn so, wozu haben Sie da den Leuten den Kopf zu verdrehen? Ich möchte selber ein ordent- liches Mädchen ins HauH nehmen. Arbeit würde sich schon für sie finden: im Haus ist gottlob Arbeit genug, aber ich müßte rein von Sinnen sein, wenn ich eine Verschickte nehmen sollte. Im- Namen des Vaters und des Sohnes!... Da kommen Sic bei mir schön an. Ja, glauben Sie denn, daß bei mir in der Wohnung vier nackte Wände stehen, daß ich einen Dieb ins Hans lassen sollte? Mein Fräulein, bei mir giebt es Bett- zeug für vier Personen, Kissen, die drei Rubel kosten, bei mir giebt es Kasserollen, bei mir giebt es allerhand Hausgeräte, in der größten Ordnung. Da kann ich, mein Fräulein, nicht den erstbesten Hergelaufenen ins Haus nehmen, ich muß ein Mädchen habe», wie es sich gehört, eine anständige, die man unter den Leuten kennt. Ja, so, mein Fräulein. Da sind Sie an die Rechte gekommen. Hier drehen sich die Ver- schickten wie die Hunde herum. Und wer wird sie in den Dienst nehmen, auch wenn sie umsonst gehen sollten? Nicht einmal ein Jude. Ein jeder hütet sich, so gut er kann. mein Fräulein, denn einen häuslichen Dieb kennt man ja nicht...." Hanka waiidte sich stillschweigend zum Gehen. Plötzlich hatte sie allen Appetit verloren. Der Budenbesitzerin aber schoß inzwischen ein neuer Gedanke durch den Kopf. Die Kolascuska, die SchlächterSgattin, suchte eine Dienst- magd. Mochte die eine Diebin ins Haus nehmen, das dumme Weib l Bläht sich, thut großartig, und keiner weiß warum. Jetzt wollte sie aber mit einer Dienstmagd alle ans dem Felde schlagen... Das wäre die richtige Dienstmagd für sie... „Fräulein, Fräulein? Warteil Sie mal I" Hanka wandte sich um und blieb stehen. „Treten Sie mir etwas näher." DaS Mädchen schritt zurück. „Da, unweit, im zweiten Haus," sagte die Buden- bcsitzerin im Flüsterton,„wohnt die Janowa, die Vermieterin. Sie werden schon finden. Ich weiß, daß sie für die Schlächtersfran eine Magd sucht. Gehen Sie hm, vielleicht gelingt's." Hanka kiißte der Frau die Hand. „Ich danke, liebe Frau." „Was ist da zu danken. Da ist nichts z« danken. Gehen Sie mit Gott". Die Janowa, die grade beim Gcschirrwascheil war, empfing Hanka auf eine Weise, die ihr die besten Hoff- uuugen weckte. Gestern hatte ihr eben die Frau Apotheker gesagt, daß sie sogar eine Verschickte nehmen möchte. wenn sich nur ein stilles und arbeitsames Mädchen fände. denn es tvar mit diesen Weibsbildern nicht mehr auszuhalten. Kaum daß eins eine Woche oder vierzehn Tage verbleibt. dann ist gleich nichts daraus. Man kann denen gar nichts mehr recht machen.... Freilich suchte auch die Schlächterfran eiil Mädchen, aber eine Dame ist immerhin eine Dame. DaS ist lvaS ganz andres, bei einem Gewerbetreibenden zu dieucw als bei einem Herrn... Hanka faßte Mut. „Meine liebe Fran Janowa, meine süße I Wann könnten wir also hingehen?" „Ja, nun, da giebt's nichts aufzuschieben. Binden Sie nur meine Schürze um, und nehmen Sie dies Tuch vom Kopf, damit Sie etwas ordentlicher aussehen. Sobald ich mit dem Schauern fertig bin, gehen wir gleich." Eine halbe Stmide später wären sie in der Apotheke. ,, Bitte, gnädige Frau!" rief die Janowa und küßte der Apothekeriu unter unaufhörlichen Verbeugungen die Hand. „Ich empfehle Ihnen eine neue Köchin." Die Frau Apothekerin, eine sehr hohe, sehr gelbe und sehr magere Person, war krirzfichtig. Sie blinzelte mit den Augen und streckte den Hals vor. Das Verhör begann. „Woher ist die denn?... Wo hat sie bisher gedient?" Die Janowa trat näher an sie heran, reckte sich auf den Zehen zu ihrem Ohr hinauf und fing an, mit jener für die kleinstädtischen Verhältnisse so bezeichnenden Vertraulichkeit ihr etwas zuzuflüstern. Aber die Dame sprang zurück, indem sie ihre mageren Hände wie zum Schutze vor sich ausstreckte. „Ich will nicht! Ich ivill nicht! Ich will nicht!" stieß sie schnell hervor, mit den Händen fuchtelnd, und zog sich zur Thür zurück. Aber die Janowa gab sich so schnell nicht verloren. „Gnädige Frau haben aber gestern gesagt.. „Gesagt Hab' ich schon, das stimmt. Aber damals wußte sch noch nichts. Aber da ist inzwischen eine schöne Geschichte diese Nacht bei Kassierers geschehen... Was, iveiß denn die Janowa nicht, daß diese Kubisiakowna