Anterholtungsblatt des Nr. 40. Dienstag, den 27. Februar. 1900 (Nachdruck verböte»».) Mnkev drnt Srtzuhe des Gesetzes. 0] Von Maria K o n o p n i ck a. Die Vermictcnn klatschte in die Hände und schüttelte den Kopf in(iroszcr Verwunderung. ..Seht mal da, ihr lieben Leute, ivar das eine Diebin!" Bei dem Klang dieses Wortes langte Hanka unwillkürlich nach ihrem Tuch, das sie aber nicht auf dem 5lopfe hatte. Wieder dünkte ihr, dah sie die Kassiererin bcstohlcn hatte, daß alles sogleich an den Tag kommen und man sie ins Loch stecken iviirde. In der Verwirrung zupfte sie die Jnnoiva bei der Schürze, sie wollte sich entfernen. Aber jene wollte noch cimnal ihr Glück versuchen. „Ach weis, gnädige Frau! Was geschehen, ist geschehen. ML ob die Hiesigen nicht stehlen.... Gnädige Frau hätten da ein Mädel, das sich sehen lassen kanij.... Eine ist der luidern nicht gleich. Diese Knbisiakoivna war immer ein Lump, im Grunde genommen i diese hier dagegen kann kochen und wasche,!, wird sich nicht herumtreiben, hat gar keinerlei Bekanntschaften...." „Hol sie der Teufel, meine liebe Janowa. Und wenn sie mir da süßen Honig fabrizieren würde, will ich sie nicht ins Hans lassen. Ich gönne sie jedem andern, mir mir nicht." .,?ia, was ist also zu machen, wenn gnädige Frau nicht wollen.. „Aciit, nein, Janowa! Ich rat Euch, sie nirgends hinzuführen, denn Ihr könntet Euch noch in eine schlimme An- gelegcnheit verwickeln." „Na, wenn das so ist, so fall' ich zu Füßen*), gnädige Frau." „Enipfehle mich." Sie gingen. „?>'a, mein Fräulein, Ihr habt gesehen, daß ich niir alle Mühe gab, aber es nützt alles nichts. Ich muß Euch sagen, wenn die Apothekerin Euch nicht nehmen wollte, so wird's keiner sonst thun, denn der Dienst bei der Apothekerin ist be- tüchtig t. dort bleibt keine ordentliche Dirne lang, nur lauter Cchenerlappeu. Und wenn schon diese ausgedörrte Stmlgc Euch nicht haben wollte, so steht's schlecht>un Euch. Na, ich kam» es nicht weiter unternehmen. Euch einzuführen. Na. na! Das ist aber seltsam... Und doch weiß ich, daß sie Mägde suchen..." Sie schüttelte den Kopf in der gesteiften Haube und wiegte sich in den breiten Hüsten vor Staunen. Nach einer Weile hielt sie das Mädchen an. „So geben Sie mir meine Schürze wieder und komme» Sie, um Ihr Tuch zu holen. Mau strengt nur vergeblich seine Lunge an, weiter hat man nichts davon. Im Hals ist mir trocken geworden. Wenn das eine wäre, die's versteht, möchte man da gern ein Trövfleiu trinken." Hanka verstand die Anspielmig und griff nach ihren Dreiern. „Sehr gern," stammelte sie schüchtern. Sie hoffte noch immer, zu der Schlächtcrfrau geführt z»» werden. „Na also, heraus dann!... Kommen wir zur Schapsowa." „Aber ich möchte zuerst»nein Tnch haben... ES geht nicht so, die Leute reden..."s Sic konnte es ja nicht heraussagen, daß sie sich schämte, mit offener Stirn unter die Leute zu gehen: sie bildete sich in der That ein, daß wer sie anblickte, sich sofort sagen müßte: eine Diebin. Sic gingen, um das Tnch zu holen. Bei der Schapsowa in der Schänke war es lebhaft. Hanka zögerte an der Schwelle, aber die Janolva zog sie hinein. Die Stube lvnr voll von Zechern. Die einen saßen um den gelb gebeizten Tisch herum, ans beide Arme gestützt, schmauchten mit düsterer Miene schweigend billigen Tabak und spuckten jedesmal zur Seite oder sie stürzten einander in die Arme und vergossen bittre Thränen. Andre lagen ans den Bänken ausgestreckt, lachten, witzelten, saugen, und obgleich sie selber schon *) Ilcbliche mitcrlvürfige Empfehlniigsforincl. halb betrunken waren, machten sie sich über die andern» lustig. Manche standen inmitten der Stube, noch aufrecht, oder schon schwai»kend und verschnttetm den Brattntwein; von Zeit zu Zeit schlugen sie»nit der Faust gegen den Tisch und swchien wütend. Eine schmutzige.Kellnerin drehte sich geschäftig nmhe»', von allen Seiten ivnrde sie herbeigerufen und herumgestoßen. Die Schapsowa selber thronte hinter der Lade auf einem hohen Sessel, strickte einen Strumpf und betrachtete die Gaste mit dem trägen Blick einer sich sonnenden Katze. Die Janowa drängte sich bis zur Lade hindurch und verlangte ein halbes Viertel Anis; sie trank Hanka zu: „Prosr!" „Wohl bekounn's." Auch Hanka leerte das Blcchgcfäß. Die Janova nahm noch einen Kümmelkäse und eine Snlzkipjel, und nun stellte sich das Bedürfnis heraus, die Gurgel nüt Bier auszuspülen.... Während dieses Jinbisfes trat der eine»md der andre an das Mädchen heran und suchte einen Blick unter das so tief herabgezogene Tuch__zu weisen. Mancher puffte sie in die Seite, scheinbar unabsichtlich, da das Getvühl in der Schenke gar so gros;»var. Besonders einer, ein junger, hoch- gewachsener Bursche, mnkreiste sie von rechts»md von links, offenbar einen Anlaß suchend, sie cuiKtsprcchen. Gerade als Hanka die Zeche bezahlte, stand er vor ihr, sah ihr i>» die Augen und rief: „So wahr ich den lieben Herrgott... Ist das aber ein Zusammentreffen!" Hanka blickte auf und erkannte ihn ebenfalls. Es war der Sepp Kalik, der mit ihr voriges Jahr zusammen im Kerker saß. Eine Nöte bedeckte ihr Gesicht, sie zupfte die Janowa bei der Schürze und wollte sich ungesämnt entfernen. Jene aber hatte»»ach den» Anis und de»n Bier Lust be- konnilen, ein»venig zu plaudern; sie scemmte sich mit den» Ann auf die Lade, lehnte den Kopf auf die Hand iu»d erzählte der Jüdin weit und breit, wie es»var, als man voriges Jahr ihre»» Sohn zun» Militär nahm- Es>var unmöglich, sie jetzt fortzubringei». Kalik vertrat Hanta den Weg znr Thiire, fteiun»te sich in die Hüsten, lachte»nid wiegte den Kopf hin und her. „Na, na! Da sind wir nun auch mal ziisaiinllengekoinmcn. Bist Du lange hier, Hai»ka?" Das Mädchen drückte die Zähne zusa»»»nicn und schwieg. „Wie tz Hast Du die Sprache verloren. Hannchen? Jn»n»er noch so hochmütig?" Er trat ei», ige Schritte näher. Hanka zog die Janmva wieder bei der Schürze. Tie Alte»vaudte sich um, und da sie Kaliks Zndriuglichkcit für eine gewöhnliche Licbescrklärunz hielt, rief sie: „Ach. lassen Sie das lieber! Das Fräulein ist nicht von hier. n»id hat auch keine Bekauutschast mit hiesigen jungen Leuten." „Ha, ha, ha!" lachte der Bursche hell ans.„TaS weiß ich besser, mit wem dieses Fräulein Bekanntschaft hat und mit wein nicht." „llnd ich sage Ihnen, Sie sollen das sein lassen; ich suche für dieses Fräulein einen Dienst." Kalik waudte sich an das Mädchen. „Was, Hanncheu, bist Du närrisch gelvordcn? In den Dienst willst Du?" „Wo soll ich denn bii»?" antwortete Hanka mit einer ungeduldigen Klage im Ton ihrer Stimme. Kalik nahm sie beiseite. „Es wäre besser für Dich, wenn Du es mit»ins hieltest," sagte er im Flüsterton.„Wir sind hier ein ganzer Haufen. Die Zawierska, die Walera, die Korbielskowa... Man hat freie Zeit, keiner steht einem über den» Kopf, zuweilen blickt man in die Welt hinaus, aus irgend einen Meierhof oder auf einen kleinen Jahrmarkt. Ich sitze hier schon dreiviertel Jahre und ich lebe,»vie Du siehst. Andere sind nach Warschau durchgebrannt. Warschau schmeckt ihnen. Ich gönne es ihnen. Aber ich sage Dir, Hanka, hier ist es nicht am schlimmsten." „Ich muß gehen." rief Hanka. „Wo wohnst Du denn? Bei dieser Alten?* „Ich habe noch keine Wohnung." „Na, gicb Dir lieber keine Mühe, einen Dienst zu suchen, denn hellte hat nmn die Geschichte mit der 5kubiscako>vua auf dem Riilgplatz ausgetrommelt, da wird sich ein jeder schön bedanken. Dich in den Dienst zu nehmen. Nach mir kannst Du auf der Utratagasse fragen, da können wir uns treffen. Na, was hast Du also vor?" „Ich nmß jetzt fort," antivortete das Mädchen wie in einer Betäubung. Kalik ließ ihre Hand los und schüttelte den Kopf. „Ich sehe schon, daff Du wegen Deines Hochmuts zu Grunde gehen wirst, Hannchen." Sie antwortete nicht, sondern zog die Janowa heftig beim Aermcl: „Entweder Ihr kommt mit, oder ich geh allein." Die Alte blickte sie an niit ihren trüben Augen. „Wohin gehen Sie denn, Fräulein?" „Zu der Schlächtersfrau." „So können Sie selber hingehen, ich geh nicht mit." Sie wandte sich nach der Schänke. „Sobald man ihnZ geschoren hatte, meine liebe Frau Schapsowa, sage ich Euch, wie ich ihn sehe, da fangj ich euch an zu heulen.. (Fortsetzung folgt.) Dns kaufvndjiilzvlgv Veich. (Deutsches Theater.) Halbes Stück ist das beste, das die Saison uns überhaupt ge- bracht hat. Nach all' den Sächelchcu der geschickten oder ungeschickten Handwerkerhalle hat wieder einmal ein Dichter das Wort, lvas allein schon das Publikum in freudige Stinnnnng versetzen mühte. DaS geschah nun freilich nicht. In denselben Räumen, in denen eine harm- lose Albernheit wie der„Probckandidat" sensationell beklatscht wurde, stich Halbes Dichtung auf Widerspruch und Zischen. Natürlich nicht bei allen. Eine stattliche Schar von Leuten schien der Ansicht zu sein, das; mair eine Dichtung, die ivirklich eine Dichtung ist, mit Respekt behandeln ning. So wurde geklatscht und gejubelt, gezischt und gepfiffen, angegriffen und verteidigt, ivie es in Berlin so der Brauch des Landes will. Halbe konnte oft vor dein Vorhang er- scheinen, ohne dah doch ein voller, einmütiger Erfolg zu stände gekonnnen wäre. Freilich nnis; das Berliner Premierenpubliknm dem ganzen Stück etlvaS frenid gegenüberstehen und so ist es nicht ausgeschlossen, das; sich hier und da im Reich der Erfolg einstellen wird, den die Arbeit verdient. Halbe führt uns in das Jahr 1848 zurück, nicht aber um ein historisches Stück zu schreiben, sondern um die Ereignisse des grossen Jahres als Hintergnmd zu benutzen. Er brauchte eine Zeit, in der Unerhörtes geschah, so dag in gewissen Gemütern der Glaube entstehen konnte, das Ende aller Dinge sei nahe. Da sein Stück im gesegneten Ostprcnffen spielt. konnte er nicht leicht etwas