die ganze Wäsche ge- stöhlen hat und durchgebrannt ist? Hat die Janowa noch nichts davon gehört? Die ganze Stadt ist ja in Aufruhr!" (Fortsetzung folgt.) SottnkÄgsplsutdovcu Auf sehr billige und schnelle Weise kann man in diesen Tagen eine Reise durch sämtliche Zonen der Welt nuternchmcn. Man hat nichts nötig ivie sich cincS kleinen Influenza-Anfalls zu bedienen, der gegenwärtig ohne Mühe und Kosten zu beziehen ist. Dann vermag uiau sich vollkomme» durch die ülimate der Erdkugel hindurch zu fühle». Der Kopf glüht in tropischer Hitze, erscheint geradezu am Aequator angebunden, lind das siedende"Hirn treibt fpnkhaue Gewächse, wie sie die südafrika- nischc Ccntralsonne ausbrütet: Disteln mit Blüten, groß wie das hvchftbestcnerte WarcnhanSfenster, jinit Bajonettdornen gespickt: und man bildet sich ein. man müsse eine von diesen Aequatordisieln lebendig, ungehackt und ungekocht, aus Versehen herinüergcschiucki haben: das scheuert nun inwendig ein wenig. Darfjrnau so mit dein bratenden Kopf die Erde in der an- geschwollenen Mitte durchfliegen, so atmet die Brust in den Eis- gefilden der abgeplatteten Pole. Die Haut ist nur daS Futteral für einen unermeßlich frostigen Eisberg, mid statt des warm rinnenden Herzbluts fühlt mau jetzt in der Brust den Eisberg leise Tropfen auf Tropfen tauen, und daS eisige Tauwafser durchsickert den ganzen Körper, erzeugt eine dichrbesäete Planrage unsichtbarer prickelnder Frostbenieu. Ins der weise Mensch die Be- schwcrden des schüttelnden Polarklimas dadurch zu beheben sucht, daß er schlimme Alkoholika anwärmt und in daS innere Eiswasser gießt. Das soll manch einem helfen, sofern er ausreichend Geld für den umfänglichen Mindeftbedarf hat. Strebt der Kopf zum Aequator, die Brust zum Pol, so wandern die Hände im gemäßigten Klima: es ist ein hübsches Wetter, wo sich Rcbelgcriesel auf der einen und Schneefall auf der andern Seite zu einem durchdringenden Regen versvhiu und ver- eint, und in diesem Flntlvind spazieren die triefenden Hände und fluchen mit verzerrten Finger» über den verwünschten Einfall. mit Hilfe der Influenza eine Weltreise zu simulieren- Es giebt Laue, die dieser Seuche allerlei Vorzüge nachrühmen. Sie ist in der That ein zureichender Eiitschnkdignngszettel für die meisten Unterlassungen. Da jeder Gelegenheit hat, einen echten Fall von Influenza in allen Einzelheiten zu studieren, so wird eS einer gc- schickieu Person nicht schiver fallen, sich die Krankheit kunstgerecht an- zuempfinben und bei Gelegenheit von dieser Kunstfertigkeit eine» zweckdienlichen Gebrauch z» machen. Wenn man zu irgend etwas nicht Lust hat, so entwickelt man die nötigen Stflupto»«. schimpft und jammert, hustet, verschwendet Taschentücher, fönst iind nmLammcrt verzweifelnd mit der rechten Hand die fiebernde Stirn. Dann ist man gefeit gegen alle Zninntmigen und Ansprüche dieser Welt. Fehlt nur»och eine gesetzliche Festlegung, daß die Influenza eine force majeure darstelle, die es, wenn sie nachweislich ist, zur Pflicht macht, uns derart zu schonen. daß ivir dmm weder Steuern,»och Mieten, noch Wechsel bezahlen dürfen. UebrigenS will man bemerkt haben, daß besonders die Staatsmänner, die Minister und Souveräne von der Grippe bevorzugt werden. Ist dies richtig, so lönntc man in der Seuche eine List der Natur erblicken, die miS beweisen will, daß die Dinge sich cnilvickclir, ohne daß man sie regiert. Hat jemand in der letzten Woche den Herr» von Bnloiv vermißt? ES ist nichts zusammengestürzt, kein Staat zu Grunde gegangen, und doch lag der tiefste Kenner der ivell- politischen Fnbrikgeheimnisse trübselig danieder. Gemerkt hat mau nur, daß einzelne Staatsmänner s e u ch c n f r e i geblieben waren—, wer Herrn Rhciubabens Starke Mann-Reden gelesen hat, der hält es sogar für ein nationales lliiglück, daß die Influenza nicht noch reichlicher dafür sorgt, miS vor' der Regiererei gnädig zu behüten. In ihrer Mischung von Unsinn, Komik und schmerzhafter Lebens- gefahr ist die Influenza eigentlich die menschlichste Krankheit. Wenn man pessimistisch denkt, kann man die ganze Menschengeschichte für einen großen Jnflucnzafall halten: eine epidemische Mischung von .Unsinn, Komik und schmerzhafter Lebensgefahr. Wie