Unerhörteres als das Jahr 1843 finden. In den Mittelpunkt der Handlung stellte er dann einen religiös veranlagten Dorfschmied, der die Zeichen der Zeit in seiner Weise deutet. Viel- leicht trägt dieser Schmied an der kühlen Stimmung eines Teils des Publikums die Schuld. Es ist nicht jedermanns Sache, seine phan- tastische Bauernrcligiösttät zu begreifen. Mancher niag nicht ge- wutzt haben, wie sehr die Einsamkeit des Dorfes das Eni- stehen religiöser Sonderlinge und Sondcrbeivegnngen begünstigt, und mag so de» Helden für eine theoretisch crsonncne Figur gehalten haben. Er ist aber nichts weniger als das. Sein religiöses Pro- phetentum ist eine durchaus glaubhafte Sache, wie auch der Einflnjz, den er gewinnt, durchaus der Wirklichkeit entspricht. Wer einmal mit pietistischen Bauern, sei eS nun in Hesse» oder in Nordschlesivig oder in Norlvegen zusammen gewesen ist, wird die Gedankenivclt und biblisch getragene Sprache des Schmieds verstehen. Was wir sehen, ist nicht mir ein möglicher, sondern ein sehr charakteristischer Fall ländlicher Sekticrerci. Der Schmiede- meistcr Drewfs glaubt, dah er von Gott zu großen Dingen berufen sei. Inmitten einer Schlacht hat ihn der Herr erwählt. Er wollte seinen Gutsherrn, einen Offizier, von hinten erschießen, weil er glaubte, von ihm betrogen zu werden. Sein Weib Ivar Wirt- schastcrin im Schloß gewesen und sie schien das intime Verhältnis zu ihrem Herr» auch nach der Ehe fortzusetzen. Wie er aber da-Z Gewehr an die Backe reißt, trifft ihn eine feindliche Kugel in die Brust. Erst im Lazarett wacht er wieder auf und findet auf der Bettdecke eine aufgeschlagene Bibel. Seit jenem Er- eignis ivnrde Drewfs religiös. Er versenkte sich in die Mtzsterien der heiligen Schrift und mied seinen früheren Verkehr. Er ward ernst und enthielt sich selbst der irdischen Genüsse, die ein ost- preußischer Dorfichmied sich zu verschaffen vermag. Er mied den Schnaps, was in Ostpreußen wahrscheinlich ganz allein ailsreicht, in den Geruch übernatürlichen Wesens zu kommen. Jedenfalls gewann er schnell einen Ruf und sammelte eine Schar von Gläubigen um sich. In dieser Schar findet sich manche interessante Erschelnnng. so beispielslveise der arme Blinde, der vom Ende aller Dinge das Angenlicht erwartet. Freilich interessierte hier neben dem Dichter auch das meisterhafte Spiel R e i nh ar d s, der im Deutschen Theater immer mehr in den Vordergrund tritt. Die Gläubigen sehen in der Berliner Revolution ei» Zeichen des Himmels. Dazu kommt eine ungelvöhnliche Hitze, die fast wie ein Strafgericht Gottes wirkt. Der Schmied bringt das und manches andre in einen mystischen Zusammenhang und erweckt so in den Gemütern seiner armeil Anhänger den Glaube» an den Anbruch des tausend, jährigen Reichs. Der Schmied ist im Grunde eine Gestalt, die Iveit über den Durchschnitt hinausragt. Nur daß seine geistigen Vorzüge eben in religiöse Wahnvorstellungen»mgeschlage» sind, was aus seiner socialen Lage erschöpfend erklärt werde» kann. Er ist auch eine tragische Gestalt, insofern nämlich, als er seine Familie vernachlässigt und sein Weib in den Tod treibt, um sich ganz seinen» Prophetenbcrnfe hingeben zu können. Natürlich scheitert er an» letzte» Ende. An dem Tage, an dem er seine Frau begräbt, zieht ein Gclvittcr herauf und ein fruchtbarer Rege» erquickt die ver- dorrten Felder. Damit ist eins seiner„Zeichcu" zu Schande» geworden. Dann aber erzählt man sich iin Dorf immer lantcr, daß seine Fran freiwillig den Tod im Wasser gesucht hat, und die Stimmung schlägt grollend gegen ihn um. Der Himmel, auf den Meister Drewfs sich verläßt, springt ihm mit keinem Wunder bei. Im Gegenteil: Der Blitz schlägt in seine Schmiede ein, was von der abergläubischen Bevölkerung als ein Zeichen göttlichen Zorns gedeutet Ivird. Seine Anhänger verlassen ihn, und auch er selbst verliert den Glauben a» sein bisheriges Evangelium. Er sieht ein. das; er zu Unrecht sein Handwerk vernachlässigt und zu Unrecht seine Fran gepeinigt hat. Seine Glaubcnszuvcrsicht schlägt in finstere Verzweiflung um, und schließlich sucht er im selbe» Teich den Tod, in dem seine Fran ihn bereits gefunden hat. Man kann darüber streiten, ob Halbe dem großen Vorwurf ge- recht geworden ist. Unter allen Umständen aber muß anerkannt werde», dag er in seiner Dichtung grundehrliche Kunst gegeben hat. In einer Zeit des rnchlosesten Scenenschivindcls und der gemeinste» Tantismcnjagd ist das eine Thatsachc, die man respck- tiercn muß. Halbe versucht offenbar, auS dem naturalistischen Alltagsdrama herauszukommen, um wieder große Stoffe und große Gestalte» zu finden. Niemand wird ihm bestreiten, daß er diesen» Ideal im„Tausendjährigen Reich" näher gekonune» ist, als je zuvor. Charakteristik und Handlung erheben sich hier und da zur Größe, aber eben nur hier und da. Allzu- häufig müssen ivir mit feinen Einzelzügen, intimen Stimuinnge» oder hübschen Milieuschildcrnngen vorlieb nehmen. Wir glaube» daher, daß Halbe einen Weg lvandelt, der dicht am Abgrund voriiberführt. Wir glauben kam», daß er den Gipfel erreichen ivird, aber»vir bewundern seinen Mut, der die Gefahre» nicht scheut. Im Land der feinen Stimmnngsknnst könnte Halbe behaglich lvohne». Daß er hinausstrebt, ist ein gutes Zeichen, und„Das tausendjährige Reich" beweist unter allen Ilmstände», daß sein Streben ihn vor- wärts bringt. Eine Erfüllung ist die Dichtung ja nicht; aber ein Verspreche»», das mit Freuden anfgcnommen»verde»»nutz. Im Vordergrund der Dätstellnng standen Reicher und Fra»» Else L e h m a i» n.— Erich S ch l a i k j e r. Kleines �enillekon» —„Zum hundertstcn Male!" Von Heinrich Lee werden iir der„Fraiilf. Ztg." Betrachtungen ans dem Berliner Thcatcrlebcn veröffentlicht, denen wir folgendes entnehmen: Wie alle Dinge i>» der Welt, so hat auch die„hundertste Aufführung", als ständige Ein- richtung in» Berliner Theatcrleben betrachtet. ihren Erfinder gehabt. Es ist dies ein Mann, der heute von den» öffentlichen Schauplatz längst zurückgetreten ist und jetzt ein beschauliches Dasei» als Rentier führt, Herr Adolf E r n st. der einstige Leiter des Central- und später des nach ihm sich betitelnden Adolf Ernst-TheaterS, des jetzige» Thalia- Theaters. Er verstand cS als erster von allen Berliner Bühnen- leiten», die Reklame in einer Weise zu handhaben, von der z. B. folgendes erzählt wurde: In einen» gefüllten Pfcrdcbahnivagcn oder Omnibus treffen sich zlvei Bekannte. Alsbald beginnen sie über die Köpfe der andern Insassen hinweg ein lauteS Gespräch, das sich all- mählich auf die Frage»vendet, Ivo man seine Abende zubringt. „Ich»var mal neulich bei Ernsten, er hat jetzt ein neues Stück, da müssen Sie hin I" erzählt der eine»nid rühmt Wunderdinge von de»» neuen Stück.„Ja, ja," antivortct der andre,„gehört Hab' ich auch schon davon. Es soll fainos sein. Es Ivird ja aber wieder kein Billet zu kriegen sein I" Diese beiden Bekannte waren Abgesandte der Direktion, sie hatten von früh bis abends auf diese Weise in den Wagen zu verkehre»» und solcher Bekannten- paare gab es gleich eine ganze Anzahl, die iin Auftrage der Direktion linerinüdlich auf den Beinen waren. Als eine Stütze and Säule des Ernstsche» Systems galt ferner ein Herr, der jeden Abend in» Theater an demselben Platze saß und bei bestimmten Stellen das Aint eines„V o r l a ch e r S" versah. ES hieß, daß dieser Herr eii» Verwandter des Eritstschen Ehepaares war, der in seiner bisherigen Existenz Unglück gehabt hatte. Nur — seinen» Geschick zum Hohn— die Kunst, herzlich lachen� zu können, war ihn» geblieben und»nit ihr verdiente er sich nun seinen Lebensunterhalt. Später hörte ich allerdings, daß der Manu dieser Anstrengung, hundert-, ja zweihundertnial über eine und dieselbe Sache lachen zu müssen, die vielen Menschen schon bei einem Male nicht die geringste Heiterkeit abrang, auf die Dauer sich nicht gewachsen zeigte und wegen überhandnehnlender Schwermut seines Postens enthöben werden mußte. Wie verstand aber auch der tüchtige Adolf Ernst seine hundertsten Jubiläen zu immer neuen Effekten auszunützen! In den Schau- fenstern der Blumenhandlungen prangten mit Aufschriften versehen die Kränze, Bouqcts und sonstigen Blumenarrangements, die an dem großen Abend den Mitgliedern und dem Direktor zu deren freudig-schreckhafter Ucberraschnng auf die Bühne hinaufgereicht wurden; die Direktorin verehrte den Mitgliedern kostbare Geschenke, die Mitglieder revanchierten sich, ein Festmahl fand statt, Gedichte wurden gemacht und alles das fand in der Presse einen Widerhall, daß er sich endlich auch in die Ohren derjenigen bohren mußte, die bisher das Stück noch nicht gesehen hatten. Man mußte hin! Glor- reich hat sich das von Adolf Ernst ersimdene Genre samt seine» hundertsten Anfführnngen und seinen Jubiläen unter seinem Nach- folger erhalten— höchstens mit der kleine» Neuerung, daß, wie die Sage geht, die Direktion mit den betreffenden Blumenhandlungen den Vertrag abgeschlossen hat, daß diese am Tage nach dem Jubiläunisabcnd'die gelieferte» Blumen, so lveit sie noch zu vcr- wenden sind, zn einem billigen Preise wieder zurücknehmen. Nächst dem Adolf Ernft-Thcatcr waren es noch zwei andere Berliner Bühnen, ans denen die hundertste Anfführnng zu einer lieben Gelvohnheit tvnrde. Das eine lvar das Nesidenz-Theater mit seinen französischen Schwänke», das andre das L e s s i n g- Theater mit seinen Stücken von Blumcnthal und Kadelburg. Noch heute, Ivo Oskar Blumenthal nicht mehr der nominelle Leiter dieser einst unter ihm so blühenden Bühne ist, weiß er ein Mittel anzuwenden, seine Stücke auf ihr der hundertsten Aufführung möglichst nahezubringen, denn unter den Bedingnngen, die er dem jetzigen Direktor dieser Bühne auferlegt, befindet sich auch