die Menschen im Banne von Vorurteilen sinnlos taumeln, wie sie sich in Unfreiheit und Brutalitäten um die üppigen Gaben des Lebens betrügen, wie ein blöder Aberglaube plötzlich die Welt überfällt, die«im nicht mehr von ihm loskommen kann, wie die beglückend schöpferische Vernunft gewürgt wird, bis sie schließlich wider sich selbst wütet— das alles scheint ivie die Fieberzuckungen einer Seuche, die unsinnig, komisch und doch zugleich voll quälender, vcrivüstcnder Dämonengewalt ist. Warum? Wozu? Wird sich die Seuche niemals bändigen lassen? Werde» die Aerzte der Menschheit niemals das Heilmittel finden? Und eines Tages steigt doch die Frühlmgssomie empor, und vor ihrem lachenden Leuchten verdorrt das Nebelschlinggewächs der grinsend mörderischen Seuche... Wir werden gesunden l «« * Das sind jetzt die segnenden Tage des Vorfrühlings. Verlin ist keine Schncelaiidschaft mehr. Die Strnßenrcinignng hat unter gütiger Mitwirkung der Sonne diese großstädtische Schneclandschaft ve- seitigt, die mit den einfachsten Mittel» hergestellt war: eine iil brauner Schleimsuppe schimmernde Aspbaltfläche, auf der sich in gerade» Reihen in regelmäßigen Abständen grab- ähnliche Hügel erheben; man könnte diese Hügel schwarz nennen, wenn Schwarz den Grad raffinierten Schmutzes angemessen wieder- geben würde, der in diesen diuiklcii Grabhügeln angehäuft ist. So müßte ein übersecesfionistischcr Maler die weltsuidtischc Schnceland- schasr malen: eine feucht glänzende Asphaltstraße, an den Rändern die schlammigen Kothaufen,' und neben einem von ihnen ein sinnender Jüngling, der mit einem Stöcklein tief in den Hansen gestoßen und mm glückselig an der Spitze des StöcklemS ein weißes Flöckchen gewahrt. Aber solche Winterpoesie ist nun berschwimden. Die Accumnla- toremvagen haben darum an ihrer Vielseitigkeit eingebüßt. Zwar verstehen sie immer noch, die Menschen mit allem Eomfort zu über- fahren, sie elektrisieren, entwickeln Dämpfe, kochen, brennen und cnt- gleisen— indessen sie haben es verlernt, in imponierendem Aufgebot hinter einander stehen zu bleiben und in der Straßenmitte eine doppelte Häuserreihe zu improvisieren.... Der Vorfrühling strahlt. Wie ein Wunder ist er wieder über uns gekommen, jung, blühend»nd voll Fröhlickikeir. Hot man je zuvor schon gewußt, wie groß die Schönheit der Welt sei, weiin aus bla'tzblanem Himmel die Fülle reinen Lichtes die in Schimmerschleiern tanzende Luft übergießt! DaS ist das ewige VerwandlungsUmuder der Natur, das immer wieder wie eine unbegreifliche Seligkeit jäh ersteht. Die Frühlingsblumen. die an der Straße feil geboten werden, scheinen nnmiiielbar ans dem Füllhorn hcrabgcgossen, mit denen die kindliche Phantasie mild spendende Götter degabt. Warum Verlaffen diese thörichten Menschen nicht die dumpfen Arbeitsstätten, die düsteren, kalten Clausen, warum wandern sie nichl hinaus, in hellen Gewändern, und freue» sich in fröhlicher Gemeinschaft der jungen Sonne? Gebietet doch die Rainr selbst heute allen fühlenden Seelen Feiertag und Fröhlichkeit! Alle hören sie den lockenden Aus. und niemand folgt ihm. Rur in eiliger Mftiagspnnfe atmen sie hastig ein lvenig von der Soimenluft. Tann frohnden sie weiter ans der Galeere der zum Stovendienft entweihten Arbeit. Der große Feiertag des Vorfrühlings vergeht,«nbejnbclt. Vielleicht lebt in dem Karnevalstreiben, lvie eS im Süden und Westen volkstümlich in diesen Tagen auf die laue und laute Straße drängt, ein lvenig von dem Gefühl des Vorfrühlings. Die bunte Narrheit verbrüdert die Menschen, und der er- barnmngslose Kampf ums Dasein mildert und verspottet sich zugleich in dem iinerschöpflichcn Spiel ersindmigslnstiger Neckerei. Man schlägt sich mit klatschenden SchweinSblafen. anstaU sich wie sonst mit Klauen und Zähnen zu zerfleische». Bei uns im Norden aber giebt es nichts dergleichen. Bei uns giebt cS mir enigcsverrke Maskenbälle und eine angestrichene Fröhlichteil für Leute, die sich wie Cigarre» und Weine so auch das Lachen taufen. Wir haben nur den schnellen Sounenblick. den wir genießen dürfen, wenn uns die Arbeit für Minuten frei läßt. Man empfindet an solchen Lichttagen des Naturerwacheus und der sich leise ankündigenden unerineßlichen Fruchtbarkeit