die, daß seine Stücke so lange Abend für Abend hintereinander gegeben werden müssen, als die Einnahmen sich auf einer kontraktlich aus- gemachten Höhe halten. Zu den Stücken, welche in Verl!» mehrere hundert Aufführungen erlebten, gehört auch Halbes„Fugend" und es gicbt viel- leicht kein'zweites Stück, das für unser Thema nach einer gewissen Seite hin lehrreicher wäre. Die Einnahmen bei diesem Stück bc- liefen sich mitunter an einem Abend kaum auf einhundert Mark, und oft genug wurde es, wenigstens im Sommer und in den Nach- mittagSvorstellungcn vor zwei, drei Bänke» gespielt— womit natürlich dem dichterischen Wert des Stückes so wenig wie durch die nnt ihm getriebene Reklame irgendwie Abbruch gethan werden soll. Dennoch, trotz dieses mangelhaften Zuspruchs, könnte es das Stück in Berlin ans dreihundert Anfführnngen bringen. Das Rätsel, das darin für den harmlosen Laien steckt, ivird für ihn gelöst, sobald er sich erinnert, daß das Stück nur sechs Dar- steller bedarf. Ans diesem Grunde konnte eS die Berliner Direktion verschiedene Male eine ganze Sommersaison hin- durch Abend für Abend geben— auch bei schlechten Einnahmen, denn ein Personal von sechs Darstellern kostet nicht viel, zumal im Sommer. Das Beispiel der„Jugend" ist in Berlin bahnbrechend geworden. Es ist eine neue Litteraturgattnng auf de» Berliner Bühnen entstanden— die dramatische Sounnerlittcratur. Man pachtet für den Sommer ein Theater; die Hauptsache bei dem Stück, das man gicbt, ist. daß es wenig Darsteller erfordert, und so ist in etwas über drei Monaten— grade so lauge eine Sommerdircktio» ungefähr dauert— die hundertste Anfführiiiig erreicht. Die dra- malische Sonmierlittcratur ist ausschließlich für die Fremden bc- rechnet. Lassen sie sich nun von dem Umstand, daß das Stück zum hundertsten Mal gegeben wird, imponieren und gehen hinein, so schütteln sie vielleicht den Kopf und köimcn nicht begreifen, wie es zugeht in der Welt, daß eine„so faule Sache" hundertmal gegeben wird. Nur der Berliner begreift eS. Er hat für derartige Erscheinungen den berühmte» Ausdruck„Falle". Ganz von selbst ergicbt sich ferner, daß in einem räumlich kleinen Theater die Chance für die hundertste Nnfsührnng eines Stücks sich natürlich günstiger gestaltet, als in einem räumlich großen. Auch die Berliner Sommcrlitteratnr setzt sich deshalb mit Vorliebe in den kleinen Theatern fest.„Das ist die Rücksicht, die Elend läßt zn hohen Jahren— das soll heißen Aufführungen— kommen", würde man also mit Hamlet davon sagen können. Ewig unvergeßlich aber wird mir folgendes bleiben: Als junger Mensch studierte ich mit Vorliebe und mit großer Aufmerksamkeit die Berliner Litfaßsäulen. Eines TageS fiel mir auf, daß ein Stück. das am Tage vorher als zum 8l. Male gegeben angekündigt worden war, heute bereits zum 85. Male gegeben werden sollte.„Es wird ein Druckfehler sein," sagte ich mir. Am nächsten Tag wurde das Stück, lvie ich zu meinem Erstaunen las, zum 88. Male gegeben, am darauf folgenden zum 82. Male und vier Tage später wurde mit großem Jubel das Fest der hundertsten Aufführung be- gangen.— Litterarisches. o. Ein B a s l e r F a st n a ch t s s p i e I aus dem fünf- zehnten Jahrhundert. Von einem interessanten Funde in der Vasler Universitätsbibliothek berichtet Gustav Binz in der„Zeit- jchrift für' deutsche Philologie". Binz entdeckte bei der Durchsicht einiger Handschriften der Bibliothek Bruchstücke eines dramatischen Spieles, einer Art Moralität, wie sie seit dem Anfang des 16. Jahr- Hunderts in Ober-Deutschland und der Schweiz besonders zur Fastnachtszeit eifrig gepflegt wurden. Aus dem 15. Jahrhundert sind von solchen Fastnachtsspielen nur spärliche oder gar keine Beispiele überliefert. Um so wertvoller ist die Auffindung eines solchen Spieles aus dem 15. Jahrhundert, das in der erwähnten Zeitschrift jetzt zum erstenmale veröffentlicht wird. Es sind zwei Qnartblätter, die in einem Bande, der der Basier Karthäuscr-Bibliothek entstammte, als Schmutzblätter verwendet waren. Aus einer Notiz an» Ende der Handschrift ist zn ersehen, daß sie im Jahre 1434. wahrscheinlich im Kloster selbst, geschrieben worden ist. Auch die Schriftziige stimmen zu dieser Datierung, und der die Fragmente verwertende Einband ist gleichzeitig oder nur wenig später hergestellt. Einige für Basel oder Oberelsaß charakteristische Sprachformen bezeichnen den Ort der Ent- stehung des Fastnachtsspiels. Aus verschiedenen Fehlern der Hand- schrift geht hervor, daß diese Bruchstücke nicht die erste Aufzeichnung des Textes bilden. Auf jeder Seite ist immer nur die linke Hälfte beschrieben und die rechte frei gelassen. Die Reden der einzelnen Personen sind durch größere Zwischenräume deutlich von einander unterschieden; aber die Namen der Sprechenden sind nicht hinzu- gefügt, ebenso wenig irgend welche Bühnenanweisungen. In den noch erhaltenen Bruchstücken treten mindestens sechs verschiedene Per- soncn auf. Ein Tcufcl macht den Anfang, in Begleitung einer größeren Anzahl von Gesellen; dann konnnt Satan selbst, später ein „gnädiger Herr", sein„Meier" und ein andrer Knecht, dem sich weiterhin sein Gevatter zugesellt. Das Stück wird anscheinend mit einer Scene in der Hölle eröffnet, in der Satan seinen Dienern Anweisung und Auftrag giebt, durch ihre Verführungskünste die Menschen zu Fall zu bringen. Die Erfolge ihrer Bemühungen werden dann in einer Reihe von Bildern geschildert, die zuerst von dem wucherischen Grundbesitzer eröffnet wird, der seine Pächter aus- saugt und mißbraucht.— Theater. oe. Im Belle-AIIiance-Theater ist am Sonnabend ein deutsch-nnierikanischeS Volksstück mit vielem äußeren Erfolg auf- geführt worden. Für unS hatte die Vorstellung insoweit Interesse, als sie am Ende zeigen mochte, was unsre Landslente drüben für Ansprüche ans Theater stellen.„Die Reise nach Amerika" von Adolf Philipp soll am Gcrmania-Thentcr in New Dork Monate hindurch als Zugstück gegolten haben. Setzt man an den Deutsch- Amerikaner den Maßstab an, der sich im lieben Deutschland daheim beim kleinbürgerlichen Publikum ziemlich bewährt, so hat diese Behauptung viel Wahrscheinlichkeit für sich. In dem Stück ver- mengt sich die amerikanische Ueberlegenheit des Geistes mit der goldenen deutschen HerzcnScinfalt. Zuerst wird das Gefühlsleben der Zuschauer mit derber Faust wachgcrüttelt. Ein Bernfsgeuosse des berühmten Onkel Bräsig nimmt von der mecklenburgischen Heimat Abschied, um drüben seine einzige Tochter wiederzusehen. Blumen vom Grab der Mutter und andre Seutimcutalitätc», die dem Bauer im Alltagsleben böhmische Dörfer sind, spielen eine erkleckliche Rolle. Nach einem verunglückten zweiten Akt, der die Leiden der Neberfahrt zum Krankwerden realistisch vorführt, tokpatscht der Inspektor in Amerika herum. Das liebe Gemüt hat von Telephon nud ähnlichen Schrecken der Neuzeit sein Lebtag nichts gehört, ist fürs erste durch die neuen Eindrücke zum Sterben unglücklich gemacht, erkennt aber schließlich in versöhnlicher Stimmung die Ueberlegenheit der neuen Welt an, was in New Jork gewiß sehr bejubelt wird. Die Vorstellung im BeNc-Alliance-Thcatcr hatte unter allerhand Widerwärtigkeiten zu leiden. So mußte im letzten Augenblick die Soubrettenrolle neu besetzt werden. Trotzdem den Einzelnen manches nicht recht klappte, fanden Stück und Darstellung freundliche Auf- nähme. Herr Hofschauspiclcr Richard gab den Inspektor sehr wirksam.— oe, DaZ Friedrich Wilh e km stä d ti fch e Theater nährt sich weiter von den Brosamen, die von der Herren Tische fallen. Die beiden Zugstücke der Gegenwart,„Die Danie von Maxim", aus dem Nesidenz-Theater und„Der P r o b e k a n d i d a t" aus dem Deutschen Theater erquicken jetzt, mit Kalauern zum Volsküchen- Ragout zusammeugcrührt, ein wenig wählerisches Publikum. Von der Richtung, in der sich die dramatische Kunst des Herrn Direktor Samst bewegt, mag der Haupttrick des Stücks einen Begriff geben. Gegen Schluß tritt nämlich ein wirklicher Athletenklub des Nordens auf die Bühne und zeigt, welche Krnftproduktionen erforderlich sind, um das Theater aufrecht zu erhalten. Unter solchen Umständen ist eine Würdigung der schauspielerischen Leistungen dieser Bühne wohl überflüssig.— Kulturgeschichtliches. — lieber die Statuten der Universität Jena von 15 91 findet sich in den„Mitteilungen der Gesellschaft für deutsche ErziehungS- und Schulgeschichte" eine bemerkenswerte Arbeit. Die Satzungen sind sehr umfangreich, enthalten Abschnitte auch„von der Wahl der Professoren",„von der Auhaltung der Professoren z» schuldigem Fleiß im Lesen",„von der Druckerei und Buchlndcn", „von dem Bibliothecario" usw. und geben einen guten Einblick in das Leben der Universität. Beachtung verdienen vor allem die Ab- schnitte, die einen Schluß auf das sittiiche, wirtschaftliche, wie wissenschaftliche Verhalten der Studenten gestatten, und die zeigen, daß der Universität auch in ihren ersten 46 Jahren unliebsame Erfahrungeü nicht erspart geblieben sind. Darauf weist wohl deutlicki die Einfügung des neuen Paragraphen:.Und da unser Gemüt viel mehr dahin gerichtet, in imsrer Universität gottesfiirchtige. fromme, zum Studieren fleißige, auch eingezogene sittsame Scholaren und Studenten, denn derer in großer Anzahl, so rohen und unartsamen Wandels und Lebens, zu hallen, so setzen und ivolleu wir, daß alle die, welche ihrem Studieren nicht obliegen, oder wie Studenten zu- steht, sich nicht verhalten, auch dem Nectori und PräccptoribnS nicht folgen, und gebührlichen Gehorsam leisten wollen, ihren Eltern, Bor- mnndcrn oder Vertvaudten, mit Vermeldnng der Ursachen anHeim geschickt iverden sollen." Daun folgt ein Abschnitt über die armen Gesellen, die vom Occononms gespeist werden sollen, darauf ein