schärfer denn sonst all das Wahnsinnige, das sich die Menschen selbst in das Dasein geschleppt haben. Unter dem milden laiUcren Farbenglaiiz des Vor- frühliiigs begreift man es nicht, wo rinn sich diese Thoren unablässig gegenseitig zerstören, warum sie an Ketten sich zerren, die sie selbst gc- schmiedet, warum sie, statt gemeinst»» in Freudigkeit zu schaffe», in eivigem Kriege wüten, mit Pulver und Blei, mit Hunger und Nor. Und während man zum erstenmal die Amsel singen hört, gedenkt man schaudernd der menschlichen Raubtiere, die mit Mord ausgehen, der Völker, die einander verwüsten, und der Profefforen, die uns die Rotwendigkeil von alledem beweisen. Als Kind verspürte ich wohl, tvcim die FrühlingSsoime wieder emporstieg, die unbezähmbare Lust, hinter die Schule zu gehen. Heute ivünschte ich, einmal hinter die Zeit, an die ivir geschmiedet. gehen zu können, und zu schaue», Ivie in erlöster Zukunft die Völker den ersten Strahl der sich erneuernden Natur seicr».— Poe, — l£ KlvinVS Feuilleton. Ter verbesserte Uhland. Ans Stuttgart wird der »Franks. Zeitung" geschrieben: Vor einigen Fahren erfüllte irgend ein Schulrat die Zeitungen mit seinem Ruhm, er hatte aus dem bekannten»In einem kühlen Grunde" an? SchÄlichkeitsgründe» das »Liebchen" entfernt und einen„Onkel" bincingesetzt. Ter Mann hat einen Iviirdigen Genossen in einem schlvübischen Pädagogen gefunden, der das UHIandsche Gedicht.Der Schmied" für die„Fibel für cvan- gclische Volksschulen Württembergs" znrccht gedichtet hat. Das Ahkmid'sche Gedichtchen lautet: Ich hör meinen Schach. Den Hnmmcr er schwinget. Das rauschet, das llingcr, Das dringt in die Weite Wie Glockcngeläute Durch Gassen und Plach. Rm schwarzen Kamin Da sitzet nicin Lieber, Doch geh' ich vorüber, Die Bälge dann sanscn. Die Flanimcn aufbrausen lind lodern unr ihn. Cs ist ans den ersten Blick ersichtlich, dass dies Gedicht geeignet ist, jnnge nnfchnldigc Gcnniter in Grniid und Boden hinein zn vcr- derben. Gliickkichcrlvcise existieren»och Fugendbildner, die derartigen Frevel zu verhindern verstehen. Ein solcher hat auch den unsittlichen Uhland in daukcnswerker Weise verbessert. In der Fibel heißt es nicht mehr„Ich hör' meinen Schatz", sondern„Ich höre den Schmied".„Schmied" und„Platz" reimt sich zwar schlecht, aber darauf kommt c-Z nicht an. wenn man Seelen retten will. Die zweite Strophe ist noch schöner verballhornt. Sie kantet i» der Fibelfass'uug: Am schwarzen Kamin Die Geselle» sich m ü h'», Und geh' ick) vorüber. Die Bälge dann saufen, Die Flammen aufbrausen, Das Eisen zu glüh'». So hat die Schulweisheit das sinnfällige poetische Bildchen glücklich zerstört und eine Fratze hingestellt.— — Tie Wnrzcngraber in Tirol. Eine stündige Stassagc der einsamen Hochthälcr n»d Almbezirlc in Tirol, so heißt es in einer, „Stangcns Berk.-Ztg." vorliegende» Korrespondenz von dort, sind die„Wnrzengrabcr" oder„Enzianklanber", Gestalten wie wandelnde Ruinen, braun und verwittert,, mit Gesichtern, i» denen Sturm und Soinienglut ihre Zeichen eingegraben. Fhre Lebeusiveife ist auch abenteuerlich genng. Hoch oben ans lustiger Alprnhöhe baut sich der Wnrzcngraber seine Hatte miS Zirbelbaunizweigc» und deckt sie gegen Rege» und Schnee notdürftig mit Baumrinden zn. Hier macht er sich wäriveiidcs Feuer, kocht und schläft er. Küchenzettel und Lagerstätte sind nun freilich recht einfach, desto prächtiger ist die Umgebung der Hnsse. RingSmn prangen im herrffchsscii Grün die üppigsten Alpcmnatten; von der Ferne hört er das Aiinrneln der Glocken grasender Rinder inid hellauf jauchzt vcn der Höhe der Aelplcr. Die Schvicheit der Natur iiimniert aber den ivcttcrgcbräilntc» Kameraden' sehr ivcnig: die blaue» und gelben Enziaubliiteii dagegen find es, die seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Denn ans den Wurzel» dieser Pflanzen wird der hochgeschätzte Enzianbranutwein bereite!: dieselbe» zn diesem sssveck zu sammeln, das ist das Geschäft des Aurzengrabers. Beim ersten Morgeirgraucn geht er an seine Arbeit, er klettert ans die gcfähr- lichsten Felsvorsprünge, von denen er sich oft in die Klüfte hrrabseikc» muß. um große Enzürmvurzekn zu finden, Ist die Mittagsstunde da, so dienen ihur ein Stuck harter Alpen- täse, schwarze» Brot uud frisches Wasser als Mahlzeil. Nur selten kommt er am Abend z« seiner Hüne zurück: denn häufig ist er zu iveit vo» dersekbeu entfernt, oft auch überrascht ihn ein klmvetler. Daim sucht er sich eine nahe Sennhütte oder eine Fcls- bohle. Die ausgegrabenen Wurzeln legt er aus Felsen an die Sonne zum Trocknen, oder trägt sie i» Bürden i» die Hütte. De» Sommer über bleibt er gewöhnlich int Gebirge und streift ein Revier nach dem andern ab. Im Spätherbst begiebt sich der Wnrzcngraber an seine Sammelplätze, bindet die trockene» Wurzeln zusamincu. trägt sie i» die leere Almhütte als Hanptsaniniclplatz und bringt sie sodann nach und nach zu Thal. Nicht selten tritt während dieser Wanderungen großer Schneefall ei»; dann kostet es viele Mühe mid Not. sich den Rückzug zn bahnen. Unken im Thal befinden sich die ans Stein gebauten Breniihlitten. in denen der rußige Brenner den sogenannten Enzahler fabriziert: solche Hütten trifft man hauptsächlich im Achen- und Imigsern-Thal bei Rananlt in Stubai und in Silz int Obcriunthal. Hier iverden die Wurzeln erst»och völlig ausgetrocknet und dann kleingehackt. Die Masse kommt in die„Kärbutten",� luftdicht verschlossene Kufen, vv» sechs Fuß Höhr, zur Garniig. Später wird sie in die ebenfalls luftdicht verschlossenen„Brennhafcn" geschüttet nnd mm beginnt das„Ab- drcniicit". Zuerst wird„Lntter" gebrannt, der aussieht lvie Butter- milch und noch keinen Alkohol cutivickell. Aus dieser Flüssigkeit wird 5— dann erst der eigentliche Branntwein gewonnen. Der„Enzahlcr" oder„Hochwnrzener" steht bei dent lirolischcn Landvolk im höchsten Ansehen, Cr ist die wahre Lcbensessenz des AelplerS, ein llnivcrsalmittel gegen alle Gebrechen und Krankheiten— nur muß man an die heilsame Wirkung so fest nnd linerschiiitcrlich glauben wie ein alter Tiroler Bauer. Sicher ist, daß der Bitterstoff dieser Wurzeln magcnstärkeud wirkt und der groben und fetten 5tost des AelplerS ein Aequivakent bietet. Deshalb Pflegt der Alpen- beivohncr morgens früh und abends, bevor er zur Ruhe geht, ein kleines Gläschen dieses Getränks zn sich zn nehmen. In den Städten und außerhalb Tirols trifft man den„Enzahker" jedoch selten rein; gewöhnlich verpanlscht ihn der städtische Ver- känfer und mindert so die heilsame Wirkung. Die Mass reellen Enzianbranntweiiis ivird mit Lt's bis 4 Gulden bezahlt. Der Geruch desselben ist anfangs imangcuehm, doch bald grivöhnt man sich an ihn nnd gewinnt den Tränk lieb, besonders den alten, der die Herbheit verliert. Der König des Enzinngeschlechts ist der gelbe Enzimi, dessen Wurzeln daher auch Mcisicrwnrzeln gc- naimt werden. Sie wachsen ni mageren Boden-Ricdcrmigcn; auch findet man sie auf Hochgebirgen und Alpen. Als sehr vornehm gilt auch das Tausciidguldcnkrant und der blaue Enzian mit dem großen tiefen Kelch. Vor' Zeiten, als noch der Enzian auf allen Alinwiesen massenhaft gefunden ivurde, war das Wnrzengrabcn als einträgliches Geschäft sehr im Schwünge. Es existiert auch ein eigenes Würzen- grabcrlied, welches deren Freuden und Leiden hoch oben in der Berg- ivelt besingt, wte der Wurzengraber überhaupt eine stehende Figur bei Aolksbelnstigungen, Baiiertikoinödicn usw. bildet. Jetzt aber ist das Euziansuchc» ein armseliger Ertverb; die Enziamvurzeln iverden immer seltener und tu vicleu Gegenden sind sie fast ganz ausgerottet.— Musik. Im gewöhnlichen Gang unserer Konzerte kamt auch ritt fleißiger Besuwer noch so viele Mnsiikeuntinssc sammeln: einen verläßlichen Einblick in den geschichtlichen Gang selbst nur der neiierett Musik wird cr daraus schwerlich schöpfen. Auch historische Konzerte, die ja bei uns— uomeutiieh in weltiichcr Musik— leider recht selten sind, würden Ivo hl nur in längerer Reihe und mit Konuncntarcn jene Lücke anSfüllen. Hier helfen mit ehesten eigene Vorträge. Herr Angnst Wellmer hat das Verdienst, durch seine„Musik- geschichtlichen Vorträge" diescn Bedarf wenigstens der Thcmastellung noch zn decken. Als Gegenstand ist gewählt: „Mnsikalischc Romantiker des nennzehntc» Jahrhunderts. Lied, Ballade und Legende." Wir hörten den zweiten Vortragsabend, der Schmnann. Franz nnd Brahms brachte. Bon Herrn Weltmers Verdiensten bleibt auch dann noch manches übrig, ivenn