andrer. daß keiner zu Schul- und Kirchen- dienst oder zmn Stadtschreiber angestellt iverden solle, der nicht den Grad eines Baccalaurens erworben hat. Der nächste Abschnitt handelt von den Wohnungen und zeigt uns die Studenten nicht gerade von der besten Seite. Denn etliche von ihnen verwüsten, wenn sie fortziehen, ihre Wohnungen „mntwilligertveise. beides, in unscrm Collegio nitd in der Bürger Häusern, daß auf die Länge nicht mehr zuzusehen. So soll der Rektor die Studenten bei höchster Strafe dahin anhalten, daß sie jederzeit, wie sie die Stuben angenommen, durch ein Jnventarinm also wieder überantworten, und, was sie verwahrlost, wieder ans ihre Unkosten erstatten und den Zins ehrlich erlegen." Ferner habe» die Fürsten, die diese Satzungen gegeben haben,»mit großem Schmerz erfahren, daß die Jugend so zum Studieren anhcro geschickct, durch etliche unartige böse Buben, auf vielerlei Wege gröblich vcr- führet werden", und»vollen deshalb alle Gelegenheit dazu möglichst abschössen. Sie gebieten darmu,„erstlich sollen unsern Scholaren die Wirte keine überflüssige Zeche gestehen, viel»vcnigcr zum Boll- sansen, daß tvir gänzlich bei höchster Strafe verboten haben »vollen, Wein oder Bier schicken. Denn»»nnvglich, daß bei solchen» Zechen Gottesfurcht und Studieren sein kann.... Zmn andern soll allen Wein- und Vierlvirtcii ernstlich verboten sein. Wein oder Bier auf Bücher zu verabfolgen, oder darauf zu zechen gestatten. Drittens sollen alle Bürger, Krämer, Bnchhäi»dler und andere keinem Studenten ohne Vorwissen des Herrn Rektsrs oder sonst cineS Professors etwas borge» oder auf cl>vaS leihen, weil man erfährt, daß sie übermäßig»md nicht zn ihrer Notdurft borgen und cS nachher um das halbe Geld fortgeben, m» zum Schlemme!» zu haben. Und ihrer Eltern säuern Blut und Schlvciß bößlich und schändlich ver- prassen oder in andere Wege verthim. Zum vierte» sollen die Schneider sich ihnci» etwas anzufertigen ohne Vorwissen gemeldeter Personen nicht nnterstehen."— Ans der Vorzeit. Ein v o r g e sch i ch tli ch c r Eisenschmelzofen. Ans dem Borgebirge. welches die Thäler von Cnis und Granves trennt, bei Epcrnah(Marne), fand A. Rollaiu. nach eine»»» Bericht des„Glvb»is". an einer Stelle, Ivo er früher schöne ueolithische Pfeilspitze»» entdeckt hatte, zahlreiche Eisenschlacken, und eS gelang ihm nach eifrigem Suchen, auch den Schcuelzofen, der die Schlacken geliefert hatte, aufzufinden; die Anlage ist nach Rollains Ansicht vorgeschichtlich. Sic gleicht den- jenigen, die Morlot ans Oestrcich und Schlvedeu und Oiiig>»erez ans dem Berner Jura beschrieben haben. Es ist ein sogeiianntcr Ticfofcii, in die Erde cingebant. Man grub an den» Abhänge eines Hügels ein cylinderförinigeS Loch, au dessen Vorderseite man eine natürliche Erdschicht stehen ließ. Man kleidete dasselbe mit Thon nuS, füllte es schichtiveise mit Holzkohlen»nid Eisenerz, die beide in der Nähe zu finde»» sind, nud deckte die Füllung dam» mit einem Thomnantel zn. der»mteu und oben ein Loch erhielt. Nachdem die Kohle» entzündet»varen, hielt der Luftzug, der, vom Fuße des Hügels ansteigend, durch das untere Loch ein- und durch das obere austrat, dieselben in Glut, bis daS Eisen geschmolzen»vcrr. Bonnemöre machte Rollaiu daraus anfmerksai». daß auch in der Bretagne sich zahlreiche vorgeschichtliche Schmelzöfen finden, und»vicS darauf hin, daß dieselben ineiftenS innerhalb einer Umwallnng ans Erde oder Steinen vorkoniuien, die offenbar den vorgeschichtlichen Metallurgen in Zeiten der Gefahr auch als"Zufluchtsorte diente», wo sie ihre Jiidnsine-Erzengnisse anfspcicherten. Bonnemvre glaubt, daß ein solcher Wall sich auch noch mn de» von Rollnin eindeckte» Ose»»verde»lachweise» lassen, falls er nicht schon von Menschenhand zerstört sei, hin das Gelände zu ebnen und für die Landivirlschaft geeigneter z»i mache».— Geologisches. — Des Teufels Pfropfenziehe r. llntcr den mannig- faltigen Seltsamkeiten, die der Geologe und Paläontologe in Nebraska findet, ist eine der eigenartigsten Erscheinmlgen,»vie die Wochenschrift„Mutter Erde" in ihrein nenestcn Hefte schreibt, die der »Pfropf enzieher des Teufels",»vie der Vollsmnnd die inathematisch genau gebildeten Schrauben nennt, die bis zu Höhen von 4— ö Meter teils vereinzelt emporragen oder wie Reliefs sich von den Sandstein- tvündcn der Hingebung abheben. Sie bestehen ans Quarz»nid sind kunstgerecht und genau gebildet. Was die Pfropfenzieher eigentlich find, hat auch die Wissenschaft noch nicht herausgebracht, an» längsten hielt sich die Ansicht, daß die Gaffer(Geonihs) ein unterirdischer Rager, nach seiner heutigen Gewohnheit Gänge gegraben und mit matheniatischem Instinkt dieselben so regelmäßig gestaltet habe. Die verlassenen Gänge seien dam» im Lauf der Jahrianscnde durch l da? herabiropstmde Wasser mit Silikaten ausgefüllt worden, die. | ausgeschält, jetzt die