ivir uns einige Ans- stellungen erlauben müssen. Vor allem wird er feiner'Thema- stellung nickst ganz gerecht, indem dnS. Ivos er bringt, mehr ein poesiegeichichtticher als ein musikgeschichtlicher Vortrag ist, mehr littcrarisch als tonkünstlerisch interessiert. SSas alles die „Ronianliker" gegenüber den„Klassikern" nnd dann in ihrer Reihe selbst von Stufe cht Stufe an rnnsilalisch Neuem gebracht haben, in Melodie, Harmonie, Rhyihntus, Phrasierluig. Ausdruck, Begleitung usw., davon hören ivir kaum einige Einzelheiten; nnd die einen großen Teil jedes Abends ein- nchmcnden Deklanmlionen sind ja erst recht nichts Musikalisches, Ferner faßt der Vortragende den Begriff der StommitU doch etwas zu weit und zu blaß— iverden ja doch später sogar die nettesten Komponisieu tnilhineitigezogen lverde»; nnd mit seiner Behandlung der rotnanUsche» Dichtkunst mögeii Littcrarbisloriker abrecht«». Muflkgesehichtlich iväre zu bcattstaiidcti die kurze Behauptung, daß Schmnann sich an Mendelssohn an- geschlossen habe � der Gegensatz war vielnirm recht l>etcächllich: daß Franz der bedeute llöste Nackifolger von Bach und Händel i» der Polhphoiiie gcivcseii sei. würde doch mindeste ns einer nähere» Dar- legung bedürfen. Mit Recht sprach sich Wellmer, bei sonstiger Hochachtung vor Brahms, skeplisch gegen dessen Lieder ans nnd klagte, daß einem jedes Wort gegen Brahms verdacht lverde. L u i s e K l o s s e ck- M ü l l e r sang, allerdings mit geringelt stimmlichen Mitteln nnd mit dein Fehler eines Zerprefsens mancher Klänge lzumal einiger Endsilben) zwischeit den Zähne», recht ausdrucksvoll einige gut gewählte Lieder. SchmnannS„Löiven- braut" auch nur einigermaßen llcranSzubringen ist schon eine schwere Aufgabe: ivenn wir hier tioch ein Mehr an Berltefitng wünschen. so möchten ivir ziunnl deit Begleiter Siegfried Fall ersuchen, tracki reichcrem Tcuipoivechjel zu drängen, namentlich die Stelle:„Äir waren in Zeiten, die»icht mehr sind., noch merllich langsamer zn iiehnieu. Watida von Hau stein besorgte die Dellnnialion. Zwei Sachen von Eichcndorss wareir zur Charakterisierung des Dichters nicht gut gelvählt: PlatenS„Harnrojan" dürste einer weiblichen Stimme(von ciuem oder dem andern falschen Aceent abgesehen) nicht recht liegen — jedenfalls wäre hier weit mehr Gewalt des Ausdrucks. selbst hohes Pathos, nötig; Heines Kevlaar kam mit viel Kunst heraus, lvie denn überhaupt die Vortragende die Sprachtcchnit iticht übel beherrscht, löimte aber doch etwas t veniger gemütlich genommen Iverden. De» nächste» Vortragsabenden dürfen wir mit Interesse eiitgcgeiischn. ,' Ist es ein Vorurteil, lveun ich weiblichen Vertretern der redenden Künste immer mit Zagen entgegentrete, wenn eS sich um Werke handelt, die eine Größe des Ausdrucks, eine Vertiefung dessen, was leicht formal bleibt, und cinc Gewalt des Rhhthninö verlaiigen'i 'Beethovens Klavierkonzertc scheinen mir in diesem Sinn weiblichen Hönde» nicht recht zupasse», so qern sich diese anch darüber machen. Indessen spielte neulich bei den Philharmonikern Marie Gcselschap das»och ziemlich einfache v-üur-Konzert im ganzen recht nett. Auf- fallend lvar aber die Steigerung des als Allegro scherzaudo bezeichneten Tempo des Rondo zn' einem ganz andersartigen Hetz- Allegro. Grund: der Künstlerin scheint der spccistsche, einen scharf gcpr'äpten Rhythmus verlangenden Charakter dieses Satzes entgangen z» sein. Diese ganz ivcscntlich zum Motiv gehörende» scherzhaften Gegensätze von Legats und Staccato bedürfen einer grösteren zeitlichen Breite. Dazu kam,' daß auch die, sozusagen didaktische Forderung einer höchstmöglichen Deutlichkeit im Darlegen dcS Motivs der Spielerin z» wenig bekannt sein dürfte. Man vergleiche nur, um wie viel klarer dieses Motiv vom Orchester herausgebracht wurde.— Dem- selben Orchester sei seine neuliche gute Aussühruug der im allge- uieinc» bereits bekannten symphonischen Dichtung von R. Strauß „ T o t u n d V e r k l ä r u n g", die in uuserm Rahmen anscheinend noch nicht gelvürdigt Ivnrde, noch eigens angerechnet. Die Komposition, auf einer eigenen Dichtung aufgebaut, ist in de», bekannten Stil solcher Werke gehalten: sie ist reicher an instru- »nentale» Wirkungen als an Motiven und reicher an Verstandes- niößigcn Zügen als an solchen der Anschaunng und der Gefühls- crreg'ung. Noch eine kleine Frage: warum nehmen die modernen Komponisten, Ivo sie eine sozusagen überirdische Wirkung der Blech- instrnmente brauchen, wie hier bei dem verklärenden Schluß, nicht die so wohlklingenden„Wagncrtuben" zn Hilfe?— sz. Aus der Vorzeit. — Ztv crghafte Ureinwohner Europas. Von de» Funden, die Dr. Riiesch am Schweizersbild bei Schäffhansen»lachte und die zum größten Teil im schweizerische» Landes», nscum aufgestellt sind, machten unter den Anthropologen besonders einige nicnschliche Skelette von abnormer Kleinheit Aufsehen. Professor Kollmann in Basel legte dieselben verschiedenen Natnrforscherversa»,»,- lnngcn vor. llcverall überzeugte man sich, daß man es da mit Skelette» von ausgewachsenen, aber überaus kleinen menschlichen Individuen (140 Centn, ictcrs zu thnn habe. Auf ausgewachsene Menschen denlelen die abgeinitztcn Zähne hin, dazu lieferte die Radiographie den Nach- weis, daß das keine verknorpelten Knochen von Zwergen, sondern voll- kommen ausgebildete sind. Allein diese Funde aus»eolithischcr Zeit blieben vereinzelt, und die Ansicht Kollmanns, daß eS Skelette von Ureinwohner» seien, stand daher etwas in der Luft. Nun hat aber, wie der„S.Z. Z." geschrieben wird, Nücsch einen andern Fnnd ans Licht gezogen, der jene Ansicht bestätigt. I», Jahre 1847 hatte der seither verstorbene Dr. v. Mandach in der Nähe des SchtvcizerSbildcS. im Dachsenbühl, eine Höhle ausgegraben und dabei eine Grabstätte von l&OCentinietcr Länge entdeckt. Der Inhalt jenes Grabes, ei» Skelett, blieb in einer Schieblade des kleinen Schaffhanscner Museums ver- borgen, bis ihn Riiesch aufs neue cntdcllte, und seither überzeugten sich die Anthropologe», denen die Lieste vorgelegt wnrden, daß hierein neuer Fund von wirklichen Pygmäen vorliege. Alle Zweifel über das Bestehen einer früheren Zivergrasse sind damit beseitigt; anch stimnien neue Funde in den Pyrenäen mit denen an, SchweizerSbild und in, Dachsenbiihl überein. Die Berichte Homers und Hcrodots, die alten Sagen von Zwerge», die in Bergen und Wäldern Hansen, haben dadurch eine» natnrhistorische» Hintergrund erhalten.— Geographisches. — Eil, ehemaliger Pampas-See. Die oberste Gc- birgSschicht des weiten Gebiets dcS Platathals, in dem sich die Pampas ausdehne», bildet eine 6 bis 30 Meter mächtige Lage von rötlich-gelber, hellplastischer Thoncrde, die. wie die Wochenschrist ..Mutter Erde" erzählt, in wechselnden Mengen ein wenig Sand und Spuren von Titaneisen und Olivin enthält, lieberall trifft man in biesem Gelände mergelartige, bisweilen geschichtete und von Kalk- knoten erfüllte Felsen, unter die die Thonerde eintaucht, und deren Ursprung wahrscheinlich in den die Thoncrde»iitcrlagernden und die Flußbetten tragenden Kalksteinschichten zn suchen ist. Die Pampas sind gänzlich frei von Steinen und Kieseln. Ihre Thoncrde wird im allgemeinen»in so sandiger, je mehr ma» nach dem Westen kommt. Gips, kohlensaurer Kalk und feiner vulkanischer Schutt findet sich bänfig. Die ganze Pampasformation bildete, wie Georg Carl Chnrch in einem vor der Britischen Geographische» Gesellschaft gehaltenen Vortrage darlegte, einst ein großes Binnenmeer, das siid- lich von Uruguay mit dem Atlantischen Ocean in Berbindung stand. Dieser Pai»pas-See war 2400 Kilometer lang und über 000 Kilo- meter breit und bedeckte ein Areal von mehr als 1 000 000 Quadrat- tilonieter, war also etwa 3/3 so groß wie das Mitlekmccr. Wie dieses das Schivarze Meer, so besaß der PampaS-See den MajoS-See, eine etiva 300000 Quadratkilometer große Wasserfläche, die nur durch eine kanalartige Enge mit dem Pampaö-See zusammenhing. Der Sumpf von ikarayeS am oberen Paraguay»nd das ehemalige Delta deS Parcuiki mit den Lagunen sind als Reste der einstige» Seestäckc anzusehen, während in der Salina Grande ein früherer Jnlandfjord zn erblicken ist. Die Entstehung dieses FlachsecS hängt mit der von West»ach Ost drückenden Anffaltnng der Alpen zn- sanimcn. Die Masse des am Boden des PampaS-Sees abgelagerten Schlammes schätzt Georg Earl Chnrch auf 15 000 Kubitkilvmeter uiK> nimmt die dazu erforderliche Zeit auf 70 000 Jahre an.