Form von Pfropfenziehern haben. Ein Trimnph für die Anhänger dieser Richtimg»var der Fimd eines wirklichen Goffer- skcletts in» Innern eines solchen Pfropfeirziehers. aber die Freude»vurde bald getrübt, alsman auch Ucberrcste vonRchwild in denselben fand, und eine andere Erklärung mußte gesucht werde»». Nach der Ansicht der Geologen»var das Terrain, das heute Nebraska bildet, in der Miiocänzeit ein nngcheurer See. ans dcssc»» Grund Ricsci'.pflmizen wnchscn, die nun ausgestorben sind. Durch die in den See ein» lausenden Flüsse ging aber die Versandung' des See" in so großer Geschivindigkeit vor sich, daß eine Menge der Wasicrpflanzc» einfach im Sand begraben»vnrdei». Als dann-in» Lauf der Zeit der See- gricnd nnstrocknetc, Ivnrden die Pflanzcnteile nach»liid nach durch Silikate ersetzt und wurden zn den harten Quarzpfeilcri», die»vie die Säulen einer Barockkirche oft in langen Reihen lieben einander stehen. Merkivnrd»gcr>veise laufe» aber die Windungen nicht alle nach einer Seite, einzelne wiiidcii sich links, andre rechts um eine vertikale Aze. Freilich ist auch diese Theorie anfechtbar.— HnmoristischeS. — Nur für N a t i» r... Sie:.Wilhelm, der Wald ist doch wnndcrbar— so secesstonistisch!"— — Die Macht der Gewohnheit.»Time is raonej", Pflegt Herr Moritz Preisgerecht zn seinen Angestellten zu sagen,»vcim er sie engagiert,„Sie gesiaticii also, daß ich Sie turz bei Ihrem Vornnileil nenne. Ihr Familienname ist mir viel zn lang. Sie sind doch ciitvcrstaiidcn?" Als er im» eines Tags dieselbe Rede ei», ei« neu engagierten Jüngling hält, sagt dieser:'„Haltczi Sic das »vie Sie tvollen, Herr Preisgerecht, ich beiße Anastasins Zapp". „Gut," nickt Herr Preisgerecht,„ich werd! Sic also Anastasius nennen, Zapp i st»» i r viel z n lang."— („Lust. Bl."> — Und der Li c i! t e u a n t a 11 ch. Die„Denlscho Wochenschrift ans den Niederlanden" erzählt vom Kriegsschauplatz: Major Albrccht befand sich bei einer der frcistaailichcn Batterien, die Kimberley beschossen»nd beobachtete durch seinen Feldstecher die feindlichen Kanonen, Jedesmal, Iveun er einen Schuß nnfblitzcn sah. rief er:„Kusch Kerels", wormis sich die Leute hinter die Brust- tvchr niederduckte». Nur Lientcuant Heister, ein Deutscher, blieb neben dem Major anfrcchtstchcn»nd bemerkte, der Befehl»Kusch Kerels" gelte keinem Offizier. Der Major lachte»nd rief in Zn- kunft stets:.Kusel» Kerels er» Leutnant Heister 00k!"— Notiz c«. — E s ist erreicht! A n t o» von Werner»st „Excel lenz" geworden! Nächstens kriegt er'? schiäftlich.— — Im Deutschen Theater ist Halbes„DaS tausendjährige Reich" mit der Anffnhrimg au» Sonntag bereits von» Spielplan verfchtviuiden. Die Direllioii hat das Werk. das am Sonnabend noch viermal für diese Woche augesetzt»var. ans den» Repertoire gestrichen, da nach ihrer Ansicht ans eine nennenS- »vcrte Einnahme nicht mehr zu rechnen war. Als nächste Novität »vird, voraussichtlich am Sonnabend, den 17. März, Ibsens ,.W cm»»vir Toten c r w a ch e n" zur Darstellung gelangen. Den„Anbck" spielt Emanncl Reicher, die„Irene" Louise Dnmont, die„Maja" Frau Gisela Schneider, den„Bärcnlöter" Rndols Rittncr. — DaS Wiener B n r g- T h e a t e r hat Georg Hirsch- f e l d S Schanspicl„Die Mütter" von» Deutschen Volks- t h e a t e r zur Anfsiihrnng erivorben. Wenn das so»oeiter geht. »vird die„Burg" in kurzer Zeit eine Filiale des Berliner D c n t s ch e n Theaters sein.— — Der Roinanschristsieller Franz Hcrzfeld. unter dem Psendonhin Franz Held bekannt geworden, ist, wie dem„B. T." ans Gries bei Bozen gemeldet wird, dort irrsinig geivordcn und mußte einer Irrenanstalt übrrivicseu iverden.— — Im„Waldenbnrger Wochenblatt" findet sich folgende Annonce:„Gedeckter Chaiscuwageu, G e r h a r t Haupt- mannS Tauf- und Schnlwagcn, noch gut erhalten, fleht billig zum Bcrkanf. Emilienhnite in Weißftcin."— — Das llnternchnien, ein„ N a t i o n a l d c n k m n l" auf dein H oh enstan fei» zu errichten, ist gescheitert. Man hat 16 000 M. zusammengebracht, mit denen nian nichts ansangen konnte.— — Siegfried Wagner verpflichtete sich,»vir der„Voss. Zig." gemeldet»vird, durch Vertrag, in Paris demnächst einige Eolo ii»e- Konzerte zn leiten,— — Die Schanspiclcrin deS Theätre frantzaiS M a d e l e i n e R o h a n ist g e st o r b e»,— c. Ein Gemälde von B o t t i c e l l i ist nen ansgcfimden »norden. In einem ciltlegenen Saal des Palazzo Pftti in Florenz fand man ein von einer dicken Schicht bedecktes Gemälde, das als ein Werk BolticelliS erkannt wurde. Das Bild stellt die Jimgsrnu Maria vor dem Jesuskind kniccnd dar. das ans einem Zipfel deS Geivauds der Mutter sitzt. Engel umgeben die Gruppe, die von einer Hecke ans Rosen. Margeriten und Veilchen eingeschlossen ist. Der Titel des Bilde? ist„Madonna dcllc Rose".— Btraurlvorlllcyc: Oieoecieur: Paul Joh» tu Berlin. Druct uns Beriax vor.-ckOnj; Vastng»n Berlin.