— Phyfikatisches.' — Wie c n t st c h t der D n r st? Je mehr die Physiosogie. die Lehre von den Körpcrverrichtnngen, vorschrcitet, je mehr man vor allem die Thätigkeit der Überall in, Körper verzweigte» Nerven kennen lernt, um so mehr stellt es sich heraus, daß sehr viele Empfindungen, die bisher als einfache Gefühle gegolten haben. durch einen ganz bestimmten nervösen Vorgang bedingt sind. Voll diesem Standpunkt ans untersucht Professor Oppenheimer in seinem Buche„Physiologie des Gefühls" die Entstehnng des Durstes. Danach wird daS Gefühl dcS Durstes in letzter Linie durch eine Berarnulng dcS Bluts an Wasser bedingt. die ent- weder infolge zn geringer Einfuhr oder zu reichlicher Abgabe von Wasser entstanden ist. Eine besonders starke Wasscrentziehung findet nun in einer Luft statt, die im Verhältnis zu ihrer Tengic- ratnr zu wenig Wasserdampf enthält. Wird eine solche Luft ein- geatmet, Ivos z. B. im Sommer oft der Fall ist, so entzieht sie de», Körper zu ihrer eigenen Sättigung Wasser, und zwar besonders ans den Teilen, mit denen sie zuerst in Berührung kommt, d. i. in erster Linie Schlund»nd Mnndschlcimhant. Hier' tritt Wafferverarmnng des Blutes ein und damit eine Reizung der Nerven an diesen Stellen. Von den Nerven wird dann der Reiz weiter geleitet und gelangt in daS Gehirn, Ivo er das Gcsiihl des Durstes entstehen läßt. Gleichzeitig da- mit wird durch andre Nervenfasern, die von jene» Stellen kommen, das bekannte lästige Gefühl erweckt, mit den, der Durst verbunden ist und daS sich schließlich bis zum Schmerz steigern kann. Hierin unterscheiden sich Durst und Appetit. Bei letztere», haben wir nur daS Gefühl der Leere im Magen ohne eigentliche schmerzhafte Empfiiidlnigcu; der Durst hingegen wird so lästig, daß er sogar das Gefühl des Brennens hervorruft. Dieser Unterschied beruht auf nervösen Einflüssen. Denn der Appetit wird vom Magen a»S ver- mittclt,»nd in dessen Schleimhaut finden sich nicht jene oben er- wähnten Fasern, die dem Gefühl der Lust oder Unlust dienen »nd die in, Schlünde, dem Sitze des Durstes, so reichlich vor- handen sind.— Humoristisches. — Zur Hebung des Fremdenverkehrs.„... Aber, Herr Wirt, es sollte hier in dieser herrlichen Gegend doch etwas zur Hebung des Fremdenverkehrs geschehen!" „Ja, ich Hab' g'rad zn meiner Frau gesagt: so'n berühmter Mann, wie der Herr Professor sollt' halt aiual bei uns a b- stürz',,!"— — Vernichtende Kritik..... Und was halten Sie von dem Advokaten?" „Hin I Er g c>v i n n t Prozesse, die man nicht gewinnen darf!"— — Umschrieben.?l.:„Ich sage Ihnen, der Gesnngunterricht meiner Frau hat mir über 3000 Mark gekostet— selbstverständlich das eingerechnet, was ich während der Unterrichtsstunden im Wirts- haus verzehrt habe I"—(„Flieg. Bl.'j Notiz«,. — Die O e d i p Ii S- A u f f ü b r» n g deS„Akademischen Ver- einS für Kniist n»d Litteratnr" findet Mittwoch, den 23. Februar, nachmittags 3'/» Uhr, statt.— — DaS Ballett„Aschenbrödel", zu dem Johann Strauß kurz vor seine», Tode die Musik geschrieben, gelangt im Herbst i», Berliner Opcrnhanse zur ersten Aufführung.— — Einen Recitatioiisabend z» Gnnsten der Berg- a r b e i t e r hat eine Anzahl junger ezechischer Dichter mit künstlerischem und materiellen, Erfolg in Prag veranstaltet.— — Eine Kommission zur H a n p t p r ü f»» g von R a b« r u n g S n» i t t e l- C h e in i k e r u ist an der Universität Jena ein- gesetzt worden.— — Eine Gesamtausgabe der Werke Björnstjerne B j ö r 1» s 0 n S in 50 Heften erscheint gegenwärtig bei Ghldcndal in Kopenhagen.— — Prof. Alexander Tille ist an der Universität G l a S- g 0 w Ivege» eines l> 0 e r e n f r e n 11 d l i ch e n Artikels, de» er in einem Berliner Wochenblatt veröffentlicht hat, von Studenten Überfallen und lhällich beleidigt worden.— — In New U 0 r k starb im Alter von 30 Jahren Benjamin Wood, der Heransgeber der„Daily News."— — Die amerikanische Universität Wyoming plant die Gründling eineS„Herbariums des Felsengebirges"; sämtliche Pflanzen de? durch seine Schönheit wie durch seine Eigenart be- rühmten Gebirge» sollen darinnen gesammelt und dem Publikum zugänglich gemacht werden.—_,_ iberannvortltche: Reo»c,eur-. Paul John in Berlm. Druck und Bercag von ivtax Badin» m Berlin.